Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4

Part 11

Chapter 113,629 wordsPublic domain

Im Jahre 1838 wohnten die königlichen Herrschaften nicht auf Friedrichsberg; das Schloß stand leer, und ich bekam so große Lust, wieder einmal dort zu wohnen, daß ich dem Triebe nicht widerstehen konnte, meinen Wunsch gegen den Oberhofmarschall auszusprechen. Er trug dieses darauf dem Könige vor und brachte mir die angenehme Nachricht, die ich gar nicht erwartet hatte, daß der König es gleich erlaubt und gesagt hätte: er könne ganz gut begreifen, daß ich wünschte, wieder einmal da zu wohnen, wo ich meine Kindheit verlebt, und wo er mich gekannt hätte, als ich nicht größer, als =so= war! Hier machte er mit der Hand eine Bewegung nach der Erde zu. -- Ich zog also mit meiner lieben Marie hinaus und lebte in schönen Jugenderinnerungen mit dem theuren Kinde, das mich (was ich damals noch nicht wußte) bald verlassen sollte; ich ging, von vergangener Zeit träumend, umher und besuchte täglich die Portraits meiner ältesten Geliebten in den königlichen Zimmern. Die Vergangenheit stand wieder so klar vor mir, daß ich Lust bekam, mein Leben ausführlicher und vollständiger, als das erste Mal zu schreiben, und ich begann die gegenwärtige Ausgabe. Damals vollendete ich nur die Periode meiner Kindheit. Manche Stelle zeugt von diesem meinen letzten Aufenthalte auf dem Schlosse, z. B. die genaue Beschreibung und das Urtheil über das große Gemälde von Rubens, das, von Lorenzen copirt, in dem Zimmer der Königin hing. Täglich ging ich mit meiner Maria im Garten und im Südfelde spazieren, wie ich es gethan hatte, als sie klein war. In diesem Sommer schrieb ich auch die Tragödie: »Knud der Große«.

In unserer ländlichen Einsamkeit wurden wir durch die freudige Nachricht überrascht, daß =Thorwaldsen= nach Dänemark komme, um sein übriges Leben bei uns zuzubringen.

Sein Empfang ist eine historische Scene, deren Schilderung nicht in ein idyllisches Gemälde gehört. Ich war auch auf der Rhede in einem Boote, um ihn zu begrüßen, was mir wegen des großen Schwarmes von Fahrzeugen doch nicht glückte; aber ich sah ihn ziemlich fern in dem Königsboote sitzen, und entdeckte da bereits, daß sein Haar, welches früher (nach seinem eigenen lustigen Ausdrucke) gepudert gewesen, nun schneeweiß geworden war.

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In diesem Jahre ernannte mich König Friedrich VI., ohne einen Vorschlag von Seiten der Universität, als ich es am wenigsten erwartete, zum Etatsrath.

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Im Jahre 1839 fiel es meinem Freunde =Bournonville= ein, meinen =Aladdin= zur Aufführung auf dem Theater einzurichten. Mit dem ihm eigenen Geschmacke wählte er die Musiknummern, componirte schöne Tänze zu den Feenscenen und Aufzügen und tanzte selbst vortrefflich darin. Ich hatte ihm und =Overskou= die Vollmacht gegeben, das Stück nach Gutdünken zu kürzen und zusammenzuziehen. So wurde es wiederholt mit vielem Beifall gegeben und verschaffte mir eine so reiche Einnahme, daß ich eine Freude genießen konnte, die mir in meinem ganzen Ehestandsleben nur ein einziges Mal, vor 22 Jahren, zu Theil geworden war, und an der ich jetzt auf dem Schlosse Geschmack gefunden hatte: einen Sommer mit meiner ganzen Familie auf dem Lande zuzubringen.

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[Sidenote: Tod Friedrich des Sechsten.]

Gegen Ende dieses Jahres starb auch König Friedrich VI. Ich schrieb als Universitätsprogramm ein Gedicht über ihn, und es wurde mir übertragen, die Trauercantate zu verfassen, welche bei seiner Beisetzung in der Roeskilder Domkirche aufgeführt wurde. Ich war mit dort, und bei einer schneidenden Kälte bei dem Probst =Hertz= einquartirt, wo ich diese Nacht dem lieben Gott für Etwas dankte, das ich sonst verabscheute, nämlich für ein paar warme Federkissen. Mit meiner Cantate, zu der Weyse die Musik geschrieben hatte, war ich selbst nicht recht zufrieden. Im Programm hatte ich das ganze preiswürdige Leben Friedrich's VI. in naiven Knüttelversen besprochen; aber sein Tod versetzte mich nicht in eine höhere Begeisterung. Auch die alte Einrichtung von Solo, Duett, Recitativ und Chor genirte mich. Später schrieb Heiberg eine Cantate für die Universität, welche besser war, als die meinige; Weyse's Musik war auch besser, besonders fand sich ein Duett von unvergleichlicher Schönheit darin.

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[Sidenote: Brief des Kronprinzen Oskar.]

Im Jahre 1840 zeigte Tegnér mir in einem sehr freundschaftlichen Briefe an, daß mir König Karl Johann das Großkreuz des Nordsternordens ertheilt habe, und ich erhielt auch bald das Diplom. Zu gleicher Zeit sandte der Kronprinz mir eine goldene Medaille mit seinem Brustbilde und der Inschrift: _Memoriae pignus_, nebst folgenden Zeilen:

»Herr Etatsrath Oehlenschläger! Durch mehrfache wichtige Geschäfte abgehalten, sah ich mich länger, als ich wollte und wünschte, der Freude beraubt, Ihnen meine Dankbarkeit für das schmeichelhafte Gedicht zu bezeugen, das Sie mir letzthin, von Ihren ins Deutsche übertragenen Arbeiten begleitet, zugeeignet haben«.

»Mehrere unter diesen sind mir zwar alte und liebe Bekannte, aber als Geschenk des Verfassers haben sie für mich einen neuen und erhöhten Werth. Ueber das schöne Gedicht darf zwar Der, welcher der Gegenstand desselben ist, nicht urtheilen, aber ich kann es mir doch nicht versagen, Ihnen, Herr Etatsrath, meinen Dank für die freundschaftliche Gesinnung auszusprechen, die sich darin zeigt, und die ich mit derselben Aufrichtigkeit, wenn auch in einfacheren Worten, erwidere. Das Andenken an unsere Begegnung in Christiania bereitet mir stets Freude, und ich rief es mir aufs Neue ins Gedächtniß zurück, als Ihr Sohn mich besuchte. Ich hoffe, daß er meine Grüße bestellt hat, und daß Sie, Herr Etatsrath, bald Ihr Versprechen, Ihre schwedischen Freunde zu besuchen, erfüllen werden. Indem ich mit Freude diese Gelegenheit benutze, Sie meiner Freundschaft und Hochachtung zu versichern, bitte ich Sie, die beifolgende Medaille anzunehmen, welche, wie ich hoffe, Sie an Denjenigen erinnern wird, der, wie ich, Ihren Geist und Ihre Eigenschaften, Herr Etatsrath, so hochschätzt.

Stockholm, den 8. Mai 1840. =Oskar=«.

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[Sidenote: König Christian der Achte.]

In diesem Sommer wurde König Christian VIII. und Königin Karolina Amalia auf Friedrichsborg mit vieler Pracht gekrönt. Die Ritter vom Elephantenorden und die Großkreuze des Dannebrog waren in purpurrothen und citrongelben Sammetmänteln, weißen Seidentricots und großen Federhüten gekleidet. Die Meisten nahmen sich in dieser ihnen ungewohnten Tracht eigenthümlich aus.

Der König machte mich in diesem Jahre, am Tage seiner silbernen Hochzeit, zum Dannebrogsmann. Ich hatte auf seinen Befehl eine Tischcantate zum Krönungsfeste gedichtet, die, von =Fröhlich= componirt, bei Tafel aufgeführt wurde. Aber die Unmasse von Menschen, die hin- und herging, um zu sehen, wie die Majestäten von den Staatsministern bedient wurden, kümmerten sich nur wenig um die Musik; die Herrschaften saßen am andern Ende des Rittersaales; die Teller klirrten, die Menge lärmte, und ich glaube, daß Keiner, mit Ausnahme der Spielenden und Singenden, die Cantate gehört hat. Ich war selbst im Saale, hörte sie aber nicht.

[Sidenote: Zusammenleben mit Thorwaldsen.]

Steffens war auch zugegen. Der König hatte ihn mit seiner Familie nach Dänemark eingeladen und bezahlte die Reise. Ich besuchte mit Thorwaldsen, Steffens und Grundtvig den Baron =Stampe= auf Nysöe. Schon früher war ich einige Male mit Thorwaldsen dort gewesen. Des Abends, wenn wir nicht Lotto spielten (das einzige Spiel, an dem Thorwaldsen Theil nahm, wo er aber auch ein sehr leidenschaftlicher Spieler war und sich ebenso sehr freute, wenn er einige Schillinge gewonnen, als wenn er eine bedeutende Summe für seine Arbeiten bekommen hatte), mußte ich ihnen Etwas aus Holberg oder meinen eigenen Arbeiten vorlesen, und dann war er ein aufmerksamer Zuhörer. Er liebte überhaupt das Schauspiel sehr; in Kopenhagen saßen wir fast jeden Abend im Theater neben einander. Er konnte herzlich lachen und bei den rührenden Stellen rannen ihm die Thränen an den Wangen herab. Er hatte oft davon gesprochen, meine Büste zu modelliren; aber es verzögerte sich immer und ich mochte nicht daran erinnern. Endlich machte die Baronesse Stampe kurzen Prozeß damit. Sie bestellte bei dem Tischler ein Brett mit einem Stift darin, ließ ein Gefäß mit nassem Ton heraufbringen, formte mit ihren eigenen Händen einen großen Klumpen davon mit einem Hals wie an einer Flasche, und aus dieser Erde schuf Thorwaldsen seinen Adam, d. h. meine Büste. Den nächsten Tag hatte er keine Lust, daran zu arbeiten, und entschuldigte sich damit, daß er nicht recht aufgelegt sei. Als ich dann wieder zu ihm kam, componirte er die Skizze zu einem Taufengel. Ich fand es sehr natürlich, daß er lieber an einem Taufengel als an einem getauften Poeten arbeiten wollte.

Den nächsten Tag dagegen war er fleißig an der Büste beschäftigt und machte sie fertig. Er modellirte auch ein Basrelief von Steffens, als derselbe hier war. Bei Tische hielt Steffens Vorlesungen, die weder Grundtvig noch mir gefielen. Mein Verhältniß zu meinem alten Freunde war ganz wunderlicher Art. Er übersprang ganz die 37 Jahre, die wir getrennt gewesen waren und sprach mit mir noch immer, wie mit seinem Schüler vom Jahre 1803. Ich fand mich darein; einstmals gingen wir im Südfelde zusammen spazieren und es freute mich, alte Erinnerungen wieder heraufzubeschwören. In diesen Gefühlen sympathisirten wir brüderlich. Seine Frau war auch hier; die schöne Hanna Reichardt hatte sich außerordentlich gut conservirt; wir waren stets gute Freunde. Seine Tochter =Klärchen= hatte viel von dem Geiste des Vaters geerbt. Verstand und Herz standen bei ihr in seltener Harmonie. -- In diesem Jahre feierte auch meine Tochter Marie ihre Hochzeit mit dem Doctor =Wollert Konow= aus Norwegen.

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[Sidenote: Tod meiner Frau.]

Im Jahre 1841 dichtete ich =Dina=. Ich las meiner Frau und meinen Kindern die drei ersten Acte in demselben Zimmer vor, in welchem sie in kurzer Zeit als eine Leiche stehen sollte. Noch hatten wir keine Ahnung davon, obgleich sie in den letzten Jahren ihre Gesundheit verloren hatte. Sie konnte Nachts nicht schlafen. Die Folge davon war, daß sie oft am Tage einschlummerte und nicht recht an Dem Theil nehmen konnte, was uns Anderen interessirte. Meine Dichtungen hörte sie stets mit großer Aufmerksamkeit und Theilnahme an. Da ich an dem fünften Acte von Dina arbeitete, konnte ich ihr noch das Meiste davon vorlesen. Das Letzte, was sie hörte, war Eleonore Christine's Monolog, wo sie aus Liebe zu Mann und Kindern beschließt, das geliebte Vaterland zu verlassen. Da füllten sich Christiane's große blaue Augen, die trotz aller Schwäche noch nicht den Stempel ihrer frühern Schönheit verloren hatten, mit Thränen. Und das war der Abschied dieser edlen Seele vom Dichter und Gatten, denn später ergriff die Lähmung und das Fieber des Todes sie und machte ihren Geist unempfänglich für zarte, rührende Eindrücke. Selbst der kleine Enkel konnte sie nicht recht erfreuen. Sie war oft vom Schwindel geplagt gewesen; ein krampfhaftes Zucken des Mundes und der Augenliden ließ einen apoplectischen Anfall befürchten. Das würde, sagten die Aerzte, sie, wenn auch langsamer, dem Tode zugeführt haben. Nun endigte gutmüthige Dienstfertigkeit, die ein Charakterzug bei ihr war, plötzlich ihr Leben. Eine arme Frau, die im Hause zuweilen waschen und dergleichen half, wurde krank. Christiane besuchte sie und bekam den Typhus! An dem letzten Tage ihres Lebens wo ich sie sah, lag sie wie in einer Betäubung, kannte mich kaum und als ich mit unterdrücktem Gefühl ihr Lebewohl sagte, machte sie eine mechanische Bewegung mit der Hand nach dem Munde zu. Ich ging untröstlich nach Friedrichsberg hinaus; aber da hatte ich keine Hütte mehr, keinen Winkel, in den ich mich hinsetzen und über meine Einsamkeit trauern konnte. Der Kaufmann Melchior, den ich früher von einer edeln Seite kennen gelernt hatte, erlaubte mir in einem Hause zu wohnen, das er in der Friedrichsberger Allee besaß, bis ich andere Zimmer finden würde. Kaum war ich dort hinaus, als mein Sohn Wilhelm mir die Nachricht von dem Tode seiner Mutter brachte.

In dieser Trauer kam Bröndsted zu mir und fragte mich mit seiner gewöhnlichen herzlichen Bereitwilligkeit, ob er mir irgend einen Dienst leisten könne? »Ja,« antwortete ich, »das kannst Du. In diesem Hause kann ich nur einige Tage bleiben; ich weiß, daß das Schloßverwalterhaus leer steht. Da verbrachte ich, als mein seliger Vater noch lebte, manchen Sommer, und es würde mir Trost gewähren, wenn ich die Erlaubniß erhielte, jetzt wieder dort zu wohnen. Aber ich bin zu betrübt und niedergeschlagen, als daß ich zum König gehen und ihn darum bitten könnte. Willst Du es für mich thun«? -- »»Ja, mit größtem Vergnügen!«« -- Er ging. Den Tag darauf kam er wieder und brachte mir einen Brief, den der König mir geschrieben hatte, in welchem stand, daß es Sr. Majestät freue, meine Trauer lindern zu können, und daß er gleich Befehl gegeben habe, daß das Schloßverwalterhaus mir für diesen Sommer eingeräumt werde. Dafür hatte ich nun meinen guten Bröndsted zu danken, wenigstens dafür, daß es so schnell geschah; denn mir selbst wäre es in meiner Gemüthsbewegung unmöglich gewesen zum Könige zu gehen.

[Sidenote: Meine Tochter zieht nach Norwegen.]

Ich zog nun mit meinen Söhnen in das Schloßverwalterhaus. Mein Schwiegersohn Konow und meine Tochter wohnten in der Stadt. Er hatte erst die Absicht gehabt, sich ein Gut in Dänemark zu kaufen. Aber da er keins fand, was ihm convenirte, und da wohl auch der freiheitsliebende Norweger sich nicht dazu entschließen konnte, Unterthan eines souverainen Königs zu werden (damals zeigte sich viel Gährung und Opposition hier im Lande), so beschloß er ein schönes Gut, =Steen=, zwei Meilen von seiner Vaterstadt Bergen, zu kaufen. Nun sollte ich also auch, wenngleich, gottlob nicht für stets, meine Maria verlieren.

Die traurigen, stillen Vormittage in der ersten Zeit nach Christiane's Tod (mich trennte nur ein breiter Platz von dem Kirchhofe auf dem sie begraben war) brachte ich damit zu, alle ihre Briefe zu lesen, wodurch ich mich gleichsam in meine erste Jugend zurückversetzte und das entschwundene Leben noch ein Mal mit ihr durchlebte. Ich miethete Zimmer für den Winter, besuchte die lieben Neuvermählten, und ihre Nähe erquickte mich sehr, bis die Abschiedsstunde kam, wo ich meine schmerzlichen Gefühle bemeistern mußte. Die Trauer wurde durch den tröstlichen Gedanken gemindert, daß ich sie, unserer Verabredung gemäß, bald in Norwegen besuchen würde.

Bevor sie aber abreisten, versuchte eine Zahl der begabtesten und gebildetsten jungen Männer des Vaterlandes, mich dadurch zu trösten, daß sie mir einen neuen ehrenvollen Beweis ihrer Achtung gaben. Ich erhielt folgenden Brief:

»Der Studentenverein an Adam Oehlenschläger!

Sie vollenden heute das 62. Jahr ihres Lebens, welches dem Dienste der Musen geheiligt war, dessen bedeutungsvolle Wirksamkeit ihrem Namen Unsterblichkeit verleihen wird. Gegen diese muß eine wenn auch noch so kräftig ausgesprochene Anerkennung eines kleinen Kreises der Gegenwart einem Nichts gleich sein; aber eine Gesellschaft junger Musensöhne, welche Sie in einer Reihe von Jahren mit Freuden unter sich gesehen hat, fühlt die Pflicht auszusprechen, daß sie es für eine Ehre für die Gesellschaft hält, Sie zu deren Mitgliedern zu zählen. Der Studentenverein bittet Sie daher, den Platz als Ehrenmitglied der Gesellschaft anzunehmen, und indem wir, die Vorsteher des Vereins, Ihnen dies, laut uns gegebenem Auftrage, mittheilen, konnten wir dem Drange nicht widerstehen, Ihnen persönlich unsere Freude darüber auszusprechen, daß uns die Ehre zu Theil geworden ist, diese Handlung der Gerechtigkeit gegen den ersten Dichter unseres Vaterlandes zu vollziehen.

Das Seniorat des Studentenvereins am 14. Nov. 1841«.

Diese Huldigung war früher nur Rahbek und Thorwaldsen zu Theil geworden, und es fand in Folge derselben ein schönes Fest Statt.

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In demselben Jahre wurde ich Commandeur des Dannebrogordens. Kurz darauf ward ich auch Mitglied der niederländischen Gesellschaft der Wissenschaften, und erhielt die große goldene Medaille der schwedischen Akademie für Geist und Geschmack (_för Snille och Smak_).

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[Sidenote: Gnade des Königs.]

Der König hatte mir erlaubt, »diesen Sommer« im Schloßverwalterhause zu wohnen. Ich wünschte nun sehr, daß diese Erlaubniß auf mehrere Sommer ausgedehnt werden möchte. Als ich ihm für seine Güte dankte, fragte er, ob nicht auch ein Garten dabei sei, und ob ich diesen pflege? Dies gab mir die beste Gelegenheit, meine Bitte anzubringen. Ich antwortete, daß ich ihn sehr gern pflegen würde, wenn ich hoffen könnte, in der Zukunft auch die Früchte zu ernten. Der König antwortete: »Wenn es möglich sei, sollte ich die Erlaubniß erhalten, dort wohnen zu bleiben«, und als ich in dem muntern Tone, in dem er mich gern sprechen hörte, antwortete: »für Ew. Majestät ist sehr Viel möglich«, erlaubte er mir die Wohnung zu behalten. Ungefähr um dieselbe Zeit starb die Conferenzräthin =Jessen=, welche nach dem Tode ihres Mannes auf dem im Friedrichsberger Garten, von üppigen Gebüschen und Bäumen verborgen gelegenen Fasanenhofe wohnen geblieben war. Der Oberhofmarschall =Levetzau=, den ich von Jugend auf kannte, und der stets freundlich mit mir gewesen war, erzählte mir, daß der König mir erlaubt habe, zu wohnen, wo ich es selbst am liebsten wünschte: entweder im Schloßverwalterhause oder auf dem Fasanenhofe. Als ein Freund des Alten, an das sich viele liebe Erinnerungen knüpften, zog ich es zuerst vor, da zu bleiben, wo ich war; als mir aber der Marschall lächelnd rieth, erst den Fasanenhof anzusehen, that ich es und schwankte nicht länger.

[Sidenote: Tod Wullf's und Bröndsted's.]

In dieser Zeit traten kurz nach einander zwei traurige Todesfälle ein, welche mir zwei meiner besten Freunde raubten. Zuerst starb plötzlich mein lieber Peter =Wullf=. Ich hatte ihn im Jahre 1814 als Capitain und Lehrer der Seecadetten kennen gelernt. Unsere Freundschaft wurde in der Baggesen'schen Periode geknüpft, in welcher Wulff sich uns warm angeschlossen hatte.

Er schrieb schöne Gedichte, und setzte die Foersom'sche Uebersetzung des Shakespeare zwar nicht mit der Virtuosität Foersom's, aber doch lobenswerth fort. Jetzt war er Contreadmiral und Generaladjutant. Seine gute Frau hatte er einige Jahre vorher verloren. In dem liebenswürdigen Kreise seiner Familie verlebte ich viel heitere Tage. Weyse war auch ein Freund des Hauses und erquickte uns oft durch seine schönen Phantasieen am Fortepiano.

Der gute Wulff litt zuweilen an einem leichten Podagra, war aber niemals eigentlich krank. Eines Abends im Theater fühlte er sich nicht recht wohl, ging hinaus, nahm eine Droschke, um nach Hause zu fahren, und ehe er nach der Cadetten-Akademie kam, -- war er todt!

[Sidenote: Tod Bröndsted's.]

Im folgenden Jahre hatte mein lieber Bröndsted ein ähnliches Schicksal. Von Natur war er riesenstark und genoß einer vortrefflichen Gesundheit. Aber er war vollblütig und bedurfte der Bewegung. Da er nun viel saß und nach alter Gewohnheit immer lange zögerte ehe er sich in Bewegung setzte, so beeilte er sich dann um so mehr zu Pferde, denn er ritt lieber, als er ging. Ein paar Jahre wohnte er des Sommers auf Friedrichsberg, wo ich ihn und seine liebenswürdigen Töchter Friederike und Marie häufig besuchte. Die armen Mädchen gingen oft des Abends um sieben, halb acht Uhr auf die Landstraße, um nach ihrem Vater zu sehen, der noch nicht zum Mittagsessen gekommen war. Wenn sie ihn dann in weiter Ferne herangalopiren sahen, freuten sie sich. Leider sollte diese Freude bald in Trauer verwandelt werden.

In Kopenhagen wollte er eines Tags zu einem der Thore hinaus reiten. Auf der Esplanade begegnete ihm der Etatsrath, späterer Minister =Bang=. Sie hielten an und sprachen mit einander. Das Gespräch war zu Ende und Bröndsted wollte weiter reiten, als er, gutmüthig und höflich wie er stets war, den unglücklichen Einfall bekam, Bang für eine Abhandlung zu danken, die dieser kurz zuvor geschrieben hatte. Rasch und kühn warf er das Pferd herum; aber bei dieser Bewegung fiel er ab. Er war zwar an das Reiten gewöhnt; aber da er kurz und untersetzt war, konnte er sich nicht fest genug halten. Er bekam einen fürchterlichen Schlag, wobei er wohl merkte, daß Etwas in seinem Körper zerbrach. Er hatte noch so viel Kraft, daß er sich mit Hülfe eines Andern nach dem nahe gelegenen Friedrichshospital schleppen konnte. In den ersten Tagen schien es, als ob die Gefahr nicht sehr groß sei; nun aber schwoll der Körper auf, und er starb glücklicherweise plötzlich, wobei er von heftigen Schmerzen verschont blieb. Das Becken war ihm gebrochen! und doch hatte er Muskelkraft und Körperstärke genug gehabt, um von der Esplanade nach dem Hospital zu gehen. Armer Bröndsted! wie viele Gefahren hast Du in Deinem Leben besiegt! auf Felsen und Bergen in der dunkeln Nacht bist Du an tiefen Abhängen vorübergeritten -- und es hatte Dich Nichts betroffen! Und nun solltest Du an einem schönen, stillen, hellen Tage unter den freundlichen Bäumen in einer schönen Allee der Hauptstadt Deines Vaterlandes stürzen!

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[Sidenote: Die Aufführung von Dina.]

Ehe ich nach Norwegen reiste, wurde Dina aufgeführt und machte vorzüglich durch das vortreffliche Spiel der Frau Heiberg Glück. Das Stück wurde sehr gelobt; die Tadler hielten sich nun daran, »daß ich der Geschichte Gewalt angethan, Ulfeld als zu schlecht und Dina als zu gut gezeichnet hätte; daß sie eine niedere Verbrecherin sei«. Aber Alles, was zu Ulfeld's Lob gesagt werden kann, habe ich ihm im Stücke gelassen; ich habe ihn nur auch mit seinen Schattenseiten gezeichnet. Daß ich durch die Idealisirung Dina's der Geschichte zu nahe getreten sei, können nur Thoren sagen. Dina ist gar keine historische Person. Ihr Auftreten ist eine Privatanekdote in Ulfeld's Leben; wenn diese mir Veranlassung dazu gegeben hat, und es mir geglückt ist, aus einem groben Feuerstein einen Diamanten herauszuschlagen, so ist dies ein Gewinn für die Poesie und kein Verlust für die Geschichte. Die strenge historische Wahrheit würde bei den meisten Stoffen die Dichterschönheit unmöglich machen. Hakon Jarl schlachtete thatsächlich seinen Sohn ohne Liebe; er verbarg sich, ehe er von seinem Diener gemordet wurde, in einem Schweinestalle; Palnatoke erschoß den Harald Blauzahn von hinten in einem Walde, wo derselbe bei einer gewissen Verrichtung saß; Hagbarth schlich sich nach der Kämpeweise nach Signe's Kammer und lag bei ihr, als er ergriffen wurde. Habe ich auch hier die Geschichte verunstaltet? Sophokles sagte zum Euripides: »=Du= zeichnest Deine Helden, wie sie sind, =ich= wie sie sein sollten«. »Aber«, wird man sagen, »Du hast Ulfeld eines Meuchelmordes beschuldigt«. Das habe ich nicht gethan. Dina hat ihn dessen beschuldigt; selbst als sie zum Tode ging berief sie ihn noch vor Gottes Richterstuhl, und das Ganze blieb -- ein ewiges =Geheimniß=. -- Dies genügte dem Dichter. Ich habe jenes Motiv, welches die Triebfeder meines Werkes war, soviel als möglich moderirt. Es ist nur ein flüchtiger Gedanke des erhitzten Ulfeld, wird aber von der tragischen Nemesis festgehalten. Die Möglichkeit eines solchen Gedankens lag nicht außerhalb Ulfeld's Charakters, er war bei all seinen glänzenden großen Eigenschaften herrschsüchtig und rachgierig; und wenn gleich die Humanität gebot, seine Schandsäule niederzureißen, so wird doch die historische Wahrheit selbst nie leugnen können, daß zu großer Ehrgeiz und Stolz, sowie Mangel an Edelmuth und echter Tugend ihn zum Landesverrath getrieben haben.

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[Sidenote: Ole Bull.]