Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4
Part 17
Jetzt beschloß ich also ihn zu besuchen. Er wohnt weit entfernt, an dem Bastillenplatze, ich fuhr in einem Fiaker dahin; sein Audienzzimmer ist groß; die Familie saß im Dämmerlichte und ein einladendes Steinkohlenfeuer flackerte im Kamine. Hier, eh noch andere Gäste kamen, sprachen wir denn endlich von Diesem und Jenem. Hier ist der englische Schauspieler Macready mit seiner Truppe angekommen, um Shakespeare'sche Stücke aufzuführen. Ich hatte ihn als Hamlet gesehen. Victor Hugo lobte ihn. Ich entgegnete freundlich: »Ich bitte um Verzeihung; aber ich kann nicht Ihrer Ansicht sein. Hamlet muß ein liebenswürdiger, junger Mann sein, voller Schwärmerei, Gefühl, Humanität -- er muß das Herz einnehmen, muß natürlich sein u. s. w. Macready ist alt, häßlich, affectirt, convulsivisch«. -- »_Vous avez raison_«, sagte Victor Hugo, ohne ferner seine Ansicht zu vertheidigen. Nun langten mehrere Gäste an, und damit war die Audienz zu Ende.
Es ist sonderbar mit diesen Franzosen; sie wissen gar nichts von uns Fremden, aber sie =wünschen= auch nichts von uns zu wissen; -- sie fragen nur, wie wir in Paris uns »amüsiren«. Victor Hugo hat eine schöne Frau; zwei hübsche Söhne, und eine allerliebste Tochter. Er ließ sich nun in Conversation mit seinen Damen ein, und bekümmerte sich nicht mehr um mich, und ich gesellte mich zu einem Herrn Ehrenbaum, einem deutschen Doctor. Ich betrachtete das Zimmer, welches das Ansehen einer großen Rumpelkammer hatte, in dem eine Menge alte Möbel zusammengetragen waren, unter andern auch ein Thronhimmel aus den Zeiten Ludwig XIII. Ich hielt mich nicht lange auf, aber Victor war doch so höflich, mich bis zur Thüre zu geleiten. Ich hatte weder Nasses noch Trocknes genossen; doch jetzt bekam ich Nasses genug, denn der Regen goß in Strömen herab. Ich kannte die Straße nicht und verirrte mich. Mitten auf dem Bastillenplatze blieb ich endlich vor einem hohen, ungeheuern, schwarzen Gegenstande stehen. Es war der große Elephant, den Napoleon hier aufstellen ließ, der mir durch seine Gegenwart sagte, daß ich mich verirrt hatte, und gerade nach der entgegengesetzten Richtung gehen sollte. Hier fand ich aber endlich, wie eine gebadete Maus, einen elenden Fiaker, mit dem ich nach Hause fuhr. -- Das war mir Alles ganz recht; was wollte ich dort? Ich habe viele von Victor Hugo's Werken wieder gelesen, obgleich ich bereits die Mehrzahl schon kannte. »Lucretia Borgia«, »Marion de Lorme«, »_Le roi s'amusé_«, »Marie Tudor«, »Ruiz Blas«, und ich befinde mich jetzt wieder mitten in seinem »_Notre Dame de Paris_«. Ich kann das Urtheil, das ich bereits früher über ihn ausgesprochen, nur wiederholen. Er ist ein Mann von Geist, von Feuer und Phantasie, und zweifelsohne derjenige der französischen Dichter, der das größte Talent besitzt. Aber er ist in einem hohen Grade bizarr und convulsivisch und alle seine Helden und Heldinnen sind tragische Carrikaturen. Die unglückliche Ansicht, das Moralische und Tugendhafte in der Poesie als etwas Bornirtes, Unpoetisches, ja fast Einfältiges und Dummes zu betrachten -- hat sich auch seiner bemächtigt. Weil so viele Stümper und Heuchler früher diese Motive zu flauen Affectationen =mißbrauchten= -- ist er und Consorten (denn diese Tendenz ist ja auch in germanischen und skandinavischen Ländern Mode) darauf gefallen, das Laster fast zu vergöttern. Er schildert das Laster ohne Abscheu und Verachtung, mit glänzenden Farben, und durch die Art und Weise, wie es dargestellt wird, spendet er ihm Achtung und Bewunderung, während das Gute und Edle bei Seite geschoben und wie etwas Veraltetes, das nicht mehr der Zeit angehört, fast verachtet wird! -- Leider, wenn es so fortgeht, so werden wir bald -- wieder Barbaren werden können. Barbaren? Nein, dazu fehlt uns die kräftige Naivetät und die entschuldigende Unwissenheit. -- Wieder wie die Thiere? Nein, dazu sind wir leider zu klug, zu erfahren und kenntnißreich. -- Aber spitzfindige Bestien und gebildete, feine Cannibalen, das =könnten= wir werden! Doch -- es hat keine Noth! Auch unser Zeitalter besitzt =eine große Masse= Menschen mit gesundem Sinn und Herzen, welche diese genialen Knabenstreiche verachten. In Victor Hugo's Dramen und Romanen findet man kaum einen Menschen mit gesundem Sinn und von honettem Charakter. Die Composition seiner Bühnenstücke ist sehr schwach und unnatürlich. Wenn Einer etwas erfahren soll, das er eigentlich nicht erfahren dürfte, so legt er sich auf der Stelle hin und =stellt= sich als schliefe er. Je nach dem Bedürfniß des Stückes springen die Personen aus Schränken, Wänden, Mauern u. s. w. hervor. Da es unmöglich ist, mit einer Tragödie irgend eine Wirkung zu bezwecken, wenn man das Herz nicht rührt, so wird solches denn auch durch diese oder jene edle Eigenschaft bei den lasterhaften Personen hervorgebracht. Aber wie -- z. B. -- kann man Mitleid mit einer Lukrezia Borgia fühlen, weil diese Furie, dieser tragische Ausbund in ihren eigenen Sohn verliebt ist, und die Schuld seines Todes trägt. Und so ist es überall. Zuletzt wird dem Laster immer etwas Erhabenes und Edles beigegeben, das unser Mitleid erwecken soll. Weder Aeschylos, Sophokles, Shakespeare oder Schiller haben so gedacht. Selbst bei dem katholischen Calderon überholte seine gute Natur die schiefe Bildung -- und, aller Vorurtheile, und alles Aberglaubens ungeachtet, schimmert das echt Humane bei ihm herrlich durch. Goethe neigte sich der Entschuldigung und der Idealisirung der Wollust in einigen seiner Werke zu. Eine gefallene Tugend -- wo der =Geist= noch tugendhaft ist! -- =kann= auch entschuldigt werden. Gretchen, Klärchen, die Bayadere sind schön und herrlich. Christus selbst entschuldigt die büßende Magdalena. Das ist aber etwas ganz Anderes, als Victor Hugo's Dirnen. Seine Dialoge sind übrigens geistreich und der Zwang des Reimes verhindert ihn nicht an einer natürlichen Diction. Es finden sich mehrere gute Scenen in seinen Werken, so z. B. König Ludwig, der Richelieu bis auf den Tod haßt und ihm doch blindlings gehorcht -- wie der Vogel, der in den Rachen der zischenden Klapperschlange hinabfliegt. Victor Hugo ist =interessant=. Man langweilt sich nicht mit ihm. Aber -- wenn man ihn gelesen, so hat man einen =bittern= Nachgeschmack, denn wodurch erweckt er besonders das Interesse? Durch das Grausenhafte! Seine Stücke sind meistentheils Hinrichtungsscenen. Man folgt ihm auf den Richtplatz. Er malt uns Alles aus: den Scharfrichter, das Beil, den Block, die Angst des Sünders, das Blut, das Grausen der Zuschauer; aber man schämt sich fast nach der Lectüre, bei einer solchen Hinrichtung zugegen gewesen zu sein, und wie Tiberius und Nero eine geistige Wollust in der Nervenerschütterung der Schrecken und in der Grausamkeit gefunden zu haben. Noch habe ich Victor Hugo's lyrische Gedichte zu lesen. Diese sollen edler, besser sein; die allgemeine Meinung hier ist, daß er eigentlich ein lyrischer Dichter ist. Es wird mich erfreuen, von ihm etwas Schönes zu lesen. =Die Schönheit= ist doch der Stoff aller Kunst; Tugend und Wahrheit wird als etwas veraltetes verworfen. Ist die Schönheit gleichfalls veraltet? -- Dann wäre es dem Loke geglückt, Ydun mit den Aepfeln wieder in Jothunheim in Ketten zu schmieden, und so könnte ja die ganze Natur veralten und ins Grab steigen. Das genialste Werk Victor Hugo's ist doch ohne Zweifel, der ungeheuren Mißgestalten und Auswüchse ungeachtet, sein Notre Dame de Paris. Es ist kein Kunstwerk; es ist ein unordentliches Magazin von Studien, welche mehr denn zur Hälfte das Buch füllen, und die gemacht sind, während er dasselbe schrieb. Die Ideen über das Romantische, über die alte Baukunst des Mittelalters hat er, aus unzusammenhängenden Mittheilungen und Traditionen, doch aus Deutschland geholt und in seiner Weise zugestutzt. Seine Abhandlung über die Architektur ist bis auf wenig Einfälle eine übertriebene Phantasterei. Wenn man weiß, was in dieser Richtung geschehen ist, seitdem Goethe seine kleine Abhandlung über Straßburg schrieb, und was später Wackenroder, Tieck, die Schlegel, Künstler und Kunstkenner wie der Architekt Moller, die Gebrüder Boisserée, wie in München die ausübenden Künstler geleistet haben, so wird Victor Hugo's Gerede davon kindisch und unwissend. Höchst sonderbar ist auch die Herzlosigkeit, die sich überall in dem Werke zeigt, der totale Mangel an religiösem Gefühl, wenn er z. B. die alte herrliche Kirche Notre Dame betrachtet -- die ihm doch zu dem Ganzen begeistert hat, und diese edle, würdige Gedenktafel der Kunst nicht allein mit seinem abscheulichen, einäugigen, buckligen, rothhaarigen, tauben, boshaften Quasimodo vergleicht, sondern diese Bestie, als den Genius der Kirche hinstellt und sagt: »_A tel point que, pour ceux, qui savent que Quasimodo a existé, Notre Dame est aujourd'hui déserte, inanimée, morte. On sent, qui'l y a quelque chose de disparu. Ce corps immense est vide, c'est un squelette; l'=esprit= la quitté, on en voit la place, et voila tout. C'est comme un crane, ou il y a encore des trous pour les yeux; mais plus de regard._«
Eine solche Art des Fühlens und des Denkens findet man überall im Buche. Aber das Buch ist interessant, weil es gute Scenen, einige gute Charaktere besitzt, und weil es ein Bild des pariser Lebens der damaligen Zeit giebt. Seine Leser in dieser Weise zu unterhalten, indem er nämlich seinen Roman zu einer Zeitschilderung macht, in welcher das individuell Historische hervortritt, hatte Victor Hugo von Walter Scott gelernt. Aber wie weit schöner und besser malt nicht dieser! Bei Walter Scott tritt immer das Schöne, das Edle als die Hauptsache hervor. Victor Hugo schildert den Crapule; in seinen Dramen, in =aristokratischer= Weise, den =vornehmen= Crapule, der nur die Wollust und die großsprechende dumme Courage kennt, um unbedingt, Alles aufopfernd, seinem einzigen Abgotte, seinem Dalai-Lama, seinem Vitzli-Putzli -- dem _Point d'honneur_ zu huldigen. Hier in Notre Dame wimmelt es von =Pöbel=, von europäischen Cannibalen. Aber das historische Colorit und einige gute Erfindungen machen es amüsant zu lesen, so ist z. B. die Scene mit dem zerbrochenen Kruge vorzüglich. Die schönste aller Schilderungen Victor Hugo's findet sich gleichfalls in diesem Buche: »Esmeralda«, die einzige eigentlich anmuthige und unschuldige Schöpfung, die seiner Phantasie entsprungen. Sie giebt Veranlassung zu vielen schönen, echt poetischen Scenen. Wie diese seine anmuthige Schöpfung in menschlicher Weise entstanden ist und in dem wildesten Crapule leben und gedeihen kann, ist eine andere Frage. Wie sie schuh-, strumpf- und handschuhlos noch immer eine fast soignirte Schönheit bleiben kann -- da sie doch keine Fee ist -- darüber die Natur zu fragen, würde wenig nutzen; denn dieselbe leiht den Erfindungen Victor Hugo's nur flüchtige Züge. Wir könnten ebenso leicht fragen, wie dieser elende, bucklige Quasimodo so ungeheure Kräfte besitzen kann. Aber -- Esmeralda ist voller Anmuth -- und hatte Victor Hugo auch nur sie allein geschildert, so war er schon dadurch Dichter. Einzelne Scenen mit ihr sind sogar meisterhaft, z. B., wo Phöbus sie vom Thurme zu den vornehmen Damen ruft; auch ihr Tod ist schön.
Aber, du lieber Gott, ich bin ja in eine lange Abhandlung gerathen, die den Briefton ganz verläßt! Jedoch -- derselbe berührt etwas, allen denkenden und fühlenden Menschen unserer Zeit sehr Wichtiges: Das -- in höherer Bedeutung -- Sittliche, das in der engsten Bezeichnung zum Guten und Frommen steht.
Ich erinnere mich noch bei dieser Gelegenheit einer Aeußerung des Königs Louis Philipp gegen mich, die Ihr nicht ohne Interesse lesen werdet. Er klagte gleichfalls, indem er von dem Zeitgeiste sprach über _les moeurs et les théâtres_, und zuckte dabei mit den Achseln. Ich machte die Bemerkung, daß es gewiß schlimm und gefährlich sei, die Laster und die Ausschweifungen nur von einer brillanten Seite zu schildern. »Ich werde Ihnen eine Anekdote erzählen«, sagte der König, »die sich kürzlich hier ereignet hat. Ein junger Mann hatte eine Tante, die ihn sehr liebte. In einem schwachen Augenblicke vertraute sie ihm an, daß er in ihrem Testamente zum Universalerben eingesetzt sei. Kurz darauf stirbt die alte Tante; man findet, daß sie vergiftet ist, stellt eine Untersuchung an, und entdeckt, daß der junge Mann seine Wohlthäterin vergiftet hat. Er wird gefänglich eingezogen, zeigt aber -- als die Thatsache hinlänglich erwiesen ist -- nicht die geringste Trauer oder irgend eine Art von Gewissensbissen. In einem süßen menschenfreundlichen Tone betheuert er, die That vollbracht zu haben, um seiner Tante gefällig zu sein, weil sie alt und schwächlich, von den Krankheiten ihres Alters zu leiden hatte, und -- weil sie doch so wie so baldigst hätte sterben müssen. Er hatte das Gift an einem Lamme versucht, das er gleichfalls sehr lieb hatte; dasselbe sei, wie später die Tante, ohne Schmerzen gestorben, und sie sei ihm also, aufrichtig gesprochen, noch obendrein verpflichtet, weil er ihr einen angenehmen, ruhigen und schmerzlosen Tod verschafft habe! Wie gefällt Ihnen das?« fragte der alte König, nachdem er die Geschichte beendet hatte, und blickte mir dabei mit wahrem Menschengefühl ins Auge.
Ich nenne ihn alt, er ist auch alt; doch, weit entfernt schwach zu sein, ist er ein kräftiger Mann. Als ich ihm mit einer gewissen Eitelkeit erzählte, daß ich fünfundsechzig Jahre alt sei, rief er mit fröhlichem Stolze: »Aber ich bin einundsiebenzig.«
[Sidenote: Spontini.]
Eines Abends war ich in Gesellschaft bei dem reichen Instrumentenmacher =Erard=, woselbst sich, wie Jemand sehr witzig sagte, dreitausend Freunde versammelt hatten. Die Einladung zu diesem Balle hatten wir =Spontini=, dem Schwager Erard's, zu verdanken. Er ist ein Mann von wahren Verdiensten. »Die Vestalin« ist ein Meisterstück, und »Ferdinand Cortez« ist ausgezeichnete Musik. Er soll in seinem Vaterlande viel Gutes geübt haben, weshalb der Papst ihm den Grafentitel verlieh. Er war in Berlin Musikdirector und wollte -- laut seines Contractes -- nicht dem Theaterchef Graf Redern weichen. Hier verlief er sich durch die Behauptung, der König selbst vermöge nicht, sein ihm gegebenes Wort zurückzunehmen, wenn auch derselbe den Willen dazu habe. Spontini's Feinde verstanden diese Aeußerung in ein _crimen laesae majestatis_ zu verdrehen. Es wurde eine Commission niedergesetzt, man sprach von neun Monat Gefängniß in Spandau. Darauf wurde die Sache vom König selbst niedergeschlagen. Spontini erhielt seinen Abschied und bekam seinen ganzen, bedeutenden Gehalt als lebenslängliche Pension; jetzt lebt er auf einem großen Fuße in Paris.
[Sidenote: Madame Constant.]
Ich habe bereits in früheren Briefen meiner treuen Freundin, =Madame Constant=, der Wittwe Benjamin's, gebornen Comtesse Hardenberg, Erwähnung gethan. Sie ist eine freundliche, gastfreie, alte Frau, die noch einen muntern Geist besitzt, aber in einer sonderbaren Weise ganz ihr Gedächtniß -- vergessen hat! Doch kehrt dasselbe mitunter zurück. Aber -- sonderbar genug! -- ich wurde empfangen und wie ein alter Freund in die Familie aufgenommen; jedoch einmal während eines Gesprächs mit mir hatte sie ganz vergessen, daß wir einander vor achtunddreißig Jahren gekannt hatten, trotzdem dies gerade der Grund des liebevollen Empfanges war. Einst frug sie mich -- obwohl, wie es der liebe Gott weiß, mein Französisch, bei weitem nicht klassisch ist, ob ich auch Deutsch spräche. Wir hatten schon sehr oft Deutsch mit einander geredet. Sie ist noch aus der alten, höflichen Schule, sogar dermaßen, daß sie ihre Katze Mademoiselle und ihren Bedienten Monsieur nennt. »_Merci Monsieur_« sagt sie oft, wenn ihr derselbe einen Teller reicht. Doch dies Letztere könnte man vielleicht eher der neueren Gleichheit, als der alten Höflichkeit zuschreiben. Eine komische Anekdote gab hier in der Gesellschaft Veranlassung zu vielem Lachen. Die gute, alte Frau läßt ihren Gästen nicht allein einen guten Rothwein, sondern gewöhnlich auch ein Glas Champagner einschenken. Nun war ihr der Champagner ausgegangen, und sie schrieb deshalb an ihren Commissionair. Sie hatte schreiben wollen: _Faites-moi un envoi, comme le dernier_. Aber, da sie sehr _distrait_ ist, schrieb sie: »_Faites-moi un enfant, comme le dernier_«. Dieser naive Wunsch einer Frau ihres Alters konnte nicht anders als das Zwergfell Derjenigen erschüttern, die den Brief gelesen hatten.
[Sidenote: Gräfin Bourke.]
Gestern (den 17) waren wir zu einem Fest bei der =Gräfin Bourke=. Vor einiger Zeit hatte ich bei ihr zu Mittag gespeist; doch die gestrige Einladung galt keiner Mahlzeit wo man ißt, sondern »wo man selbst gegessen wird«, wie Hamlet sagt -- denn es war eine Einladung ihres Verwandten und Erben, des jungen Grafen Bourke, sie zur letzten Ruhestätte zu geleiten. Sie war eine alte einundachtzigjährige Frau. Als wir in das Trauerhaus traten, verletzte uns der Mangel an Feierlichkeit. Es waren keine Trauergardinen, keine Trauermäntel zu erblicken und das Gefolge trat, in seinem gewöhnlichen, täglichen Anzuge auf die Straße, fast wie zu einem Judenbegräbniß, heran, Einige in blauen, Andere mit grauen Beinkleidern -- Alle aber mit schwarzen Handschuhen angethan. Außen am Hause waren einige schwarze Teppiche mit silbernen Fransen aufgehängt, der Sarg stand im Thorwege, der in eine schwarze Trauerhalle verwandelt war. In dieser Weise begleiteten wir zu Fuße die selige Gräfin. Aber die schöne Magdalenenkirche war in der Nähe; =hier= fanden wir die Feierlichkeiten. Die Kirche war mit schwarzen Teppichen, mit dem Wappen der Verstorbenen geziert, und inmitten derselben, von unzähligen Wachskerzen umstellt, wurde der Sarg unter einen prächtigen Katafalk gestellt, der hoch in das Gewölbe hinaufragte. Schöne, alte Seelenmessen und Hymnen erklangen aus den kräftigen Baßstimmen der Mönche mit den Discanten der Knaben; es war dies keine moderne Kirchen-Theater-Musik. Hätten nur nicht die Pfaffen den Eindruck durch =ihre= Manövers verdorben. Bald verbeugten sie sich vor unserm lieben Herrgott nach rechts, nach links, bald schritten sie dorthin, bald dahin; dann mußten die Knaben mit Kerzen die Stufen bald hinab, bald hinan steigen. Mir kam es vor, als suchten sie den Herrgott und -- als sei er nicht zu Hause und sie müßten warten, bis er käme. Endlich trug man den Sarg aus der Kirche auf den Leichenwagen, nachdem erst das ganze Gefolge ihn mit einem Weihwedel besprengt hatte. Es ist dies ein schönes Bild der persönlichen Theilnahme. Diese schuldet jeder Mensch dem andern an der hohen Pforte der Ewigkeit, und als solche bedienten William und ich, obgleich Protestanten, uns gleichfalls des Weihwassers. Des echten Weihwassers erblickte ich in der ganzen großen Versammlung nur zwei Tropfen, in den Augen des jungen Bourke, als der Sarg hinausgetragen wurde. Die Verewigte war ihm eine gute Tante gewesen: Grafentitel, Reichthum -- Alles hatte er ihr zu verdanken.
[Sidenote: Brüssel.]
Kopenhagen, den 20. Mai 1845.
-- -- In einem meiner frühern Briefe habe ich erzählt, daß König Louis Philipp mich, als ich einmal bei ihm zur Tafel war, bei der Hand faßte und zu einem Manne führte, der sehr freundlich mit mir sprach, meine Schriften in der deutschen Ausgabe gelesen hatte, und mich bat, ihn zu besuchen. Ich kannte ihn nicht, aber später fand ich heraus, daß es der König von Belgien sein müsse. Die Reise ging also jetzt wieder über Brüssel. Ich war etwas unruhig über diese Einladung, weil ich es immer hinausgeschoben hatte, mich näher zu erkundigen, und jetzt, da es zum Treffen kam, nicht genau wußte, ob es auch wirklich der König sei, der mich eingeladen hatte. Ich studirte vorher Kupferstiche und Büsten -- mitunter fand ich Aehnlichkeit mit dem hohen, großen Manne, der mich eingeladen hatte, mitunter nicht. =Coopmans=, unser _Chargé d'affaires_, kratzte sich auch hinterm Ohre, und sagte: es sei so nicht die Gewohnheit des Königs. Ich antwortete: dann erzeigen Sie mir die Güte, den König zu fragen, ob er es erlaubt, daß ich ihm meine Aufwartung mache, indem ich durch das Land reise. Dies fand =Coopmans= in der Ordnung; ich wurde zur Audienz angesagt. Es war ganz richtig. Der König sprach lange und freundlich mit mir. Einige Tage darauf wurde ich zur Tafel geladen, wo ich die Königin, die Tochter Louis Philipp's, sah -- eine sehr gutmüthige, freundliche Dame -- und am Tage darauf reiste ich ab[2].
[2] Kurz nach der Rückkehr von dieser Reise wurde Oehlenschläger zum Offizier des Leopold-Ordens ernannt.
[Sidenote: Hamburg.]
Jetzt bekam ich gleichfalls Lust, wenigstens ein Stück von Holland zu sehen, umsomehr, weil es weder mehr Mühe noch mehr Geld erforderte. Wir reisten über die alte Stadt Antwerpen nach Amsterdam, einer interessanten Stadt, die fast aus lauter Kanalstraßen und Alleen besteht. Ich war auch hier genöthigt, einige Tage zu bleiben, um das Dampfschiff, das nach Hamburg ging, zu erwarten. Die holländische Sprache gefiel mir; sie klang mir wie Englisch, ohne französische Beimischung. Endlich kam das Dampfschiff an, wir gingen an Bord und erreichten bald und glücklich Hamburg, das ich gar nicht wiedererkannte; wir stiegen in Streit's Hotel am Jungfernstieg ab. Ich besuchte den Theater-Director =Cornet=, der uns gleich Freibillets gab, aber bedauerte, daß wir uns diesen Abend mit seiner kleinen Loge auf der Bühne selbst begnügen müßten. Sämmtliche Billets des ungeheuern Theaters waren schon vergriffen, Jenny Lind sang die Norma. Dort saß ich nun und sah die liebliche nordische Jungfrau nach allen den französischen Talenten -- aber sie hat auch Talent und ein gutes Spiel unterstützt ihre ausgezeichnete Stimme. Es schien mir, als sei =Freia= von Walhalla herabgestiegen, um einmal die südlichen Musen zu vertreiben. Als der erste Act aus war, hätte das ganze hamburgische Publikum mich beinahe an ihrer Hand zu sehen bekommen, denn ich lief auf sie zu, und ergriff ihre Hand in demselben Augenblick, als der Regisseur: »von der Bühne« rief, denn sie sollte nach deutscher Sitte hervorgerufen werden. Sie wußte gar nicht, was es für ein Mann sei, der sie so vertraulich anredete und ihr in nordischer Sprache dankte; als sie mich aber erkannte, freute sie sich, und gedachte des Abends, den sie vor einigen Jahren bei mir verbracht hatte.
Die Schauspieler wollten durchaus Correggio vor mir spielen, und somit geboten mir Höflichkeit und Dankbarkeit, einige Tage länger als bestimmt war zu verweilen. =Baison= spielte die Titelrolle gut aber ein wenig zu sentimental. Bei dem Conferenzrath =Donner= auf Neumühl war ich zu Mittag eingeladen; er hat dort eine herrliche Villa an der Elbe mit Arbeiten von Thorwaldsen und Nissen geschmückt. Etatsrath =Nagel=, der in frühern Tagen Amanuensis bei =Brandis= war, gab uns ein prächtiges Frühstück und fuhr uns nach Blankenese. Weil ich von Brandis rede, muß ich eine Anekdote erzählen. Als er in den letzten Athemzügen lag, sagte er: »Der dumme Apotheker N. N. sagte immer die meisten Menschen stürben gegen Mitternacht; und nun kriegt der verfluchte Kerl auch Recht, was mich betrifft, denn ich werde auch ungefähr zwischen 11 und 12 sterben.«
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[Sidenote: Skandinavisches Studentenfest.]
[Sidenote: Ein sonderbarer Traum.]
Fasanenhof, den 5. Juli. 1845.
Meine liebe Maria!