Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4

Part 14

Chapter 143,362 wordsPublic domain

Endlich sind wir jetzt in Wien und wohnen »Zum Erzherzog Karl«. Wir haben unsern Minister Löwenstern besucht. Herr von Holbein hat, ohne noch das Stück zu kennen, »Dina« hier zur Aufführung angenommen. Alles würde jetzt hier gut und angenehm sein, wenn nicht die Hitze uns den Genuß verdürbe; sie hindert uns aber, den größten Theil des Tages zu benutzen. Alles, was vornehm ist, rüstet sich zur Abreise oder ist schon abgereist. Aber Fürst Metternich ist doch noch hier und Löwenstern hat mir versprochen, mich zu ihm zu führen. Im Burgtheater sah ich den ersten Abend »Die beiden Klingsberge«, von Kotzebue, eines seiner besten Stücke, ganz vorzüglich gespielt, besonders von Laroche. Ich glaube, daß es auf die Länge -- aller Flausen ungeachtet -- mehr Freude gewähren wird, den lustigen Kotzebue als den trockenen Scribe zu sehen. Gestern Abend sahen wir drei Akte von Don Carlos. Laroche war als König Philipp, -- der bestgezeichnete Charakter des Stückes, -- wieder sehr gut; Posa -- der schon aus Schiller's Hand zu modern und subjectiv hervorgegangen ist, -- wurde von einem Schreier verdorben. Dieses Stück hat in seinem Sujet und in allen den linkischen »Liebesgeschichten« für mich immer etwas Unangenehmes gehabt, wenn es auch große Schönheiten besitzt; für die Bühne ist es von Anfang an nicht bestimmt, und es verliert durch das Zuschneiden.

[Sidenote: Wien.]

Wien, den 1. Juli.

Jetzt bin ich acht Tage in dem deutschen Paris gewesen, und konnte gern, was mich betrifft, weiter reisen, aber William ist solider und wünscht eine längere Bekanntschaft mit der Herrlichkeit dieser Welt. Der Grund, warum ich mich hier nicht angezogen fühle, ist theils, daß das Burgtheater geschlossen wird, und dann, daß es hier so fürchterlich heiß und so entsetzlich theuer ist, besonders das Fahren, und zu Fuße kann ich in dieser drückenden Hitze nicht weit gehen. Die Folgen hiervon sind, daß ich ganze Vormittage auf meinem Zimmer geblieben, nachdem ich alle möglichen Manövers mit Oeffnen der Fenster und Thüren, Herablassen der Rouleaux, Wasser- und Eau de Colognebesprengungen auf dem Fußboden versucht habe -- und Bücher aus der Leihbibliothek gelesen. »Das haben wir nun zwar Alles besser und bequemer zu Hause«. Aber Ihr müßt Euch doch auch nicht vorstellen, daß ich -- wie der selige Professor Mynster in seiner Jugend -- acht Tage im Bette hier in Wien gelegen habe, um Jean Paul zu lesen. Ich bin trotz Allem viel umhergestreift. Als ein Beispiel der hiesigen Preise will ich nur anführen, daß wir bis jetzt für zwei Tassen Thee mit Butter und Brod fast zwei Thaler Dänisch bezahlt haben; jetzt trinken wir Bier. Deutschland ist ein Bierland und selbst in den Weingegenden hat das Bier dermaßen um sich gegriffen, daß man fast keinen Wein trinkt. Das Bier ist in unsern Tagen Mode geworden, es drückt die Begeisterung und den Geschmack der Zeit aus; es ist die Hyppokrene des Tages.

Wien, den 4. Juli.

Ich bin zu Mittag bei dem Fürsten Metternich gewesen; der Ton bei dem Mittagstische war munterer und ungenirter als am Abende. Die Fürstin war sehr freundlich. Vor Tische zeigte sie mir einen Papagei aus Neuholland, dessen Brust mit hellen rosenrothen Federn bedeckt war und der allerlei Künste machen konnte: wie todt auf dem Tische liegen, mit dem Schnabel an ihrer Hand hängen, schaukeln wenn sie ihn bei den Füßen faßte. Sie ist eine sehr schöne Frau -- die vierte des Fürsten Metternich -- und dieses Exercitium mit dem Vogel hätte ein treffliches Genrebild abgegeben. Nach Tische spazierten wir im Garten, der Fürst war sehr freundlich und mild, aber zu einem eigentlichen Gespräche zwischen uns kam es nicht. Ich erzählte von Norwegen, und brachte auch ein paar Anekdoten, die ihn ergötzten. Im Garten stießen wir auf eine Hecke, hinter welcher sich ein Stück Land befand, wo große Haufen Erde als Gebirge, große Steine als Felsen umherlagen, und auch ein kleiner See mit seinem Kanale gegraben war. Hier spielten seine Kinder, und fuhren Erde in Schubkarren, und der Gärtner half ihnen eine kleine Welt schaffen. Es war mir ein sonderbares Gefühl, den großen Politiker, der so viel Einfluß in Europa hat, in dieser kleinen Kinderwelt zu betrachten, wie er dem Gärtner sehr anempfahl: »Sie müssen ihnen da noch einen Wasserfall machen! Einen Wasserfall müssen sie durchaus noch haben«. Er wird jetzt alt; aber er hat ein herrliches, bedeutsames Gesicht; man sieht, daß er sehr schön gewesen. Er legte seine Hand ganz freundlich auf meine Schulter und lächelte, wenn ich dies oder jenes erzählte.

Den 12. Juli.

Wir sind bei dem Grafen Dietrichstein gewesen. Wir trafen die Familie desselben allein und unter derselben den Fürsten Dietrichstein, einen alten, freundlichen, weißhaarigen Mann. Den gelehrten Orientalisten Baron Hammer besuchten wir auch. Ich las ihm meine »Dina« vor. Er hatte vor Kurzem seine Frau verloren und war sehr betrübt. »Es ist der erste frohe Tag, den unser Vater seit dem Tode der Mutter gehabt«, sagte der Sohn. Auch den Dichter Grillparzer habe ich getroffen, eine liebenswürdige Persönlichkeit, und bei dem Erzherzog Karl war ich in Baden zur Tafel geladen. Er und die Prinzessin waren höchst liebenswürdig und einfach. Ich saß neben dem Prinzen und wir sprachen unaufhörlich während der Mahlzeit. Als er hörte, daß ich einen Sohn bei mir hätte, sagte er: »Ach warum haben Sie ihn nicht mit hieher gebracht«. Er wohnt in einem Feenpalaste; in einem Paradiese. -- Ein tüchtiger Maler, Namens Ammerling hat mich gemalt; ich habe ihm nur zweimal gesessen. In Blunck's Atelier freuten wir uns über seine geniale Darstellung der allegorischen Bilder: die vier Menschenalter, -- vielleicht etwas zu allegorisch. Italienische und deutsche Opern haben wir gehört, wo Madame Heinefetter aus voller Kehle schrie. Letzthin hatten wir eines Nachmittags einen hohen Berg erstiegen; man forderte, ich sollte die Aussicht über Wien bewundern. Ich wischte den Schweiß von meiner Stirn und seufzte: »Ja hier ist es in der That allerliebst«. Mir fallen bei dergleichen Veranlassungen immer die Worte des Evangeliums ein: »Und der Teufel führte ihn auf einen hohen Berg, und wies ihm alle Reiche der ganzen Welt in einem Augenblick.«

Heute Abend bin ich zu einer Gesellschaft eingeladen, die mir vor dem Abschiede noch eine Ehre zu erweisen wünscht.

Den 13. Juli.

Die Ehre war allerdings so groß wie möglich. Ein großer Saal und zwei Zimmer waren voll von Gästen. Der Schauspieler Anschütz, der mir gegenüber saß, recitirte mit lauter Stimme fünf bis sechs schöne Gedichte an mich und ebenso viele Male wurde meine Gesundheit ausgebracht und von lautem Beifallsrufe begleitet. Der Dichter Grillparzer, der neben mir saß, überreichte mir einen Lorbeerkranz, und mein freundlicher Bewunderer -- ich kann sagen, mein wahrer Freund -- Graf Dietrichstein, saß an meiner andern Seite. Das Bild von mir, das Ammerling gemalt hat, war im Saale aufgestellt. Kurz, mir wurde alle mögliche Ehre erwiesen. -- Gott segne Euch Alle, meine Freunde! -- Morgen früh werden wir abreisen. Heute packen wir ein, machen einige Abschiedsvisiten, und dann -- lebe wohl Wien, für diesmal und wahrscheinlich für ewig.

* * * * *

[Sidenote: Gedicht von Anschütz.]

Anschütz selbst hatte zu dem oben erwähnten Feste folgenden Trinkspruch gedichtet:

Ein Mann, der aufgeblüht im rauhen Norden, Und dort zum Götterlieblinge geworden, Griff jüngst zum Wanderstabe und beschloß Für kurze Zeit die Heimath zu vertauschen Mit fremden Land, um frei und fessellos Des Nachbarvolkes Treiben zu belauschen. Gedacht, und rasch gethan. Und siehe da! Kaum, daß er sich im Nachbarlande sah, Umströmt' ihn Jung und Alt, drückt ihm die Hand Denn wer vergäß' ihn, der ihn je gekannt! Bei seinem anspruchslos-bescheidnen Willen Kann er die innere Größe nicht verhüllen. Und wie die Glorie aus Allegri's Nacht Zur Glorie der Unsterblichkeit ihm ward, So strahlet um =sein= Haupt in Götterpracht Die Wunderlampe Aladin's ihr Licht. Hrolf, Krak, Correggio, Palnatoke's Fahrt, Stärkodder, Hakon Jarl -- wer nennt die Namen Die er in einen Kranz zusammenflicht, Und die durch ihn Unsterblichkeit bekamen! Und nicht genug, daß ein unsterblich Leben Ihm sein Genie im Vaterland gegeben, In fremder Zunge trug er's übers Meer Zu uns, zu den Beneidenswerthen her, Und kann's ihn wundern, daß im Flammentriebe Der Freundschaft, sich ein Volk ihm zugewendet, Dem er die gleichgetheilte Bruderliebe Wie seinem eigenen Vaterland gespendet? Ist uns nicht diese Liebe doppelt Pflicht Um etwas ihm den Kummer zu versüßen, Der jüngst ihn traf mit lastendem Gewicht? Er sah des Freundes Aug' im Tod sich schließen, Den unter Tausenden er sich erwählt, Weil er ihn gleich gestimmt fand, gleich beseelt, Und Hand in Hand mit ihm am fernen Nord Der Kunst eröffnet einen Friedensport. Denn wie das Himmelsbild der Dioskuren Auf offnem Meer des Schiffers Leitstern ist, Durch Well' und Sturm ihn tragend, also fuhren Die beiden an dem Himmel zweier Künste Als Leiter hin, von Staunenden begrüßt, Die auf dem Meer durch feuchte Nebeldünste Umsonst dem Zwillingspaare nachgestrebt. Der Eine ist der Heimath zugeschwebt, Und nur der heiße Wunsch bleibt uns zurück, Daß spät sie einst vereine das Geschick. Drum Alle, die mein Auge sieht vereint, Die ein Gedanke zu begeistern scheint, Zum Becher greift! mit durstig langen Zügen Leert bis zum Grunde ihn, reiht Euch mir an, Ein Losungswort mag jede Brust durchfliegen: »Ein Lebehoch dem nordisch-deutschen Mann!«

[Sidenote: Gedicht von Frankl.]

Von den übrigen bei dieser Gelegenheit gesprochenen Gedichten, möge hier folgendes von =Ludwig Aug. Frankl= Platz finden:

=Bei Enthüllung des Bildes von Ammerling.=

Ein Bild entroll' ich Euch aus hohem Norden; Es harrt das Volk im alten Dom zu Lund -- Lautlos ist's in den Hallen rings geworden; Erwartungsvolle Feier giebt sich kund.

Ein Priesterskalde tritt jetzt zum Altare Dort kniet ein Mann mit bleichem Angesicht, Und drückt ihm einen Lorber in die Haare, Den =Einzler= Gunst nicht, den sein =Volk= ihm flicht.

Und lauter Jubel schallt und freud'ges Rufen Und der gekrönte Dichterkönig hebt Sich fromm erschüttert von des Altars Stufen, Von seines Geistes Majestät belebt.

Heil, wo der Dichter nicht im Leben einsam Ein unverstandner Fremdling, ein Komet, Wenn, was er fühlt, ein Blitz plötzlich gemeinsam, Elektrisch durch die Herzen Aller geht!

Gern kehrt der Genius in eine Brust ein, Die stark empfindet, was in Vielen lebt, Heil, wo das Lied, das tönende Bewußtsein Von einem Volk, sich als Choral erhebt.

Die =eigne= Lust, das =eigene= Zerwürfniß Klingt schön zu eines edlen Dichters Harf' -- Ihr wißt, dort wird das Lied nicht zum Bedürfniß, Wo's nicht des =Volkes= Sinn dolmetschen darf.

Seht hier den Mann, sein edles Haupt beglückte Im nordisch alten Dom der grüne Kranz. In diesem schönen Dichterkreise schmückte Symbolisch sich ein Volk mit eignem Glanz.

Genügt es ihm, daß er =ein= Volk bezwungen? Als er die schöne Kraft in sich gewahrt. Da sang er frisch und klangvoll in zwei Zungen, Der =erste= Doppelzüngler =edler= Art.

Noch glänzt sein Auge hell und jugendprächtig, Aladdin's Lampe hat es sanft verklärt, Noch regt in ihm die Schöpferkraft sich mächtig; =Solch= schönes Leben ist des Lebens werth.

Wie jenes Meisters, auch entstammt dem Norden, Der andere von dem Dioskurenpaar Dem lebend schon Unsterblichkeit geworden, Der ein Homer in Marmor war.

Leb wohl! Froh wirst Du in der Heimath leben Es trägt =Dein= Schiff =auch= eines Cäsar's Glück, Uns bleibt, wenn fernhin seine Segel schwanden, Erinn'rung und Dein edles Bild zurück.

Der Dichter Grillparzer schrieb in des dänischen Dichters Stammbuch:

Was frag' ich viel um Nord und Süd, Streng abgetheilt nach Grenzen und Revieren, Wenn so wie Du der Norden glüht, Des Südens Dichter aber frieren.

Baron Hammer schrieb:

Dich grüßten als Skalden aus Oesterreichs Halden Die Sänger in jubelndem Chor; Als Orientalen zum andertmalen Begrüßt Dich der Hammer des Thor.

Da jene als Riesen des Liedes Dich priesen Zweizüngig im edelsten Sinn, Grüß' ich Dich Waräger als feurigen Träger Der Lampe des Aladdin.

[Sidenote: Ischl. Salzburg.]

[Sidenote: Mozart's Standbild.]

München, den 27. Juli.

Die Tour nach Linz auf der Donau war sehr schön. Durch reizende Gegenden gelangten wir nach Ischl, einem ganz modernen, aber auch sehr schönen Badeorte, der jetzt ein Sammelplatz der vornehmen Welt ist. Fürst Metternich war auch hier angelangt. Man sagte mir im Wirthshause, daß sein Bediente zweimal da gewesen sei und nach mir gefragt habe. Es regnete und ich ließ mich -- das erste und vielleicht das letzte Mal in meinem Leben -- in einer Portechaise nach seiner Villa tragen, aber -- er war nicht zu Hause und das war recht gut; denn ich glaube, daß wir Beide niemals in ein ordentliches Gespräch gekommen wären, da unsere Naturen und Ansichten gar zu verschieden sind. Von hier gingen wir nach Salzburg. Man kann aber nicht immer gutes Wetter beanspruchen, jetzt wurde es regnerisch, und der Nebel hing an den Bergen, welches uns im Genusse der schönen Fernsichten sehr beeinträchtigte -- doch klärte sich der Himmel gegen Abend auf. Am nächsten Morgen in Salzburg regnete es wieder. Wir wohnten -- wie in Wien -- im »Erzherzog Karl« am Markte. Ich blickte aus dem Fenster und wurde eine große herrliche Broncestatue gewahr. Denkt Euch meine Gefühle, als ich die Entdeckung machte: dieses königliche Denkmal sei -- Mozart! Zwar wußte ich, daß man ihm ein solches errichtet hatte, aber ich glaubte es nicht so groß und kostbar. Also hier stand er herrlich -- von Schwanthaler -- und ich blickte in dasselbe offne, freundliche, kräftige, sanguinisch-gefühlvolle Antlitz, umgeben von den vollen zurückgestrichenen Haaren, das wir so viele Jahre auf dem kleinen Kupferstiche bewunderten, den ich von unserm seligen Vater geerbt; ich sah ihn wieder, wie er über dem alten Pianoforte meiner seligen Schwester Sophie hing; demselben, an dem die selige Lotte und meine -- Gott sei gedankt! -- frische und gesunde Marie, während zehn Jahre sich übten. Von dem liebevollsten Gefühle getrieben, ergriff ich die Feder, und vermochte es aber nur schwach in folgenden Zeilen auszudrücken:

Mozart! stehst Du dort ein König, schön im Bronce, groß, An dem Ort, wo Du geboren, wo so klein Dein Loos? Als Du lebtest, Wen'ge kannten Dich, der oft verkannt; So verwechselt stets der Haufe Glas mit Diamant!

Heiße Thränen muß ich weinen. Ach, nach Deinem Tod Bauten sie Dir diese Säule, Dankbarkeit gebot; Sie ließ Deinen Namen steigen aus dem trüben Dunst; Denn Natur ist ew'ge Schwester von der ew'gen Kunst.

Mozart! mein geliebter Bruder! Ach -- ein schwach Gedicht Weih' ich Dir. Mit Augen sah ich Dich im Leben nicht; Aber meine Ohren hörten, und mein Herz empfand! -- Nord und Süd? Wir hatten beide doch =ein= Vaterland.

Dank für Deine schönen Töne! Wie ein Zauber fällt Deiner Flöte Lieder in Aladdin's Zauberwelt. Melpomene hört' ich warnen in Erinnyenklang, Als den schönen frechen Sünder Höllenglut verschlang.

Und die Lust des heitern Lebens, bunt und leicht und froh, Als zum Ideal erhoben Frankreichs Figaro, Hört' ich staunend -- und der Liebe zarte Tändelei, Als Susanna Du, Zerlina, rufest hold herbei.

Und wo Deine Lieder tönten, stark und süß und weich, Wolfgang Amadeus Mozart! kannten wir Dich gleich. O wie oft hast Du entzücket Nordens Dichterherz! Und nun steh' ich hier und weine vor dem kalten Erz.

* * * * *

Freut Euch Oesterreich und Salzburg! Stolz wohl könnt Ihr sein, Weimar trägt nicht größre Namen auf dem Leichenstein. Wie in Mekka, in Medina treu der Pilger steht, Andachtsvoll neig' ich mich dankbar vor dem Tonprophet!

Auch Heydn liegt hier begraben. Es sind hier gleichfalls viele herrliche Denkmäler des Alterthums, unter andern eine in den Felsen gemauerte Höhle, die dem ersten Eremiten im vierten Jahrhundert gehört hat. Der jähe Fels erstreckt sich bis an die Häuserreihe der Stadt. Aber ich will nicht in detaillirte Beschreibungen verfallen -- das thun Andere viel besser als ich -- aus bereits gedruckten Büchern. Auch will ich nicht Veranlassung nehmen, die Geschichte Becker's oder eines Andern abzuschreiben. Ihr sollt mich in meinen Briefskizzen ganz und gar so erblicken, wie ich alter poetischer Knabe in meinem fünfundsechzigsten Jahre zu guter Letzt durch Deutschland und Frankreich u. s. w. wandere. Wie ich auch immer mehr und mehr dieses hochweise Kritisiren hasse! Nein! wie ein Kind gehe ich wiederum jetzt hier in München und erstaune, freue mich und werde von den unsterblichen Kunstwerken hingerissen, welche die Welt und künftige Zeiten dem Kunstenthusiasmus eines Königs zu danken haben. Ich bin kein Kritikaster, wenn man mir auch einen Fehler an Sachen zeigen will, die ihre großen Schönheiten besitzen; einen solchen Fehler hinterher zu entdecken ist leicht; aber fast unmöglich ihm da zuvorzukommen, wo so viel Großes und Herrliches plötzlich, wie durch einen Zauberschlag entsteht. Ich lasse mich auch nicht auf bürgerliche, wenn auch gegründete Klagen über einseitige Richtungen ein, unter welchen das Ganze leidet. Gott weiß es, daß Keiner seinen Nächsten mehr als ich liebt; aber ich weiß auch, daß lange Zeiten verstrichen, in welchen das Spießbürgerthum auf Kosten der Kunst und alles höheren Geistigen blühete; wenn jetzt vielleicht hier das Umgekehrte der Fall ist, so thut es mir leid, aber wenn die Jetztzeit kein Wort mehr zu uns redet, weil sie verschwunden und vergessen sein wird, so stehen diese herrlichen Werke noch für die Ewigkeit da.

[Sidenote: Die Kunst in München.]

Wir haben die großen Maler Kaulbach und Heß in ihren Ateliers besucht, auch in Schwanthaler's Atelier sind wir gewesen. Er selbst war nach Italien gereist. Was soll ich sagen von diesen herrlichen steinernen, oft marmornen Gebäuden mit ihren Säulen, Fresken und Goldzierrathen, mit ihren Schätzen von Gemälden und Bildhauerarbeiten. Hier gäbe es ein ganzes Jahr für jeden Tag etwas zu sehen -- und wir müssen Alles in wenigen Tagen durchfliegen. Kaulbach und Heß sind große Meister; sie sind Cornelius ebenbürtig. Schwanthaler steht in genialer Production gewiß nicht weit hinter Thorwaldsen. Die Pinakothek besitzt einen großen Reichthum vorzüglicher Gemälde; aber Verschiedenes, das man für Werke Correggio's, Leonardo da Vinci's u. A. ausgiebt, ist schwerlich von diesen Meistern. Ich wunderte mich, als man mir einige kindische Schmierereien von Cimabue und Giotto zeigte; aber Dr. Ernst Förster (Herausgeber des Cotta'schen Kunstblattes) versicherte mir später, es sei nicht von ihnen und zeigte mir Zeichnungen, die er in Italien nach ihnen gemacht hatte, welche ganz anders waren. Der Commissionsrath Waagen, den wir von Berlin und Dresden kannten, erzeigte uns große Freundschaft, begleitete uns täglich auf unsern Wanderungen, und wir haben einen Abend bei ihm verbracht, wo ich meine Dina vorlas. Gestern Abend waren wir bei Förster, dessen freundliche, geistreiche Frau eine Tochter Jean Paul's ist. Es freute mich von seiner Tochter die Worte zu hören: »Er achtete Sie nicht blos als Dichter -- er =liebte= Sie.« Ich habe die Bekanntschaft des berühmten Philologen Thiersch gemacht; er kam mir außerordentlich freundlich entgegen, und als ich unseren Madvig nannte, sagte er: »Der ist unser größte Lateiner.« -- Es kitzelte mich in die Seele hinein, dies zu hören. Unser kleines Dänemark besitzt doch auch Leute, von denen sich jeder in seiner Richtung auszeichnet. Letzthin kam ein alter Mann, um mich zu besuchen; blickte mich mit seinen großen Augen an, und sagte freundlich: »Kennen Sie mich nicht wieder?« Ich mußte verneinen; er aber erwiderte: »Und ich kannte Sie sogleich -- Sie haben sich in den achtundzwanzig Jahren gar nicht verändert«. Es war der Baron Hormayr, der jetzt bairischer Gesandter in Hamburg ist. Er machte mir ein Geschenk mit seinem letzten Werke.

Den 30. Juli.

Gestern hatte man mir zu Ehren eine kleine Stunde außerhalb der Stadt eine Gesellschaft eingeladen und ein Fest veranstaltet, das sehr schön und ehrend war. Ich saß auf derselben Stelle, wo Thorwaldsen bei einer ähnlichen Gelegenheit gesessen hatte. Ein Becher nach dem andern wurde auf dänische und deutsche Bruderschaft geleert und drei Gedichte an mich wurden recitirt.

Heute habe ich das Schloß gesehen. Es ist schön und königlich, und die Hände herrlicher Künstler haben auch für die Ehre deutscher Dichter Sorge getragen: Göthe's, Schiller's, Tieck's, Wieland's. In der That, die Namen Cornelius, Kaulbach, Heß, Schnorr, Schwanthaler sind große Namen und der macht sich selbst nur klein, der sie verkleinern will! -- Heute Abend habe ich ein Stück von Töpfer gesehen: »Karl XII. Heimkehr«, das miserabel ging und in welchem Karl XII. von einer Person gespielt wurde, die wie ein altes zahnloses Weib aussah. Morgen reisen wir nach Augsburg, um von dort nach Nürnberg zu gehen.

[Sidenote: Augsburg. Nürnberg.]

Paris, den 25. August.

Wir verließen einander in München, das sich immer mehr und mehr seines Namens würdig macht, da das Mönchswesen strebt die Oberhand zu gewinnen. Der gute König Ludwig hat so sehr viele schöne katholische Kirchen gebaut, in welchen die großen Künstler Engel und Heilige in übernatürlicher Größe auf goldenem Grunde gemalt haben. Da die Theater jetzt fertig sind, wird er auch in diesen die alten Mysterien aufführen lassen, und deshalb mystificirt er das Volk; ich kann es sonst nicht begreifen; daß es persönliche Bigotterie sein sollte, glaube ich nicht, und politisch ist es auch nicht.