Meine Reise nach Siam 1888-1889. Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson

Part 1

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MEINE REISE NACH SIAM 1888-1889.

AUFZEICHNUNGEN DES K. UND K. LEGATIONSRATHES DR. J. CAMILLE SAMSON († 9. SEPTEMBER 1896).

ILLUSTRIRT VON LUDWIG HANS FISCHER.

Adolf Holzhausen in Wien.

~Vorwort.~

~Die folgenden Blätter enthalten Aufzeichnungen unseres früh verschiedenen Freundes über eine im Jahre 1888 unternommene Reise nach Siam. Er war damals dem für die drei ostasiatischen Höfe ernannten Gesandten Freiherrn Rüdiger von Biegeleben, und zwar speciell für Siam zugetheilt; so, dass seine officielle Mission in Bangkok ihr Ende erreichte.~

~Diese unter dem Eindrucke des Augenblickes hingeworfenen Skizzen waren nur für seine geliebte Mutter bestimmt, die sich nun entschlossen hat, sie einem Kreise von Freunden als Erinnerungsgabe zu widmen.~

~Ich würde mich glücklich schätzen, wenn meine Bitten zu diesem Entschlusse meiner verehrten Freundin beigetragen hätten.~

~Eine reiche Fülle lebensvoller Bilder und Scenen rollt sich vor uns auf, alle mit wenigen Strichen rasch und sicher festgehalten. Ein ebenso empfängliches als im Sehen geübtes Auge hat sie aufgenommen; überall ist das Wesentliche und Charakteristische herausgegriffen.~

~Die Intensität und Unmittelbarkeit der Auffassung spiegelt sich in dem knappen, frischen, glücklichen Ausdrucke wieder; überall herrscht die gleiche Fülle; nirgends ein Uebermass, nirgends eine Abnahme, überall ein richtiges Verhältnis zwischen der launigen Erzählung persönlicher Erlebnisse und der objectiven Darstellung.~

~Als Höhepunkt des Ganzen erscheint der höchst interessante Bericht über den Empfang am siamesischen Hofe, sowie die prächtige, an treffenden Zügen so reiche Schilderung von Bangkok, dem Venedig des fernen Ostens.~

~Die täglichen kleinen Leiden und Freuden der auf dem »Poseidon« zusammengedrängten Reisegesellschaft bilden einen wirkungsvollen Gegensatz zu der stillen Majestät grossartiger Naturgebilde, an denen diese kleine unruhige Menschenwelt vorüberzieht.~

~Die liebe Gestalt unseres Freundes bildet für uns den Mittelpunkt dieser kleinen Welt, die er mit dem gleichen Humor zu zeichnen weiss, mit dem er alle Beschwerden der Reise erträgt.~

~Keine Anstrengung ist ihm zu gross, wenn Gelegenheit geboten ist, den Kreis seiner Anschauungen zu erweitern.~

~Seine gute Laune macht nur dann der Entrüstung Platz, wenn er Menschen begegnet, die mitten unter den Wundern einer fremden Welt in stumpfer Gleichgiltigkeit und unbegreiflicher Unwissenheit verharren und nur für ihre nächsten Interessen Sinn haben.~

~Vor Allem aber ist er darauf bedacht, allen amtlichen und socialen Pflichten seiner Stellung im vollsten Umfange gerecht zu werden; auch die grösste Ermüdung, vereint mit der heissesten Temperatur der Tropen, vermag in ihm, der das bereits vorgeschrittene schwere Leiden in sich trug, nicht einmal den Gedanken eines Nachgebens hervorzurufen.~

~So hat unser Freund unabsichtlich sich selbst dargestellt, wie wir ihn kannten, liebten und schätzten, und wie er in unserem Andenken fortlebt.~

~Mögen die Blätter, denen diese schlichten Worte zur Einleitung dienen, auch nach uns empfänglichen Lesern in die Hände kommen, die sich daran erfreuen und vielleicht manche fruchtbringende Anregung daraus schöpfen. Diesen späteren Lesern wird die nachstehende biographische Skizze gewiss willkommen sein.~

~Noch möchte ich hinzufügen, dass an dem Manuscripte nur die bei jeder Drucklegung unvermeidlichen kleinen Correcturen vorgenommen wurden.~

~Hie und da vorkommende heimische Redewendungen wurden belassen, um das Gepräge frischer Ursprünglichkeit nirgends zu verwischen.~

~Venedig, im März 1901.~

~Carl Ritter von Gsiller.~

Biographische Skizze.

_James Camille Samson_ wurde am 18. October 1856 zu _New-York_ geboren, das seine Eltern jedoch zwei Jahre nach seiner Geburt verliessen, um in Wien ihren Wohnsitz aufzuschlagen.

Im Alter von 18 Jahren verlor er seinen Vater.

Nach Absolvirung der rechts- und staatswissenschaftlichen Studien widmete er sich zunächst dem diplomatischen Dienste der Vereinigten Staaten, deren Bürger er noch war, und wurde der amerikanischen Gesandtschaft in Wien zugetheilt.

Sein damaliger Chef Mr. Kasson ist zeitlebens sein Freund geblieben.

Im Jahre 1879 trat er eine mehrmonatliche Reise an, die ihn nach den Vereinigten Staaten, nach Canada und bis zum Stillen Ocean führte.

Mit erweitertem Horizonte zurückgekehrt, beschloss er, unserem Lande ganz anzugehören und ihm seine Kräfte zu weihen.

Er erlangte die österreichische Staatsbürgerschaft und trat, durch seine frühere Verwendung, seine Sprachkenntnisse und Reisen auf das Entschiedenste vorgebildet, in den Dienst des k. und k. Ministeriums des Aeussern, der seinen Neigungen und seiner ganzen Lebensrichtung entsprach.

Während seiner 16jährigen Dienstzeit war es ihm gegönnt, verschiedene längere Reisen zu unternehmen; so nach Lappland mit dem bekannten Forscher Köchlin, nach Egypten, Griechenland, Spanien, Kleinasien, nach Palmyra, abermals nach Amerika und zuletzt nach Indien und Siam.

Allerwärts sammelte er mit grossem Verständnisse Kunst- und ethnographische Gegenstände, die gegenwärtig, seinen letztwilligen Verfügungen entsprechend, zum grössten Theile im k. k. Hofmuseum zur Aufstellung gelangen.

Im Laufe der Jahre stellte sich ein schweres Lungenleiden ein, das ihn aber nicht hinderte, seinem Drange zu folgen, die Kunst- und Naturschönheiten aller Länder zu sehen und zu geniessen. Die letzte Reise nach Siam, von der die nachfolgenden Blätter erzählen, hat er bereits als schwerkranker Mann angetreten.

Bis zuletzt kam er seinen Berufspflichten mit peinlicher Genauigkeit nach.

Er war seiner Mutter ein treuer, unendlich liebevoller Sohn und bewahrte seinen Freunden ein offenes, theilnehmendes Herz bis zum letzten Athemzuge.

Endlich überwältigte die Krankheit seinen schier unbeugsamen Willen und seine starke Natur, und er erlag seinen Leiden am 9. September 1896 in Neuwaldegg bei Wien.

22. November 1888.

Spiegelglatte See, Windstille und heller Sonnenschein bilden die meteorologische Ueberraschung, während der Zug von Nabresina nach Triest den Karst hinunterrollt und der mit Segeln und wenigen Dampfern gezierte Hafen sichtbar wird. -- Im Hôtel de la Ville ist mein neuer Chef, der Gesandte für Ostasien, Baron Rüdiger Biegeleben, heute früh aus Venedig eingetroffen, und die letzten Stunden sind mit Briefschreiben und Commissionen ganz ausgefüllt. Ich hole meine Karte nach Singapore im Lloydgebäude und muss dort für die »Panatica« allein (Verköstigung) 25¾ Napoléons erlegen: eine unangenehme Pille! Dann fahre ich auf den neuen Molo, um den dort verankerten »Poseidon«, der die Ehre haben wird, mich und mein Glück zu tragen, zu besichtigen und meine Cabine zu belegen. Es ist alles in Ordnung, und beim Frühstück im Hôtel Delorme lerne ich durch einen alten Universitätscollegen den wackeren Commandanten des schönen Fahrzeuges, den Capitän Spiro Mersa kennen -- »der beste unter allen Lloydcapitänen«, sagt mein Freund -- es ist ein kleiner, magerer Mann mit grauen Haaren und Schnurrbart, mit »zerquetschter« Nase, sehr beweglich und aufgeweckt, soignirt und gut angezogen, ein charmanter, liebenswürdiger Mensch -- nebstbei (last not least) ein Seemann di primo cartello! Gegen ½4 Uhr bin ich wieder an Bord, wo der Regierungsvertreter beim Lloyd, Contre-Admiral Biringer, der Präsident der Triester Seebehörde, Alber, und der Verwaltungsrath P. versammelt sind, um Abschied zu nehmen -- die meisten Passagiere sind schon da, auch die zwei Jagdhunde des Gesandten und sein unübertrefflicher Kammerdiener Harrison, nur die Hauptperson fehlt, Baron Biegeleben selbst! Laufen, Suchen, Fluchen, Schimpfen; schliesslich wenige Minuten vor 4 Uhr erscheint der Vermisste, ich stelle ihm rasch die Honoratioren vor, einige Phrasen werden gewechselt, das Schiff wird klar gemacht, und Punkt 4 Uhr gleiten wir hinaus in die Adria »en route pour les Indes«. Bald verschwinden die letzten Häuser Triests, wir passiren den Golf von Muggia, Perasto, Rovigno; auf der Höhe von Pola nehmen wir unser erstes Diner an Bord ein; »il tempo si guasta«; es wird kalt und windig, tangaggio und Rollen!

23. November.

Das Wasser ist wieder ruhig und still, die Sonne scheint warm, und wir fahren lustig bei Lesina und Lissa vorüber, im Hintergrunde der weisse Kamm des Vellebich. -- Viermal bin ich schon hier gewesen, 1876 auf dem Wege nach Corfù, von wo aus ich mit den Professoren Adolf und Franz Exner die Morea und dann allein Anatolien durchritt; 1880 mit dem amerikanischen Gesandten Kasson die dalmatinische Küste entlang nach den Bocche und Cetinje; 1884 mit Felix Karo nach Egypten, wo ich mit dem Gesandten Baron Thömmel zusammentraf und hierauf Palästina und Syrien durchzog; 1885 endlich zum zweiten Male nach Cairo, diesmal im Dienste, um dort den Winter bei der diplomatischen Agentie zuzubringen. Nun fahre ich zum fünften Male die schöne Küste hinunter, freundlich grüsst Lesina, wo ich 1880 landete und das alte Kloster mit seinem schönen Palmbaume bewundern durfte. Mittags ist schon die albanesische Küste in Sicht: auch hier ist noch Alles voll Schnee, wohl der letzte, den wir längere Zeit hindurch sehen dürften.

Der »Poseidon« ist ein famoses Boot, 3874 Tonnen Gehalt, Compoundmaschine (leider keine Triplex wie am »Imperator«), elektrisches Licht in allen Räumen, ein grosser Speisesaal mit zwei, manchmal drei langen Tischen; an einem präsidirt der edle Mersa, am andern der zweite Capitän, ein junger lustiger Triestiner, übrigens der einzige unter den Schiffsofficieren, der deutsch spricht. Oberhalb des Speisesaales ist das Musik- und Lesezimmer, darüber das kleine Rauchcabinet, welches auf das breite Oberdeck mündet; hier sitzen und liegen in ihren bequemen oder unbequemen Stühlen die etlichen 30 Passagiere, die viele Wochen lang unsere einzige Gesellschaft bilden sollen; noch sind alle in Decken und Pelze gehüllt, das dürfte in wenigen Tagen wohl anders werden. Ein stattliches Contingent liefert das hohe k. u. k. Ministerium des Aeussern! Da ist der Gesandte Biegeleben, schlank, 40 Jahre alt, mit kleinem Schnurrbarte, das Monocle stets eingeklemmt, höchst intelligent, einer der tüchtigsten unserer jüngeren Diplomaten, -- dann sein ergebenster Secretär: ich! -- Rittmeister Rudolf Fuchs, der nach Zanzibar als Consul geht und uns bis Aden begleitet; -- Consul Goracucchi aus Port Said, der vom Urlaube auf seinen Posten zurückkehrt, -- mit ihm ist seine Frau, eine Tochter des mir aus Cairo wohlbekannten khedivialen Leibarztes Abbate Pascha, -- dann ein anglo-indischer Officier, Captain Vivian mit charmanter kleiner Frau, -- ein Kamerad desselben, Captain Bunker, -- ein Privatdocent aus Jena, Dr. Johannes Walther, der als Geologe mit Schweinfurth gereist ist und jetzt nach Ceylon fährt, -- ein junger Kaufmann aus Madras, Mr. Scott, -- ein dicker deutscher Kaufmann mit mehreren dünneren Berufsgenossen, -- Signor Gino Pertile, der Procurist unseres Consuls Brand in Singapore, der mir viele Auskünfte über dortige Verhältnisse gibt, -- der Director der Eastern Telegraph Co. in Kurrachee (Sind) mit seiner Frau zweifelhaften Alters, ein Ehepaar Namens Possmann, welches Fuchs vor Jahren in Bushehr in Persien gekannt hatte, ein Constantinopolitanischer Photograph aus Bombay, Vuccino, ein grosser, starker brünetter Grieche, der mein Tischnachbar zur Rechten ist (mein linker ist Biegeleben) -- endlich und schliesslich 7, sage sieben Missionäre, welche nach der Nordküste Australiens zurückkehren, meist Tiroler oder Italiener.

Der Koch ist ein Cordon bleu, der wahre Vatel, der uns mit Delicatessen überschüttet, -- wie soll das werden? Heute Nacht sollen wir in Brindisi sein, dort kommen wohl noch Passagiere mit, wenigstens glaubt es der Commandant. -- Biegeleben ist in seinem »stateroom« eingesperrt, um noch Briefe und Berichte nach Wien vorzubereiten.

24. November.

#Brindisi.# -- Der gute »Poseidon« liegt hier gemüthlich im engen Hafen, wenige Schritte vom Landungsplatze, dem Hôtel gerade gegenüber, darüber blinkt die einsame korinthische Säule, der letzte Rest des alten Brundusium -- ans Land zu gehen ist kaum der Mühe wert, nur Fuchs unternimmt es, uns Whistkarten zu kaufen, da wir keine auf dem Schiffe auftreiben können. Am Ufer stehen schon die längste Zeit zwei Damen und schauen den Dampfer an, wir beobachten sie unsererseits mit Feldstechern; kommen sie mit oder nicht? Grosse Aufregung, -- während wir alle bei Tische sind, erscheinen die interessanten Frauenzimmer endlich, -- also neue Gefährtinnen. Es ist eine Mrs. Mackenzie, Frau des Collector of Berar in Central-Indien, Colonel M. und ihre bildsaubere 17jährige Tochter Rose, sehr nette Leute. -- Um 2 Uhr dampfen wir langsam ins Ionische Meer hinaus: Mar Morte, heftiges Rollen! Das machen die sieben Missionarii!

26. November.

Gestern hatte sich das Meer wieder geglättet, in der Frühe kamen schon die griechischen Berge in Sicht mit ihren wundervollen Farbentönen; ein Einblick in den Golf von Korinth und auf die südlich davon gelegene Clarenza, die einstige Residenz der burgundischen Villehardouin, wo ich mit Exners am Wege nach Olympia übernachtet, wecken alte Erinnerungen an meine erste Orientreise, wir gleiten an Kephalonia und Zante vorüber, dem köstlichen »Fior di Levante«. Ithaka bleibt leider dieses Mal verdeckt; dafür fahren wir nachmittags kaum einen Büchsenschuss entfernt an Navarino und Sphakteria vorbei, wo der kleine Leuchtthurm an Stelle eines türkischen Castells ein neues Wahrzeichen bildet; spät am Abend erscheint im Osten Cap Matapan, und bald leuchten die Feuer von Candia herüber. -- Ein kleines Cayenne mit Biegeleben, Goracucchi und Pertile hat brillanten Erfolg und beschliesst würdig diesen schönen Tag! Heute, welcher Contrast! Lange, heftige Wellen rollen südlich von Kreta gegen die syrische Küste zu, und der gute »Poseidon« hat seine gewohnte Ruhe gegen die Bewegungen einer Prima Ballerina vertauscht: er springt, tanzt, stampft, schüttelt seine Schraube aus dem Wasser, stöhnt und kracht! Wie ruhig würde die norddeutsche »Saale«, welche ich vor drei Monaten von New-York nach Bremen benützte, in diesen verhältnismässig stillen Gewässern sein? Die meisten Genossen sind auch krank, alle Damen sind unsichtbar, ebenso Biegeleben, Pertile, Vuccino e tutti quanti. -- Beim Speisen erscheinen nebst dem Commandanten und mir blos die beiden Consuln! Und auch ich werde mich freuen, wenn wir die Rollerei los sind! Gestern überreichte Biegeleben dem dicken, gesprächigen Pertile eine reizende silberne Cigarettendose, sowie ein Zündetui vom Erzherzog Carl Ludwig, als Dank für die den Bardi's erwiesenen Freundlichkeiten. -- Der Gesandte hatte die Geschenke nach Singapore bringen sollen, da wir ihn aber mit am Bord haben, so gab er sie ihm schon hier. -- Heute kein Whist, manque de partenaires! Hoffentlich morgen! O, diese Missionarii!!

27. November.

Der Wind hat sich so ziemlich gelegt, das Thermometer steht auf 19°C., und aus allen Ecken kriechen die tapferen Passagiere heraus, um sich zu sonnen und für den gestrigen Tag zu entschädigen. -- Abends spät sollen wir in Port Saïd eintreffen; hoffentlich erst morgen, denn bei dem Lärm des Kohlens könnten wir ja doch nicht schlafen. Goracucchi und Frau sind über die bevorstehende Ankunft nicht sonderlich entzückt; denn nun heisst es wieder zwei volle Jahre in dem trostlosen Orte aushalten. -- Signor Pertile vertraut mir seine geschäftlichen Leiden an: sein Vater Professor in Padua, sein Onkel Chlumecky, seine Vettern Brandis in Mähren, sein Verhältnis zu Brand in Singapore und seine bevorstehende Etablirung dortselbst mit einem Herrn van der Pals! Zwei geschlagene Stunden dauert die Erzählung! Ich habe ihm ja nichts zu Leide gethan! Abends wieder Whist: nun haben sich aber die Blätter gewendet, ich verliere alle Rubber, und der Patzer Pertile gewinnt. -- Mme. de Goracucchi, deren Mann ganz ausgesäckelt wird, ist ganz unglücklich!

#Port Saïd.# -- Ein alter Bekannter, in dem ich 1884 mit Thömmel und Leo Karo eine unvergessliche Nacht mit ungezählten Wanzen zugebracht: der »Poseidon« liegt gerade beim New Hotel verankert, ich stürze auf Deck und ans Land, um Gewehrpatronen zu kaufen; hélas, es sind keine aufzutreiben; ganz Port Saïd wird abgelaufen, doch umsonst; so muss ich denn den Gesandten als unbewaffneter Führer begleiten: was nutzt das Gewehr, wenn es nicht gerollt ist! Wie ich wieder am Bord bin, fällt mir Borheck, unser Legationssecretär in Cairo, in die Arme; er war herübergefahren, um den ihm aus Persien befreundeten Fuchs zu begrüssen; von meiner Anwesenheit wusste er natürlich nichts. -- Schnell wurden de part et d'autre Fragen über alte Freunde gestellt und beantwortet, er erzählt von Cairo und den dortigen Insassen, -- das mir so lieb gewordene Egypten ist wieder da, oder besser »ich bin wieder dort«! Indes wartet schon ein schönes, neu lackirtes Boot mit 8 Matrosen, um uns (Biegeleben und mich) nach dem Menzalehsee zu führen: der Hafenadmiral Privilegio Pascha, ein früherer Lloydcapitän, hat sich eingefunden, um den Gesandten zu begrüssen und ihm seine »Gig« zur Verfügung zu stellen. -- Mit kräftigen Ruderschlägen führen uns die in weisse Uniformen gekleideten Schwarzen eine Meile ungefähr den Canal hinein, hier wird festgemacht und durch den Sand über einen schmalen Hügelrücken gewatet, um dann auf einer elenden Fischerbarke eine vis-à-vis liegende kleine Insel zu erreichen. Doch scheint mein Jagdpech den Gesandten angesteckt zu haben: von den vielen Reihern, Wildgänsen und Flamingos fällt keines, -- ich strecke mich im Sande und träume von den vielen in Egypten verlebten schönen Tagen; mit den Matrosen suche ich meine paar Brocken Arabisch zu verwerten und so die Rückkehr des Chefs abzuwarten. Endlich kommt er wieder, und wir segeln und rudern zum Dampfer zurück. -- Es ist spät, ein Besuch bei Goracucchi's ist nicht mehr möglich, denn um 3 Uhr dampfen wir langsam in den Canal, -- Sand, Wasser, Menzalehseen, Ballahseen; Tausende von rosafarbigen Flamingos, Riesenschwärme von Pelikanen, ungezählte Enten! Dabei muss man ruhig zusehen! Bei einbrechender Dunkelheit wird am Bug eine grosse elektrische Lampe angezündet, und so fahren wir auch die Nacht fort. Diese Lampen werden sammt den dazugehörigen Maschinisten den einzelnen Dampfern um wenige Pfunde vermiethet, und kommt dies den Letzteren ebenso zu statten wie den Besitzern der Lampen. Bei El-Kantara halten wir, um einen Zug entgegenkommender Schiffe, P. & O., Niederländer, Deutsche, vorbeizulassen, -- die Wüste, die elektrischen Lichtstreifen, das glänzende Band des Canales bieten einen merkwürdigen Anblick. Vor vier Jahren fuhren wir in entgegengesetzter Richtung auf der kleinen egyptischen Postbarkasse bei Vollmond -- es war wohl weniger interessant, aber viel stimmungsvoller. Der Lloydagent Terenzio aus Port Saïd fährt mit grosser Familie nach Suez mit. -- Der Salon war dadurch überfüllt, und wir mussten auf Deck, was heute nicht gerade angenehm war, da ein eiskalter Wind aus der Wüste daherstrich; trotzdem haben Borheck, Fuchs und ich mehrere Flaschen dem alten Lesseps geopfert.

29. November.

#Suez.# -- Die letzte bekannte Etappe auf meiner Tour; von morgen an ist Alles neu! Als wir in der Frühe beim Ausgang des Canales anlegen und Borheck mit Aufträgen und Grüssen für Cairo beladen ans Land gehen will, carambolire ich auf der Salontreppe mit einem schlanken, eleganten, in weisse Flanells gekleideten Jüngling. Gegenseitiges Aufschreien, Erstaunen und Händeschütteln: es ist ein alter Jagdgenosse, Prinz Paul Sapieha, der nach Indien will und schon einen ganzen Tag in Suez mit meinem constantinopolitanischen Collegen Grafen Heinrich Coudenhove auf den »Poseidon« wartet. Letzterer reist nach Mysore und eventuell nach Cuch-Behar, um Tiger zu schiessen, und scheint eine gute Vorschule dafür durchgemacht zu haben, da er Jahre in Argentinien und Paraguay zugebracht hat. -- Noch ein neues Gesicht taucht unter den Passagieren auf, das mir aber gleichfalls bekannt scheint: endlich erkenne ich es, Professor Franz Seraphin Exner, mit dem ich vor vielen Jahren den Peloponnes bereist und den ich seit 1876 in Athen nicht wieder gesehen, fährt nach Ceylon, um dort im Auftrage der kaiserl. Akademie der Wissenschaften den Erd- und Luftmagnetismus und die Erdelektricität zu studiren, währenddem ein anderer Gelehrter die gleiche Aufgabe unter demselben Meridian in Sibirien durchführt. Dieses zufällige Wiederzusammentreffen nach so langer Zeit an einem so ausgefallenen Orte ist doch merkwürdig! Sapieha und ich miethen noch rasch zwei Esel und gallopiren kühn in die Stadt, um beim ersten Kafinion noch zu guter Letzt einen egyptischen »Schwarzen« einzunehmen. -- Wie heimlich kommt mir hier Alles vor, die Fellachen in blauen Kitteln, die bekannten verschmitzten braunen Gesichter, die verschleierten Weiber und mit Fliegen bedeckten Kinder, die tapferen Esel und zudringlichen Eseljungen! Dazu die ausgestorbenen Strassen mit den zerfallenen Moscheen. Eine Schar lärmender »Poseidonier«, die auch nach Suez geritten, überholt uns jetzt, es sind die deutschen Kaufleute, die auf ihren Eseln höchst komisch aussehen; auch wir ziehen zurück und erreichen nach einem erbitterten Kampfe mit den bakschischlüsternen Treibern das Schiff. Um 2 Uhr dampfen wir ab, links die Mosesquellen heiteren Angedenkens, rechts die prächtigen Berge des Gebel Ataka, -- bald kommt das Gebirge der Sinaitischen Halbinsel in Sicht, prachtvoll geformte Felsen, dunkelroth, kahl und öde, aber von unbeschreiblicher Grossartigkeit, -- eine Spitze weit im Süden ist vielleicht der Gebel Serbal; der Gebel Musa jedenfalls nicht; diesen bekommen wir leider nicht zu Gesicht. Vor Tor ist es schon ganz finster, aber ein Sonnenuntergang »allererster Güte« hat noch die Küste mit den prachtvollsten Tinten belebt; -- der ganze Himmel mit rosa, rothen, gelben und orangefarbigen Wolken bedeckt -- wunderbar schön. -- Dr. Walther erzählt vom Guardiano des Leuchtthurmes von Tor, bei dem er einst einige Zeit gewohnt, als er die dortigen Korallenriffe untersuchte; der Mann soll eine höchst interessante Sammlung von Hüten besitzen, die, von den Reisenden hier über Bord geworfen, bei seinem Thurme angeschwemmt werden; die nach Süden Fahrenden entledigen sich ihrer europäischen Kopfbedeckungen um Solar Topees aufzusetzen, -- die Heimeilenden vertrauen wieder die Sonnenhüte dem Meere an, -- so hat der Thurmwächter die reichhaltigste Collection aller möglichen und unmöglichen Hüte!

30. November.

Ueber das Promenadedeck ist ein doppeltes Leinenzelt gespannt, wobei sorgsam auch die kleinsten Sonnenstrahlen durchlassenden Oeffnungen verdeckt werden; eine einfache Tenda würde gegen Sonnenstich keinen genügenden Schutz bieten. -- Alle dicken Kleider sind abgelegt, und sämmtliche Passagiere erscheinen in abenteuerlichen Sommeranzügen, -- die Hitze fängt schon an, 27° C. -- In der Frühe sehen wir weit hinter uns die Insel Shadwan, vor der Einfahrt in den Golf von Akabah, -- sonst ist kein Land in der Nähe. Abends Musik! Coudenhove singt den »Trompeter von Säckingen« und Mme. Possmann begleitet.

1. December.