Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4
Part 16
-- -- Da ich weder die Gewohnheit habe, mich selber hervorzudrängen, noch mich zurückzuziehen, wo es Gelegenheit giebt, ausgezeichnete Menschen kennen zu lernen, so hatte ich fast viertehalb Monate in Paris verbracht, ohne den vielgerühmten König Louis Philipp zu sehen, oder zu sprechen, der nach seinem Besuche in England sich einige Zeit in Eu aufhielt und später nach Saint-Cloud kam. Eines Tages trat unser Minister Herr von Kofs bei mir ein und erzählte, daß Seine Majestät den Wunsch geäußert hätte, mich zu sehen, daß er deshalb mich und William nach Saint-Cloud führen wollte. Herr von Kofs machte uns darauf aufmerksam, daß es eine Auszeichnung sei, sofort zu dem Abendzirkel des Königs zugezogen zu werden. Wir fuhren also am nächsten Abend um acht Uhr nach Saint-Cloud und gelangten auf einer schönen, geheitzten Treppe durch prächtige Zimmer in das Allerheiligste. Hier saß die edle alte Königin mit schneeweißen Haaren an einem großen Tische und legte ganz still für sich mit zwei Spiel Karten Cabala. Die Schwester des Königs, Madame Adelaide, legte auch Cabala mit wenigeren Karten, und die Herzogin von Nemours, sowie die Prinzessin von Joinville, waren mit Handarbeiten beschäftigt. Wir wurden der Königin vorgestellt, die sich sogleich nach dem Befinden unseres Königspaares erkundigte, und sich mit vieler Liebe dessen Aufenthaltes in Paris erinnerte. Darauf stellte uns Herr von Kofs Madame Adelaide vor. Kurz darauf kam ein etwas bejahrter, rascher, starker Mann mit weißem Barte und Haaren, die zu ergrauen begannen, munter und schnell herein. Er war ganz bürgerlich gekleidet, die Uhrkette in ein Knopfloch der Weste eingehängt. Sein Gesicht war frisch und gesund, freundlich und lebhaft. Er grüßte uns als seien wir alte Bekannte gewesen, und leitete sogleich ein Gespräch über Dänemark und Norwegen und seinen dortigen Aufenthalt ein. Er sei in Kopenhagen unter dem Namen »Möller« gewesen, habe auf dem großen Markte gewohnt, Vahl und Suhm besucht, und sei überhaupt überall herumgewesen. Als ich die Bemerkung machte: »Majestät finden gewiß nicht, wie so viele Franzosen, die es nicht kennen, daß Dänemark ein schlechtes Land ist,« sagte er: »Es ist ein schönes Land, besonders Fünen; es ist die schönste Insel, die man sich denken kann.« Er lobte gleichfalls Seeland und Holstein; er erzählte, daß er ein Creditiv auf das Haus de Conink gehabt habe -- dasselbe sei nicht groß gewesen. Als er mit einem Schiffer von Kopenhagen abreisen wollte, und keinen Paß hatte, bemerkte ihm dieser: »Sie sind gewiß ein junger Mensch, der dumme Streiche gemacht hat.« In dieser Weise sprach er eine ganze Stunde freundlich mit uns. Des schönen Norwegens und seines Aufenthalts bei den braven kräftigen Leuten erinnerte er sich gleichfalls mit großem Interesse. Als er sich zurückzog, bat er uns, den nächsten Abend im Theater zu erscheinen. Wir verbeugten uns dankend, erschienen auch am nächsten Abend in der prächtigen Versammlung. In Saint-Cloud ist es bei dergleichen Vorstellungen so eingerichtet, daß die königliche Gesellschaft sich von den Gemächern in die erste Etage begiebt; das Uebrige ist dem Publikum eingeräumt. Aufgeführt wurde: »Schwank über Schwank«, ein Stück, das in meiner Jugend bei uns oft gespielt wurde. Der König liebt das Alte. Ein anderes, kleineres Stück, das gespielt wurde, war nicht viel werth. Der König, der mir auch hier sehr freundlich entgegentrat, erzählte mir, daß dieses Stück von dem Sohne eines seiner alten Schulkameraden geschrieben sei. Er ließ sich noch ferner mit mir in ein Gespräch ein, und als England und dessen große Macht im Laufe desselben genannt wurde, und ich England das moderne Karthago nannte, sagte er scherzend: »Aber wir wollen doch nicht sagen, wie jener Römer: _delenda est_; ich halte auf den Frieden.« Da ich eine friedliche Haut bin, so konnte ich mich nicht enthalten zu sagen: »Gott segne Ew. Majestät dafür«. Kurz darauf wurde der Hof nach Paris verlegt und es dauerte nicht lange, so wurde ich zur königlichen Tafel zu einem großen Diner eingeladen. Ich hatte vorher die Bekanntschaft der alten Marquise Dolomieu, Hofdame der Königin gemacht. Sie war die einzige, die ich kannte; sie nahm sich meiner sehr freundlich an und als wir zur Tafel gehen sollten, ergriff sie meinen Arm und machte sich selbst zu meiner Tischnachbarin. Es war eine außerordentlich reiche Tafel; der Tisch strahlte von Gold u. s. w. Wir saßen in dem großen Speisesaale, wo auch Napoleon gesessen hatte. Die Tafelmusik war schön und es rührte mich, als zuerst »_O Richard, o mon roi! l'univers d'abandonne_« gespielt wurde -- nach der Mahlzeit stand ich in einem Winkel im großen Saale, woselbst der Kaffee servirt wurde. Der König arbeitete sich durch die Menge zu mir heran, faßte mich bei der Hand und führte mich aus meinem Winkel ein gutes Stück nach der Mitte des Saales, wo er mich einem hohen, schönen Manne vorstellte und davon ging. Der große Mann erzählte mir auf Französisch, daß er alle meine deutschen Arbeiten kenne, und bat mich, ihn zu besuchen. Ich glaubte, es sei eine fürstliche Person von hier und sagte: »Ich würde die Ehre haben«. Ich war der Ansicht, daß er einige Straßen weiter wohne. Er verabschiedete sich freundlich von mir. Später sah ich, daß ein Hofmann ihn mit großer Ehrerbietung anredete. Aber noch ging mir kein Licht auf. Erst zwei Abende später, als ich in der _Opéra comique_ in den Zwischenakten im Moniteur las, daß der König und die Königin von Belgien wieder abgereist waren, rief ich aus: »Hättest Du Dir nicht denken können, daß es ein König sein mußte, dem der König Dich vorstellte!« Und ich hatte mit ihm gesprochen wie mit einer Privatperson; -- _Vous_ gesagt und nicht einmal _Monseigneur_. Aber jetzt muß ich doch über Belgien nach Hause zurückkehren, um ihn zu besuchen.
Bei dem Herzoge von Nemours waren wir kurz darauf zum Konzert eingeladen. Er ist sehr freundlich und artig, ein schöner blonder, junger Mann, doch sieht er nicht so zutraulich aus, wie der Vater, wie Joinville und Aumale. Man sagt, daß er schüchtern und verlegen ist; er steht gewöhnlich mit gekreuzten Armen; seine Gemahlin ist eine Schönheit.
[Sidenote: Besuch bei Ludwig Philipp.]
Weil nun der König mir so viele Freundlichkeit erwiesen, hielt ich es auch für meine Pflicht, mich, wie es Sitte ist, in den ersten Tagen des Jahres aufs Schloß zu begeben und dort meinen Neujahrswunsch darzubringen. Gaimard kam und holte mich und William ab; er war in Uniform, William gleichfalls; aber ich hatte keine und Gaimard sagte: »Ich könnte schon in meinem schwarzen Frack erscheinen«. Aber was geschah? In dem Vorsaale wurde ich von einem Kammer- oder Hoffourir sehr artig angehalten, indem derselbe mich fragte, ob ich Deputirter sei? Als ich verneinte, zuckte er die Achseln und bedauerte, daß ich alsdann nicht vorgelassen werden könnte, da Alle in Uniform sein müßten. »Ich habe keine«, antwortete ich, und wollte bereits wieder umkehren. Gaimard, der ein gutmüthiger Kauz ist, begann den Lakaien auf der Treppe zu erzählen, daß ich ein großer Dichter, _le Corneille de Danemarc_ sei. »_Je'n suis sur_«, antwortete einer der Lakaien, aber sie hätten doch keine Ordre, den dänischen Corneille einzulassen. Gaimard wollte durchaus erst mit einem Adjutanten reden; da dieser aber ebenfalls Nichts ausrichten konnte, entschlüpfte ich Gaimard und begab mich nach Hause. William begleitete mich, obgleich er hätte bleiben können, weil er in Galla war. Aber ich warf mich selbst in die äußerste Finsterniß, woselbst -- wenn auch nicht Heulen, doch Zähneklappern war, denn es war kalt. Indessen hatte Gaimard die Hoffnung noch nicht aufgegeben; er sprach wiederholt mit einem Adjutanten, der es dem König berichtete, und dieser befahl sogleich, daß man mich einlassen sollte. Aber fort war ich.
Einige Tage später war wieder ein Hofball in Uniform, zu welchem wir eingeladen wurden. Obgleich nun der König mir erlaubt hatte, in schwarzem Fracke, wie ein Deputirter zu erscheinen, so wollte ich mich doch ein wenig putzen -- denn ich hatte gehört, man könne sich ein _habit de goût_ machen -- da ich aber keinen Gout an Dem fand, was der Schneider forderte, um meinen neuen schwarzen Frack zu verderben, so miethete ich einen dreieckigen Hut, decorirte denselben mit der Danebrogs-Kokarde, miethete mir gleichfalls einen Hofdegen, und in diesem Anzuge begab ich mich aufs Schloß. Der Hoffourir wollte mir auf der Treppe nachsetzen, fragte aber doch erst William, der hinter mir in Scharlach ging: »Ist das der dänische Poet?« und als er bejahte, zog er sich mit den Worten zurück: »Er darf hinein«. So stolzirte ich also in dem ungeheuren Gewimmel von Uniformen umher, und wäre für einen Deputirten gehalten worden, wenn nicht meine fremden Orten, die ich, um mir doch ein Relief zu geben, angelegt hatte, den Scharfsinn der Pariser in Verlegenheit gesetzt hätten; sie betrachteten mich verwundert und wußten nicht, welchem der fünf Sinne angehörend sie mich betrachten sollten, ob dem Gesicht, Geruch, Gehör, Gefühl oder Geschmack. Daß es der Geschmack sein sollte, begriffen sie, trotz meines _habit de goût_ wohl nicht. -- Ich habe zu erzählen vergessen, daß ich es für meine Dichterpflicht hielt, dem König Ludwig Philipp, der mir so viele Achtung und Freundlichkeit erwiesen hatte, dieselbe nach Kräften ein wenig zu vergelten, d. h. ihm einige Verse zu widmen, worin ich ohne Schmeichelei und auch ohne Kriecherei sein Verhältniß zu meinem Vaterlande und zu mir poetisch aussprach. Ich schrieb also ein solches kleines Gedicht ohne Ueber- und Unterschrift, und nahm dasselbe mit mir, als ich zur Tafel beim Könige war. Während des Gesprächs mit ihm -- wir standen allein in einer Nische -- sagte ich: »Majestät, ich habe ein kleines Gedicht an Sie geschrieben«. -- »Haben Sie es bei sich?« »Ja, ich habe es in der Tasche«. -- »Geben Sie es mir gleich; ich werde es in meinen Hut legen, so wird es Keiner gewahr werden«. Ich gab ihm die Verse. Sie waren in deutscher Sprache und lauten:
Vor Frankreichs König soll ich stehen, Er will den Dänendichter sehen, Den Pilger, seinem Schlosse nah; Sein Geist lebt nicht in engen Schranken, Er ist der erste Fürst der Franken, Der Dänemark und Norweg sah.
Sonst fragte man nach Norden wenig, Er ist der erste Frankenkönig, Der unsre ferne Sprache kennt. Noch denkt er oft in heitern Stunden, Wie dort er Ruh und Trost gefunden, Als düster war sein Firmament.
In Norweg, wo er oft gesessen In Hütten, wird er nicht vergessen; Ludwig Philipp! Man nennt Dich gern; Und zeiget aus dem stillen Thale Nach Deines Ruhmes breitem Strahle, Du funkelst jetzt als Abendstern!
Kennst Deutschland, Deutschland kennt Dich wieder, Du hörtest seine besten Lieder, Wo Tell gelebt und Winkelried, So wagt sich auch getrost der Däne, Und reicht dem Herrscher an der Seine In deutscher Zung' ein kleines Lied.
Der Skald des Winters, Sohn von Brage, Wünscht Ludwig -- schöne Wintertage! Denn schön ist auch des Winters Fest: Trägt Frieden in dem weißen Schilde! Die Sonne scheint und macht ihn milde, Und tödtet jede Seuch' und Pest!
Einige Tage darauf hatte ich bei der Herzogin von Orleans, die ich bei den Hoffesten nicht gesehen hatte, eine Privataudienz. Sie kam mir sehr freundlich entgegen, redete mich gleich Deutsch an, sprach sehr anerkennend von meiner Dichterwirksamkeit und als ich fragte, ob Ihre Königliche Hoheit einige meiner Arbeiten kenne, sagte sie: »Ja, Alles was Deutsch geschrieben ist -- die dänische Sprache verstehe ich leider nicht. Ich bin gerade jetzt bei einer Erzählung von Ihnen, welche ich mit großem Vergnügen lese, und ich erzähle sie meinem Sohne unter dem Lesen wieder«. Als sie nicht den sonderbaren, fremden Namen aussprechen konnte, fragte ich, ob es Oervarodd sei. »Ja, ja Oervarodd«, antwortete sie freundlich lächelnd. -- Der kleine Graf von Paris wird, wie recht und billig ist, als künftiger König von Frankreich während seiner ersten Kinderjahre ganz Französisch erzogen. Die Mutter spricht nur Französisch mit ihm und jetzt übersetzt sie ihm den Oervarodd. Sie ist eine außerordentlich reizende, geistreiche Dame, und besitzt den edelsten Charakter. Als sie hörte, daß ich eine kleine dänische Tragödie hier geschrieben, und dieselbe bereits ins Deutsche übersetzt hätte, bat sie mich, ihr das Werk, wenn es gedruckt sei, zu senden. Sie erzählte mir, daß der König ihr mein kleines Gedicht an ihn gezeigt und daß es sie Alle sehr erfreut habe.
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[Sidenote: Die Brüder Rothschild.]
Bei dem Diner beim Könige von Frankreich war ein kleiner Mann mit großen klugen Augen und einem Sterne auf der Brust zugegen. Er starrte mich mitunter an. Als der König mit mir gesprochen hatte, kam dieser Mann auf mich zu und fragte, ob ich ihn nicht besuchen wolle. Ich dankte verbindlichst und fragte, mit wem ich die Ehre zu sprechen hätte. »=Rothschild=«, sagte er. Welcher Zauber liegt nicht in diesem Namen! Als Klopstock seine Ode »die Gräber Rothschild's« schrieb, dachte er gewiß nicht, daß dieser Mann in der Weise in der Geschichte strahlen sollte.
Als ich mich jetzt durch den Namen gewissermaßen in landsmannschaftlichen Beziehungen zu dem berühmten Hause fühlte, so nahm ich das Anerbieten an, und besuchte James Rothschild einige Tage später auf seinem Comptoir. Dort saß er vor dem einen, und sein um zwanzig Jahre älterer Bruder Salomon vor dem andern Pulte. Der Bruder hatte kaum zwei Worte mit mir gesprochen, so lud er mich auf zwei Tage später zu Mittag ein. James sandte einen Hausfreund, einen Advocaten Joël, zu seiner Frau, um zu erfragen, wenn es ihr genehm sei. Und es wurde dann sofort gleichfalls entschieden, daß ich andere zwei Tage später bei James sein sollte. Joël ist ein Schöngeist; ein Wiener, der bei den für mich in Wien arrangirten Festlichkeiten zugegen war. Salomon ist ein gutmüthiger Sonderling. Vor der Mahlzeit saßen wir und plauderten. »Ja«, sagte er auf Deutsch -- bei ihm wurde heute nur Deutsch gesprochen, ungeachtet vierzehn Personen zugegen waren -- »es ist gut genug, reich zu sein, es hat seine Annehmlichkeiten, seine großen Annehmlichkeiten, aber, glauben Sie mir, auch seine großen Lasten. Wir hätten ja, was uns selbst betrifft, nicht nöthig, die Geschäfte fortzuführen; da aber das Wohl so vieler Menschen davon abhängt, so fühlen wir, daß es eine moralische Pflicht ist. Ich arbeite viel und mein Bruder James reibt sich ganz auf; er arbeitet täglich von 8 bis 5 Uhr im Büreau.« Als wir später von den Merkwürdigkeiten von Paris sprachen, sagte er: »Ich bin jetzt hier seit 1811 gewesen und habe noch gar keine Merkwürdigkeiten gesehen. Ich bin noch nie in Versailles gewesen«. Dagegen besitzt er selbst solche Feenpaläste in Paris, Frankfurt und Wien. Als wir gespeist hatten und die Uhr halb 9 geworden war, frug er bei dem Kaffee: »Was machen Sie jetzt, wenn Sie nach Hause kommen?« -- »»Ich lese etwas und trinke später eine Tasse Thee««. -- »Das thue ich nicht,« antwortete Salomon, »ich gehe zu Bett. Ich gehe jeden Abend um 8-1/2 Uhr zu Bette und stehe um 4 Uhr auf«. -- Seine Frau ist eine freundliche bejahrte Dame mit einem treuherzigen Gesichte. Man sagt von ihnen Allen, daß sie sehr wohlthätig sind. Bei James trafen wir Humboldt, der nach Paris gekommen ist. Hier wurde aber Französisch gesprochen. Eine Schriftstellerin, Madame Gerardin, war auch hier. Victor Hugo war eingeladen, hatte sich aber entschuldigt, weil er mit einer Rede viel zu thun hätte, die er in der französischen Akademie halten müsse. James' Frau ist eine anmuthige junge Dame von außerordentlicher Bildung und vielem Geschmacke und Liebe zur Poesie. Ich bin später bei ihr gewesen und habe ihr meine neue Tragödie vorgelesen. Einige Tage nach diesen Mittagsgesellschaften waren wir zum Ball bei Salomon. Es war ein ganz außergewöhnlich prachtvoller Ball. Die schönsten Zimmer mit andern kleinen Nebenzimmern verbunden, wie Corridors mit offenen Bogen. Ein großer Saal mit einer Tafel, prächtig erhellt von großen goldenen Armleuchtern, voll von Confituren und eingemachten Früchten zur beliebigen Auswahl der Gäste. Neben diesem Saale, gleichfalls unter Bogengängen, ein großer Conditorladen, in welchem mehrere Bediente standen und den Gästen alle Arten Eis, Limonade, Kuchen u. s. w. reichten. Aber dieses Alles war nur ein Vorspiel zu dem brillanten Souper, das die Gäste erwartete, das wir aber weder zu sehen, noch zu kosten bekamen, weil wir um ein Uhr nach Hause fuhren, vollkommen mit Dem zufrieden gestellt, was wir genossen hatten.
[Sidenote: Villemain.]
Gleich im Anfang unseres hiesigen Aufenthaltes führte uns Gaimard bei Arago und Villemain ein. Mit dem Ersteren hatte ich keinen weiteren Berührungspunkt. Wäre ich ein Komet gewesen, so hätte er mich ausgemessen und meine Wege kennen gelernt; jetzt war er so höflich einige Complimente an mich zu verschwenden und hiermit war meine Bahn zu ihm berechnet. Aber Villemain war ein Schöngeist und mit ihm hatte ich eine lange Unterredung, in welcher er sich sehr schön über fremde, besonders über englische Literatur aussprach. Es wollte mir eben nicht munden, daß er ein so großer Bewunderer Milton's sei; aber ungeachtet ich in seinen Aeußerungen viel Unrichtiges fand, waren sie doch ganz vernünftig. Er war sehr freundlich und sagte, er wolle mich bald in Gesellschaft mit andern Schöngeistern von Paris bei sich einladen. Es wurde übrigens nichts aus dieser Einladung. Einige Monate verstrichen; ich sprach ihn während dessen im Theater in der königlichen Loge, wir grüßten uns: »_Ah, voila notre grand poëte chez le roi!_« sagte er freundlich, aber ließ sich nicht weiter mit mir ein. Kurz darauf erfuhr ich, daß er wahnsinnig geworden, der Arme! Man sagte, der Ministerposten habe ihn zu sehr angestrengt, er sei dazu nicht geschaffen, sondern hätte ein Gelehrter bleiben sollen. Er war früher, als ich, Professor der schönen Wissenschaften. Ich würde ebenfalls nicht zum Minister taugen; aber ich glaube auch, daß ich nie so verrückt werden könnte, es sein zu wollen.
[Sidenote: Thierry. De Vigny.]
Einen andern, ausgezeichneten, aber gleichfalls unglücklichen Gelehrten habe ich hier besucht: den berühmten Thierry, den Verfasser der Geschichte der Normannen. Thierry's Werk scheint mir nicht allein das beste geschichtliche Werk Frankreichs, sondern überhaupt des jetzigen Europas zu sein. Es verbindet mit geschichtlicher Genauigkeit und Quellenstudium die Wahrheit des Geistes, die Wärme des Herzens und die zu einem guten historischen Werke nothwendige poetische Einbildungskraft, Alles wiederum mit der kindlichen Naivetät verknüpft, die wir bei Herodot und Snorro bewundern. Welchen Gegensatz bilden hierzu nicht die trockenen, wenn auch gelehrten Werke Thiers' und Dahlmann's, in welchen der Grundton eine kalte Polemik ist. Thierry ist noch kein alter Mann, kaum fünfzig Jahre, wohlhabend, allgemein geehrt und geliebt, aber -- er ist blind und epileptisch. An dem Abende, den ich bei ihm verbrachte, wurde er auf einem kleinen Stuhle in die Stube zu uns hereingefahren. Er drückte freundlich meine Hand und sprach ersichtlich gern mit mir über unsere alte Geschichte, während wir Thee und eine Art Kuchen genossen, die ihm ein guter Freund aus Mailand gesandt hatte.
Einen Dichter von Bedeutung, der mir hier freundlich entgegengekommen ist, muß ich nennen, es ist Graf Alfred de Vigny. Ich habe den größten Theil seiner Werke gelesen. Er schenkte mir ein Exemplar seiner Dramen und schrieb darein: _Hommage de sympathie et de haute éstime de la part de l'auteur?_
[Sidenote: Victor Hugo.]
-- -- Um jetzt wieder auf den großen Sieger, Victor -- oder wie er der größern Deutlichkeit wegen auch genannt wird -- Victor Hugo, Vicomte -- zu kommen, so hatte ich, wie Ihr aus früheren Briefen wißt, zweimal versucht, sein Herz oder wenigstens sein Logis zu stürmen. Aber hier sitzt er eben so gut gegen Besuche gesichert, wie Reinecke Fuchs in seiner Burg Malepartus und läßt sich verleugnen, wenn es nicht gerade Sonntag Abend ist, an welchem er allen Lusthabenden Audienz giebt und sie zur Cour vorläßt. Außer diesen Festtagen ist es unmöglich, sich Eingang zu verschaffen, ungeachtet ein Schneider der einzige ist, der seine Festung vertheidigt. Dieser Schneider ist zugleich Thürhüter, und nimmt, auf seinem Tische hockend, mit großer Behendigkeit die Visitenkarten entgegen, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen. Da er gar keine Notiz von mir nahm, so dachte ich »was ist es auch der Mühe werth, Victor Hugo mit Gewalt zu nehmen? Das wäre eine Sünde, er will am Liebsten ungestört sein, lassen wir ihn; Paris ist groß genug für uns Beide!«
So standen die Sachen, als es der Zufall wollte, daß ein anderer Poet, Deschamps, ganz untergeordneten Ranges, aber ein sehr liebenswürdiger freundlicher Mann, der Deutsch versteht und Romanzen von Goethe und Schiller übersetzt hat, -- auch meine Muse kennt und liebt, -- uns zu einer Soirée einlud. Hier waren viele Menschen. Deschamps kam auf mich zu und fragte mich, ob ich Victor Hugo's Bekanntschaft machen wollte? Ich glaubte, er meinte, daß wir ihn gemeinschaftlich besuchen sollten, und antwortete ganz trocken: »Nein!« Später kam er noch einmal, ich sagte noch einmal »Nein«, und fügte hinzu, »ich bin zweimal vergebens dort gewesen«. Später erfuhr ich, daß Victor Hugo in der Gesellschaft zugegen sei. Aber ungeachtet ich mich weder kostbar mache, oder streng auf die Form sehe, wo ich =mehr= als bloße Form wähne, so fand ich es hier doch unpassend, mich Victor Hugo vorstellen zu lassen, da ich zweimal bei ihm gewesen war und nur seinen Schneider zu sprechen bekommen hatte. Indessen betrachtete ich doch aus der Ferne den großen Mann, wie er dort zwischen einigen ältern Damen saß, die ihm die Cour machten. Schön ist er nicht, häßlich auch nicht, in einem blühenden Lebensalter, frisch, fett, stark und gesund. Er sah gar nicht hochmüthig aus, eher etwas verlegen, wie Derjenige, dessen übermäßige Prätensionen mehr der Eitelkeit als dem Stolze entspringen. Endlich, als der Thee servirt wurde, und ich mich in dem andern Zimmer bei den Damen befand, sah ich Victor und Deschamps die Köpfe leise redend zusammenstecken und das Resultat hiervon war, daß Deschamps Victor Hugo zu mir führte und ihn mir vorstellte. Er sprach einige artige Worte, unter andern, daß die Franzosen »_tort_« hätten, keine fremde Literatur zu kennen. Ich war ein wenig ungehalten, und antwortete: »Ja, das habt Ihr allerdings! Es wäre so dumm nicht, wenn Ihr Euch ein wenig um Eure Nachbarn bekümmertet«. Darauf wechselten wir mehrere artige Redensarten; zu einem ordentlichen Gespräche kam es aber nicht, und wir trennten uns, nachdem er mich wieder gebeten hatte, ihn zu besuchen.
Bei dem Herzoge von Nemours traf ich ihn wieder und da ich nun das erste Mal mich expectorirt und ihm ein wenig imponirt hatte, trat ich ihm freundlich entgegen und versprach, ihn zu besuchen, aber weder hier noch später auf einem Balle beim König kam es zu einer längern Unterhaltung zwischen uns.