Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4

Part 5

Chapter 53,639 wordsPublic domain

Er hatte viel natürlichen Witz, von dem ich einige Züge anführen will. Als er einmal in der Stadt bei einer reichen Freundin zu Mittag gespeist hatte, wo aber der Ueberfluß nicht stets mit Geschmack und Ordnung vereinigt war, und wir nach der Rückkehr ihn fragten, wie es ihm gegangen sei, antwortete er: »Vortrefflich, ich lebte grade so gut wie Christus am Kreuze, ich bekam Essig und Myrrhen.« Der König kam einmal hinaus, um eine Fuchsjagd im Südfelde zu halten. Die Treiber umringten es klappernd. Am Eingange zum Südfelde stand mein Vater und machte als Schloßverwalter die Honneurs. Der König ging voran und die Hofherren folgten in geringem Abstande nach. »Guten Morgen, Oehlenschläger,« rief der König, »sind viel Füchse im Südfelde?« -- »»Noch nicht, Euer Majestät!«« antwortete mein Vater sich tief verbeugend, mit einem Blicke auf die Hofherren, »»aber sie werden gleich kommen.«« Das Gelächter, das Friedrich der Sechste aufschlug, zeigte, daß er ihn verstanden hatte. -- Aber nicht immer gefielen dem Könige die Antworten des Alten. Als er einmal mit ihm über einige Zimmer im Schlosse zur weiteren Benutzung sprach, sagte mein Vater: »Euer Majestät! s' ist kein Loch mehr da, groß genug, daß ein deutscher Prinz darin liegen könnte.« Mit ernster Miene aber schonendem Tone, sagte der König zum Oberhofmarschall: »S' ist Oehlenschläger!« Er meinte also, »dem man Etwas zu Gute halten muß.« Als mein Vater einmal den König um freies Holz bat, fragte dieser scherzend: »Sind Sie nicht Holzverwalter?« -- »»Ja, Euer Majestät!«« -- »Und Sie wollen mich glauben machen, Sie hätten nicht freies Holz?« -- »»Vielen Dank, Euer Majestät!«« antwortete mein Vater, indem er sich wegen der in scherzendem Tone gegebenen Erlaubniß tief verbeugte. Mit seiner alten Magd hatte er, wenn er allein saß, viel komische Gespräche. Als Organist an der Friedrichsberger Kirche war er gewohnt, Begräbnisse mit derselben Munterkeit zu betrachten wie Hochzeiten und Kindtaufen; denn bei solchen Gelegenheiten ertönte die Orgel und war Etwas zu verdienen. Eine stille Beerdigung war früher eine Strafe, die nur Selbstmörder und andere große Verbrecher traf. Eines Winterabends sagte er zu dem Mädchen, die in demselben Zimmer spann, wo er im Lehnstuhle las: »Hast Du Aeltern?« -- »»Nein!«« -- »Verwandte und Freunde?« -- »»Nein!«« -- »Na, das hat nichts zu sagen, Du sollst doch ehrlich begraben werden, wenn Du einmal stirbst, Du sollst einen großen, festen Sarg von gutem Fichtenholz bekommen, und für ein hübsches Leichenhemde will ich auch sorgen.« Das Mädchen dankte sehr, konnte aber nicht begreifen, woher diese Güte käme, da ihr nicht das Geringste fehlte, und sie zwanzig Jahre jünger war, als er. Aber es war, als er da saß und las, ihm eingefallen, daß sich so etwas ereignen könne, und so wollte er aus lauter Sorge für das arme Mädchen, da er fürchtete daß die bevorstehenden Ausgaben bei der Beerdigung sie ängstigen könnten, ihr den Stein vom Herzen nehmen. Auf diese Weise konnte er ihr nun nicht helfen, da er früher als sie starb, aber er half ihr doch wirklich während seiner Lebenszeit, und das auf eigene Weise. Er spielte in der Lotterie. Der Collecteur wohnte in der Friedrichsberger Allee und besuchte ihn mitunter des Vormittags. Als mein Vater sich einmal darüber beklagte, daß er nie Etwas gewonnen hätte, rieth ihm der Andere, weiter zu spielen, »man könne ja nicht wissen, ob das Glück sich nicht wenden würde.« Mein Vater nahm also ein Loos, schenkte es aber dem Mädchen, und diese gewann wirklich 500 Thaler. Einige Zeit darauf wurde derselbe Collecteur ergriffen als Betrüger, der durch Taschenspielerkünste alle Nummern ziehen konnte, die er wollte, und sich dadurch große Summen angeeignet hatte, die er nachher wieder mit Dirnen und vornehmen Gästen vergeudete. Zuweilen hatte er gute Freunde gewinnen lassen; es mußte also meinem Vater lieb sein, daß er nicht gewonnen hatte, aber das Mädchen nahm es nicht so genau und bekam auf diese Weise mehr als sie zur anständigen Beerdigung brauchte.

Gegen das Ende seines letzten Lebensjahres begann mein Vater zu kränkeln und litt oft an Erkältungen. Im Frühjahr 1827 bekam er das kalte Fieber, das oft wiederkehrte, und in der Hitze desselben starb er in einer frühen Morgenstunde. Als ich hinaus kam und seine freundliche Leiche in der kleinen Kammer sah, wo ich als Knabe so viele Jahre neben ihm geschlafen hatte, sang eine Nachtigall draußen im Baum. Und -- sonderbar -- ich habe nie, weder früher noch später, eine Nachtigall daselbst gehört. Einige Tage später fuhr er den Hügel hinab, den er so oft betreten hatte, und in der Kirche, in der er 46 Jahre lang die Orgel gespielt und Psalmen gesungen hatte, wurde sein Sarg vor dem Altar hingestellt, und sein würdiger Freund, Herr Hofprediger Schiödte, der, obgleich ein jüngerer Mann, viele Jahre mit ihm umgegangen war, sprach ehrende Worte an seiner Leiche.

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Nun wurde mir also das Friedrichsberger Schloß, das mir während meines ganzen Lebens meine eigentliche Heimath gewesen war, eine fremde Stätte, und der liebe Heerd von einer andern Familie eingenommen. Zufälligerweise geschahen gleich nach dem Tode meines Vaters viele Veränderungen an dem Schlosse, dem Garten und der Landstraße, welche viel dazu beitrugen, mir das Wohlbekannte fremd zu machen. Der kleine Garten meines Vaters, den er aus einem Steinhaufen in ein fruchtbares Plätzchen umgewandelt hatte, lag neben dem der Kronprinzessin. So lange der Greis lebte, konnte sie es nicht über sich gewinnen, ihm denselben zu entziehen, aber, als er nun todt war, wurde das Plankenwerk fortgenommen, dieser Platz verändert und mit den übrigen Anlagen verbunden. Einige Fruchtbäume blieben stehen, und hier muß ich einen schönen Zug vom Herzen der Kronprinzessin anführen. -- Im nächsten Jahre in der Kirschenzeit schickte sie meinen Kindern einen Korb mit Kirschen, in welchem ein kleiner Zettel lag auf dem von ihrer Hand geschrieben stand:

»Von des Großvaters Baum =Caroline=«.

Ich habe diesen Zettel in mein Stammbuch geklebt.

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[Sidenote: Carsten Hauch.]

Kurz nach dem Tode meines Vaters kam mein Freund =Carsten Hauch= von seiner Reise ins Ausland zurück. Das Wiedersehen erfreute mich, denn ich hatte lange den Umgang dieses herrlichen Freundes entbehrt. Seine Reise hatte seine Kenntnisse vermehrt und erweitert, und ihn mit vielseitiger Bildung bereichert; auch den Musen hatte er gehuldigt und brachte mehre Dichtungen heim, die er in Italien geschrieben hatte. Von diesen gefiel mir =Die Hamadryade= am Wenigsten; aber da Ludwig Tieck besonders dieses Gedicht (das auch Deutsch geschrieben war) gelobt und sich erboten hatte, es mit einer Vorrede herauszugeben -- was übrigens unterblieb, -- so wollte ich nicht widersprechen.

In =Tiberius= bewunderte ich das vortreffliche historische Portrait und fand, daß Hauch den Tacitus meisterhaft in Poesie übertragen habe. In diesem sowie in den übrigen Stücken herrscht eine edle Indignation über die empörenden Laster der Erde, die sich in beißender, tragischer Satire ausspricht. Die vielen schönen pathetischen Stellen, die originellen Bilder, z. B. Gregor's Beschreibung der Kirche, Tiber's Monologe, zeugen von wahrem Dichtergenie. Nur scheint es mir, als ob in diesen Tragödien und später besonders in =Don Juan= zuviel Grau in Grau gemalt sei.

Daß er in seinem =babylonischen Thurmbau= (in dem übrigens viel =Aristophanisches= ist) zu weit ging, muß mit der Heftigkeit entschuldigt werden zu der man leicht verleitet wird, wenn man lange vergebens gegen Unbilligkeit und Spott ankämpft.

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[Sidenote: Meine gesammelten Werke.]

Im Mai 1828 erhielt ich vom Buchhändler Max in Breslau einen Brief, der mich auf angenehme Weise überraschte. Als deutscher Verfasser hatte ich in oft wechselnden Verhältnissen zu deutschen Buchhändlern gestanden. Cotta kam mir liberal entgegen, bezahlte gut, that aber nichts, meinen Büchern Absatz zu verschaffen. Er druckte sie, wie der alte Brockhaus sagte, auf Löschpapier, ließ sie auf dem Boden liegen, ohne recht für den Absatz zu sorgen, und sie dann in seinen eigenen Blättern herunterreißen. Das Manuscript zum Palnatoke war ihm abhanden gekommen, doch fand er es aber nach Jahren wieder. Meinen Correggio ließ er auch mehrere Jahre liegen, ehe er ihn druckte. Kein ästhetisches Werk in Deutschland hat größeres Glück gemacht. Correggio wurde auf allen Theatern 30 Jahre lang gespielt, und Cotta, der keinen Contract mit mir geschlossen, hat gewiß mehrere Auflagen davon gemacht. Uebrigens glaube ich, daß er an den meisten meiner Arbeiten verloren hat; das Altnordische schmeckte den Deutschen nicht. Zuletzt hatte weder er, noch der jüngere Brockhaus Lust, meine Gedichte zu verlegen. Als ein Beispiel hierfür mag dienen, daß mir Brockhaus die Uebersetzung meines Helge zurücksandte, ohne das Werk verlegen zu wollen. Helge hatte ich nicht ganz allein übersetzt; ein Herr Voß in der deutschen Kanzlei hatte erst das Gedicht übersetzt und mir dann erlaubt, es ganz nach meinem Sinne zu bearbeiten. Das hatte ich dann auch gethan. So ist Helge in der Sammlung gedruckt, die später bei Max erschien, und so las Brockhaus das Gedicht, wie er mir versicherte, mit großem Vergnügen. Aber er wagte nicht, es zu verlegen, aus Furcht vor Mangel an Absatz. Die Uebersetzung von Tegnér's Frithiof war in Aller Mund und erlebte eine Auflage nach der andern; -- aber Helge wurde nie besprochen und stets nur von Wenigen gelesen. Weshalb? theils wohl, weil die Kraft der Originalsprache nicht darin war; das war aber auch bei den Uebersetzungen des Frithiof nicht der Fall. Die Hauptursache war, daß Frithiof mit seiner =sentimental-erotischen= Lyrik den Damen gefiel; dagegen hatten nur wenige deutsche Männer Interesse für das =Episch-Heroische= in Helge.

Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, als Schriftsteller in Deutschland ferner noch aufzutreten, als Max mir schrieb:

»Euer Wohlgeboren wollen mir vergönnen einige Zeilen an Sie richten zu dürfen. Es betrifft Ihre Werke, welche vor vielen andern es verdienen, vollständig gesammelt in einer neuen Ausgabe zu erscheinen. Erlauben es Zeit und Verhältnisse an eine Gesammtausgabe Ihrer vortrefflichen Schriften zu denken, so wage ich es mich als Verleger anzubieten, -- indem ich und meine Firma dadurch geehrt werden. Die Autoren sind einmal die Sonnen der Buchhändler, diese erhalten nur Licht und Glanz durch jene, und todt ist ihr Wirken, wird es nicht durch jene belebt«.

Das war nun eine erfreuliche Nachricht, und wir wurden bald einig.

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[Sidenote: Camma Rahbek's Tod.]

Noch ein paar Jahre nach dem Tode meines Vaters blieb mir das Hügelhaus in jeder Beziehung ungestört. Rahbeks hatten keine Kinder, sie lebten in denselben Zimmern, auf dieselbe Weise, wie vor dreißig Jahren, wo ich ihre Bekanntschaft machte. Eines Abends, im Jahre 1828, als ich bei ihnen am Tische saß, schien es mir selbst so höchst wunderbar, daß ich kein rechtes Vertrauen zur irdischen Beständigkeit fassen wollte, sie erschien mir wie ein Blendwerk. Und das war es, denn kurz darauf verschwand die schöne Seifenblase. Camma Rahbek's Husten nahm immer mehr zu; sie hatte einige Jahre hindurch gekränkelt, und man gewöhnt sich endlich an so Etwas, daß man sich nicht mehr darüber beunruhigt, weil man immer hofft, daß es wenigstens beim Alten bleiben werde; aber der Lampe fehlt es endlich an Oel und sie geht aus. Rahbek hat im letzten Theil seiner Erinnerungen ihren Tod so anziehend und schön beschrieben, daß ich nichts Besseres thun kann, als den Leser, der mehr von ihr wissen will, darauf zu verweisen. Mein Freund, Bischof Mynster, hat uns eine vortreffliche Charakteristik von Beiden gegeben.

Als in den letzten Tagen ihr Husten sich sehr verschlimmerte, schenkte ihr Frau Brun eine hübsche Ziege, deren Milch sie trank, und die sie zu ihrem Vergnügen im Zimmer hatte. Ich pflegte ihr sonst selten Etwas von dem, was ich schrieb, vorzulesen, aber nun fühlte ich gleichsam einen Drang dazu in der Ahnung, daß es das letzte Mal sei. Ich hatte grade Karl den Großen vollendet, und Camma lag auf ihrem Sopha und hörte zu, während Rahbek an ihrer Seite saß. Ich entsinne mich noch, wie sie bei der Stelle zusammenschreckte, wo Wittekind Karl, der ihn bittet, die Axt liegen zu lassen, mit einem donnernden: »Nein, Karl«! antwortet. Sie folgte der Lectüre mit Theilnahme und Aufmerksamkeit. Dies war aber auch unser letzter geistiger Verkehr hier auf Erden. In der strengen Winterkälte bekam ich einen Podagraanfall; der starke Frost hat vielleicht auch ihr Ende beschleunigt; sie starb und ich konnte ihrem Sarge nicht folgen, aber ich schrieb ein Lied, das sich in meinen Gedichten findet.

[Sidenote: Rahbek's Tod.]

Rahbek folgte seiner Camma ein Jahr darauf. Dieser merkwürdige Mann hat viel zur Verbreitung der ästhetischen Kultur in seinem Vaterlande beigetragen, obgleich er oft verkannt wurde, und, wie dies häufig der Fall ist, viel von der Undankbarkeit einer jüngern Zeit litt. Rahbek's Geist war nicht tief, seine Phantasie nicht feurig, sein Verstand nicht scharf, aber mit einer außerordentlichen Liebe für den Theil der Poesie, für den er sympathisirte, hatte er seine Empfänglichkeit dafür, seine Einsicht darin durch unablässiges Studium und wiederholte Lektüre ausgebildet. Mit feinem Scharfblicke, Witz und Beobachtungsgabe ging er auf das Psychologische in den dichterischen Motiven ein; aber obgleich Ewald ihn erst geweckt hatte, und er diesen Dichter stets als unerreichbar groß ansah, so hatte doch Rahbek's eigene Natur ihm besonders die Schilderungen des Lebens lieb gemacht, die sich in den Iffland'schen Stücken finden, von denen wir nach seiner Zeit herrliche Früchte in den von Heiberg herausgegebenen Alltagsgeschichten, kurz, in dem poetischen Genrebild erhalten haben. In den besseren Iffland'schen Stücken spielte Madame Rosing in Rahbek's jüngern Jahren ganz vortrefflich; diese herrliche Künstlerin hatte einen tiefen Eindruck auf Rahbek gemacht, er liebte sie mit platonischer Liebe, und das trug gewiß nicht wenig dazu bei, ihn diese häuslichen Scenen lieb gewinnen zu lassen, die sein erstes sentimentales Entzücken über Rousseau's neue Heloise und Göthe's Werk verdrängte. Für das Pathetische hat er von Natur weniger Interesse, obgleich das Große und Patriotische stets einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Aber in seiner witzigen kalten Stimmung konnte er auch oft das Schwülstige und Uebertriebene auffinden, das er ebenso sehr wie den Luxus und die Vornehmheit haßte.

Als Ryge einmal von Deutschland nach Hause kam, wo er Eßlair gesehen hatte, und nun Hakon Jarl wieder spielte, meinte Rahbek, daß er wider seine Gewohnheit ein Bischen zu stark auftrüge, und sagte, indem er ihn fortwährend durch sein Perspectiv ansah: »Ja, das ist ganz gut, aber die Natur ist nicht Deutsch«. Daß Rahbek witzig war, und daß seine Trinklieder mit das Beste sind, was wir in dieser Art besitzen, darüber sind Alle einig. Und ihm selbst lag doch nichts am Trinken, obgleich er sich in seiner Jugend in Dreyer's Klub und in der Norwegischen Gesellschaft aus Freundlichkeit und Nachgiebigkeit gegen die Anderen bisweilen einen Rausch getrunken hatte. »Der Wein schmeckt mir eigentlich wie Essig«, sagte er. Und darin hatte er Recht; denn =der= Wein, den er in einzelnen Flaschen täglich nach dem Hügelhause aus der Stadt holen ließ, hatte wirklich viel gemein mit dieser Säure. -- Rahbek fehlte es an Charakterfestigkeit, so eigensinnig er auch war; eine gewisse Schwäche des Geistes verhinderte ihn zuweilen ganz aufrichtig zu sein; aber im Grunde war er ein sehr guter und sanfter Mensch. Er hatte nicht nur Witz, sondern auch echtes Gefühl als Dichter in seiner Bearbeitung von =Der Todten Wiederkehr=, seinem =Marienhügel= u. a. m. an dem Tag gelegt. In seiner Persönlichkeit war sehr viel Komisches. Zwei Dinge, zu denen die Natur ihm jede Fähigkeit versagt hatte, hatte er am liebsten werden wollen, und beklagte immer, daß ihm die Umstände dies versagt hätten, nämlich Soldat und Schauspieler. Im Studentencorps war er stets ein eifriger Krieger; obgleich er nicht das Exercitium lernen konnte, und selbst einmal gestand, »daß sie ihn zum Lieutenant _à la Suite_ gemacht hätten, weil er nicht zum Gemeinen taugte«, trug er doch noch beständig die Uniform, nachdem sie die Andern schon längst abgelegt hatten. Comödie wollte er ungeheuer gern spielen. Einmal sollte Robinson in England in Borups Gesellschaft aufgeführt werden. Ich begegnete Rahbek sehr vergnügt auf der Straße. »Wo willst Du hin«? fragte ich -- »»Ich will meine eigene Rolle spielen««. Es war die des Magister Romanus. Rahbek meinte, daß ich in der Replik, wo von diesem Magister gesagt wird, daß er für jede Meinung, die er sagte, wenn sie noch so alltäglich sei, eine classische Autorität anführen müsse, auf ihn gestichelt hätte.

[Sidenote: Zur Charakteristik Rahbek's.]

Rahbek war ein Cyniker; seiner Frau schenkte er oft schöne Kleider und Putz; er selbst aber ging in einem groben dunkelblauen Rock und kaufte sich erst einen neuen, wenn der alte ganz abgetragen war. Ich sah ihn einmal, wie er auf offener Straße, vor einem Kleiderladen, einen Rock anprobirte, den er kaufen wollte. Einen Regenschirm brauchte er niemals; oft kam er durch und durch naß vom Hügelhause zur Stadt, um Vorlesungen zu halten. Einmal wollte ihm der Pedell einen Rock leihen, da er wie eine gebadete Maus aussah, aber er nahm ihn nicht an; naß, wie er war, bestieg er das Katheder. Es wäre gewiß kein Wunder gewesen, wenn er in diesem Zustande eine ziemlich trockene Vorlesung gehalten hatte. Gastfrei empfing er seine Freunde bei seinen kleinen Abendgesellschaften; aber wenn man den ganzen Weg gekommen war, ohne beschmutzt worden zu sein, so konnte man dies doch unmöglich vermeiden, wenn man dicht an seine Hausthür kam, die durch einen Tümpel verschanzt war. Bischof Mynster schenkte Rahbek einmal etwas, das er selbst finden sollte, zu seinem Geburtstage; wenn es aber Andere nicht gesagt hätten, so würde er selbst es nicht entdeckt haben: es war nämlich ein eiserner Abstreicher, den Mynster draußen vor der Thüre hatte anbringen lassen. Als Rahbek todt war, that es den Leuten leid, zu hören, daß das liebe Hügelhaus, welches so reich an schönen Erinnerungen war, eingerissen und umgebaut werden sollte! Aber dies war wirklich durchaus nothwendig, denn das Hügelhaus war eine elende Baracke, die nicht länger stehen konnte. Bereits vor dreißig Jahren war es ein schlechtes Gebäude; aber es lag anmuthig bei dem Südfelde (wohin Rahbek übrigens niemals einen Fuß setzte) und er liebte die schöne Aussicht von dort. Eigentlich hatte Pram diesen hübschen Landsitz gefunden und Rahbek vorgeschlagen, dort mit ihm zu wohnen; denn von selbst wäre Dieser nicht darauf gefallen. Eines komischen Scherzes von Pram entsinne ich mich, den Rahbek mir erzählte. Als sie die Wohnung gemiethet hatten, ging Rahbek umher, die Zimmer anzusehen, und als er zu dem Zimmer zurückkehrte, wo er Pram verlassen hatte, lag dieser auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt, auf den Dielen. Rahbek wurde ängstlich und glaubte, Pram hätte einen Anfall bekommen; dieser aber beruhigte ihn und sagte: »Mir fehlt Nichts; ich habe mich nur so hingelegt, damit das Zimmer ein Bischen höher wird«.

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[Sidenote: Besuch in Schweden.]

Im Sommer 1829 bekam ich eines Tags einen Brief vom Literaten Ove Thomsen, in dem er mir vorschlug, mit ihm eine Lustfahrt auf dem Dampfschiffe nach Malmöe und Lund zu machen. -- Eine solche Aufforderung war nöthig, denn sonst wäre es mir nicht eingefallen und ich hätte mich mit meiner gewöhnlichen Abendpromenade nach Friedrichsberg begnügt.

Mit meinem jüngsten Sohne William machte ich nun diese schwedische Reise, und als ich auf dem Schiffe stand und mich der fremden Küste näherte, konnte ich selbst nicht begreifen, warum es mir nie eingefallen war, öfter hinüber zu fahren. Von meiner frühesten Kindheit an hatte vom Friedrichsberger Hügel aus stets die Schoonen'sche Landstrecke den Horizont für mein Auge gebildet. Durch das Telescop meines Vaters hatte ich oft nach Malmöe hinüber gesehen, wenn der Sonnenschein daselbst auf den Kirchthurm fiel.

In dem Bade =Ramlöse= bei Helsingborg, war ich freilich schon gewesen. Um einmal an einer gesellschaftlichen Unterhaltung an diesem Orte Theil zu nehmen, und um das Gewimmel der Nachbarnation zu sehen, von der ich nur Einzelne kannte, fuhr ich eines Tags hinüber, als ein Ball stattfinden sollte. A. S. Oersted, Spieß, Winckler und noch viele Dänen fuhren mit. Man hatte nicht den König =Karl Johann= zum Feste erwartet; er kam, und dies veränderte die Situation etwas. Man hatte geglaubt, daß der Ballsaal zu öffentlichem Gebrauche sei, nun kam der schwedische Hof, aber die Fremden wurden sehr artig empfangen. Im Saal konnte freilich Keiner in des Königs Quadrille tanzen, der ihm nicht vorgestellt war, weshalb der Hofmarschall mit vieler Höflichkeit mehrere sich eindrängende Gäste darauf aufmerksam machen mußte. Ich drängte mich durch das Gewimmel, um in das Vorgemach zu kommen, das auch voller Menschen war. Hier wollte ich an der Thüre stehen bleiben, um den König zu sehen, wenn er vorbeiginge, weil ich doch diesen großen Helden und ausgezeichneten Menschen einmal in meinem Leben zu sehen wünschte. Ich hatte noch nicht lange gestanden, als sich ein Adjutant den Weg zu mir bahnte, und mich fragte: »ob ich Oehlenschläger sei!« Ich antwortete: »»Ja.«« »Dann habe ich den Befehl, Sie zu Se. Majestät zu bringen.« Ich folgte ihm und stand vor Karl Johann's ausgezeichnetem Antlitz. Er sprach sehr gnädig mit mir, und fragte mich unter Anderm, ob ich einige schöne schwedische Damen gesehen habe. Als ich es bejahte, lud er mich ein, da zu bleiben und mit zu Abend zu speisen. Ich saß lange und sprach mit dem alten Grafen de la Gardie, später aber, als ich in den Pavillon gehen wollte, um zu speisen, war dieser schon ganz besetzt, zum Theil von Dänen, die wohl kaum eingeladen worden waren. Ich bekam nichts. Dies gab mir Veranlassung, viele Jahre darauf den König Oskar zum Lachen zu bringen, als ich ihm erzählte, daß ich einmal von einem Souper mit trocknem Munde gehen mußte, obgleich sein hochseliger Vater mich selbst eingeladen hätte.

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[Sidenote: Lund.]

Wir reisten also nach Malmöe. Der gegen alle Dänen so freundliche und äußerst gastfreie Landrichter Hoffmann näherte sich in einem Boote dem Dampfschiff, um uns zu empfangen. Im Wagen des Landrichters fuhr ich mit meiner Reisegesellschaft in die Stadt. Wie wohlgestimmt fühlte ich mich gleich bei diesem heitern Mann! Die fremde Küste übte, in der schönsten Jahreszeit vor uns ausgebreitet, ihre Zaubermacht auf uns aus. Wir waren von lauter zuvorkommenden Schweden umgeben; der früher dem dänischen Ohr so feindlich klingende Dialekt schmeichelte sich mit allem Wohlklange ein. Mein lustiger, herzlicher Wirth bewohnt ein Haus, das, wenn auch nicht regelmäßig, doch behaglich ist. Eine Menge Zimmer hängen voll von Kupferstichen und Gemälden; gute Möbel standen überall, und ein mechanischer Canarienvogel in einem Bauer wurde gleich in Bewegung gesetzt und mußte uns etwas vorpfeifen. Kleine Tannenzweige waren auf die Dielen gestreut. Dies ist ein allgemeiner Brauch in Schweden, und ich möchte ihn um Vieles nicht entbehren; es versetzte meine Einbildung ganz in das Land der Tannen- und Fichtenwälder.