Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4
Part 7
Gerade so wie Bittermann im Menschenhaß und Reue und wie Bröndsted, stand Münter mit der ganzen Welt in Correspondenz; nur mit dem Unterschiede, daß die erstere erlogen, die beiden letzteren aber wirkliche waren. Das kam nun Keinem wunderbarer vor als mir, der ich das entschiedene Extrem davon abgab. Bröndsted hatte mir während unsers Aufenthalts in Paris einen Widerwillen gegen diese Passion beigebracht. Oft, wenn ich zu ihm kam, hatte er nicht Zeit mit mir zu sprechen, weil er Briefe schreiben mußte, sodaß ich, als ich einmal ärgerlich darüber aus dem Zimmer ging, sagte: »Ich wollte wünschen, ich wäre der abwesende correspondirende Freund«! Eines Tags begegnete ich Münter mit einem versiegelten Packet auf der Treppe, das ihm unfrankirt aus Italien geschickt worden war und einen Louisd'or kostete. »Ich weiß nun, daß es Nichts werth ist«! rief er verzweifelt. »»So schicken Sie es doch uneröffnet zurück, Hochehrwürden««! Aber das konnte er nicht über's Herz bringen. Er war auch neugierig zu wissen, was darin sei, bezahlte seinen Louisd'or, und fand -- eine langweilige italienische Doctordissertation.
Er hatte mich sehr lieb, als ich aber Ritter vom Nordstern wurde, sagte er mir in einem Tone, als ob er mir eine Reprimande geben wollte: »Der König liebt das nicht«! Ich antwortete ihm, daß ich keine Schritte gethan hätte, um den Orden zu bekommen, und daß Bischof Tegnér mir geschrieben: »König Karl Johann hat hierdurch nur Schwedens Wunsch erfüllt«.
[Sidenote: Tod des Bischofs Münter.]
Wenige Jahre darauf kam Ida eines Abends zu uns herunter und sagte, daß ein apoplectischer Anfall ihren Vater getroffen habe. Ich eilte hinauf, nahm ihn in meine Arme, er war noch bei Bewußtsein, wurde zu Bett gebracht, starb aber in der folgenden Nacht.
Er war in der letzten Zeit nicht auf Rosen gewandelt; mit bewundernswürdiger Geduld aber hatte er ein schweres Hauskreuz getragen. Seine edle Gattin -- mit ebenso viel Verstand, wie Gemüth begabt -- verfiel in eine tiefe Melancholie, die bis zu ihrem Tode währte.
Nach Münters Tode wurde P. E. Müller Bischof, und ich blieb in dem Bischofshause wohnen. Man wünschte eine Büste von dem Dahingegangenen zu besitzen; =Freund= nahm eine Todtenmaske ab, und mußte sich nun mit einem Portrait von Hornemann und seinem eigenen Gedächtnisse helfen. Alles ging recht gut, bis auf die Augen. Da gab ihm ein Freund den Rath: »Die Augen«, sagte er, »sind ja noch da, frisch und klar; Sie brauchen Sie nur zu kopiren«. Das war ein Räthsel! Die Augen des todten Münter lebten noch! Aber der Freund hatte ganz recht. Er meinte die Augen von Frau =Friederike Brun=, die denen ihres seligen Bruders auf ein Haar glichen. Freund brachte die nach der Schwester modellirten Augen an der Büste des Bruders an, und Keiner zweifelte, daß es seine eigenen seien. Die sehr ähnliche in Marmor ausgeführte Büste wurde der Universität geschenkt, und im Consistorium aufgestellt.
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[Sidenote: Ein sonderbarer Besuch.]
Ein Bekannter des Bischofs Münter machte mir in diesen Jahren einmal einen Besuch. Es war ein großer, stattlicher Schwede, der mir beim Eintritt seinen Namen nannte, den ich aber nicht verstand. Da ich mich nun genirte, ihn wieder darnach zu fragen, hoffte ich ihn im Laufe des Gesprächs nochmals zu hören, oder ihn durch Eins oder das Andere errathen zu können. Er sagte, daß er gekommen sei, um mich zu fragen, was ich von dem Stoffe zu einem Vaudeville halte, das er zu schreiben gedenke. Er erzählte es mir; es war recht hübsch, und ich hielt daran fest und dachte: es ist also ein Vaudevillendichter. Darauf sprach er von Münter, als von einem alten Freunde: »ich muß Ihnen sagen«, fuhr er fort, »daß ich auch Theologie studirt und die Offenbarung Johannis übersetzt habe«. -- Ein Vaudevillendichter, dachte ich nun, der auch Theolog ist. »Münter ist auch Freimaurer«, fuhr er fort, »all seine Freimaurerei hat er von mir gelernt, denn ich bin Meister vom Stuhl«. Jetzt rechnete ich im Kopfe weiter zusammen: Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhl. -- Nun sprach er vom König Karl Johann, den er sehr lobte, und sagte: »Ich kenne ihn gut! Ich habe manches Glas mit ihm geleert«. Ich sagte: Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhle, und ein Freund von Karl Johann. Er fuhr fort: »Hier in Dänemark tragen die Leute nicht ihre Orden; morgen gehe ich in die Kirche, da lege ich die meinigen an«. »»Das können Sie auch sehr gut««, antwortete ich, und er fuhr fort: »Ich habe sie alle mit«! Ich sagte: Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhl, Karl Johann's intimer Freund, Seraphimritter. Endlich sprach der Fremde von seinem Sohne, den er daran erinnert hatte, daß ihr Stammvater zu den Ersten gehört habe, welche bei der Eroberung Jerusalems die Mauern dieser Stadt bestiegen. Nun wurde mir klar, daß es der Graf =von Saltza= sein müsse. Und der war es auch.
Als wir nun bekannt miteinander geworden waren, führte er mich zu seiner Familie nach dem Hôtel du Nord. Dort traf ich den schönen alten Grafen de la Gardie, dessen Bekanntschaft ich in Ramlöse gemacht hatte, und der mir erzählte, daß sein Ururgroßvater bei der Belagerung Kopenhagens Einer der Ersten auf dem Walle gewesen sei. Es war auch ein Baron Bannér dort, von dem Saltza scherzend erzählte, daß er von einem Koch abstamme, der bei einer wichtigen Gelegenheit den Seinigen dadurch den Sieg verschafft hatte, daß er seine Schürze und den Küchenbesen als Banner benutzte, und so die Fliehenden zurückrief. Später nahm Saltza mich in sein Zimmer, zeigte mir verschiedene fromme Bücher, und äußerte religiöse Ansichten, in die ich mich nicht weiter mit ihm einließ.
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[Sidenote: Schwedische Bekanntschaften.]
Da ich hier von Schweden spreche, muß ich noch einige von den lieben Freunden nennen, die von Zeit zu Zeit über den Sund kamen, um uns zu besuchen. Schon im Jahre 1819 lernte ich =Beskow= kennen, der später einer meiner besten Freunde wurde, und auf den ich im Folgenden zurückkomme. =Tegnér= trat als ein munterer, rothwangiger, goldlockiger Jüngling bei mir ein, als ich schon ein paar Jahre Professor gewesen war. Früher hatte ich den noch blonderen =Ling=, Dichter und Fechtmeister gesehen, der in seiner Gylfe, Phantasie und Sinn für altnordische Poesie zeigte, ohne doch eigentlich den richtigen Ton in der Darstellung gefunden zu haben. =Geijer= schenkte mir in späteren Jahren auch einen kurzen Besuch, aber wir lernten einander doch nicht recht persönlich kennen. Er hatte meine früheren Arbeiten gelesen, später, vielleicht durch den häufigen Tadel bewogen den er über mich gehört hatte, sagte er selbst in einer Schrift, die von ihm erschien, daß er mir nicht weiter gefolgt sei. Obgleich er die harten Angriffe mißbilligt, so scheint es doch, als ob sie ihm das Zutrauen zu meiner Entwickelung geraubt hätten und er mich deßhalb fallen ließ. Ich selbst lernte diesen ausgezeichneten Mann erst kennen und schätzen, als ich seine =Chronik des schwedischen Reiches= las; philosophisch-dichterisch hat er die älteste Mythologie und Sagengeschichte des Nordens aufgefaßt, wie noch kein Anderer. Der Geschichtsschreiber Geijer war auch Dichter, hat gute Lieder geschrieben und selbst reizende Melodieen dazu componirt. Später besuchte mich =Fryxell=, und ich wurde sehr für diesen liebenswürdigen Mann eingenommen, durch dessen vortrefflich geschriebene Geschichte ich Schweden erst recht kennen gelernt habe.
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[Sidenote: Frederik Classon Horn.]
Noch muß ich hier des unglücklichen Grafen =Frederik Classon Horn= erwähnen, der als Theilnehmer an dem Königsmorde Gustavs des Dritten nach Dänemark floh, wo er unter dem Namen Classon mehrere Jahre ein armes, kummervolles Leben führte. Ich lernte ihn bei Rahbeks kennen, und er besuchte mich. Er war auch Dichter, blies vortrefflich die Flöte und soll ein vorzüglicher Mathematiker gewesen sein. Obgleich er mir nie recht seine Reue über das Verbrechen eingestehen wollte, und, wenn man von Gustav III. sprach, sagte: »Das war, hol' mich der Teufel, ein sakermentscher Ränkemacher«, so konnte man doch die Gebeugtheit an seinem ganzen Wesen erkennen, denn Horn war weit davon entfernt, ein grausamer, blutdürstiger Mensch zu sein; phantastische Freiheitsschwärmerei mit persönlicher Unzufriedenheit verbunden, hatte ihn, ebenso wie Ribbing, mit Ankarström in Verbindung gebracht, der Gustavs eigentlicher Feind war. Die alten Aristokraten, Pechlin und Liljehorn, benutzten diese demokratisch gesinnten Jüngeren als ihre Handlanger, obgleich beide Parteien von entgegengesetzten Motiven getrieben wurden. -- Als die Gefangenen im Correctionshause auf Christianshafen Aufruhr gemacht hatten, und mehrere von ihnen hingerichtet waren, schlug Steffen Heger, der viel mit Horn umging, ihm vor, daß sie eines Nachmittags hinausgehen wollten, um die Köpfe der Hingerichteten auf den Stangen zu sehen. Der phantastische Horn war gleich dazu bereit. Auf der Richtstätte beobachtete Heger, welchen Eindruck es auf ihn machte. Er stand lange still da, und starrte auf die leblosen Köpfe; darauf sagte er leise, indem er fortging: »Ich bin«, indem er den Zeigefinger in den Mund steckte, »hol' mich der Teufel! auch nicht weit davon entfernt gewesen«! -- Ich beklagte oft diesen unglücklichen Mann, wenn ich mit ihm zusammen war und ihn betrachtete, ohne daß er es merkte. Er war groß und schlank, hatte ein sehr ausdrucksvolles Gesicht, Adlernase und feurige Augen, aus denen Begeisterung und Milde sprach. Ich stellte ihn mir als Minister mit Ordensband und Sternen vor, eine Stellung, die er in seinen Verhältnissen leicht hätte erreichen können, wenn nicht die verbrecherische That ihn in Armuth und Elend gestürzt hätte: ein Zustand, den er nach Allem, was geschehen war, doch ein Glück nennen mußte, da er dem Schafote entging. Gewiß muß etwas Schiefes in der Natur und ein Mangel an höherm Humanitätsgefühl in der Seele sein, die sich verlocken und verblenden läßt, einen Meuchelmord zu begehen.
Er schenkte mir seine Gedichte, in die er schrieb: »Meine Thränen bei Deinem Correggio waren ohne Zweifel ein Deiner würdigeres Opfer als diese Blätter«.
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Mit =Berzelius= machte ich keine nähere Bekanntschaft. Er besuchte mich einmal den Tag vor seiner Abreise, und da er hörte, daß ich im Theater sei, sagte er: »Ja, ja, das ist nun =sein= Laboratorium«.
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[Sidenote: Kammerherr Ries.]
[Sidenote: Anekdoten von Christian VII.]
Eines merkwürdigen Mannes muß ich hier erwähnen, den ich von meiner frühen Jugend her kannte, und dessen Bekanntschaft jetzt erneuert wurde. Es war der Kammerherr =Ries=. Er war Christian VII. dienstthuender Cavalier gewesen, und ich sah ihn täglich mit dem Könige spazieren gehen. Im Anfange meiner Dichterperiode besuchte ich ihn auf dem Friedrichsberger Schloß; er hatte meine Arbeiten gern, war selbst deutscher Dichter, und ich übersetzte ein paar seiner Stücke ins Dänische. Nun vergingen wohl zwanzig Jahre, ehe wir uns wiedersahen. Er war nach Christian VII. Tode Zollbeamter auf Fehmarn geworden. Er war mir stets gefolgt, seine Liebe zu meinen Schriften war gestiegen; beim Eintreten in mein Zimmer fiel er mir um den Hals und bat mich in dem kräftigen, herzlichen Tone, den ich von Alters her kannte, ihn Du zu nennen. Wir wurden bald Freunde und Vertraute, obgleich er um eine gute Zahl von Jahren älter war als ich. Er war ein großer, starker Mann, der seine Jugend unter dem Militair zugebracht hatte; sein ausdrucksvolles Gesicht war derb und ehrlich; ich nannte ihn meinen Götz von Berlichingen. Er hatte viel mit Christian VII. zusammen gelebt; ich bat ihn, seine Memoiren zu schreiben, die gewiß viel Interesse gehabt haben würden, er versprach es, aber es wurde nie Etwas daraus. Es war wohl auch noch zu früh, damals Etwas zu erzählen, was übrigens Alle wußten. Die Geistesschwäche des Königs hatte den sonderbaren Charakter, daß der äußere Anstand aufrecht erhalten werden konnte, ohne daß man ihn von seinem Hof zu entfernen, oder ihn abzusetzen brauchte; der Kronprinz, sein Erbe, wurde schon bei seinen Lebzeiten sein Nachfolger. Er war es, der die Macht in Händen hatte; Alles ging nach ihm, Alles bestimmte er, nur mußte Christian unterschreiben. Zuweilen hielt dies ziemlich schwer, wenn man ihn aber das drohende Wort »Absetzung« ins Ohr flüsterte, so wurde ihm angst, und er that, was man wollte. Kleine Neckereien, eine Folge seiner Krankheit, suchte man durch Vorsicht zu verhindern. So waren die Pagen instruirt, bei der Tafel seinen Stuhl festzuhalten, wenn er zuweilen aufstehen wollte, um die Andern am Essen zu verhindern. Einen und den andern Pagenstreich dagegen konnte man doch nicht hintertreiben. Es war am Hofe verboten, mit ihm zu reden, und ihm zu antworten, wenn er fragte; nichtsdestoweniger hatte ihn ein Page doch einmal in einen Winkel zu locken gewußt, und ihm gesagt: »Verrückter _rex_! mach' mich zum Kammerjunker«. -- Bei dieser Gelegenheit will ich auch erwähnen, wie er einmal einen Kammerherrn creirte. Er war genöthigt worden, die Kammerherrnbestallung für einen Mann zu unterschreiben, den er nicht leiden konnte. In demselben Augenblicke kam einer der niedern Hausofficianten ins Kabinet, in seiner gelben Jacke, die Mütze mit des Königs Namenszuge auf dem Kopfe, mit einer Tracht Brennholz auf dem Rücken, das er beim Kamine niederlegte. »Du, höre mal«! rief der König: »willst Du Kammerherr sein«? Auf die wiederholte Frage antwortete der Knecht, daß es nicht so übel wäre, wenn er es werden könnte. »Nichts ist leichter«! antwortete der König, »folge mir«! Es war gerade eine Versammlung des Hofes in dem großen Saal neben dem Kabinete. Der König faßte den Hausknecht bei der Hand, öffnete die Thür, trat in die Mitte der Versammlung ein und rief mit lauter Stimme: »Ich ernenne diesen Mann zu meinem Kammerherrn«. Der Marschall nahm später den Mann zu sich hinauf; dieser sah selbst ein, daß er nicht zum Kammerherrn paßte, und daß ihm mit einer Würde nicht gedient sein könne, zu deren Aufrechterhaltung ihm die Mittel fehlten; und er war deshalb sehr erfreut über die Nachricht, daß man, in Betracht der gnädigen Gesinnung, welche Sr. Majestät gegen ihn gezeigt habe, ihm ein schönes Bauerngut kaufen wolle. -- Aber Christian hatte auch seine lichten Augenblicke. Einmal in einer ähnlichen Abendgesellschaft trat er mitten unter den großen Hofschwarm, machte ein Zeichen mit der Hand und rief: Ruhe! Und als Alle vor Verwunderung und Bestürzung schwiegen, declamirte er laut, deutlich, vortrefflich und mit tiefem Ernste Klopstock's Ode an die Fürsten. Als es geschehen war, lachte er laut und ging wieder. -- In seiner Jugend hatte er (ebenso wie Gustav III. in Schweden, den er Vetter Don Quixote nannte) viel scenisches Talent gehabt, und soll den Orosman in Voltaire's Zaïre gut gespielt haben.
Ries versuchte auf alle Weise, ihn zu zerstreuen und zu unterhalten, so gut er konnte. Er war mitten im Treiben des Hofes sein einziger Umgang. Sie spielten täglich Billard zusammen; der König wollte immer hoch spielen. Ries that als ob er sich darin fand, und gewann scheinbar große Summen. Wenn er dann sagte: »Wollen Ew. Majestät nicht die Gnade haben mich zu bezahlen, ich brauche Geld«, so antwortete der König schlau: »Sprecht mit dem Kronprinzen«!
Aber obgleich nun Christian VII. auf seine Art Ries lieb hatte, und vom Morgen bis zum Abend mit ihm lebte, so war Christian doch so kalt, gefühllos und feig geworden, daß es ihn gar nicht geschmerzt hätte, wenn man ihm eines Tages erzählt haben würde: »Ries ist gefangen«! »Und«, sagte dieser, »hätte er gehört, daß ich hingerichtet werden sollte, so würde er nicht nach der Ursache gefragt, oder irgend einen Schritt gethan haben, um mich zu retten«.
Ries starb vor ein paar Jahren; in seinen Gedichten war Phantasie und Kraft, er hatte etwas »Bürger'sches«, und die Romanze glückte ihm am besten.
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[Sidenote: Commandeur Sölling.]
Ein Mann, dessen ich mich gerade wegen seiner außerordentlichen Verschiedenheit von Ries bei dieser Gelegenheit erinnere, und der mich oft besuchte, war Commandeur =Sölling=. Keiner leugnet, daß der dänische Matrose stets etwas ganz besonderes Charakteristisches gehabt habe. So lange das deutsche Element hier in Dänemark herrschte, war der Seeetat fast das Einzige, was das nationale Gefühl repräsentirte. Unsere alten Wikingszüge, Knud's, Svend Gabelbart's, Waldemar's und Absalon's Heldenzüge, und (nachdem die unglückselige lübecker Zeit vorüber war, wo die deutschen Krämer auf ihren Schiffen hersegelten und uns in Zucht hielten) das Andenken an die Juels Hvidtfeldt, Adeler, und Tordenskjold frischte das alte nationale Gefühl auf. Diesem Gefühle setzte die Schlacht am 2. April 1801 die Krone auf, bei welcher Gelegenheit Nelson sagte: (Siehe: _Southey, Life of Nelson_): »Die Franzosen schlagen sich gut; aber das Feuer, das die Dänen vier Stunden lang ausgehalten haben, würden jene nicht eine einzige ertragen haben.«
Das muntere, schnelle, stolze, unerschrockene, launige, oft witzige Wesen, das sich so vielfach bei dem dänischen Matrosen zeigt, fand sich auch bei vielen der Officiere. Englisch und Französisch wurde auf der Seecadettenakademie gelehrt, aber nicht Deutsch. Mit dem Deutschen hatten die Söhne des Meeres Nichts zu thun; sie trugen kein Von vor ihrem Namen, und selbst der Adelige legte als Marineofficier das seinige ab. Ein gewisses Verspotten der Convenienz gehörte mit zu diesem Tone. Allmälig hörte dieser auf; Sölling aber war noch eines der Exemplare, die dieses Gepräge behalten hatten, er setzte es fort, und das stand dem kleinen gewandten, feurigen Seemanne gut, man mußte es ihm verzeihen, daß er das Wesen bisweilen mit einer Art Coquetterie übertrieb, und es ein Bischen zu lange als alter Mann fortsetzte. -- Ein paar Anekdoten von ihm fallen mir ein. Als er ein Mal aus Westindien von einer mißglückten Speculation heimkehrte (die dänischen Marineofficiere hatten damals das Recht Handel zu treiben), bei seiner hübschen Frau auf Fredensburg zum Kaffee war und sie ihm ein paar Henkeltassen vorsetzte, sagte er: »Nein, liebes Kind, dazu haben wir, hol mich der Teufel, die Mittel nicht!« Damit brach er die Henkel von der Kaffeetasse ab. -- In der Operette =Peter's Hochzeit= kommt ein schöner Seemannschor vor, der vor mehreren Jahren bei der Aufführung auf Verlangen des Publikums wiederholt wurde; denn obgleich es eigentlich nicht gestattet war, sich nach dem Dacaporuf zu richten, so fand hier eine Ausnahme statt, und es wurde nicht als eine Wiederholung aus Kunstgenuß, sondern -- was es auch war -- aus Vaterlandsbegeisterung betrachtet. Es ist sehr möglich, daß Sölling auch damals Derjenige war, der Dacapo gerufen hatte. Das war aber schon lange her. Nun sollte wieder Peter's Hochzeit aufgeführt werden, und er ging hin, um sein Dacapo wieder zu rufen, da er aber nicht musikalisch war, so hatte er vergessen, daß die Strophen des Chores mehrere Male wiederholt werden. Kaum waren sie das erste Mal gesungen, so stand er im Parterre auf (ich war selbst zugegen) und rief sehr höflich, aber mit durchdringender Donnerstimme: »Dürften wir Sie wohl bitten, das noch ein Mal zu singen?« Da die Wiederholung gleich kam, so nahm man weiter keine Rücksicht auf die Aufforderung und setzte den Chor fort. Sölling aber ließ sich nicht abschrecken, und als er merkte, daß es wirklich zu Ende sei, bat er noch ein Mal darum, und sein Wunsch wurde erfüllt. -- Sölling hatte sich dadurch bei der Marine verdient gemacht, daß er die bedeckten Lootsenboote in Norwegen einführte, wodurch jährlich viele Menschenleben gerettet wurden. Hier stiftete er die =Bombenbüchse=, eine Anstalt in der alte Seeleute Aufnahme fanden. Wegen der Concerte, die jährlich zum Besten dieser Stiftung gegeben wurden, kam Sölling oft zu mir, um sich Lieder schreiben zu lassen. Bei solchen Gelegenheiten hatten wir lange Gespräche, in denen er mir seine Schicksale und Abenteuer erzählte. Diese Erzählung begleitete er stets sehr lebhaft mit starken Bewegungen und Ausdrücken. Einmal stand er mit mir am Fenster meines Zimmers, das nach der Universität zu lag. Hier erzählte er mir eine Geschichte, die ich vergessen habe, wie er einmal an einer Thüre gelauscht und durch eine Spalte in der Diele geblickt habe, um Etwas zu erfahren. »Ich zog den Rock aus, sagte er« (dabei that er es), »warf mich auf die Erde« (dieselbe Bewegung), »und sah durch die Spalte!« (da legte er das Gesicht gegen meine Thür). »»Lieber Herr Commandeur!«« sagte ich: »»ich verstehe Sie auch ohne das. Was sollen die Leute denken, wenn man, von der Straße aus, sieht, daß Ihr Rock ausgezogen wird und Sie auf den Boden stürzen, während ich neben Ihnen stehe? Man muß ja glauben, daß ich Sie in meinem eigenen Hause überfalle und plündere. Und wenn nun Jemand kommt und die Thüre öffnet, so schlägt er Sie vor die Stirn.«« »O, es ist nicht so gefährlich,« sagte er, und sprang wieder auf.
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[Sidenote: Reise nach Leipzig.]
[Sidenote: Dresden. Dr. Carus.]
Im Jahre 1830 machte der Buchhändler Heinrich Brockhaus mit seiner Frau eine Reise nach Kopenhagen. Er besuchte mich. Frau Brockhaus und meine Tochter Charlotte wurden bald sehr gute Freundinnen, und da sie mich baten, diese mit nach Leipzig nehmen zu können, und mich, sie im nächsten Sommer abzuholen, willigte ich gern ein. Ich traf dort im Juni 1831, wie es verabredet war, ein. Während dieser Zeit hatte Charlotte Deutsch wie eine Eingeborne gelernt, und corrigirte mich zuweilen, wenn ich Danismen sagte. Ich hatte auch den =Fischer= übersetzt und umgearbeitet, den, da er nicht zum Accord mit Max gehörte, Brockhaus verlegte. Prinz Friedrich von Sachsen war damals in Leipzig und hatte die Revue über die Communalgarde abgehalten. Friedrich Brockhaus war hier sein Adjutant. Der Prinz lud mich Abends im Theater in seine Loge ein, und ich versprach ihm, meine Aufwartung zu machen, wenn ich nach Dresden kommen würde. Als wir von Leipzig abreisten, begleitete uns Charlotte's Freundin, Fräulein Ottilie Wagner, eine Schwester der Frau Brockhaus, nach Kopenhagen. Wir reisten zuerst nach Dresden und dann nach Berlin; aber ich hatte nicht Zeit, mich an diesen Orten lange aufzuhalten, da ich nach Hause mußte, um das Rectorat zu übernehmen. In Dresden war ich einmal bei dem Prinzen Friedrich zu Mittag. Hier traf ich den berühmten Dr. med. Carus, der in Dresden für eines der größten ästhetischen Lichter galt, und ein specieller Freund von Tieck war. Er kam mir nicht sehr freundlich entgegen, opponirte vornehm, und als die Rede auf Thorwaldsen kam, sagte Herr Carus, daß Thorwaldsen kein Bildhauer sei; er sei mehr Maler, und deshalb sei auch das Basrelief, das sich der Malerei mehr nähere, ihm am besten geglückt. Ich erstaunte höchlichst, und antwortete nur: »Wenn Thorwaldsen nicht Bildhauer ist, dann weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist.« Ich erinnerte mich meines Gesprächs vor 15 Jahren mit Tieck, als er sagte: »Wenn Canova ein Bildhauer ist, so weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist« und ich dachte: »Ihr guten Leute; wüßtet Ihr nur was Ihr selbst seid.« Ich konnte leicht einsehen, daß ich als Dichter nicht viel in Carus' Augen gelten konnte, da mein großer Landsmann so abgefertigt wurde.
[Sidenote: Zusammentreffen mit Tieck.]
Aber Tieck fand ich sehr liebenswürdig, er kam mir freundlich entgegen und das rührte mich. Ich las ihm meinen Fischer und die Drillingsbrüder von Damask vor, die ihm gefielen. Ich dedicirte ihm beide Stücke mit folgendem Gedicht: