Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4
Part 12
Im Juni reiste ich mit meinem jüngsten Sohne Wilhelm nach Norwegen. Als Reisegefährte folgte uns der Violinist =Ole Bull=, der durch sein seltenes Talent einen nicht nur europäischen, sondern einen Weltruhm erlangte. Ich hatte oft Gelegenheit gehabt, diesen großen Künstler zu bewundern, aber auch mich über ihn zu wundern. Sein Leben ist merkwürdig: wie er als ein armer, unbekannter Musiker durch Paris kam, und von der äußersten Noth getrieben, beabsichtigte, in der Verzweiflung sein Leben zu enden, als er gerettet, gekannt, gehört, anerkannt, geliebt, verheirathet, und sich durch seine Concerte bald ein erkleckliches Vermögen erwarb. Seine musikalischen Leistungen waren ein Ausdruck seines eigenen Charakters; eine eigenthümliche Mischung von liebenswürdiger kindlicher Gutmüthigkeit und Milde, die oft durch eine unruhige Heftigkeit unterbrochen wurde. So wechselten die schönsten, schmelzendsten Töne und genialsten Phantasien mit einem plötzlichen, gellen Schreien der Saiten ab. Es war gleichsam, als ob Bull ein Vergnügen daran fand, mit launischem Wankelmuth die milde feierliche Stimmung zu vernichten, die er selbst erweckt hatte, und dieselben Zuhörer, die er soeben noch entzückte, durch eine Bizarrerie zu verletzen, die nicht ihn beherrschte, sondern die er in stolzer Laune hervorrief, wenn er wollte. Er kam mir oft wie ein Maler vor, der uns ein schönes Bild zeigt, das er soeben vollendet, und in dem Augenblicke, wo wir es genauer betrachten wollen, mit einem Pinsel darüber hinfährt und es wieder verwischt. Doch muß man ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wir hörten manch' herrliches Stück, das nicht auf diese Weise abgebrochen wurde; und es ist höchst wahrscheinlich, daß diese Manier ihn im reifen Alter ganz verlassen hat. Keiner spielte ein Adagio von Mozart so anmuthig, wie er, hier verleugneten sich ganz jene grellen Töne einer zu heftigen Persönlichkeit. Ich sage, daß er ebenso in seinem Leben war: er machte zuweilen das Gute schlimm; aber mit der Kindlichkeit, die dem kräftigen, schönen, jungen Norweger so gut stand, war es ihm auch leicht, das Schlimme wieder gut zu machen.
Als er mir ein Mal auf dem Schiffe mißfallen hatte, weil er zu übertrieben auf die Schweden loszog, und ich fortging und mich auf eine Bank abseits setzte, kam er bald nachher auf allen Vieren kriechend und bellte mich wie ein Hund an. Das war nun eine ebenso originelle wie liebenswürdige Art, die Versöhnung herbeizuführen, und den Verstimmten zum Lachen zu bringen. Er besuchte mich mehrere Male in Kopenhagen. In Christiania, wo seine kleine hübsche Frau wohnte, die sich als Pariserin nicht recht in den Norden finden konnte, war ich zu Mittag bei ihm, und als wir reisten, war er so gut, uns einen seiner Wagen zur Fahrt nach Bergen, seiner Vaterstadt, zu leihen, wohin er auch bald reisen wollte. Er war außerordentlich stark; seine Arme waren wie von Eisen gegossen, und es ist wohl möglich, daß es seine allzu große Körperkraft war, die zuweilen ungeduldig die milden Töne unterbrach, während er mit dem Haupte schüttelte, daß ihm die Haare in die schönen braunen Augen fielen. Ein Beweis für seine Gutmüthigkeit ist, daß er mir seinen besten Wagen zu dieser Reise lieh. Er selbst beabsichtigte, in einem Wagen mit drei Rädern zu fahren; als man ihm aber vorstellte, wie gefährlich dies sei, wählte er einen großen Wagen, der nicht ordentlich die Spur hielt, und mit dem er auch ein Mal umwarf und beinahe den Hals gebrochen hätte. Als er vor dem Könige in Kopenhagen spielte, und Friedrich VI. ihn fragte, von wem er seine Kunst gelernt habe, antwortete er: »Von den norwegischen Felsen, Ew. Majestät!« Der König, der an solche poetische Redensarten nicht gewöhnt war, und den Namen eines Menschen erwartet hatte, setzte das Gespräch nicht weiter fort.
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[Sidenote: Norwegische Bekanntschaften.]
In Christiania besuchte ich meine alten Freunde und Gönner. Der Einzige, den ich nicht so fand, wie ich ihn verlassen hatte, war =Sverdrup=, der an Augenschwäche litt, und den ich nie wieder sah. Die Studenten begrüßten mich eines Abends im Hôtel du Nord mit einem Ständchen. Ich machte die Bekanntschaft =Schweigaard's=, eines der brillantesten Köpfe des Nordens, der Genie und Kenntnisse mit einem edlen Herzen verband, =Dahl= kam uns mit der alten Freundschaft entgegen, und seine gute Frau erquickte uns unter Andern mit schöner italienischer Musik. =Collets= empfing mich mit unveränderter Herzlichkeit. Auch meinen alten Reisekamerad =Krog= sah ich wieder, und lernte seinen Vater, den Staatsrath kennen, der, als ich das erste Mal Norwegen besuchte, in Schweden gewesen war.
Der Statthalter Baron =Lövenskjold= erwies mir viel Freundlichkeit und Ehre. Am Namenstage des Königs waren wir bei ihm zu Tisch, und bei dem dritten Toast bat er mich, Dänemark Norwegens brüderlichen Gruß zu bringen. Fünf Jahre darauf sah ich seinen Sohn in Dänemark; der begeisterte, tapfere Norweger kam her, um unter dem Dannebrog für die Sache unsers Vaterlands zu kämpfen. Seine ehrliche, derbe, herzliche Freundlichkeit rührte uns Alle. Er war oft bei mir auf dem Fasanenhofe. Als ich in die Stadt gezogen war, kam der Diener eines Tages herein und sagte: »Herr! draußen steht ein Soldat, der mit Ihnen zu sprechen wünscht.« Ich ging hinaus. Die Gardinen waren der Sonne wegen herabgelassen; ich konnte das Gesicht nicht recht erkennen, und sah nur einen Soldaten in seinem groben Rock, mit Patrontasche und Säbel, der ehrerbietig an den Czako faßte. Es war Lövenskjold, der in den Kampf ging. Nachdem er sich bereits durch Tapferkeit ausgezeichnet und Dannebrogsmann geworden war, besuchte er uns wieder; wir hatten die Freude, ihn im Soldatenrocke an unserm Tisch zu sehen und auf sein Wohl zu trinken, ehe er seinem ehrenvollen Tode entgegenging. Er steht vor meiner Seele als ein schönes Ideal all' der edlen Norweger und Schweden, die mit ihrem Bruderherzen für uns stritten, und ihr Blut für uns wagten und vergossen.
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[Sidenote: Reise nach Bergen.]
Den Reiseplan nach Bergen hatte uns unser Freund =Holger Collet= aufgeschrieben; und da der Staatsrath =Sibbern= einen Tag vorher eine weite Strecke auf demselben Wege gefahren war, so hatte er Pferde für uns bestellt. Holger hatte uns aber zu kurze Zeit gelassen, und obgleich wir eilten, so mußten wir doch an ein paar Orten doppelt bezahlen, weil man uns zur bestimmten Zeit vergebens erwartet. Der Weg führt größtentheils an Abgründen entlang, doch ereignen sich selten Unglücksfälle; denn die norwegischen Pferde sind ebenso wie die italienischen Esel daran gewöhnt, die Felsen auf und ab zu klettern. Zwei Dinge gehören zu den wichtigen Erfordernissen einer Reise in Norwegen: ein guter Kutscher und ein Cabriolet. Ersteren verschafften wir uns; aber statt des Cabriolets bekamen wir Bull's Chaise. Da diese nun ziemlich hoch war, so war sie auch gefährlicher; hatte aber auch wieder den Vortheil, daß sie beim Regen zugemacht werden, und daß man mehr darin mit sich führen konnte. Im Anfange erschien mir die Nähe des Abgrundes etwas bedenklich; aber man gewöhnt sich an Alles und es währte nicht lange, so ließ ich den lieben Herrgott sorgen und schlief ganz ruhig in dem bequemen Wagen. Selbst eine Stelle, wo ein paar Tage vorher eine Karre mit einem Pferde herabgestürzt war, machte keinen Eindruck auf mich.
Wir machten unsere Reise in vier bis fünf Tagen. Ich will hier nicht all' die Ruhepunkte aufzählen, sondern nur einiges Charakteristischen, dessen ich mich entsinne, Erwähnung thun. Am ersten Abend kamen wir in ein Haus, wo der Wirth und die Wirthin, obgleich Bauersleute, meine Biographie und mein Freia's Altar gelesen hatten, und sich alle Mühe gaben, uns nach besten Kräften zu bewirthen. Zu dem Ende brateten sie ein Spanferkel, das sie auf den Tisch setzten. Unglücklicherweise aber konnte ich Nichts davon genießen; denn es ist mir stets zuwider gewesen, von einem Spanferkel zu essen, das mit Kopf und Schwanz und geschlossenen Augen, fast als ob es noch lebte auf den Tisch kommt. Das Gefühl von einer Art Kanibalismus bei dem Genusse eines, wenn auch nicht Mitmenschen, so doch Mitgeschöpfes macht mir die Mahlzeit widerlich. Es darf keine Spur des verschwundenen Lebens mehr vorhanden sein, wenn die Fleischspeise schmecken soll. Nur durch diesen Selbstbetrug versöhnt sich unser, wenn auch nicht ethischer, so doch ästhetischer Sinn mit den Forderungen der Natur. Indessen kostete ich doch von der Speise, um den braven Leuten nicht zu mißfallen, die uns so gern Etwas zu Gute thun wollten.
Der Wagen wankte oft an steilen Punkten; das störte mich aber doch nicht in der Betrachtung der wunderbaren Natur. Norwegen besteht mit Ausnahme einiger großen Thäler aus lauter Felsen, zwischen deren Spalten die Flüsse dahinströmen. Zwischen dem Fluß auf der einen Seite und dem Felsen auf der andern erstreckt sich ein breiter oder schmaler Erdstreifen mit Ackerboden und einem Fahrwege zwischen sich und dem Flusse. =Das= ist Norwegen! Man hat so viel von dem kalten unfruchtbaren Klima gesprochen; nicht das Klima im Ganzen genommen ist es, das Norwegens Unfruchtbarkeit verursacht; hieran sind größtentheils die unglücklichen einzelnen Nachtfröste schuld. Eine einzige Nacht kann die Ernte eines ganzen Jahres zerstören. Was Norwegen besonders fehlt, ist =Erde=. Steine können nicht zu Brot werden, und Norwegen besteht größtentheils aus Steinen und Wasser. Aber wenn eine Zaubermacht die gegen Süden gewandten Bergabhänge hinreichend mit fruchtbarer Erde bedecken könnte, so würde Norwegen ein Paradies werden; denn das Klima auf der Süd- und auf der Nordseite des Berges ist durchaus verschieden. Wo die Sonne in dem Thale scheint, welches die Felsen vor Stürmen schützen und die Sonnenwärme verstärken, indem sie die Strahlen zurückwerfen, würde fruchtbare Erde den Fleiß des Landmannes durch die reichste Ernte belohnen.
Unser Kutscher fuhr rasch. Aber ein Mal hatte er schlechte Pferde bekommen, und wollte auf einer unwegsamen Stelle sie mit der Peitsche vorwärts zwingen, was wir ihm aber untersagten. Die Bauern umgaben uns in großen Haufen, darunter war auch ein baumstarker großer Bauer mit finsterm Gesicht, der sich uns erbittert und drohend mit wilden Blicken näherte. Glücklicherweise kam der Prediger dazu, der ihn beruhigte, sonst wäre es dem Kutscher und uns vielleicht auch schlecht gegangen. Dies war der erste und letzte Norweger auf meiner Reise, der sich mir unfreundlich zeigte.
Wir näherten uns dem Filefjeld, dessen Kamm jetzt, in der Mitte des Sommers noch an vielen Stellen mit Schnee bedeckt war. Hier aßen wir einen guten Rennthierbraten, und ein starker Bauer trug mich auf seinem Rücken durch den Schnee; doch nicht ganz ohne Schwierigkeit; denn ich war nicht so leicht, als er geglaubt hatte.
Von dort kamen wir nach dem Leerthale, wo Manöver gewesen war. Die Soldaten mußten von fernen Gegenden dorthin ziehen, um einen flachen Raum von genügender Ausdehnung zu finden, auf dem sie marschiren und exerciren konnten.
Von hier fuhren wir mit einer Abtheilung norwegischer Soldaten auf einem Dampfschiffe nach Bergen wo uns meine geliebte Maria und ihr Mann auf einem Boote im Hafen entgegenkamen. In dem Augenblick, wo ich aus dem Schiff ins Boot steigen sollte, mußte ich, als ich mein geliebtes Kind wiedersah, meine Gefühle unterdrücken, um nicht ins Wasser zu fallen. In der Stadt erwartete uns ihr Wagen, und nun fuhren wir rasch den herrlichen Weg entlang bergauf, bergab nach =Steen=.
[Sidenote: Aufenthalt bei meiner Tochter.]
Bei der Einfahrt in Konow's Gut stand in dem Thore das Kindermädchen mit dem kleinen =Harald=, der seinen Großvater an der Grenze empfangen sollte. Durch eine lange Allee mit gut bebauten Feldern zu beiden Seiten, von nackten, hohen Riesenfelsen begrenzt, kamen wir nach dem traulich und schön eingerichteten Hause. Hier verbrachte ich sechs glückliche Wochen im Schooße meiner Familie. Meine Maria spielte mir täglich einige der Mozart'schen und Beethoven'schen Compositionen vor, die ich stets so gern hörte, und ich ging daran, meine Tragödie »Erik Glipping« zu vollenden, die ich bereits im Fasanenhofe begonnen hatte. In Bergen besuchte ich den herrlichen =Christie=, der Stiftsamtmann gewesen, Staatsminister hätte werden können, sich aber mit dem Amte eines Zollinspectors begnügte, und einer der Begründer der norwegischen Constitution war.
Es währte nicht lange, so erhielt ich eine Einladung von Bergens Einwohnern aus allen Classen zu einem Feste im Locale der dramatischen Gesellschaft. Ich wurde von den Stiftsamtmännern Hagerup und Christie, dem Amtmann Schütz und den Directoren der Gesellschaft empfangen, und in des Prinzen Oskar Loge hinaufgeführt. Ungefähr fünfhundert Personen empfingen mich mit einem Liede und einem schönen Prologe von meinem alten Freunde, dem Oberlehrer =Lyder Sagen=. Später war Souper und Ball für über hundert Personen. Ich sprach meinen Dank für diese Ehre in einem Gedichte aus, das in meinen Sammlungen abgedruckt ist. Aber es blieb nicht dabei; die edlen Bergener erwiesen mir auf mehrere Arten ihre Zuneigung.
Je mehr sich die Abreise näherte, desto schwerer athmeten Maria und ich, und manche Thränen wischten wir fort, die sich am Ende doch nicht mehr verbergen ließen. Wir hatten Beide versucht unser Gefühl zu unterdrücken, wenn vom Abschiede die Rede war; aber wir wußten wohl, was wir einander waren, und der Gedanke an die schwere Trennung, die uns bevorstand, erschütterte uns. Eines Vormittags, als Konow und William ausgegangen waren, hatte ich mich in mein Zimmer gesetzt und las; als ich zu Maria hineinkam, fand ich sie an ihrem Nähtische still weinend. Ich fragte sie besorgt um die Ursache? »Du gehst von mir weg und liest,« sagte sie, »während ich hier allein bin. Dazu hast Du Zeit genug, wenn uns mehr als eine Thür trennt.« In solchen Zügen äußerte sich ihr schönes Herz.
In ein paar Bäume auf dem Wege nach der See zu hatte ich einige Worte eingeschnitten; gleich vornan in einen: »Lebe wohl!« und weiter unten am Strande: »Auf Wiedersehn!« Nun schnitten wir auch unsere Namen in einen Baum im Garten. Bei dieser Gelegenheit darf ich eines poetischen Charakters nicht vergessen. Die Sage von den Hausgeistern ist hinreichend bekannt: es sind gute, unschuldige Wesen, die mit größter Bescheidenheit nur wenig von Dem genießen, was man ihnen anbietet, und mit größter Freude allen nur möglichen Nutzen im Hause thun, während sie sich an die Familie anschließen. Freilich haben sie etwas Wunderliches an sich, aber das wird hinreichend durch ihr muntres Wesen und ihre innige Gutmüthigkeit ersetzt. Solch' einen Hausgeist besitzt Steen im =Onkel Jahn=. Ohne an den Speculationen und dem Handelsfleiße seiner Brüder, wodurch diese reiche Männer wurden, Theil zu nehmen, führte er ein abenteuerliches Leben, ging in seiner Jugend auf die See, und schloß sich später als ein reisendes Mitglied den Familien an. Auf Steen ist er der Abgott der Kinder, denn er lebt mit ihnen wie ein Kind, erzählt ihnen Märchen, spielt ihnen auf der Violine und der Mundharmonika vor, und sie haben kein Spiel, an dem er nicht Theil nähme. Aber er kann auch schmieden, zimmern und dem Hauswesen nützen.
Als nun Maria und ich zum Abschiede unsere Namen in einen Baum geschnitten hatten, fand Onkel Jahn die Idee so hübsch, daß er Lust bekam, auch den seinigen daneben zu stellen. Als ihm aber später Jemand sagte, daß sein Name nicht dahin paße, wollte er ihn durchaus wieder wegschneiden, und es kostete viele Mühe, ihn zu bewegen, daß er denselben stehen ließ.
So riß ich mich denn also aus den Armen meiner geliebten Maria. Um uns zu trösten, versprach der gute Konow, sie bald mit dem kleinen Harald nach Dänemark zu bringen. Und er hielt mehr, als er versprochen hatte, denn Harald kam mit noch zwei Brüdern.
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[Sidenote: Rückreise nach Kopenhagen.]
Das Wetter war herrlich, es ging kein Wind, darum kümmerte sich aber das Dampfschiff nicht. Ich starrte lange nach der Küste hinüber, als ich an Steen vorüber fuhr, aber es war zu weit, um Jemanden sehen zu können, und das war recht gut; denn der Anblick der Geliebten würde die Wunde nur wieder aufgerissen haben. Beim Vorübersegeln betrachtete ich die große, schöne Stadt, die zwischen nackten Felsen eingeklammert liegt. Auch Norwegen hat in früheren Zeiten durch die Deutschen gelitten. Hier setzten sich die Hanse-Kaufleute fest und belästigten lange die Bergener Bürger. Die alten Heldenkönige, die hier gestrahlt hatten, wurden vergessen, selbst ihre Grabmäler in den Kirchen sind zerstört, und keiner wußte, wo sie gestanden hatten. Die nackten Felsen machten einen traurigen Eindruck; doch würden die der Stadt zunächst gelegenen nicht so unfruchtbar sein, wenn sie vor dem Viehe geschützt worden wären, das die hervorsproßenden Keime abnagt, wenn man das Ackerland nicht einhegt. Auf dem eingehegten Gute des Stiftsamtmanns Hagerup z. B. erstreckte sich das Grüne ein gutes Stück den Berg empor.
Um mich zu erheitern, hatte das Schicksal uns den herrlichen =Rosenkilde= auf das Schiff geführt. Diesen vortrefflichen Schauspieler, ebenso ausgezeichnet durch seinen Humor wie durch sein Herz, der sich auch im »Fest der Freunde« als ein guter Dichter bewährt hat, kannte ich bereits seit meiner Jugend, wo er oft bei Madame Möller in der Weststraße aß. Er war auf einer Kunstreise begriffen, und kam von Drontheim. Das Wetter war so schön und ruhig, daß wir auf dem Verdecke Karten spielen konnten. Eine große Anzahl norwegischer Matrosen wurden auf dem Schiffe transportirt; jetzt hatten wir Gelegenheit, norwegische Seeleute zu sehen, sowie auf der Fahrt vom Leerthale nach Bergen Soldaten. Des Abends legten sie sich bis früh auf dem Decke zur Ruhe, und wenn wir Andern, die wir später zu Bette gingen, über das Verdeck gehen wollten, mußten wir über die schlafenden Matrosen wegschreiten. Ich fragte einmal den Capitain im Scherz, ob er nicht fürchtete, daß sie Aufruhr machen könnten? »Davor bin ich von moralischer Seite sicher,« sagte er. -- »»Genügt das?«« fragte ich. -- Er zeigte auf fünf bis sechs Männer, die Riesen nichts nachgaben, und sagte: »Auf diese kann ich mich in jedem Falle verlassen.«
Es geht sehr langsam auf dieser Reise, weil man zwischen unzähligen Scheeren und Bänken in der Nähe kleiner Felseninseln dahin fahren muß. Ueberall gebraucht man Lootsen. Wir näherten uns einmal zwei solchen Straßen, deren eine breit, die andere sehr eng war. Aber gerade durch diese letztere mußten wir fahren, denn in der andern wären wir auf den Grund gelaufen.
In Stavanger, wo das Schiff sich einen Tag aufhielt, war ich in der Kirche, und sah das Taufbecken, in dem Steffens getauft worden war. Er kam ein Jahr alt mit seinen Eltern nach Dänemark; sie hatten gerade ein Jahr in Norwegen gelebt. Erst als Jüngling besuchte er Norwegen wieder; indessen hatte er doch das Recht Norwegen sein Vaterland zu nennen.
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[Sidenote: Thorwaldsen.]
Im Jahre 1844 verlor Dänemark seinen =Thorwaldsen=. Er war ein paar Jahre vorher wieder in Italien gewesen. Sein Herz schwebte zwischen Süden und Norden. In Italien hatte er sein Leben von der ersten Jugend an bis zum Alter zugebracht. Dort hatte er sein Genie entwickelt, dort war er groß und weltberühmt geworden. Aber obgleich er Italien liebte, und die griechischen Werke ihm heilige Götterbilder für Studium und Kunst wurden, so brachte er nach Rom doch eine so stark nordische Persönlichkeit mit, daß weder Zeit noch Raum ihr Gepräge verwischen konnten, und wenn er uns besuchte, so war er in Wort und That, als ob er nie fern gewesen wäre. Thorwaldsen hatte, wie die meisten Künstler seiner Zeit, keine wissenschaftliche Erziehung gehabt. Sprachen waren nicht seine Sache; selbst seine eigne Muttersprache redete er schlecht; aber er war ein unvergleichlicher Meister in der Fingersprache. Wenn eine Sprache so vortrefflich ist, daß man in derselben das Höchste und Beste ausdrücken kann, und wenn man dies thut, so ist man beredt, selbst wenn man auch stumm wäre. Die Sprache selbst ist nur ein sinnliches Mittel um die Gedanken des Geistes und die Gefühle der Seele auszudrücken; unzählige Menschen schreien und grunzen, trotz ihrer Sprache, wie die Thiere, zwitschern wie die Vögel, schwatzen wie Staarmätze und Papageien. Wenn Mozart und Thorwaldsen die höchste Intelligenz in Tönen und Bildern ausdrücken, so hat weder die tiefsinnige noch die flache Metaphysik Recht, ihre Ideen undeutlich und dunkel zu nennen, weil sie dieselben nicht in Begriffe aufzulösen verstehen. Diese Begriffsauflöserei, diese bornirte Logik hat oft durch triviale Spitzfindigkeit die Begeisterung vernichtet, den Eindruck geschwächt und der Flachheit einen breiten Weg geöffnet, um den guten Geschmack durch Sophismen und Wortklauberei zu verderben. Die gesunde Logik, die wahre Philosophie steht in dem innigsten Verhältnisse zu Kunst und Genie, wie Minerva zu den Musen; wir sprechen hier nur von dem Misbrauche, der sich am Häufigsten findet. Auf eine naive, aber gerade richtige Weise entwickelte sich Thorwaldsen's Kunst, stets auf dem praktischen Wege. -- Man erzählt sich eine hübsche Geschichte, wie ein Deutscher, der sich seinen Kunstgeschmack durch Theorien und Abstractionen gebildet, zu ihm kam, kurz bevor er nach Rom reiste und als er eben ein paar Figuren componirt hatte, die für sein Alter merkwürdig schön waren. Der Fremde wollte wissen, welchen Weg er gegangen sei, welche Werke er studirt habe, um zum Ziele zu gelangen. Thorwaldsen, der all' das gelehrte Geschwätz nicht verstand, starrte ihn lange verblüfft an und sagte endlich: »Ach so! Sie wollen wissen, wie ich die Statue gemacht habe?« -- »»Ja, das möchte ich gern wissen!«« -- »Das will ich Ihnen sagen,« antwortete Thorwaldsen, der sich alle Mühe gab, recht deutlich zu sein, damit der Fremde ihn verstehen könne; -- »ich nahm ein Bret, bohrte ein Loch hinein, steckte dann eine Stange in das Loch, nahm feuchten Thon, den ich um die Stange legte -- =und dann machte ich sie=!« Welch unbewußte herrliche Satire liegt in dieser scheinbaren Einfalt!