Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4

Part 6

Chapter 63,572 wordsPublic domain

Später gingen wir mit dem Probst =Gullander= in die Kirche, die ich so oft vom Friedrichsberger Hügel gesehen hatte. Hier traf ich Leichensteine und Tafeln voll von dänischen Grabschriften. Die Bauern in Schoonen haben noch sehr viel von unserer Sprache, und die andern Schweden sagen von ihnen, daß sie Dänisch sprechen. Der Knudsaal auf dem Stadthause, groß und schön gebaut, erinnerte gleichfalls an Dänemark; in der Vorhalle hängen die Bilder der Königin Margaretha und aller dänischen Unionskönige, und im Saale selbst ist der Hintergrund mit einem Bild geschmückt, das den König Knud den Heiligen in Lebensgröße darstellt. Ich sah auch die Portraits Karl XII. und Gustav III., beides schöne junge Köpfe; aber man kann sich keinen größern Gegensatz denken, von trotziger Ehrlichkeit und feiner List, die sich unter der Maske der Höflichkeit verbirgt.

Unser guter Landrichter fuhr uns darauf nach Lund, wo wir in dem Hause des verstorbenen Professors =Lidbeck= abstiegen, und wo der Adjunct =Wieselgren= mich bewirthete. Nach der Mahlzeit kam eine Deputation Lunder Studenten, schwarz gekleidet, mit Degen an der Seite, und luden mich ein, in nächster Woche dem Rectorwechsel und der Magisterpromotion beizuwohnen. Professor =Engeström= führte mich darauf in die Bibliothek, in das Museum und endlich in den botanischen Garten, wo die Studenten in einem Pavillon sich versammelt hatten. -- Engeström sagte mir hier einige ehrende Worte; alsdann wurde ein vierstimmiges Lied gesungen.

Darauf ging ich mit Engeström zu Professor =Lindfors=, der Kindtaufe hatte und mich bei dieser Gelegenheit bei sich zu sehen wünschte. Wenn ich kurz zuvor in dem Pavillon die begeisterte akademische Jugend kennen gelernt hatte, so erfreute es mich hier, bei einem kleinen Feste, fast alle Professoren zusammen zu sehen und mit einigen Bekanntschaft zu machen, unter Anderen mit einem alten ehrwürdigen Juristen, der mir sagte: »Ich kenne auch Kopenhagen, aber nur aus dem vorigen Jahrhundert.« Die idyllische Weise, wie solche Feste gefeiert werden in dem mit Blumen geschmückten Zimmer, wo der Wirth selbst mit dem Präsentirteller umhergeht und den Gästen Wein anbietet, erinnerte mich an meine Jugend, als ähnliche alte Gebräuche auch noch bei uns stattfanden und die Herzlichkeit und Festlichkeit noch nicht ganz und gar durch das galante und vornehme Element verdrängt waren.

Nun fuhr ich mit meiner Gesellschaft wieder nach Malmöe und glaubte Alles sei vorbei; aber wie ward ich überrascht, als ich eine weite Strecke von der Stadt entfernt alle Studenten wiedersah; als der Adjunct der theologischen Facultät =Thestrup= an den Wagen trat und in einer begeisterten Rede im Namen der Schweden für den Genuß dankte, den ihnen meine Schriften bereitet hätten. Unter einem oft wiederholten Hurrah fuhr ich tief bewegt davon, es erschien mir wie ein Traum. Ich, der zu Hause soviel Verfolgungen hatte erleiden müssen, der unaufhörlich in öffentlichen Blättern getadelt, der jeden Augenblick auf der Bühne angegriffen wurde, der nicht mehr in der galanten Welt Mode war, ich ward hier so aufgenommen! -- Aber ich wurde deshalb nicht undankbar gegen mein geliebtes Dänemark. Die schöne Flamme eines begeisterten Augenblickes ergriff mich, aber ich vergaß nicht, daß es ein begeisterter Augenblick war; ich wußte, daß ich auch daheim Freunde hatte.

[Sidenote: Der Dichter und die Eitelkeit.]

Wenn man einander doch recht verstehen wollte! Viele glauben, daß wir Dichter, als höchst eitle Wesen stets Weihrauch verlangen; daß wir nicht glücklich seien, wenn nicht von uns gesprochen wird. Durchaus nicht! das allzugroße Lob ängstigt im Gegentheil, weil wir fürchten, daß die Tadelsucht auf den Augenblick, sich zu rächen harre. Wären wir doch so glücklich, eine ruhige, unerschütterliche Achtung, wie ein anderer ehrlicher Bürger im Staate zu genießen, der sich durch die Handlungen seines Lebens Zutrauen erworben hat. Aber nein! Erst zweifelt man, daß wir Dichter =seien=, und kaum haben wir dies bewiesen, so zweifelt man, daß wir es =bleiben= werden. Mit jedem neuen Werke müssen wir, wie vom Anfang an, Alles beweisen. Und gefällt ein Werk nicht, so übertäubt der Tadel eine Zeit lang alles frühere Lob. Alle Halbgebildeten wollen uns unsere Kunst lehren; eine Menge Leser trauen sich zu uns als Richter =übersehen= zu können. Also sind wir in unserer eignen Kunst die am Verstande Aermsten! Jean Paul sagt: »Wer sich, wie Adelung das Genie ohne Verstand denkt, der denkt es wirklich ohne Verstand! -- Aber das geschieht doch oft. Die Reife und Menschenkenntniß, der Scharfsinn und die Urtheilskraft, die dazu gehören ein großes Dichterwerk zu beginnen und zu vollenden, kommen nicht in Betracht. »Es =glückt uns= zuweilen,« heißt es, -- »und häufiger =mißglückt= es.« »Wir sind große Kinder, die mit verbundenen Augen in das Glücksspiel des Genie's hineingreifen; Fruchtbäume, die reife oder unreife Früchte, gerade wie es sich trifft, den vernünftigen, gebildeten, geschmackvollen Essern darbieten!« -- Und mit dieser Achtung, die fast an Verachtung grenzt, sollten wir uns begnügen lassen! -- denn was ist ein Künstler, wenn er nicht einmal ein Mann ist? Und was ist ein Mann, ohne Vernunft, ohne Geschmack, ohne Sicherheit in seiner Kunst? Ich will nicht ausführlicher erinnern, was ich durch unbilliges Herunterreißen gelitten habe; ich will nur noch erzählen, daß auch meine Kinder von anderen Kindern Hohn und Spott ertragen mußten, weil sie einen solchen Vater hatten. Das war auch ganz natürlich, denn Kinder sprechen nach, was sie von den Aeltern hören. Aber diese Stimmung war, Gott sei Dank, schon ziemlich vorüber. Heute hatte mein Sohn Freude an seinem Vater, und meine guten Landsleute hatten sich auch gefreut, was sie bei der Heimkehr mir durch ein Vivat kundgaben; auch das Jahr darauf ehrten mich dänische Studenten an meinem Geburtstage durch ein Hoch.

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Nach oben gethaner Aeußerung hoffe ich, daß man mich weder der Eitelkeit noch des Hochmuthes beschuldigen wird, wenn ich mich künftig öfter bei der Güte und Ehre aufhalte, die mir daheim und in der Fremde erwiesen worden, ebenso wie ich früher oft bei der Feindseligkeit und dem Undank weilte, die ich ertragen mußte. Man hat mich zuweilen der Eitelkeit und Eigenliebe angeklagt. Es dürfte bei dieser Gelegenheit wohl der Ort sein, von diesen Fehlern und der Anwendung auf mich zu sprechen. Daß ich ehrlich und aufrichtig bin, glaube ich durch mein ganzes Leben bewiesen zu haben. Wir wollen erst die Eitelkeit vornehmen. Die eigentliche Eitelkeit besteht darin, daß man sich mit Kleinigkeiten brüstet, oder scheinen will, was man nicht ist. Diese Eitelkeit trifft mich nicht: ich hatte stets einen Abscheu davor, mich mit fremden Federn zu schmücken. In meiner Jugend suchte ich mein Aeußeres so hübsch als möglich zu machen; aber das war nicht Eitelkeit, um zu glänzen, sondern um den Damen zu gefallen, die mir stets außerordentlich gefielen. Diese Lust zu gefallen, die ja jedem Dichter bei seinen Werken vorschwebt, ist nicht Eitelkeit, sondern ein ganz natürlicher Trieb. Wozu sollte man sie sonst veröffentlichen? Ich leugne nicht, daß es Dichter giebt, selbst einige mit scharfem Verstande und viel Phantasie, die mit Recht eitel genannt werden können, weil sie mehr an sich selbst als an ihr Werk denken, aber derjenige, der mit warmem Herzen seine geistigen Erzeugnisse mehr als sich selbst liebt, wünscht ja nichts Anderes als Sympathie zu finden, das heißt Liebe und Harmonie in der Gedanken- und Gefühlsweise, und das ist nicht Eitelkeit: das ist eine der unentbehrlichsten Grundtriebe der Natur. Diese Lust zu gefallen leitet, mit Tüchtigkeit verbunden, zu all den liebenswürdigen, erquickenden Verhältnissen im Leben, die der kalte Egoist, der hochmüthig schweigt und sich selbst genügt, weder kennt noch zu denen er beiträgt. Er ist der wirkliche Eitle, denn er strebt nach einem Nichts, das weder Realität noch Idealität hat. -- Was nun die Selbstliebe betrifft, so ist diese auch natürlich, wenn sie mit Liebe zu allem Guten außer uns verbunden ist. Als Christus sagte: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,« räumte er der Selbstliebe eine bedeutende Stelle ein. Wer nicht sich selbst und Andere belügt, gesteht auch, daß er sie hat. Sie ist genau mit dem Selbsterhaltungstriebe verbunden. Daß die heroische Selbstaufopferung für Andere etwas Großes und Erhabenes ist, das bei weitem nicht Alle besitzen, leugne ich nicht; die verschiedenen Tugenden strahlen in verschiedenen Richtungen; der Künstler ist meist gewöhnt, seine Lebenskraft seinem Werke zu opfern; doch kann auch er, wenn es die Noth verlangt und die Begeisterung ihn entflammt, Leben und Blut für Vaterland, Gesundheit, Glück und Freude, für seine Lieben aufopfern.

Es giebt noch mehrere Gründe das zu besprechen, was ich nun künftig besprechen werde. Es verschweigen, hieße meiner Biographie ihren halben Stoff rauben, hieße undankbar sein gegen die vielen Edlen, die dazu beigetragen haben, mir mein Leben zu versüßen; würde Züge vernichten und verwischen, die zur Charakteristik des Zeitalters gehören.

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[Sidenote: Zweite Fahrt nach Schweden.]

Ich reiste also den Sonntag darauf mit meiner Familie nach Malmöe. Es war, als ob das Schicksal bestimmt hatte, daß ich die wenigen Tage, die ich in Schweden zubrachte, Zeuge der verschiedenartigsten Auftritte menschlicher Zustände, Leidenschaften und Gefühle sein sollte. Herr Crysander, Vorsteher des Irrenhauses, zeigte uns diese Anstalt; und hier sahen wir travestirte tragische Masken genug in einem lustigen Tanze. Einen eingebildeten Gott, eine 70jährige alte Jungfrau, die noch wie eine Hamlet'sche Ophelia mit Blumen und bunten Lappen schwärmte, einen verrückten Gelehrten, der täglich einen Bogen voll Krimskrams schrieb u. s. w. -- Diese Scene wechselte mit einer durchaus entgegengesetzten Art. Der hochverdiente Landeshauptmann Baron Klinteberg war gestorben. So wie ich in der vorigen Woche eine Einladung in Lund zu einer Kindtaufe erhielt, so bekam ich hier eine zu einer Beerdigung. Eigentlich war es eine Beisetzung, denn die Leiche wurde Abends in eine Kapelle gebracht, um später beerdigt zu werden. Ich trat in den dunkeln Saal, wo schwarze Vorhänge das blendende Tageslicht verdeckten, und schwache Wachskerzen ihren Schimmer über den schwarzen Sarg warfen. Die angesehenen Männer der Gegend standen stumm in einem Kreise, der Propst Gullander trat hervor und sprach kräftig und rührend. Das Gefühl, daß ich hier als Lutheraner unter Lutheranern stand, die fast meine Sprache redeten, und ungefähr unsere Religionsbräuche hatten, brachte mich den Schweden noch näher; aber hauptsächlich daß ich mich als Christ und Mensch unter christlichen Menschen an einem Sarge befand! -- Der edle Sohn, der durch den Tod seines edlen Vaters vernichtet war, rührte mein Herz, und ich fand es so schön, daß, als der Sarg auf den Leichenwagen getragen werden sollte, er selbst, nach dem Gebrauch des Landes, anfaßte und die Leiche des Vaters hinabtragen half, indem er sein Haupt über den Deckel hinbeugte und ihn mit Thränen benetzte.

[Sidenote: Ernste und heitere Eindrücke.]

Welch ein Unterschied! als ich später in der herrlichsten Abendröthe, im Treiben munterer Menschen, nach dem Hafen hinunter zum Dampfschiff ging, das gepfropft voll unter einem brüderlichen Hurrah von Dänen und Schweden nach Kopenhagen zurückkehrte.

Den Tag darauf aßen wir bei Kammerrath Qvenzel, wo die besten Männer Malmö's versammelt waren, und mir wieder ein Lied zu Ehren sangen. Ich saß neben der anmuthigen Frau Kiellander, einer jungen Dame voll Talenten und feiner Bildung. Ich ahnte nicht an diesem warmen Sommertage, daß sie den Winter darauf mit ihrem Manne und ihrem Kinde in den kalten Wogen unter dem Eise den Tod finden würde! --

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[Sidenote: Lund. Tegnér.]

Nachmittags fuhren wir nach Lund, um das Concert von Fräulein =Schoulz= in dem alten Dom zu hören. Mit welcher Ehrfurcht betrat ich diesen Tempel! Eines der größten Denkmäler dänischer Geschichte. Absalon's, Anders Sunesen's und Saxos Heimath, von wo die älteste dänische Wissenschaftlichkeit ausging. Ich erhob die Augen mit Ehrfurcht zu der heiligen Wölbung, unter welcher der Staub so vieler dänischer Ritter und Geistlichen ruht. Ich sah in der Krypta den versteinerten Zauberer Finn die Säule umklammern, und oben in dem innern Chor stand der heilige Laurentius aus Erz gegossen, auf einer Säule, seinen Rost in der Hand haltend. In dem äußern Chor der Kirche war eine Erhöhung mit reichen Blumengewinden und Kränzen zum heutigen Feste gebaut. Aber heute Abend benutzte sie das junge schwedische Fräulein, und schlug wie eine Nachtigall ihre reinen Triller unter der Wölbung in die Abendröthe hinaus, zur Freude für die vielen Menschen, welche die Kirche anfüllten. Hier traf ich meinen Freund, den Bischof Tegnér wieder, der mich verschiedene Male in Kopenhagen besucht hatte.

Wir aßen Abends zusammen bei der Frau Bischof Faxe, und wurden durch die Studenten vom Tisch in den Lustgarten gerufen, um ein Vivat zu empfangen, das sich verstärkte, als wir unsern Dank und unsere Gefühle in einigen herzlichen Worten aussprachen.

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[Sidenote: Akademische Feierlichkeit.]

Am nächsten Tage verkündete der tiefe, starke Glockenklang vom Thurme des ehrwürdigen Doms herab die Feierlichkeit. Man versammelte sich im Museum; die ganze gelehrte Welt aus den südlichen schwedischen Provinzen war zugegen und auch ein Theil der Honoratioren aus der Nachbarschaft.

Der Zug ging in folgender Ordnung zur Kirche: erst zwei kleine, hübsche, weißgekleidete Mädchen mit herabhängenden Locken, welche Körbe mit Lorbeerkränzen trugen; dann die jungen Gelehrten paarweise, die zu Magistern creirt werden sollten. -- Nun bahnten die Pedelle, mit silbernen Sceptern in den Händen einer neuen Abtheilung den Weg, dessen erstes Paar war: Tegnér, der als Bischof in Wexiö für den abwesenden Schoonen'schen Bischof Faxe an der Stelle des Patrons Sr. königlichen Hoheit des Kronprinzen, dem Feste beiwohnte; neben ihm ging der _Rector magnificus_ Engeström in rothem Sammtmantel und mit einem goldgallonirten runden Sammthut. Darauf kam der oberste Befehlshaber Schoonen's, Generallieutenant Baron Cederström, neben dem man mir einen Platz angewiesen hatte, dann folgte Baron Gustav Gyllenkrok, Generaladjutant Oberst Clairfeldt und alle Professoren und Adjuncten paarweise.

Wir gingen Alle, außer dem Bischof und dem Rector, mit entblößtem Haupte in die Kirche. Es war eine starke Sommerhitze, und ich mußte meinen Hut oft als Sonnenschirm über meinen Scheitel halten. Auf dem Wege, während der Zug sich Schritt vor Schritt durch die Stadt bewegte, hatte ich Gelegenheit die Bekanntschaft meines edlen Nachbars, General Cederströms zu machen; sein herrliches offenes Antlitz hatte mir gleich Vertrauen eingeflößt, und ich fand mich nicht getäuscht. Unsere Herzen kamen sich entgegen und ich merkte, daß es den edlen Kriegsmann erfreute, den dänischen Dichter durch einen Platz an seiner Seite zu ehren. So fand ich auch die anderen schwedischen Herren. Unter dem Geläute der Glocken und dem Donner der Kanonen traten wir in die Domkirche ein, die, obgleich sie voll Menschen war, doch durch ihre Kühlung erquickte.

[Sidenote: Tegnér krönt mich als Dichter.]

Tegnér hatte mir vorher gesagt, was er beabsichtige. »Zum Doctor kann ich Dich nicht ohne Wissen des Patrons creiren,« sagte er: »aber er wird Nichts dagegen haben, wenn ich Dich als =Dichter= kröne«.

Nachdem er das Fest mit einer schwedischen Rede in Hexametern begonnen, und zum Schluß den Rector gebeten hatte, die Magisterpromotion zu beginnen, wandte er sich an mich, der zu seiner Seite am Hochaltare stand und sagte, erst zu Engeström und dann zu mir, mit lauter Stimme vor der Versammlung;

Aber bevor Du den Lorbeer vertheilst, so schenke mir einen. Nicht für mich; in dem einen jedoch will adeln ich Alle. Nordens Sängermonarch ist hier, der =Adam= der Skalden. Erbe des Throns im Reich des Gesangs, denn der Thron er ist =Göthe's=. Wüßte doch Oskar darum, im Namen des Theuern geschäh es. Nun nicht ist's in dem seinen, noch minder in meinem, es ist im Namen des ew'gen Gesangs, lauttönend in Hakon und Helge, Daß ich Dir biete den Kranz; er wuchs wo Saxo gelebt hat. Hin sind die Zeiten der Trennung -- im Reiche des Geistes, dem freien Sollten ja nimmer sie sein -- und verschwisterte Lieder ertönen Ueber den Sund und entzücken uns jetzt, und vor allen die Deinen. Drum beut Svea den Kranz Dir -- ich sprech' im Namen von Svea: Nimm von dem Bruder ihn an, und trag ihn zur Ehre des Tages.

Mit diesen Worten setzte er unter dem Schall der Pauken, Trompeten und dem Donner der Kanonen einen Lorbeerkranz auf mein Haupt.

Alle lächelten mir dabei freundlich zu; ich war tief bewegt, faßte mich aber, und sprach ein Gedicht, das ich aus Dankbarkeit für all' die Güte und Ehre geschrieben hatte, die man mir bei meinem ersten Besuche erwiesen hatte; und in dem Dom von Lund ertönte wieder nach Verlauf von mehrern Hundert Jahren die dänische Sprache mit lauter Stimme von begeisterten Lippen.

Daß Tegnér sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht hatte, zeigte der Ausfall, da seine schwedische Majestät einige Monate darauf mich mit dem Nordsternorden beehrte, und seine königliche Hoheit der Kronprinz seine Einwilligung dazu gab, daß die Universität Lund mir das philosophische Doctordiplom sandte.

Mittags nach der Promotion war große Studentengesellschaft in Lund, zu der die Honoratioren und Professoren eingeladen wurden. Ich ging zuvor in den Saal, um mir einen kühlen Platz zu suchen, aber es traf sich so, daß gerade die Ehrenplätze von der Sonne beschienen waren, und es gab dort keine Rouleaux. Das würde mir nun alle Freude gestört haben; aber kaum merkte man meine Noth in der Sonnenhitze, als einige rasche Hände ein paar Rouleaux improvisirten, was eine bedeutende Erleichterung verursachte, um so mehr, als ich -- nach Tegnér's Beispiel -- gewagt hatte, mein Halstuch abzubinden.

Hier wurden nun wieder Toaste ausgebracht. Als wir vom Tische aufstehen wollten, ergriffen mich ein Dutzend Musensöhne bei den Beinen und hoben mich auf ihre Schultern; das ist hier zu Lande Gebrauch, wenn man Jemand eine ganz besondere Ehre erweisen will. Dasselbe war wieder unten im Lusthause im botanischen Garten beim Kaffee der Fall, wo Professor Agardh mich durch eine kleine Rede ehrte.

Am Abend wagte ich mich, der fürchterlichen Hitze wegen, fast nicht auf den Ball. Ich ging in den Lustgarten hinab, setzte mich unter die großen schattigen Bäume und ließ mich mit ein paar stillen, freundlichen Bürgern in ein Gespräch ein, die auch dorthin gekommen waren, um sich in der Abendkühle zu erquicken.

[Sidenote: Rückreise.]

Ziemlich spät am nächsten Nachmittage fuhren wir im Wagen des Landrichters nach Malmöe. Ein kleiner, schelmischer Kobold, der wahrscheinlich meinte, daß wir Schoonen nicht ohne irgend einen Unfall verlassen dürften, zerbrach an unserm Wagen die Axe; aber es war nur eine Viertelstunde Weges von Malmöe. In der schönen Sommernacht genossen wir nun erst recht die Kühle und hatten einen angenehmen Spaziergang.

Am nächsten Tage segelten wir mit dem Packetboote bei gutem Winde nach Kopenhagen, und eine Lustreise war damit beendigt, die mir und meiner Familie unvergeßlich bleiben wird.

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Ebenso glaube ich, daß viele Dänen freundlich des Besuchs gedenken werden, den der Dichter Axel's und Frithiofs mit Agardh, Thestrup und vielen Einwohnern Schoonen's, uns kurz darauf im Thiergarten bei Bellevüe machten, wo wir Gelegenheit hatten, unseren Nachbarn für all' die Gastfreundschaft, die wir bei ihnen genossen hatten, auch einige Freundlichkeit zu erweisen.

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[Sidenote: Der Bischof Münter.]

[Sidenote: Wunderlichkeiten des Bischofs Münter.]

Unsere bisherige Wohnung in der Breiten-Straße war uns zu klein geworden; der Bischof Münter, der stets freundlich gegen uns gewesen war, und den ich oft bei seiner Schwester, Frau Brun, sah, überließ uns gern, unter günstigen Bedingungen, seine Parterre-Etage, die groß genug für uns war. Dieser feurige, gutmüthige Mann lebte mit seiner Gelehrsamkeit und Phantasie größtentheils in den südlichen Ländern, wohin die Theologie und Philosophie ihm winkten. Ich hatte seine Abhandlungen von den »Karthageniensern« und »der Stellung des Weibes in den ersten christlichen Jahrhunderten« mit vielem Interesse gelesen. Nur Schade, daß man so wenig erfahren kann, wo die Geschichte schweigt. Sollte man es für möglich halten, wenn man es nicht wüßte, daß man die Sprache eines Volks, welches an Stärke und weltgeschichtlicher Bedeutung mit den Römern wetteiferte, nur aus einer Replik in einem Lustspiele jener Zeit kennt? -- Münter's Kirchengeschichte war auch sehr geachtet. Seine Uebersetzung der Offenbarung Johannis ist von einem guten Vorwort über die erste christliche Poesie begleitet und in der in Hexametern geschriebenen Uebersetzung erkennt man den würdigen Schüler Klopstock's. Münter liebte sehr die historischen Reliquien aus alter Zeit, er hatte eine Menge Steine mit Hieroglyphen aus Egypten, Mauersteine mit Verzierungen aus Babylon, Steine mit Fischen von den ersten christlichen Grabmälern her, Pagoden u. s. w. Dies Alles schenkte er dem Vaterlande und ließ es in die Wände der Amtswohnung des Bischofs einmauern. Eines Tages ließ er eine Pagode, die mit gekreuzten Beinen dasaß, in eine Nische setzen, die über einer Thür angebracht war. Etwas Zerstreutes hatte Münter immer in seinem Wesen gehabt. Er stand lange da und starrte die Pagode und die Nische an, endlich rief er dem Maurergesellen, der neben ihm stand, eifrig zu: »Die Nische ist zu niedrig; die Pagode hat keinen Platz, wenn sie aufstehen will«! »»Ew. Hochehrwürden««! antwortete der Maurergeselle ganz ernst, »»das thut sie wohl nicht««. Mit dieser Zerstreutheit verband Münter eine sanguinische Zuversicht, daß Alles was geschehen möchte gut ausfallen würde, die ihn selten verließ. Eines Mittags kam Sophie, seine Tochter, zu uns herunter, und theilte uns ganz erschreckt mit, daß ihrer Schwester Ida eine Fischgräte in den Hals gekommen sei. Ich eilte hinauf. Ein Barbier war bereits geholt und stand mit einem langen Fischbeine da und sondirte Ida's Hals, wobei ich, so wenig sie auch einer Wölfin glich, doch an die äsopische Fabel vom Wolfe und Kranich dachte. Ich wollte fragen, wie es gehe, als der Bischof mir entgegentrat. Er stand mit einer Correktur, die er sehr aufmerksam las, mitten im Zimmer, und rief in einem Tone, der zeigte, wie tief er in seiner Arbeit versunken sei: »Oehlenschläger! soll hier ein Komma stehen, oder nicht«? »»Ew. Hochehrwürden««! antwortete ich ernst: »»wir wollen uns doch erst nach dem Komma umsehen, das Ihrer Tochter im Halse steckt««. »O«, antwortete er ganz ruhig, »das wird sich schon wieder geben«. Und das war auch der Fall; aber das konnte er doch nicht so bestimmt voraus wissen. Er hatte auch gleich nach dem Barbier geschickt. Als dieser die Operation zur Zufriedenheit aller Theile gemacht hatte, schenkte ihm der Bischof ein Glas Wein aus der Flasche ein, die noch auf dem Mittagstische stand; und als der Barbier es mit einer tiefen Verbeugung und den Worten leerte: »Ew. Eminenz«! belohnte Münter ihn mit einem freundlichen väterlichen Lächeln.