Meine Reise nach Siam 1888-1889. Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson
Part 3
In unserem bequemen Coupé konnten wir bis ½5 Uhr morgens die 78 Meilen ruhig verschlafen, d. h. die Anderen konnten es, ich dagegen musste fortwährend auslugen, um die Station _Khamballa_ nicht zu übersehen. Dort angelangt, werfen wir schnell unser spärliches Gepäck einigen Coolies zu und marschieren in der finsteren Nacht zu dem eine Meile entfernten Dack Bungalow, -- prachtvolle kühle, würzige Gebirgsluft, wie wir schon lange keine eingeathmet. -- Das Bungalow ist offen, aber leer, in einem Zimmer brennt eine Lampe, wir dringen hinein, legen uns auf die zwei Betten und einen Lehnstuhl und setzen schleunigst den unterbrochenen Schlaf fort. -- Um 7 Uhr weckt uns der portugiesische _Khitmatgar_, bestellt Pferde, servirt uns ein copioses Frühstück, und um 8 Uhr traben wir schon lustig auf netten kleinen Ponnies den _Carli Caves_ zu -- 7 Meilen -- d. h. 5 Meilen auf der Heerstrasse, dann noch zwei über Felder und dann etwa ½ Stunde Fusskletterei. Der grossartige in den Felsen gehauene Jain-Tempel erinnert lebhaft an eine Kirche, die Schnitzereien sind superb, das daneben ausgehauene Kloster höchst merkwürdig. -- Unter Bakschisch- und Salaam- und Sah'b-Rufen der zahllosen Bettelkinder treten wir den Rückweg an und gelangen um 1 Uhr heiss und staubig wieder in Khamballa an, wo ein famoses Tiffin unser harrt. An der Bahn treffen wir einige Tiroler Jesuiten, darunter einen früheren Lehrer Biegeleben's, jetzt Rector der katholischen Universität in Bombay, -- und dampfen um 2 Uhr wieder ins Tiefland hinab. -- Die Bahn ist herrlich, die Berge prachtvoll, die Aussicht auf die in Sonnengluth liegende Ebene und das glitzernde Meer im Hintergrunde wundervoll. -- Um ¾7 Uhr nachmittags rollen wir in den Victoria-Terminus ein, und sofort stürzen wir ins Hôtel, denn um 8 Uhr ist Diner bei Lord Reay, also verdammt wenig Zeit zu verlieren. -- Die Einladerei war komisch: Samstag war Sapieha, Sonntag war Biegeleben, Montag war ich (und zwar per Telephon) zu demselben Festessen eingeladen worden! In grösster Eile wird gewaschen, rasirt, angezogen, und um ½8 Uhr fahren wir die schon wohlbekannte Strasse um die Back Bay nach Malabar Point -- grosser Park, riesiges einstöckiges Bungalow, an der Treppe roth und goldene Lanzenträger mit blauen Turbans; oben Empfang durch verschiedene Aide-de-Camps mit roth ausgeschlagenen Fräcken. Vorstellung bei Lord und Lady R., grosse Versammlung, Széchényi, Hoyos, ein russischer Admiral mit seinen Officieren und viele Andere; solennes Diner mit Tafelmusik und hinter den Stühlen stehenden, roth und goldene Fächer wedelnden Schwarzen, -- alle Diener in Roth und Gold mit weiss und goldenen Turbans, aber ohne Fussbekleidung! Toast Lord Reays auf unseren Kaiser, Volkshymne, kurzer Spruch Biegeleben's auf die Gesundheit der »Queen Empress«, und die Damen räumen endlich das Feld und lassen uns mit Cigarren, Kaffee und etwa 40° C. zurück! Von der grossen, das ganze Haus abschliessenden Veranda entzückender Blick auf die Tausende von Lichtern der Stadt. -- Gegen 11 Uhr brechen wir auf, d. h. wir wollen es thun, aber dafür bricht an unserem Wagen die Deichsel, und wir müssen eine halbe Stunde auf die Reparatur warten, indessen uns der erste Aide-de-Camp Captain Bruce Hamilton sehr nett die Honneurs macht und uns mit Wisky pegs überschütten möchte. Der Chef und Sapieha gehen noch zu einem im Yachtclub stattfindenden Ball, ich aber suche erschöpft das wohlverdiente Bett auf.
18. December.
Vormittags Begleichung aller Rechnungen, Abschied vom Generalconsulate und von Vuccino, auf der Dampfbarkasse zum alten »Poseidon«, wo die Mannschaft in weisser Gala aufgestellt und die Officiere uns an der Treppe empfangen, -- in dem Augenblicke, als Biegeleben das Deck betritt, wird am Hauptmast die öst.-ung. Flagge gehisst, Viceconsul Prumler und Lloydagent v. Hofer winken aus ihrem Boote Grüsse zu, und um 6 Uhr werden wir endlich flott und nehmen den Cours direct nach Süden.
19. December.
Wieder auf unserem alten Schiffe zu sein, ohne Zwang, ohne Etiquette, ohne den in den Tropen unerträglichen Frack, wieder die gemüthlichen Morgenplaudereien mit dem guten Mersa und das stundenlange Nichtsthun auf Deck ist ein Genuss nach den gehetzten Tagen unseres Aufenthaltes in Bombay, der correcten Stadt, wo sich jeder Engländer nachmittags von seinem Diener den Cylinder oder braunen steifen Hut nachtragen lässt, um ihn Schlag 5 Uhr statt des Solar Topee aufzusetzen, wenn die Sonne auch noch so heiss brennt, -- nach 5 Uhr darf von Jedem qui se respecte kein »Pithhat« getragen werden! Die zahlreichen Passagiere des »Poseidon« sind sehr zusammengeschrumpft, es bleiben nur die Gesandtschaft, Freund Pertile, ein Reichsdeutscher ohne Vorderzähne, der, von Buschiri-ben-Salim und seinen Arabern aus den Pflanzungen der deutschen ostafrikanischen Gesellschaft bei Pandani vertrieben, versuchen will, in Sumatra oder Borneo Kaffee zu bauen; ferner ein Franzose aus Kaschmir, der von Hirschjagden im tiefen Schnee erzählt und dadurch unseren Neid erregt, und ein junger Engländer, der in Ceylon Theepflanzungen besitzt. Wir tragen mit Wonne unsere neuen Khakikleider, d. h. drapleinene Hosen und bis zum Halse zugeknöpfte Jacken, dann noch Strümpfe und weisse Leinenschuhe -- sonst gar nichts! Temperatur 32° C. im Schatten, wie wird das wohl im Sommer sein? Coudenhove dürfte, wie man mir sagt, in Mysore wenig Glück mit Tigern haben: es ist für die Bestien jetzt viel zu kalt!
Abends erzählt mir Pertile als Neuigkeit seinen Streit mit Brand!
20. und 21. December.
Der »Poseidon« fährt die Küste von Malabar entlang, -- der Strand ist theils dunkelgelb, theils dunkelroth, dahinter dichte Cocospalmen-Waldungen, noch weiter die westlichen Ghats. Gestern passirten wir Mangalore und heute Trivandrum, die Residenz des Maharajah von Travancore; ein grosses weisses Gebäude mit Kuppeln hebt sich von der rothen Farbe des Sandes deutlich ab, wohl das Palais? Wir sind stets regungslos in horizontaler Lage, -- der Franzose hat mir eine Anzahl Nummern des »Gil Blas« geliehen, und ich entdecke darin reizende Skizzen Pierre Loti's über Japan. -- Abends sehen wir weit nach links Cap Comorin, den südlichsten Punkt Indiens, morgen sind wir in Ceylon.
22. December.
#Colombo.# -- Nach ausgiebigem Frühstück fahren wir im Gig des Commandanten mit vier weissgekleideten Matrosen unter dem Befehle des »Secondo« gegen 9 Uhr ans Land: rechts der riesige neue Wellenbrecher, der Colombo erst zu einem prakticabeln Hafen gemacht, und über den der Gischt der kolossalen Wellen fortwährend spritzt; neben uns eine französische Corvette, ein anderer Lloyddampfer (die »Medea« aus Calcutta); eine grosse amerikanische Yacht, viele kleine Segler und für uns von besonderem Interesse hunderte von »Outriggers«, specifisch ceylonischen Booten mit parallel mittelst zwei Querstangen befestigten Balancirhölzern. -- Am Molo wimmelt es von fremdartigen Menschen, wieder eine ganze Musterkarte, sehr verschieden von Bombay: vor allen die eigentlichen Singhalesen, zarte, gutgeformte braune Menschen, das lange Haar mit breiten Kämmen zusammengehalten, mit lichtblauen Seidenkleidern und vielem Silberschmuck; die dunkleren, kräftigeren Tamils, halb oder meistens ganz nackt; die schwarzen »Moormen«, Nachkommen von arabischen Emigranten, Abkömmlinge der Holländer und besonders der Portugiesen: diese letzteren scheinen den ganzen Kleinhandel an sich gerissen zu haben, denn die Aufschriften an den Läden weisen lauter de Silva's, Ribeira's, Pereira's, de Soutzo's auf, während die Träger dieser stolzen Namen sich äusserlich durch nichts von den Singhalesen unterscheiden, zum Unterschiede von den portugiesischen Eurasiern aus Goa, welche bei pechschwarzer Farbe den europäischen Typus behalten haben. -- In einem mit Seitensitzen und einem Zeltdache versehenen Einspänner traben wir davon, während eine Art singhalesischer Comprador, ein quasi Cicerone mit sechs Fingern an der Hand und einem schönen Haarkamm aus Silber, zu uns hinaufspringt und nicht mehr abzuschaffen ist. Vom Hafen zur Post, von da zum Telegraphenamte, weiter zum öst.-ung. Consulate, das nach langem Suchen in dem englischen Geschäftshaus Aitken entdeckt wird, wo alle möglichen Aufschriften, nur die eines k. und k. Consulates nicht angebracht ist und wo der frühen Morgenstunde (10½ Uhr) wegen noch kein Mensch anwesend ist (!), alle Strassen von üppigen Bäumen beschattet, ja überwölbt, so dass die Häuser oft unsichtbar sind, ein Gewühl von Wagen, »Bullock Carts«, zweirädrigen Ochsenkarren, Elefanten, Jinrickshaws, dieser japanischen seit kurzem hier eingeführten Erfindung, von den Yankees »Pullman Car« getauft! Die Luft ist nass, Alles tropft von Feuchtigkeit, schwarze Wolken bedecken den Himmel, dabei eine angenehme Temperatur von beiläufig 36° C.! Wir trocknen die schwitzenden Stirnen und fahren einen prachtvollen Weg, den »Galle Face Road«, drei Meilen zu den »Cinnamon Gardens«, den alten holländischen Zimmtplantagen, theils durch Banianenbäume, theils durch einen herrlichen Cocospalmenwald hindurch. -- Die Fahrt durch diese tropischen Wälder, die wundervollen Blumen in hundert Farben um uns her, dazu der meisterhaft gehaltene weiche dunkelrothe Weg, -- es ist berauschend. Im Museum sind recht interessante Sammlungen, viele ethnographische Gegenstände, ein schöner Marmorlöwe und viele andere Sculpturen aus den verlassenen Städten im Norden der Insel, vielerlei unbekannte prachtvoll gefärbte Vögel und Schmetterlinge, ausgestopfte Elefanten, Löwen und kleine zierliche »Maushirsche«. -- Doch es drängt die Zeit, wir stürzen noch in einen Curios-Laden, kaufen dort einem würdigen de Silva verschiedene Ebenholzelefanten, ebensolche aus Elfenbein, sowie alte Waffen ab und erreichen knapp den um 2 Uhr nach Kandy abgehenden Zug. Am Bahnhof übergibt Harrison seinem Herrn noch den guten Neptun, und wenige Minuten darauf rollen wir schon weg. Langsam verschwindet Colombo mit seinen 100.000 Einwohnern, wir fahren durch dichte Cocoswälder, jetzt durch niedrigen Jungle immer steigend, an »Paddy fields« Risièren, bald an Theepflanzungen vorüber, der Weg wird immer grossartiger, -- da geht endlich der lang verhaltene Regen an (in Ceylon regnet es alle Tage von 3-7 Uhr), es schüttet, wie es nur in den Tropen schütten kann, in Schäffen. -- Da die Aussicht verdorben, trösten wir uns im Restaurantwaggon, wo ein guter Tiffin und besonders eine riesige Cocosnuss uns laben und stärken. Bei der mitten in den Bergen gelegenen Station Ambepussa erblicken wir einige bildhübsche Singhalesinen, -- himmelblau seidene Jacken, enganliegende hosenartige Kleider aus weisser Seide, grosse silberne Arm- und Fussringe und ein breiter Gürtel aus rosa Crèpe! Um ½7 Uhr erreichen wir in strömendem Regen die alte Königsstadt _Kandy_ und erhalten im Queens Hôtel nach vielem Schimpfen meinerseits zwei annehmbare Zimmer, -- eine in der erwähnten Yacht angekommene amerikanische Cookgesellschaft minderer Qualität hat eben Alles überschwemmt.
23. December.
Das war eine nette Nacht! Durch die natürlich offenen Fenster (Glasscheiben gibt es in ganz Ostasien nicht) tropft der Regen fortwährend ins Zimmer, wo Sapieha und ich mit Mosquitos, mit Ameisen, mit der Hitze und der Feuchtigkeit Verzweiflungskämpfe führen! Auch der Gesandte scheint kaum besser geruht zu haben, denn er bezeichnet seinen grossen nach vorne gelegenen Salon als einen »Zoologischen Garten«, voll neuer ihm unbekannter Thiere, darunter auch die berühmten »Flederfüchse«. -- Die Anderen gehen in die Messe, dann wir Alle zum Buddha-Tempel, der erste, dem wir begegnen, wo uns die gelbgekleideten Bonzen in die Bibliothek und in die eigentliche Daghoba führen, uns mit Jasminblüthen bekränzen und einen vom früheren englischen Gouverneur gespendeten goldenen Teller mit langer Pahli-Weihinschrift, leider aber nicht den bekannten Zahn zeigen. -- Letzterer, die heiligste Reliquie Buddha's, ist übrigens falsch. -- Dafür ist die Aussicht vom Tempel auf den »Kandysee«, der wie ein glitzernder Brillant in der Mitte der Stadt liegt, sowie auf die rings umliegenden Höhen, den sogenannten Lady Hortons Walk, bezaubernd. -- Noch einen Blick auf den aus Holz geschnitzten Festsaal der alten Könige, und wir fahren nach _Peradenia_, dem grossartigsten botanischen Garten der Welt. Eine breite Chaussée, zu beiden Seiten eine Reihe riesiger kerzengerader Gummibäume, ~Ficus elastica~, dazwischen wilde Bananen, an zahllosen Häusern vorbei, die in Cocosnusspalmen, Brotfrucht- und Kaffeebäumen fast verschwinden, davor nackte Singhalesen, Kinder, Tamils, ganze Schaaren von Hunden, welche den hinter unserem Wagen galoppirenden Neptun kläffend anfallen und ihm fast den Garaus machen; -- 4 Meilen tropischer Schönheiten bis zum Eingang, trotz des Regens wohl der herrlichste Blick auf unserer Reise: Dattelpalmen, Cocospalmen, Taliputpalmen, Arecapalmen, Toddypalmen, Palmettopalmen, Fächerpalmen, Gemüsepalmen (cabbagepalms), »Fernpalms«, dann Brotfrucht-, Gummi-, Cacao-, Jackfrucht-, Nutmegbäume! Der berühmte Coco-de-Mer der Seychellen, die riesenhaftesten Guttaperchabäume, zahllose Ipomäas, Bignonien, Orchideen, Banhinien u. s. w. Es ist erdrückend! Zu Mittag sind wir wieder in Kandy, und nach dem Tiffin und einigen hastigen Einkäufen fahren wir den grossartigen Gebirgsweg nach Colombo zurück. Im Restaurationswagen sind zwei nette Engländer, einer der Bruder des im Sudan gefallenen Generals Earl, -- bei einer Biegung der Bahn und gleichzeitiger Lichtung der Wolken zeigen mir dieselben den einen Augenblick sichtbaren spitzen Kegel des _Adams Peak_; ich eile sofort zu meinen Begleitern, um ihnen den heiligen Berg vorzuführen, ein seltenes Glück, da Capitän Mersa ihn bei allen seinen Fahrten nur dreimal zu Gesicht bekam. -- Jetzt erscheinen wieder die Theeplantagen, Reisfelder, Cocosnusswälder, Jungle und unübersehbare Sümpfe, und um 5 Uhr empfängt uns Harrison mit Bompa am Colombaner Bahnhof. Noch einen Sprung zu de Silva in High-Street, noch einiges Feilschen und Handeln um Curios und Photographien, und dann führt uns des Captains Gig mit den schmucken Dalmatinern an Bord. -- Der Gerent des Honorarconsulates Patterson und der Commandant der neben uns verankerten »Medea«, dem ich Grüsse für seinen Schiffsarzt Dr. Merk auftrage, sowie der gefällige Lloydagent G. A. Marinich verabschieden sich noch in aller Eile, und um 8 Uhr dampfen wir schon hinaus in volle See.
24. December.
Es regnet in Strömen, es giesst, es schüttet, die dumpfe, heisse, nasse Luft ist unerträglich. Gegen 9 Uhr Abends entdecke ich Biegeleben mit einem sehr tragischen Gesicht und Pertile neben ihm im höchsten Affect perorirend in einer Ecke des Rauchzimmers, -- er erzählt jetzt ihm die Affaire mit Brandt!
25. December, Christmas day.
Weihnachtstag! Mitten im indischen Ocean, es regnet wacker fort, dafür bläst es aber fest, und der alte »Poseidon« fängt an heftig zu stampfen, die Fastenspeisen -- in Oel schwimmend -- haben auch ihre Wirkung nicht verfehlt, und wir Alle ohne Ausnahme, vom Commandanten bis zum letzten Matrosen erfreuen uns der schönsten Dysenterie! Ich wackle missmuthig und etwas trübsinnig in meine Cabine und finde dort nebst einer Christmas Card eine prächtige getriebene silberne Schale, altbirmanische Arbeit aus dem Schatze des Königs Thebaw, als Weihnachtsgeschenk des Gesandten; der Eindruck ist kolossal, -- alle Wehmuthsgedanken verschwinden wie mit einem Zauberschlage (leider nicht die Dysenterie), und wir stürzen zu Biegeleben, um ihm gerührt und dankbar die Hand zu schütteln; denn auch Sapieha hat eine Kashméri Coupe erhalten, blaue und grüne Emaille auf Silber, und Mersa ist gleichfalls betheilt!
26. December.
Alles im Gleichen: die Dysenterie ist noch unerbittlich, ebenso der Regen, ebenso die feuchte Hitze. Das Schlafen bei Nacht hat seine Schwierigkeiten: in der Cabine ist's zu warm, auf Deck zu nass, -- ich lege meine Matratze in eine Ecke des Claviersalons und trachte dort in Gesellschaft beider Collegen die Misèren zu vergessen. -- Heute sollen wir S. M. Corvette »Fasana« mit dem Erzherzog Leopold an Bord gekreuzt haben, ich selbst konnte bei diesem Regen nichts sehen. -- Neptun hat meine ihm am Wege nach Peradenia erwiesene Wohlthat nicht vergessen: ich rettete ihn dort von den singhalesischen Kötern, deren er sich, vom Laufen ganz erschöpft, nicht mehr erwehren konnte, indem ich ihn auf unseren Wagen hinaufhob und seine Gegner vertrieb. -- Seitdem kennt er mich und leckt mir dankbar die Hände. -- Die Hündin Bompa ist von der Hitze sehr angegriffen und frisst nicht mehr, hoffentlich übertaucht sie es. Ich lese Bock's »Land des weissen Elefanten«, um doch einige Vorkenntnisse für Siam zu erwerben, lerne aber verteufelt wenig daraus.
27. December.
Das Wetter ist schon grauslich; was man anrührt, klebt und pickt, in den Cabinen ist es schier unerträglich, auf Deck tropft es überall durch, dazu die unerhörte Schwüle; die Luft ist zum Ersticken -- der Teufel hole die Tropen!
Biegeleben spricht von einer Spritzfahrt nach Java, wenigstens bis Batavia, die wir von Singapore aus unternehmen sollen. Wenn es nur dazu kommt! Heute fahren wir gegen Mitternacht an der Nordspitze von Sumatra vorbei, nur wenige Meilen von Atchin, das wie gewöhnlich in hellem Aufruhr gegen die Holländer sich befindet. -- Ein Jammer, dass wir davon nichts sehen, da Mersa von der prachtvollen Vegetation und den Farben dieser letzteren schwärmt; der »Poseidon« kommt halt nicht von der Stelle, die in Aden eingenommene Kohle ist sehr schlecht und die Maschine ist verletzt, -- wo, ist hier nicht herauszufinden. Wir machen kaum 9½ Knoten mit vollem Dampfe! Und wir sind noch alle krank!
28. December.
Noch immer krank! Doch dürften einige energische Dosen Ricinusöl bald helfen, besonders da die mehrere Tage hindurch verschwundene Sonne wieder sichtbar wird. -- Abends ist der ganze Horizont in Flammen: hunderte von Blitzen zucken fort und fort auf, besonders in der Richtung nach Sumatra. Die Luft ist von Elektricität übersättigt; manchmal scheinen förmliche Vulcane aufzuschiessen -- ein grandioses Schauspiel. -- Um 1 Uhr weckt mich Mersa: die Mastspitzen, alle Raaen, überhaupt alle Vorsprünge des alten »Poseidon« stehen in Flammen! Ueberall brennt gleichsam eine senkrechte Kerze. -- Es ist das Feuer von Sant Elmo! Nach einer halben Stunde hat Alles aufgehört: die Kerzen sind verlöscht, die Blitze und Vulcane verschwunden, das Schiff ist wieder im Finsteren, nur von der Maschine und den wenigen Laternen erhellt. Ich krieche auf meine Matratze zurück und sehe zu meinem Bedauern, dass die Anderen dies herrliche Naturspiel verschlafen haben!
29. December.
#Pulo Penang.# -- Wir ankern seit Morgengrauen in einer entzückenden Bucht: westlich die dunkelgrüne Insel, ganz mit dichtem Laub bewachsen, sehr gebirgig, hie und da weiss getünchte Häuschen, welche aus den Bäumen und Sträuchern hervorleuchten; gleich neben uns ein Theil der Stadt (Georgetown) mit grossen Warenlagern (Go-downs), dem Gefängnis, der Signalstation, an deren Mastbaum bereits unsere (die Lloyd-) Farben flattern, -- östlich die kaum zwei Seemeilen entfernte Küste des Festlandes, der Halbinsel Malacca, des »goldenen Chersonnes«, hier der englischen Provinz Wellesley, nichts wie endlose Reihen schlanker Cocospalmen; im fernen Norden ein hoher kegelförmiger Berg, der schon zu Siam gehört, -- das Endziel meiner Fahrt rückt schon sehr nahe! Um uns und die zahlreichen anderen Schiffe wimmelt es von Sampans, kleinen hochbordigen Booten, deren Ruderer theils splitternackte braune Malayen mit grossen Palmenhüten, theils gelbe bezopfte Chinesen, durch Schreien und Winken Passagiere zu gewinnen trachten. Einige kräftige Ruderschläge des Captains Gig, und wir landen an dem kleinen Pier der »Bethelnussinsel«. -- Ein ostindischer Policeman verschafft den üblichen gedeckten Wagen, und hinaus geht es lustig dem Innern zu: derselbe dunkelrothe feuchte, vollkommen glatte Boden wie in Ceylon, auf dem die Räder des »Gharry« geräuschlos rollen; dieselbe schwere, regengeschwängerte Luft; dieselbe drückende Hitze -- doch die Dysenterie ist geschwunden; wie wir die Stadt hinter uns haben, kommen die prächtigsten Palmen- und Banianenwälder zum Vorschein, kaum dass die sauber gehaltenen Bungalows mit den breiten Verandas die Existenz einer Strasse verrathen, -- die Wipfel der Bäume vereinigen sich über die Chaussée, nichts wie Duft und tiefe gesättigte Farbe: grün, roth, braun, -- die Trauer, die düstere Stimmung der letzten Woche ist geschwunden, fröhlich und lustig langen wir am Victoriapark an, wo trotz Schimpfens und Fluchens der malayische Autemedon das Weiterfahren energisch verweigert. -- Eine Verständigung ist nicht möglich, eine am Eingang des Gartens angebrachte englische Tafel spricht von »den dem Schutze des Publicums anvertrauten Anlagen, etc.« (ganz wie im Wiener Stadtpark), aber vom Fahren kein Wort, -- da erscheint zu unserer Freude unter lautem Jubel Freund Mersa in Mufti, weiss mit grossem Sonnenhut: er will auch die Kühle des Wasserfalles geniessen, hat, wie bei jeder Reise, die Geschäfte des Aus- und Einladens dem Secondo überlassen und steigt, nachdem er uns das Benehmen des Kutschers erklärt, durch den nett gehaltenen Park links einen ziemlich steilen Weg hinauf, -- üppige Vegetation, Schlingpflanzen von Baum zu Baum, dunkelblaue Riesenschmetterlinge, -- an den Felswänden schnattern und grinsen die für uns ersten braunen Affen uns entgegen! Noch wenige Schritte und der kleine Wasserfall ist vor uns, links eine buddhistische, leider verschlossene Pagode aus grauem Stein, Alles im tiefsten Schatten, -- wundervolle, für die Tropen fast kalte Luft, -- der leise Sprühregen der Cascade erhöht noch die Labsal; doch nichts dauert ewig etc., eine Stunde der Erholung, unterbrochen durch vergebliche Versuche Baron Rüdiger's und von mir, einen Stammesgenossen in Form eines Affen herunterzuschiessen, und dann heisst's im Laufschritt die zwei Kilometer wieder hinab; in Schweiss gebadet finden sich alle beim Parkeingang und kehren in dem nahe gelegenen Alexandrahôtel (?) ein -- zwei mittelst einer Wandelbahn verbundene hölzerne Häuser, von denen eines nur für Chinesen, das andere auch für Weisse bestimmt ist, -- der Khitmatgar, mit einem langen Zopfe behaftet, spricht nur seine einsilbige Muttersprache, doch erhalten wir Thee, Conserven und Albertkuchen, während der Chef mit einem ganz kleinen zahmen Aefflein Freundschaft schliesst. Eine Jinrickshaw fährt heran, darinnen Mr. Harrison im tadellosen Sommeranzuge und braunen steifen Hut, -- der Mann kriegt sicher noch den Sonnenstich, dabei ist er so elegant und sauber, dass Sapieha und ich längst jede Concurrenz mit diesem Musterkammerdiener als vergeblich aufgegeben haben, -- er will natürlich auch zum Wasserfall! -- Eine Stunde zurück; am Wege wird ein im Baue begriffener grosser Tempel besichtigt; durch viele breite, lange Strassen mit langweiligen Miethskasernen; aus den oberen Stockwerken lachen recht mittelmässige Chinesenmädeln auf uns herab; eine Razzia beim Photographen, der sehr dürftig versehen ist, ist wenig erfolgreich; -- noch starre Bewunderung und namenloses Staunen: einige Engländer, die in voller Sonne bei ungezählten Wärmegraden um 2 Uhr nachmittags Cricket spielen! Für die vom Schatten eines Banianenbaumes aus zusehendes Natives wohl ein schwer erklärliches Schauspiel!
Am »Poseidon« wartet unser Consul Morstadt, ein liebenswürdiger, intelligenter Schweizer Kaufmann, um seine Aufwartung zu machen und sein tiefes Bedauern darüber auszudrücken, dass wir ihn in seinem schön am Penang-Hill gelegenen Bungalow nicht aufgesucht, -- er erzählt vom Aufenthalte des Grafen Zaluski und der kürzlich hier zur Jagd gewesenen Grafen Wallis und Herberstein.