Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4

Part 19

Chapter 193,445 wordsPublic domain

Meine Reise von Stockholm und Upsala nach Danemora will ich Dir nicht nochmals erzählen -- wie Holberg's »Geert Westphaler« die seinige von Hadersleben nach Kiel -- die Zeitungen haben auch schon darüber berichtet. Nur das muß ich noch hinzufügen, daß das Dampfschiff, welches uns trug, mit Kanonen salutirte und daß von mehreren der Orte, an denen wir vorübersegelten, gleichfalls mit Kanonen salutirt und mit weißen, wehenden Tüchern gegrüßt wurde. In Upsala selbst hatten wir -- wie billig -- auch einen Besuch von =Aukathor=. Er schlug dem Verfasser von »Thors Drapa« zu Ehren einige Fenster mit großem Hagel bei Böttiger ein, wo ich zu Mittag aß. Später, beim Feste, beleuchtete er durch seine Blitze die Gesichter der Redner und schlug die Pauken, daß es eine Lust war. Daß er ebenfalls in seinem freundlichen Eifer einige hundert Scheiben des Orangeriehauses zerschlug, muß man ihm zu Gute halten, es war Alles im gerechten Eifer, seinen Dichter zu ehren. Im Upsal-Hügel traf ich ihn nicht an, ich leerte aber zu Ehren seines Gedächtnisses einen Becher Meth. Auf der Rückreise besuchten wir =Skogkloster=, ein schönes, altes Schloß, bewohnt vom Grafen =Brahe=, einem Bruder des Brahe, der König Karl Johann's Augapfel war und aus Trauer um Diesen starb. Auch hier wurde bei unserer Ankunft mit Kanonen salutirt, die Gräfin und ihre Kinder standen am Ufer und bewillkommten uns. Der Graf war nicht zu Hause, kam aber gegen Mittag an; es war sein Geburtstag. Wir besahen das Schloß, das eine Menge historischer Merkwürdigkeiten besitzt; besonders hat =Gustav Wrangel= es mit vielem Raub aus dem dreißigjährigen Kriege bereichert. Doch hat er einen frommen Sinn und Gottesfurcht mit seinem Raube verknüpft, denn die Kanzel und die Altartafel in der Kirche hat er den Deutschen abgenommen. Aber Napoleon's Generale waren nicht besser und lebten doch in einer humaneren Zeit.

»Man kann des Guten auch zu viel genießen,« und die Wahrheit dieses Spruches fühlte ich, als ich ungefähr einen ganzen Monat so viel Ehre und Wohlleben genossen hatte. Deshalb nahmen wir auch Abschied. Einen alten Bekannten besuchten wir: Herr v. =Brinckmann=, der früher schwedischer Minister in Berlin gewesen ist. Er lebt jetzt wie ein Student, inmitten seiner großen Büchersammlung, die er schon der Universität Upsala vermacht hat. Wir (Beskow, dessen Frau, William und ich) hatten versprochen, zum Thee zu kommen. Der Theetopf und die Tassen, einige Teller mit Früchten und Kuchen standen schon da, als wir ankamen, auf einem Tische ohne Tischtuch. Er selbst war in einen alten Rock gekleidet, aber die schönen Augen waren voll Feuer, und er redete mich als einen alten Freund auf Deutsch an (vor 40 Jahren hatten wir einander in Berlin gesehen). Er fragte uns lustig: »Ists nicht dumm, daß man bald sterben soll, weil man 83 Jahre alt ist?«

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Kopenhagen, Sept. 1847.

Madame =Schröder-Devrient= ist jetzt hier und macht uns durch die Ueberreste einer ausgezeichneten Größe staunen. Ich besitze doch sonst ein wenig Phantasie, aber es kostet mir viel, mir das Alte jung, das Abgeblühte schön, das Sündhafte unschuldig, ein Frauenzimmer als Mann und Deutsch als Dänisch vorzustellen (unsere Sänger sangen nämlich dänisch, die Schröder-Devrient deutsch). Doch in der Norma erstaunte ich im zweiten und dritten Akt über ihr vorzügliches Spiel. Sie ist den Jüngeren ein gutes Vorbild.

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[Sidenote: Literarische Neuigkeiten.]

Kopenhagen, den 13. Jan. 1848.

Kiartan und Gudrun ist noch nicht vom Stapel gelaufen. Es waren verschiedene andere Sachen, die Anciennetät hatten, wie z. B. »Zauberei.« Dieses Stück soll von einem sehr tüchtigen juristischen Beamten geschrieben sein. Der Zauber ist deshalb vom juridischen Standpunkte, mit langwierigen Untersuchungen, Proceß und Richterspruch geschrieben, aber der poetische Zauber fehlt. Deshalb wohl wurde am ersten Abend geflötet. Später wurde das Stück ebenso übertrieben in den Zeitungen gelobt, und jetzt geht es seinen ruhigen Gang; das Gezänk hat dem Verleger eine nochmalige Auflage verschafft.

Von literarischen Neuigkeiten haben wir mehre erhalten. Das Beste ist ohne Zweifel =Bournonville's= »Mein Theater-Leben.« Dieses Buch ist wirklich ein geniales Product, und vieles darin ist höchst interessant. Seine Schilderungen anderer Künstler, als: Frydendahl, Ryge, Talma, Demoiselle Mars, Friedr. Lemaitre u. s. w. sind ganz vorzüglich. Die Art und Weise, wie er seine Kunst bespricht, macht Vergnügen und ist belehrend. Die kleinen Poesien, die er als Anhang gegeben hat, sind gleichfalls hübsch.

=Velhaven= ist diesen Winter hier. Er ist ein Mann von vielem Geist und Feuer, er disputirt mit Talent und Beredtheit, -- seine Poesien, elegische Betrachtungen des norwegischen Stilllebens sind oft anmuthig, aber zu monoton und zu wenig original.

Ich habe in dieser Zelt aufs Neue meinen Amleth ins Deutsche übertragen. Erst hatte ich ihn wie die dänische Tragödie in Trimetern geschrieben, ich bemerkte aber, daß er dadurch etwas Steifes und Gezwungenes erhalten und schrieb ihn jetzt in fünffüßigen Jamben um. Das ist so zu sagen zu meinem Privatvergnügen. Die Deutschen kümmern sich für den Augenblick nicht um unsere Literatur. Ich konnte in Deutschland (viel habe ich allerdings auch nicht darum sollicitirt) keinen Verleger finden; Dahl in Christiania verlegt die letzte Sammlung meiner ins Deutsche übersetzten Werke, wofür er natürlich nur ein geringes Honorar zahlen kann. Aber es amüsirt mich, und wenn auch kein einziger Deutscher lesen würde, was ich schreibe. Es wird schon eine bessere Zeit kommen. Auch Kiartan und Gudrun übersetze ich jetzt. Ein wenig Schriftstellerei muß ich als Morgenbeschäftigung treiben; immer lesen kann ich doch nicht. Zum Frühjahr, wenn wieder etwas belebende Wärme in die Luft kommt, und ich nach Frederiksberg ziehe, nehme ich wieder meine Lebens-Erinnerungen vor.

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[Sidenote: Tod Christian's VIII.]

Den 22. Januar 1848.

Die Trauer, die das Land und mich durch den Tod des Königs getroffen, kennst Du bereits. Ich will nicht von dem Uebrigen reden, aber er war in 46 Jahren einer meiner aufmerksamsten und theilnehmendsten Zuhörer!

»Er gab mir Garten und Haus, Neigung, Muße, Vertrauen, Niemand brauch' ich zu danken als ihm, und Manches bedurft' ich, Der ich mich auf den Erwerb, schlecht als ein Dichter verstand.«

An seinem letzten Geburtstage war ich der Einzige, dem er seine königliche Gunst bezeigte[3]. An seinem letzten gesunden Lebenstag traf es sich so schön, daß ich ihn besuchte und ihm ein frohes Neujahr wünschte.

[3] Der Dichter wurde zum Conferenzrath ernannt.

Er war nicht makellos -- selbst die Sonne hat ihre Flecken -- aber nach seinem Tode wird man ihm schon Recht widerfahren lassen. Friede sei mit ihm!

»O freundliches Grab! Wie so friedlich bist du, Dein schweigendes Dunkel birgt heilige Ruh'.«

Vor drei Nächten hatte er die letzte schlaflose Nacht. Jetzt schläft er mit Hrolf Krake -- und Alfred -- und Hakon Adelstan!

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Den 24. Januar 1848.

Das Oberhofmarschallamt hat mir antragen lassen, die Trauer-Cantate zu schreiben -- ich =habe= sie bereits geschrieben. Sie geht vom Herzen und ich hoffe auch, sie wird zum Herzen gehen. Kapellmeister =Gläser= wird sie in Musik setzen.

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[Sidenote: »Schleswig-Holsteinische« Unruhen.]

Den 27. März 1848.

Hier im Lande traf uns der Tod Christian's VIII. und wir fühlen jetzt fast Alle, was wir an ihm verloren haben, wenn auch das Vaterland in froher Hoffnung auf Frederik VII. blickt. Wie es mit »Schleswig-Holstein« werden wird, davon hat noch kein Mensch eine Ahnung, so verwickelt und unglücklich sind die Zustände. Durch die französischen Ereignisse werden sie wohl noch verwickelter werden. Daß in Frankreich in kurzer Zeit Unruhen ausbrechen würden, dazu waren die Zeichen bereits vor zwei Jahren da, als ich Paris besuchte. Alle bewunderten das Genie Ludwig Philipps; man räumte ihm auch persönliche Liebenswürdigkeit ein -- man fand es natürlich, daß er mich für sich einnahm, aber man haßte fast überall seine Politik. Durch die totale Verwirrung und Ausleerung der Finanzen, durch die Bestechungen, die geduldet wurden, durch den ungesetzlichen Gebrauch der Macht erhielten ja die Franzosen das Recht Aufruhr zu machen. Ich hatte gerade den achten Band von =Lamartine's= »Girondisten« beendigt, als die Revolution ausbrach. Ich hatte ihn aus diesem vorzüglichen Werke kennen lernen, und es freute mich zu erfahren, daß er und der herrliche =Arago= (ein eiserner Character) sich unter den Anführern befand. Aber ich hätte doch lieber gewünscht, daß sie, unter größerer Beschränkung als bisher, den kleinen Grafen von Paris zum Präsidenten ihrer Republik gewählt und ihm den Königstitel gelassen hätten. Ich fürchte, die große europäische Republik wird sich nicht halten können. Ueberhaupt hat die Königsmacht in vielen Richtungen etwas Schönes und Gutes, was bedeutende Männer und Talente lieben müssen. Die republikanische Gleichheit geht leicht zu weit, sodaß es zuletzt keinen Unterschied zwischen Verdienst und Nichtverdienste giebt, weil der Neid einen zu großen Spielraum erhält. Lamartine's Manifest hat auch seine schwachen Seiten, welche die englischen Blätter mit Recht hervorgehoben haben. Hier in Kopenhagen lächeln gewisse hohe Beamte über die französische Zusage den »Arbeitern Arbeit zu verschaffen,« was sie für eine Unmöglichkeit halten; mir scheint es aber, daß wenn die Menschen arbeiten =können= und arbeiten =wollen=, und ohne Arbeit nicht =leben= können und dessenungeachtet keine Arbeit =erhalten= können, so haben die staatlichen Einrichtungen sie zu legitimen Räubern und Aufrührern gemacht.

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[Sidenote: Die Pariser Revolution.]

Wir haben hier zwei Theater-Neuigkeiten: Hertz's »Ninon« und »Ein Sonntag auf Amak.« »Ninon« behagte mir nicht, und ich glaube, es geht Vielen wie mir. Das Stück hat viele schöne Denksprüche und lyrische Stellen, aber Ninon ist ein deutscher metaphysischer Professor, anstatt eine liebenswürdige Französin. Die Liebe des Sohnes ist fatal. Als er entdeckt, daß es seine Mutter ist, die er liebt, schießt er sich eine Kugel durch den Kopf! Wie viel Gelegenheit wäre hier nicht, die Läuterung und den Uebergang der erotischen Liebe zur kindlichen Liebe zu zeigen. Daß das Gegentheil =geschichtlich= ist, giebt keine Entschuldigung ab. Es geschieht soviel Dummes in der Welt, das darzustellen unter der Würde der Poesie ist. »Der Sonntag auf Amak« ist ein hübsches kleines Stück mit schönen herzergreifenden Melodien -- original und national. Frau =Heiberg= ist ein unvergleichliches Amak-Mädchen. Das Ganze ist übrigens eine niedliche Bagatelle -- und mit Frau Heiberg steht und fällt das Stück. Hertz hat später einen »Federigo«, ein Singspiel geschrieben; Musik von Rung. Es ist wieder eine Art Don Juan oder Robert der Teufel. Hier ist auch ein Teufel, er besitzt aber den einzigen Fehler, den ein Teufel nicht besitzen darf: er ist =langweilig=.

Aber in diesen Tagen sind freilich Alle so auf die Antwort aus Holstein gespannt, daß wir für nichts Anderes Sinn haben. Ich hoffe, die guten Leute werden in sich gehen und billige, vortheilhafte edle Bedingungen annehmen -- sonst geht es schief.

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[Sidenote: Literatur.]

Frederiksberg, den 28. Mai 1848.

Verzeihe mir, daß ich die Beantwortung Deines Briefes einige Tage aufgeschoben habe! Was in vielen Jahren der Grund war, daß ich meinen Freunden keine Briefe schrieb, und dadurch manch' schönes Verhältniß schwächte und abkühlte, welches ich später tief vermißte -- macht mich in dieser Richtung auch nachlässig gegen meine Kinder. Aber ich kann Dich damit trösten (wenn das ein Trost ist), daß dieser Grund bald aufhören wird, und daß ich in meinen letzten Jahren ein besserer Briefschreiber werde. Wenn ich nämlich nicht mehr dichte, und einige Vormittagsstunden mit diesem Schreiben zubringe, werde ich mehr Luft zum Briefschreiben bekommen. Nun weiß ich zwar, daß Du gegen diesen Grund protestiren wirst, und ich verschwöre es auch nicht, zu dichten, aber ich glaube doch nicht, daß es viel mehr geben wird. Dies ist nun gar nicht, weil ich meine dichterische Kraft abnehmen spüre, dieselbe ist ebenso frisch und kräftig, wie sie immer gewesen, aber weil ich fühle, daß »ein Mensch nur ein Mensch ist,« und daß selbst der beste Dichter nicht mehr ist. Aus meinem eignen Wesen, meiner eigenen Individualität vermag ich nicht herauszugehen; ich kann zwar das verschiedenste Objective mit derselben verbinden, und das habe ich auch gethan, aber das Verschiedenartigste muß doch mit demselben Auge gesehen, mit demselben Herzen gefühlt, mit demselben Talente dargestellt und mit demselben Verstande aufgefaßt werden.

[Sidenote: Lebens-Erinnerungen.]

Und wenn man nun fast in einem halben Jahrhundert sich mit Werken beschäftigt hat, die den Fähigkeiten eines solchen Menschen entsprungen sind, so langweilt ein solcher Mensch zuletzt, und man bittet ihn, in einer höflichen Weise, zu schweigen, und er bittet sich selbst darum; denn er würde sich über fernere Variationen, wenn auch nicht über dasselbe Thema, so doch von demselben Geiste aufgefaßt -- und wären sie noch so verschieden -- langweilen. Es verschafft ihm dann mehr Vergnügen, Andere zu lesen, und es wird mich recht freuen, auf meine alten Tage zu lesen und zu studiren.

Aber ein Werk fehlt doch noch, und das soll auch, so Gott will, vollendet werden; ich meine den Schlüssel zum Ganzen, eine echt objective Darstellung der eigenen Subjectivität des Verfassers: Sein Leben und seine Ansichten. -- --

Gestern vollendete ich die deutsche Uebersetzung von Kiartan und Gudrun. Ungeachtet meines jetzigen =politischen= Hasses gegen die Deutschen, verspüre ich doch Lust, diese Tragödie der deutschen Ausgabe meiner Werke einzureihen. Es wird schon die Zeit kommen, wo diese und mehrere meiner Werke in Deutschland mehr Anerkennung finden werden.

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Soröe, den 7. Aug. 1848.

-- -- Unter andern habe ich auch deshalb die Beantwortung Deines Briefes aufgeschoben, weil ich mich mit einem neuen, ziemlich großen Gedichte beschäftigt habe, das jetzt vollendet ist. Es ist weder mehr noch weniger als eine _Ars poëtica_, ein Gedicht über die Dichtkunst, worin ich Alles ausgesprochen, was ich über die Dichtkunst während der fast 40 Jahre gedacht habe, in denen ich Lehrer an der Universität gewesen bin. Aber es wird erst einmal zum Neujahr gedruckt werden, wenn wir Frieden erhalten und die Aufmerksamkeit sich wieder auf solche Dinge richten wird. Wie es gehen wird, wissen wir für den Augenblick Alle nicht. Die Dänen brennen zwar vor Begierde, sich an dem deutschen Uebermuthe zu rächen, aber das kleine Dänemark kann nicht mit ganz Deutschland kämpfen. Doch frischen Muth! Wir wollen das Beste hoffen! Nichts hasse ich nächst Zagen so sehr als Klagen. Gott wird schon helfen!

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[Sidenote: Die Dichtkunst. Regnar Lodbrok.]

Frederiksberg, den 30. Sept. 1848.

Um die Grillen zu verjagen, und weil es so lange mit dem Zustandekommen des Waffenstillstandes währt, schreibe ich unterdessen ein Heldengedicht »=Regnar Lodbrok=« in zwölf Gesängen, von welchen zehn und ein halber fast beendet sind. Von frühern Werken hat es am meisten Aehnlichkeit mit »Helge« d. h. in Form und im Ton: denn die Charactere, die Handlung und die Ereignisse sind sehr verschieden.

Ja, du lieber Gott, was soll ich machen? -- In Regnar Lodbrok tröstete es mich, inmitten dieser Zeit politischer Kleinlichkeit, Thorheit und Kannegießerei mich in eine kräftige, barbarische Zeit zu vertiefen, wo es doch Männer gab, die da wußten, was sie wollten, und es verachteten, durch affectirtes Geschwätz besser zu erscheinen als sie waren. -- -- Daß ich begreiflicherweise, um ein altes Gleichniß zu gebrauchen, diese rohe Wallnuß des Heidenthums in den Zucker der Humanität eingemacht und dazu die Kochkunst der Poesie benutzt habe, versteht sich von selbst. Daß diese Nuß weder zu bitter, noch zu wässerig, noch zu süße schmecken möge, ist mein eifrigster Wunsch, und wenn ich der nicht geringen Zahl von gebildeten Zuhörern, welche sie schon kennen, trauen darf, so habe ich das rechte Maaß getroffen.

[Sidenote: Mozart's Don Juan.]

-- -- Gestern Abend saß ich wieder einmal im Theater und hörte Mozart's herrlichen Don Juan, den ich nie zu oft hören kann. Von allen Kunstwerken, hätte ich beinahe gesagt, ist mir Don Juan das liebste, und überhaupt Mozart's Musik im Figaro und in der Zauberflöte. Man vermißt nichts. Da ist gar nichts auszusetzen. Es ist nicht wie ein Menschenwerk, sondern, wenn ich so sagen darf, ein Naturproduct in der Kunst, wie von Gott selbst geschaffen. Von allen großen Männern, die Deutschland aufzuweisen hat, muß es am stolzesten auf seinen Mozart sein, denn in allen andern Richtungen besitzen auch andere Nationen Männer, die mit den seinigen zu vergleichen sind; aber einen Mozart besitzen sie nicht. Rossini ist ein großes Genie, das ihm in Melodien-Reichthum und lieblicher Kraft nicht nachsteht -- aber wie weit erhebt sich nicht Mozart über ihn in Höhe, in Tiefe, in Wahrheit, in Gefühl und Anmuth!

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[Sidenote: Hauch. Paludan-Müller.]

Kopenhagen, den 21. Januar 1849.

Wir sind um diese Weihnachtszeit mit mehren neuen Dichterwerken beschenkt worden. =Hauch= hat sich tief in das Altnordische einstudirt und einen »=Thorwald Widförle=« geschrieben. Das Werk hat einige sehr schöne Partien, aber es fehlt ihm im Ganzen die Selbsterfindung; der alte Ton ist mitunter etwas affectirt und das Ganze hat in meinen Augen mehr von einem geistreichen Studium, als von einer originalen Dichtung. =Paludan-Müller= hat ein sehr merkwürdiges Gedicht: =Adam Homo= geschrieben. Es ist eine große gereimte Alltagsgeschichte, gespickt mit subtilen philosophischen Reflexionen in sehr fließenden Versen. Es hat mir Freude gemacht, dieses Buch zu lesen, es hat viele amüsante, gut gezeichnete Genrebilder aufzuweisen. Eine Situation, wo die verlassene Geliebte am Todeslager des Helden, ihm unbekannt, als Krankenwärterin dient, ist schön und rührend. Aber der Geschmack hat viel einzuwenden; diese Reim-Chronik ist gar zu weitläufig, prolix (wie Göthe sagte). Der Held ist ein Alltagsmensch, sogar etwas schlingelhaft, und steht doch als Repräsentant der Menschheit da. Die philosophischen Abhandlungen, denen Paludan-Müller verfallen ist, brüsten sich zu sehr und sprechen, wenn auch oft die Wahrheit, nichts weiter aus, als was früher kürzer und viel klarer gesagt worden. Ein Heft Gedichte der Heldin, das man nach ihrem Tode findet, verwischte ganz das holde Bild von ihr, und enthält weiter nichts als Paludan-Müllersche Subtilitäten. Dessenungeachtet verdient das Buch in vielen Stücken Beifall und Lob.

Du hast wohl =Kiartan und Gudrun= gelesen; das Stück wurde gut gespielt und machte viel Glück. Auch =Regnar Lodbrok= und die =Dichtkunst= haben gefallen. Man wundert sich, daß ich noch in meinen alten Jahren etwas schreiben kann, das Saft und Kraft besitzt. Aber jetzt müssen wir auch bald aufhören, nicht weil die innere Kraft fehlt, sondern weil der Stoff erschöpft ist; ich finde keine Sujets mehr in meiner Geistesrichtung. Schilderungen der Gegenwart kann ich nicht liefern, ich kenne sie nicht; und wer kennt sie recht? Kaum der liebe Gott kennt sie, und sie selbst kennt sich gar nicht.

Einen täglichen Umgangs-Freund, den ich verloren habe, vermisse ich doch gerade nicht sehr, ich meine Dr. =Christiani=. Denn obgleich Christiani witzig, fröhlich und ein vorzüglicher Gesellschafter ist, selbst große poetische Bildung besitzt und Göthe und Heine auswendig kann, auch mich persönlich liebt, so ist er doch weder recht dänisch, noch recht deutsch; Begeisterung fehlt ihm, er ist vielmehr blasirt, lebt immer in der Reflexion und muß Alles, was er sich aneignen will, in Hegel'sche Philosophie übersetzen -- und die Rolle, die er hier spielte, wollte mir nicht munden. Er trug den Mantel zu sehr auf beiden Schultern, spielte mit zwei Schildern. Niemand kann zwei Herren dienen. Die Folge seiner subtilen Politik wurde die, daß weder Dänen noch Deutsche ihn mochten. Das Persönlichfreundliche und Talentvolle schätze ich noch bei ihm nach Verdienst.

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[Sidenote: Politische Verhältnisse.]

Kopenhagen, den 24. März 1849.

Ich würde früher geschrieben haben, wenn ich nicht den Ausbruch des Krieges oder den Friedensschluß hätte abwarten wollen. Jetzt ist es doch zu einem achttägigen Waffenstillstand gekommen, der Einigen nicht behagt; die meisten Vernünftigen glauben doch, daß er gute Folgen haben wird, und daß er wenigstens die theuern Menschenleben während der Friedensunterhandlungen schont.

Ueber das politische Wesen ist es noch nicht möglich, ein Urtheil zu fällen. Auf dem Reichstage geht es schläfrig und langsam. Ich bin noch nie dagewesen. Gebe Gott, sie kämen so weit, das Wahlrecht ein wenig zu beschränken, sonst werden wir in den Schlamm hinabgezogen; doch ist noch Hoffnung vorhanden, denn der Kern des Reichstags besteht aus vernünftigen, tüchtigen Leuten.

Meine Tragödie =Königin Margarethe= ist wieder sehr gut gespielt worden. Mad. =Nielsen= und Herr =Nielsen= waren vorzüglich. Mad. =Winslöv= glücklich, und Mad. =Holst= spielte ihre Ingeborg anmuthig und rührend, wenn sie auch seit der Zeit, wo das Stück zuletzt aufgeführt wurde (14 Jahre) sehr gut eine Tochter hätte haben können, die mit Rücksicht auf das Alter für die Rolle besser gepaßt hätte.

Vor einigen Tagen war ein Deutscher, Dr. =Leo=, bei mir, Redacteur des Nordischen Telegraphen. Er erzählte mir, daß die dänische Literatur durchaus nicht in Deutschland verschmäht sei, daß es im Gegentheil scheine, als hätten die letzten kriegerischen Begebenheiten Vielen die Augen geöffnet.

=Frederike Bremer= ist hier diesen Winter; sie ist eine gute fromme Seele.

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[Sidenote: Die Lebens-Erinnerungen.]

Frederiksberg, den 17. Juli. 1849.

-- -- Ich sitze jetzt wieder hier und schreibe an meinen »Lebens-Erinnerungen«, die ich schon im Sommer 1838 begann, als wir auf dem Frederiksberger Schlosse in den Zimmern wohnten, die jetzt =Hauch= bewohnt. Es verstrichen seitdem viele Jahre, und mein »Leben« blieb liegen (d. h. die Beschreibung) -- jetzt habe ich es wieder vorgenommen. Denn wenn ich ganz zu schreiben aufhörte, so würde ich unfehlbar darüber hinsterben, wenn ich auch noch so lange lebte. Wenn ich nun auch die letzte Hälfte nur fragmentarisch behandeln werde, so giebt es doch Vieles, das ich etwas genauer erzählen und beschreiben möchte. Ich bin bis an die Baggesen'sche Periode und die zweite Reise ins Ausland gelangt.

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=Schlußwort=.

Die Ausführung der oben ausgesprochenen Absicht, die letzte Hand an seine Lebens-Erinnerungen zu legen, sollte, wie die Leser bereits wissen, dem Dichter nicht vergönnt sein. Es bleibt nur übrig, seiner letzten Tage mit wenigen Worten zu gedenken.

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[Sidenote: Letzte Tage Oehlenschlägers.]