Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4

Part 13

Chapter 133,616 wordsPublic domain

Aber Thorwaldsen wurde, als er nach Rom kam, ein gelehrter Grieche, denn er studirte die griechische Bildhauerkunst mit einer Tiefe und Gründlichkeit, von der kein griechischer Philolog eine Ahnung hatte. Canova war sein großer Vorgänger; ihm, dem Italiener und Römer, dem klugen Weltmanne, war es viel leichter als Thorwaldsen geworden, sich berühmt zu machen. Seine prächtigen Ateliers lockten die reiche _beau monde_ herbei; lange Zeit standen Thorwaldsen's Meisterwerke unter elenden Bretterschuppen; er selbst war unordentlich gekleidet, sprach die fremden Sprachen schlecht -- und war ein Däne! Was konnte man aus Dänemark erwarten? Aber echte Kenner ließen sich doch nicht durch den Schein blenden. Der reiche Engländer =Hope= bestellte eine Marmorstatue seines Jason, dessen Thonmodell er, in seiner Verzweiflung, im Begriff war in Stücke zu schlagen, als er nach Hause reisen wollte, weil er keinen Käufer fand. Und nun währte es nicht lange, so überstrahlte er in den Augen wahrer Kunstkenner Canova. Aber man darf doch nicht vergessen, daß Canova der Erste war, der den schönen, guten Geschmack zurückbrachte. War er etwas zu kokett und sinnlich in seinen Werken, so war die Thorwaldsen'sche Keuschheit vielleicht zuweilen etwas zu kalt, und daß Jener der Vorgänger gewesen, darf man nie vergessen! Voß's =Louise= steht an poetischem Werthe unter Göthe's Hermann und Dorothea; aber Göthe hätte Hermann und Dorothea schwerlich gedichtet, wenn Voß nicht vorher seine Louise geschrieben hätte. Während Thorwaldsen lebte und wirkte, besaß er am Ende seiner Laufbahn eine unbegrenzte Celebrität und Autorität. Später hat man in Deutschland auch angefangen, ihn zu bekritteln. Er könne sich nur in das Griechische versetzen; nicht die Kunst in die Gegenwart hinüberführen; trotz der göttlichen Apostel und des Taufengels war er nicht christlich genug; eigentlich sei er ganz besonders groß nur im Basrelief u. s. w. -- Mir that es nur leid, daß er nicht die Götter des Nordens verherrlichte, da er doch aus Island stammte. Aber es ist gut, daß auch der Zukunft etwas zu thun übrig bleibt und vielleicht setzt =Jerichau= fort, was =Freund= und =Bissen= so gut begonnen haben.

Auf Nysöe bei Baron =Stampe= war ich oft mit ihm zusammen. Die Baronesse hatte ihm ein hübsches Atelier im Garten bauen lassen, und da vollendete er, im letzten Sommer, den er dort zubrachte, seine eigene Statue. Wie ein echter Baulundur steht er mit Hammer und Meißel da. Den letzten Winter und den letzten Tag seines Lebens war ich auch bei Stampe in Kopenhagen mit ihm zusammen. Er aß und trank gut, befand sich vollkommen wohl, saß mit mir auf dem Sopha und scherzte nach Tische beim Kaffee. Es stand ein Korb mit Visitenkarten auf dem Tische, in dem wir herumwühlten. »In alten Tagen«, sagte Thorwaldsen, »hatte man solche Visitenkarten nicht; da schrieb man die Namen auf wirkliche Karten.« Einmal hatte sich eine Familie ein ganzes Spiel solcher Visitenkarten gesammelt, mit denen sie des Abends wieder spielten, wenn sie keine andern Karten hatten. »Ich kann nicht stechen«! sagte der Eine bei einer Partie. »»So gieb schlechtes Zeug zu««! sagte sein Aide, und da warf er den »Herzog von Württemberg« drauf. Während dessen wühlte ich im Korbe umher, und fand eine Karte, auf der ein Name so klein gedruckt war, daß man ihn kaum lesen konnte; sie war aber wieder von einem Anderen benutzt worden, der seinen Namen sehr groß auf die Rückseite geschrieben hatte. »Hier ist eine Karte«, sagte ich, indem ich sie Thorwaldsen hinreichte, »die man recht gut gebrauchen könnte, wenn man Trumpf zugeben wollte«. Er sah auf den kleingedruckten Namen, konnte ihn aber nicht lesen. »Kehre sie um«! sagte ich. Er that es und las: »Thorwaldsen«. So scherzten wir mit einander. Aber plötzlich sagte er ganz ernst: »»Oehlenschläger! den kleinen Genius der Poesie, den ich gemacht habe, habe ich zu einer Medaille für Dich bestimmt««. -- »O, mein guter Thorwaldsen«! sagte ich nun in ganz anderm Tone; »das ist zu viel«! -- »»Nein, das ist es nicht««, entgegnete er, indem er sich erhob. Das waren die letzten Worte, die er an mich richtete. Wir gingen nach Hause; er wollte ins Theater, und es war ein Zufall, daß ich ihn nicht begleitete. Im Schauspielhause starb er; als eine schöne Symphonie gespielt war, sank sein Haupt herab, und er gab den Geist auf, -- ohne Angst, ohne Schmerzen und Krankenlager, wie er es gewünscht hatte.

Im täglichen Umgange war Thorwaldsen mild und freundlich; doch konnte er auch verdrießlich sein; gegen mich war er es aber nie. Einige beschuldigten ihn des Geizes, und wer ihn nur aus einzelnen Zügen kannte, mochte vielleicht Grund dazu haben; aber man kann den Mann nicht geizig nennen, der oft für hohen Preis so viele Arbeiten von andern Künstlern kaufte, um diese zu unterstützen; ja sogar zuweilen mittelmäßige Werke (was seine Gemäldesammlung zeigt) nur um den Bedürftigen zu helfen. Dagegen liebte Thorwaldsen nicht die täglichen Ausgaben. Eine arme Jugend hatte ihn daran gewöhnt, sich Vieles zu versagen, ohne es zu vermissen, und später, als Alle darin wetteiferten, ihm Aufmerksamkeit zu erweisen, gewöhnte er sich zuletzt so daran, daß es ihm gar nicht einfiel, sie zu vergelten. Er liebte es nicht, Bedienten Trinkgelder zu geben, und es circuliren in Bezug darauf manche lustige Anekdoten. Er las nicht viel, ja man kann fast sagen, gar nichts, denn es kostete ihm Anstrengung. Im täglichen Verkehre hatte er Italienisch und Deutsch gelernt, sprach es aber mit dem schlechtesten Accent aus. Wenn er etwas componiren wollte, so las er ein paar Seiten in Voß's Homer oder benutzte höchstens eine Mythologie. Bei Stampe mußte ich ihm oft aus Holberg's Comödien und meinen Werken vorlesen. Man pflegte seine außerordentliche Bescheidenheit zu rühmen. Da er stets als ein unerreichbarer Meister betrachtet wurde, der nicht den geringsten Tadel verdiene, so ist es natürlich, daß er dieser Bewunderung mit einer gewissen schüchternen Verschämtheit begegnete. Das Genie kommt von Gott, und wenn das Werk gelungen ist, so steht der Meister mit einer kindlichen Naivetät da, die wohl auch Bescheidenheit genannt werden kann. Aber Thorwaldsen war so klar in seiner Kunst, daß er sehr wohl wußte, was er sei. Gegen Canova war er streng. »Sieh«, sagte er einmal in Rom zu mir, als wir das Atelier des großen Italieners besuchten -- »der Riese da steht so schlecht auf seinen Füßen, daß er umfällt, wenn ich ihn mit dem Finger berühre. -- Diese Gewänder sind Kohlblätter! -- Da haut ein Fechter auf den andern ein, während dieser auf der Erde liegt; ein Straßenjunge würde doch warten bis er aufgestanden ist«. -- Einmal saß er mit einem andern tüchtigen Bildhauer bei der Flasche. Sie hatten Beide etwas tief ins Glas geschaut. »Hör' 'mal, Thorwaldsen«! sagte der Andere nun munter, »Du bist ein großer Künstler, ein außerordentliches Genie; aber verzeih, daß ich Dir's sage -- in Marmor kannst Du eigentlich doch nicht hauen«. -- »»Sieh««, antwortete Thorwaldsen, »»wenn Du mir beide Hände auf den Rücken bindest und ich den Marmor mit meinen Zähnen nicht besser beiße, als Du ihn hauen kannst, so sollst Du mich einen Pfuscher nennen««! -- Um dies zu verstehen, muß man wissen, daß Thorwaldsen mit dem reichen Genie und der großen Erfindungsgabe lieber seine Gestalten in Thon modellirte, was dann doch das eigentliche Kunstwerk war, als eine Copie davon in Marmor zu hauen, was eine beschwerliche und fast ängstliche Arbeit ist; denn theils kann man unerwartet auf blaue Adern im Marmorblock stoßen, theils kann ein einziger Fehlschlag die Statue verderben. Aber da die Marmorstatue für die Ewigkeit ist, so muß der Künstler sich darein finden, und das that Thorwaldsen auch, und er konnte den Marmor bis zur höchsten Vollendung bearbeiten, obgleich er in einzelnen Werken, bei denen die Idee die Hauptsache ist, das Rasche und Kühne dem Glatten und Gezierten vorzog.

Von Dem, was rings um ihn vorging, wußte er nicht immer Bescheid. Als man ihm bei seiner Ankunft die Pferde vom Wagen spannte und ihn nach Charlottenburg zog, wußte er nichts davon, bis man es ihm später erzählte.

Von seinem fürstlichen Begräbnisse, zu dem ich eine Cantate geschrieben hatte, die mit Gläser's Musik in der Frauenkirche aufgeführt wurde, spreche ich nicht. Dies ist ein Akt, der der Geschichte angehört und nie vergessen wird. Das Volk geleitete ihn; sein König kam der Procession in der Kirche entgegen. Dänemark trauerte, freute sich aber in seinem Schmerz über den großen Künstler, der nie sterben konnte. Später schrieb ich ein Gedicht: »Das letzte Lebewohl«, das König Christian mich bat, an seiner Tafel vorzulesen, wo die Mitglieder der Akademie der Künste versammelt waren. Alle Lakaien und Diener mußten hinausgehen. Der Oberhofmarschall holte selbst den alten Rheinwein, mit dem, nach alter Väter Weise, ein prächtiges Trinkhorn gefüllt wurde; und während das Horn, nachdem zuerst der König daraus getrunken hatte, von Mund zu Mund ging, las der Skalde das Gedicht vor.

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In demselben Jahre wurde ich Ehrenmitglied der Akademie der Künste. Ich glaube, daß dies damals ganz besonders aus Pietät für Thorwaldsen geschah, da man wußte, daß es sein Wunsch und Wille gewesen sei. Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften in Kopenhagen wurde ich nie. So viel ich merken konnte, kam dies daher, weil man fürchtete, daß ich nicht einstimmig gewählt werden möchte und glaubte, daß es mir auf andere Weise nicht Freude bereiten würde.

[Sidenote: Reise ins Ausland.]

In diesem Jahre verkaufte ich das Verlagsrecht meiner Werke auf zehn Jahre an den Universitätsbuchhändler =Höst=, und sah mich dadurch in den Stand gesetzt, wieder mit meinem jüngsten Sohne =William= eine Reise ins Ausland zu machen. Auf dieser Reise schrieb ich meinen andern Kindern Briefe, aus welchen ich Bruchstücke mittheilen werde, um die charakteristischen Züge zu bewahren und dem Leser den frischen Eindruck der Reise zu verschaffen, wie er damals, ungestört und ungeschwächt durch spätere Ereignisse, auf =mich= einwirkte.

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[Sidenote: Berlin.]

Berlin, den 9. Mai 1844.

Beim herrlichsten Wetter kamen wir um zwölf Uhr des nächsten Morgens nach unserer Abfahrt aus Kopenhagen, in Stettin an. Hier nun sahen wir das Mirakel, denn so kann man es wohl nennen, wenn man zum ersten Mal auf der Eisenbahn fährt. Es war mir wie Aladdin zu Muthe, als er vom Geist des Ringes durch die Luft geführt wurde -- nur ging es viel bequemer und nicht so gewaltig auf und ab. Freilich sah ich nicht so viel wie Aladdin, erstens weil die Wände des Wagens mich daran verhinderten, und zweitens, weil auch nichts zu sehen war. Berlin liegt, wie Palmyra, in einer Wüste -- damit seine schönen Paläste und Gebäude nicht durch die Natur verdunkelt würden. Wie möchten sie sich z. B. neben den Felsen Thelemarkens ausnehmen? Zwischen den Sandkörnern der Mark-Brandenburg aber sind sie wahre Riesen.

Am zweiten Tage meiner Reise saß ich bereits hier in Berlin und trank Thee. Am folgenden Tage (den 2. Mai) gingen wir zu Steffens, wo es von Fremden wimmelte, da -- sein Geburtstag war. Ich sagte natürlich gleich, daß ich auch von Kopenhagen gekommen sei, um ihm zu gratuliren. Von dort ging ich zu Tieck, den ich zwar recht wohl, aber doch tief zusammengeknickt, und die Gräfin Finkenstein neben ihm mit einem grünen Schirm vor den Augen fand. Er erkannte mich nicht gleich, freute sich aber dann sehr und lud mich zu Tisch ein, wobei wir Steffens' Geburtstag feierten. -- Am Sonntag fuhren wir auf der Eisenbahn nach Potsdam, um dem Baron Humboldt den Brief unsers Königs zu überreichen. Humboldt empfing mich sehr freundlich und ging gleich zu seinem Könige hinauf, um ihm zu sagen, daß ich anwesend, und einen Augenblick darauf kam er zurück, um mich zu ihm zu führen und mir zu sagen, daß ich zur Tafel geladen sei. Der König empfing mich mit großer Freundlichkeit, und ich sprach über Vieles mit ihm. -- Humboldt fuhr mit uns, wie der König es bestimmt hatte, nach Sanssouci, und zeigte uns die Reliquien Friedrich's des Großen. -- Nach der Tafel sprach ich mit der Königin, die sehr liebenswürdig ist, mit dem Prinzen Wilhelm und dessen Gemahlin. Als der König hörte, daß ich Dina mitgebracht hätte, lud er mich ein, es Dienstag Abend vorzulesen. Am bestimmten Tage fuhr ich Vormittags nach Potsdam. Steffens sollte beim Könige speisen. Nach der Tafel erzählte er, daß ich auch hatte dort sein sollen, daß es aber vergessen worden sei. Der König hatte Steffens zu meiner Vorlesung eingeladen. Dem König und der Königin gefiel das Stück, und er äußerte oft seinen lebhaften Beifall während des Vorlesens. Als wir gehen wollten -- es war eine ziemlich große Gesellschaft -- rief er mit lauter Stimme: »Baron Humboldt! Sorgen Sie als Ordenskanzler dafür, daß =der= Orden _pour le merite_, den Thorwaldsen getragen hat, Oehlenschläger gegeben werde! Es wird mich freuen, wenn er gerade =diesen= trägt«! Ihr könnt Euch meine Gefühle bei dieser großen Ehrenbezeugung vorstellen -- die um so größer durch die Worte des Königs und seinen Wunsch wurden, daß ich =Thorwaldsen's= Orden erben solle. Ich dankte ihm mit gerührtem Herzen. Am Abend war es zu spät nach Berlin zu kommen, Steffens und ich blieben deshalb im Gasthof zum Einsiedler, wo wir, wie in alten Tagen -- in demselben Zimmer zusammen schliefen, und dann am nächsten Morgen nach Berlin fuhren. -- --

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[Sidenote: Dresden.]

Dresden, den 27. Mai.

-- -- Wir waren oft bei Tieck; in einer großen Gesellschaft zu Ehren des 81jährigen Bildhauer =Schadow= im Wintergarten, einem herrlichen Gebäude, wo es aber besonders schön im Winter sein muß, wenn man von Blumen umgeben ist; jetzt steht der Frühling selbst in all seiner Pracht und beschämt die schönste Kunst. -- Bei dem Könige waren wir zum dritten Male in Potsdam zu Mittag. Er bat mich freundlich, bald wieder zu kommen. Es rührte mich innig, von dem alten, großen Humboldt zu scheiden, der sich wie ein Vater gegen mich bewiesen, und dessen Herz ich gewonnen habe. Die Prinzessin Wilhelm kam uns gleichfalls sehr liebevoll entgegen, sie bat mich, Etwas in ihr Stammbuch zu schreiben und ich schrieb nach Goethe's Gedicht im Wilhelm Meister Folgendes hinein:

Was hör' ich draußen vor dem Thor, Was in der Ferne schallen? Laßt den Gesang zu unserm Ohr Im Saale widerhallen! Der König sprach's; der Kanzler kam, In Schutz er selbst den Sänger nahm; Der Kanzler war ein Weiser.

Gegrüßet seid, ihr edeln Herrn! Gegrüßt ihr schönen Damen! Welch reicher Himmel, Stern bei Stern! Wer kennet ihre Namen! Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit, Lies dein Gedicht! Hier ist nicht Zeit Sich staunend zu ergötzen.

Laut sein Gedicht der Sänger las, Will Beifall gern gewinnen; Der König ihm zur Seite saß, Nah saßen die Fürstinnen. Der König, dem es wohl gefiel, Ließ ihm zu Ehren für sein Spiel Ein goldnes Kleinod reichen.

Und warum sollt' ich wünschen nicht Den Lohn der Dichterblüthe? Nicht blos wer eine Lanze bricht Genießt des Königs Güte. Der Kanzler braucht nicht meinen Schmuck, Er hat der Herrlichkeit genug: Es freut ihn meine Freude.

Gerührt leer' ich den Becher aus Und wünsch Euch mit Entzücken: Das ganze königliche Haus Gott mög' es hoch beglücken! Ergeht's Euch wohl, so denkt an mich Und danket Gott so warm, als ich Für Eure Güt' Euch danke!

Bei Tieck hörten wir »Ritter Blaubart«, »Fortunat«, »der Kaufmann von Venedig«, »der Däumling« und Aeschylos' »Eumeniden« vorlesen. Der Theaterdirector, Herr von Küstner, nahm eigenhändig eine Abschrift von »Dina«; wir verließen Berlin und gelangten am Pfingstabend in Dresden an, wo wir jetzt in Stadt Rom, der lieben Gemäldegalerie gegenüber wohnen, und wo ich nun wieder andachtvoll vor Raphael's und Correggio's ewigen Meisterwerken gestanden. Ich besuchte sogleich den Theaterchef, Geheimrath von Lüttichau, bei welchem wir Shakespeare's Uebersetzer, den Grafen Wolf Baudissin, trafen.

Dresden, den 12. Juni.

Es giebt zwei Arten Briefe zu schreiben. Die eine, wenn der Brief sofort abgehen muß -- und dann wird die Erzählung eigentlich nur das Gerippe der Reise; die andere, wenn man sich Zeit nehmen kann, und alsdann kann man -- um bei dem Gleichnisse zu bleiben -- dem Gerippe Muskeln, Adern, Nerven und Haut anlegen, und -- wenn man selbst etwas Athem in seinen geistigen Lungen hat -- auch der Nase des Reisegerippes einen lebendigen Geist einhauchen. Da ich nun heute Vormittag Zeit habe, -- denn ich werde nicht, wie sonst um ein Uhr, sondern um drei Uhr speisen, weil ich von dem Prinzen Johann im Pirna'schen Garten zu Mittag eingeladen bin, -- so will ich etwas mit Euch plaudern, meine lieben Kinder.

Es geht in der Natur, wie in der Kunst; sie wirkt am stärksten durch die Contraste; so z. B. kann man sich nichts Verschiedenartigeres denken, als Preußen und Sachsen. In Mark Brandenburg -- namentlich um Berlin -- ist weiter nichts als Sand, Wasser, die Linden und der Thiergarten -- in Sachsen die schönste Natur, die man sich denken kann. Wir waren letzthin in Tharand, in einem anmuthigen, engen Thale, von steilen Gebirgen umgeben, mit der üppigsten Vegetation. Dort saßen wir an der Sonnenseite vor dem Hause und aßen zu Mittag. Was aber Häuser, Paläste, Einrichtungen und Militair betrifft, steht Preußen weit über Sachsen. Man muß die herrliche Haltung, den schönen Wuchs, das stolze, kriegerische Aussehen bei den Nachkommen Friedrich's II. und Blücher's bewundern. -- Hier in Sachsen sehen die Soldaten erbärmlich aus! Gestern, als es regnete, und ich mit aufgespanntem Regenschirme dahineilte, hätte ich beinahe einer kleinen Schildwache in einem grauen Kittel, die ich fast gar nicht gesehen hatte, die Mütze vom Kopfe gestoßen; ich griff an den Hut und bat um Vergebung.

Letzthin sahen wir den Sommernachtstraum, den Lüttichau, glaube ich, die Artigkeit hatte, meinetwegen aufführen zu lassen. Felix Mendelsohn's Musik ist unvergleichlich -- die Decorationen sind prachtvoll und das Spiel im Ganzen genommen, recht gut. Es hatten sich viele Zuschauer eingefunden; aber die Leute wissen nicht recht, was sie zu diesen alten Späßen und Schwänken sagen sollen, und dieselben, welche die Schauspieler in Töpfer's und Raupach's Stücken hervorrufen, schämen sich -- mit gutem Grunde -- Shakespeare zu applaudiren.

Wir haben jetzt auch Antigone hier gesehen und das Stück hat mich außerordentlich erfreut, mehr als der Sommernachtstraum. Das Theater war ganz im griechischen Style eingerichtet. Auf einer großen Erhöhung stand der Palast mit seiner Vorhalle; von hier aus führten Stufen zu einem Platze mit dem Altar und zu diesem hin bewegte sich der Chor von einer noch niedrigern Stelle aus. Das Licht kam von oben; eine bewegliche Wand von unten anstatt des Vorhanges. Architektur und Trachten ausgezeichnet. Fräulein Beyer als Antigone edel und rührend; etwas mehr Kraft hätte man wünschen können. Es machte auf mich einen tiefen Eindruck, dieses drittehalbtausend Jahre alte Meisterwerk zu sehen. Die Musik von Mendelssohn ist unvergleichlich. Was der Chor singt, kann man allerdings nicht verstehen, wenn man es nicht liest, wenn einem aber die Situation und der Hauptgedanke bekannt ist, drückt die Musik Alles bis zur Vollkommenheit aus.

Wir haben die Bekanntschaft eines großen Theiles der vornehmsten und gebildetsten Damen Dresdens gemacht, die Prinzessinnen von Holstein, die Fürstin Löwenstein, Generalin von der Decken, Gräfin Lynar, Frau Förster, und man muß jeden Abend nach dem Theater in der Gesellschaft erscheinen. Wir haben einen schönen Abend beim Hofrath Winkler verbracht. Auch bei einer Gräfin Eggloffstein sind wir eingeladen gewesen, die ungeachtet ihrer vornehmen Verhältnisse -- sie war lange Zeit Hofdame -- sich der Malerkunst ganz hingegeben und schöne Sachen ausgeführt hat. Sie bat mich, für ihr Album mich zeichnen zu dürfen. Den vortrefflichen Maler Hübner und das anmuthige Fräulein Beyer haben wir auch besucht.

Ein sehr liebenswürdiger, dienstwilliger Mann Namens Kraukling, Director des Museum, lange Jahre Herausgeber der Morgenzeitung, ein guter Freund von Tieck, hat mir einen Verleger für meinen Oervarodd und meine deutsche Uebersetzung von Wessel's »Liebe ohne Strümpfe« verschafft. -- Uebermorgen früh reisen wir mit dem Dampfschiffe nach Teplitz und von dort über Prag nach Wien.

[Sidenote: Prag.]

Wien, den 23. Juni.

-- -- Prag, diese große schöne Stadt kennt Ihr ja Alle; und wenn der liebe Gott sie nicht kennt, so thut es doch der heilige Nepomuk. Derselbe wird hier in seinem silbernen Sarge im Dome eifriger angebetet, als unser Herr Gott in den meisten andern Ländern.

Wir besuchten alle mögliche Kirchen, die sich durch Schönheit, Pracht und Größe auszeichneten, bis auf die Judenkirche, welche wie ein Schweinestall aussah; aber es ist ein antiker, merkwürdiger Schweinestall; er soll seine vierzehnhundert Jahre alt sein. Er müßte eigentlich in einem Museum für Alterthümer aufgestellt werden. Der König von Preußen ist ja mit einem guten Beispiele vorangegangen, indem er für Brandenburg die alte norwegische Kirche gekauft hat; und Brandenburg kann sie nöthig haben, denn die Religion drückt es nicht.

Wir waren auch in Mönchs- und Nonnenklöstern. Wir sahen eine Menge von kostbaren Monstranzen, die von einem Riesenmönche vorgezeigt wurden, der demjenigen in Walter Scott's Roman glich. Einige Spitzbuben hatten vor wenigen Monaten versucht, die Mönche todtzuschlagen, um die Kirchenjuwelen zu rauben; deshalb stand nun dieser mit seiner körperlichen Kraft vor dem Eingange als Schutz.

Wir sahen auch Wallenstein's Palast, Graf Nostiz' schöne Gemäldegalerie, und im Theater den Freischütz. In der Theinkirche erblickten wir auch unsern guten alten ehrlichen Tycho de Brahe, er lehnte sich in voller Rüstung und mit Metallschienen -- nicht allein um die Nase[1] -- an einen braunen Leichenstein, der in die Säule festgemauert war.

[1] Tycho Brahe hatte bekanntlich eine silberne Nase, da sie ihm in einem Duell verstümmelt worden war.

Auf unseren Wanderungen hörten wir die Harfenistinnen schöne böhmische Volkslieder singen -- das heißt Melodien, denn vom Texte verstand ich natürlicherweise kein Wort.

Weil wir von Sprachen reden, muß ich auch eine Anekdote aus Prag erzählen, die uns in dem Prämonstratenserkloster passirte, während uns der Guardian oder was er sonst war, umherführte. Als er hörte, daß ich Professor sei, betrachtete er mich auch als einen Gelehrten und bat mich inständig, ihm zu sagen, in welcher Sprache ein Buch der Bibliothek geschrieben, über welches ihn noch Keiner hätte belehren können. Ich stand wie auf Kohlen; denn obgleich ich, wie Holberg's Jeppe »lange Jahre bei der Malice gestanden und meine Sprachen gelernt habe«, so war ich doch in Zweifel, ob meine Gelehrsamkeit sich soweit erstreckte, daß ich ihm sagen konnte, was kein Anderer wußte. Genug, das Buch wurde hervorgeholt, und denkt Euch einmal, es war Dänisch, eine alte Uebersetzung eines französischen Schäfergedichts. Jetzt werdet Ihr wohl begreifen, daß ich meine ungeheure Erudition in den glänzendsten Farben spielen ließ, so daß der Guardian über meine Gelehrsamkeit Augen und Ohren aufsperrte.