Meine Mission nach Abessinien Auf Befehl Sr. Maj. des Deutschen Kaisers im Winter 1880/81 unternommen

m. Die Hälfte, und zwar die westliche, ist mit Häusern und Hütten

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bedeckt, während die östliche Seite auf der äussersten Spitze ein schlechtes Befestigungswerk mit einigen alten Kanonen und einer kleinen Kaserne aufweist. Dicht dabei befindet sich die französische Mission und Kirche. Wie in manchen Gegenden, z.B. in Posen, polnisch und katholisch, deutsch und protestantisch sich decken, so ist im Orient, besonders in Abessinien, französisch und katholisch, englisch und protestantisch ein und derselbe Begriff. Ich werde später noch darauf zurückkommen.

Auf der Insel Massaua, welche jetzt aber keine wirkliche Insel mehr ist, leben höchstens 1500 Einwohner. Zum Theil bestehen diese aus Europäern, besonders Griechen, Banianen, d.h. Ostindiern, in deren Händen sich der hauptsächlichste Handel, namentlich der Handel mit Perlen, concentrirt, und Eingeborenen vom Festlande. Wir besitzen von Massaua so vorzügliche Beschreibungen der neuern und neuesten Zeit[21], dass ich darauf verzichte, irgendetwas Neues über die dortigen Verhältnisse zu bringen.

Auf einige Aenderungen will ich indess in aller Kürze aufmerksam machen. So liess Munzinger, als er noch Generalgouverneur war, die Insel mittels eines festen Dammes mit der nahen Insel Tolhut oder Taulhut verbinden. Bei der geringen Tiefe von kaum 1,50 m war damit keine grosse Schwierigkeit verbunden. Grössere Mühe machte schon die Verbindung Tolhuts selbst mit dem Festlande, aber auch das bewerkstelligte Munzinger und vervollständigte diese nützliche Anlage dadurch, dass er ganz im Osten von Hotumlu am obern Flussbett des Mpasi, welcher durch Mkullu und Hotumlu fliesst, eine unterirdische Wasserleitung legte und bis Massaua führte. Da aber bei den Mohammedanern Unterhaltungskosten vollkommen unbekannte Dinge sind, so zerfiel die Wasserleitung nach Munzinger’s Ermordung, und jetzt läuft das Wasser nur noch bis Hotumlu.

Auf der Südspitze von Hotumlu hat die ägyptische Regierung ein ziemlich starkes Erdwerk errichtet, dort, wo etwa vor nunmehr fünfzig Jahren unser wackerer Landsmann Hemprich begraben sein mag. Hier concentrirt sich überhaupt jetzt das officielle Leben. Denn wenn auch der eigentliche „Divan“ in der Stadt selbst, gegenüber dem Zollbureau, dicht am Hafen gelegen ist, so befindet sich doch hier die Wohnung Ali ed Din’s, wo er gleichfalls „Divan“ abhält. Ebenso die Telegraphenanstalt mit dem Staatsschatz. Die eigentliche Garnison von Massaua, ein Bataillon schwarzer, sehr gut uniformirter und vorzüglich (mit Remington) bewaffneter Soldaten, campirte auf Tolhut. Campiren ist eigentlich kaum der richtige und Kaserniren der richtigere Ausdruck, denn die Soldaten sind in geräumigen, mit Strohdächern versehenen Hütten untergebracht, deren Seitenwände aus durcheinandergeflochtenen Zweigen bestehen. Auf diese Weise circulirt die Luft, und die Sonne wird, ebenso wie feuchte Niederschläge, durch das Strohdach abgehalten.

Ein zweites noch stärkeres Fort haben die Aegypter bei Saga in der Nähe von Hotumlu errichtet, es mit Kanonen versehen und dort ebenfalls 1500 Mann untergebracht. Im ganzen stehen also in Massaua, denn auch das Fort von Saga muss hinzugerechnet werden, ca. 3000 Mann regelmässiger Soldaten. Ausserdem verfügt aber der Gouverneur noch über einige hundert Mann Baschi-Bosuks.

Ich habe über die Zahl der Einwohner des eigentlichen Massaua meine ungefähre Schätzung mitgetheilt. Aber die Ortschaften Hotumlu und Mkullu nebst Saga sind, namentlich jetzt, so innig mit Massaua verwachsen, räumlich so wenig davon getrennt, dass sie eigentlich, wie Kef und Suakin, ein Ganzes bilden. Auf den Karten sieht man immer Mkullu als Ort angegeben, Hotumlu fehlt gewöhnlich. Gerade dieser Ort dürfte aber an Einwohnern, und auch sonst, der wichtigere und bedeutendere sein. Ich schätze Hotumlu auf 1500, Mkullu auf 500 und Saga auf ca. 100 Seelen. Im ganzen dürften also diese Orte, Massaua eingeschlossen, etwa 3500 Seelen haben. Die Verhältnisse des Handels hoben sich insofern etwas, als abessinischerseits der Export zu Lande nach Bogos zu (Suakin) vollständig geschlossen ist. Aber bei dem noch immer herrschenden Kriegszustand zwischen Aegypten und Abessinien sank der Verkehr, das Kommen der Karavanen, der Zufluss von Waaren aus Abessinien auf ein Viertel oder noch weniger herab, im Verhältniss zu dem, was unter normalen Verhältnissen auf den Markt gebracht werden müsste. Wachs, Butter, Häute, Felle, Kaffee, manchmal Getreide ist das Einzige, was die Abessinier bringen, und zwar darf vom Innern her alles nach Massaua gegen einen geringen und, wie ich glaube, etwas willkürlich erhobenen Zoll eingeführt werden. Erst beim Verladen nach auswärts erhebt die Douane eine Abgabe. Unter diesen Umständen leidet die Importation auch, obschon über Massaua Güter eingeführt werden, welche für den localen Consum, sowie für die umliegenden Oerter, z.B. Arkiko, und die jetzt ägyptischen Provinzen Bogos, Mensa nothwendig sind. Ja, selbst manche Waaren gehen von hier nach Kassala und Gedaref. Man importirt ausser den Artikeln für Europäer und ägyptische Beamte (hierher gehören z.B. Möbel und fertige Kleider aller Art, Kochgeschirr, Steingut, kurz alles, was die Europäer brauchen, auch Conserven u.s.w.), Baumwollstoffe, Seidenwaaren, Tuche, Brocatstoffe (diese werden von den Banianen aus Indien eingeführt: höchstwahrscheinlich lyoner Fabrikat; einen merkwürdigen Umweg machen also diese Stoffe, um nach Massaua und Abessinien zu kommen; die in Massaua lebenden Europäer gingen übrigens damit um, sich diese Stoffe direct zu verschaffen) und rothe Garne, welche, früher von England bezogen, jetzt auch Monza in Italien liefert. Ja, es ist den Italienern sogar gelungen, die Nationaltracht der Abessinier, die Schama (ein breites weisses Baumwoll-Umschlagtuch mit rothen breiten Streifen) herzustellen. Aber ich glaube kaum, dass sie damit in Abessinien sich ein grosses Feld erobern werden, da der Preis, drei Maria-Theresienthaler das Stück, für abessinische Verhältnisse zu theuer ist.[22] Auch Wein, Liqueure, schlechter Schnaps, Bier, Petroleum, Oel wird importirt, von diesen aber nur der Schnaps und nur in geringen Mengen weiter befördert. Deutsche Waaren kommen gar nicht auf den Markt, denn selbst das Bier ist österreichisch. Mit den griechischen Kramläden ist gewöhnlich ein Wein-, Schnaps- und Bierverkauf verbunden. Auch türkische Kaffeehäuser gibt es, und am Wasser befindet sich eine Art von Gasthof, den ein Grieche eigentlich nur für abessinischen Besuch einrichtete, worin aber gelegentlich auch Europäer Unterkommen suchen, wie denn zu meiner Zeit zwei französische Offiziere dort abgestiegen waren. Arme Leute, wie schon so viele vor ihnen, kamen sie aufs gerathewohl nach Massaua, um in Abessinien Dienste zu nehmen, dort ihr Glück zu suchen! Aber waren Herr und Frau Lombard, welche mit mir gekommen waren, nicht in ähnlicher Lage?

Erwähnt wurde schon, dass Frankreich eine Mission in Massaua unterhält, welche aus vier Geistlichen besteht, abhängig von der viel grössern Mission der katholischen Kirche in Keren. Die Messe wird täglich, Hochamt Sonntags gefeiert, und auch Abessinier nehmen am Gottesdienst theil. Die Gebäude der französischen Geistlichkeit sind geräumig, massiv und schön gelegen. Die Missionare haben ihre eigene grosse Cisterne (eine von den alten Cisternen, deren noch mehrere in der Nähe der Mission vorhanden sind und heute noch benutzt werden; Heuglin meint, sie seien persischen Ursprungs, der Anlage und Bauart nach würde ich sie eher zu den griechischen oder römischen rechnen), welche ihnen fürs ganze Jahr Wasser liefert.

Das gesellige Leben in Massaua ist gleich Null. Kein Mensch geht in Gesellschaft. Wohin sollte man auch gehen? Die Europäer besuchen manchmal ein türkisches Kaffeehaus, um eine Tasse Mokka zu trinken; sie gehen zu irgendeinem Griechen, um ein Glas Absinth oder eine Flasche Dreher zu trinken; oder sie gehen zum Pascha, zum liebenswürdigen Postdirector Habib Schiavi, zum Director der Douane, wo sie eine Cigarrette und Tasse Kaffee bekommen. Das ist alles. Abends wird wol ein Spaziergang oder ein Spazierritt gemacht nach Hotumlu und einzelne thun sich zusammen, um am nahen Gedem oder sonstwo in der Ebene zu jagen.

Ueber die eingeborene Bevölkerung, unter welcher Bezeichnung ich, abgesehen von den ruhigen und anscheinend theilnahmlosen Banianen, hier alle die verstanden haben will, welche nicht Europäer sind, also Abessinier (und es haust immer ein guter Theil Abessinier in Massaua und Umgegend), Schoho und andere Küstenbewohner, berichten die Reisenden nicht viel Gutes. Namentlich wird viel über das zügellose Leben in Massaua geklagt. Möglich, dass die Ausweisung sämmtlicher Herumtreiber aus Massaua und umliegenden Orten andere Verhältnisse schuf: ich fand in Massaua die Bevölkerung nicht schlimmer als anderswo, jedenfalls besser als in andern +grossen+ Hafenstädten.

Das Klima, wenn auch im Sommer die Hitze unerträglich wird und besonders nachts wegen der dann stets herrschenden Windstille sich zu einem wahren Martyrium für alle steigert, rühmt man als gesund, namentlich auch, weil es frei ist von epidemischen und ansteckenden Krankheiten. Die Jahresdurchschnittswärme dürfte etwas über 30° betragen, die des Sommers vielleicht 45°. Es regnet jährlich viel in Massaua, und die Feuchtigkeit der Luft ist selbstverständlich enorm.

Hiermit glauben wir über Massaua gesagt zu haben, was sich im Jahre 1881 über diesen Ort berichten liess. Was mich persönlich anbetrifft, so siedelte ich nach Beendigung meiner Einkäufe nach Hotumlu über. Dort, in der Nähe, wo einst die Herzogin von Koburg-Gotha campirte, liess ich meine Zelte aufschlagen und entfaltete die deutsche Flagge. Und stattlich genug nahm sich das Lager aus, denn die ägyptische Regierung lieh mir bereitwilligst noch ein grosses Offizierszelt, sodass ausser meinem doppelbedachten Riesenzelt, welches 30 Fuss im Geviert hatte, mein Lager noch vier andere Zelte aufwies. Ehe ich aber in der Entwickelung meiner Mission fortfahre, müssen wir einen Rückblick werfen auf die allerneueste Geschichte Abessiniens, um daraus zu ersehen, +was+ mich eigentlich nach diesem Lande führte.

ZWEITES KAPITEL.

NEUESTE ABESSINISCHE GESCHICHTE.

Veranlassung der Reise. -- Negus Johannes. -- Dessen Brief an den englischen Feldherrn. -- Sein Vertrag mit Lord Napier. -- Johannes und Gobesieh. -- Schimper’s Bericht über Johannes’ Krönung. -- Munzinger’s Ehrgeiz und Emporstreben. -- Chedive Ismaël’s Lob. -- Aegyptens Feldzug gegen Abessinien. -- Johannes und seine Armee. -- Die Schlacht im Abgrunde von Gudda-Guddi. -- Munzinger’s Tod. -- Abermals Aegypten gegen Abessinien. -- Prinz Hassan. -- Die Schlacht von Gura. -- Hassan’s Flucht.

Meine Reise nach Abessinien geschah im Auftrage Sr. Maj. des Deutschen Kaisers. Der Negus Negesti hatte verschiedenemal an unsern Kaiser geschrieben, um Vermittelung bittend in seinem Streit mit Aegypten, und in der unserm Herrscher eigenthümlichen Leutseligkeit beschloss derselbe ein Antwortschreiben abzuschicken und, um dieser Höflichkeit noch mehr Ausdruck zu geben, dasselbe durch einen besondern Abgesandten überbringen zu lassen. Posten gibt es ja auch in Abessinien nicht. Und es war ja ganz natürlich, dass des Kaisers Wahl auf mich fiel, da ich ja vor Jahren schon einmal, wenn auch nur auf kurze Zeit, Abessinien besucht hatte. Ich begleitete die britische Expedition gegen König Theodor nach Abessinien. Mir kam diese Reise jedoch ganz unerwartet. Eben erst war ich von meiner Kufra-Expedition heimgekehrt. Aber hier galt kein Zaudern, und als eines Tags der Fürst-Reichskanzler mich kommen liess und mir die Mittheilung machte, mich bereit zu halten zu einer Reise nach Abessinien, fragte ich weder nach dem Wann und Warum, sondern stellte mich sofort zur Verfügung.

Um aber den ägyptisch-abessinischen Feldzug verstehen zu können, müssen wir zurückgreifen auf die Geschichte des abessinischen Kaisers selbst, welche zugleich die Geschichte des Landes ist, soweit uns die Nachrichten über denselben vorliegen. Der Negus ist unzweifelhaft aus alter und guter Familie. Seine sämmtlichen nähern und entferntern Anverwandten haben das Prädicat Lidj, d.h. sie gehören dem höchsten Adel an. Mit der alten Kaiserfamilie dürfte kaum andere Verwandtschaft existiren als entfernt cognatische, obschon Johannes II. ebenfalls seinen Ursprung bis auf Salomo zurückführt.

Als die britische Expedition begann, war Kassai Gouverneur von Adua und Lidj-Kassai sein Titel; aber Kassai regierte als Gouverneur keineswegs über ganz Tigre, sondern nur über die nächstliegende Gegend. Tigre hatte um diese Zeit keinen Herrscher, wie denn in den letzten Jahren der Regierung Theodor’s die vollkommenste Anarchie in ganz Abessinien herrschte. Es ist daher auch nicht ganz genau, wenn im „Record of the expedition to Abyssinia“, S. 16, gesagt wird: „Im Frühling 1867 rebellirte Dejach Kassai, Statthalter des Wagshum Gobaze in Tigre gegen seinen eigenen Herrn und bemächtigte sich der Herrschaft dieser Provinz.“ Denn er war keineswegs Dedjadj. Gobesieh rebellirte übrigens ebenfalls gegen Theodor, und dass letzterer auch nicht rechtmässiger Kaiser von Abessinien war, ist bekannt. Aber Theodor besass als Gekrönter und Gesalbter den Rechtstitel auf die höchste abessinische Würde. Wagschum Gobesieh, in den letzten Jahren der Regierung Theodor’s eigentlich mächtiger als der Kaiser, denn Schoa machte sich unter dem Enkel Sahela Selassie’s, dem König Menelek, ebenfalls unabhängig, hatte den rechtmässigen Gouverneur von Tigre, Ras Bariu, schon 1863 vertrieben. Eigenthümlich genug tritt nun das Bestreben zu Tage, dass jeder Rebell, jeder Gouverneur, welcher sich unabhängig erklärt, sofort vermeint, Ansprüche erheben zu können auf die abessinische Kaiserwürde. Menelek[23] unterschreibt sich König der Könige. Gobesieh hatte die offen ausgesprochene Absicht, sich krönen zu lassen unter dem Namen Hesekias, und Kassai, eben noch Gouverneur zweiten Ranges, erklärte offen seine Anwartschaft auf die abessinische Kaiserwürde.

In der That sollte der junge Mann bald der erstaunten Welt zeigen, dass er der bedeutendste von allen um die höchste Macht Ringenden sei. Jung, kühn und berechnend, wusste Kassai jede sich ihm bietende Gelegenheit zur Befriedigung seines Ehrgeizes festzuhalten und auszunutzen. Tapfer wie Theodor, zeigte er sich als ein viel klügerer Herrscher. Was konnte ihm daher gelegener kommen als der Feldzug der Engländer 1867? Und wenn man es vom nationalen Standpunkt aus verdammen kann, dass der Fürst von Tigre, bereits 1867 Herrscher dieses Theils von Abessinien, sich mit den Feinden seines Landes verband, so muss man immer bedenken, dass die Verhältnisse Abessiniens in den letzten Jahren der Regierung des Kaisers Theodor sich derart zugespitzt hatten, dass niemand mehr wusste, wer Freund oder Feind sei. Ausserdem besitzt der Abessinier nicht das Vaterlandsgefühl, welches sich gründet auf das Bewusstsein des mit dem Lande Verwachsenseins. Fanatisch wie der Moslim, gehorcht er leider nur den Gefühlen, welche einer Religion entspringen, die sich blos um Aeusserlichkeiten dreht. Die in Abessinien lebenden Falascha, d.h. Juden, sind in den Augen der Abessinier keine Abessinier, d.h. Christen. Die Begriffe Abessinier und Christen decken sich bei ihnen. Auch die Mohammedaner -- als es noch solche gab, denn seit 1880 mussten sich alle Moslemin taufen lassen -- sind dadurch bloss Abessinier geworden. Für den Anthropologen sind die christlichen Abessinier, die Mohammedaner, die Falascha stets derselben Abstammung. In der Anschauung der Abessinier ist nur Abessinier, wer Christ ist.

Wenn man dies in Erwägung zieht, wird man Kassai kaum tadeln, dass er sich empörte und die Gelegenheit ergriff, sich mit den Engländern gegen die „Gottesgeisel“ Theodor zu verbünden.

Uebrigens war Kassai keineswegs der einzige abessinische Fürst, der sich den Engländern anschloss: Hailo, Gouverneur von Hamasen, bot im September dem General Merewether seine Dienste an. Wir erfahren aber aus einem Bericht dieses Generals, dass er schon im October sich Kassai unterwerfen musste, und dieser nun immer mehr seine Herrschaft über Tigre befestigte. Er nahm sogar die für unüberwindlich gehaltene Amba Zion in Tigre, wobei verschiedene Kanonen in seine Hände fielen. Der Commandant der Bergfeste übergab sie freiwillig dem aufgehenden Gestirn, und in der That konnte Kassai nunmehr den Titel Negus von Tigre annehmen.

Bald darauf, im November 1867, eröffnete Kassai brieflich mit den Engländern officielle Beziehungen. Sein Brief lautete[24]:

„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes; Ein Gott. Brief, geschickt von Dedjasmadj Kassai, Anführer der Häupter von Abessinien, an den Anführer der britischen Truppen.

„Wie geht’s Ihnen? Gut?

„Durch Gottes Gnade haben wir den Thron unserer Vorfahren bestiegen, den Thron Michael’s, Ulda Salassie’s und Sabagadie’s. Wir sind alte Hausfreunde, von Consul Salt an bis auf Plowden. Ich erwartete einen Brief von Ihnen, aber da keiner kam, habe ich selbst geschrieben. Ich weiss nicht, weshalb Sie kommen. Wenn ich es wüsste, würde mir das Freude machen. Wir sind Hausfreunde. Ich sende Lidj Mircha[25], den Sohn von Atu Wurke, welcher meine Sprache und die Ihrige versteht. Ich sende Ihnen mein Herz und auch Sie, senden Sie mir Ihr Herz! Im Jahre 1860 nach Christi Geburt in der Zeit Johannes’, des Evangelisten, im Monat Hadar, am 18., Mittwochs.“

Am 21. Januar 1868 wurde dann der Gefährte Speke’s, der damalige Major Grant, nach Adua geschickt, um persönlich mit Kassai zu unterhandeln. Am 7. Februar kam Grant zurück und konnte über den schmeichelhaftesten Empfang berichten. Es liegen aus dieser Epoche zwei Briefe Kassai’s vor: an Lord Napier und General Merewether, in welchen der Prinz den Wunsch einer Zusammenkunft mit Lord Napier ausdrückt, die denn endlich auch, und sie ist denkwürdig genug, mit letztem am 25. Februar stattfand, wobei man die Vereinbarungen traf, welche der britischen Armee zum grössten Vortheil gereichten. Welches Unheil hätte in der That der Fürst von Tigre als Feind den englischen Truppen zufügen können! Die Behauptung ist nicht übertrieben, dass er die britische Expedition hätte scheitern machen können. Theodor mit Kassai verbündet! Dann hätte Lord Napier letztern erst unschädlich machen müssen!

Kassai lag natürlich vor allem daran, als Negus Negesti von Lord Napier anerkannt zu werden[26] und letztern zu bewegen, ihn unter allen Umständen gegen seinen mächtigen Rivalen Wagschum Gobesieh zu schützen. Dies konnte indess Lord Napier auf keinen Fall versprechen! Aber nichtsdestoweniger kam ein vorteilhafter Vertrag zu Stande. Kassai garantirte dem englischen Befehlshaber absolute Neutralität, versprach, wöchentlich 60000 Pfund Weizen und Gerste zu liefern, den Telegraphen zu respectiren u.s.w. Es war daher auch nicht zu viel gesagt, wenn es im englischen Rapport hiess: „Kassai’s Freundschaft war von grösster Wichtigkeit“.

Im Verlaufe der britischen, mit so staunenswerther Geschwindigkeit zu Ende geführten Expedition begegnen wir dem Fürsten von Tigre erst wieder beim Abzuge der britischen Truppen. Seinem Versprechen, Prinz Kassai zu belohnen, falls er den Engländern freien Durchgang durch Tigre gewähre, kam Lord Napier in wahrhaft königlicher Weise nach.

Kassai erhielt an Waffen die alten Gewehre vom 3. und 25. Regiment der Eingeborenen, sechs Mörser, sechs Haubitzen, 725 Musketen, 130 Flinten, eine grosse Quantität Munition, Pferde- und Artilleriegeschirr. Ferner Lebensmittel, Kleidungsstücke und Geräthschaften aller Art, kurz alles das, was für den Feldzug der britischen Truppen berechnet gewesen und jetzt überflüssig geworden war. Kassai hatte an Lebensmitteln auf Jahre hinaus Vorrath, und darunter fehlten selbst feinere Sachen nicht, wie Porterbier (230 Gallonen), Zucker centnerweise, Mixed pickles u.s.w.

So ausgerüstet, konnte er es allerdings unternehmen, gegen seine Gegner mit Zuversicht ins Feld zu ziehen. Es kamen ja eigentlich auch nur Gobesieh von Lasta und Menelek von Schoa in Betracht. Letzterer verhielt sich vollkommen ruhig, nur suchte er sich mehr und mehr in seinem eigenen Königreich Schoa zu befestigen, und wie sein grosser Vorfahr öffnete er sein Land bereitwilligst den Europäern, wovon namentlich die Italiener, sowie protestantische Missionare und katholische Bischöfe profitirten. Zwischen Gobesieh und Kassai entbrannte aber gleich der Kampf, der es nach verschiedenen Scharmützeln 1871 zur Entscheidung brachte. Gobesieh, der über eine viel grössere Armee verfügte -- die Engländer geben an, dass ihm zur Zeit ihrer Anwesenheit über 60000 Krieger zu Gebote standen -- hatte keine so guten Waffen wie Kassai. Aber tapfer und unternehmend, war er nach Adua gezogen, um Kassai bei und in seiner eigenen Hauptstadt anzugreifen.

Am 14. Juli 1871 standen sich die beiden Armeen nicht weit von Adua, der Hauptstadt von Tigre, gegenüber.[27] „Man kann heute noch die Knochen dort bleichen sehen“, sagt Raffray, welcher 1873 Abessinien besuchte; „westlich von Adua, auf dem Wege nach Axum liegt ein Hügel, der sich an die Berge lehnt. Auf der Seite dieser Berge stellte Kassai seine kleine Armee auf, ungefähr 12000 Mann stark, während die 60000 Mann Gobesieh’s die Ebene einnahmen, welche aus einem Wald von Spiessen zu bestehen schien. Endlich ertönte allerorts Gewehrfeuer. Aber die stockwerkweise übereinander aufgestellten Soldaten Kassai’s konnten alle zu gleicher Zeit schiessen, während aus der Armee Gobesieh’s nur die erste Reihe Gebrauch von den Feuerwaffen machen konnte. Kassai zeichnete sich durch grosse Tapferkeit aus. Mit einem Knie auf dem Boden, zielte er auf seine Feinde, unbeweglich und unbekümmert um die Gefahr, und jede Kugel brachte dem Gegner den Tod. Gobesieh, der seine Leute dadurch decimirt sah, wollte selbst den Hügel erstürmen, aber sein von einer Kugel getroffenes Pferd überschlug sich und stürzte mit ihm zu Boden. Jetzt brachen die Tigrenser hervor, und Gobesieh wurde gefangen genommen. Der Schatz und die Papiere Gobesieh’s fielen in Kassai’s Hände.“

Raffray sagt ferner: „Der Gebrauch des Landes erheischte es, Gobesieh die Augen aus dem Kopfe springen zu lassen und zwar dadurch, dass man die Ohren mit Pulver vollstopfte und sodann den Schädel durch Explosion sprengte. Kassai wandelte jedoch die Strafe um: man blendete Gobesieh einfach die Augen durch ein im Feuer geröthetes Eisen. Man legte ihm sodann silberne Ketten an und sperrte ihn auf Amba Salama ein, wo er bald darauf gestorben sein soll.“

Nach einem solchen Siege konnte Kassai daran denken, sich krönen zu lassen. In der That geschah das etwa ein halbes Jahr später, am 21. Januar 1872, in der alten Kaiserstadt Axum. Dr. Wilhelm Schimper, der zu der Zeit noch lebte, wohnte derselben bei und hat uns darüber in der „Zeitschrift für Erdkunde“, 1872, S. 270, berichtet: „Dieselbe wurde durch einen aus Aegypten verschriebenen koptischen Bischof[28] vollzogen und nahm Kassai nun den Namen Johannes an. Einige 1871 nach Abessinien gekommene italienische Arbeiter, namentlich die Gebrüder Naretti[29], hatten für den Kaiser -- Negussa Negesti, König der Könige, lässt sich der Kürze halber durch Kaiser wiedergeben -- ein sehr prächtiges Throngestell nebst Sessel angefertigt. Da letzteres aber nicht lang genug war, um bequem darauf liegen zu können, so liess Kassai an dessen Stelle eine Art Bett herrichten.“ Die weitern Ausführungen Dr. Schimper’s seien hier übergangen, wie es denn auch absolut unmöglich ist, dass, wie Schimper berichtet, acht Tage nach der Krönung ein Priester in Axum den Kaiser und den Abuna in den Bann gethan hätte. Schimper war überhaupt sehr schlecht auf den jetzigen Kaiser zu sprechen, und die üble Behandlung seiner Tochter[30] konnte die Beziehungen nicht verbessern. Leider sind aber überhaupt die Berichte dieses sonst so ausgezeichneten Forschers keineswegs unparteiisch und vollkommen wahr, wie denn selbst der junge Schimper, der Sohn des berühmten Gelehrten, oft genug die Unzuverlässigkeit und den grossen Leichtsinn seines Vaters bis in dessen spätestes Greisenalter hinein beklagte.[31]

Kassai hätte jetzt mit Ruhe an die Befestigung seiner Herrschaft in Abessinien denken können, wenn ihm nicht, und zwar schon im Jahre seiner Krönung, ein äusserer Feind in Werner Munzinger entstanden wäre.

Munzinger hat zu tief in die Geschichte und die staatliche Geographie Abessiniens eingegriffen, als dass nicht ein Wort über ihn hier am Platze wäre.

Munzinger hatte den britischen Feldzug in Abessinien mitgemacht. Französischer und englischer Consul zugleich, war er officiell nach der britischen Campagne nur noch französischer Consul in Massaua. England hielt es für unnütz, in Abessinien einen Vertreter zu unterhalten, da es glaubte, für lange Zeit in diesem Lande vollkommen aufgeräumt zu haben. „Dieses Land hat durchaus kein Interesse für Grossbritannien“, äusserte Lord Napier, „unsere Kaufleute wollen von commerziellen Beziehungen mit Abessinien nichts wissen.“ Aber Frankreich, schon blos der Thätigkeit seiner Missionare wegen, musste dort einen Consul haben. Trotzdem die Herrscher Abessiniens so und so oft in nicht miszuverstehender Weise den französischen Repräsentanten ihr Misfallen zu verstehen gaben[32], kommen sie immer wieder, zum Theil aus religiösen Gründen, auf ihre vermeintliche Unentbehrlichkeit zurück. „Nous sommes tellement aimés par ces peuples“, sagen sie, gerade wie sie es sich stets in Beziehung auf ihre Unterthanen in Südalgerien einbilden, und merken dabei nie, dass man ihnen empfiehlt, sie möchten die Thür von aussen zumachen. Munzinger war französischer Consul 1869-71, obschon kein einziger französischer Unterthan seinen Schutz beanspruchte.

Die britische Expedition hatte aber die Aufmerksamkeit des Chedive auf ihn gelenkt. Ismaël war ein weitschauender Mann. Mag man noch so sehr gegen ihn sprechen, die Geschichte wird ihm einst Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sein Unglück, seine Entthronung wurde hauptsächlich durch europäische Speculanten und Schwindler herbeigeführt. Besonders französische Abenteurer, welche zu Hause kein Brot hatten, überschwemmten das Land, und die unglaublichsten Dinge kamen vor, welche den Chedive Ismaël in den Bankrott trieben.

Und mag man nun über Munzinger[33], welcher den Chedive zu den unglücklichen Feldzügen gegen Abessinien zu verleiten wusste, urtheilen wie man will: die Meinung kann man ihm nicht ersparen, dass alle seine Beweggründe sich auf maasslosen persönlichen Ehrgeiz zurückführen lassen. Keineswegs sollen hiermit auch nur irgendwie die grossen wissenschaftlichen Verdienste Munzinger’s um die Erforschung Afrikas in Schatten gestellt werden. Seine „Ostafrikanischen Studien“ und besonders viele gelehrte Abhandlungen in den Petermann’schen „Mittheilungen“ werden stets ein glänzendes Zeugniss seines Wissens und seiner vorzüglichen Beobachtungsgabe bleiben. Von Geburt Schweizer, war in seinem Denken und gründlichem Wissen der so früh Dahingeschiedene ein Deutscher. Auch die politisch-administrativen Talente Munzinger’s wollen wir nicht in Abrede stellen. Im britischen Feldzuge gegen Theodor lagen oft die politischen Fäden mit den eingeborenen äthiopischen Fürsten ausschliesslich in der Hand Munzinger’s. Noch weniger soll irgendwie sein Charakter als Privatmann verdunkelt werden: ich selbst habe während der britischen Expedition und mit mir unsere Landsleute, Graf Seckendorf und Herr Stumm, zu oft Beweise seiner Güte und seiner Liebenswürdigkeit erhalten. Auch die zuerst von ägyptischen Beamten gegen ihn erhobenen Vorwürfe wegen übertriebener Grausamkeiten glaube ich zurückweisen zu müssen, denn Munzinger, ein zu guter Kenner der Eingeborenen und ihrer Verhältnisse, wusste zu gut, dass im dortigen Lande ein Regieren mit Phrasen und philanthropischen Redensarten unmöglich ist.

Aber blos aus persönlichem Ehrgeiz Tausende von Menschen in den Tod stürzen, ganze Provinzen auf Jahre hinaus unglücklich machen, kann das gutgeheissen werden? Konnte denn überhaupt schon die ägyptische Civilisation, ich meine die, welche sich in den sudanischen Provinzen dieses grossen Reichs breitmacht, würdiger auftreten und menschenbeglückender arbeiten, als dies unter den bestehenden Verhältnissen der Fall war? Und hatte nicht Munzinger schon 1871 den ausgesprochenen Wunsch, anstatt chedivialischer Gouverneur von Ostsudan, abessinischer Vicekönig zu werden? Es könnte eine solche Behauptung übertrieben erscheinen, aber für Munzinger galt es als nicht unausführbar. Der Chedive stand damals im Zenith seiner Macht. Wenn er auch verpasst hatte, im richtigen Augenblick sich unabhängig zu erklären, so hatte er doch eben erst bei Eröffnung des Sueskanals die Repräsentanten der mächtigsten Staaten Europas als Gäste im Lande der Pharaonen bewirthet und im Süden grosse, unbegrenzte Gebiete und Länder seinem Reiche einverleibt. Einen Theil davon beherrschte Munzinger und zwar durchaus unabhängig, Herr über Leben und Tod. Man wird es verstehen, dass ein solcher, mit solcher Machtvollkommenheit ausgestatteter Mann nach dem höchsten Ziele streben konnte. Vielleicht nährte Munzinger auch im Innersten seines Busens den Plan, nach der obwol mit ägyptischer Hülfe vollendeten Besiegung und Unterjochung Abessiniens sich von Aegypten ganz unabhängig zu machen. Munzinger war vollkommen der tigrischen Sprache mächtig; er verstand es, sich der Denkungsweise, den Anschauungen und Sitten der Abessinier durchaus anzubequemen; er war verheirathet mit einer Abessinierin und hatte durch Bekanntschaft und Verwandtschaft mit mächtigen eingeborenen Familien durchs ganze äthiopische Land enge Beziehungen.

Im Sommer 1872 nahm Munzinger die beiden abessinischen Provinzen Bogos und Halhal für Aegypten in Besitz[34], und zur Belohnung dafür wurde er vom Chedive im selben Jahre[35] mit der Würde und dem Titel eines Pascha belehnt. Im Herbst 1873 legte Munzinger dem Chedive seinen Plan vor, ganz Abessinien zu erobern. Munzinger glaubte fest an das Gelingen seines Unternehmens: Bogos u.s.w. hatte er ja mit leichter Mühe unterworfen, und für Aegypten waren diese nördlichen Gebiete insofern von grosser Wichtigkeit, als man nun eine ununterbrochene Strasse, eine beständige Verbindung herstellen konnte zwischen Kassala, Gedaref und Massaua. Bislang musste man, wollte man nicht einen grossen Umweg machen oder den Weg über Suakin einschlagen, über abessinisches Gebiet reisen. Eine Telegraphenlinie wurde sogleich errichtet und Senhit als Festung angelegt. Munzinger entfaltete die grösste Energie und Thätigkeit, um den leicht gewonnenen Besitz dem Chedive zu sichern. Der Negus, denn Kassai hatte sich mittlerweile schon zum Kaiser krönen lassen, musste, Wuth und Grimm im Herzen, dem Vorgehen Munzinger’s, der Einverleibung des nördlichen Theils von Abessinien in Aegypten zuschauen, da ihm ein neuer mächtiger Feind mitten in Aethiopien entstanden war. Nach der Unschädlichmachung Gobesieh’s empörte sich Ras Adal, Herrscher von Godjam. Johannes war vollkommen ohnmächtig, er konnte Munzinger keinen einzigen Soldaten entgegenstellen.

Wenn man nun bedenkt, wie Munzinger, einer der rührigsten Theilnehmer der englischen Expedition, noch ganz unter dem Eindruck der Leichtigkeit des britischen Erfolgs stehen musste, so wird man es vollkommen begreiflich finden, dass er fest vom Gelingen seiner Pläne überzeugt war. Und jetzt hatte er ja selbst schon einen Erfolg aufzuweisen und zwar einen sehr bedeutenden.

Trotz seines Erfolgs stand aber Munzinger nicht fest im Vertrauen des Chedive. Mochte von seinen Plänen einiges lautbar geworden sein, mochte man ihm seinen Erfolg neiden, oder verstand er es nicht, auf orientalische Weise zu kriechen -- als man 1875 den Feldzug unternahm, war Munzinger nicht mehr Gouverneur, sondern Arakel Bei hatte ihn ersetzt.

Der von Aegypten in Scene gesetzte Feldzug wurde mit grösster Heimlichkeit ausgeführt. Wie viele Truppen man 1875 einrücken liess, lässt sich nicht bestimmen. Auf dem Kriegsministerium in Kairo wird man es auch nicht wissen. Nach den entsetzlichen Niederlagen liegt erst recht kein Grund vor, der Mitwelt bekannt zu geben, wie gross der Verlust gewesen.

Das Obercommando hatte man Arakel Bei, einem Neffen Nubar Pascha’s, übertragen, einem talentvollen, tüchtigen Manne, aber von Haus aus keineswegs gelernten Soldaten. Darauf kommt es ja auch in der Türkei und Aegypten nicht an. Die eigentliche höchste militärische Spitze war aber Arendrup Bei, dänischer Oberst a. D., wie denn überhaupt in der ägyptischen Armee viele europäische und namentlich auch amerikanische Offiziere dienten, letztere besonders aus der secessionistischen Armee. Der Ausgangspunkt war Massaua, und für die vollendete Expedition Senhit. Nach den Aussagen der Abessinier rückten die Aegypter mit 7000 Mann ein, wie jedoch letztere behaupten, nur mit drei Bataillonen. Es ist aber kaum glaublich, dass man mit einer so geringen Zahl die Eroberung Aduas unternommen hätte. Denn die Unterwerfung Tigres war das Nächste, was man wollte.

Die ägyptische Armee bewegte sich in kleinen Tagemärschen geradewegs südlich, und da sie sich auf dem Höhenzuge vom rechten Mareb-Ufer hielt, konnte sie ohne zu grosse Naturhindernisse vorwärts kommen. Ausgerüstet war dieselbe mit vorzüglichen Waffen neuester Construction. Die Soldaten hatten Remington-Gewehre, die Artillerie bestand aus Hinterlader-Kanonen. Bekleidung, Verpflegung, Ausrüstung -- nichts mangelte in dieser Beziehung. Die Offiziere waren viel luxuriöser versorgt als damals die englischen während ihres Feldzugs in Abessinien. Aber es fehlte viel, was zu einem Gelingen berechtigte. Niemand kannte das Land, die allergewöhnlichsten Vorsichtsmaassregeln, welche beim Vorrücken in einem feindlichen Lande so nothwendig sind, liess man ausser Acht, strategischer Blick scheint keinem der höhern Offiziere eigen gewesen zu sein, und man hätte nicht vergessen sollen, dass die Taktik in einem Lande wie Abessinien, und einem Volke wie den Abessiniern gegenüber, eine ganz andere sein muss als in Europa, und wiederum eine andere, als man sie fast wehrlosen centralafrikanischen Negerstämmen gegenüber ausübte.

Mittlerweile bezwang Negus Johann seinen Gegner Ras Adal. Bedeutend besserer Politiker als Theodor, sein Vorgänger, bestätigte er Ras Adal nicht nur in seiner Regentschaft, sondern verpflichtete ihn auch grossmüthig durch Ueberlassung von Waffen und Munition. Er befand sich bei der Kunde vom Anmarsch der ägyptischen Armee in Enderta[36] und zog nun in Eilmärschen mit seinem ganzen Heere den Aegyptern entgegen. Anfangs -- nach eigener Erzählung des Kaisers Johann -- hatte er die Absicht, die feindliche Armee hinter dem Mareb zu erwarten. Der Mareb, welcher bis ca. 14° 80′ einen vollkommen südlichen Lauf nimmt, biegt dann ziemlich plötzlich nach Westen um und bildet so die Grenze des eigentlichen Tigre. Mitte November stand Johannes mit seinen Abessiniern schon am Mareb. Die Armee mochte 50000 Streiter zählen. Genau weiss der Kaiser von Abessinien nie, wie viele Soldaten ihm zur Verfügung stehen, da schriftliche Listen u.s.w. unbekannt sind. Die Abessinier hatten sechs Geschütze bei sich, waren aber im übrigen schlecht bewaffnet. Man wird sich erinnern, dass ihnen Lord Napier nur alte Waffen überliess.

Schon am 15. November 1875 kam es zwischen den Aegyptern, von denen einige kleine Abtheilungen sich bis zum Mareb vorgewagt hatten, und Vorläufern der abessinischen Armee zu Plänkeleien. Der Negus, von allen Vorgängen der ägyptischen Armee, von jeder noch so geringfügigen Bewegung derselben aufs genaueste durch die Landleute unterrichtet, beschloss nun, mit der Armee vorzurücken. Unglücklicherweise war aber Arakel Bei gar nicht von den Unternehmungen der Abessinier unterrichtet, sondern im Gegentheil durch falsche Nachrichten irregeführt. So wusste er gar nicht einmal, dass er sich dem Negus und der Hauptarmee der Abessinier gegenüber befand, sondern glaubte, er habe es nur mit Banden zu thun. Unbegreiflicherweise begann er bei Mai Scheko den Abstieg, welcher von fast senkrechten Wänden zwischen Basaltsäulen hindurch beginnt und zu einem der schwierigsten in Nordabessinien gehört. Weshalb man überhaupt mit einer Armee diesen Weg nach Adua wählte, der freilich von Senhit aus der kürzeste, aber der schwierigste war, ist unerfindlich.

Zur selben Zeit begann aber der Negus den Aufmarsch. Während er selbst auf andern Wegen und ohne Gepäck mit einer Abtheilung seiner Armee das Ufer von Mai-Tsade bestieg, schickte er einen seiner besten Generale, den Ras Alula, auf die Anhöhen von Gundet. In Adirbate stand die Reserve, welche einen etwaigen Durchbruch nach Süden verhindern sollte. Die Strasse nach Godofelassie hatte man offen gelassen. Auf diese zu, sobald die Hauptarmee der Aegypter im Thale von Gudda-Guddi angekommen war, bewegten sich concentrisch der Negus und Ras Alula. Am 17. November waren die Aegypter schon verloren. Sie befanden sich wie in einer Mausefalle. Jede Disciplin hatte aufgehört. Einzelne Abtheilungen versuchten zwar, bis zum Mareb vorzudringen, wurden aber aus den Wäldern von unsichtbaren Feinden erschossen. Auf die Anhöhe zurückzukehren war vollkommen unmöglich. Ich habe selbst diesen Weg genommen und kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass der Aufstieg ein wahnsinniges Unternehmen gewesen wäre.

Gudda-Guddi ist ein schmales Thal; es heisst auch Gundet, nach den auf der linken Bergseite des Thals gelegenen Dörfern. Gudda-Guddi speciell sind einige Wasserlöcher oder Quellen, in deren Besitz sich die Aegypter gesetzt hatten. Unter fortwährendem Schiessen seitens der Abessinier, welche von den Anhöhen herab auf die Aegypter feuerten, ohne dass diese das Feuer zu erwidern vermochten, zogen sich die letzten Truppen unter Oberst Arendrup zwischen dicht bei den Quellen liegende Granitblöcke zurück und suchten sich hier zu befestigen. Die Blöcke sind haushoch, liegen dicht zerstreut beieinander und hätten mit ihren senkrechten Wänden, wenn man Zeit gehabt hätte, die Lücken zwischen den Blöcken zu schliessen, eine gute Redoute abgegeben. Aber diese Zeit mangelte. Sobald der Kaiser von oben her wahrnahm, dass dieses Häuflein -- von Arendrup hatte noch ca. 4-500 Mann -- sich den mörderischen Kugeln zu entziehen versuchte, stürzte er nach. Was vermochten die paar hundert gegen Tausende fanatisirter beutelustiger Krieger! Wirkte jetzt auch manche ägyptische Kugel verderbenbringend, denn bei dieser letzten Action fielen einige hundert Abessinier, am Ende musste man der Uebermacht weichen. Am 18. November lebte kein kampffähiger Aegypter mehr. Das Abschlachten des Arendrup’schen Häufleins begann um 9 Uhr morgens, um 3 Uhr nachmittags war alles vorbei. Von den Höhen hatte ein Bataillon Aegypter, welches bei Mai Scheka aufgestellt gewesen war, der Tödtung seiner Kameraden, ohne helfen zu können, zusehen müssen. Als sie sich anschicken wollten, herabzusteigen, rückten die abessinischen Truppen heran, und in wilder Flucht mussten sie sich zurückziehen. Viele von ihnen wurden noch, ehe sie die sichern Mauern von Senhit erreichten, unterwegs ermordet, denn nicht nur die Soldaten verfolgten sie, sondern auch die abessinische Landbevölkerung schlug jeden Aegypter todt, wo sie ihn fand.

Am 18. November 1875 hatte das Schlachten aufgehört. Alle Aegypter, mit Ausnahme des Bataillons, welches nicht in den Abgrund von Gudda-Guddi hinabstieg, waren getödtet. Man liess allerdings viele lebendig auf dem Schlachtfeld liegen, aber als -- Entmannte! Einige derselben pflegte man sorgfältig, aber nur damit sie im Stande wären, die Kunde dieser grauenvollen Niederlage nach Massaua und Senhit zu bringen. Alle übrigen waren niedergemetzelt worden. Einen österreichischen Grafen Zichy, welcher auch in der ägyptischen Armee diente, fand man als Schwerverwundeten zwei Tage nach der Schlacht und verpflegte ihn auf Verwendung des französischen Viceconsuls in Massaua, Mr. de Sarzec. Auch er starb, und nur auf wiederholtes Bitten des Consuls gestattete der Negus ein christliches Begräbniss in Aderbati.

Die Niederlage war so gross und empfindlich für die Aegypter gewesen, dass die Localbehörden darüber gar nicht nach Kairo zu berichten wagten. Man sagte einfach, man habe die Schlacht verloren, aber man verschwieg die grauenhaften Umstände, unter denen das Abmorden vor sich ging.

Die ägyptische Regierung hatte Munzinger, der, wie wir früher gesehen, von Massaua entfernt worden war, nach Berbera geschickt, um die Küste von Seila bis Cap Gardafui in Beschlag zu nehmen. Diese bis dahin unabhängig gewesene Küste wurde nun mit einem mal unter Munzinger und auf dessen Anregung ägyptisch. Aber nicht nur an der Küste, sondern auch im Innern wusste der Chedive seine Macht zu begründen, indem er 1875 die bedeutende Oase Harar seinem Reiche einverleibte. Munzinger rastete keinen Augenblick. Er hatte mit Negus Menelek von Schoa ein Bündniss abgeschlossen, und es war ausgemacht worden, dass, während Arakel Bei vom Norden her den Negus Negesti angriffe, Munzinger vom Süden her mit dem Negus Menelek einen Einfall in Abessinien unternehmen sollte. Dass dieser kein Freund von Johannes war, dass er selbst nach der Würde der äthiopischen Kaiserkrone strebte, haben wir eingangs dieses Kapitels erfahren. Allerdings hätte dieses Unternehmen von zwei Seiten her für den jetzigen Kaiser von Abessinien bedenklich werden können. Aber Munzinger ging zu sorglos vor, er war kein Soldat, er unterschätzte offenbar die Eingeborenen, indem er sich auf seine gelegentlich des englischen Feldzugs gemachten Erfahrungen verliess. Von Tadjura im Herbst 1875 aufbrechend, an der Spitze einiger hundert Soldaten, hätte er wol mit dieser vorzüglich ausgerüsteten Truppe Schoa erreichen können, wenn dies stets unter militärischen Vorsichtsmaassregeln geschehen wäre; aber als er nachts bei Aussa lagerte und sämmtliche Wachen vor Ermüdung und Hunger dienstuntüchtig waren, überfielen ihn Galla. „Der Kampf dauerte bis 8 Uhr morgens; 175 ägyptische Leichen und 500 todte Galla bedeckten die Walstatt. Munzinger, welcher sich mit seiner Frau mitten im Lager, in seinem Zelt befand, wurde nicht ermordet, sondern er fiel kämpfend, sich vertheidigend, nachdem er selbst mit einem Gewehrschuss und zwei Revolverschüssen drei der anstürmenden Galla niedergestreckt hatte. Er erhielt einen Säbelhieb auf den Kopf, ein zweiter zerschmetterte ihm den linken Schulterknochen; ferner erhielt er noch fünf Lanzenstiche, aber er starb erst um 12 Uhr mittags. Es war eine vollständige Verwirrung und ein furchtbares Gemetzel. In wilder Flucht retteten sich die wenigen überlebenden Aegypter nach der Küste zurück, und auf der Flucht starben von ihnen noch ungefähr funfzig.“[37] So endete auch dieses Unternehmen für Aegypten sehr unglücklich, aber keineswegs konnte das den Chedive von weitern Unternehmungen gegen Abessinien abschrecken. Vielleicht jedoch hatte man ihm dieses Unglück in seiner ganzen Grösse nicht gemeldet, sondern einfach gesagt, Munzinger sei ermordet. Die Wissenschaft erlitt aber durch den Tod Munzinger’s einen schweren Verlust, denn neben seinen ehrgeizigen Unternehmungen fand er noch stets Zeit zu ethnographischen und linguistischen Studien.

Die nun geplante Expedition, zu welcher allerdings auch jetzt nicht der mindeste Grund vorlag, wurde mit grosser Sorgfalt ausgerüstet. Zum Oberstcommandirenden ernannte der Chedive seinen Sohn Hassan.

Prinz Hassan, dritter Sohn des Chedive, war 1873 nach Berlin geschickt worden, um sich militärisch auszubilden. Den Dragonern zugetheilt, that er Lieutenantsdienst bei dieser Waffe und wurde, als er nach etwa zweijährigem Dienste Abschied nahm, mit dem titulären Majorscharakter vom Kaiser entlassen. Nun soll gewiss nicht bestritten werden, dass ein deutscher Major ebenso viel vom Kriegshandwerk versteht wie ein türkischer oder ägyptischer General; aber bei der Jugend des Prinzen war es doch ein wenig gewagt, ihn gleich an die Spitze einer Armee zu stellen. In Deutschland würde man dies nicht gethan haben. Mit seiner Truppe holte sich dann Prinz Hassan im russisch-türkischen Feldzug auch keinen Lorber. Aber Vorwürfe kann man ihm auch nicht machen. Und nun sollte er gar nach Abessinien!

Diesmal wurden 25 Bataillone nach Massaua geschickt, eine ungeheuere Menge Kriegsmaterial mit verladen und nach sorgfältig angestellten Terrainstudien eine ganz andere Route gewählt, welche zwar anfangs grössere Schwierigkeiten bot, aber directer auf Massaua zurückführte und eine kürzere und mehr sichere Linie auf der Basis bildete. Man ging von Massaua direct in den Bergfalten nach Gura, wo man alsbald ein regelrecht befestigtes Werk errichtete, welches 15000 Soldaten aufzunehmen vermochte.

Im Februar brach die Armee von Massaua auf, und der Aufmarsch wurde ohne Verlust bewerkstelligt. Die ägyptische Regierung hatte von Kairo ganz neue Truppen geschickt und ohne Aufenthalt über Massaua weiter befördert, damit sie durch Erzählungen einiger von Gudda-Guddi entronnenen Entmannten nicht entmuthigt würden. Dennoch ging man nicht siegestrunken in den Kampf. Gerüchte von der Grausamkeit der Abessinier, namentlich die Gewissheit, dass die Abessinier keine Gefangenen machten, sondern jeden, der in ihre Hände gerieth, abzuschlachten pflegten, erweckten ein gewisses unheimliches Gefühl. Und wofür sollten denn auch die Aegypter sich begeistern? Was konnte dem ägyptischen Soldaten im besten Falle geboten werden? Ruhm? Kaum! Denn wer erfuhr von ihrem etwaigen Siege über die Abessinier? Schätze? Die Abessinier hatten und haben ja nichts. Das ganze Eigenthum des abessinischen Soldaten besteht nur in seiner Waffe von zweifelhafter Güte, in seiner schlechten, schmuzstrotzenden Schama.[38] Länderbesitz? Was ging es den Soldaten an, dass der Chedive noch so und so viele Quadratkilometer seinen weiten Besitzungen hinzufügen wollte? Fanatismus? Die ägyptischen Soldaten haben von Natur aus keinen Religionshass, und namentlich die schwarzen Kinder Sudans versuchten während der grässlichen Niederlagen bei Gudda-Guddi und Gura oft genug, das Herz ihrer Feinde zu rühren, indem sie sich bereit erklärten, auf der Stelle zum Christenthum überzutreten, falls man sie nicht entmanne, falls man ihnen nur das Leben lasse.

Mit aller Anstrengung arbeiteten die Aegypter, ihr Werk sturmfest und für die Abessinier uneinnehmbar zu machen, was ihnen in kurzer Zeit gelang.

Aber auch der Kaiser von Abessinien war nicht unthätig gewesen. Boten, welche das Land durchzogen, die Priester in den Kirchen riefen und predigten zum Kampf für das Vaterland gegen die ungläubigen Mohammedaner. Durch Herolde liess der Kaiser verkünden, es gelte, die Frauen und Töchter zu schützen, welche die Aegypter in ihre Harems schleppen wollten; Männer und Jünglinge sollten zum Schwert greifen, um die Bibel gegen den Koran zu vertheidigen. Und alle folgten dem Rufe. Auch der mächtige Ras Adal kam mit seiner ganzen Armee. Ganz Abessinien erhob sich, die Gefahr hatte alle geeinigt. Selbst Menelek von Schoa, der doch eben erst ein Bündniss mit Aegypten abgeschlossen, wagte nicht, sich der allgemeinen Strömung entgegenzusetzen, und wenn er auch nicht selbst kam, so schickte er doch Truppen, Geld und Vorräthe. Der Chedive hätte dem Kaiser Johann keinen grössern Gefallen thun können als mit diesem zweiten, ohne Ursache, ohne jeglichen Grund unternommenen Einfall. Zum ersten mal, seit Hunderten von Jahren, stand das Aethiopische Reich geeint da, einem einzigen Führer, dem Negus Negesti gehorchend.

Der Negus verfügte über ca. 200000 Bewaffnete: in der That eine Achtung gebietende Macht, wenn man bedenkt, dass Abessinien kaum 1,500000 Einwohner haben dürfte; dass das Land keine Wege und Stege besitzt; dass die Verbindungen sehr schwierig, oft durch reissend und tief gewordene Ströme ganz unmöglich geworden sind. Und in kurzer Zeit geschah die Zusammenbringung so vieler Krieger! An Geschützen besass Johannes etwa ein Dutzend, mit Gewehren Bewaffnete etwa 10000, alle übrigen hatten nur Lanzen[39], Schwerter und Schilde. An Pferden (Cavalerie) standen dem Kaiser höchstens einige hundert zu Gebote. So vorzüglich die abessinischen Pferde und namentlich so billig sie sind, so gibt es doch keine eigentliche Cavalerie. Dem gegenüber standen 20000 mit Remington bewaffnete, aufs vorzüglichste ausgerüstete und eingeübte[40] ägyptische Soldaten. 24 Geschütze vertheidigten das Fort von Gura, es war natürlich Feldartillerie. Cavalerie hatten die Aegypter nicht mit heraufgebracht. In dieser Beziehung also standen beide Armeen sich gleich.

Aber die Abessinier waren elektrisirt durch den Gedanken an die Vertheidigung ihres Vaterlandes, ihrer Frauen, ihrer Kinder, und fanatisirt durch die Aussicht, gegen die Ungläubigen kämpfen, für die christliche Religion sterben zu können.

Die Truppen lagen sich eine Zeit lang unthätig gegenüber, nur hin und wieder fanden kleine Scharmützel statt, welche bald mit dem Siege der einen, bald mit dem der andern Partei endeten. Und die Sache hätte für die Abessinier sehr schlimm werden können, wenn die Aegypter ruhig und defensiv in ihrem Fort geblieben wären. Die Einnahme desselben durch Sturm war einfach unmöglich.

Da geschah das Unglaubliche, dass Prinz Hassan am 7. März die Truppen ausrücken und angreifen liess. Der blutigste Kampf entspann sich, ein Kampf, wie er wol nie in Abessinien ausgefochten ward. Solche Feinde hatten sich nie gegenübergestanden. Selbst die Schlachten zur Zeit der Portugiesen und des Sultans Mohammed Granje waren nichts dagegen. Die Aegypter, abgedrängt von der Festung, von der kolossalen Uebermacht fast erdrückt, kämpften wie Verzweifelte. Die Aussicht, entmannt und getödtet zu werden, machte sie tapfer. Sie wussten, es galt siegen oder sterben. Aber immer mehr schmolzen die Aegypter zum Häuflein zusammen. Zwanzig Bataillone waren bis abends niedergemetzelt, und wenn die Abessinier auch den doppelten Verlust erlitten: sie konnten stets die empfindlichen Lücken, welche das Schnellfeuer der Aegypter in ihren Reihen anrichtete, wieder ausfüllen. Der Prinz Hassan war überall. Tapfer focht er wie ein gemeiner Soldat, zwei Pferde wurden ihm nacheinander unter dem Leibe erschossen. Ebenso aber wusste der Kaiser von Abessinien durch sein persönliches Eingreifen seine Leute zu entflammen. Zuletzt nur noch ein Morden und Schlachten, denn nachmittags war man handgemein geworden. Die Abessinier sowol wie die vom Fort abgedrängten Aegypter hatten sich verschossen. Beiden Theilen fehlte die Munition.

Endlich gegen Abend gelang es Prinz Hassan, mit einigen Bataillonen trotz der Terrainschwierigkeit das Fort wiederzugewinnen. Die Abessinier aber drängten nach. Welche Nachlässigkeit! Der Festungscommandant, der es versäumte, gleich mit Kartätschen dareinzuschiessen, auch auf die Gefahr hin, 50-100 Aegypter mit tödten zu müssen, um durch Schnell- und Massenfeuer den Abessiniern den Eingang zu verwehren!

Kaum gelang es dem Prinzen Hassan, mit einigen hundert Mann sich in einen im Fort befindlichen Reduit zu flüchten. Hier befand er sich vorläufig in Sicherheit, hier hatte er noch einige Geschütze, Waffen, Munition, Lebensmittel, nur kein Wasser. Aber es war Nacht geworden, und so konnte er nicht verhindern, dass man alle übrigen Truppen abschlachtete, dass die Kanonen des Forts, die Lebensmittel, die Munition in die Hände der Sieger fielen. Ungefähr 50000 Menschen bedeckten das Schlachtfeld, einige leicht, einige schwer verwundet. Alle Lebenden wurden entmannt. Die Todten waren glücklicherweise die Mehrzahl. Der Kaiser von Abessinien hatte am 7. März 1876 den vollkommensten Sieg erfochten und eine der grössten Schlachten geschlagen, die je in Abessinien stattfanden.

Prinz Hassan fing sogleich Unterhandlungen an. Er erbot sich, bei seinem Vater die Abtretung von Bogos und Mensa zu erwirken, ein hohes Lösegeld zu zahlen. Aber der Negus, welcher mittlerweile das Fort wieder hatte räumen lassen, verlangte unbedingte Unterwerfung. Er liess das Fort räumen, weil bei Tage Prinz Hassan aus dem Reduit ihn hätte beschiessen können. Ausserdem war der Prinz wegen Wassermangels zur baldigen Uebergabe gezwungen. Mit dem Sohne -- dem Lieblingssohne -- des Chedive in Händen, hätte der Negus alles erlangen können[41]: Massaua, die Ansley Bai, Kassala, Gedaref, Harar, kurz alles, was die Aegypter den Abessiniern seit Theodor’s Tod abgenommen hatten. Aber an Unterwerfung dachte Prinz Hassan nicht. Vielleicht fürchtete er einen erzwungenen Uebertritt zum Christenthum oder das noch schlimmere Schicksal seiner meisten Kameraden, obschon mit Unrecht, denn der Kaiser, so unerbittlich er sich gegen die übrigen Aegypter gezeigt, würde doch das Leben und die Gesundheit des Sohnes des Chedive geschont haben.

Mittlerweile, fast in Verzweiflung, knüpfte Prinz Hassan directe Unterhandlungen an mit dem abessinischen Anführer Ras Bariu, welcher mit seiner Truppe den Weg von Gura nach Massaua versperrt hielt. Und hier war er glücklicher. Gegen Auslieferung der Kriegskasse, in welcher sich 20000 Pfd. St. in Gold und ca. 30000 Thaler (österreichische Maria-Theresienthaler) in Silber befanden, liess Ras Bariu seine Truppen rücken, sodass Prinz Hassan in der Nacht vom 8. auf den 9. März durch die Lücke hindurch entfliehen konnte. Er erreichte ganz allein[42], zu Pferde, um Mitternacht am 9. März Massaua, die wenigen Soldaten, todmüde, halb verhungert und verdurstet, welche mit entfliehen konnten, trafen erst am Morgen des 10. März ein. Schreckliches Ende einer Unternehmung, die man ohne jeglichen Grund anfing, welche Tausenden von Menschen einen schmachvollen Tod bereitete und welche zurückgeführt werden muss auf den Ehrgeiz nur einiger wenigen.

Ras Bariu sollte übrigens seines Geldes nicht froh werden. Die Nachricht von der Flucht des Prinzen verbreitete sich am andern Morgen sofort durchs ganze Lager. Wie konnte so etwas auch verborgen bleiben! Kaiser Johannes eilte herbei, und ehe der Verräther Zeit hatte, mit der Kriegskasse zu fliehen, hatte sich der Negus Negesti in Besitz derselben gesetzt und den Ras gefangen genommen. Man behandelte ihn glimpflich. Beweisen konnte man ihm auch ein Einverständniss mit Prinz Hassan nicht. Das Zerrissene der Gegend, die Dunkelheit der Nacht konnte, bis zu einem gewissen Grad wenigstens, als eine Entschuldigung für ihn gelten. Man blendete ihn daher blos und steckte ihn für immer auf eine Amba.

DRITTES KAPITEL.

FORTSETZUNG DER NEUESTEN GESCHICHTE ABESSINIENS.

Menelek von Schoa. -- Aegypten und Abessinien. -- Mitchell’s Gefangennahme. -- Negus Johannes und König Menelek. -- Gordon Pascha. -- Johannes schreibt an Gordon. -- Gordon’s Unterredung mit Johannes zu Debra Tabor. -- Johannes schreibt an den Chedive. -- Johannes schreibt an die Grossmächte Europas. -- Gordon verlässt den ägyptischen Dienst. -- Gordon’s Brief an die Times. -- Der griechische Consul Herr Mitzaki.

Durch den Sieg von Gura am 7. März 1876 änderten sich zauberhaft schnell die staatlichen Verhältnisse Abessiniens. Die dem Negus Negesti bislang von vielen verweigerte Anerkennung verwandelte sich in Unterwerfung. Empörungen gibt es ja immer in Abessinien, und das, was man in den Culturländern Europas, in Frankreich, Deutschland und England, durch „mittelalterliche Zustände“ bezeichnet, ist eben im äthiopischen Reiche noch in vollster Blüte. Aber die Grossen, die Fürsten und Könige im Lande standen nun fest zum Kaiser. Man sah in ihm ein Werkzeug Gottes, einen Auserwählten. Zweimal hatte er den Erzfeind des Landes, den verhassten Mohammedaner, geschlagen. Nur durch den directen Beistand Gottes konnte das geschehen sein! Die Priesterschaft forderte daher den Negus Negesti auf, officiell seinen Titeln hinzuzufügen: „Auserwählter Gottes“, und gern folgte er einer solchen Aufforderung. Nur einer hatte sich noch immer nicht unterworfen: nach ihm der mächtigste König in Abessinien, welcher selbst schon früher nach der Kaiserwürde strebte, den man namentlich fürchten musste, weil er directe Verbindung mit verschiedenen europäischen Mächten, namentlich mit den Franzosen und Italienern unterhielt und im Bündniss stand mit den Aegyptern: Negus Menelek von Schoa.

Vorläufig aber kräftigte sich Kaiser Johann im eigentlichen Abessinien. Aegypten knüpfte Unterhandlungen an, die jedoch zu keinem Resultat führten. Ohne irgendwelche Kenntniss von abessinischen Zuständen -- in keinem Lande der Welt ist man mangelhafter über Abessinien unterrichtet als in Aegypten -- schickte man verschiedene Gesandte ab, um die Freilassung der ägyptischen Gefangenen zu bewirken. Aegyptische Gefangene! Man sprach davon, dass man die ägyptischen Artilleristen und Musikanten gezwungen habe, in die abessinische Armee zu treten. Wie komisch das klingt für den, der mit abessinischen Verhältnissen vertraut ist! Abgesehen von denen, die man als lebende, aber entmannte absichtlich laufen liess, überlebte kein einziger Aegypter die Schlachten von Gudda-Guddi und Gura, ausgenommen die wenigen, welche sich durch die Flucht zu retten vermochten. Das musste man in Aegypten doch wissen!

Der Gesandte, welcher gleich darauf, im Mai 1876, nach Adua kam, Ali Bei, wurde vom Negus gut aufgenommen. Ueberhaupt hat man die Grausamkeit des Negus Negesti übertrieben. Gerade in dieser Beziehung sollte man sehr vorsichtig sein und sein Urtheil nicht vom europäischen Standpunkte, sondern von dem des betreffenden Volkes abgeben. Und was soll man dazu sagen, dass man im folgenden Jahre 1877 eine abessinische Gesandtschaft, welche der Negus abschickte, um Frieden zu schliessen und einen neuen Abuna an Stelle des Anfang 1877 gestorbenen zu holen, zu Kairo ins Gefängnis steckte! Der Schmerz und die Trauer über die eben verlorenen Schlachten war allerdings noch zu frisch, aber eine Gesandtschaft hätte man doch respectiren müssen. Erst durch Intervention des britischen Generalconsulats wurden die Abessinier befreit und kehrten sodann unbelästigt, aber auch unverrichteter Sache nach ihrem Vaterlande zurück.[43]

Kleinere Revolten eingeborener Fürsten, so der Abfall des Uald Michael, welcher zu den Aegyptern überging, konnten die immer mehr sich vollziehende Befestigung des Negus Negesti nicht verhindern. Auf das Allgemeine hatten sie gar keinen Einfluss, wie denn kleinere, oft auch grössere, zuweilen nicht einmal gegen die Gewalt des Negus Negesti gerichtete Aufstände in Abessinien von jeher chronisch gewesen sind.

In diese Zeit fällt auch die Gefangennahme des in ägyptischen Diensten stehenden Geologen und Geodäten Mitchell, welcher über seine Gefangennahme und schlechte Behandlung einen äusserst lamentabeln Bericht publicirte. Herr Mitchell befand sich im Winter 1876 als chedivialischer Beamter unter dem Schutze von 50 ägyptischen regelmässigen Soldaten in Ailet und nahm diese Grenzgegend geodätisch auf, welche zu Abessinien gehört, dagegen von Aegypten als ägyptisches Gebiet beansprucht wird, in der That aber freies, d.h. von keiner Behörde regiertes Gebiet ist. Eines schönen Tages überfiel ihn eine Abtheilung abessinischer Soldaten, die meisten ägyptischen Soldaten konnten sich durch die Flucht retten, Mitchell gerieth in die Hände der Abessinier. Natürlich wurde er in Ketten gelegt und nicht gerade zu glimpflich behandelt, nach kurzer Gefangenschaft jedoch vom Negus Negesti selbst in Freiheit gesetzt. Mitchell wundert sich in seinem Buche darüber, dass ihn der Negus Negesti ohne Gelddarbietung entliess! Kann man sich eine grössere Naivetät vorstellen? Man denke sich einen solchen Fall in Europa, sagen wir, zwischen zwei der civilisirtesten Nationen, zwischen Deutschland und Frankreich. Also diese beiden Länder befinden sich miteinander im Kriege. Auf der Grenze ertappen die Franzosen einen deutschen Geodäten, welcher ihr Gebiet vermisst, aufnimmt und kartographirt. Die Franzosen würden zweifelsohne den Deutschen auf der Stelle erschossen haben. In Abessinien blieb dagegen Herr Mitchell einige Wochen in Ketten und wurde dann bedingungslos entlassen. Aber er verlangte noch Entschädigung, Geschenke, Geld dafür, dass er für seine Regierung, die ägyptische, auf abessinischem, d.h. feindlichem Gebiet, mappirt hatte! Diese sogenannte schmähliche Behandlung, die Fesselung eines ägyptischen Beamten rief einen Schrei der Entrüstung in Aegypten und Europa gegen den Negus Negesti hervor, und selbst denkende Männer stimmten mit ein, ohne aber den wahren Sachverhalt zu kennen, nämlich dass Abessinien und Aegypten noch immer im Kriege miteinander sind.

Es kam aber der Zeitpunkt immer näher, wo ganz Aethiopien Ein Reich werden sollte, was es seit Jahrhunderten nicht gewesen war. Mitte 1879 zog der Kaiser nach dem Süden, um Schoa zu unterwerfen und Menelek zu zwingen, ihn anzuerkennen. Aber es kam nicht zur Schlacht. Als die beiden Armeen einander gegenüberstanden, zeigte Menelek an, er sei bereit, sich zu unterwerfen. Auch er, der viel Aeltere, was Abkunft anbetrifft, und Vornehmere, wollte sich beugen vor dem neuen Kaiser, vor dem „Auserwählten Gottes“, Und aus Erfahrung an andern Fürsten wusste er, dass der Negus Negesti ihn nicht entthronen würde. Hatte er doch Ras Adal zweimal verziehen! Eine von der Politik Theodor’s ganz verschiedene befolgte Johannes. Während jener, wenn er sich eine Provinz, ein abessinisches Königreich eroberte, stets einen +neuen+ und, wie er annahm, ihm ergebenen Gouverneur oder König einsetzte, lässt der jetzige Negus Negesti, wenn irgend möglich, den Bewohnern ihre angestammten Gouverneure und Regenten. Und hierauf rechnete auch Menelek, der Sohn von vielen Königen!

Menelek schrieb Johannes, er würde sich bei ihm einstellen, mit dem Stein auf dem Nacken: ein noch immer geübter Brauch der erniedrigendsten Art der Unterwerfung in Abessinien, etwa das, was die Römer mit ihrem „durchs Joch gehen“ verstanden. Der Kaiser schrieb ihm, es sei dies nicht nöthig, er möge nur auf dem Evangelium einen Eid schwören, nie wieder revoltiren zu wollen. Sein Königreich dürfe er behalten[44], aber alljährlich müsse er bestimmten Tribut zahlen.

König Menelek erschien aber in der That vor versammeltem Hof mit einem schweren Block auf dem Halse. Als der Negus Negesti den Mann in einer solchen Erniedrigung erblickte, sprang er auf und befahl dem General Ras Alula, den Stein abzunehmen, worauf er Menelek umarmte und unter einem Strom von Thränen seine eigene Krone bringen liess, mit der er ihn krönte. Mit dieser Krönung Menelek’s, mit der Unterwerfung Schoas war Abessinien, abgesehen vom Küstenbesitz, auf welchen es mit Recht Anspruch machen kann, ein einziges Reich geworden. Für den Nachfolger Theodor’s hatte sich dessen Traum erfüllt.

Ein wichtiges Ereigniss, denn die verschiedenen europäischen Gesandtschaften, welche der Negus Negesti inzwischen empfing, können nur als Höflichkeitsbesuche gelten, war im Winter 1879/80 die Gesandtschaft Gordon Pascha’s an den Hof des Kaisers von Abessinien. Der ehemalige englische Oberst, welcher in China so Vorzügliches leistete, stand seit Jahren in ägyptischen Diensten und hat sich als Generalgouverneur der sudanischen Provinzen unvergängliche Verdienste um die Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels erworben. Auch seine Bemühungen zur Heranbildung gerechter und unbestechlicher Beamten, welche die ihm anvertrauten Provinzen und Unterthanen mit Güte und Gerechtigkeit regieren, können gar nicht hoch genug angeschlagen werden. Aber wir zweifeln, ob er für eine solche Reise zu einem solchen Herrscher sich eignete. Seine Mission schlug denn auch gänzlich fehl, sodass das Verhältniss zwischen dem Negus Negesti und dem Chedive womöglich sich noch verschlimmerte. Ohne Zweifel beleidigte Gordon den Negus durch zu barsches Auftreten, und dann wieder und jetzt aufs höchste dadurch, dass er den an den Chedive geschriebenen Brief erbrach.[45] Dazu war Gordon Pascha unzweifelhaft vom Chedive ermächtigt.

Erwähnen will ich noch, dass ein gewisser Uadenkal, welcher in Bogos lebte und, obschon Abessinier, sich Aegypten anschloss, angewiesen wurde, sich ruhig zu verhalten, was er jedoch so wenig that, dass er sogar den Sohn Theodor’s, den damals noch lebenden Prinzen Alamayo, als Gegenkaiser aufstellen wollte. Erst als er die Unterwerfung Menelek’s erfuhr, kehrte er nach Abessinien zurück und der Kaiser verzieh ihm auch.

Gordon stand seit 1877 in Unterhandlungen mit dem Kaiser. Im Jahre 1879 schickte er den Herrn Winstanley an den Negus mit Geschenken und Friedensvorschlägen, und obschon der Negus auf Gordon’s Vorschläge sich nicht einliess, welche im Namen des Chedive, aber gegen Gordon’s eigenen Wunsch, auf den Verbleib von Bogos bei Aegypten lauteten, schrieb er doch folgenden recht freundlich gehaltenen Brief[46] an ihn:

„Von Seiner Majestät Johannes, König der Könige von Aethiopien, an Gordon Pascha.

„Mein lieber Freund, Gott sei Dank, ich und mein Volk befinden uns wohl. Die Sachen, welche Sie mir geschenkt haben, habe ich erhalten aus den Händen Winstandling’s: Sammt, einen Silbersattel, zwei goldene Anzüge (d.h. Brokatstoffe), fünf Ellen roth Bannasi, zwei rothe Anzüge, einen Silberteller mit zwölf Silbertassen und einer goldenen, eine schöne Flinte und einen schönen Teppich.

„Mein Freund, ich bin sehr dankbar für die Güte, welche Sie mir erwiesen haben; ich habe alles gesagt, was nöthig ist. Meine Wünsche wird er (der Ueberbringer des Briefes) Ihnen mittheilen. Ich hoffe, Sie bald zu sehen.“

Gordon, mit der Administration seiner ausgedehnten Provinzen beschäftigt, wurde sodann im August 1879, nachdem Tewfik die Regierung angetreten hatte, nach Kairo berufen und erhielt den Auftrag, sich sofort nach Abessinien zu begeben, um mit dem Negus Negesti Frieden zu schliessen. In Massaua am 5. September 1879 angekommen, brach er von dort am 11. September auf, war beim Gouverneur von Hamasen, Ras Alula, am 17. desselben Monats, und erreichte nach fast sechswöchentlicher ununterbrochener Reise Debra Tabor, woselbst er sogleich zum Negus geführt wurde. Der griechische Consul Mitzaki von Sues befand sich ebenfalls dort. Gordon überbrachte ein chedivialisches Schreiben mit der Anfrage, unter welchen Bedingungen der abessinische Herrscher gewillt sei, Frieden zu schliessen. Sodann sollte er die Herausgabe der Gefangenen[47] beantragen.

Gleich die erste Zusammenkunft trug einen unfreundlichen Charakter. Da stand auf der einen Seite der Mann, welcher, von Glücksumständen getragen oder, wie er selbst glaubte, durch göttliche Vorsehung erkoren, sich zum Alleinherrscher eines bis dahin stets zersplitterten Reiches aufschwang, eines Reiches, welches seiner Meinung nach zu den mächtigsten der Erde zählte; der ausserdem von den geographischen Zuständen und namentlich von den Machtverhältnissen der übrigen Länder die kindlichsten Begriffe besass, etwa wie weiland sein berühmter Vorfahr David oder Salomon; der, im Vollgefühl, die Aegypter zweimal aufs Haupt geschlagen zu haben, glaubte, als Sieger sein vae victis! unbedingt durchführen zu können. Und auf der andern Seite Gordon, der, im Bewusstsein seiner grossen Verdienste um Humanität im allgemeinen, sich beim Friedensschluss nach dem Krimkrieg als vorzüglicher Politiker erwies; der an der Spitze der chinesischen Armee die Aufständischen bezwang und dadurch ein wahres Feldherrntalent an den Tag legte; der endlich in Aegypten durch seine administrativen Maassnahmen sowie durch die Mittel, welche er zur Unterdrückung des verabscheuungswürdigen Sklavenhandels in Anwendung brachte, einen neuen Lorberkranz seinem alten Ruhme hinzufügte; der, obwol in ägyptischen Diensten, seine englische Zugehörigkeit nicht aufgab, ja nicht einmal aus dem Verband der britischen Armee schied; der jederzeit das Bewusstsein: „civis romanus sum“, in der Brust trug; der jetzt über ein Gebiet regierte, fünfmal grösser als das des abessinischen Kaisers und fast mit derselben persönlichen, sonst aber mit grösserer Machtfülle als dieser!

Der Negus Negesti musste schon deshalb für Gordon kein wohlwollendes Gefühl in seiner Brust hegen, weil dieser in die Dienste eines mohammedanischen Herrschers getreten war. Die Mohammedaner oder Türken oder Aegypter, alle diese drei Namen decken sich für die Abessinier und sind ihnen das Verabscheuungswürdigste, was auf der Erde existirt. Allerdings ist es ja oft genug vorgekommen und kommt noch immer vor, dass abessinische Häuptlinge sich mit den Mohammedanern verbündeten, dass christliche Abessinier zum Islam übertraten; aber der echte Abessinier sieht sein Heil nur im Christenthum, Abessinier und Christ ist ihm so gleichbedeutend wie Türke und Mohammedaner.

Bei der Audienz erfuhr Gordon nun zum ersten mal, was der Negus, um Frieden zu gewähren, verlangte, nämlich: Bogos, Metemmeh, Schangalla, die Häfen von Sula und Amphila, einen Abuna und eine Kriegsentschädigung. Zum Theil waren diese Forderungen den Aegyptern bekannt. Aber merkwürdigerweise hatte Gordon die Instruction von der chedivialischen Regierung, keine einzige zu bewilligen. Doch eine, nämlich Abessinien dürfe sich einen Abuna „kaufen“ vom koptischen Patriarchen. Auch wolle sich die chedivialische Regierung zu Verhandlungen wegen freien Durchgangs von Waaren über Massaua herbeilassen. Von vornherein konnte man unter diesen Umständen durchaus kein Resultat erwarten.

Die letzte Audienz, am 8. November, spiegelt den Gang der ganzen Unterhandlungen wider, weshalb wir darüber nach Gordon’s eigener Mittheilung im „Anti-Slavery Reporter“[48] die wörtliche Wiedergabe als historisch und culturhistorisch interessant mittheilen:

Am 8. November hatte Gordon seine letzte Zusammenkunft mit Johannes, welcher sehr schlecht gelaunt war und keine Lust sich auseinanderzusetzen zeigte. Der griechische Consul (Herr Mitzaki) von Sues war auch anwesend.

Der König sagte: „Haben Sie noch irgendetwas zu sagen?“

Gordon erwiderte: „Nein.“

Dann sagte der König: „Gehen Sie zu Ihrem Herrn zurück, ich werde Ihnen den Brief senden.“

Gordon fragte: „Wollen Sie mir nicht die gefangen gehaltenen ägyptischen Soldaten zurückgeben?“

Johannes wurde sehr böse und rief aus: „Weshalb fragen Sie danach? Sie haben viele von meinen Soldaten als Gefangene zurückbehalten.“

Gordon antwortete: „Nein, jeder ist freigegeben worden; fragen Sie den Consul.“

Der Consul schwieg[49], und der König hob die Zusammenkunft mit den Worten auf: „Ich habe schon einen Brief dieserhalb geschrieben, und ich werde noch einen andern schreiben. Geh.“

Eine Stunde später erhielt Gordon den Brief und brach auf, um über Galabat nach Chartum zu gehen. Aber in der Voraussetzung, dass der Brief seinem Inhalt nach nicht in Ordnung sei, öffnete er ihn und fand Folgendes[50]:

„Wie geht’s Dir in dieser Woche?[51] Gott sei gedankt, ich und meine Soldaten wir befinden uns wohl. Der von Dir mir geschickte Brief ist mir zugekommen. Wegen eines Friedensschlusses hast Du mir jenen Mann geschickt. Nachdem Du mich beraubt hattest, kämpftest Du gegen mich ohne Wissen der Könige, aber die Könige werden davon in Kenntniss gesetzt werden. Und jetzt möchtest Du heimlicherweise, wie man es zwischen Räubern thut, Frieden schliessen. Wie kannst Du den Frieden schliessen, wenn Du die Kaufleute und die Landbevölkerung im Verkehr hinderst? Die Könige werden über mein Verhalten und Deines in Kenntniss gesetzt werden. Geschrieben in Senna am 29. October[52] 1879.“

Wie Gordon mit Recht hervorhob, bildete dieser Brief einen seltsamen Contrast mit dem so höflich gehaltenen des Chedive. Aber andererseits darf man nicht vergessen, dass, wenn auch der Chedive äusserst höflich schrieb, Gordon doch keine einzige Concession mitbrachte, um auch nur einigermassen den von Aegypten Abessinien verursachten Schaden zu vergüten. Aegypten +hatte+ doch die Provinzen Bogos und Mensa geraubt, und die früher von Abessinien halb abhängigen Galabat, Gedaref und Harar, welche alljährlich bis zur Thronbesteigung Theodor’s Tribut entrichteten, ganz einverleibt. Ausserdem erfahren wir aus diesem Schreiben, dass der Negus Negesti gar keine eigentliche Vorstellung von der Macht des Chedive, von der Grösse Aegyptens besitzt. Wahrscheinlich lebt man in Abessinien immer noch im Glauben, Aegypten sei, wie vor Mehemed Ali’s Regierungsantritt, ein von der Türkei durchaus abhängiges Paschalik. Ferner erhellt aus dem Briefe des Negus, dass er von europäischen Verhältnissen die eigenthümlichsten Vorstellungen haben muss. Denkt er sich „die Könige“ als eine Vereinigung, als einen Areopag? Alles das ist so unklar.

Aber Gordon hat vollkommen recht, wenn er ausruft und einestheils seinen Miserfolg diesem Umstand zuschreibt:

„Ich war überzeugt, dass der König aufgehetzt worden war von Personen an seinem Hof, welche ihn überredeten, nur zu fordern, es würde schon bewilligt werden.“

Nichts wollte er indess unversucht lassen, und so schrieb er denn an Herrn Mitzaki, den griechischen Consul, um zu fragen und zu erforschen, warum der König diesen Brief geschrieben, anstatt, +wie er versprochen+, einen mit den von ihm erhobenen Ansprüchen zu formuliren. In einer Audienz zuvor hatte nämlich der Negus Gordon versprochen, die oben mitgetheilten mündlichen Forderungen dem Chedive brieflich mitzutheilen. Es wurde Gordon geantwortet[53]: „Man hätte den König wegen des Briefes gesprochen und derselbe habe geantwortet, er habe dem Chedive so geschrieben, wie er es für passend hielte, und dass er andere Briefe schreiben würde, wenn es in den Interessen seines Staates läge.“ Dies war eine offenbar von einem Europäer inspirirte Antwort. „Staatsinteressen“, das sagt kein Negus. Ein Negus Negesti kennt nur _l’État c’est moi_. Aber sei dem wie ihm wolle, Gordon hatte nichts erreicht und musste auf dem Rückwege noch die unangenehme Erfahrung machen, dass fast auf der Grenze von Galabat sich ihm Truppen des Ras Areya (Oheim des Negus) entgegenstellten mit der Weisung, die Abreise Gordon’s nach dieser Seite hin zu verhindern und ihn auf Massaua zu dirigiren. Auch auf dieser Rückreise begegneten Gordon noch manche Widerwärtigkeiten. Am 7. December 1879 erreichte er Massaua wieder und zerstörte somit durch seine Ankunft alle namentlich über seine Gefangenschaft entstandenen Gerüchte.

Während der Negus Anfang 1879 schon Briefe an die christlichen Grossmächte wahrscheinlich durch Private hatte befördern und in Massaua auf die Post geben lassen, schickte er mit dem nach Sues zurückkehrenden Herrn Mitzaki neue Schreiben an die europäischen Mächte, Klageschriften, worin er die Könige aufforderte, ihm beizustehen im Kampfe gegen die Ungläubigen und Aegypten zu befehlen, an Abessinien die eroberten Länder und namentlich die Küste wieder abzutreten, die es vorher besessen habe. Aus diesem Schreiben geht deutlich hervor, dass der Negus sich sämmtliche christliche Mächte als in ihren Interessen solidarisch verbunden dachte. Wie er das vereinbarte mit dem Gedanken an den Krimkrieg, wo Frankreich, England und Sardinien auf seiten der Mohammedaner die orthodoxen Russen bekämpften, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich dachte er: wenn ein abessinischer Fürst, Uld Michael, sich mit Mohammedanern verbündete, dann konnte es zur Bekriegung Russlands auch Napoleon.

Wie wir in der Folge sehen werden, sind die Versuche des Negus Negesti, die europäischen Regierungen für die abessinischen Angelegenheiten zu interessiren, bislang erfolglos geblieben. Anders wäre es vielleicht gewesen, wenn der Kaiser es verstanden hätte, sich mit Gordon besser auseinanderzusetzen.

Gordon, mit seinem persönlichen Einfluss und in seiner Eigenschaft als Engländer, also der Nation angehörend, welche Indiens halber sich aufs lebhafteste für alles interessirt, was am Sueskanal und an der natürlichen Verlängerung desselben, am Rothen Meere, vorgeht, hätte es vielleicht vermocht, England für Abessinien zu interessiren, denn in seiner uneigennützigen, edeln Weise war er trotzdem ein Freund Abessiniens, ja, ein Freund des Negus Negesti geblieben, so schwer ihn derselbe auch beleidigt hatte. Freilich wusste Gordon, dass diese Beleidigung nur aus der Unkenntniss des Negus mit den auswärtigen Zuständen entsprang und ausserdem fremden Einflüsterungen ihre Entstehung verdankte. Aber wie mancher andere würde jetzt erst recht feindlich gegen den Negus aufgetreten sein. Gordon im Gegentheil verliess gleich nach seiner Rückkehr nach Kairo den ägyptischen Dienst für immer. Er wollte von nun an die Möglichkeit des activen Vorgehens gegen Abessinien vermeiden. Wenn er bis dahin in strengem Pflichtgefühl treu zu seinem Souverän stand und unter den schwierigsten Umständen und ohne Aussicht auf Erfolg eine Mission unternahm, welche viel Beschwerde und Mühe, aber keinerlei Lohn und Ruhm einbrachte, so wollte er jetzt nichts mehr mit einer Regierung zu thun haben, welche ihn möglicherweise in die Nothwendigkeit hätte versetzen können, feindselig gegen ein christliches Volk vorzugehen. Gordon ist eine durchaus christlich angehauchte Natur, ein eigenartig religiös angelegter Mensch. Daher musste auch das Christenthum der Abessinier auf ihn, den momentan in mohammedanischem Dienste stehenden Christen, einen bedeutenden Einfluss ausüben. Und wenn er auch aus Pflichtgefühl seinem Herrn nicht untreu ward, so scheint es doch unzweifelhaft, „dass die vom Negus gemachten Versuche, Oberst Gordon von seinen ägyptischen Verpflichtungen gegen den Chedive abzuziehen, und dass die Vorstellungen, ein Christ und ein Engländer müsste doch eher freundschaftliche Gefühle für einen christlichen Monarchen haben, als für den Chedive, der doch Ungläubiger sei“, nicht ganz ohne Einfluss auf ihn blieben.

Wir erfahren das aus einem Briefe, den Oberst Gordon am 1. Januar 1881 an die „Times“ sandte. Derselbe lautet in freier Uebersetzung:

„Mein Herr, ein Telegramm meldet, dass der König von Abessinien Gesandte nach Kairo geschickt habe, um wegen des Friedens zu unterhandeln.[54]

„Abyssinia bildet seit Jahrhunderten eine christliche Nation. Die Abessinier besitzen die Heilige Schrift, worin sie wohlbewandert sind. Sie sind frei von den Lastern der Orientalen und ein schöner männlicher Volksstamm. Sie haben das Recht auf die Sympathie der christlichen Nationen; denn wie trübe auch das Licht ihrer Kirche brennt, es lebt doch noch, und es hat sich erhalten trotz der zahllosen Invasionen, welche ihre mohammedanischen Nachbarn unternahmen, und obschon keine andere christliche Kirche Hülfe brachte.

„Lord Napier kann davon erzählen, zu wie grossem Dank er und seine Armee Prinz Kassai (jetzt König Johann) verpflichtet waren für die Hülfe, welche dieser Prinz ihm leistete im Kriege gegen Theodor. Und so sollte man hoffen, dass bei etwaigen Unterhandlungen zwischen Abessinien und Aegypten -- und hierbei muss unsere Regierung notwendigerweise um Rath gefragt werden -- keine parteiische Hinneigung zu letzterer Macht stattfände.

„Der Gegenstand des Streites ist das Gebiet von Bogos, das durch Munzinger 1869 oder 1870 den Abessiniern abgenommen wurde. Die ägyptische Regierung erklärt, dass eine Rückgabe dieses Gebietes eine Verletzung des Firmans des Sultans in sich schliesse, welchem zufolge kein Theil des ägyptischen Gebietes abgetreten werden dürfe. Aber das passt hier nicht, denn Bogos war nie ägyptisches Gebiet. Und da Aegypten niemals der Pforte die Einverleibung von Bogos anzeigte, kann diese auch nichts davon wissen.

„Bogos ist ein kleines Land und liegt als Vorsprung auf dem abessinischen Hochlande. Wenn eingesammelt, betragen die Einkünfte jährlich 700 Pfd. St.; in den letzten vier Jahren wurden keine Abgaben eingesammelt. Die fortgesetzte Einverleibung von Bogos kostet den Aegyptern 12000 Pfd. St. jährlich; man sollte es daher zurückgeben im Interesse der Gerechtigkeit und des Staates. Oder die ägyptische Regierung müsste sich mit dem König für die Besitzergreifung abfinden durch einen zu zahlenden Tribut oder durch Kauf. In Wirklichkeit ist das Land werthlos für Aegypten; es hat nur den Nutzen, dass die von Massaua nach Aegypten führenden Telegraphenlinien dasselbe schneiden. Diese könnten aber ebenso gut längs des Ufers von Massaua nach Suakin geführt werden. Der sudanische Handel geht nicht durch Bogos, sondern nach Suakin.

„Die nächste Frage betrifft den Handel eines grossen Landes, es ist das die abessinische Hafenfrage. Der Einwand ward erhoben, man könne den Abessiniern keinen Hafen geben, weil sie ein zu wildes Volk seien. Ist es aber nur möglich, sie weniger wild zu machen, wenn man sie nicht aus ihrer Isolirung befreit? Betrachtet man das Zollamt in Massaua, so sieht man, dass die meisten dort aus- und eingeführten Waaren von Abessinien sind und nach Abessinien gehen. Aegyptischer Handel existirt dort fast gar nicht. Der Hafen von Annesley Bai, den der König mit einem kleinen dazugehörigen Gebiet zu haben wünscht, bringt jährlich 100 Pfd. St. an Abgaben ein. Es ist noch eine Frage, ob es zu Aegypten gehört. Einst besassen wir es, und Frankreich machte in vergangenen Zeiten Anspruch darauf. Es würde nicht mehr als billig sein, dem König einen freien Zugang zur See zu gewähren, wie man einen solchen auch für Montenegro geschaffen hat.

„Die nächste Frage ist die Forderung des Negus, einen Erzbischof oder Abuna zu besitzen. Seit Jahrhunderten erhält die abessinische Kirche diesen Abuna aus der koptischen Kirche. Dies ist von Wichtigkeit, da blos der Abuna die Priester ordiniren kann. Der König hat deshalb wegen der Feindseligkeit der beiden Regierungen seit Jahren ohne Abuna sich behelfen müssen[55], und während der ganzen Zeit konnten keine Priester ordinirt werden.

„Die Aegypter haben deshalb eine so grosse Abneigung gegen die Abtretung eines Hafens, weil sie der Sage glauben, dass vor der Auferstehung oder dem Jüngsten Tag die Kaaba von den Abessiniern würde zerstört werden; aber da diese Zerstörung ein Zeichen vom Herannahen des Jüngsten Tages sein soll, so kann das ja schliesslich für Aegypten ganz einerlei sein.

„Mohammed prophezeite auch seinen Anhängern Strafe, wenn sie sich je unterfangen sollten, die Abessinier anzugreifen; dankbar wollte er sich dadurch erweisen für den Schutz, den sie seiner Familie angedeihen liessen während der Verfolgung seitens der Koreischiten.“ --

Der griechische Consul in Sues, Herr Mitzaki, reich mit Ehren und Geschenken überhäuft, hatte den Negus bald nach Gordon’s Abreise ebenfalls verlassen. Er überbrachte für den König von Griechenland, für den griechischen Kronprinzen und den Ministerpräsidenten die Decoration des vom Negus Johannes wieder erneuerten Salomonis-Ordens. Ursprünglich von Theodor gestiftet, hatte derselbe drei Klassen. Die Form war bei allen dieselbe: zwei ineinanderliegende Dreiecke, genau so, wie das Staatswappen der marokkanischen Kaiser und das der bairischen Bierwirthe. Kaiser Johannes lässt die Decoration aus massivem Gold herstellen und die Goldstäbe abwechselnd mit Diamanten und Türkisen besetzen. Man hat sich in Aegypten viel die Köpfe darüber zerbrochen, woher diese Intimität zwischen dem Negus und dem Basileus stamme; man sagte, der griechische Consul wolle den Negus überreden, einen griechischen Abuna, statt eines koptischen, zu nehmen[56], und ausserdem für Griechenland ausschliesslich Handelsvortheile gewinnen u.s.w. u.s.w. Alles das ist möglich. Und wir gestehen offen, dass, wenn es Herrn Mitzaki gelungen wäre, den Negus zu überzeugen, es sei vortheilhafter, einen griechischen Abuna statt eines koptischen zu nehmen, dies für Abessinien nur hätte von Vortheil sein können. Denn ein koptischer Abuna +war+ doch einst ägyptischer Unterthan, Unterthan eines Mohammedaners und bot daher stets leichter eine Handhabe zum Intriguiren, was man von einem griechischen Abuna nicht zu fürchten brauchte. Griechenland ist ausserdem zu weit entfernt und zu schwach, um irgendwie Einfluss auszuüben oder gar activ in Abessinien einzugreifen. Davon hat allerdings ein Abessinier keinen Begriff; sagt ihm jemand, Griechenland sei mächtiger als alle übrigen Staaten Europas zusammen, so liegt kein Grund für ihn vor, dies für unwahr zu halten.

Als wichtiges Ereigniss muss sodann noch verzeichnet werden die Krönung des Gouverneurs von Godjam, Ras Adal, zum König Teklahaimanot; sie fand Mitte Januar 1881 statt. Ras Adal, welcher früher ebenfalls gegen den Negus Negesti rebellirte, bewies sich in letzter Zeit als treu, nahm lebhaften und wirksamen Antheil an der Schlacht von Gura und bewirkte gleich darauf die Unterwerfung von Kaffa und Enarea, wofür ihn der Negus Negesti nun belohnte. Um die Krönungsfeierlichkeit noch grösser zu machen und mit allem nur möglichen Pomp zu veranstalten, wurde auch der König von Schoa zu dieser Feierlichkeit eingeladen, und zum ersten mal seit undenklichen Zeiten sahen wir im Jahre 1881 das geeinigte alte äthiopische Reich mit seinem Negus Negesti Johannes an der Spitze und unter ihm die Königreiche Schoa, Godjam und den nördlichen Theil Tigre, welches allerdings heute noch keinen König besitzt, voraussichtlich denselben aber demnächst, in der Person des Ras Areya, des einzigen Sohnes des Kaisers selbst, erhalten wird.

Mehr aus Höflichkeit als aus irgendeinem andern Grunde antworteten die verschiedenen Mächte auf die Schreiben des Negus Negesti. Der Verfasser war am ersten zur Reise gerüstet und konnte als erster noch im Jahre 1881 abessinischen Boden betreten.

Nach dieser kurzen Excursion auf das Gebiet der neuesten Begebenheiten in Abessinien wollen wir den Faden der Erzählung wieder aufnehmen, welche im ersten Kapitel die Uebersiedelung nach Hotumlu berichtete.

VIERTES KAPITEL.

AUFENTHALT IN HOTUMLU.

Der Berg Gedem. -- An den abessinischen General Ras Alula. -- Antwort Ras Alula’s. -- Abermals an Ras Alula und dessen Antwort. -- Die Furcht vor den Abessiniern. -- Fahrlässigkeit der Orientalen. -- Die für den Negus Negesti bestimmten Geschenke. -- Besteigung des Gedem. -- Der Naib. -- Der freundliche Besitzer einer Hütte. -- Zahlreiche Begräbnissplätze. -- Beschaffenheit und Umgebung des Gedem. -- Affen. -- Je ein geschlachtetes Thier für Mohammedaner besonders und für Christen (Abessinier) besonders. -- Die Aussicht vom Gedem. -- Messung des Gedem. -- Abstieg. -- Vegetation. -- Fauna. -- Der Klippschliefer. -- Körperbeschaffenheit, Bekleidung, Nahrung der Bewohner. -- Das weibliche Geschlecht.

Unser Lagerplatz befand sich auf einer kleinen luftigen Anhöhe und bot eine entzückende Aussicht. Nach Westen zu hatte man das unvergleichliche Alpenpanorama von Abessinien vor sich. Gegen Abend, zuweilen allerdings auch bei Tage, lagen gewöhnlich schwere Haufenwolken auf den Bergriesen, und an irgendeiner Stelle -- das sah man deutlich -- witterte und regnete es. Aber des Morgens, wenn die aus dem Meere auftauchende Sonne der Gebirgswand neues Licht spendete, zeichneten sich mit wunderbarer Klarheit die Umrisse der einzelnen Berge ab. Imposant trat namentlich etwas südlicher der mächtige, vom eigentlichen Hochplateau abgelöste Bisenberg mit dem darauf befindlichen Kloster hervor. Letzteres konnte man jedoch der örtlichen Verhältnisse wegen nicht unterscheiden. Im Süden aber, etwas zu Ost, erhob sich nahe vor uns der grossartige Gedem, welcher, wenn auch im Vergleich zu den abessinischen Nachbarn an Höhe nur ein Kind -- seine Höhe ist etwa die des Brockens -- sich dadurch bemerkbar machte, dass er plötzlich aus einer kaum über dem Niveau des Meeres am Meere gelegenen Ebene hervortrat. Vor dem Gedem lag Massaua, das Inselchen Tolhut, die grüne Insel Sidi Schich und links davon mit seinen phantastischen Formen zeichnete sich das von Arakel Bei erbaute chedivialische Schloss ab. Nach Norden hatten wir den Blick auf das zwischen Tamarisken, Parkinsonien und Calotropis versteckte schmucke und stattliche Gebäude der schwedischen Missionare, während nach Ost zu die Hütten der Bewohner von Hotumlu uns die Ansicht aufs Rothe Meer entzogen. Unsern Hügel trennte nur ein schmaler Arm des Mpasi von der Wohnung Franz Hassen Bei’s, welche als ein Musterhaus aller Gebäude in jener Gegend dienen kann. Allen Reisenden ein treuer Berather, lebt Hassen Bei schon seit Jahren in Massaua oder Senhit als ägyptischer Beamter. Im Jahre 1882 war er sogar von der ägyptischen Regierung mit einer Mission an Johannes betraut und erledigte sich seines Auftrags in Adua, wo der Negus damals residirte. Verheirathet mit einer Enkelin des berühmten Negus Ubieh von Tigre, versteht sich diese würdige Dame vortrefflich auf die Führung des Hausstandes ihres Gatten und hat sich vollkommen die Art und Weise, wie Europäer leben, zu eigen gemacht. Hassen Bei war, als ich mich in Massaua befand, Vicegouverneur oder Adlatus des Gouverneurs und füllte zur Zufriedenheit Aller seinen Posten aus. Neben Herrn Tagliabue, welcher während unsere Aufenthaltes in Massaua uns am meisten mit Rath und That zur Seite stand, sind wir Herrn Hassen Bei zu grösstem Dank verpflichtet. Durch seine Vermittelung wurde mir auch der Regierungsdolmetsch zur Verfügung gestellt, durch den ich folgenden Brief an den General Ras Alula, Gouverneur der Provinz Hamasen, amharisch schreiben und absenden liess:[57]

„Massaua, 18. November 1880. Der Brief gelange an den geehrten Ras Alula vom Kaiserlich Deutschen Gesandten Rohlfs! Wie geht es Ihnen? Ich bin wohl, Gott sei Dank! Ich komme gesendet vom König von Preussen (ich hatte ‚Kaiser‘ dictirt; ‚Preussen‘ oder ‚Borussia‘ ist, wie ich andern Ortes erwähnt habe, bei den orientalischen Völkern synonym für Deutschland) mit einer Antwort auf Seiner Majestät Schreiben. Das zeige ich Ihnen, dem geehrten Ras Alula, hiermit an und bitte Sie nun, das Seiner Majestät eilig schreiben zu wollen. Wenn Sie mir bestimmen, will ich zu Ihnen kommen, um bei ihm (das ist ein Schreibfehler, ich hatte Ihnen geschrieben) zu bleiben, bis von Seiner Majestät Antwort für mich anlangt. Ich bitte, dass auch von Ihnen die Antwort mir bald zukommen möge. 10. Hedar 1873.“ (Alter Stil.)

Man wird aus diesen Zeilen entnehmen, dass ich meinen Brief mit äusserster Höflichkeit abgefasst hatte; das Antwortschreiben des abessinischen Generals zeichnete sich aber keineswegs durch allzu grosse Höflichkeit aus. Es lautete:

„Der Brief des Ras Alula gelange an den kaiserlich deutschen Botschafter Rohlfs. Wie geht es Dir? Ich bin Gott sei Dank wohl. An Seine Majestät werde ich sofort für Dich einen Eilboten mit einem Briefblatt senden, und Du beeile Dich, sobald Seine Majestät Dich vorzulassen befiehlt, dass ich Dich sende. Das Schreiben mit dem geehrten Auftrag, das Du mir geschickt hast, ist an mich gelangt. Im Jahre der Barmherzigkeit 1873 geschrieben im Lager von Tzaazaga am 15. Hadar“ (23. November 1880).

Man ersieht hieraus, dass der abessinische General mich duzte, während ich ihn „Sie“ genannt hatte. Und man glaube keineswegs, dass dies eine gewisse Freundlichkeit ausdrücken sollte. Ich war ihm ein Fremder, und gegen Fremde tragen die Abessinier ein hochfahrendes Wesen zur Schau. Unter sich sind sie derart höflich und ceremoniell, dass kleine Kinder, wenn sie einander fremd sind, sich gegenseitig „Sie“ nennen und erforderlichenfalls die Titel „edler“, „hochwohlgeborener“, „right honourable“, „Hoheit“ u.s.w. u.s.w. mit peinlichster Gewissenhaftigkeit ertheilen. Ganz anders ist das bei den Arabern zwischen hoch und niedrig, Freund und Feind, alt und jung übliche „Du“! Wenn der Abessinier duzt, ist es nicht Vertrautheit, sondern es drückt einfach Geringschätzung aus, die allerdings zuweilen eine gewisse Vertraulichkeit in sich schliesst. Weder der ägyptische Regierungsdolmetsch noch andere hatten mir das gesagt. Erst bei meiner Rückkehr machte Schimper mich darauf aufmerksam, und die schwedischen Missionare bestätigten diese unhöfliche Angewohnheit. Ja, sogar die kleinen abessinischen, von ihnen aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommenen Zöglinge, die ihnen körperliches Wohlergehen, alles und alles verdanken, benennen sich unter sich mit „Sie“ und sonstigen hochtönenden Redensarten, während sie ihre Pfleger, Ernährer und Erzieher duzen. Auf diese Mittheilung der Missionare erlaubte ich mir die Bemerkung, dass solche Unarten am besten durch schlagende Verbesserungen abzustellen seien, aber die weichherzigen Leute ziehen es vor, sich duzen zu lassen. Was mich anbetrifft, so erfuhr ich die unhöfliche Art des Benehmens der Abessinier gegen Fremde, wie gesagt, erst später; aber selbst im Anfang meiner Reise davon unterrichtet, würde ich ebenso wenig wie Gordon und die Missionare einen cas daraus gemacht haben. Ich hätte mich trösten müssen mit dem Gedanken, dass nur die Dummen und Unwissenden unhöflich sind und Dummheit mit Eitelkeit und Unhöflichkeit untrennbar verbunden ist.

Auf ein zweites Schreiben, welches ich an den Gouverneur von Hamasen richtete, erhielt ich auch schnell Antwort. Mein zweiter Brief hatte folgenden Inhalt[58]:

„Der Brief gelange an den geehrten Ras Alula von Gerhard Rohlfs (ich hatte dictirt: der Brief gelange von Gerhard Rohlfs an den geehrten Ras Alula), Diener des Kaiser-Königs von Preussen! Wie ist es Ihnen ergangen? Ich bin wohl, Gott sei Dank! Ihr geehrtes Briefblatt, wofür ich danke, ist mir zugekommen. Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Botschaft an Seine Majestät meinethalben. Jetzt habe ich noch 14 Tage hier zu warten, bis Babur (d.h. _il vapore_, der Dampfer) von Sues kommt. Ich bitte, dass Sie mir in diesen Tagen Leute und Vieh nach Sabarguma entgegenschicken wollen. Funfzig Ochsen zur Belastung bedarf ich. Zwei Tage, ehe ich aufbreche, werde ich nochmals Botschaft schicken, dass Sie mir 20 Soldaten bis Ginda entgegenschicken, die mir Sicherheit geben. Am 19. Hedar 1873“ (27. November 1880).

Hierauf traf rechtzeitig schnell folgende Antwort ein:

„Der Brief des Ras Alula gelange an den geehrten Gerhard Rohlfs, Minister (d.h. Diener) des Königs von Preussen. Wie ist es Dir ergangen? Ich bin, Gott sei Dank, wohl. Wenn Du kommst, mache, dass Du nach Ailet kommst. In Ginda sind muselmanische Räuber, welche plündern. Nach Ginda komme nicht! Wenn Du in Ailet anlangst, sende an mich! Ich werde Dir sofort Leute schicken, die das Geleit geben.“ (Ohne Datum.)

Hieraus ersieht man schon, dass ich noch längere Zeit in Hotumlu zu weilen hatte. Indess war der Aufenthalt in meinem grossen schönen Zelte mit Schattendach weit angenehmer als in Massaua. Die Nächte wurden gegen Morgen sogar kühl im Vergleich zur Tageswärme, denn vor Sonnenaufgang fiel das Thermometer häufig auf +20°C. Auch sonst unterhielten wir mit allen Bewohnern der Gegend gute Beziehungen. Mr. et Madame Lombard, welche sich nun auch zum Aufmarsch nach Abessinien rüsteten, hatten Wohnung genommen in der französischen Lazaristenmission, nahe beim schwedischen Missionsgebäude, und öfters machten wir uns Besuche. Sehr häufig kamen auch die ägyptischen Stabsoffiziere und blieben zum Essen bei mir. Der Generalgouverneur liess vor meinem Zelte einen Doppelposten aufstellen, und nachts bezog stets ein ganzer Zug mit einem Lieutenant Wache bei meinem Lager. Trotzdem ich innerhalb der befestigten Linie lagerte, denn das äusserste mit guten Kanonen bewehrte Fort, welches ein ganzes Bataillon regelmässiger Soldaten beherbergte, lag noch ca. 2 km von mir in Saga, wurde nicht selten bis zu meinem Lager, ja, bis zum eigentlichen Massaua alles in Angst und Schrecken gesetzt. Kurschid Bei, der Höchstcommandirende, kam einigemal sogar spät abends angeritten: „Die Abessinier, Ras Alula, sind im Anrücken!“ Es war immer blinder Lärm, aber die Panik so gross, dass alle ausserhalb der Vertheidigungslinie sich befindenden Bewohner eiligst zurückflüchteten. Ich bin fest überzeugt, dass wenn die Abessinier wirklich gekommen wären, kein ägyptischer Offizier, kein Soldat standgehalten hätte. Mit Leichtigkeit würden sich die Abessinier sogar Massauas bemächtigt haben. Darin sich zu behaupten, war allerdings unmöglich. Trotz der guten Waffen, trotz der anscheinend festen Disciplin und der übrigen guten militärischen Einrichtungen möchten ägyptische Truppen jetzt gegen Abessinier nicht zu verwenden sein. Die Angst und Furcht vor ihnen sitzt ihnen noch zu sehr in den Gliedern. Mehreremal, und das war sehr komisch, kamen von Senhit Depeschen: die Abessinier hätten grosse Niederlagen erlitten, hundert Mann seien gefallen, der und der Ras gefangen worden. Hinterher aber kam der hinkende Bote: „irgendein abessinischer Häuptling habe von Bogos oder einem andern ägyptischen Gebiete so und so viel hundert Schafe, Rinder u.s.w. weggetrieben, bei welcher Gelegenheit sich die ägyptischen Soldaten wohlweislich nach ihren Schanzen zurückconcentrirten!“ --

Seit den Munzinger’schen für Massaua wirklich grossartigen Verbesserungen hat man alles wieder ins alte Nichts zurückfallen lassen. Bei gegebenen Gelegenheiten können die Orientalen unternehmen, Bauten ausführen, Verbesserungen anbringen, aber die Anreizung dazu müssen sie immer von aussen empfangen. Einmal ausgeführt, denken sie nie an Unterhaltung. So ist denn die Wasserleitung, welche Munzinger von Mkullu bis in die Stadt Massaua leitete, schon zur Hälfte wieder eingestürzt und nur noch bis Hotumlu wirksam. Der Damm, welcher Massaua mit Hotumlu und dem Festlande bildet, ist dem Einsturze nahe. Kein Mensch denkt an Ausbesserungen. Der Palast, den Arakel Bei mit so grosser Sorgfalt errichtete, droht binnen kurzem zu einer malerischen Ruine zu zerfallen, Unterhaltungskosten dafür gibt es nicht. Am meisten setzte mich aber in Erstaunen, dass ich auf einem aus Hotumlu östlich hinaus unternommenen Spaziergange die Telegraphenleitung von verschiedenen umgewehten und nicht wieder aufgerichteten Stangen am Boden liegen -- und doch Dienste verrichten sah. Ich konnte mir das anfangs nicht erklären, bis ich fand, dass der Draht auf basaltischem Boden lag, welcher vielleicht isolirend wirkte.

Mittlerweile wurde die Ausrüstung eifrig betrieben, Instrumente nahmen wir natürlich aus Europa mit. Auch hatte mir die Afrikanische Gesellschaft die Geschenke, welche bei der Katastrophe von Kufra gerettet oder wieder herausgegeben waren, zur Verfügung gestellt. Das neue, glänzende, prachtvolle Schwert von Solingen hatte gar nicht gelitten; die echt goldenen Fransen des grossen Sonnenschirms waren durch neue noch schönere ersetzt worden; der violettblaue Sammtmantel hatte sich ebenfalls gut erhalten. Das waren die Hauptstücke, welche ich dem Negus Negesti als mein Geschenk überreichen wollte. Absichtlich habe ich geschrieben: als mein Geschenk, da irrtümlicherweise das Gerücht sich verbreitete, der Deutsche Kaiser übermittele durch mich Geschenke an den Souverän von Abessinien.

Im übrigen completirte ich meine Geschenke durch Einkauf von echtem und unechtem Sammt, Schama (grosse, weisse, rothgeränderte Umschlagetücher, von denen ich Dutzende mitnahm), Baumwollenstoffen geringerer und besserer Qualität, Taschentüchern, Sonnenschirmen aus Seide und Kattun, Messern u.s.w. Sodann hatte ich eine ganze Partie billiger in Deutschland fabricirter Schmucksachen, die ich ebenfalls als Geschenke verwerthen konnte. Billige Ferngläser, Spiegel und besonders Goldbrokatstoffe von wundervoller Farbe und schönen Mustern vervollständigten die Geschenke. Man ersieht daraus, dass ich aufs reichste ausgerüstet war, aber wie viele Gouverneure, wie viele Provinzen und Städte mussten auch vorher besucht werden, und überall sollten und mussten passende Geschenke für die Machthaber und für die Bevölkerung dem Träger des kaiserlichen Briefes den nöthigen Glanz verleihen.

Auch die übrige Ausrüstung wurde hinsichtlich der Dienerschaft, der Fortbewegungsmittel und der Nahrung aufs grossartigste hergestellt. Es gelang mir, schon in Massaua einige Diener und Maulthiere zu bekommen, erstere durchaus Christen, d.h. Abessinier, da ich im Lande durch Mitnahme von Mohammedanern keinen Anstoss erregen wollte. Als Proviant hatte ich Mehl, Hülsenfrüchte, Reis, Zwiebeln, Zwieback, Zucker, Thee, einige Dutzend Flaschen Cognac und Absinth (diesen zum Verschenken), Gewürze und diesmal nur wenige Conserven, da ja in Abessinien täglich auf frisches Fleisch zu rechnen war.

Alles dies, selbst feinere Gemüse, europäische Kleidungsstücke u.s.w. konnte man recht gut und verhältnissmässig billig in Massaua bei griechischen Ladenbesitzern erhalten.

In die Zeit meines Aufenthaltes von Hotumlu fiel auch die Besteigung des Gedem, welcher ein nach Norden vorspringendes Gebirge bildet, dessen nördlichste Spitze unter 15° 4′ nördl. Br. sich befindet und in seiner höchsten Spitze vom 39° 4′ östl. L. von Greenwich geschnitten wird. Die Hauptachse des Berges ist von NNO. zu N. nach SSW. zu S. gerichtet. Etwa 24 km lang, beträgt die Durchschnittsbreite ca. 5 km.

Von weitem gesehen, hat der Gedem ein herausforderndes, abschreckendes und doch zugleich äusserst malerisches Aussehen: herausfordernd, weil er so zur Hand liegt, dass man meint, man +müsste+ ihn besteigen, und er ist ja auch oft bestiegen worden; abschreckend, weil er von tiefen Furchen durchsetzt erscheint und keinen Baum und Strauch zeigt; malerisch, weil kaum ein Berg sich durch harmonischere Formen hervorthut. Seine Höhe steht mit der Breite und Länge in schönstem Verhältniss. Aber der Gedem täuscht doch: er +ist+ nicht kahl, sondern durchaus, von unten bis oben mit Bäumen und Unterholz bestanden, nur sind die Bäume nicht gross, sondern scheinen durch häufige Brände in ihrem Wachsthum gehemmt zu sein.

Es war ein wundervoller Morgen, als ich mit einigen Dienern, einem Führer und einem Naib[59], alle beritten und reichlich mit Proviant versehen, aufbrach. Der Weg führt um die Bucht herum, und, fortwährend durch grosse Gebüsche von Calotropis procera und Euphorbia quadrangularis reitend, erreicht man bald das freundliche Städtchen Arkiko, die Residenz des Naib, mit etwa 1500 Einwohnern. Es war nicht zu vermeiden, ihm, dem Hauptnaib, in seiner Wohnung einen Besuch abzustatten. Noch weniger konnten wir der üblichen Tasse Kaffee, der Cigarrette und zum Schluss dem Geschenke eines Hammels aus dem Wege gehen. Ja, der Naib wollte sogar, wir sollten wenigstens einen Tag bei ihm bleiben, was wir indess entschieden, aber mit grosser Höflichkeit ablehnten, denn wir mussten weiter eilen, um noch vom frühen Morgen zu profitiren. Sobald man nun das freundliche Arkiko verlässt, dessen Häuser und Hütten zwischen riesigen Uscherbüschen, Mimosen und Hadjilidj (balanites aegypt.) versteckt liegen, hält man sich dichter dem Meere zu, dessen Anblick sich hier oft selbst dem Reiter durch doppelt mannshohe Meerlorberbüsche, auch Schora (Avicennia tomentosa) genannt, entzieht.

Im Uadi Fareg Bei, welches, wie viele andere, westlich vom Gedem verläuft und unterirdisch fliessendes Wasser enthält, machten wir bei einer Oertlichkeit, welche Airuri heisst und aus einigen Hütten besteht, halt, um zu frühstücken. Der Besitzer einer Hütte liess es sich nicht nehmen, uns mit schönen selbstgezogenen Wassermelonen zu bewirthen, auch Kaffee liess er von seinem Töchterchen in einem eigens dazu eingerichteten steinernen Kaffeetopf kochen: ein Beweis, wie selbst bei armen Bewohnern dieses Getränk in Ansehen steht. -- Hier konnten wir denn, während das Frühstück bereitet wurde, schönblühende Blumen sammeln, wie denn überhaupt, je näher an den Gedem heran, der Pflanzenwuchs zunimmt. Nach kurzer Rast ging es weiter. Eigentümlich aber: hier sowol wie auch nördlich und westlich von Massaua weisen die zahlreichen Begräbnissplätze auf eine einstmals viel zahlreichere Bevölkerung. Wann lebte diese? Wann wurde sie verdrängt? Getödtet? Darüber konnte ich keinen Aufschluss erhalten. Aber ich vermuthe stark, dass die schwache Bevölkerung erst seit der neuesten Zeit datirt. Die Furcht vor den Abessiniern hat sie vertrieben.

Die Wasserlöcher von Airuri sind 2,5 m tief und hatten, als wir nachmittags um 4 Uhr das Wasser hinsichtlich der Wärme massen, bei 29° Lufttemperatur 27°C. Von hier an beginnt der Aufstieg.

Der Gedem, aus zwei fast senkrechten Granit- und Gneisschichten bestehend, zeigt ausserdem mächtige Lavaergiessungen, welche, so sieht es aus, jene beiden ersten Gesteinsmassen hier durchbrachen, dort überfluteten. So abgerundet der Gedem von der Wasserseite her aussieht, zeigt er doch, wenn man angekommen ist, äusserst durchklüftete Wandungen. Während die Ostseite steil abfällt, zeigt die Westseite Zwischenstufen, die sich zur Ferara-Ebene absenken, welche den Berg von den abessinischen Vorbergen trennt. So hat der Berg denn nach Westen zu auch zwei bedeutende Rinnsale: das nördlichere heisst Mülhohinna, das südliche bedeutendere Avero. Beide, sowie zahlreiche andere Rinnsale, ergiessen sich in den zuweilen auch nach der Ferara-Ebene benannten Sillikit, der sich im Norden mit dem aus Abessinien kommenden Chor Gatra vereint und später noch weiter nach Norden zu den Namen Airuri und schliesslich Fareg Bei annimmt. Das Mülhohinna-Thal hat 1 km von seiner Mündung aufwärts einen Brunnen mit Süsswasser, dessen Temperatur, bei 30° Lufttemperatur und einer Tiefe von 2 m, Stecker am Vormittag zu 30°C. fand. Der Mülhohinna-Brunnen befindet sich schon 160 m über dem Meere. Bemerkenswerth ist, dass man diesen Quell mit vorzüglichem Süsswasser während der englischen Expedition verborgen hielt. Selbst nach zweijähriger Trockenheit zeigte er noch eine ergiebige Fülle Wasser. Der südlichere Avero-Giessbach hat übrigens eine bedeutendere Länge, welche mit allen Krümmungen ca. 5 km betragen dürfte.

An der Quelle angelangt, wo gerade Schäfer eine kleine Ziegen- und Schafheerde tränkten, störten wir eine zahlreiche Affengesellschaft auf, von welcher ein Theil den Hundsaffen, Hamadryas kynokephalos, die kleinern Affen dagegen den Hamadryas gelada anzugehören schienen. Bei der Flucht sprangen die Jungen auf den Rücken der Mutter. Wir zogen noch höher hinauf und campirten dann, von grossen Feuern umgeben, in einer ziemlich engen Schlucht. Nachts wurden wir verschiedentlich aufgestört durch das Geheul von Raubthieren, die wol herbeigelockt sein mochten durch den Geruch der geschlachteten Schafe und die weggeworfenen Gedärme. Letztere waren denn auch am andern Morgen spurlos verschwunden.

Ich musste nämlich zwei Thiere schlachten lassen, da die eine Hälfte der mich begleitenden Leute aus Christen (Abessiniern), die andere aus Mohammedanern bestand. Letztere essen nicht das von jenen geschlachtete Fleisch, und umgekehrt, obschon bei beiden, abgesehen von den dabei ausgesprochenen Formeln, das Abschlachten absolut auf dieselbe Art geschieht. Da ein Thier für alle vollkommen ausreichte, konnten sie, indem sie zwei verzehrten, recht eigentlich im Fleische schwelgen, von welchem auch nicht ein Titelchen übrigblieb.

Am andern Morgen, noch vor Sonnenaufgang, vollendete ich, nur von einigen Leuten, welche Waffen und Instrumente trugen, begleitet, den Aufstieg, während die Mehrzahl aufs obere Avero-Thal zugingen, um mich dort zu erwarten. Trotz der frühen Stunde begegneten uns schon Eingeborene, welche auf Klippschliefer (Hyrax abessin.) ausgegangen waren, von denen sie Dutzende auf der Schulter trugen. Das Fleisch dieses reizenden Thierchens essen die Mohammedaner, während es die Abessinier aus religiösen Gründen verschmähen. Unter unerwartet grossen Anstrengungen bei der Steilheit und ausserordentlichen Schwierigkeit der Wege ging es nun bergauf. Mehreremal wollte ich davon abstehen, den doch gar nicht so hohen Berg zu erklettern, aber wenn ich dann bemerkte, mit welcher Leichtigkeit die von Jugend auf an Bergsteigen gewöhnten Abessinier die schwierigsten Stellen überwanden, mir sogar noch hülfreiche Hand leisteten, dann trieben Ehrgeiz und Scham mich vorwärts. Die grosse Affenheerde, vermuthlich dieselbe, der wir tags zuvor bei Mülhohinna begegneten, und wahrscheinlich die einzige auf dem Gedem, stellte sich uns wieder entgegen, wurde aber durch einige blinde Schüsse vertrieben. Endlich oben! Die Sonne ging gerade auf, und ein wunderbares Bild bot sich unsern überraschten Blicken. Noch einen grossen, von seitwärts wachsenden Boswelien und Avalo (Olea chrysophylla) überschatteten Lavablock, welcher 4 m im Geviert hielt, mussten wir erklettern. Wir standen auf der höchsten Spitze.

Leider waren durch tief hängende Wolken die Ortschaften Massaua, Hotumlu, Arkiko u.s.w. verhüllt, aber nach allen andern Seiten beschränkte nichts unsern Blick. Im Süden die Ansley Bai! Ich dachte an die Gründer von Adulis, an das von Kosmas aufgefundene Denkmal ptolemäischer Herrschaft, welches auf eine vormalige langdauernde Grösse und Wichtigkeit des Ortes zurückschliessen liess. Im Geist sah ich jene Scharen indischer Soldaten, welche dem stolzen britischen Leu folgten; die Eisenbahn, die Lagerbefestigungen, die grossartigen Wasserbecken, um Elefanten und die 40000 andern Lastthiere zu tränken. Jene wunderbare Bucht mit den grossen Transportschiffen, welche damals oft zu Hunderten dort ankerten! Und jetzt -- nicht einmal ein einsames Fischerboot durchfurchte die klaren Fluten.

Und hätte nicht England ein viel grösseres Recht, sich bei Adulis einen Denkstein zu errichten, als jener Grieche, der die stolze Inschrift setzte: „Der grosse König Ptolemäus, Sohn des Ptolemäus und der Arsinoe u.s.w., hat das vom Vater erhaltene Reich durch Hülfe der von ihm und von seinem Vater aus Aethiopien herbeigeholten Elefanten erweitert und grosse Eroberungen in Kleinasien gemacht u.s.w.“ Hätten nicht auch, fragen wir, die Briten das Recht und die Pflicht, dort bei Adulis ihrer Grösse ein Denkmal zu errichten? Ein Denkmal, um der Nachwelt zu verkünden, wie sie, blos um einige der Ihrigen aus den Händen eines mächtigen afrikanischen Tyrannen zu befreien, hierher kamen mit Tausenden von englischen und indischen Soldaten, mit indischen Elefanten und 40000 Lastthieren, und wie sie hierauf nach Magdala zogen, die Engländer befreiten, das äthiopische Reich zertrümmerten und dann siegreich nach blos drei Monaten Aufenthalt das Land wieder verliessen!

Nach hinlänglicher Erholung wollte ich die Gedalospitze, eine der höchsten des Gedem, messen. Aber leider hatten wir den Alkohol vergessen. Das Aneroid konnte zwar auch eine annähernd richtige Höhe angeben, aber wünschenswerth war es, diese Messung durch eine hypsometrische zu controliren. Und nun -- einer der jungen Abessinier, welcher unsere Verlegenheit bemerkte, machte sich sofort auf, um das Gewünschte vom Lagerplatz zu holen. In unglaublich kurzer Zeit war er auch mit der Flasche zurück. Die hypsometrische Messung ergab 1029 m, während das Aneroid nur 825 m[60] anzeigte; ein anderes Aneroid ergab 811 m. Anscheinend war dies die höchste Spitze des Berges. Von Kuppen merken wir an: Arbara, im äussersten Südwesten; Idet, 2 km ostnordöstlich von Gedalo entfernt; Maderali, von Gedalo 2 km in westnordwestl. Richtung entfernt; Koma, nordnordöstlich davon ca. 6 km entfernt, also ungefähr gleich hoch, im Unterschiede von höchstens 50