Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4
Part 3
Mehr als mit dem alten Zeuthen lebte ich mit seinem Sohne Wilhelm, Assessor im Hof- und Stadtgericht, später im höchsten Gericht, und mit dessen Frau und Schwester, die beide geistvolle und begabte Naturen waren. Wilhelm Zeuthen wurde mein Freund; wir brachten mehrere Jahre in traulichem Zusammenleben zu, und besuchten einander oft. Als seine und meine Kinder aufwuchsen, dehnte sich die Freundschaft auch auf sie aus, und wir brachten jeden Sommer mehrere Wochen bei ihm zu. Sein jüngerer Bruder lebte im Auslande, und ich lernte ihn nie kennen. Wilhelm Zeuthen war seinen Grundsätzen nach liberal; er liebte die Poesie und zeigte mir große Zuneigung. Dieser schöne, starke, feurige, junge Mann hatte dasselbe Unglück wie Bentzon: er hinkte etwas in Folge eines unglücklichen Zufalls in der Kindheit. Dadurch fehlte ihm die nothwendige Bewegung und das wurde ein Nagel zu seinem Sarge. Da er nicht genug gehen konnte, so versuchte er zum Ersatz auf einem kleinen Wagen ohne Federn zu fahren, der unmenschlich stieß. Einmal lud er mich schelmisch ein, solch eine Spazierfahrt mitzumachen, ich kannte den Wagen nicht, setzte mich hinauf, und wurde ganz entsetzlich durchgeschüttelt, ohne sein Mitleiden zu erwecken, da er meinte, daß mir, der etwas bequem sei, so etwas ganz gut bekommen würde. Er hatte eine ganz herrliche Tenorstimme und erfreute mich oft durch seinen Gesang. So lebten wir mehrere Sommer zusammen. Da starb er an einer plötzlichen Krankheit in Kopenhagen. Er sollte auf dem Kirchhofe seines Guts begraben werden, und seine Freunde zogen einen Tag vorher hinaus um ihn zu Grabe zu geleiten. Welch' trauriges Gefühl, als wir hier als Gäste zum letzten Male in seinem Hause schliefen. Wir saßen in der Dämmerung noch beim Mittagstische -- da hörten wir einen Wagen auf dem Hofe rollen. Es war der geschlossene Wagen mit der Leiche. Unser lieber Wirth, unser lebensfroher, gastfreier Zeuthen saß nicht mehr unter uns -- rothwangig mit den funkelnden, schönen, braunen Augen. Nun brachten sie seinen entseelten Körper. Wir erhoben uns Alle schweigend, drückten einander die Hände, und ich dachte: »Das ist das Loos des Schönen auf der Erde«.
* * * * *
[Sidenote: Ich studire wieder Latein.]
Im Jahre 1820 lag es mir als Professor ob, das Universitätsprogramm zu schreiben, und die lateinische Rede am Reformationsfeste zu halten. Ich hatte eine Zeit lang vorher wieder die Römersprache vorgenommen, die ich seit meiner juristischen Studienzeit versäumt hatte. Nun las ich fleißig, besonders Cicero's Schriften, doch auch die Dichter, von denen mich besonders Ovid interessirte, und ich gab Holberg fast Recht, daß er der beste der römischen Poeten sei. Er hat nicht Virgil's Reinheit und Klarheit, aber er ist origineller. Unter den Alten näherte er sich am meisten den modernen Dichtern, weil er der Einzige ist, der das Herz rührt. Das hat ihm eine gewisse Schule zur Last gelegt, und ihm weiche Sentimentalität vorgeworfen. Daß diese ihn oft, besonders in seinen Tristien hingerissen hatte, will ich gern zugestehen. Aber es waren auch nicht solche Klagen, die mich rührten. Seinen schönen, epischen Dichtungen Daphne, Philemon und Baucis, und besonders Pyramus und Thisbe, diese antike Romeo und Julie waren es, die im Vortrage und in der Schilderung der Göthe'schen Poesie gleichen. Da ich Dichtung und Studium nicht gut von einander trennen konnte, so übersetzte ich diese Sachen, ebenso wie ich vor einigen Jahren Horaz, Properz und Catull übersetzt hatte.
Aber nun sollte ich selbst Lateinisch schreiben! Es gab freilich einen bequemen Ausweg, dem es nicht an Beispielen fehlte, es von einem Andern machen zu lassen. Aber da ich es niemals leiden konnte, eine Fertigkeit vorzugeben, die ich nicht besaß, so beschloß ich lieber in Gottes Namen in meinen alten Tagen (ich war damals 40 Jahre alt) wieder in die Schule zu gehen, einen Lehrer im Lateinischen zu nehmen, und bei ihm täglich zu arbeiten. Das that ich denn auch und Herr =Repp= half mir ein Jahr lang treulich. Aber hier zeigte sich nun eine Eigenthümlichkeit, welche mich verhinderte, die Sache zur Reife zu bringen. Es ist mir stets unerträglich gewesen, viel Grammatik zu lernen; ohne diese hatte ich meine Muttersprache, und merkwürdigerweise auch die deutsche gelernt, in der ich nach dem Urtheil von Sachverständigen mit den Besten wetteifern konnte, obgleich ich -- aus jenem Grunde -- niemals kleine Fehler vermeiden konnte, die von Andern leicht geändert wurden. Mit dem Allernothwendigsten, den Declinationen, den Conjugationen und den wichtigsten Regeln versehen, begab ich mich auf das Glatteis des Styls, wobei oft der komische, aber sehr natürliche Fall eintrat, daß ein Satz, von dem mein Lehrer erklärte, daß er Ciceronianisch sei, mit einem argen Sprachfehler abwechselte, den ich doch gleich selbst ändern konnte, wenn ich darauf aufmerksam gemacht wurde. So saß ich also ein paar Jahre und übte mich, erst mit Herrn Repp, später mit meinem Freunde, dem Oberlehrer Olsen. Mit Repp fing ich auch an, Lateinisch zu sprechen, wenn wir nach Friedrichsberg zusammen spazieren gingen. Ich entsinne mich noch, daß ich ein Mal mit ihm in der Allee vor dem Kirchhofe bei einem schwierigen Satze stehen blieb, und es hätte mich gar nicht gewundert, wenn die Todten sich über meine Phrase im Grabe umgewendet hätten.
Indessen bekam ich im Laufe eines Jahres noch einige Fertigkeit, und flickte mein Programm und meine Rede zusammen, die von den Betreffenden durchgesehen und gereinigt, nicht ganz zu verwerfen war, und sogar vom Bischof Fogtmann der _=copia verborum=_ wegen gelobt ward, die sich darin befand, was daher kam, weil ich unverdrossen mein Lexicon benutzt hatte. Außerdem gehen Geschmack und Wahl der Worte aus einer Sprachform in die andere über, und hierin kam mir meine Fertigkeit im Dänischen und Deutschen zu Hülfe. Oft, wenn mir ein Wort fehlte, das meine Lehrer mir gesagt hatten, schüttelte ich so lange mit dem Kopfe, bis das rechte kam, in dem die feine Nüancirung ausgedrückt war, die ich bezeichnen wollte. Ich kannte das Wort wohl, aber ich hatte es nicht gleich im Gedächtniß zur Hand.
[Sidenote: Professorengesellschaften.]
Da ich nun einmal dabei bin, meiner lateinischen Arbeiten zu erwähnen, und wohl kaum wieder darauf zurückkomme, will ich bemerken, daß ich mehrere Jahre später, 1828 und 1829 zwei lateinische Reden als Dekan und Prodekan; 1832 wieder zwei als Rector, 1834 eine als Dekan, und endlich 1847 eine ganz kleine in derselben Eigenschaft hielt; von diesen ließ ich mir doch zwei von einem guten Freunde übersetzen, da mir schien, daß ich mich lange genug mit einer Uebung herumgequält hatte, bei der doch Nichts weiter herauskam.
* * * * *
Da ich hier einmal bei der Universität bin, will ich, ohne mich ängstlich an die Chronologie zu halten, der =Professorengesellschaften= erwähnen, die eine Zeitlang fortgesetzt wurden. Diese Professorengesellschaften waren für mich die langweiligsten Gesellschaften, denen ich in meinem ganzen Leben beigewohnt habe. Nicht als ob es an vortrefflichen, geselligen Leuten gefehlt hätte; aber Ton und Einrichtung waren im Ganzen nicht nach meinem Geschmack. Eigentlich waren lange Abendgesellschaften, in denen weder musicirt noch Karten gespielt wurde, nie nach meinem Sinn, selbst wenn Damen daran Theil nahmen. Hier waren nun keine Damen, mit Ausnahme der Wirthin; es wurde Taback geraucht und Punsch getrunken. An keinem von Beiden konnte ich Theil nehmen, da ich in diesem Jahre starke Anfälle von Podagra bekam, welche Krankheit mich zwar nicht verlassen hat, aber doch in der spätern Periode meines Lebens viel milder geworden ist. Hierzu kam, daß ich verstimmt und zurückhaltend in einer Zeit war, wo ich so viele Gegner hatte; meine Collegen waren auch zum Theil aus Bescheidenheit und Delikatesse zurückhaltend gegen mich. Aber selbst an und für sich hatte hier, wie es wohl gewöhnlich der Fall ist, eine Versammlung von Gelehrten kein besonderes gesellschaftliches Talent. Sie gingen meistens mit ihren Pfeifen umher und unterhielten sich in einzelnem Gespräch. Sobald der Anstand es gestattete, zog ich mich zurück und ich glaube, daß Mehrere meinen Geschmack getheilt haben, weil die Gesellschaft in ein paar Jahren ganz aufhörte. Junge Studenten, bei denen jeder Gegenstand neu ist, und Veranlassung zum Gespräch giebt, können sich auf diese Weise wohl unterhalten; aber wenn der Aeltere sich auf solche Art unterhalten soll, so kann er auch mit Göthe sagen:
So gieb mir auch die Zeiten wieder, Da ich noch selbst im Werden war.
Mit meinen Freunden, den Professoren Peter Erasmus Müller, Jens Möller und dem Arzt, Etatsrath Herholdt, setzte ich den Umgang fort, und wir spielten oft L'hombre zusammen. An P. E. Müller knüpfte mich besonders unsere gemeinsame Liebe zu dem Altnordischen. Mein Jugendfreund J. P. Münster, damals Prediger an der Frauenkirche, war auch in der Professorengesellschaft gewesen; er heirathete eine Tochter des Bischofs Münter, wir besuchten einander und sahen uns oft bei Rahbeks und Münters.
* * * * *
[Sidenote: Siboni.]
Ungefähr zu der Zelt kam ein Mann nach Kopenhagen, der Epoche in der musikalischen Welt machte, der Gesanglehrer =Siboni=. König Christian VIII. hatte, als Prinz, ihn in Italien kennen gelernt, wo Siboni sich als Tenorist auszeichnete; später wurde er Singmeister, und fast ebenso berühmt, wie jetzt Garcia geworden. Was Wunder daß man ihn unter sehr günstigen Bedingungen nach Kopenhagen rief. Der große, sehr schöne, kräftige Italiener kam, und machte gleich in der vornehmen Welt und besonders bei den Damen großes Glück. In den ersten Jahren spielte er zuweilen auch eine musikalische Heldenrolle auf der Bühne; aber obgleich er wie ein Held aussah, und sich einen Theil von Talma's Manieren angeeignet hatte, so ward ihm doch bisweilen die Stimme untreu, und wenn er gleich den Mangel an Kraft im Tone durch Triller und Rouladen zu verbergen suchte, so half das doch nicht viel, und er hörte bald selbst auf, als Sänger zu wirken. Dagegen wurde er nun ein vortrefflicher Gesanglehrer, dessen unser Theaterpersonal dringend bedurfte, auch bildete er einige gute Schüler, obgleich sein Umgang mit den Großen, die ihn Alle zum Privatlehrer für ihre Töchter haben wollten, ihm viele Zeit raubte.
[Sidenote: Musikalische Zustände.]
Einige Jahre vorher war Rossini aufgetreten und setzte die Welt durch sein Genie in Erstaunen. In seinen Opern hatte Siboni geglänzt, er konnte sie auswendig, betete ihren Componisten an; was Wunder, daß er versuchte, sie auf die dänische Bühne zu verpflanzen? Aber hier traf er auf Widerstand. Weyse und später Kuhlau hatten auf die dänische musikalische Welt eingewirkt, wo vorher Naumann, Schulz und Kuntzen geblüht hatten. Fremde, welche diese nicht kannten, beschuldigten die Dänen, unmusikalisch zu sein. Viel vortreffliche Stimmen haben wir nicht gehabt; die rauhe Luft in der Nähe des Meeres, der häufige Wind und Regen wirken nicht wohlthätig auf die Stimme ein; daß diese Elemente aber auch auf das Ohr und die Seele in Bezug auf Empfängniß musikalischer Eindrücke ungünstig einwirke, wäre wohl thöricht zu behaupten. Das tiefe Gefühl für das Poetische in der Musik hat der gebildete Däne wohl eben so gut, wie für die Poesie selbst; und dramatische Musik, welche Leidenschaften, milde Gefühle und Charaktere ausdrücken soll, muß immer poetisch sein.
Rossini, der schon als kleiner Knabe mit seiner Mutter auf dem Theater sang, entwickelte früh sein Talent, aber erst später seinen Geschmack und sein Gefühl. Nach vielen mittelmäßigen Versuchen componirte er die Oper Tancred, die außerordentliches Glück machte. Es zeigte sich außer der fruchtbaren Phantasie in der Erfindung von Melodieen, in Rossini's Compositionen eine Richtung, welche neu war, und also Aufsehen machen, eine Modesache werden und zur Nachahmung reizen mußte. Sowie Haydn und Mozart den eigentlichen Gebrauch der Blasinstrumente in die Musik einführten, so versuchte Rossini die menschliche Stimme selbst zu einem Blasinstrumente zu machen. Kein Instrument erreicht die Menschenstimme an Wohlklang; Rossini fand, daß besonders die Frauenstimme ebensogut wie Oboe, Violine und Clarinette, die schwierigsten Passagen in der Musik ausführen konnte. Nun componirte er Gesangsnummern, in denen Dieses stattfand, wo der eigentliche Gesang ganz von Trillern, Rouladen u. s. w. betäubt und verziert wurde, sodaß derselbe eine untergeordnete Rolle spielte. In seinem Vaterlande fand er schöne Stimmen, die durch Uebung vermochten, diese Compositionen mit größter Reinheit, Gewandtheit und Stärke auszuführen. Was Wunder, daß diese neue Erfindung, dieser bisher nicht dagewesene Genuß, eine außerordentliche Wirkung auf die Menge ausübte, die überhaupt stets mehr von dem Sinnlichen als dem Geistigen hingerissen wird. Ja selbst die tiefer und wahrer Fühlenden erstaunten über diese neue Erfindung, und die seltene Virtuosität in der Ausführung sagte ihnen im Anfange zu. Aber bald sahen alle wahren Kenner ein, daß dieser Luxus, wenn er fortgesetzt und übertrieben würde, zum Untergange des reinen Geschmackes und der wahren Musik beitragen müsse, weil dieser sich zu sehr von der Natur entfernte. Die italienische Musik hat oft an solchen Ausschweifungen und Uebertreibungen gelitten. Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts wollte Papst Marcellus II. die entartete Musik, als des Gottesdienstes unwürdig, aus der Kirche vertreiben, als Palästrina sie rettete.
Der abscheuliche Mißbrauch, Castraten Liebhaber spielen zu lassen, veränderte sich nun in Rossini's Zeit so weit, daß jetzt Frauenzimmer mit starken Altstimmen Liebhaber spielten, denn wirkliche Männer darin auftreten zu lassen -- zu einer solchen Trivialität konnte die italienische Kunst sich nicht herablassen -- deshalb hatte stets ein Frauenzimmer den Helden Tancred gespielt und gesungen, und das geschah auch hier. Diese musikalische »Haupt- und Staatsaction« hat mir, trotz aller seiner schönen Melodieen und seines brillanten Accompagnements nie gefallen.
Da nun Siboni durchaus kein Interesse für die deutsche, französische und dänische Musik hatte, da bei festlichen Gelegenheiten nur Rossini'sche Opern aufgeführt wurden: so weckte dies das Mißvergnügen des Nationalgefühls, und gab Veranlassung dazu, daß sich eine Partei im Theater bildete, die, um sich zu rächen, stets die italienischen Opern auspfiff, welche den Tag nach dem Feste aufgeführt wurden, was gewiß sehr ungerecht war. Aber sie entschuldigte sich damit, daß sie nicht die Musik, sondern die Wahl der Opern auspfiff. Der Hof stand ganz auf Siboni's Seite; ich hatte gehört, daß der König böse auf mich sei, weil er glaubte, daß ich Theil daran hätte; ich eilte zu ihm hinauf, um ihn von meiner Unschuld zu überzeugen. »Ja,« sagte er, »ich glaube wohl, daß Sie nicht unmittelbar daran Theil genommen haben, aber doch mittelbar.« »»Weder mittelbar noch unmittelbar, Ew. Majestät!«« antwortete ich; »»ich hasse Spectakel im Tempel der Kunst zu sehr, und habe selbst zu viel durch Kabalen gelitten, als daß ich sie gegen Andere ausüben sollte.«« »Ja, ja!« antwortete er und legte die Hand auf meine Schulter: »ich weiß, Sie sind ein braver Mann.« Damit ging ich.
Ich nannte es unbillig, daß man die Rossini'schen Opern auspfiff, und das war es gewiß, wenn auch Dinge darin vorkamen, die gegen den guten Geschmack und den natürlichen Sinn verstießen, und als es erst Mode war, wurde, wie in der französischen Revolutionszeit, alle Musik, die den aristokratischen (hier italienischen) Schnitt hatte, zur Guillotine geschleppt. Es that mir unter Anderm sehr leid, daß wir nicht _La gazza ladra_ zu hören bekamen, in welcher Oper auch das Sujet schön ist: eine stehlende Elster, die ein unschuldiges Mädchen auf das Schaffot bringt, aber sie im Augenblicke des Todes wieder rettet.
Bei Geheimrath Malling's hörte ich oft schöne Melodieen vortragen. Die älteste Tochter (später Frau Professorin Hohlenberg), hatte eine herrliche Stimme. In dieses Haus kamen auch Weyse und Siboni. Man kann sich nicht zwei verschiedenere Menschen denken. Jener bleich, kränklich, ein Sonderling, größtentheils fremde Musik verschmähend, und aus der Wieland'schen Schule hervorgegangen, auch die meiste neuere Poesie verdammend; aber Weyse war ein musikalisches Genie, phantasirte unvergleichlich schön, war in Sprachen und selbst in Metaphysik bewandert, witzig, schelmisch und unterhaltend, wenn er bei guter Laune war. Er ging am liebsten mit ganz jungen Leuten um, hatte eine große Anzahl von Freunden unter diesen, und spielte ihnen gern etwas vor. Er war ein ausgezeichneter Virtuos auf dem Fortepiano gewesen; später gab er sich nicht mehr damit ab; erst als =Moscheles= uns einmal besuchte, bekam er Lust, sich wieder zu üben, und Moscheles erstaunte über seine Fertigkeit, in der er selbst ihm nur wenig nachgab. Weyse war ein armer Kaufmannslehrling in Altona; hier entdeckte der Professor Cramer in Kiel sein musikalisches Genie und sandte ihn zum Kapellmeister Schulz nach Kopenhagen. Weyse hatte sich selbst mit einer gewissen Fertigkeit Klavierspielen gelehrt, Schulz mußte ihm erst den falschen Fingersatz abgewöhnen und ihm den richtigen lehren. Uebrigens that er in den ersten Jahren nicht viel, und Schulz soll einmal, unzufrieden darüber, gesagt haben: »Wenn ich =sein= Genie hätte, was würde aus =mir= geworden sein!« Er meinte nämlich, verbunden mit der Charakterstärke und dem tiefen Gefühl, was er selbst hatte. Der Grundton in Weyse's Wesen war eine muntere Schelmerei, ein origineller Humor, daher ist gewiß auch der »Schlaftrunk« als seine beste dramatische Composition zu betrachten; aber er besaß auch eine reiche träumerische Phantasie und ein fein elegisch schwärmerisches Gefühl. Das Spukwesen in Ludlam's-Höhle ist vortrefflich ausgedrückt, und in vielen Nummern zeigt sich auch tiefes Gefühl und schöne Humanität. Selbst von Denen, welche Weyse als Theatercomponisten nicht lieben, wurde doch seine Kirchenmusik sehr geschätzt. In dieser zeigen sich gewiß die erwähnten Eigenschaften oft mit den herrlichsten Harmonieen verbunden, welche darlegten, daß Weyse's Compositionen ihre Nahrung ebenso sehr in der gründlichen Bach'schen Schule, wie in der alten italienischen Kirchenmusik gefunden hatten, und daß er ein würdiger Schüler von Schulz war; doch fehlte ihm das warme Herz und die echte christliche Begeisterung desselben. In Weyse's Kirchenmusik finde ich den religiösen Künstler mehr als den religiösen Menschen; er ist auch nicht, wenngleich im Besitz viel reicherer musikalischer Mittel, nicht so originell und melodienreich als Schulz.
Kuhlau war durchaus anders als Weyse. Letzterer, der fast von seiner Kindheit auf hier gewesen war, war Dänisch geworden; Kuhlau blieb immer Deutsch. Kuhlau war ein schöner Mann mit rothen Wangen, hatte aber in seiner Jugend das Unglück gehabt, ein Auge zu verlieren. Er gab sich weder mit fremden Sprachen noch Wissenschaften ab; er trank sein Glas Wein, rauchte seine Pfeife Taback, war ein gelehrter Musiker und componirte schöne Musik. In seiner Musik waren nicht der Duft, die Schwärmerei, die geistigen Ahnungen, wie in Weyse's; aber mehr Körper, stärkere Effecte, größerer Melodienreichthum, und mehr lebendige dramatische Bewegung. Nach Kuntzen's Tod wäre es Weyse leicht geworden, Kapellmeister zu werden, wenn er es darauf angelegt hätte. Aber er war zu bequem für dieses Amt und verstand auch nicht, das Ganze mit Kraft und Bestimmtheit in Ordnung zu erhalten. Kuhlau wurde es auch nicht. =Schall= dagegen, der Concertmeister war, wurde nun Chef vom Orchester, wozu er sich vortrefflich eignete; dagegen verachteten Weyse und Kuhlau ihn als Componisten, woran sie gewiß Unrecht thaten. Kuhlau sagte von ihm: »Er kann nicht acht Tacte nacheinander richtig setzen.« Das war sehr übertrieben; aber es ist ganz gewiß, daß Schall von Kindesbeinen auf beim Theater erst als Figurant, dann als Repetiteur, endlich als Concertmeister durch practische Uebung einen großen Theil Dessen ersetzte, was ihm als Theoretiker abging. Er war ein echt musikalisches Genie; seine erste Arbeit, »=die Chinafahrer=« ist voller Leben und Humor. Zur Balletcomposition hatte er ein entschiedenes Talent. Zuerst zeigte er dies in kleinen komischen Balleten. Seine Compositionen von Lagertha, Rolf Blaubart und Romeo sind vortrefflich; und ungeachtet aller grammatikalischen Fehler (d. h. Fehler gegen den Generalbaß; den Kirnberger konnte er nicht verstehen, als mein seliger Schwiegervater ihm diesen lieh) waren seine Musikstücke voll Effect, Melodie, Charakter, und einige von ihnen in einem tragischen Fluge und einer Begeisterung, in der weder Weyse noch Kuhlau ihn erreichten. Aber Galleotti, der die Ballete zu Schall's Musik componirt hatte, war nun todt; die Ballete wurden nur selten aufgeführt und Bournonville, der später Galleotti bedeutend überragte, war noch nicht aufgetreten.
* * * * *
Die vortrefflichen =französischen Singspiele= hatte unser Theater von Monsigny's Deserteuren bis zu Boyeldieu's Rothkäppchen mit Glück aufgeführt; nicht die stark pathetische Musik darf man in diesen Stücken suchen; dagegen werden die Gefühle der Liebe, der Humanität, der Munterkeit, eines milden Mitleides, echte französische Nationalität, Anmuth und Naivetät in diesen originellen und schönen Compositionen ausgedrückt, und das französische Singspiel ist gewiß eine der schönsten Blumen in der französischen Kunst. Welche Namen begegnen uns hier nicht? =Monsigny=, =Gretry=, =Daleyrac=, =Isouard=, =Mehul=, =Cherubini= (ganz französisch in diesem Genre), =Boyeldieu=, sowie auch später =Auber=. Und die Texte zu diesen Stücken sind oft vortrefflich, wenn auch nicht von Seiten der Ausführung, so doch des Stoffes und der Situationen: der Deserteur, der Böttcher, Felix, Zemire und Azor, Richard Löwenherz, die kleinen Savoyarden, Joconde, der Schatz, Aschenbrödel, Rothkäppchen, die weiße Dame, der neue Gutsbesitzer u. s. w. Der große =Gluck=, obgleich ein Deutscher, hatte seine musikalischen Tragödien zu französischen Texten gedichtet. In Mehul fand er einen großen und würdigen Nachfolger, denn Joseph in Egypten verbindet die hohe Einfalt und den Pathos Gluck's mit musikalischem Reichthum und Anwendung von Instrumenten der neuern Periode. Auch Auber wußte sich dieses Pathos auf eine Weise zu bedienen, die in die politische Stimmung eingriff, sodaß seine Stumme von Portici der Vorläufer und Beförderer einer Revolution ward, sowie eine Comödie, Figaro's Hochzeit, der einer frühern gewesen war. Durch die schöne, genußreiche Verbindung von Poesie und Musik, von Schauspiel und Oper, hatte sich die _Opéra comique_ in Paris stets ausgezeichnet, und, was gute Schauspieler betraf, dem _Théâtre français_ fast stets die Spitze geboten. Auch bei uns hatte das Talent in diesen Stücken, von Frau Walters bis zu Madame Frydendahls, Gielstrup's, Knudsen's und Frydendahl's Zeit geblüht. So war der Zustand auf unserer musikalischen Bühne, als Siboni mit seinem mächtigen Rossini kam, der ganz Europa eingenommen hatte, und nun auch uns einnahm.
Der Wessel'sche Vers:
Die theuren Dänen will ich preisen, Wenn sie bescheiden sich erweisen, Die Tugend trifft sich selten an. Doch wenn sie gar zu weit getrieben, Daß Dänen alles Fremde lieben, Ich nenn' es keine Tugend dann, Denn er erniedrigt jeden Mann.