Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4
Part 8
»Zu meinen Kindermärchen kehr ich wieder; Doch kann der Mensch nicht aus sich selbst heraus. Noch schwingt die Phantasie leicht ihr Gefieder, Doch hat der Dichter Kinder, Weib und Haus. Nicht mehr Aladdin er die Lampe scheuert, Ein Fischer, harrt er an dem Strande dreist; Hat sich das hübsche Wunder doch erneuert? Zog er in seinem Netz hinauf den Geist?
Doch -- wie die alten Bilder mich besuchen, Und bringen wieder manch verschwund'nes Glück, Kehrt auch lebendig -- unter meinen Buchen -- Des Freund's Erinnerung mir treu zurück.
Dir reich ich gern, was in den letzten Träumen -- Zu sehn die nord'sche Muse sich gewagt, »Ich habe nie verlangt, daß allen Bäumen Dieselbe Rinde wachse,« Lessing sagt. Doch edler =Tieck=! wenn auch in ein'gen Dingen Verschieden, stehen wir uns gar nicht fern: Den Hippogryph mit breiten bunten Schwingen Wir reiten nach dem Wunderlande gern. Hast mir den Weg gezeigt, vom edlen Britten In Sturm und Sommernacht vorher geritten: Mein Tieck, ich seh' Dich wieder, helle Thränen Stehn mir im Auge; Du bist wieder mein. Holberg's Apostel und Du Freund der Dänen Du hast nicht aufgehört mein Freund zu sein!« -- --
Tieck schrieb in mein Stammbuch:
Freud' ist mir jetzt geworden, Es bringt mir lieben Gruß, Der Dichter aus dem Norden, Und seinen Bruderkuß. Er sprach: Warum denn richten? Da noch die Kraft gesund? Weit besser klingt das Dichten Von einem Sängermund. So darf der Dichter sprechen, Dem hold die Muse lacht; Er wird die Lorbeern brechen, Die sie ihm zugedacht. Dein freundliches Gemüthe Hat sich mir längst bewährt; Mit Deines Kindes Blüthe Bist Du zurückgekehrt. Sie spricht des Vaters Wahrheit, Sie lächelt seinen Blick; So bleibt denn Lieb' und Klarheit Der Zukunft auch zurück. Und neu mit Dir verbunden Reich ich die Freundes-Hand, Wie wir uns früh gefunden, Hast Du mich nie verkannt. Wir Sanges-Brüder wallten Durch manchen schönen Raum, Lebendig festzuhalten Des Lebens Wunder-Traum. Seh' ich einst Deine Auen? Kehrst Du zu unsern Gauen? Grüß ich Dich dorten, hie? Doch, wie sich's mag gestalten, Wir bleiben stets die Alten! Entfremdet sind wir nie!!«
Dein treuer Freund und Bruder =Ludwig Tieck=.
[Sidenote: Burgstorph. Rumohr.]
So verbrachte ich einige schöne Tage mit Tieck; ja eines Abends nahm er sogar meine deutsche Uebersetzung des Holberg hervor und las uns ein Stück daraus vor, während er sich gewöhnlich an die alte Uebersetzung zu halten pflegte, was er auch wohl später wieder that. Die pedantische Weitläufigkeit im Styl und die Plumpheit in den Ausdrücken, die Holberg selbst weit übersteigen, waren für ihn, der das Original nicht kannte, nicht abstoßend. Tieck war als vortrefflicher Vorleser bekannt; dieses Talent hatte er entwickelt, als er eine Reihe von Jahren, als die Gicht ihn am Gehen verhinderte, fast jeden Abend in einem Kreise von Freunden oder Reisenden, die ihn besuchten, eins oder das andere Dichterwerk vorlas. Die Aerzte hatten ihm diese körperliche Anstrengung gerathen, die also ebenso nützlich für ihn, wie angenehm für Andere wurde. Es war für ihn ein doppelter Nutzen; denn er machte sich dadurch eine große Menge von Freunden verbunden, welche seine Gastfreundschaft, und jeden Abend eine so schöne Unterhaltung in seinem Hause genossen. Freilich mußte es ihm viel kosten; oft waren zwanzig und mehr Menschen jeden Abend zum Thee da. Ob Tieck damals eine Pension hatte, weiß ich nicht. Er schrieb jedes Jahr eine Novelle für Brockhaus' Urania, die ihm sehr gut honorirt wurde. Aber er stand in einem andern merkwürdigen Verhältnisse, das so charakterisch war, daß es hier besprochen zu werden verdient. Durch seine außerordentliche Persönlichkeit -- er hatte ein schönes Gesicht, dessen große, braune, feurige, und wenn er wollte, milde Augen, welche Alle einnahmen, die ihm begegneten -- durch seine Beredtsamkeit, die oft satyrisch und polemisch war, schuf er sich eine große Partei. Da er nun ganz sein eigener Herr war, kein Amt hatte, durchaus nicht von der Zeit abhing, und sehr viel Lust spürte, umherzureisen, und Kunstwerke und Naturschönheiten zu sehen, so fand er sehr leicht junge enthusiastische Freunde, die nichts mehr wünschten, als in dem innigsten Verhältnisse mit ihm zu stehen, und das Leben mit ihm zu theilen. So fand er früh einen Baron =Burgstorph=, später den berühmten =Rumohr=, die beide reich waren, und eine Freude daran fanden, Das herbeizuschaffen, was Tieck fehlte. Auf diese Art reiste er wahrscheinlich nach Italien. Daß Rumohr später Tieck nicht leiden konnte, beweist Nichts, da Rumohr ein Sonderling und rechthaberisch hinsichtlich seiner Kunsturtheile war (wenn auch wirklich ein seltener Kunstkenner); er wollte auch Poet, wenigstens Novellenschreiber sein, und hat als solcher wahrscheinlich Tieck nicht gefallen. In spätern Jahren hatte sich eine Gräfin Finkenstein aus einer der ersten preußischen Familien der Tieck'schen ganz angeschlossen. Tieck's Frau war eine Tochter des Predigers Alberti, seine Töchter, Dorothea und Agnes, waren bereits erwachsen. Nun lebten sie mehrere Jahre zusammen, und die Einladungen von Tieck geschahen stets im Namen der Gräfin von Finkenstein. Sie freute sich während der Vorlesungen zugegenzusein, und ihre Augen beobachteten die der Zuhörer, um zu sehen, welchen Eindruck der Vortrag ihres Lieblings auf sie machte.
[Sidenote: Gräfin Finkenstein. Böttiger.]
Tieck las den Holberg mit seiner gewöhnlichen Virtuosität und Laune vor; aber es fehlte ihm natürlich Etwas vom nationalen Elemente. Ich hätte gern auch einmal ein Stück von Holberg vorgelesen, um Tieck eine Idee von der Art und Weise zu geben, wie wir Dänen den Dichter auffassen; auch mir ist zu Hause Beifall beim Vorlesen von Dichterwerken geworden, obwohl ich nur selten las. Aber -- ich merkte wohl, daß Tieck ein Bedürfniß hatte, selbst zu lesen, und sprach also nicht davon. Wenn es Dramen waren, so ging es gut; zuweilen aber las er ganz lange Novellen vor, und das war zu viel. Auch glückte ihm das Komische viel besser als das Tragische, wobei er nicht selten in einen trockenen, manirirten Ton verfiel. Wenn nun hiezu kam, daß die Fenster selbst in den Hundstagen geschlossen werden mußten, so verursachte mir das eine Betäubung, die zuweilen in unbezwinglichen Schlummer überging.
In Dresden besuchte ich auch meinen alten Freund =Böttiger=. Seit dem gestiefelten Kater, in welchem Stücke Böttiger eine persönliche Rolle spielt, war kein gutes Vernehmen zwischen ihm und Tieck gewesen, wobei die Schuld wohl mehr an diesem als an jenem liegen mochte. Tieck sprach stets mit Geringschätzung von Böttiger, der vorsichtige, artige, alte Mann dagegen wägte stets seine Worte ab. Nur einmal, da es ungeheuer heiß war, sagte er mit schelmischem Lächeln: »Sie sollen Tieck heute Abend hören! Sie Glücklicher«!
In mein Stammbuch schrieb er:
»Zweizüngig ward einst Ennius genannt Auch Du, mein Freund, hast, wie bekannt, Unsterblichkeit Dir in zwei Schwesterzungen Mit aller Musen Gunst errungen. Teutonia und Daniska legt' ein Lorbeerreis Dir auf die Wiege. Wer möcht' nicht um diesen Preis Zweizüngler sein in biedrer Männer Kreis?«
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In Berlin ging ich gleich zu meinem alten Gönner, dem Grafen Bernstorff, der nun preußischer Minister war. Er kam mir mit offenen Armen entgegen, und sagte, indem er auf den Tisch zeigte: »Da liegen Sie! Ich habe mich gerade in diesen Tagen mit Ihnen beschäftigt«. Es war meine Deutsch geschriebene Selbstbiographie, mit der meine Werke bei Max anfingen.
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[Sidenote: Berlin. Wilhelm von Humboldt.]
Ein paar Tage darauf fuhr ich nach Tegel hinaus, um den Staatsminister Wilhelm von Humboldt, nicht als Minister, sondern als Gelehrten, als Aesthethiker, und als Schiller's vieljährigen vertrauten Freund, zu besuchen. Es hatte sich bisher in meinem Leben noch nicht so gefügt, daß ich mit diesem seltenen Manne zusammengetroffen war. Seine Frau hatte ich in Rom 1809 sehr gut gekannt, wo ich sie zuweilen mit Frau Brun und Thorwaldsen besuchte.
Als ich nach Tegel in den kleinen Lusthain kam, der an das Haus stößt, wo er wohnte, stand Graf Raczynski da und zeichnete eine Waldpartie. Er war mehrere Jahre preußischer Minister in Kopenhagen, wo er mich gleich besuchte und mich zu seinem gastlichen Tische einlud. Er war reich, ein Pole von Geburt, Kunstkenner, Freund der Poesie, und zeichnete selbst. -- Als ich ihm erzählte, daß ich Humboldt besuchen wolle, sagte er mir, daß er bereits dort gewesen, aber nicht angenommen worden sei. Ich wollte wieder umkehren; aber Raczynski sagte: »Nein, gehen Sie nur! Sie werden schon vorgelassen«! Er meinte wohl, daß, obgleich der Minister nicht für den Minister zu Hause sein wollte, um sich nicht mit Staatsangelegenheiten beschäftigen zu müssen, er doch gerade dadurch als Gelehrter und Kunstfreund eine Musezeit gewonnen hätte, die er dem Dichter schenken könne. Und das war auch der Fall. Humboldt kam mir wie ein alter Freund entgegen, ergriff meine beiden Hände, sah mich lange und freundlich mit seinen großen geistvollen Augen an, indem er ausrief: »Oehlenschläger«!
Wir hatten nun ein langes Gespräch, und ich mußte mit ihm durch den Wald zum prächtigen Grabmal seiner Frau gehen. Auf dem Wege stand Raczynski noch immer und zeichnete. Humboldt grüßte ihn freundlich, ohne das Gespräch zu unterbrechen, und ging weiter. Dies war das erste und letzte Mal, daß ich diesen ausgezeichneten Mann sah.
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[Sidenote: Raczynski. Stieglitz.]
Mit Raczynski war ich im Theater und sah Devrient den Shylok und Madame Stich die Portia in Shakespeare's Kaufmann von Venedig spielen. Ich bewunderte hier die letzten Strahlen des großen Künstlergenies, das sich seinem Ende näherte. Madame Stich war anmuthig und herrlich als Portia. --
Einen angenehmen Abend brachte ich bei einer Familie zu, die später durch ihr unglückliches Geschick berühmt geworden. Es war dies beim Doctor Stieglitz und seiner jungen reizenden Frau. Hier traf ich auch Theodor Mundt als ganz jungen Mann. Er hat später in einer Schrift das unglückliche Ereigniß erzählt. Die junge Charlotte Stieglitz liebte ihren Mann sehr, und er sie; aber doch glaubte sie, von einer stillen, sonderbaren Schwärmerei ergriffen, daß sie ihn nicht glücklich mache. Sie sprach nicht darüber, und er hatte keine Ahnung von Dem, was in ihrem Innern vorging. Einmal, als er in Gesellschaft gehen wollte, hatte sie sich zu entschuldigen gewußt. Als er nach Hause kam, fand er das Haus in der gewöhnlichen Ordnung, aber seine Frau hatte sich zu Bett gelegt. Er näherte sich dem Bette, das auch sehr reinlich mit feinen, weißen Laken bedeckt war. Sie lag lächelnd in graciösem Negligée da. Aber einige Blutflecken erschreckten ihn, und als er die Decke zurückschlug, sah er die schöne Charlotte Stieglitz mit einem Dolche in der Brust in ihrem Blute schwimmen.
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[Sidenote: Prometheus. Tordenskjold.]
Bei meiner Rückkehr in die Heimath wurde ich Rector, und war in den Jahren 1831, 32 und 33 sehr fleißig. Ich schrieb und hielt zwei lateinische Reden, gab die Monatsschrift =Prometheus= heraus, wobei ich nur wenig Hülfe hatte, und in der Vieles Original war; außerdem schrieb ich die Tragödien =Tordenskjold= und =Königin Margareta=.
Prometheus enthält unter Anderm Novellen vom Herausgeber, Urtheile über Heiberg's, Overskou's und Hertz's dramatische Arbeiten, die Vertheidigung Thomas Thaarup's gegen Molbech's Herabsetzung, eine Widerlegung der Beurtheilung desselben über Balder's Tod von Ewald u. a. m. Aber hiervon will ich keine Auszüge geben, da ich, wenn diese ausführlichere Lebensbeschreibung erschienen ist, gedenke, meine =ästethischen Abhandlungen= in einem besondern Bande herauszugeben.
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[Sidenote: Meine Tochter Charlotte.]
Fräulein Ottilie Wagner, welche mit von Leipzig gekommen war, blieb ein Jahr bei uns und war Charlotte's vertraute Freundin. -- Ich muß nun Etwas von diesem lieben Kinde, das mich so früh verließ, sprechen. Alle, die sie kannten, waren von ihrem Wesen und ihren Fähigkeiten eingenommen. Auf der Reise hatte sie auf Jeden, dem sie begegnete, einen angenehmen Eindruck gemacht, unter Anderen auf Tieck, was man aus dem Gedichte sieht, das er mir schrieb. Sie hatte viele Fertigkeiten, tanzte hübsch, spielte gut das Piano, sang mit Leichtigkeit und Grazie alle Mozart'schen und Rossini'schen Arien. Sie sprach Deutsch so gut wie Dänisch, konnte Französisch und Englisch, wie auch etwas Italienisch; alle weiblichen Arbeiten gingen ihr leicht von Händen. Sie war witzig, begeistert und oft beredt; aber eigentlich munter war sie nicht, und es fehlte ihr die im Leben nöthige Besonnenheit und Ruhe; sie nahm auch keine Rücksicht auf Verhältnisse; was sie wollte, das wollte sie. Wenn Alles nach ihrem Wunsche ging, war sie kindlich und sanft; aber Widerstand konnte sie zu einer Leidenschaftlichkeit bringen, die keine Vernunftgründe mehr annahm.
Liebe zur Poesie und Schauspielkunst hatte sie von mir geerbt; sie sah den jungen =Ludwig Phister=, der gerade damals anfing sich auszuzeichnen; er besuchte uns zuweilen, hörte sie singen und wurde von ihr eingenommen. Sie gewann ihn lieb, wollte ihr Schicksal mit ihm theilen, und betrat als seine Gattin selbst auf kurze Zeit die Bühne. Ich sah ein, daß es damit keinen Bestand haben würde. Obgleich sie das Hegersche Talent geerbt hatte, Leuten ihre Stimme nachzumachen, sodaß ihre Freunde und Freundinnen sich gruppenweise um sie versammelten, wenn sie ihnen dies Vergnügen bereitete, so besaß sie doch wohl kaum ein eigentliches Talent für die Bühne. Hatte sie auch viele Jahre hindurch als Dilettantin die größten Arien schön gesungen, so war dies doch für eine Künstlerin nicht genügend; es fehlte ihr die nöthige Schule, und =Siboni=, der sie sonst sehr lieb hatte, durfte sie doch nur in der kleinen Partie der =Fanchon= auftreten lassen. Und selbst hier hätte sie beinahe nicht ausgereicht; denn als sie eine kleine Arie singen sollte, vergaß sie gleich einzufallen und verneigte sich bittend gegen den Concertmeister =Schall=, welcher dirigirte. Aber er konnte nicht noch einmal anfangen, und schüttelte mit dem Kopfe. Nun faßte sie sich, fiel rasch im nächsten Tacte ein, und sang ihre Arie so gut, daß sie einen stürmischen Beifall erhielt, der kaum enden wollte. Aber sowohl sie als auch wir Anderen fühlten wohl, daß dieser Ausbruch des Publikums nicht als Beifall für die Sängerin, sondern als Theilnahme für die Tochter des Dichters betrachtet werden mußte. Sie wurde selbst bald dieser Versuche müde und trat zurück.
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[Sidenote: Plan Norwegen zu besuchen.]
Ich hatte einen so freundlichen Empfang in Schweden gefunden, daß die Lust, Norwegen einmal zu sehen, natürlich in mir erwachen mußte. Ich zweifelte nicht daran, daß ich auch dort Freunde finden würde. Freilich war eine Zeitlang nach Norwegens Vereinigung mit Schweden eine eigenthümliche Stimmung gegen Dänemark und Alles was Dänisch war, eingetreten, sodaß dies fast von einem solchen Versuche hätte abschrecken können. Aber diese Verachtung, die fast in Haß überging, fand sich nur bei einigen exaltirten jungen Leuten, die freilich in den ersten Jahren den Ton angaben. Nun hatte der Sturm sich gelegt, Billigkeit war an seine Stelle getreten, die Stimme der Aelteren wurde wieder gehört. Von der Zeit an, wo ich denken konnte, bis zum Jahre 1814, d. h. von meinen frühsten Kinderjahren an bis in mein reifes Mannesalter, war ich gewohnt gewesen, die Norweger als meine Landsleute und Norwegen halb als mein Vaterland zu betrachten. Deshalb entstand auch, wenn ich dichtete, niemals in meinem Herzen die Frage, ob die Scene in Dänemark oder in Norwegen, ob der Held ein Norweger oder ein Däne sein solle. Und trotz der politischen Trennung ist dieses Gefühl bei mir nie erstorben, weil die Sprache und Literatur und viele Familienverhältnisse uns stets geistig verbinden.
Bei Rahbeks war ich als Jüngling gewöhnt begabte junge Norweger zu sehen. Das rasche, stolze Wesen der Bergbewohner sagte uns zu, weil es mit inniger Gutmüthigkeit verbunden war. Wenn sie uns recht kennen gelernt hatten, liebten sie uns. Ueber ihr zuweilen zu weit getriebenes Selbstgefühl scherzten wir. Eines Abends sagte Camma in dem muntern Tone, der ihr so gut stand, zu einem jungen norwegischen Maler Kalmeier: »Ich mag die Norweger sehr gern, wenn sie nur nicht so großmäulig wären; doch Kalmeier macht eine Ausnahme«. -- »»Ich wär nicht großmäulig««? fragte Kalmeier in demselben lustigen Tone: »»ich bin es gerade erst recht««!
Meine Freundschaft zu den vielen Norwegern, mit denen ich in verschiedenen Zeiten verkehrt hatte, machte, daß ich Norwegen stets liebte. Baldur der Gute und die Götter des Nordens gehören ja ebenso sehr Norwegen, wie Dänemark; Hakon Jarl, Axel, Hagbarth, Stärkodder, Tordenskjold sind norwegische Helden. Ich meinte es sei unvernünftig und herzlos, wenn man diese Gedichte, als etwas der norwegischen Literatur Fremdes, von ihr trennen wollte. Aber es gab auch Niemanden, der das that, und als ich in das liebe Felsenland kam, fand ich die freundlichste Aufnahme.
In einem Gedichte, =die Reise nach Norwegen=, habe ich poetisch beschrieben, was mir dort begegnet; in meinen gesammelten Schriften habe ich diese Gedichte getrennt; einige stehen unter den lyrischen Gedichten, andere unter den Romanzen.
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[Sidenote: Reise nach Norwegen.]
In Christiania traf ich einige alte Bekannte wieder, die hier meine Freunde wurden, unter Anderen den Staatsrath =Treschow=, die Professoren =Sverdrup= und =Schjelderup=. Wir waren Alle vor etwa zwanzig Jahren Collegen an der Kopenhagener Universität gewesen. Treschow war mir früh dadurch merkwürdig, daß er bereits Rosing's Rector gewesen war, als dieser in Drontheim die Schule besuchte. Ich machte dem Prinzen Oskar meine Aufwartung, um ihm für die Gnade zu danken, die er mir erwiesen hatte. Der schöne junge Fürst kam mir freundlich entgegen, und ich lernte in ihm bald den vertrauten Freund der Musen kennen. Ich war zweimal bei ihm zur Tafel. Ryge war nach Christiania gekommen und Hakon Jarl sollte aufgeführt werden. Prinz Oskar lud mich ein, ihm in seine Loge zu folgen; aber ich verstand ihn nicht recht und glaubte, ich sollte mich beim Theater einfinden. Ich stand und wartete, aber der Wagen des Prinzen kam noch immer nicht. Endlich spazierten seine Cavaliere nach dem Theater und wunderten sich, mich an der Thür stehen zu sehen; sie erzählten mir, daß der Prinz mich im Hôtel mit seinem Wagen erwarte. Nun wurde ich sehr verlegen und bat einen der Cavaliere, der ohnehin zurückkehren wollte, mich zu entschuldigen und dem Prinzen zu sagen, daß ich seine Einladung mißverstanden hätte, mich aber jetzt schäme wieder durch die Stadt zurückzugehen. Der Prinz lachte und nahm meine Entschuldigung freundlich auf; ich war bei ihm in der Loge und Ryge spielte seinen Hakon, aber nicht ganz mit dem Leben, wie gewöhnlich, da es ihm an Unterstützung bei seinen Mitspielern fehlte. Bei dieser Gelegenheit merkte ich im Laufe des Gesprächs während des Schauspiels, daß der Prinz Oskar seinen Suorro Sturleson und seine isländischen Sagen trotz Einem kannte.
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[Sidenote: Ehrenvolle Aufnahme.]
Ein paar Tage darauf kamen die Professoren =Sverdrup=, =Hersleb= und =Hansteen= zu mir ins Hôtel du Nord, um als Deputation der Universität, der Männer des Storthings und der Stadt mich zu einem Festmahle einzuladen. Ich habe beschlossen, im Verlauf dieser Biographie, mit Ausnahme der historisch merkwürdigen Gedichte, alle diejenigen zu überspringen, welche mich bei dieser und ähnlichen Gelegenheiten ehrten; deshalb lasse ich hier auch Welhaven's schönes Lied aus. Was ich aber nicht über mich gewinnen kann auszulassen, ist Sverdrup's Rede. Dieser seltene, schöne, kräftige Norweger, von griechischem Geiste gebildet, einer der ersten Staatsbürger des Landes, der in der Katastrophe von 1814 großen Einfluß auf König Christian gehabt, und ihn unter Anderm dazu vermocht hatte, als er nach Drontheim zur Krönung reiste, keinen Anspruch auf die Souverainetät zu machen; -- dieser Mann ehrte mich bei dem Feste durch eine Rede, welche ich ebenso hoch stelle, wie die Ordensdecoration eines Fürsten, und sie deshalb nicht entbehren möchte. Ich besitze sie von seiner eigener Hand; meine Leser sollen sie kennen lernen, und ich drucke sie deshalb hier ab.
»In seinem Zeitalter ausgezeichnet durch große und seltene Dichtergaben, und als Lehrer und Meister seiner und aller künftigen Zeiten dazustehen, ist groß und herrlich, und weckt Aller Bewunderung. Wenn diese herrlichsten Gaben des menschlichen Geistes sich aus einem frommen und tiefen Gemüthe entwickelt haben, so strahlen sie in mildem Glanze der Liebe und gewinnen alle Herzen. Lebhafte Anerkennung von dem hohen Werthe des großen Dichters unsers Nordens, Dankbarkeit und Liebe, haben heute diese Gesellschaft norwegischer Männer und Jünglinge versammelt, welche ihre Dankbarkeit und ihre hohe Achtung vor dem Dichter Adam Oehlenschläger an den Tag legen möchten, der uns zuerst die großen, geistigen Schätze kennen lehrte, welche unsere Vorfahren uns hinterlassen haben, und in unserer eigenen Heimath unserm Blicke eine neue und große Welt der Poesie, der Wissenschaft und Kunst öffnete; der mit dem Falkenblicke des Genie's durchschaute, mit der lebhaftesten Phantasie vereinigte und in den kräftigsten, anmuthigsten und schmelzendsten Tönen sang, was unsere Vorfahren geahnt, gedacht, gehandelt und gelitten haben. Empfange, edler Dichter, den ungeheucheltsten Beweis unserer Hochachtung und Liebe, und sei willkommen, herzlich willkommen in dem alten Felsenlande unserer Väter«!
[Sidenote: Festmahl.]
Es war mir bei diesem Mahle lieb, als ich dankbar einen Toast auf Norwegens Wohl ausbringen wollte, denselben mit einem herrlichen, norwegischen Liede aus älterer Zeit begleiten zu können, das Keiner der Anwesenden, außer mir, auswendig wußte, weshalb ich es auch vor der ganzen Gesellschaft allein sang; es war das herrliche Volkslied =Nordahl Bruun's=: »Wohn' ich auf dem hohen Fels u. s. w.«. Ein schöneres giebt es nicht, und schon durch dieses allein hat sich der Verfasser einen verdienten Namen unter den norwegischen Dichtern erworben. Zarine und Einar Tambeskjälver konnten ihn ihm nicht verschaffen; und seine andern Gesänge stehen weit unter jenem.
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In Opslo besuchte ich den ehrwürdigen Bischof =Sörensen=. Seinen Fenstern gerade gegenüber hatte die Kirche gestanden, wo Sigurd, der Jerusalemsfahrer, begraben war. Wir spielten l'Hombre zusammen; ich war unglücklich gewesen und hatte verloren; es war unbedeutend, denn ich spiele nie hoch; aber der gute alte Bischof wollte wahrscheinlich, daß ich auch nicht das Geringste in seinem Hause verlieren sollte, weshalb er, als das Spiel zu Ende war, alle Marken untereinander warf.