Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4
Part 9
In Opslo begegnete ich einigen so zerlumpten Armen, wie ich sie nie früher gesehen hatte. Einige taumelten umher und konnten kaum stehen. Ich glaubte sie wären krank, hörte aber zu meiner Beruhigung, daß sie nur betrunken seien.
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[Sidenote: Reise in das Innere Norwegens.]
Ich beschloß eine Reise ins Land, wenn gleich diesmal nur ins Christianiastift zu machen. Mein Freund, der Buchhändler =Dahl=, der mir stets die größte Zuneigung gezeigt hatte (ich kannte ihn von Kindheit an), übernahm, als Reisegefährte, die nothwendigen Geschäfte.
Ich sah zuerst den herrlichen =Krogklev=, der zwar nicht zu den wilden, großen Gebirgsgegenden gehört, welche sich im Stift Bergen, besonders in Telemarken finden; aber er ist schön und malerisch, man kann leicht von der Hauptstadt dahin gelangen, und er wird in Norwegen, sowie der Rigi in der Schweiz, von allen Reisenden besucht. Der Krogklev hat vor den wilden Berggegenden das voraus, daß er eine hohe, kühne Natur mit ruhiger Thalschönheit vereinigt, denn durch seine Riesenspalten sieht man (bei Sonnenschein) das ganze, lachende, fruchtbare Ringerike, wo Halfdan Svarte's Haupt mitten auf dem Felde begraben liegt, und von dort kamen wir nach dem Predigerhause in Norderhoug, das durch die Sage von der tapfern Anna Kolbjörnsen verherrlicht ist.
Die Ströme und Wasserfälle, Ringerike und Modun, die zwei Skjutszwillinge, die mich fuhren, das schöne norwegische Bauermädchen in der Hütte, Sct. Olaf's alte Sage, die man überall hört, wo ein Felsstück seltsam hervorspringt, meine Fahrt in die Kongsberger Grube hinab, wo ich vor Müdigkeit fast nicht wieder hinaufgekommen wäre, mein Besuch in Drammen bei dem gastfreien Amtmann Blom, wo ich mein Bild an der Wand, einen alten Jugendfreund Wulfsberg bei Tisch, und in der Kirche Erinnerungen der Kindheit fand; -- das Alles findet sich zugleich mit meinem dankbaren Lebewohl in dem Gedichte: »Die Reise nach Norwegen« besungen.
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[Sidenote: Ein Brief des Kronprinzen Oskar.]
Sobald das oben genannte Werk gedruckt war, sandte ich meinem königlichen Gönner, dem Kronprinzen Oskar, ein Exemplar desselben. Sr. Majestät wird gewiß nicht zürnen oder es ungnädig aufnehmen, daß ich den Brief, mit dem er mich beehrte, hier abdrucke; ich kann mir die Freude nicht versagen, die mir erwiesene Ehre zu veröffentlichen, und die Nachwelt soll den Ton kennen lernen, in dem ein erhabener Fürst zu einem Künstler sprach.
Stockholm, den 28. Februar 1830.
»Herr Professor Oehlenschläger! Mit wahrhafter Freude habe ich die mir übersandte Reise in Norwegen gelesen, welche nicht allein so schöne Bilder von der Natur und dem Volke des Nordens bringt, wie man sie vom Verfasser des Hakon Jarl erwarten konnte, sondern welche auch in mir die Erinnerung an die angenehmen Stunden wiedererweckt hat, welche ich im vergangenen Sommer in Norwegen zubrachte. Unter die vielen Veranlassungen zur Freude, welche ich daselbst gefunden, zähle ich auch die Befriedigung, einen Mann persönlich kennen gelernt zu haben, dessen allgemein geachtete Schriften mir so lange bekannt waren, und mir so viele Genüsse bereiteten. Der ungetheilte Beifall, den Ihre Arbeiten, Herr Professor, hier in Schweden gefunden haben, muß Sie überzeugen, daß wir mit Freuden den Sänger =Helge's= und der =Götter des Nordens= bei uns sehen würden; und indem ich Sie an Ihr Versprechen erinnere, uns einmal zu besuchen, wiederhole ich, was ich mündlich in Norwegen äußerte, daß Sie uns herzlich willkommen sein werden, wenn die Umstände es Ihnen gestatten, diese Reise zu unternehmen.
Ich benutze mit Freuden diese Gelegenheit, Sie, Herr Professor, meiner besondern Hochachtung und aufrichtigen Freundschaft zu versichern.
=Oskar=«.
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[Sidenote: Veränderungen in meinem häuslichen Leben.]
In diesem Jahre starb mein Freund, der Bischof =Peter Erasmus Müller=, der sich durch seine vortreffliche Sagenbibliothek und andere Schriften so verdient um die nordische Literatur gemacht hat. Nun wurde der Confessionarius Dr. Jakob Peter Mynster Bischof und mußte seinen Amtsantritt mit dem traurigen Geschäfte beginnen, einen seiner ältesten Freunde aus seinem Paradiese oder dem Bischofshause zu jagen. Es war nicht anders möglich, da die Wittwe des Bischofs in den Zimmern wohnen sollte, die ich früher inne hatte. Ich zog also nach der Weststraße, wo es lange nicht so schön war. Aber ich wollte gern in der Nähe des Westthores wohnen, um leicht nach Friedrichsberg hinauskommen zu können, wo ich jeden Nachmittag meinen Thee trank. Die Weststraße bot mir überhaupt liebe Erinnerungen dar; dort hatte ich in meiner Jugend fünf Jahre gelebt, den Aladdin und mehrere andere Dichtungen geschrieben; dort hatten Oersteds gewohnt, und mir war im Kreise meiner lieben Schwester manche frohe Stunde daselbst verstrichen.
Aber es hatte bei dieser Ortsveränderung nicht sein Bewenden, eine andere viel größere, geistige Veränderung sollte in mein Leben eingreifen; ich sollte wieder einen Schmerz und eine Wehmuth gleich denen bei Sophia's und Camma's Tod empfinden; meine =Charlotte= folgte ihnen.
[Sidenote: Tod meiner Tochter Charlotte.]
Das Jahr vorher hatte sie eine Tochter geboren, die nach ihrer seligen Tante genannt wurde; nun war sie wieder guter Hoffnung und sehr schwächlich. Ihre frühere, blühende Gesundheit war dahin. Ich besuchte sie täglich nach der Entbindung, und hatte doch noch Hoffnung. Ich hatte gerade kurz vorher meinen Sokrates geschrieben, mußte ihr Viel davon erzählen, und besonders =Daphne= beschäftigte ihre Phantasie. Das letzte Mal, als ich sie besuchte, war sie dem Tode nahe. Ich hatte ihr einmal von Herder erzählt, der, als er seinem Ende nahe war, einen Freund gebeten hatte: »Sage mir einen großen Gedanken«! Nun flüsterte sie mir freundlich zu: »Sage mir einen Trost«! Ach, ich konnte in diesem Augenblicke Nichts sagen. Ich drückte ihre Hand mit einem liebevollen Vaterblick und ging. Als ich das nächste Mal wieder kam, bedurfte sie keines Trostes mehr. Das bleiche Antlitz zeigte keinen Zug von Schmerz oder Kummer. Die hohe, schöne Ruhe lag darauf, die man in den griechischen Marmorköpfen bewundert, aber es lag noch mehr, es lag etwas Himmlisches darin.
Am Beerdigungstage, als ihre Leiche fast bedeckt von Hyacinthen war, welche die Freundinnen reichlich in dem frühen kurzen Lenze gesandt hatten, beschien die Sonne noch einmal ihre herrliche Stirn, die ich küßte, ehe der Schreiner den Deckel des Sarges aufnagelte. Der gute Mynster hielt eine schöne Gedächtnißrede über sie in der Friedrichsberger Kirche, wobei er auf den Vers von Salis hindeutete:
Das arme Herz hienieden Von manchem Sturm bewegt, Erlangt den wahren Frieden Nur wo es nicht mehr schlägt.
Charlotte's Tod versetzte meine Seele eine Zeitlang wieder in den wehmüthigen Zustand, der ein starker Zug meines Charakters ist und der in unglücklichen Augenblicken oft die Ueberhand nahm, mich aber nie so beherrschte, daß er mir meine Kraft geraubt und meinem Geiste eine Einseitigkeit gegeben hätte, die ihn unfähig gemacht haben würde, als echter Dichter das Menschenleben zu fühlen, zu schauen und darzustellen. Hierdurch unterscheidet das gesunde Gefühl sich von der schwachen, krankhaften Gerührtheit, die man später, sehr unphilosophisch, mit jenem vermischt und mit Verachtung Sentimentalität genannt hat; aber nur die krankhafte Sentimentalität muß verworfen und verachtet werden; die gesunde ist die Wirkung vom gemüthlichen Theile des Menschenwesens, sie ist der negative, empfängliche, leidende Theil, dessen Organ wir Seele nennen, sowie der Geist das Organ für den positiven, handelnden ist. Es muß in unserm Ich sowohl ein Activum, wie ein Passivum existiren. Dieses Letztere spricht seine höchste Idealität im Christenthum aus; ohne das würden wir bei aller Kraft Heiden bleiben, und wenn diese Kraft nicht durch Liebe, Selbstverleugnung, Hoffnung und Trost geleitet wird, so werden wir wieder zu wilden Barbaren. Diese Gedanken sollten einleuchtend scheinen. Christus lehrte sie uns mit himmlischer Begeisterung. Aber die Menschen haben stets einen dämonischen Hang, das milde Gefühl zu verachten, und selbst viele Begabte suchen sie aus der Philosophie, der Religion, der Poesie und also -- wenn es ihnen glückte -- aus dem Leben selbst zu verdrängen. Aber es glückt ihnen nicht! Die Vernunft wird doch die Oberhand behalten; und die Vernunft ist die harmonische Verbindung von Verstand und Herz, von Geist und Seele.
Ich besuchte also nach dem Tode der lieben Dahingeschiedenen den Kirchhof recht oft, und setzte auf ihren Leichenstein (ohne zu wissen, oder mich zu erinnern, daß David Dasselbe von seinem Sohne gesagt hatte): »Sie kommt nicht mehr zu uns, aber wir kommen zu ihr«!
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[Sidenote: Besuch beim Prinzen Christian.]
Von diesen allzuhäufigen Kirchhofbesuchen brachte mich nun eine sehr herzliche und ehrende Einladung des Prinzen Christian ab: ihn in Odensee auf Fühnen, wo er Gouverneur war, zu besuchen.
Mein Aufenthalt daselbst war sehr angenehm; und ich hatte, indem ich einen Monat lang vom Morgen bis zum Abend mit ihm umging, recht Gelegenheit, seinen milden, freundlichen Charakter kennen zu lernen, der mit Kenntnissen nach allen Richtungen und einer Intelligenz verbunden war, die unter Fürsten ihres Gleichen sucht.
Eines Morgens -- ich bin nie eigentlich ein Freund der frühen Morgenstunden gewesen -- erschreckte mich der Lakai, als ich noch in Morpheus' Arme lag, indem er mich mit den Worten weckte: »Se. königl. Hoheit, die im Garten spazieren geht, wünscht, daß Sie ein Wenig zu ihm herunterkommen mögen«. Ich warf mich eilig in die Kleider und kam, sobald ich konnte, d. h. nach einer Viertelstunde. Der Prinz, der wohl von meiner Langschläferei gehört haben mochte, kam mir lächelnd in einer herrlichen Allee entgegen, in der er mit einem Buche auf- und abging, und mit seinem Stock auf eine Schnecke zeigte, die ich beinahe zertreten hätte, als ich mich ihm näherte. Ich ging oft mit ihm in diesen kühlen Alleen im heißen Sommer; aber eines Tages, als es unerträglich heiß war, sagte er: »Nun wollen wir einmal hinausgehen, und die Wegearbeit besehen«. Und nun mußte ich ihm in der brennenden Mittagshitze auf die Landstraße folgen, wo wir vor los umherliegenden Steinen kaum vorwärts kommen konnten. Als er die Arbeit angesehen, und mit den Steinsetzern gesprochen hatte, gingen wir wieder in den schattigen Garten zurück. »Es war draußen heiß«, sagte er lächelnd. -- »»Hier ists freilich besser, Ew. königliche Hoheit««! antwortete ich.
Er vereinigte in Odensee das Wesen des Fürsten mit der bequemen Freiheit des Privatmannes. Mittags war er in Uniform; dann wurden die Gäste zur Tafel gezogen, und Alles war königlich. Aber am Abend hatte er es so eingerichtet, daß bei seinem Gouvernementssecretair, Herrn Etatsrath Holten, Soirée war. Hierher kam er dann selbst als Gast im schwarzen Frack. Zur Abendgesellschaft waren alle Stände eingeladen: Gutsbesitzer, Officiere, Beamte und Bürger aus der Stadt. Wenn ich das Tabackrauchen ausnehme, so ging es hier zu, wie in jeder andern bürgerlichen Gesellschaft auf dem Lande.
Der Prinz nahm an dem Kartenspiel Theil. Am ersten Abend, wo ich da war, und er mich nicht sah, fragte er Holten: »Wo ist Oehlenschläger«? -- »»Er sitzt im andern Zimmer und spielt l'Hombre««! -- »Spielen Sie l'Hombre«, sagte der Prinz, als ich zu ihm hineinkam, »dann sollten Sie doch eigentlich mit uns spielen«. -- »»Nein««, antwortete ich, »»Ew. königl. Hoheit spielen nicht =mein= Spiel; ich spiele nie höher, als vier Points zu einem Schilling««.
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[Sidenote: Der Herzog von Augustenburg.]
Der Herzog von Augustenburg besuchte den Prinz Christian in Odensee. Hier sah er mich. Sein Vater hatte mein Glück gemacht, indem er den König auf Schimmelmann's Empfehlung vermochte, mich als Professor an der Kopenhagener Universität anzustellen. Kein Wunder, daß ich dem Sohne dankbar entgegen kam. -- Er bat mich, ihn einmal zu besuchen, und hiervon nahm Prinz Christian Veranlassung, mich mitzunehmen, als er nach Alsen fuhr. Wer ahnte damals, was leider später geschehen ist? Ich war der Gast des Herzogs von Augustenburg; obgleich er etwas Kaltes und Stolzes hatte, das die Herzen nicht gewann, so war er doch sehr artig und zuvorkommend. Schön war er auch und von der Natur reich begabt. Obgleich man stets merkte, daß er sich als eine fürstliche Person fühle, war doch etwas Burschikoses in seinem Wesen. Er war durchaus der Gegensatz des Prinzen Christian. Dieser hatte, ohne Stolz zu zeigen, einen Tact, durch den der richtige Ton zwischen ihm und seiner Umgebung stets auf eine natürliche Weise aufrechterhalten wurde. Prinz Christian war ein fleißiger Beobachter alles Dessen, was geschah; er hörte gern Andere sprechen; das Geistreiche interessirte, das Schöne rührte ihn; heiterer Humor konnte ihn herzlich lachen machen. Der Herzog hatte diese Aufmerksamkeit für Andere nicht; er war stets eifrig mit seinen eigenen Ideen beschäftigt, und seine Conversation bestand eigentlich darin, daß er diese mit einem festen Glauben an ihre Richtigkeit mittheilte. Prinz Christian konnte den Taback nicht ausstehen; der Herzog hatte eine Tabagie _à la_ Friedrich Wilhelm I., wo er seine Vorlesungen hielt. Ob diese damals bereits politischer Natur waren, will ich ungesagt sein lassen, denn ich rauche auch nicht Taback und war nur einmal in der Tabagie, als der Herzog selbst mir auf dem Vorsaale nachkam und mich hineinholte. Von Poesie und Kunst war nicht die Rede. Als ich sagte, daß ich zum Prinzen und der Prinzessin heruntergehen müsse, um Helge vorzulesen, antwortete er: »O das eilt nicht; Sie können noch ein Bischen warten, bis der Prinz zum Thee alle seine zwölf Zwiebacke verzehrt haben wird«. Ich dachte: Zwölf kleine Zwiebacke sind kein großes Abendbrod. Auch anderer Spott blieb nicht aus. Mittags bei Tische, gewöhnlich, wenn der Herzog nach Art der englischen Lords selbst den Braten vorschnitt, begannen die Sticheleien gegen den Prinzen Christian (auch zuweilen gegen die Prinzessin), und es ging oft so weit, daß ich dachte: wird der Prinz nun nicht aufstehen und fortgehen? Aber er fand sich sehr geduldig darein. Nur einmal, als wir uns eines Morgens, wie gewöhnlich, die Vollblutpferde des Herzogs in ihren hübschen Ständen besahen, legte Prinz Christian seine Hand auf meine Schulter und sagte: »Nun sind wir in unserm Elemente«!
Zu Caroline Amaliens Geburtstag brachte der Herzog meine Gesundheit aus und forderte die andern Herrschaften auf, ein Gleiches zu thun. Ich habe später oft hieran gedacht, und mich darüber gewundert. Ich wußte, daß der Herzog sich nicht viel um Poesie kümmere; ich glaube er hat nur wenig von meinen Schriften gelesen, und doch bekam er diesen Einfall! -- Aber ich fühlte mich nicht recht heimisch auf Augustenburg, obgleich der Herzog in gutem Vernehmen mit der Herzogin lebte, die sehr liebenswürdig war und reizende Kinder hatte. Das gespannte Verhältniß zwischen Prinz Christian und ihm peinigte mich. Ich war froh, als ich fort war, zählte die Tage bis zu meiner Abreise, und athmete erst wieder leicht, als ich Abschied genommen hatte und von dannen fuhr.
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[Sidenote: Güte des Prinzen Christian.]
Als Prinz Christian und die Prinzessin auch nach Seeland zurückkamen, war ich eines Tages bei ihnen auf Sorgenfrei zu Tafel. Nach der Mahlzeit sagte mir der Marschall, daß Ihre königlichen Hoheiten mit mir im Gemache der Prinzessin sprechen wollten. Auf dem Wege dorthin begegnete ich dem Prinzen, der ein großes Gemälde trug. Es war ein Bild von =Södring=, Axel und Valborg's Grab, das ein junges Bauernpaar mit Rosen bekränzt. Der Prinz stellte es vor mir auf, zog ein Blatt Papier hervor und las, augenscheinlich bewegt, ein von ihm selbst verfaßtes Gedicht vor, welches in Uebersetzung lautet:
Du schauest hier schön Valborg's Grab, Mit Blüthenkränzen reich geschmückt; Das Brautpaar ihr die Kränze gab In Liebeslust so hoch beglückt. So steigt Vergangenheit hernieder Und strahlt uns durch die Liebe wieder.
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Doch, wer hat Worte ihr gegeben? Wer führte sie von Norge's Felsenland, Wo sich die Eschenbäume hoch erheben Zu trüber Lust uns her nach Dän'marks Strand? Wer anders war's, als Oehlenschläger, Du? Von Deinen Lippen klang das Lied uns zu.
Empfang, was Deine Dichtung rief in's Leben, Wenn die Begeisterung in des Künstlers Hand Durch Farbengluth ein neues Sein gegeben Dem, was im hohen Dichtergeist entstand. Nimm es vom Freunde als ein Angedenken, Dem Deine Liebe frohe Stunden schenken!
Dem Dichter Adam Oehlenschläger gewidmet von =Christian Frederik=.
Dieses Gedicht überreichte mir der gute Fürst, nachdem er es mir vorgelesen hatte, umarmte und küßte mich, und die Prinzessin reichte mir freundlich die Hand.
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[Sidenote: Tod Karl Heger's.]
Kaum saß ich zu Hause in Ruhe, so wurde der Himmel meines Glücks wieder durch Wolken verdunkelt. Eines Abends, als beide Oersteds mich besuchten, kam eine Ordonnanz vom Prinzen Christian, um zu melden, daß mein lieber Schwager und treuer Freund, Karl Heger, plötzlich gestorben sei. Ich habe in einem Gedichte über ihn Alles gesagt, was ich von diesem edlen, seltenen Menschen sagen konnte. Er war Bibliothekar des Prinzen und sehr bei ihm beliebt. Eine Stunde vorher war er noch bei dem Prinzen gewesen, als Jemand zu ihm kam. Dieser sah ihn in seinem Lehnstuhle, mit dem neuen Testamente auf dem Schooße dasitzen. So war er sanft hinübergeschlummert. Er wurde auf dem Friedrichsberger Kirchhofe neben Camma und Rahbek beerdigt.
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[Sidenote: Die Kritik über Sokrates.]
Mein Sokrates sollte nun aufgeführt werden. Ich war überzeugt, daß Ryge diese Rolle vortrefflich spielen würde, und er soll es auch gethan haben; ich sah die ersten Vorstellungen nicht, und das Stück wurde nur zweimal aufgeführt, es machte kein Glück. Der ganze damals herrschende Ton verwarf es, und kein einziger Aesthetiker stand öffentlich mir zur Seite, außer Wilster in Soröe. In der Monatsschrift für Literatur erschien eine Recension, die mit Verstand, Sachkenntniß, Achtung und Wohlwollen, aber kalt und tadelnd geschrieben war, trotz der Zugeständnisse des Guten, die mir der Verfasser weder vorenthalten konnte noch wollte. Diese Kritik trug mehr das Gepräge des Philologen und Antiquars, als eines reifen Geschmackrichters. Obwohl zugestanden wurde, daß das Stück seine Entstehung dem Dichtergeiste und einem sorgfältigen Studium verdanke, so genügte es doch nicht, weil es nicht das Product vieljähriger gründlicher Gelehrsamkeit war, und weil sich Dies und Jenes den Ideen und Gefühlen der Gegenwart fügte. Danach durfte ein Dichter niemals eine Sage des Alterthums behandeln, und von diesem Standpunkte aus betrachtet, müßten all' meine nordischen Heldendramen verworfen werden. Meine Fähigkeiten wurden auch darin besprochen, und -- nach der damals gebräuchlichen Weise -- nannte man mein allzusehr überwiegendes Gefühl für das Gute »die Wollust des Guten«, und tadelte es als zu einseitig für echt dichterische Compositionen, wenngleich es persönlich zu achten sei. Ich hatte Aristophanes Unrecht gethan, indem ich ihn selbst die Anwendung des Namens Sokrates' zu seinem Lustspiele »die Wolken« eine jugendliche Unbesonnenheit nennen ließ. Was noch mehr dazu beitrug, die Leser gegen mein Stück zu stimmen, war eine deutsche Abhandlung des Professor Forchhammer in Kiel, welche damals erschien, und in der er bewies, daß Sokrates wirklich ein Empörer gewesen, und ihm also kein Unrecht geschehen sei.
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[Sidenote: Der Geschmack damaliger Zeit.]
Da ich hier nun wieder zu einem Ruhepunkte in meiner Dichterbahn gelange, so will ich hieran einen Ueberblick über den Geschmack knüpfen, der damals herrschte und den ich eine Zeitlang vergebens bekämpfte. Wir haben in dem Vorigen gesehen, wie Göthe, Tieck -- die romantische Schule -- gegen das Rührende in der Poesie als gegen etwas Schwaches und Weichliches polemisirten. Eine Zeitlang später hatten sich phantastische Convulsionen in Werner's, Müllner's, Grillparzer's und den französischen Stücken Victor Hugo's bewegt: hier galt es nicht, wie Aristoteles es nennt, die Leidenschaften durch Schreck und Mitleid =zu läutern=, sondern vorzüglich durch brillante Schilderungen bewunderter Laster gespannt und nervenerschüttert zu werden. Von der andern Seite schwebte die unschuldige, naive Dichtkunst in Gefahr, durch glänzende Talente mit außerordentlicher Sprachfertigkeit verdrängt zu werden. An der Spitze dieser steht Lord Byron als ein wirklicher Dichter. Aber drücken sich nicht Egoismus, Sinnlichkeit, Stolz und Verachtung in allen Werken seiner hinreißenden Beredtsamkeit aus? Schöne, tiefe Gedanken, eine lebhafte Phantasie, eine starke, wichtige Begeisterung findet sich gewiß darin; aber stets hört man den englischen Lord, der, während er sich selbst der Laster beschuldigt, doch stolz auf alle Andere und alle bürgerlichen Verhältnisse herabblickt. Es ist der blasirte Jüngling, der die Sinnengluth hinreißend, nie aber die wahre Liebe schildert, und schließlich von den Frauen sagt: »Wenn sie einen Spiegel und ein Zuckerplätzchen haben, so sind sie zufrieden«. Byron ist ein vortrefflicher poetischer Landschaftsmaler; aber die poetische Landschaftsmalerei ist ein untergeordnetes Genre. Echt dramatisch konnte er nie werden; denn die einzige Person, die er recht episch und dramatisch schildert, war, wie gesagt, Lord Byron, sei dies nun als Childe Harold, Don Juan, Manfred oder in einer andern Gestalt. Und doch blickt er mit tiefer Verachtung auf seinen Landsmann, den Stolz Englands, den göttlichen Shakespeare herab und spricht von ihm in einem Briefe an die Lady Betterton, als von einem Pöbeldichter. Daß aber Byron bei seiner Jugend und Schönheit (bis auf den Klumpfuß), seinem Genie, seiner englischen Lordschaft, seiner Tapferkeit, seiner persönlichen Entschiedenheit und endlich bei seiner lobenswerthen Begeisterung für die griechische Sache, welche damals Europa's höchstes Interesse weckte, eine glänzende Epoche machen mußte, ist ganz natürlich, und ich mißgönne ihm seinen Lorbeer nicht, den er, wenn auch Alles, was hier gesagt, wahr ist, doch verdient. Der unglückliche Klumpfuß hat gewiß nicht wenig zu dem Stolz und Spleen beigetragen, der ihn unablässig peinigte und sein Leben verkürzte.
In Deutschland spielte Graf Platen eine Art Byron. Sie hatten das gemein, daß der Eine Lord, der Andere Graf und Beide vorzügliche Künstler in der Behandlung der Sprache waren. Platen hat ebenso wie Byron einige schöne Sachen geschrieben; aber sein Stolz war kälter und unangenehmer, und er legte seine Gedanken in elegante, polirte Versformen, wie in Marmorsarkophage.
Noch zwei deutsche Aesthetiker, von denen Einer ein begabter Dichter war, äußerten sich damals mit der ganzen Kraft der Beredtsamkeit, vornehm, polemisch und mit der Verachtung gegen alles Geltende, wie sie damals Mode war. Dies waren =Börne= und =Heine=. Ihr Adel war älter, als der Byron's und Platen's, denn sie stammten von David und Salomon ab; da man aber diesen Stammbaum nicht anerkannte, so erweckte das einen Depit in ihrem Wesen und ihrem Styl, der sie oft mehr als billig erbitterte.