Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4
Part 4
paßte nun hier in Kopenhagen sowohl auf unsere, wie auf seine Zeit; aber er konnte leicht mißverstanden werden. Es muß ein Unterschied zwischen den =gebildeten Dänen= (der größte Theil war vom Mittelstande), und zwischen den Vornehmen (der größte Theil war aus den Herzogthümern), gemacht werden. Von Königin Margaretha's Zeit an, haben der Hof und die Vornehmen stets Lust gehabt sich vom Volke durch die Sprache, erst durch Deutsch, dann durch Französisch und Italienisch zu trennen. Was mir besonders in Frankreich gefiel, war: daß das ganze Volk Eine Sprache redete, und daß das Land keine Hofsprache hatte. Aber selbst in Frankreich war die =italienische Oper=, wo das hohe Entrée den Mittelstand verhinderte hinzukommen, der Sammelplatz für den Hof und die _beau monde_. Hier sah man einander; die Oper war ein Sammelplatz, ein Salon, eine Fortsetzung und Variation der Hofvergnügungen; die Kunst wurde als etwas Untergeordnetes betrachtet, nur die Virtuosität war es, mit der man sich die Zeit vertrieb, und die man aus Eitelkeit protegirte.
Aber Eins dürfen wir bei dieser Gelegenheit nicht vergessen: Christian VIII. und seine holde Gemahlin, Caroline Amalie, waren in ihrer schönsten Zeit im schönen Italien gewesen, wo Alle sie bewunderten und darin wetteiferten, ihnen zu huldigen; hier hatten sie mehrere Monate in dem herrlichen Neapel gelebt, und Rossini's Musik von den größten Virtuosen vortragen gehört. Wie natürlich, daß sie einige Jahre nach ihrer Heimkehr sich freuten, diese lieben Jugenderinnerungen zu erneuern, die schöne Sprache wiederzuhören, mit der sie so vertraut geworden waren? Hierzu kam, daß immer einige gute Sänger da waren, die die italienische Kraft im Ton mitbrachten, welche unser Klima selten zuläßt, und Madame =Forconi= war zu gleicher Zelt eine sehr gute Schauspielerin voller Feuer und Gefühl.
Siboni war also eine Zeitlang hier der Herrscher über den Geschmack in der Musik. Es ist natürlich, daß man mehrere komische Anecdoten von dem feurigen Italiener erzählte, der auch gleichsam das Dänische auf seine Lippen zwingen wollte, ehe er es konnte. Seine Unwissenheit in der Sprache gab auch zuweilen Veranlassung zu lächerlichen Mißverständnissen.
Nun lernten wir also recht Rossini kennen, dessen Moses, Othello und besonders Wilhelm Tell ihn von einer viel größern Seite zeigten, als wir ihn anfangs gekannt hatten. Auch der herrliche Bellini, dessen Norma eine unvergleichliche Musiktragödie ist, erfreute uns. Den außerordentlichen Lärm und die Ausschmückungen durch Fiorituren vergab man gern dem Genie, wenn nicht die wirkliche Schönheit dadurch übertäubt und versteckt wurde, sowie später von Donizetti und besonders dem ebenso lärmenden, wie melodie- und characterlosen Verdi, der Jericho's Mauern durch Posaunentöne einstürzen läßt, wenn ein Mädchen eine süßliche Liebesarie singt; dessen tragische und komische Musik ganz in demselben Styl ist, und der das rothe Meer wie Eulenspiegel (aber ohne Witz) malt, indem er die ganze Wand mit Zinnober bestreicht; fügt man nun noch hinzu, daß diese lärmenden Opern nur einigermaßen damit entschuldigt werden können, daß sie für ungewöhnlich große Schauspielhäuser componirt sind, so fiel diese Entschuldigung ganz fort, wenn man sie in einem kleinen eingeschlossenen Raume, wie unser Hoftheater, hören mußte, wo sie -- was mich betrifft -- wie eine Bremse brummten, die Einem in's Ohr gekommen war.
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[Sidenote: Die Vaudevilles.]
Man erzählt von einem preußischen Prinzen, daß er, als er einmal aus diesen Stücken herauskam, wo sein Ohr sehr gelitten hatte, sich an der milden Einwirkung des Zapfenstreichs erquickte, der ihn auf der Straße entgegenkam. Auf eine viel angenehmere Weise sorgte J. L. =Heiberg= für unsere musikalische Erfrischung. Er verfaßte eine Reihe burlesker Comödien, die er Vaudevilles nannte; aber sie standen sowohl im komischen Humor, wie in musikalischer Beziehung, weit über den meisten französischen Vaudevillen, von denen sich doch einige in der idyllischen und historisch-charakteristischen Art auszeichneten; Heiberg's Stücke waren alle Das, was die Franzosen =Farcen= nennen; aber meine Leser wissen, daß ich mit dieser Benennung nichts Tadelndes verbinde, da ich, im Gegentheil, selbst Schauspiele dieser Art gedichtet habe. Daß später mein Freia's Altar, den ich wohl an die Seite der Heiberg'schen Farcen zu stellen wage, in seiner fliegenden Post als ein jämmerliches Product heruntergerissen wurde, darein mußte ich mich, wie in so vieles Andere fügen. Diese Stücke sind ohne Zweifel im Besitz von Humor und luftigen Situationen; hierzu kommt, daß sie in musikalischer Beziehung weit die französischen Vaudevilles überragen, deren Dialog jeden Augenblick von einem einzelnen Vers unterbrochen wird, welcher einen kleinen witzigen Einfall (_pointe_) enthält, auf eine bekannte Melodie von Schauspielern gesungen wird, die gar keine Sänger sind ja größtentheils nicht singen =können=, und insofern gar keine Prätensionen machen, sodaß der Vortrag bei ihren Liedern mehr Recitation als Gesang genannt werden kann. Auf unserm Theater, wo Schauspiel und Singspiel verbunden sind, konnte Heiberg wirkliche Sänger anwenden. Seine musikalische Bildung und sein Geschmack gaben ihm Gelegenheit, ganz vortreffliche Musiknummern zu wählen, die durchaus zum Gegenstande paßten, was nicht wenig zum Erfolg der Stücke beitrug. Was ihnen aber noch mehr Beifall erwarb, war die Art, wie sie nach den Talenten der Schauspieler berechnet waren. So machte »König Salomon und Hutmacher Jürgen«, das in den Hauptsituationen große Aehnlichkeit mit dem Singspiel: =der Einzug=, vom Vater des Dichters, hatte, außerordentliches Glück, hauptsächlich durch Ryge's vortrefflichen Juden. In den »Aprilnarren« stellte der herrliche =Winslöw= einen ganz eigenthümlichen Charakter in Zierlich dar. In »Der Recensent und das Thier« und in »die Unzertrennlichen« stand Rosenkilde als ein würdiger Nebenbuhler Brünet's und Potier's in seinem unvergleichlichen =Trop und Hummer= da. In »Die Dänen in Paris« und in »Kjöge's Hauskreuz« bewunderten wir Phister's herrliche, vortreffliche, dänische Bauerjungen. Was aber in diesen Stücken besonders dazu beitrug, ihnen die außerordentliche Kraft, mit der sie wirkten, zu verleihen, war: daß Thalia selbst vom Olymp herniederstieg und darin spielte. Sie trat zuerst vermummt, wie eine kleine tanzende Terpsichore im Ballet auf, und Heiberg war scharfblickend genug, um ihren Werth zu entdecken, sich ihrer anzunehmen, sie erziehen und in seinen Stücken auftreten zu lassen, wo sie alle Menschen durch ihre unbeschreibliche Grazie, ihre muntere Schelmerei, ihre Anmuth und ihr Genie hinriß. Später hat sie sein Leben als seine Gattin beglückt, und uns in vielen Rollen Gelegenheit gegeben, ihre Reife zu bewundern. Auch meine Stücke hat sie geehrt und ihnen genützt. Ihr Talent, einen liebenswürdigen Jungen zu spielen, zeigte sich in dem »kleinen Schachspieler«; in »Gyda« war sie die tragische, abgelebte Hexe, und in »Dina« und »Gudrun« das anmuthige, blühende, eigenthümliche Weib.
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Als ich eine Zeitlang Deutsch geschrieben hatte, gab ich meine dänischen Gedichte in drei Bänden heraus und schrieb einige Singspiele, ehe ich wieder größere Werke anfing. Es geht dem Dichter wie dem Maler; die Einförmigkeit ermüdet, die Abwechselung stärkt. Ein thätiger Geist kann nicht ganz ruhen. Aber es giebt eine leichtere Arbeit, die doch mehr erquickt, als die bloße Ruhe. Diese Arbeit kann auch ein angenehmer Genuß für den Leser und Zuschauer sein, dessen Geist nicht stets auf das Höchste gespannt sein will. Wenn man den Strom tragisch herabstürzen, die Quelle lyrisch durch Blumen dahin hüpfen gesehen, so kann man wohl zuweilen dem ruhigen muntern Bache folgen, wie er mit kleinen Steinen in seinem Bette spielt, oder im Schilfrohre schäumt. -- Aber diese Freiheit versagte man mir. Ich durfte nicht komisch und lustig sein. Ich sei nicht komisch, sagten meine Tadler. Aber sie sagten es zu derselben Zeit, als sie behaupteten, daß ich auch nicht recht lyrisch, oder episch, oder tragisch, oder überhaupt echt dramatisch sei, daß all' meine Werke, bis auf die Romanzen, mehr oder weniger mißglückte Versuche seien, denen es an Charakter, Composition, Gedankenreichthum und Witz fehlte. Aber -- _mirabile dictu_ -- doch sei ich ein wahres Genie und ein großer Dichter! -- Also nur die Phantasie und das Gefühl sollten zuweilen unbewußt und wie im Traume über mich kommen und mich den Parnaß, wie einen Nachtwandler das Dach, im Mondenscheine ersteigen machen. Uebrigens war es merkwürdig, daß größtentheils Poeten, oder Leute, die selbst Verse machten, mich so streng tadelten.
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[Sidenote: Die Flucht aus dem Kloster.]
Ein Stück, welches mir wirklich mißglückte, war »Die Flucht aus dem Kloster.« Eine kühne Idee verführte mich, es zu schreiben. Ich wollte das Meiste von den Tönen in Mozart's _Cosi fan tutte_ mit menschlichem Stoff verbinden, denn der Text, zu dem er die Musik componirt hatte, war wirklich unter aller Kritik. Hier ist nicht die Rede von der Ausführung oder von der poetischen Behandlung des Stoffes, sonst würde auch die Zauberflöte unter aller Kritik sein. Aber all' die poetischen Elemente: das Uebernatürliche, das Erhabene, das Erotische, das Anmuthige, das Luftige und Naive bewegen sich in der Zauberflöte wie in einem Traume, deutlich gemacht und poetisch ausgemalt durch die Musik, und wenn man nicht Schikaneder's Unsinn liest, und dem Dialoge nicht aufmerksam folgt, so genießt man durch Mozart, der hier zugleich Dichter und Componist ist, die schönsten Märchen. Aber _Cosi fan tutte_ ist lauter schwache Unnatur. Zwei Liebhaber kommen nach einer fingirten Reise verkleidet zurück, um ihre Geliebten zu prüfen, ohne daß diese sie kennen, und hierdurch entstehen buhlerische Coquetterien (eine echte Wiener Torte), die nur den Wienern schmecken konnten. Aber Mozart's Musik schmeckte Allen; denn wenn man sie hörte, waren diese schönen Töne, in denen besonders das Adagio vorherrscht, voller Gefühl und Wahrheit. Aber ein neues Stück zu einer großen fremden Musik mit combinirten Nummern zu schreiben, wurde stets für eine Unmöglichkeit gehalten; und ich überzeugte mich davon, obgleich ein großer Theil recht gut ging und nur der letzte Act und der Schluß des Stückes sich nicht fügen wollte. Es wurde doch vier Mal kurz hintereinander aufgeführt.
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[Sidenote: Die Wäringer in Constantinopel.]
Im Jahre 1826 schrieb ich die =Wäringer in Constantinopel=, in denen das herrliche Kleeblatt, Madame Werschall (jetzt Nielsen) als Maria, Ryge als Eremit und Nielsen als Harald mich kräftig unterstützte. Das Stück erwarb sich großen Beifall. Die folgende Tragödie: =Karl der Große= fand auch Beifall, aber kein so volles Haus. Ryge war hier wieder herrlich als Karl, nicht minder waren es Madame Werschall und Fräulein Pätges (jetzt Frau Heiberg), als seine Töchter Imma und Bertha. Ich habe dieses Stück vielfach umgearbeitet. Die Scene zwischen Karl und Wittekind endigt jetzt die Tragödie. Die Episode mit Gottfried und dem Bilde des Holger Danske ist aus dem Stücke herausgenommen und zu einem Nachspiel gemacht.
Von den =Drillingsbrüdern von Damask=, wozu Kuhlau herrliche Musikpieçen geschrieben hat, kann ich wohl sagen, daß sie nicht das Glück machten, welches sie verdienten. Dies entsprang hauptsächlich aus der Schwierigkeit, drei Schauspieler zu finden, die einander so glichen, daß es natürlich war, wenn man den einen für den andern hielt. Man wollte und konnte keine Masken gebrauchen; an die Leichtigkeit hingegen, durch aufgeklebte Augenbrauen, Nasen und Bärte, die Aehnlichkeit hervorzubringen, dachte man nicht. Winslöw war als Babekan und Madame Werschall als Lyra vortrefflich. Ich übersetzte später dieses Stück ins Deutsche; es erwarb sich Tieck's Beifall (ich hatte es ihm vorgelesen), und er las es selbst häufig in seinen Abendgesellschaften vor.
In den =Longobarden=, einem Stücke in Einem Akte, das darauf folgte, suchte ich Sophokles noch um einige Grade näher zu kommen, wie in Baldur und Yrsa, obgleich der Stoff in Baldur großartiger und in Yrsa rührender ist.
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[Sidenote: Hrolf Krake.]
Im Jahre 1827 schrieb ich das Heldengedicht =Hrolf Krake=, der sich von meinen beiden andern epischen Gedichten: Helge und die Götter des Nordens, in Charakter und Colorit durchaus absondert, sowie auch diese beiden untereinander verschieden sind. Die Romanzen in Helge sind kecke, leicht hingeworfene Skizzen, starke Conturen der nordischen Natur und äußerer Thaten, wobei wohl auch mit einzelnen deutlichen Zügen der geistige Zustand angedeutet ist. Die Götter des Nordens sind große, sorgfältig ausgeführte Phantasie- und Naturbilder für religiöse und philosophische Ideen. Hrolf Krake nähert sich der Tragödie und ist mehr ein eigentliches Epos. Hier wird zwar auch das alte Heldenleben in epischer Vollständigkeit dargestellt; aber das Charakteristische, das innere Menschliche ist die Hauptsache. Tugend und Laster, Charaktere, milde Sitten und Barbarei kämpfen tragisch und rühren wie in der Tragödie zu Schrecken und Mitleid.
Vor vielen Jahren war von der Gesellschaft der schönen Wissenschaften ein Preis für eine gute Epopöe ausgesetzt. Der Pastor =Jens Michael Hertz= gab im Jahre 1804 sein in Hexametern geschriebenes =befreites Israel= heraus. Obgleich nun die Richter meinten, sie dürften dem Verfasser für das eingereichte Preisgedicht der epischen Poesie nicht das ganze Honorar geben, so bekam er doch 600 Reichsthaler; 400 Thaler waren also übrig geblieben, und erwarteten nach einem Verlauf von 23 Jahren den Würdigen, der sie verdienen könne. Ich hatte freilich bereits die Götter des Nordens und Helge gedichtet; da diese Gedichte aber nicht in Einem Versmaße zusammenhängen, sondern Cyklen mehrerer (freilich zusammenhängender) Gedichte waren, so wagte ich nicht, um die 400 Thaler zu bitten, da ich mich der Möglichkeit auszusetzen befürchtete, daß man sagen könnte, es seien keine ordentlichen Epopöen. Der Gebrauch, den Dichtern Honorar zu geben, die nicht darum ansuchten, war in der Gesellschaft noch nicht eingeführt, und ich erhielt also Nichts. Indessen lief mir doch das Wasser nach den 400 Thalern im Munde zusammen, und obgleich Hrolf Krake kein wirklich =klassisches= Epopöe war, da ich weder die Muse des Gesanges angerufen, noch Homer und Virgil nachzuahmen, sondern im Gegentheil so originell und national, als möglich zu sein versucht hatte, so dachte ich, daß es vielleicht doch anginge, und reichte der Gesellschaft durch Rahbek, welcher ihr Secretair war, das Gedicht ein.
Später hörte ich, daß Geheimrath Malling, der Präsident der Gesellschaft, Mühe gehabt hatte, mit dem Metrum zurechtzukommen, das ich im Hrolf Krake gewählt hatte; aber Hohlenberg, Professor der Theologie, sein Schwiegersohn, war dem Gedichte zu Hülfe gekommen, hatte es ihm vorgelesen; und hierdurch war er auf die Wirkung aufmerksam geworden, die ich durch das Versmaaß hervorzubringen gesucht hatte. Helge und die Götter des Nordens waren Verbindungen von mehr getrennten Gedichten, deren Verschiedenheit in Inhalt und Wesen auch Verschiedenartigkeit in Ton und Ausdruck erfordert. Hier kamen mir also die wechselnden Versformen (und bei Helge sogar die Tragödienform) sehr zu Hülfe. Aber Hrolf Krake war ein zusammenhängendes Ganze, bei dem der Grundton nicht verändert werden durfte. Ich hatte mich also nach einer Versart umgesehen, die durchweg gebraucht werden konnte; aber wie nun eine solche finden? Den Hexameter wollte ich nicht wählen, um in meinem Gedicht nicht das griechische Colorit vorwalten zu lassen. Man könnte sagen: Warum gebrauchtest Du denn den Trimeter in vielen Deiner nordischen Tragödien? ich antworte: Eine edle, große Sprachform =mußte= ich haben; die alte, nordische Poesie besitzt keine solche dramatische Form; der Trimeter hat eine hohe Einfalt, und das alte nordische Heldenleben zeigt in seinen großen Thaten eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Altgriechischen; deßhalb ließ sich der Trimeter mit seiner kräftigen Würde sehr gut in das Nordische überführen ohne dessen Eigenthümlichkeit zu verwischen. Wenn ich nichts Anderes gehabt hätte, würde ich den Hexameter auch hier gebraucht haben; aber wir hatten, wenn auch nicht von der Edda und den Skalden her, so doch von den Kämpenweisen des Mittelalters einen epischen Grundton, der weder verschmäht noch verkannt werden durfte. Aber in den Kämpenweisen gehen die vier kurzen Zeilen zu sehr in das Lyrische über, und ermüden das Ohr durch die Wiederholung. In dem deutschen Nibelungenliede sind die Zeilen doppelt so lang und nehmen doppelt so viel Stoff in sich auf; aber auch so schien mir für ein großes Gedicht der Klang zu monoton wiederzukehren. Darin besteht der Vorzug des Hexameters, daß er den Wohlklang des Verses der Abwechselung der Prosa in Takt und Wortwendungen verbindet. Ich beschloß nun in dem Hrolf Krake selbst ein ganz episches Versmaaß zu bilden, indem ich die Verse, wie sie sich im Nibelungenliede finden, bald in größeren, bald in kleineren Perioden verband; mit einem Aufenthalt in den Zeilen, bald hier bald da, bald am Ende mit einem Reim; auf diese Weise schaffte ich mir selbst einen Vers, der noch nicht gebraucht war, und glaube dadurch auch die Versmonotonie vermieden zu haben, die sich in den schönen Dichtungen Ariost's und Tasso's findet.
Hrolf Krake wurde von der Gesellschaft der schönen Wissenschaften gut aufgenommen, und ich bekam die 400 Thaler.
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[Sidenote: Baggesen's Tod.]
In dem Jahre wo ich Hrolf Krake schrieb, starb Baggesen in Deutschland. In den späteren Jahren nach meiner =Erklärung an das Publikum= hatte er aufgehört mich zu verfolgen. Der Tod versöhnt, und das ist das Schöne am Tode, daß er die ganze Schattenseite des Menschen im Dunkel des Grabes verschwinden läßt; die Lichtseite bleibt wie ein Lichtgenius zurück, wie das Unsterbliche, das, wenn der Mensch sich ausgezeichnet hat, nicht allein dem Himmel angehört, sondern auch etwas Himmlisches auf der Erde zurückläßt. Und das war mit Baggesen gewiß der Fall. Seine muntere Laune, sein Witz, seine augenblicklich aufflackernde Begeisterung, seine Beredsamkeit, sein durch viele Reisen und geistige Beschäftigung erworbenes Wissen und seine Menschenkenntniß, seine unendliche Freundlichkeit und Ergebenheit, wenn er gut gegen Jemand gestimmt war: alles Das mußte ihm Freunde und Bewunderer erwerben. Aber was ihm leider fehlte, war Ausdauer in Gefühl, Ansichten und Handlungen, und dieses Wanken störte die meisten schönen Verhältnisse in seinem Leben, wenn sie eine Zelt lang gewährt hatten. Er hatte nicht männliche Kraft genug, um seine Bestimmung recht zu erkennen und die Eitelkeit trieb ihn zu sehr nach dem Scheine zu haschen, und sich selbst und Andere durch Spitzfindigkeiten und Halbwahrheiten zu täuschen, die in einem fieberhaft erregten Zustande zu Unwahrheiten und Sünden gegen Recht und Billigkeit übergingen. Wenige Andere sind mehr von seinen glänzenden guten Eigenschaften eingenommen gewesen, als ich. In Paris lebten wir in brüderlichem Verhältnisse, erst in Kopenhagen wandte sich das Blatt ganz. Wenn ich im Anfange etwas geduldig und vorsichtig gegen ihn gewesen wäre, so würde er wohl nicht soweit gegangen sein. Eine gewisse Heftigkeit und Stolz in meinem Wesen fachte damals das Feuer an. Ich achtete vielleicht auch sein Genie zu wenig; erst mit den Jahren kommt man zu der besonnenen Billigkeit, die Jedem sein Recht widerfahren läßt und nicht von gewissen Vorurtheilen der Zeit beherrscht wird. Gegen Ende unsers Zusammenlebens war der Bruch so gewaltig stark geworden, daß erst der Tod eine Brücke über diesen Abgrund schlagen mußte. Das war nun geschehen; der Eindruck der milden friedlichen Tage kehrte zurück; die schöne Erinnerung rührte mich, und in diesem Gefühle schrieb ich folgenden Prolog, der auf dem Theater bei seiner Gedächtnißfeier gesprochen wurde.
Von wehmuthsvollem Schweigen tief durchdrungen Stehn wir bei dieses Festes trübem Glanz; Wer hat: »Als ich noch klein war« je gesungen, Und gönnt der Dichterurne nicht den Kranz?
Wer ging zur Schul' in seiner Kindheit Tagen, Den Kallundborg'sches Lied nicht froh gemacht? Wer hat den schwarzen Schülerrock getragen, Und über Jeppe's Scherze nicht gelacht?
Wer, dem die Liebe einst geflochten hätte Den Kranz, als sie im Herzen ihm erwacht -- Wer sang mit =Baggesen= nicht Henriette, Und von Lyciliens, von Selinens Macht?
Wer saß mit Freunden bei dem heitern Mahle, Und hat sich mit dem Dichter nicht vereint: »Daß stets das Weib in holder Anmuth strahle, Daß Bacchus Freude bringt, wo er erscheint?«
Wer fühlt' die Wangen bei der Heimkehr glühen Und stimmt' nicht jubelnd mit dem Sänger ein: »Daß nirgends so die Rosen roth erblühen, Und daß die Dornen nirgends gar so klein?«
Von Stadt zu Stadt wirst Du nicht weiter wallen, Du muntrer Sänger mit dem heitern Sinn; Die stumme Harfe trauert in den Hallen Ihr Leben schwand mit Deinem Leben hin.
Wohl bist Du todt! Doch in dem sel'gen Schlummer Ward Deinem Herzen Ruh', es blutet nicht. Gleich Wolkenschatten schwand des Lebens Kummer, Und herrlich strahlt Dir jetzt das ew'ge Licht.
Es schwindet mit dem Tod des Lebens Grauen. Es schweigt der Sturm -- der Himmel strahlt im Glanz -- Und wenn wir weinend auf Dein Grab gleich schauen, So tröstet uns darauf der Lorbeerkranz.
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[Sidenote: Tod meines Vaters.]
Kurz darauf verlor ich meinen Vater. Dieser Greis zeichnete sich noch in einem Alter von 79 Jahren durch Kraft und Munterkeit aus. Seine blauen Augen strahlten, seine rothen Wangen glühten wie bei einem Jüngling. Wir nannten ihn den Alten vom Berge. Mehrere Jahre hindurch war es meine größte Freude, ihn am Sonntag mit Weib und Kindern zu besuchen, und die Kleinen da spielen zu lassen, wo ich als Kind selbst gespielt. Er war hitzig und aufbrausend, hatte aber das beste Herz, war versöhnlich, zuvorkommend, wohlthätig und von Allen die ihn kannten, wegen seiner Gutmüthigkeit und seines Humors geliebt. Er war eitel auf seinen Sohn; aber als vernünftiger Vater, der seinen Sohn nicht verziehen wollte, ließ er mich Nichts davon merken. Nur zuweilen überrumpelte ich sein Gefühl, wenn er meine Gedichte gelesen hatte. Er unterhielt sich gern mit Spaziergängern auf dem Schloßberge und besonders gern mit Studenten; dann leitete er die Rede auf mich, und wenn sie etwas Gutes von mir sagten, that es ihm wohl, da er sein Incognito noch unentdeckt glaubte. Das wußten viele gute Menschen und machten dem Alten oft die unschuldige Freude. Unser Freund Professor Sibbern schrieb vor einigen Jahren zu seinem Geburtstage ein Gedicht, in dem folgende ehrende Worte standen.
Vor manchem andern schönen Loos', Das aus der Götter reichem Schooß' Dem Menschen fällt, erheb' ich Eins, Das ist, verehrter Alter! Deins.
Dir ward ein ewig wahres Gut: Die rege Lust, der leichte Muth, Und zu dem losen, heitern Scherz Der rechte Quell, das edle Herz!
Der Jugend frischer Lebenssaft, Des Mannes starke, rasche Kraft, Dazu des Alters Ehrentracht: Der weißen Haare Silberpracht.