Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4

Part 2

Chapter 23,487 wordsPublic domain

Aber -- es war ganz richtig -- die =Theescene= konnte man nicht leiden, und obgleich sie ganz ohne Persönlichkeiten war, so wollte man doch Persönlichkeiten darin finden. Dies genügte einer gewissen Partei, mich zu kränken und Lärm im Stücke zu machen. Die unsinnigste Einrichtung, welche der Unverschämtheit und Ungerechtigkeit eine Hinterthür im Tempel der Musen öffnet, von der aus sie, ohne das geringste Risiko, ihres Sieges sicher, Geschmack und Genie verhöhnen können, fand früher im Theater und findet leider noch jetzt darin statt. Aus alten Zeiten her, wo man das Theater wie eine Bretterbude betrachtete, in welcher Menschen, die nicht auf qualificirte Achtung rechnen durften, sich dazu hergaben, die Leute wie andere Gaukler zu amüsiren, und wo die Stücke, welche man spielte, als eine Art Spaß betrachtet wurden, die nur hierzu daseien, und also von den Launen der hohen Herrscher (des Publikums) abhingen, nahm man an, daß das tyrannische Recht, das Urtheil über Leben und Tod eines Stückes zu fällen, mit den paar Groschen bezahlt sei, die man für ein Billet gegeben hatte. Dieses Recht wird noch jetzt geachtet. Jeder hat das Recht, sein Urtheil zu fällen. Das mag nun sein, und obgleich das Pfeifen im Theater eine alte Unsitte ist, die abgeschafft werden sollte, so könnte man sich doch wohl hierein finden, wenn es so eingerichtet wäre, daß das Publikum selbst das Urtheil fällen dürfte. Und aus Achtung für das Publikum ist ja diese Erlaubniß gegeben, sodaß die öffentliche Meinung den Ausschlag geben kann. Aber in der Art der Erlaubniß, die hier herrscht, liegt eine ebenso große Beleidigung gegen das Publikum, wie gegen den Dichter, der das Stück geschrieben hat. In Paris (von wo wir doch, was die Theatereinrichtung betrifft, unsere ganze Weisheit geholt haben) ist es ganz anders. Dort ist dieser Streit zwischen den Meinungen so gestattet, daß es ein wirklicher Streit wird, der sich mehr oder weniger auf ein ästethisches Urtheil stützt. Dort pfeift man in einem Stücke gleich an den Stellen, von denen man glaubt, daß sie es verdienen. Wenn diese Stellen nun von einer andern Partei in Schutz genommen werden, so kommt es darauf an, welche von beiden die siegende ist. Es trifft sich äußerst selten, daß die Meinungen gerade gleich getheilt sind. Die stärkere Partei siegt, die schwächere muß schweigen, und wenn das nicht geschieht, so heißt es: »_A la porte!_« und die Spectakelmacher müssen hinaus, wenn sie nicht ruhig sein wollen. So vermag das Stück zu siegen, und das Publikum das Stück bis zu Ende zu sehen. Hier ist keins von beiden möglich; erst wenn der Vorhang fällt, ist es zu pfeifen erlaubt, früher zehn, jetzt fünf Minuten, bis das Gongon ertönt, dann kommt die Polizei und bringt die noch Pfeifenden fort. Aber in fünf Minuten können zwei, drei Menschen mit gellenden Pfeifen in größter Ruhe und unter dem Schutze der Polizei dem ganzen Publikum opponiren; und da das Schrillen der Pfeifen viel stärker ist als das Händeklatschen, so kann es dem Ohre so erscheinen als wenn der Kampf fast gleich wäre. Dies kann so oft wiederholt werden als Jemand Lust dazu hat, und das Pfeifen gilt nur den Dichtern, nie den Schauspielern; denn da erst gepfiffen werden darf, wenn der Vorhang gefallen ist, so kann der Tadel nie diese treffen.

So wurde auch einige Abende hintereinander von einigen Wenigen nach der Vorstellung von =Robinson in England= gepfiffen, während ein stürmischer Beifall des ganzen Hauses vergebens suchte, sie zu unterdrücken. Ich war selbst im Parket zugegen und blickte mit Gleichmuth auf die Pfeifenden, bis Collin mich einmal bat, fortzubleiben, um sie nicht zu irritiren. Das that ich denn auch, und so hörten sie endlich zu pfeifen auf, und das Stück wurde in aller Ruhe gespielt.

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Ich hatte bisher fast alle meine dänischen Dramen und Erzählungen in das Deutsche übersetzt, auch einige lyrische; an das Epische wagte ich mich nicht. Nun bekam ich Lust, das neuere deutsche Publikum mit unserm großen Holberg bekannt zu machen. Herr Brockhaus in Leipzig übernahm den Verlag.

[Sidenote: Die Inseln im Südmeer.]

Und als ich wieder in die Uebung gekommen war, soviel Deutsch zu schreiben, bekam ich Lust, wieder einmal Etwas von vorn herein in dieser Sprache zu dichten, was, seit dem Correggio, nicht geschehen war. Ich bearbeitete mein altes Lieblingsbuch =Albertus Julius= ganz frei, und benutzte nur seine guten Hauptsituationen. Der Stoff gab mir Gelegenheit, eine Menge Charaktere zu schildern; poetische Begebenheiten zu erfinden und sie in natürliche Verbindung zu bringen. Man muß die =Inseln im Südmeer= nicht wie einen einzelnen Roman, sondern wie einen Cyklus von Erzählungen betrachten; nicht in einer losen Verbindung (wie in Tausend und einer Nacht oder wie in Boccaccio's Decameron), sondern im innern poetischen Zusammenhang und in einem Vereinigungspunkt von gemeinsamem Interesse. -- Ueber dieses Werk erschienen in Deutschland drei für mich ehrenvolle Recensionen; einige andere rissen es herunter. In Dänemark wollten die Inseln im Südmeer lange Zeit nicht schmecken. Ich hatte die dänische Uebersetzung auf Subscription erscheinen lassen; glaubte man vielleicht, es koste zu viel und sei zu viel auf ein Mal zu lesen? ich weiß es nicht; genug, man war mit dem Buche unzufrieden, und ich glaube ganz besonders die, welche es nicht gelesen hatten.

Uebrigens will ich gern gestehen, daß die Inseln im Südmeer einen üblichen Fehler von Romandichtungen hatten, das Werk war zu weitläufig. Ein Drittheil hätte zum Vortheil des Werkes fortgelassen werden können. Dies ist bei den neuen Auflagen sowohl im Dänischen wie im Deutschen geschehen.

[Sidenote: Brief an Walter Scott.]

Obgleich ich nun in diesen größtentheils erotischen Erzählungen keineswegs Walter Scott nachzuahmen suchte, der fast gar nicht erotisch ist, so wird doch das folgende Fragment eines Briefes, den ich diesem großen Mann mit meinen Schriften ungefähr zu derselben Zeit sandte, da ich meinen Roman dichtete, den Leser überzeugen, wie sehr ich ihn bewunderte und liebte.

»Dem herrlichen Dichter, mit dem ich in vertrauter Bekanntschaft gelebt habe, danke ich einen mehrjährigen Genuß, ohne ihn jemals mit meinen irdischen Augen gesehen, ohne jemals seine Stimme gehört oder einen Druck seiner Hand empfangen zu haben. Ich kenne ihn nicht, aber ich kenne seinen rothhaarigen Campbell mit den langen Armen und der ausgedehnten Wirksamkeit; seine holde Diana Vernon, die in ihrer Kälte, wie der Mond leuchtet; seinen kräftig-schrecklichen Mac Merilles; seinen in seiner Unbedeutendheit höchst poetischen Simson mit den schiefen Beinen; seinen königlichen Bettler in dem zerfetzten Gewande. Ich sehe seine entsetzlichen Schwärmer in der dunkeln Hütte, wie sie auf die Uhr blicken und sie auf Zwölf stellen, damit sie ihre Opfer tödten können. Ich sehe Allen Mac Auley in seinen Plaid gehüllt mit stolzem, gerührtem Seherblick, einen wunderbaren Gegensatz, wie ein Funke in der Asche zu der fast erloschenen Flamme des Alterthums, zu dem sanguinischen, launischen Egoisten Dalgetty bilden. Ich sehe Maria Stuart, frei selbst als Gefangene, in ihrer Anmuth, und Elisabeth in ihrem eifersüchtigen Geistesgefängniß auf dem Throne. Ich finde dem Herzog von Argyle in dem schönsten Verhältniß zu der heroisch anmuthigen Jenny Deans. Die jüdische Madonna Rebecca erweicht mein Herz; und in der Schilderung ihres Vaters und des Narren Wamba, finde ich -- wie in Allem -- Shakespeare's Landsmann und Nachkommen. Der stolze Fergus rührt mich auf dem Wagen zur Richtstätte. Ich bin heimisch in Schottland, ohne dort gewesen zu sein; ich kenne die einsamen Wege über die Moräste des Landes hin nach den fernen Bergen; die Hütten mit ihren Rauchsäulen, die Felsen mit ihren Höhlen, den Bach mit seinen Elfen, das Kloster mit seinen Mönchen, die Burg mit ihren Rittern. Ja selbst in Glasgow habe ich einen vertrauten Freund in dem liebenswürdigen, thätigen Spießbürger Jarwin.«

»In allen diesen Gestalten treffe ich stets einen in den verschiedensten Gesichten sich offenbarenden Genius, den großen Dichter selbst; und diesem schreibe ich diese Zeilen, um ihm meine Gefühle an den Tag zu legen.«

[Sidenote: Walter Scott.]

Walter Scott gestand bekanntlich damals noch nicht, daß er der Verfasser der Romane sei; von seinen andern Poesien hatte ich in meinem Briefe nicht viel gesprochen. Er konnte mir also nur durch dritte Hand als Anonymus danken; das that er denn auch auf das Freundlichste und sagte mir viel Verbindliches, indem er mir auch seine Werke, sowohl die Gedichte, wie die Romane sandte.

Wir schrieben uns später einige Male. Sir Walter Scott wollte mir einen englischen Verleger für die Inseln im Südmeere verschaffen, die Herr Gillies nach dem deutschen Manuscripte, das ich ihm sandte, zu übersetzen versprochen hatte. Aber obgleich ich oft ehrenvoll im Edinburgh Magazine besprochen und stückweise übersetzt war, und obgleich Sir Walter Scott eine Vorrede zu meinem Romane schreiben wollte, gelang es ihm doch nicht, einen Verleger zu finden, der soviel bezahlen wollte, daß Herr Gillies und ich Vortheil davon haben konnten, wenn wir das Honorar theilten. Walter Scott, dem es leid that, nicht durchführen zu können, was er gehofft und wozu er mich selbst aufgemuntert hatte, schrieb an Feldborg, der damals in London war und meine Commission übernommen hatte: »_Mr. Cadel says, =no German Work= has ever stood the expence of translating; and we know how very small that is. In short, I had the mortification to see, that he is not in humour with the undertaking. I wish, you would look into Constables shop, and talk with Cadel on the subject. He will tell you, that I offered to do any thing in my power, to make the British public acquainted with Mr. Oehlenschlaegers merit, and I will turn your evidence, that the matter does not miscarry for lack of zeal on my part._«

Uebrigens war für meinen Antheil nur die Rede von hundert Pfund. Kurze Zeit darauf hatte Sir Walter Scott selbst das Unglück, durch den Bankerott des Herrn Constable ein bedeutendes Vermögen zu verlieren, aber er verschmerzte seinen Verlust und hat uns später mit mehreren Werken erfreut, unter denen z. B. Quentin Durward und das schöne Mädchen von Perth sich mit jedem seiner besten Werke aus früherer Zelt sicherlich messen können.

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[Sidenote: Johann Ludwig Heiberg.]

Indessen versahen andere Dichter die dänische Literatur und Bühne reichlich mit ihren Werken.

=Ludwig Heiberg= hatte bereits im Jahre 1814 sein Marionettentheater herausgegeben. Ein paar Jahr, bevor es gedruckt wurde, sah ich eins dieser Stücke, ich glaube Don Juan, bei seiner Mutter, Frau Gyllembourg, aufführen, und der poetische Geist und Ton darin, überraschte mich und gefiel mir ganz besonders. Das Stück wurde gut gespielt, woran ohne Zweifel der Dichter selbst Theil nahm. Es war auch wirklich etwas Kindliches darin, das mich rührte. Dies kam vielleicht zum Theil von der Erinnerung vergangener Jahre, wo der Dichter selbst Kind bei seiner Mutter gewesen war, deren Weihnachtsfeier, mit ihren Geschenken und Spielen sich diesem Marionettenspiele näherten, theils rührte mich das =Kunstkindliche= im Marionettenspiele selbst, die Erinnerungen an Kasperle im Thiergarten u. s. w. Vor mehreren Jahren hatte ich in Halle die Marionettentragödie Faust gesehen, in der sehr viel Gutes ist, besonders in den tragikomischen Scenen, und die Lessing in seiner Dramaturgie lobt. Und so mangelhaft es auch ist, könnte man doch wünschen, tragische Werke öfter so aufführen zu sehen; man müßte dann aber auch selbst soviel Phantasie mitbringen, daß sie die sonst unaufhörlich gestörte Illusion ersetzen kann.

Um ein großes tragisches Drama mit vielen Personen aufzuführen, wird ein großes Personal von so poetisch gebildeten Menschen erfordert, wie man sie selten findet. Im Marionettenspiele kann man sich die Diction von =wenigen= unsichtbar Spielenden meisterlich gesprochen denken, die mehrere Rollen ausführen. So wurde es ein Zwischending von Vorlesung und einem Bilde fürs Auge, mit dem man doch nicht zu scharf sehen, oder es bewaffnen durfte, wenn man nicht den Mangel der Pantomime entdecken wollte.

Als Heiberg diese Stücke: =Don Juan= und =Töpfer Walter=, drucken ließ, nannte er sie noch: Marionettentheater, weil er meinte, »daß der kindliche Geist der der eigentliche Charakter des Marionettentheaters ist, sich mehr oder weniger sichtbar durch dasselbe ziehe«. Aber hierin kann ich doch nicht mit ihm einig sein. Erstens liegt kein kindlicher Geist in irgend einem der Stücke des alten Marionettentheaters selbst; es war die =Kunst= in der Kindheit, die etwas Naives in ihren gestrandeten Versuchen und ihrer kecken Unwissenheit hatte. Diese Heiberg'schen Stücke sind, wenn man sie =liest=, durchaus nicht kindlich. Das erste: =Don Juan=, ist eine sehr gute freie Behandlung von Molière's Drama, besonders in den komischen Partieen. Aber ein Schauspiel, das Laster, Verbrechen, Ausschweifungen, Leichtfertigkeit und Spott, Scherz, Abscheu und Entsetzen darüber darstellt, kann doch nicht kindlich genannt werden. Der =Töpfer Walter= ist ohne Zweifel eine der poetischsten Dichtungen Heiberg's; besonders ist die Scene mit Walter und Ulf, wo der erste Gott und der Natur eine ewige Freundschaft schwört, sublim und tragisch erschütternd. Aber wenn man die Stellen ausnimmt, wo Doctor Pancreas Prügel bekommt, ist doch Nichts darin, das an das Marionettenspiel erinnert. Das Verhältniß zwischen Rosa und Walter ist anmuthig und rührend; aber merkwürdig ist es, wie der junge Dichter bereits hier fürchtet sentimental zu sein, sodaß er sich (mit der später so sehr gepriesenen Ironie) beeilt, den Eindruck auf den Leser zu vernichten, den seine Begeisterung geweckt hat, indem er Harlekin mit einer Plattitüde das Stück beschließen läßt.

Ein paar Jahr später erschien Heiberg's =Weihnachtsscherz und Neujahrsspiele=, eine Fortsetzung meines Sct. Hansspieles. Dieses Stück steht ohne Zweifel den frühern um Vieles nach. Es ist in seiner ganzen Composition eine Nachahmung von Tieck's »gestiefeltem Kater«, »Zerbino« und der »verkehrten Welt«. Der ganze Spaß, die Illusion aufzuheben, und die Zuschauer selbst mit in die Handlung zu verwickeln, ist nach Tieck. Doch fehlt es mehreren Scenen nicht an Witz und Humor. Die kleine Nanine tritt schön und ergreifend auf; doch verschwindet dies, wenn sie in den Himmel kommt, und die Engel das irdische Weihnachtsspiel nur fortsetzen, das doch wohl eine Ahnung von etwas viel Höherm jenseits sein soll. Die Satyre über den Mangel an Fleisch und Blut in der =Ingemann'schen Blanca= ist treffend. In einem Dialoge, der sich nicht genügend in Kraft und Begeisterung erhebt, entwickelt sich ein dem Gil Blas entnommener Stoff der auf die Menge durch schöne lyrische Stellen wirkte, in dem aber der Haupteindruck doch peinlich wird, weil es ein Unglück ist, das durch Intrigue oder Mißverständnis ohne Entwickelung großer und interessanter Charaktere geschieht. Dem milden, ruhigen Ingemann, der die Literatur durch so viele schöne, besonders elegische Gedichte bereichert, und viele Leser dadurch erfreut hat, daß er in seinen dichterischen Erzählungen den Volkston zu treffen wußte, fehlt das Feuer, der Pathos, den die Tragödie nicht entbehren kann. Bei dem Norweger =Boye=, der kurz darauf mehrere Dramen für die Bühne dichtete, finden wir Feuer und Pathos; dagegen wieder zu wenig Milde und schaffende Phantasie.

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[Sidenote: Zeuthen und Rahbek.]

[Sidenote: Schrödersee.]

In diese Jahre fiel meine Bekanntschaft mit der =Zeuthen'schen= Familie, welche später als unsere Kinder aufwuchsen, durch das ganze Leben fortgesetzt und zur Freundschaft wurde. Den alten Etatsrath Zeuthen hatte ich bereits in meiner Kindheit gekannt, als er, ein eifriger Freund der Schule für die Nachwelt sich derselben eifrig annahm und ich oft beim Examen den muntern, imposanten Mann mit dem klugen Gesichte und den feurigen braunen Augen als Director sah. Später in meiner Jugend, als ich Rahbek's Freund wurde, hörte ich diesen und Andere oft Gutes von Zeuthen reden; obwohl sie nicht miteinander umgingen. Zeuthen und Rahbek waren beide Jütländer, aus den Dörfern, nach denen sie genannt wurden. Sie waren beide mit dem reichen =Knud Lyne= verwandt, nach dem Rahbek seine Vornamen empfing, und von dem er viel erbte; Zeuthen zwar am meisten, aber Rahbek, soviel ich weiß, doch 12,000 Reichsbankthaler, für damalige Zeit eine nicht unbedeutende Summe. Zeuthen, der Jurist, später Assessor am Hof- und Stadtgericht und Geldmann war, schlug Rahbek vor, sein Vermögen so zu verwalten, daß er gute Zinsen erhalten und mit der Zeit durch Ankauf von Grundstücken gleich Zeuthen reich werden sollte. Aber das wollte Rahbek durchaus nicht, er trug das Geld in der Tasche; nach Rousseau'schen Ideen meinte er, Geld müsse ein gemeinsames Eigenthum für Alle sein; mit diesen communistischen Grundsätzen lieh er, oder richtiger gesagt, gab er seinen Freunden, was sie brauchten; er selbst machte eine Reise ins Ausland auf eigene Kosten, ohne Buch zu führen, oder auch nur etwas aufzuschreiben, und so währte es nicht lange, bis der gute Rahbek nicht einen Schilling mehr besaß, und oft in Verlegenheit gerieth, wenn die guten Freunde, an die er sich nun in der Noth wenden mußte, seine communistischen Grundsätze nicht theilten. Es währte dagegen nicht lange, als sich Zeuthen ein schönes Gut kaufen konnte. Dergleichen mochte Rahbek aber nicht, das war ihm zu vornehm. Daß zwei Menschen von so durchaus verschiedenem Character nicht Neigung empfanden zusammen zu leben, ist begreiflich, doch achteten sie gegenseitig ihre guten Eigenschaften und Zeuthen hatte auch Sinn für die schönen Wissenschaften; obgleich man eigentlich nicht sagen konnte, daß er ein Schöngeist war. In der ersten Zeit unserer Bekanntschaft hatte er ein prächtiges Fest veranstaltet, was er häufig that. Hier fand ich einen Mann bei Tisch, den ich oft in meiner Kindheit, in steifer Uniform als Gardecapitain im Friedrichsberger Schloßhofe herumstiefeln gesehen, und von dem ich damals nicht ahnte, daß ich jemals sein Tischnachbar werden würde; er war der Kammerherr =Schrödersee=. Obgleich ich glaube, daß er von einem gelehrten Großvater abstammte, hatte Schrödersee in seiner Jugend doch dem Studentenwesen einen tödtlichen Haß geschworen; er war ein sehr eleganter, steifer, gepuderter Officier; an der Fehde, die zu Ewald's Zeit zwischen jungen Officieren und Studenten, veranlaßt durch Bredal's dramatisches Journal, stattfand, soll Schrödersee kräftig Theil genommen haben, und man glaubt, daß Ewald eine Tirade in seinen brutalen Claqueurs auf ihn bezogen habe. Es war recht merkwürdig mit diesen Lieutenants- und Studentenfehden, die sich damals oft wiederholten; aber sie trugen doch alle nach und nach dazu bei, die häßliche feindliche Trennung zwischen Kriegern und Gelehrten aufzuheben, bis endlich die Jünglinge der militairischen Hochschule und der Universität einander wie Brüder herzlich umarmten. Hierfür können wir bereits Holberg danken, der in seinem Jakob v. Tyboe das _us_ und das =von= verspottete. In Deutschland hielt sich diese Trennung bis in die neuesten Zeiten aufrecht, aber aus einem ganz andern Grunde, hier standen Adel und Bürgerschaft sich gegenüber; und hier ging es nicht wie im Norden, wo dieses Vorurtheil sich niemals eingewurzelt hatte, wo das deutsche »Von«, das uns von Holstein hergekommen war, sich nicht in die Marine eingenistet hat, und wo der Adel seinen Todesstoß im Jahre 1660 erhielt. Aber um auf Schrödersee zurückzukommen, so beschuldigte man ihn, in seiner Jugend zu jenen Bramarbasirern gehört zu haben. Wenn er im Parquet mit seinem gepuderten Kopfe und seiner großen Nase dastand, so blickte er oft auf eine Weise ins Parterre, welche die demokratischen Köpfe daselbst verdroß. Aber Schrödersee war in der Periode, wo ich ihn kannte, älter, zahmer und billigdenkender geworden. Wenn er auch keine Kenntnisse hatte, so war er doch ein witziger Kopf. Als der Danebrog-Orden auf mehrere Grade erweitert und er Ritter wurde, und man ihm gratulirte, antwortete er: »Er ist noch sehr =jung=!« womit er meinte, daß er, als ein alter Cavalier, auf einen höhern Grad gehofft hatte. Als Graf Yoldy, früherer spanischer Minister, Oberkammerjunker wurde, auf welchen Posten Schrödersee gehofft hatte, scherzte der König einmal mit ihm und sagte: »Schrödersee! Ihr scheint mir in der letzten Zeit so steif geworden zu sein«. »»Ew. Maj.««, antwortete Schrödersee, »»das kommt daher, weil ich eine spanische Fliege im Nacken habe««. -- Hier bei Zeuthens richtete er eine Replik an mich, die sehr gutmüthig und entschieden den Gegensatz von stolzer Eitelkeit war. Denn als der Wirth, wie ich zum ersten Male bei ihm speiste, nach alter Sitte einen Toast proponirte, »Denen zu Ehren, die die Kunst und Kultur im Lande befördert hatten«, rief Schrödersee laut über den Tisch mir zu: »Der Toast gilt uns Beiden«!

Einige Jahre darauf begegnete ich ihm wieder auf der Marmorbrücke beim Christiansburger Schloß. »Wie befindet sich der Herr Kammerherr«? fragte ich. »»Ach was, schlecht geht's mir««, antwortete er; »»ich bin ein altes Pferd; den man eine Kugel durch den Kopf jagen muß««! Damit zeigte er auf das Ohr, wo die Kugel hineingehen sollte, und verließ mich. Wenige Tage darauf begegnete ich auf derselben Stelle dem Oberhofmeister der Königin, Brockenhuus. Wir waren sehr gute Freunde vom Theater her, wo er mir einmal gesagt hatte, als er von seinen Vorfahren sprach: »Wir kamen mit Erik von Pommern hieher«. Bei dieser Begegnung auf der Marmorbrücke wandte er sich nun wehmüthig nach dem Schloß zu und sagte: »Sie können glauben, da habe ich viel Plaisir gehabt«! »»Nun««, antwortete ich, »»Ew. Excellenz können noch viel Plaisir auf der Welt haben««. »Ach«, seufzte er, »ich werde nie wieder soviel Plaisir haben«. Er ging; ich stand einen Augenblick im Nachdenken versunken, und gedachte der Zeit, wo ich als kleiner Knabe 1796 auf dieser Brücke stand, in der finstern Nacht das Schloß mit den gelben, rothen und blauen Flammen und mit der dunkeln Rauchwolke brennen und den Thurm wanken und mit starkem Geräusche mit drei Donnerschlägen durch alle drei Stockwerke hindurchstürzen sah. _Sic transit gloria mundi!_

[Sidenote: Die Familie Zeuthen.]

Der Leser verzeihe mir diese und ähnliche Ideenassociationen, welche einige Gleichheit mit der lange gestatteten =lyrischen Unordnung= in der Ode haben, und welche zu erwähnen zuläßt, was sonst nicht berührt werden könnte, und das doch nicht ohne Interesse ist und dazu beiträgt, ein Zeitgemälde zu vervollständigen.