Meine Reise nach Siam 1888-1889. Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson

Part 2

Chapter 23,378 wordsPublic domain

Das Rothe Meer rechtfertigt seinen Ruf, es ist wirklich warm, schon 32° C. im Schatten. -- Das Anziehen zum Speisen ist schon eine Corvée, und der Gesandte ist so correct! Das Leben am Bord ist recht einförmig: um 7 Uhr gehe ich auf Deck, trinke dort in Gesellschaft des guten Mersa Kaffee, rauche, plausche und lasse mich vom Winde anwehen; um 8 Uhr Bad, und zwar im Privatbadezimmer des Commandanten, dann Toilette, -- um 9 Uhr Frühstück, hierauf ruht man sich von den Strapazen des Morgens aus, liest, spricht mit den Damen, schläft ein wenig und erwartet geduldig 1 Uhr nachmittags, da man zum Tiffin hinabgeht. -- Einige Stunden vergehen wieder mit Plauschen, Lesen und Schlafen, -- um 3 Uhr wird »Tauende« (Quoits) gespielt, um 4 Uhr Thee mit Butterbrot verzehrt und dadurch der Weg zum Diner um 6 Uhr geebnet. Vorher wird noch ganz Toilette gemacht, -- nachher wird zur Abwechslung auf Deck geplauscht, geraucht und geschlafen! Man sucht das »südliche Kreuz« und freut sich, noch drei Sterne des grossen Bären zu sehen. -- Um halb 10 Uhr wird Thee mit Butterbrot eingenommen, und dann eilt man ins Bett, um sich auszuruhen von den harten Mühen des Tages! Meine Cabine ist die erste bei der Treppe an der Backbordseite, also mit Morgensonne, gross, bequem und verhältnissmässig kühl, -- die mir anfangs unangenehm aufgefallene pyramidale Härte des Bettes ist mir jetzt erklärlich; bei dieser Hitze könnte man auf weicher Matratze gar nicht schlafen. Coudenhove ist so wie ich ein fanatischer Bewunderer Arabiens, wir sprechen stundenlang von Palgrave und Lady Blunt, vom Nedschd und dem Emir Ibn Reschid; dies auf der Höhe von Dschedda!

2. December.

Unseres Kaisers 40jähriges Regierungsjubiläum: bei Tische erscheinen wir Oesterreicher alle im Fracke mit Orden, auch der Commandant hat sich in Gala geworfen. Biegeleben hält auf deutsch und französisch eine kurze, aber sehr gute, kernige und fesche Rede; auch einer der Anglo-Indier spricht einen Toast, und so kommt mit Hilfe des Sects eine sehr gehobene Stimmung in unsere kleine Kaiserfeier, -- dies bei der angenehmen Temperatur von 35° C. in dem Speisesaale. -- Nach Tisch erzählt mir der liebe Pertile wieder seinen Streit mit Brand!

Sapieha weiss nicht, wohin er eigentlich reisen soll; jagen kann er nicht, da er nur mit einem kleincalibrigen Express ausgerüstet ist; er spricht kein Englisch, dürfte demnach allein schwer fortkommen; ich schildere ihm die Wunder des Hofes von Siam und bitte den Gesandten, ihn zur Mitreise als Honorar-Attaché aufzufordern; dies geschieht, und so ist allen geholfen. Sapieha ist glücklich, auf so bequeme Weise nach Ostasien zu kommen, Biegeleben hat für die Mission ein sehr schätzbares Mitglied und ich habe einen angenehmen jungen Collegen erworben! Wir passirten heute den Gebel Tür, einen aus dem Meere aufragenden unbewohnten vulcanischen Felsen; bald darauf eine ganze Reihe solcher dunkelbrauner Inseln, lauter erloschene Krater, einige mit üppiger Vegetation, die sogenannten »zwölf Apostel«. -- Dr. Walther hatte einige hübsche Skizzen derselben gemacht, als ein unerwarteter Windstoss sein Zeichenbuch davonträgt!

Bei Nacht ist die Hitze in den Cabinen unerträglich; ich schleppe meine Matratze auf das obere Deck, wo es erträglicher ist, und entdecke, dass viele andere auch so klug waren!

3. December.

Hohe See, mit kurzen, unangenehmen Wellen, -- der »Poseidon« kommt nicht von der Stelle, wir machen kaum 10 Knoten in der Stunde, vor einigen Monaten machten wir auf der »Gascogne« 18! Trotzdem 36° C., in der Cabine 38°! das ist schon nicht zum Aushalten, Alles schwitzt und stöhnt und jammert.

4. December.

In der Frühe sehen wir die Minarets von _Mocha_. Arabien erscheint als ein kahler gelber Streif, im Hintergrunde eine bläuliche Gebirgskette. Um Mittag nähern sich beide Ufer, das arabische ist ganz nahe; öde röthliche Felsen, sehr zerklüftet, nicht ein Haus, kein Baum; das afrikanische, von dem wir etwas weiter entfernt sind, scheint auch nicht fruchtbarer zu sein. Vor uns die Insel Perim mit ihrer kleinen Festung, an der Nordspitze ragen die Maste eines grossen Dampfers aus dem Wasser, daneben liegen noch drei Wracks, -- wir sind eben in _Bab-el-Mandeb_, im Thore der Thränen, wo seit Jahrtausenden die Schiffe zugrunde gehen. Auf Perim ist eine Garnison von 30 Sepoys und einem Lieutenant, der -- einer Erzählung der Mrs. Mackenzie zufolge -- zuweilen ruhig in England wohnen soll, indessen seine vorher sorgsam vorbereiteten Berichte alle Monate von Perim aus abgeschickt werden. Der Verkehr mit der Insel ist sehr dürftig, in letzterer Zeit halten allerdings einige nach Australien und Ceylon bestimmte Dampfer lieber dort als in dem entfernten Aden, um die nöthigen Kohlen einzunehmen. Im Jahre 1855 kam ein französisches Kanonenboot nach Aden, wo die Officiere auf das gastlichste aufgenommen wurden; bei einem vom Militärcommandanten gegebenen Bankette erzählten die Franzosen von ihrer am kommenden Morgen bevorstehenden Abfahrt, -- um das Ziel ihrer Reise befragt, entwischte dem bereits angeheiterten Capitän der Name »Perim«! Als am nächsten Tage die Franzosen vor dieser Insel erschienen, war daselbst bereits die englische Flagge gehisst, und englische Soldaten waren eifrigst beschäftigt, Erdarbeiten aufzuwerfen. So wurde Napoleons Plan vereitelt, und die Engländer beherrschen den Eingang ins Rothe Meer. -- Links an der äussersten Südspitze des Festlandes erscheinen die neuen weissgetünchten Kasernen von Scheik Selim, »Saleya«, welche soeben von der türkischen Regierung errichtet worden sind, -- ein grauenvoller Posten für die armen Nizams. -- Perim bleibt rechts liegen, wir ändern unsere Richtung nach Osten und befinden uns im indischen Ocean. -- Es ist verhältnismässig kalt, 31° C. im Schatten, und wir athmen alle erleichtert auf, der Nordost-Monsum ist unser Retter! Um Mitternacht fällt die Ankerkette rasselnd ins Meer: wir sind in Aden.

5. December.

Um 6 Uhr früh sind schon alle auf den Beinen, die ersten Kohlenleichter kommen auf uns zu, und wir entgehen dem Schmutz und Lärm, indem wir alle ans Land übersetzen. Der »Poseidon« liegt 2 Meilen von _Steamer-Point_, dem Hafen von _Aden_, die rothen vulcanischen Felsen des Gebel Shamshan machen sich prächtig; auch hier kein Baum, kein Grashalm, hie und da ein kleines, in den Berg hineingebautes Bungalow; neben uns eine Menge Dampfer, ein indisches Wachtschiff, der riesige Truppentransport »Euphrates«, eine französische Corvette, die deutsche Glattdeckcorvette »Victoria«, daneben viele arabische Segler, in der Luft Tausende von Möven. Wir landen unter grossem Geschrei der Somalis, welche die Hauptbevölkerung auszumachen scheinen, und fahren in einem netten, mit einem Zeltdache versehenen Einspänner nach rechts zur Post, dann wieder zurück und weiter zu den räthselhaften »Water-Tanks«, die, wahrscheinlich 600 a. D. errichtet, von den Engländern theilweise hergestellt worden sind und jeden auf der Halbinsel Aden fallenden Regentropfen auffangen sollen. Wer die ursprünglichen Erbauer dieser riesigen Reservoire waren, ist unbekannt -- vielleicht die Sabäer? Vor den Tanks ist ein kleiner Garten, Victoriapark, der mit unsäglicher Mühe und fortwährender Bewässerung grün erhalten wird. Die Stadt Aden ist eine sehr grosse, reinliche arabische Stadt; ganz im Osten liegt _Aden Camp_, die Residenz der Officiere, wo die Kasernen, Kirche, Spital u. s. w. stehen. Der felsige Weg zum Hafen ist ganz an den Bergwänden und durch dieselben hindurch ausgehauen, lange Tunnels bilden einen sicheren Schutz gegen jeden Ueberfall, Züge von Kameelen aus dem Innern, schlanke, gut gewachsene Araber in weissen Mänteln, nackte Derwische, prächtige Somalis und Suahelis, Juden in langen Kaftanen, auch indische Soldaten beleben die Strasse, die 5 Meilen bis Steamer Point sich hinwindet. -- Biegeleben, Sapieha und ich kaufen in einem Parsiladen schöne rothe Leibbinden (Kummerbands) und schlürfen dann im grossen, kühlen Salon des Hôtel de l'Europe deliciösen arabischen Kaffee, während Coudenhove die Somaliweiber näher untersuchen will. -- Die Hitze ist hier wieder kolossal, 38° C. im Schatten, wie denn Aden der heisseste Fleck der ganzen Erde sein soll, -- seit 2½ Jahren hat es nicht geregnet! Um Mittag wandern wir zurück zum »Gun Wharf«, der indische Polizist verschafft uns ein Boot, und wir werden wieder zum alten »Poseidon« gerudert. Hier ist am Promenadedeck reges Leben: jüdische Händler mit schlechten Straussfedern, indische Geldwechsler mit Rupien, mexicanischen Dollars und Maria Theresia-Thalern; Suahelis mit hübschgefärbten Graskörben, Araber aus Hadramaut mit merkwürdigen Fischen und Krabben drängen sich heran, und kleine Somalijungen mit gelbgefärbten Haaren springen für Silberstücke ins Wasser, die sie geschickt herausbringen, -- für eine Rupie springen sie auf einer Seite hinein, tauchen unter das Schiff und kommen auf der anderen Seite wieder herauf, -- andere umschwärmen in schmalen Canoes den Dampfer, bereit, jeden Augenblick ein weisses Geldstück aus der Tiefe herauszufischen, und alle füllen die Luft mit fürchterlichem Lärm: »Have a dive, have a dive, ha-hi, ha-hi, have a dive, à la mer, à la mer«, so geht es im Takt fort, am lautesten ein etwa 10 Jahre alter Bub mit einem Beine, das andere hat ein Haifisch gefressen, trotzdem schwimmt er frech wie alle anderen herum. Endlich sind wir fertig, die »Natives« werden mit Strickenden zum Schiff hinausgejagt, und wir gleiten um 2 Uhr hinaus in den Ocean; den ganzen Abend höre ich es aber nachklingen: »have a dive, ha-hi«. -- Der kleine einbeinige blondköpfige Schwarze war ein lieber Kerl.

6. December.

Fuchs hat uns in Aden verlassen recht niedergeschlagen und traurig, nun allein nach dem entsetzlichen Zanzibar zu müssen und vorher eine ganze Woche im Hôtel de l'Europe zu Steamer Point auf den British India Dampfer warten zu sollen, dazu hat er die ganze Zeit der hübschen Rose Mackenzie auf Leben und Tod den Hof gemacht und das Rothe Meer hindurch gebalzt wie ein Auerhahn. Schade um ihn, er ist ein netter Mensch, der den Orient von Grund kennt. Als er bei Maglaj ins Feuer ritt, rief der General Szapáry: »Der Fuchs muss überall dabei sein, bei jeder Jagd, bei jedem Rennen -- aber wenn die Kugeln pfeifen, da ist er auch da!« -- Mit seinem Momentapparat hat er uns alle photographirt -- gruppenweise und einzeln, -- hoffentlich ist es gelungen!

Die Hitze ist weniger drückend als im Erythräischen Meere, aber noch immer arg genug, -- die angenehmste Zeit ist mein Morgenplausch mit dem Commandanten, da er mir Erlebnisse aus Ostasien und Indien zum Besten gibt, -- wir bewundern dann stets den Kammerdiener Harrison, der mit der Pünktlichkeit der Schiffsuhr um 7 Uhr auf Deck mit den zwei Hunden erscheint und bis 8 Uhr mit denselben herumläuft -- ob schön ob schlecht, Schlag 7, d. h. 6 Bells, erscheint er, adrett und rasirt, wie aus der Schachtel gezogen -- 8 Bells haben noch nicht ausgeklungen, so verschwindet er wieder, und Bompa, eine schöne englische Setterbitch, und Neptun folgen ihm nach. -- Es wird viel gelesen, Biegeleben ist mit der »Reise S. M. Corvette Frundsberg« beschäftigt, ich lese Mantegazza's »India«, Häckel's »Ceylon«, Sir John Strachey's »India«, ein famoses Werk, Johnson's »Oriental Religions«, Schlagintweit's »Indien«, -- Sapieha studirt Hübner's »A travers l'Empire Britannique« und Coudenhove lernt mit einem in der zweiten Classe befindlichen Hinduarzte, der soeben in Edinburgh promovirt hat, Hindostani.

7. December.

Das Meer ist wie ein Teich, »not a ripple«, manchmal nur durch fliegende Fische oder durch einen Hai gestört, zuweilen ist eine Schule Delphine zu sehen, auch Black Whales, die ich zuletzt im August an der Küste von Nova Scotia beobachtet. Manche Stunde verbringe ich mit dem Gesandten in der »Steerage«, wo eine ethnologische Sammlung ersten Ranges ausgestellt ist: vor allen fünf Somalis, aus Ebenholz geschnitzte Herculesse, prachtvolle Kerle; zwei Familien aus Hadramaut, der Pater familias hat längere Zeit in Java gelebt und spricht mit Pertile malayisch; ein Jerusalemitanischer Jude, der nur arabisch versteht und uns mit dem wohlbekannten »Marhaba« empfängt, -- einige Hindus, die von Aden nach Bombay zurückkehren, schliesslich eine böhmische Musikbande aus Karlsbad, einige der Mädchen sind hübsch, es ist ein Jammer, die armen Leute immer im Freien, ohne Zelt der Sonne ausgesetzt zu wissen; eine der Musikantinnen hat heftiges Fieber, das unser Schiffsarzt, ein alter Südtiroler Dorfbader, der nie aus seinem Canton herausgekommen, kaum heilen dürfte. -- Die II. Classe besteht aus dem erwähnten Hindudoctor, aus Harrison und fünf weiteren Missionären, welche sich durch besonderen Bekehrungseifer hervorthun; sie trachten nicht nur die Somalis, die gute Mohammedaner sind, zu convertiren, sondern versuchen auch die dalmatinische Schiffsmannschaft auf bessere Wege zu bringen; Mersa ist wüthend, da sie seinen Matrosen das Arbeiten am Sonntag als Sünde vorhalten.

Von Cap Guardafui und Sokotra war leider nichts zu sehen, da unser Cours zu nördlich ist, dafür erblickten wir die hadramautische Küste von Makalla, eine jetzt wohl eben so wenig bekannte Gegend wie zu Zeiten Wrede's.

8. December.

Noch immer 34° C. in der Cabine, also furchtbar! In Bombay soll es aber viel wärmer sein, dazu Tausende von Mosquitos! Die Aussicht ist wahrhaft rührend! Fast alle Männer schlafen auf Deck, sogar Biegeleben habe ich Nachts im Spielsalon entdeckt. -- Mrs. Mackenzie hat sich vom Schiffszimmermann einen sehr praktischen Windfang machen lassen, der an ihrem Fenster angebracht ist.

9. und 10. December.

Gestern gaben die Deutschen ein grosses Concert und Ball, wobei unsere Karlsbader zu Ehren kamen. -- Heute Abend arrangirte ich im Auftrage der Oesterreicher und Engländer eine Wiederholung des Festes und brachte bei der herrschenden Brathitze einen Cotillon zusammen, der Alle athemlos und todt aufs Deck hinsinken liess; -- durch Champagnercup und Eis einigermassen erholt, raubte uns ein bis Mitternacht dauernder »Sir Roger de Coverley« die letzten Kräfte. -- Biegeleben und der wackere Commandant rasten wie Studenten.

11. December.

Heute Nacht sollen wir in Bombay einlaufen, -- es ist schon höchste Zeit, da meine gesammte Wäsche erschöpft ist und ich nothwendig einer Neuausrüstung bedarf. -- Wir erscheinen auch bei Tisch in den abenteuerlichsten Aufzügen, z. B. Lackschuhe, weisse (?) Flanellhosen, Seidenhemd, schwarzes Smokingjacket, Atlascravatte, u. s. w. -- Die Fahrt war im Ganzen äusserst angenehm, die vollkommene Ruhe, das prachtvolle Wetter, die nette Gesellschaft, die zuvorkommenden Officiere, dies Alles wurde nur durch die grosse Hitze beeinträchtigt, die mich so wie die meisten Mitreisenden stark hergenommen hat. --

12. December.

#Bombay.# -- Der »Poseidon« hat vor dem Apollo Bunder Anker geworfen, von Passagieren und Officieren wird herzlicher Abschied genommen, auch von dem eben erscheinenden Oberst Mackenzie (Bruder des Leiters der East African Co.); -- ein dicker Parsee, dem ich ein Trinkgeld geben will, der aber, wie ich höre, der Besitzer von 4 Lacs (400.000 Rupien) sein soll, bringt unser Gepäck in Ordnung, und endlich um 7 Uhr dampfen Biegeleben, Sapieha, Coudenhove und ich in der Barkasse der Lloyd-Agentie ans Land und sind bald darauf in dem riesigen, aber im Umbau begriffenen Watson's Esplanade Hôtel einquartiert. Nun beginnt ein harter Tag. Sapieha und ich stürzen uns sofort in die verschiedensten Läden; es ist keine Zeit zu verlieren, da wir in drei Tagen mit der »Thisbe« weiter fahren sollen; also zuerst zu Asquith & Lord um Solar Topees, grosse Sonnenhüte mit blauen golddurchwirkten Puggarees, um seidene Hemden und Cravatten, zu Treacher & Co. im Rampart Row um Patronen, zu Badham Pile um weisse Leinenschuhe, zum Hinduschneider Lacka in Medow Street um drapfarbige Kháki-Anzüge und Pujamees, zum Zahnarzt Walton und zum Haarschneider u. s. w. Im öst.-ung. Generalconsulat treffen wir den charmanten Stockinger und dessen Viceconsul Prumler, sowie zwei tagsvorher angekommene Landsleute, Grafen Géza Széchényi und Grafen Ernst Hoyos, beide von ihrer amerikanischen Reise aus mir wohlbekannt, -- sie kommen zur Tigerjagd und sind mit über 70 Empfehlungsbriefen ausgerüstet, darunter vom deutschen Kaiser, der Königin Victoria u. s. w. Nach dem Tiffin fahre ich mit Biegeleben nach dem wundervoll gelegenen Malabar Point, um beim Gouverneur Lord Reay Karten abzugeben, und dann zum monumentalen Victoria-Terminus, wohl dem schönsten Bahnhofe der Welt, eher einer gothischen Kathedrale gleich, um die Ankunft des aus Indien scheidenden Lord Dufferin mitzumachen. Tausende von Zuschauern, alle Farben in Costümen und Haut, weisse, schwarze, gelbe, braune, röthliche Gesichter, Parsees mit ihren schwarzen Schornsteinhüten, Guzeratees, Bengalees in weissen enganliegenden Mousselinkleidern, Punjabees in Blau und Gold, Afridis in Braun, kurz der Regenbogen in allen Schattirungen, wie Mantegazza sagt: »eine Orgie von Menschenfleisch«. -- Vicekönig und Gouverneur rollen in sechsspännigen Wagen vorbei, von prächtigen roth und goldenen Lanzenreitern umgeben, dahinter Punjabees in Roth, Nachkommen der Sikhs, und Ghoorkas zu Fuss in braunen Uniformen und riesigen Turbans, gedrungene kräftige Gestalten von ausgeprägt mongolischem Typus. -- Der erste Eindruck Indiens ist überwältigend, viel mehr so als Egypten, da hier die tropische Vegetation beiträgt, die riesigen Banianen, ~Ficus religiosa~, die Cocospalmen, die Toddypalmen, die Arecapalmen, die prachtvollen rothen Blumen, grüne Papageien, welche die Rolle der Spatzen zu übernehmen scheinen, die Flederfüchse, die von den Aesten herabhängen. -- Abends Diner im Royal Yachtclub mit Biegeleben, Hoyos und Széchényi und dann mit ersterem zum Theater, wo eine Amateurtruppe zu wohlthätigem Zwecke die »School for Scandal« aufführt. Vicekönig und Marchioness of Dufferin, Maharajas mit Diamanten und anderen Edelsteinen besäet, Reays, enfin »tout Bombay«. -- Um 12 Uhr Rückkehr zu Watsons, -- ein schöner Arbeitstag! Noch viele solche und ich gleite ins »kühle Grab«, wohl der einzige Ort, der hier kühl ist.

13. December.

Um 11 Uhr versammeln wir uns am Apollo Bunder und fahren in der Lloydbarkasse nach Elefanta, einer kleinen, nordöstlich von Bombay gelegenen Insel mit merkwürdigen Höhlenbildwerken. -- Biegeleben, Sapieha, die Possmann's, Vivian's, Exner, Walther und noch einige unserer reichsdeutschen Mitpassagiere landen unter Anführung des »Secondo« bei sengender Gluthitze gegen 1 Uhr am kleinen Eilande, wobei von Stein zu Stein eines langen Piers gesprungen werden muss, dann grosse Kletterei! In den Tropen ist die Rolle eines Bergsteigers entschieden ungemüthlich, und besonders faule Leute, darunter ich, lassen sich in von nackten Buben getragenen »Dandys« den Hügel hinaufführen. Oben Besichtigung und Bewunderung der riesigen Reliefs (vide aller über Indien je erschienenen Reisebeschreibungen). -- Tiffin im Schatten eines gigantischen Banianbaumes und dann, ohne die kleinste Cobra gesehen zu haben, Rückfahrt zum Apollo Bunder. Abends ½8 Uhr Diner bei Stockingers auf Malabar Ridge in einem schönen Bungalow mit prachtvoller Aussicht auf die Stadt. Mm. S. ist eine charmante, sehr hübsche Engländerin, die mit einer Gesellschafterin uns sowie Prumler und Pertile aufs Liebenswürdigste die Honneurs machte. Die Rückfahrt um die Back-Bay, wohl 5 Meilen bei kühler, wirklich balsamischer Luft unter dem tropischen Sternenhimmel war ein Genuss!

14. December.

Besichtigung der hauptsächlichsten »Löwen«, erstes Frühstück bei Stockinger und dann unter seiner Leitung zum heiligen Bramanendorfe Valkeshwar mit seinem berühmten Teich, zu den »Thürmen des Schweigens«, der Begräbnissstätte der Parsees, zum Hindu-Verbrennungsort auf Malabar Road, -- nachmittags zum Victoriapark und dem interessanten Museum. Vom Yachtclub aus wohnen der Gesandte und ich der Abreise des Marquess of Dufferin bei; am Apollo Bunder ist ein rothes, mit Gold verziertes Zelt errichtet, alle Notabilitäten, Natives in grosser Gala und Civilbeamten und Militärs in Uniform, sind versammelt -- Reden und Kanonensalute, auch seitens eines im Hafen liegenden russischen Kriegsschiffes. Abends Expedition mit Coudenhove und Sapieha zu den »Hind-Bibis« in Byculla; -- einige der kleinen Hindumädchen sind hübsch und wie aus Bronze gegossen, besonders eine Namens Jumna, welche sofort das Herz des leicht entflammbaren Coudenhove gewann; so ziehen wir von Haus zu Haus, suchen vergebens eine »Nautch« (Bajaderentanz) zu arrangieren und hören blos ohrenzerreissende Musik. -- Die »Thisbe« ist beschädigt, ihr Schaft soll gebrochen sein, wir reisen daher erst Dienstag den 18. mit unserem alten Schiffe »Poseidon« weiter.

Mit Sapieha zu dem Victoria Market, wo die merkwürdigsten Fische, Pflanzen und Früchte feilgeboten werden. Uns sind so ziemlich alle unbekannt, -- dann grosse Bummelei in den Bazars, im sogenannten Black Town. Bei Vuccino lassen Biegeleben, Sapieha und ich uns photographiren, -- bei der herrschenden Wintertemperatur eine Höllenarbeit, -- der Compagnon Vuccino's hat Sapieha schon in Krakau photographirt; merkwürdiges Zusammentreffen! Nachmittags mit dem Chef nach Byculla zum Race-Course, wo Stockingers in einem sehr feschen Four-in-hand ankommen. -- Die Rennen selbst sind schwach, aber das Publicum, besonders das ganz abgesonderte einheimische Element, ist amusant; bei den Rennen, an welchen Natives gehörige Pferde theilnehmen, sind keine englischen Pferde zu sehen. Abends wieder im Yachtclub, der sehr hübsch eingerichtet, grosse kühle Halle und angenehme Veranda mit Blick auf den Hafen hat. -- Das Hôtel ist zwar billig, aber schlecht, die Bedienung unter aller Kritik, man soll schon in Indien immer seinen privaten »Servant« haben, der auch bei Tisch bedienen muss.

16. December.

Tiffin bei Stockinger auf Malabar Ridge, -- die Fahrt dorthin zur Mittagszeit, unter der Mittagssonne, wobei wir statt in den geschlossenen Gharies in meinem grossen offenen Miethslandauer sitzen, dürfte wohl an Hitze absolut nichts zu wünschen übrig lassen. -- Nach dem Frühstück, an welchem auch Széchényi und Hoyos theilnehmen, erscheinen auf der Veranda viele Händler mit Waffen, Stickereien, Elfenbeinminiaturen aus Delhi, Silberschmuck u. s. w., wofür horrende Preise verlangt werden. Im Auftrage des Gesandten stelle ich der gleichfalls hier anwesenden Frau Marie von Amerling ein Vorschreiben für die Consulate in China und Japan aus. -- Abends bei Watsons macht der Gesandte mir Vorwürfe, dass wir bei dem doch so langen Aufenthalte von der Umgebung Bombays ausser Elefanta nichts gesehen; ich proponire sofort einen Ausflug nach den Carli Caves, wir werfen schnell den Frack ab, ziehen leinene Anzüge, Reitstiefeln etc. an, und um 11 Uhr nachts rollen Biegeleben, Sapieha und ich den »Ghats«, dem hohen Küstengebirge zu. -- Vorher Abschied von Coudenhove, der morgen nach Mysore, und von Exner und Walther, die nach Jeypore reisen.

17. December.