Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4

Part 18

Chapter 183,648 wordsPublic domain

-- -- Bei der großen Zusammenkunft der Studenten der drei nordischen Reiche, hatte mir das Comité vier Gäste, drei Schweden und einen Norweger, zugetheilt. Sie wohnten in der Stadt in meinen Zimmern; des Mittags kamen sie zu mir heraus und aßen mit mir zusammen, an den Tagen nämlich, an welchen keine öffentlichen Feste veranstaltet waren. Die Norweger und Schweden sind sehr beliebt, nicht allein bei den Studenten, sondern bei allen Einwohnern Kopenhagens. Eine so ungeheure Menschenmasse, wie die, welche sie vom Hafen aus nach der Universität begleitete, ist vielleicht noch nie in Kopenhagen gesehen worden. Viele Damen warfen Blumen auf die lieben norwegischen und schwedischen Gäste von den Fenstern herab. Ich bin überzeugt, daß die jungen Männer, von Achtung und Liebe für die Dänen erfüllt in ihre Heimath zurückgekehrt sind. Sie kamen auch im Zuge zu mir. Ich begrüßte sie in der großen Allee vor dem Fasanenhofe. Sie führten zwei Musikchöre mit sich, eins aus Upsala, eins aus Lund. Ein Docent =Petterson= aus Upsala hielt eine hübsche Rede an mich, und die Studenten sangen ein schönes Lied. Ich bezeigte ihnen meinen Dank, meine Freude darüber, daß der Funke nordischer Bruderliebe, den ich vielleicht durch meine Gedichte zu entzünden beigetragen, jetzt als eine Flamme in jeder nordischen Brust glühe. Ich sprach meine Freude darüber aus, daß mir so viele Ehre von einer so großen Versammlung in demselben Garten erzeigt werde, wo ich als Kind so lange Zeit einsam in meinen Träumereien umhergegangen sei. Ich bat sie, sie möchten, wenn sie einst wieder mit ihren Söhnen hierherkämen, und der Dichter-Greis nicht mehr sei, denselben sagen: »Hier schlug ein ehrliches, treues Herz für den brüderlichen Norden; in diesem sommerlichen Schatten besuchte ihn Ydun und lehrte ihn die Lieder, die noch leben, und durch welche er uns noch frisch und jugendkräftig grüßt.« -- --

Was soll ich Dir jetzt noch erzählen, was Du nicht bereits schon weißt? Ich wüßte nichts. Doch ja -- ich habe diese Nacht einen wirklich kuriosen Traum gehabt, den will ich Dir, und zwar ohne alle dichterische Ausschmückung erzählen: »Es träumte mir, ich hatte ein schönes Miniaturbild für ein Taschenbuch gemalt. Alle Menschen sagten, wenn ich das herausgäbe, würde das Buch ganz vorzüglich gehen. Aber dann begegnete mir Winckler (ich war ihm gestern im wachen Zustande im Südfelde begegnet), er bat mich um das Bild -- ich gab es ihm, und mußte später viel von meinen Freunden leiden, weil ich mich von einem solchen Schatze getrennt hatte. Aber dann setzte ich mich wieder ruhig hin und =malte= eine Daguerreotype so künstlich, daß, wenn man sie von einer Seite sah, war sie Maria mit dem Christuskinde, von der andern Seite stellte sie Christus am Kreuze dar. Dies fand man, sei noch besser, und versicherte mir, daß, wenn ich damit nach Paris ginge, würde ich mein Glück machen und großes Vermögen erwerben. Dies wollte ich denn auch; als ich aber erfuhr, daß =Raphael= zufällig in Kopenhagen sei, wollte ich ihm das Bild erst zeigen. Ich besuchte ihn und wunderte mich darüber, daß er einem vornehmen Manne hier ganz ähnlich sah. So sieht Raphael aus? dachte ich. Mit diesen Augen, diesem Blick hat er soviel Schönes und Herrliches gesehen und durchschaut! Ich zeigte Raphael meine Daguerreotype. Er wurde ganz roth im Gesicht und sagte: »»Etwas so Schönes habe ich noch nie hervorgebracht. Hätte ich es doch gemacht! Wenn das doch =meine= Arbeit wäre! Wollen Sie sie mir nicht schenken, ich könnte es dann für =meine= Arbeit ausgeben.«« -- Ich war so geschmeichelt und so entzückt, als Raphael den Wunsch äußerte, mein Bild geschaffen zu haben, daß ich rief: »Ja herzlich gern«! und ihm das Bild gab, indem ich doch zugleich über seine moderne Frisur sann, und darüber, daß er ein so kurzes Hinterhaar hatte. Nun hatte ich auch diese Arbeit verschenkt, und mich selbst einer großen Einnahme beraubt, aber es war an Raphael. Ich trat später auf den Marktplatz hinaus, wo ich Raphael's Frau sah, auf einem Fleischerwagen sitzend, mit einer alten Kapuze auf dem Kopf; man sah deutlich, daß sie in ihrer Jugend schön gewesen, sie glich Frau S. Sie hielt das Bild in der Hand und fuhr damit auf dem vollgeladenen Fleischerwagen nach Paris; die großen Fleischstücke im Wagen zeigten sich noch meinem wehmüthig nachblickenden Auge, nachdem das Bild verschwunden war.«

War das nicht ein kurioser Traum? Ich glaube die Veranlassung desselben ist das Gefühl, das mich in dieser Zeit beherrscht, wo ich vier Theaterstücke drucken lasse, ohne sie auf die Bühne bringen zu können.

Heute Morgen, ehe ich noch frühstückte, ging ich in den Garten, und schnitt Georginen und grüne Rosenblätter für Deine zwei Portraits. Das Bild von Gärtner hängt hier in meinem Arbeitszimmer, das andere in dem großen Gartenzimmer, Vaters Büste, welche auf dem Ofen steht, gegenüber. Ich steckte die Blumen über die Rahmen der lieben Bilder. Doch das muß ich Dir sagen, dieser Gruß galt nicht allein Deinem Geburtstage, er ist Dir den ganzen Sommer hindurch gebracht worden. Die Georginen halten sich länger frisch als die Rosen; sie tragen den Namen Deiner seligen Mutter, und wenn ich die Bilder mit ihnen schmücke, däucht es mir, als sei sie, ein seliger Engel, dabei und spräche den Segen des Himmels über ihr Kind. Ich sage dann oft wie Walborg: »Ich grüß' Dich, meine Liebe! Guten Morgen«!

Aber höre jetzt -- ich sitze nicht allein hier -- eine große schöne Person, mit Blumen angethan, steht im Winkel am Schreibtische, dort wo mein alter Lehnstuhl stand. Diese Person ist -- ein neuer Lehnstuhl, der gerade ganz akurat vorgestern hier eintraf, so pünktlich, daß er (oder sie) an diesem Tage in meiner kleinen Stube paradiren und Deine eigene Person vorstellen konnte. Das ist fast mehr Sinn und Herz, als man von einem Lehnstuhl zu erwarten berechtigt ist. Aber beste Maria! was hast Du auch nicht auf seine Erziehung gewendet! Ein wenig streng bist Du gewesen, denn für jede schöne Blume, die er mir bringt, hast Du ihm unzählige Nadelstiche versetzt. Doch -- diese Nadelstiche schmerzten ihn nicht, und mir thaten sie wohl; es sind keine Herzstiche, das versichere ich Dir. Das einzige Schlimme an diesem Lehnstuhle ist, daß ich es nicht über mein Herz gewinnen kann, darin zu sitzen; vom Anlehnen will ich nun gar nicht reden. William hat mir vorgeschlagen, den Stuhl mit einem Netze zu überziehen; darin hat er Recht. In einem Netze will ich Deine Liebe fangen, damit sie nicht davonflattere.

[Sidenote: Literarische Wirksamkeit.]

-- -- Ich habe in der letzten Zelt einige Romanzen geschrieben: »Tannhäuser im Venusberge«, »Götz von Berlichingen und der Schmied«, »Die zwei Räuber.« -- Ich denke zum Winter eine kleine Sammlung Poesien drucken zu lassen. Meine Schauspiele sind jetzt unter der Presse. »Das Gespenst auf Herlufsholm« ist schon beendet und »Garrick« wird es bald. Dem Theater etwas einsenden, thue ich kaum wieder. Ich habe es satt, mich dem Mäkeln und Kritteln zu unterziehen. »Sucht euch einen andern Knecht«! sagt Göthe im Vorspiel zu Faust. Ich habe jetzt diese Karten der weltlichen Eitelkeit so lange gespielt, habe so oft die Vorhand und Zwischenhand gehabt, und bin mit guten Karten in der Hand beet geworden; kann ich nicht in der Hinterhand sein -- und meiner Sache gewiß -- so =passe= ich. Die Welt will immer etwas Neues, und daß Adam Oehlenschläger Schauspiele und Verse schreiben kann, ist ja was Altes und Abgedroschenes. Indessen besucht mich meine Muse doch noch immer, hat mich ganz lieb, und findet mich auch nicht zu alt für ein Liebesabenteuer mit ihr.

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[Sidenote: Dina in Wien.]

Kopenhagen, den 13. December 1845.

Ueber »Dina's« Schicksal in Wien hat =Castelli= mir die Hiobspost gesandt, daß die Schauspieler gegen sie kabalisirten; aber vor einigen Tagen erhielt ich eine ganz entgegengesetzte Nachricht vom Director =Holbein= selbst. »Von einer Kabale -- schreibt er -- ist nicht nur keine Spur vorhanden, sondern vielmehr das Gegentheil. Mit Sorgfalt und Theilnahme für Gedicht und Dichter wird die Aufführung vorbereitet, und bald wird nichts dem schönen Kinde in den Weg treten.« Da aber der religiöse Schluß, die Scene mit dem Mönch, in dem katholischen Wien nicht geduldet werden kann, so bat =Holbein= mich, eine »Schlußrede« für Dina, ehe sie zum Tode geht, zu schreiben. Eine solche habe ich gedichtet und schreibe sie hier ab:

Die Stunde ruft, die Glocke schlägt. Die flücht'gen Gaukelbilder schwinden; Das arme Herz ist tief bewegt -- Zum letztenmal -- bald wird es Ruhe finden.

Und hab' ich auch viel Sorg' und Spott -- Nicht ohne eigne Schuld -- erlitten -- Doch dank' ich für mein kurzes Leben Gott; Der harte Kampf ist ausgestritten.

Was klag ich, daß die Freude wich, Daß eitle Hoffnung schnell verschwunden? Weit schöner ist die Ros' als ich, Und lebt nur ein'ge Morgenstunden.

Der Greis -- oft ohne Lebensglück -- Ermattet sank, nach wiederholten Streben. Gesund und jung geb' ich Natur zurück, Die schöne Blüthe, die sie mir gegeben.

Und dieses warme, volle Herz, -- Im Tode wird es Glück erwerben -- Es schwingt sich freudig himmelwärts -- Ich weiß es, meine Seele kann nicht sterben.

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Den 4. Februar 1846.

Dina ist nun aufgeführt, aber das Stück machte kein Glück. Ich verstehe es nicht, den guten Leuten einen echten Wienertrank zu brauen. -- Ein wiener Recensent, Namens Andreas Schuhmacher, hat es seinen Landsleuten ganz gut gesagt. Er schreibt:

»Von den zahlreichen Meisterwerken Oehlenschläger's war es der einzige »Correggio« den Wien von der Bühne herab genießbar fand, und in diesem Werke selbst war es das Künstlerleben, die bühnliche Einheit und Faßlichkeit, und die entschiedene Hinneigung zum sentimentalen Raisonnement, was es allgemeiner zugänglich machte, als die übrigen Dramen Oehlenschläger's sammt und sonders. Auf diesem Boden war Kotzebue den größten Dichtern überlegen, die sich ja glücklich preisen durften, wenn sie mit dieser prosaischesten aller Seelen den Theaterlorbeer theilen konnten. Soviel nur, um darzuthun, daß die eben vom Publikum ziemlich einstimmig abgelehnte Dina nicht schlechter zu sein braucht, als andere von ganz Deutschland bewunderte, von ganz Dänemark gefeierte Dichtungen dieses Meisters. »Hakon Jarl«, »Hagbarth und Signe«, »Axel und Walborg« würden das gleiche Schicksal mit der Dina theilen, wenn es Jemandem einfiele, sie mit =unsern= Schauspielern vor =unserm= Publikum zu geben. Mag die Dina zergliedern, wer will; ein Dichter schrieb sie, das beweist jedes Blatt! u. s. w.«

Meine kleine Tragödie »Das Land gefunden und verschwunden« hat mir die Theater-Direction selbst aufzuführen angeboten. Es ist kein Knall-Effectstück; für das Historische und Nationale hat man -- aller skandinavischen Vereine ungeachtet -- nicht viel Sinn. Ich erwarte keine große Wirkung, aber das Stück wird gelesen und mit Achtung selbst von den Stimmgebenden besprochen.

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[Sidenote: Amleth.]

Den 19. April 1846.

Jetzt bin ich schon lange wieder flott. Ihr wißt, ich war diesen Winter eine Zeitlang auf dem Podagra-Riff auf den Grund gerathen. Es wäre nun sehr langweilig gewesen, wenn ich nicht ein Amüsement gefunden, daß auch Andere, wie ich wünsche, amüsiren wird. Ich habe noch einmal ein Herz gefaßt und eine heroisch-nordische Tragödie in 5 Akten geschrieben, um eine leere Stelle an der Wand meiner dramatisch-historischen Bildergalerie auszufüllen. Werde nicht bange, wenn Du das Blatt wendest und liesest: »Amleth.« Es ist bei weitem nicht meine Absicht gewesen, mit dem unsterblichen Shakespeare zu wetteifern; unsere Trauerspiele unterscheiden sich nicht nur darin, daß er (wie =von= Tyboe sein von) sein H voran, und ich (wie Stygot=ius=) das meinige hinterher setze -- sondern die Stücke sind in Composition und Characteren =ganz und gar= verschieden, welches Ihr erfahren werdet, wenn Ihr nach Frederiksberg kommt und ich es Euch vorlese. Ich habe bereits die Freude, daß mehrere competente Richter meinen Amleth gutgeheißen haben.

Den 30. Aug. 1846.

Hier sitze ich nun wieder zu Hause auf Frederiksberg mit allen meinen lieben Erinnerungen und sage, wie die verwittwete Königin einst zu mir sagte: »Ich lebe in den Erinnerungen.« Habe Dank, meine geliebte Maria, für all Deine Liebe! Noch gehe ich nur kleine Touren, die ersten längern werden den Bäumen im Garten und im Südfelde gelten, wo ich Deinen geliebten Namen finde. Küsse die süßen Knaben, meinen Harald, meinen Adam und meinen kleinen Wollert vom Großvater, und sage ihnen: ich käme bald! Ach Gott, die längste Zeit wird bald verstrichen sein.

Comique (wie Harald richtig sagt), oder Commäk (wie Adam sich freier ausspricht), liegt mir zu Füßen. »_Parole d'honneur_, ick hob' keen andern«! sagt der Jude in Heiberg's »König Salomon« von seinem Schlafrock. Ein kleiner rother junger Hund, den mir v. d. =Maase= geschenkt hat, geht im Hofe umher und heult. Er soll Robin (Roy) heißen. Die Dienstboten nennen ihn Ruben und glauben, er sei nach einem Juden getauft. Leb wohl! Man scherzt oft mit einem schweren Herzen!

Erster Weihnachtstag 1846.

Um zuerst von einem nur geistigen Kinde zu reden -- so wirst Du gelesen haben, daß Amleth Glück gemacht hat. Das Stück wurde an meinem 67. Geburtstag aufgeführt, und wenn auch an diesem Tage eine gewisse Pietät für den Vater auf das Kind überging, so erntete doch das Stück vielen Beifall und hat jedesmal ein volles Haus gegeben.

Am ersten Abend nach Aufführung des Stücks, als ich nach Hause gekommen war, brachte mir ein Lakai folgenden Brief vom Könige, der im Theater gewesen war.

»Herr Etatsrath Oehlenschläger! Sie haben mir durch Ihren Amleth einen großen Genuß bereitet. Ihr immer junger Dichter-Geist hat sich kräftig entfaltet und uns Alle begeistert; die Schönheit und Sinnigkeit des Gedichts haben uns zur Bewunderung hingerissen. Ich sehne mich nicht allein in meinem Namen, sondern auch im Auftrage der Königin Ihnen mündlich auszusprechen, was die dänische Dichtkunst Ihnen, dieses großen Vorbildes halber, schuldig ist, und wie sehr ich Sie, mein lieber Oehlenschläger, den Dichter, hochachte, der ich Ihnen heute viele frohe Lebensjahre wünsche.

Kopenhagen, 14. Nov. 1846.

Ihr wohlwollender =Christian= R.«

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[Sidenote: Vorlesungen.]

Den 15. Februar 1847.

In diesem Jahre halte ich vor einem großen Auditorium Vorlesungen über meine eigenen Tragödien. Den ersten Abend entdeckte ich dort etwas, was ich in den 37 Jahren, wo ich an der Universität gelesen habe, noch nie wahrgenommen: nämlich eine Dame! Später kam noch eine. Am nächsten Abend waren deren fünf zugegen, dann zwölf, vierzehn. Ich erhielt nun einen sehr hübschen anonymen Brief, worin man mir sagte, daß mehre Damen mich zu hören wünschten, aber daß sie, obgleich man ihnen allerdings gesagt, daß meine Vorlesungen von Damen besucht würden, doch nicht recht wüßten, ob sie erscheinen dürften. Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, denn hätte ich öffentlich gesagt: Kommen Sie nur! so wäre eine große Menge herbeigeströmt, zum Theil aus Neugierde. Ich schwieg also und dachte: Wenn sie wissen, daß bereits Damen da sind, so können sie ja ohne weitere Einladung kommen. Indessen wählte ich mir doch einen größeren Hörsaal, und hier stehe ich nun und lese vor einer bunten Reihe von Damen und Herren, die den Saal füllen.

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Den 18. April 1847.

Meine Vorlesungen habe ich für diesen Winter geschlossen. Den letzten Tag fand ich in meinem Zimmer einen schönen Blumenkranz und ein schönes Gedicht von einer meiner (anonymen) Zuhörerinnen; ich nehme an von einer der anmuthigsten. Ich kenne keine von Ihnen, denn auf dem Katheder brauche ich keine Brille, und ohne solche vermag ich nicht weit zu sehen.

In dieser Zeit habe ich Amleth ins Deutsche übersetzt, was keine leichte Arbeit war, wenn man die Trimeter dem Genius der fremden Sprache entsprechend, mit Klang und Kraft wiedergeben wollte. Dahl in Christiania verlegt meine neuen deutschen dramatischen Gedichte, nämlich »Dina«, »Garrick in Frankreich«, »Das Land gefunden und verschwunden« und »Amleth.«

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[Sidenote: Kiartan und Gudrun.]

Frederiksberg, den 3. Juli 1847.

-- -- Weil wir von Tragödien reden, so darf ich nicht zu erzählen vergessen, daß meine neue Tragödie »Kiartan und Gudrun« fix und fertig ist, und den Beifall der Kenner und Freunde gefunden hat. Es ist eine Liebes-Tragödie, aber von den frühern dieser Art darin verschieden, daß das Unglück nicht von Außen, sondern von Innen kommt.

Frau Heiberg wird eine vorzügliche Gudrun, einen heroischen, koketten, dämonischen Character spielen.

Das Sujet ist sehr frei behandelt, ganz nach eigener Erfindung. Es ist in Trimetern wie »Amleth« und »Das Land gefunden und verschwunden« geschrieben, und es spielt sowohl auf Island wie in Norwegen.

Bei Bing lasse ich von einigen alten Uebersetzungen: »Reinecke Fuchs«, »Götz von Berlichingen« und Shakespeare's »Sommernachtstraum« neue Auflagen besorgen. Reinecke Fuchs wird ganz umgearbeitet werden, denn es sind 40 Jahre her, daß ich ihn zuletzt Dänisch schrieb. Den »Sommernachtstraum« dagegen vermag ich nicht zu verbessern.

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[Sidenote: Reise in Schweden.]

Stockholm, den 13. Juli 1847.

Den Tag nach unserer Ankunft hier besuchten wir das Museum. Der alte Herr v. =Röck=, dessen Bekanntschaft ich vor 30 Jahren bei Frau v. =Arnstein= in Wien gemacht hatte, führte uns umher. Man gewinnt ihn lieb; er hat Sinn und Geschmack und große Liebe für das, was er vorzeigt; er ist auch nicht ohne einen gewissen naiven Humor. Die herrlichen Arbeiten von =Sergel= imponirten mir. Er war doch auch ein echter Bildhauer, größer als =Wiedewelt= und ging =Canova= und =Thorwaldsen= voraus. =Fogelberg's= kolossale nordischen Götterbilder haben zwar etwas Plumpes an sich, aber das Genie spricht aus ihnen.

Gestern (Sonntag) waren wir des Vormittags in der Ridder-Holms-Kirche, wo ich mit Ehrfurcht vor Gustav Adolph's Granit-Sarkophag stand und mit bewundernder Erinnerung und Neugierde das Loch im Hute Karl's XII. sah, und seine großen Stiefeln und die großen Schlüssel eroberter Festungen betrachtete.

Mittags waren wir zur Tafel bei Sr. Majestät. Nach der Mahlzeit überreichte ich ihm meine zwei neuen Tragödien nebst einem Gedichte, welches ich am Vormittage geschrieben hatte. Er dankte mir herzlich, drückte wiederholt meine Hand und er, sowie die Königin und die Prinzen, die höchst liebenswürdig sind, unterhielten sich eine Stunde lang mit mir.

Montag besuchten wir am Vormittage die Antiquitätensammlung, und am Mittage fuhren wir mit =Beskow=, der uns abholte, nach dem Thiergarten, wo Staatsminister =Due= uns eingeladen hatte. Unter anderm wurde Falerner Wein servirt, und hier nahm =Due= eine hübsche und schmeichelnde Veranlassung, mir ein Hoch im Weine des Horaz zu bringen. Den ganzen Nachmittag unterhielt ich mich mit Due, der ein charmanter Mann ohne allen Dünkel ist; er erzählte von der Reise, die er kürzlich mit seiner Frau und Tochter nach Afrika, nach Algier gemacht, wo sie sich köstlich amüsirt hatten.

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Stockholm, den 26. Juli 1847.

Ich habe wenig Zeit, Dir zu schreiben, will aber doch in der größten Eile Dir das Wichtigste, was sich mit uns ereignet hat, erzählen. Beim Könige war ich noch einmal zum Abschied. Er war sehr gnädig, führte mich in seinen Zimmern umher, zeigte mir seine Gemälde, sein Schlafzimmer u. s. w. Sonntag gingen wir auf dem Dampfschiffe mit =Beskow= nach Gripsholm. Montag mit dem Dampfschiff nach Upsala. Ein Gutsbesitzer Troil hatte die dänische Flagge aufgezogen und salutirte (auf der Rückreise kam er selbst an Bord und begrüßte mich). Ueber das mir zu Ehren veranstaltete Fest in Upsala kannst Du in den Zeitungen lesen. Am nächsten Tage reisten wir von Upsala nach Danemora, wo Baron =Tamm= uns empfing, und uns die Gruben zeigte. Ein Bergmann, der aus der Grube heraufgewunden wurde, kam mit der Axt auf der Schulter und überreichte mir ein Gedicht, und während ich dasselbe las, feuerte man zwanzig Kanonenschüsse unten in der Grube ab; es dröhnte als wollte die Erde auseinanderspringen. Auf der Reise von Danemora waren wir auf Odins Hügel bei dem alten Upsala, traten auch in denselben, sahen eine Urne mit Asche und leerten einen Becher mit Meth.

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Frederiksberg, den 16. Aug. 1847.

Die guten Schweden erwiesen mir, ebenso wie die guten Norweger, viele Ehre und Liebe bei meinem Aufenthalt in Schweden.

In den drei Wochen, die wir in Stockholm verbrachten, waren wir fast jeden Tag zu einem festlichen Diner. In der ersten großen Gesellschaft, die mir zu Ehren im Thiergarten veranstaltet wurde, saß ich zwischen dem alten =Björnstjerna= und dem Oberstatthalter Baron =Sprengtporten=. Als ein vortreffliches Lied von =Beskow= gesungen war, zeigte der alte Björnstjerna mit dem Finger auf eine der für mich ehrenvollsten Stellen und tippte eifrig darauf, und die Thränen standen ihm in den Augen, während er mich mit einem liebevollen Blick anlächelte. Ich erzähle dies, um der Herzlichkeit und Liebe Erwähnung zu thun, die stets mit der Ehre, die man mir erzeigte, verknüpft waren, und die mir theurer als diese Ehre selbst sind.

Es würde Dir viel Spaß gemacht haben, wenn Du bei dem Feste des Kunstvereins im botanischen Garten zugegen gewesen wärest; dort kamen die stockholmer Damen _en masse_ mit Blumen, die sie mir zuwarfen, während ich wohl sechs-, siebenmal die Runde unter ihnen machen mußte; es war ein wirkliches Gewimmel, sie füllten den ganzen Garten. -- --

Glaube nicht, meine liebe Maria, daß ich ein so eitler Mensch bin, dies höher anzuschlagen, als sich gebührt. Die große Menge läßt sich zu gewissen Zeiten von Denjenigen animiren, die das Wort führen und den Ton angeben. Ich erinnere mich sehr gut aus der Zeit, wo man mich verfolgte, wie eine große Menge junger Herren mich geringschätzte, ja fast verachtete, als sei ich schon verblüht; sie waren dazu von meinen Feinden und Neidern verleitet, welche kurze Zelt die Macht erhalten hatten, oder wenigstens das Wort führten. Dergleichen muß man für das nehmen, was es eben ist. Aber ein Gefühl, das nicht ganz ohne Realität war, glaube ich allerdings, theilten Alle. Alle glaubten, ich sei einer der ersten gewesen, der zu dem guten Verständniß zwischen beiden Nachbarländern beigetragen. Alle sagten sie mir das. Als wir zur Tafel beim Könige waren, und ich ihm nach der Mahlzeit das Gedicht überreichte, wovon ich bereits erzählt habe, machte es einen ersichtlichen Eindruck auf die ganze Königsfamilie, und die Königin sagte mit Thränen in den Augen zu William: »Ihrem Vater und =Tegnér= haben wir vor Allen für das gute Einverständniß zu danken.« Als William meine Tuchnadel, die ein wenig entzwei gegangen war, zu einem Goldarbeiter trug, betheuerte ihm derselbe gerührt, daß er keinen Pfennig dafür nehme. Als ich der Tochter unserer Wirthin die Miethe zahlte, wollte sie mir durchaus weinend die Hand für all die Freude küssen, die ihr meine Gedichte bereitet hatten.

Im Thiergarten speisten wir einmal in =Byström's= Villa. Ein schönes Haus hat er sich dort ganz im italienischen Style erbaut und mit einem großen Theil seiner Arbeiten in der Hoffnung geschmückt, daß König Karl Johann, der ihn sehr ehrte und königlich bezahlte, es kaufen sollte. Unglücklicherweise starb der König 14 Tage zu früh, sonst wäre es geschehen. Aber Byström ist so reich, daß es ihn doch nicht ruinirt.