Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4
Part 10
Heine hatte alle Ingredienzien zu einem wahren Dichter, mit Ausnahme des treuen Herzens, des männlichen Charakters, des wahren Ernstes und tiefer Ehrfurcht vor dem Heiligen. Was übrigens Phantasie, augenblickliches Gefühl, Verstand und besonders Witz hervorbringen kann, darin excellirte er und riß die Jugend hin. Seine Phantasie und sein Witz erfreuten auch mich. Der Ton in seinen lyrischen Gedichten ist, trotz all' seiner Kühnheit, nicht originell, sondern ahmt unbewußt den Ton von Göthe's jüngern Gedichten nach, in denen sich auch eine gewisse stolze Verachtung gegen die Umgebung, aber gewiß viel mehr Herz zeigt. =Rückert= florirte damals auch; aber obgleich ich seinen Blumenflor bewunderte, konnte ich mich doch aus Mangel an frischer Luft nicht lange in seinen Treibhäusern aufhalten, in denen mir die Blumen über den Kopf wuchsen.
Bei uns hatten sich mehrere Dichter mit Recht geltend gemacht. =Heiberg's= Vaudevillen gehörten zur Tagesordnung. Als Professor der dänischen Sprache in Kiel hatte er eine nordische Mythologie herausgegeben, in der er besonders Rücksicht auf meine Götter des Nordens genommen und viele Stellen daraus vortrefflich übersetzt hatte; aber nun gefiel ich ihm nicht mehr; er war ein eifriger Hegelianer geworden, und da meine Werke nicht den Hegel'schen Bedingungen genügten, so schätzte er wohl eins und das andere davon, betrachtete aber alles Andere mit Ausnahme der ältesten Arbeiten als mißglückt. Das thaten Mehrere. Sie trennten das Gute, das ich hervorgebracht hatte, von dem Mißglückten, das allein ich nun schuf; sie theilten mein Leben in zwei Theile; nur in der ersten Periode hatte ich dichterisch gelebt; nun war der Dichter todt; mit seinem Gespenst wollten sie Nichts zu thun haben und verstanden sich, ihrer eigenen Einbildung nach, viel besser auf den wahren Oehlenschläger, als der arme Geist, der nach seinem Tode spukte.
So stand ich also allein da. =Hauch=, der auch lange leiden mußte, weil er zu meiner Schule gehörte, richtete sich etwas nach der Zeit, und vermied so den Tadel. Einige, die vielleicht an mir sahen, wie wenig ein Dichtername zu bedeuten habe, traten anonym hervor und zogen aus dieser Namenlosigkeit großen Vortheil. So galt =Overskou's= Comödie »Oststraße und Weststraße« als ein Meisterstück, dem nichts gleiche, =bis= man den Verfasser kannte; später hatte das wirklich gute Stück Mühe genug, sich zu halten. =Hertz's= »Gespensterbriefe«, die auch anonym erschienen, machten Furore. Sie waren in einer witzigen, eleganten Sprache, mit vielen freien und geistreichen Bemerkungen geschrieben; aber der Geschmack, für den sie kämpften, berührte eigentlich nur die Form; und als Form wurde wieder hauptsächlich die schöne Sprachform angesehen. Der Kern eines Gedichtes, die viel wesentlichere =Form des Stoffes=, kam nicht in Betracht. Das Gespenst, welches hier herauf beschworen und gewissermaßen als Heiliger und Schutzgeist angebetet wurde, um den guten Geschmack wieder herzustellen, war -- merkwürdiger Weise -- der selige Baggesen! Und was noch merkwürdiger war, viele gebildete und verständige Leser, die wenige Jahre vorher Baggesen getadelt und gemißbilligt hatten, nahmen dies für gute Waare an und schworen wieder zu Baggesen's Fahne.
Der talentvolle Hertz hatte einige Stücke geschrieben und schrieb deren noch mehrere. Mir gefiel er am besten in seinen Lustspielen, besonders in der =Sparkasse= und in der =Debatte= im »=Polizeifreund=«. In =Svend Düring's Haus= ist viel Schönes, besonders der schwärmerische Charakter der Liebhaberin, der von Frau Heiberg vortrefflich dargestellt wurde. Die Mutterliebe, welche in der alten herrlichen Kämpeweise die Hauptrolle spielt, hat in Hertz's Stück wenig zu bedeuten. Die Kinder leiden nicht Noth und das Gespenst kommt nicht, um sie zu pflegen, sondern um Wehe über ihre Stiefmutter zu rufen. Die Musik von Herrn Rung ist schön und that ihre Wirkung, besonders in den Gespensterscenen. Hertz hatte die Kämpeweisen fleißig studirt und viele Redensarten und Ausdrücke derselben in seiner gereimten Tragödie angebracht. Wilster sagt in seiner Uebersetzung des Euripides: »Neuere Dichter haben zuweilen den Uebergang des Dialogs zu lyrischem Schwunge durch die Anwendung des Reimes ausgedrückt. Am schönsten hat Oehlenschläger diese tragische Lyrik in der Königin Margarete behandelt, wo er die Scenen zwischen Ingeborg und Oluf in dem herrlichen alten Versmaße der Kämpeweisen gedichtet hat. Diese Idee ist, wie bekannt, im Großen in Svend Düring's Haus ausgeführt«.
Aber obgleich nun die Anonymität damals von guter Wirkung gewesen war, so bedienten sich doch nicht Alle derselben; im Gegentheil wirkte einer unserer Dichter, der in gewisser Richtung sich wohlverdienten Ruhm erworben hat, gerade außerordentlich viel durch seine Persönlichkeit. Die subjektiv-originelle Auffassung des Mährchenhaften war so ganz mit =Andersen's= Wesen verwachsen, daß er selbst richtig fühlte, die persönliche Mitteilung vollende, so zu sagen, seine Dichtung, weshalb er auch auf alle Weise, durch Bekanntschaften, Besuche und häufige Reisen in ein persönliches Verhältniß zu seinen Lesern zu kommen und ihnen mündlich das Werk mitzutheilen suchte. Und es ist nicht zu leugnen, daß es dadurch etwas an Naivetät und Humor gewann, den das gedruckte Wort nicht ganz hervorzurufen vermochte. Freilich könnte man sagen, daß dies ebenso mit jedem Dichterwerke geht, wenn der Dichter die Gabe hat, gut vorzulesen; was aber dabei verloren oder gewonnen wird, entspringt doch mehr oder weniger aus der Natur der Dichtung. =Christian Winther= und =Paludan Müller= schrieben auch unter eigenem Namen und machten dem Namen Ehre.
[Sidenote: Die Kritik über »Sokrates«.]
Aber ich kehre wieder zu Sokrates zurück.
Was hatte mich veranlaßt, diesen Stoff zu behandeln? Die Lust, mich durch eigene Productivität originell zu zeigen, konnte es nicht sein; denn das ganze Zeitalter in Griechenland, in dem Sokrates lebte, steht ja in der Geschichte genau ausgemalt da; er selbst tritt bei Plato und Xenophon so bestimmt und charakteristisch hervor, daß etwas Selbstgemachtes hier ganz thöricht und geschmacklos gewesen wäre. Aber der wahre Dichter singt nicht aus Eitelkeit und Egoismus, sondern aus Liebe zum Gegenstande. Ich liebte Sokrates; meine Phantasie, mein Gedanke, mein Gefühl empfanden Lust, sich mit ihm zu beschäftigen. Ich wollte das Zeitalter, den Plato, den Xenophon studiren, und das wurde mir erst recht möglich, als ich dieses Studium in Verbindung mit meiner eigenen Kunst brachte; die Activität, die dabei meinen Geist in Bewegung setzte, verlieh ihm erst die wahre Kraft, den Gegenstand zu erfassen. Außerdem -- eine historische Person muß so bestimmt und deutlich hervortreten, als möglich -- gehört doch Dichtergeist dazu, ihn auf die Scene zu bringen, ihn sich in selbst erfundener, dramatischer Composition bewegen zu lassen. Es ist so, als ob man ein vortreffliches Gemälde sähe, das ein Zauberer durch seinen Stab aus dem Rahmen heraustreten und sich in verschiedenen Gemüthszuständen bewegen ließe, ohne daß dadurch das Bild die richtige Zeichnung verlöre. Ich wollte Kampf und Versöhnung zwischen dem ethischen und ästhetischen Princip, in Sokrates und Aristophanes darstellen. In Xantippe und Daphne fand ich Gelegenheit, von mir selbst erfundene Charaktere zu zeichnen. Und obgleich mein Stück nicht das Produkt eigentlicher Gelehrsamkeit war (ich habe mich niemals für ein Stockgelehrten ausgegeben), so darf ich doch behaupten, daß hier nicht die Gelehrsamkeit in Betracht kam, sondern das dichterische Talent, verbunden mit den historischen Charakteren und der tragischen Handlung. Wenn diese so wirkte, wie sie wirken sollte, so würde es vielleicht nicht so übel gewesen sein, das große Publikum (hier ist nicht von einzelnen Gelehrten die Rede) über ein Zeitalter zu unterrichten, das so wichtig, so lehrreich war, und so großen Einfluß auf alle folgenden Zeiten gehabt hat.
Ich hatte doch die Genugthuung, daß ein Mann, der sich in dieser Angelegenheit, was Gelehrsamkeit und Kenntniß der griechischen Literatur betraf, mit dem Besten messen konnte, mein Freund =Bröndsted=, Professor der griechischen Sprache, eine poetische Natur, ein warmes, edles Herz, ein Mann, der lange in Griechenland gelebt, und die Sprache wie seine Muttersprache gelernt hatte, mir zu meinem Geburtstage einen Ring mit dem Bilde des Sokrates und von einem Gedichte begleitet, worin er sich in anerkennendster Weise aussprach, übersandte.
Ein großer Uebelstand für mich war der, daß mir, da mehrere meiner neuen Stücke nur einige Male gegeben wurden und ich dadurch meine Einnahme verlor, das nothwendige Geld fehlte; und da die Stücke aus demselben Grunde auch keinen guten Absatz hatten, und ich außerdem ein schlechter Buchhändler war, so kam ich in Schulden, die bedeutend wuchsen, und um so empfindlicher wurden, da ich keinen Ausweg zu ihrer Bezahlung sah. Denn auch der Absatz meiner deutschen Schriften verringerte sich zum Theil durch den fortgesetzten Tadel in der Heimath, der auch in deutsche Blätter überging. =Max=, der vor wenigen Jahren noch so zuvorkommend gewesen war, sandte mir die Uebersetzung von =Olaf dem Heiligen=, den =italienischen Räubern= und =Tordenskjold= als Werke zurück, die meiner nicht würdig seien. =Campe= in Hamburg verlegte sie doch; er setzte aber bei dem Verlage gewiß zu. In den Blättern für literarische Unterhaltung stand eine Recension von einigen Zeilen über diese Stücke. Einen Beweis (und zwar den einzigen), wie tief ich als dramatischer Verfasser gesunken sei, zog der Recensent daraus, daß ich in einer Parenthese in meinem Tordenskjold =Stahl in einer Terz ausfallen lasse, welche Tordenskjold parirt=. Man sollte es nicht für möglich halten, daß eine solche Bêtise in einem Blatte aufgenommen werden konnte, das in allgemeiner Achtung stand; aber es verhält sich doch so.
Um nun einiges Geld zu bekommen, übersetzte ich durcheinander all' die Stücke fürs Theater, die der Directeur Collin mir schaffte. Einige von diesen waren doch von Bedeutung; so legte ich den Text in den Partituren zur italienischen Norma, dem deutschen Freischütz und dem englischen Oberon dänische Worte unter.
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[Sidenote: Frau Friederike Brun.]
In diesem Jahre starb auch meine Freundin Frau =Friederike Brun=, mit der ich so viele angenehme Stunden verlebt hatte. Von diesem ausgezeichnetem Weib muß ich umständlicher sprechen. Sie war eine Tochter des Predigers der deutschen Petrikirche in Kopenhagen, des Dr. Münter, der, wie er es sicher hoffte, Struensee bekehrt hatte, wie man dies in der Bekehrungsgeschichte lesen kann, die Münter nach dem Tode des Unglücklichen herausgab. Daß Struensee, als Gefangener, da er sich seinem Ende näherte, in dem Gespräch mit dem begabten, von Religion begeisterten, durch die Wissenschaft gründlich gebildeten Münter seine flache Voltaire'sche Philosophie aufgab, die ihn gelehrt hatte, daß der Mensch eine Maschine sei, deren geistiges Leben zugleich mit dem irdischen aufhöre, ist ganz natürlich und wahrscheinlich. Es kann nicht geleugnet werden, daß zu einer Zeit, wo das Deutsche hier im Lande die Ueberhand gewonnen hatte, die begabtesten Deutschen, welche hier ihr Glück machten, sich wirklich durch eine höhere Bildung auszeichneten, als die Dänen. Bernstorff war ein ausgezeichneter Minister; Klopstock, Deutschlands großer Dichter, besuchte uns auch und schrieb einige Gesänge der Messiade in Kopenhagen bei seinem Freunde, dem Prokanzler =Cramer=, dessen Haus der Sitz der Musen war, in das auch der ältere Schlegel kam, der den nordischen Aufseher schrieb, in welchem er seine Landsleute mit dem dänischen Guten bekannt zu machen suchte. Nach Bernstorff zeichnete sich der jüngere =Schimmelmann= als Liebling der Musen und als Mäcen aus. Cramer's Tochter verheirathete sich später mit Schimmelmann's Secretair =Kirstein=. Schiller schickte aus Dankbarkeit Schimmelmann (der während seiner Krankheit zugleich mit dem Herzoge von Augustenburg für ihn gesorgt hatte) seine Tragödien, ehe sie gedruckt wurden. In diesen Zirkeln wuchs die junge liebenswürdige Friederike Münter auf. Und man kann diesen Deutschen nicht den Vorwurf machen, daß sie das dänische Gute ignorirt hätten. Schlegel war Holberg's eifriger Apostel und hat gewiß dazu beigetragen, daß =Schröder= dessen Stücke auf die deutsche Bühne brachte und selbst so meisterhaft darin spielte. Als Ewald starb, streute die junge Friederike Münter Blumen auf sein Grab; und ihr Bruder (der Bischof) war Ewald's warmer Freund. Aber es ist natürlich, daß ihre ganze Umgebung, ihre Ehe und späteren Reisen sie Deutsch ausbildeten, und sie selbst Dichterin wurde. Ihre Ehe war merkwürdig. Es würde einem Lustspieldichter schwer werden, einen komischeren Contrast zwischen einem Ehepaare herauszufinden, als den zwischen der mit Salis und Matthisson innig sympathisirenden Friederike Münter und dem fast ausschließlich mit Gelderwerb und Handelsspeculationen beschäftigten =Constantin Brun=. Er fing als armer Commis an, aber er war ein hübscher junger Mann und ein gewandter Kopf. Münter war ein Freund des alten Schimmelmann, und dieser hatte viele Handelsverhältnisse ganz in seiner Hand. Brun machte der jungen Friederike den Hof, wurde ihr Mann und durch Schimmelmann's Hülfe kam er gleich in gute Handelsverhältnisse, die er mit seinem großen Erwerbgenie benutzte, so daß es nicht lange währte, bis er reich wurde. So habe ich ihn kennen gelernt; er äußerte bei jeder Gelegenheit seinen Spott und sein Mißvergnügen über die poetischen Narrheiten seiner Frau, wie er sie nannte. Es war nicht zu leugnen, daß sie etwas zu sentimental war; an Oekonomie dachte sie nicht, und unglücklicher Weise wurde sie von einer Taubheit heimgesucht, die in späteren Jahren zunahm. Aber diese Taubheit hatte doch auch ihre gute Seite: sie konnte ihren Mann nicht schelten hören; und dessen Handelsgeist hatte wiederum seine gute Seite: er machte sie zu einer reichen Frau, und sie würde weder alle einsichtsvollen Männer und Frauen Europa's mit so vieler Einsicht und Urtheilsfähigkeit, noch die Natur mit so vielem poetischen Malertalent kennen gelernt haben, wenn sie nicht durch das Vermögen ihres Mannes die Mittel erlangt hätte, eine Reise nach der andern und besonders nach ihrem lieben Italien zu machen. Constantin schalt und brummte, aber sie hörte es nicht. Eines schönen Tages stand ich neben ihm auf Sophienholm in Frederiksdal. »Ist das nun nicht ein herrlicher schöner Ort«? fragte er mich -- »und doch will sie wieder aus dem Lande fort. Es ist rein um toll zu werden«. Aber das Beste dabei war, daß er sie, trotz all' des Lärmens, den er machte, doch thun ließ, was sie wollte, und es, trotz all' der Klagen über die vielen Ausgaben, doch seiner Eitelkeit schmeichelte, das eleganteste und angenehmste Haus in Kopenhagen zu machen, wozu Er das Geld, seine Frau Geist, Grazie und Anmuth beisteuerte. Keines von Beiden konnte entbehrt werden. Ganz psychologisch merkwürdig war der Geist der Sparsamkeit, der bei ihm zum Instinkt geworden war, wie bei einem Eichhörnchen das Sammeln der Nüsse in einem hohlen Baum. Er zeigte uns nämlich eine große Schublade voll Zucker. Diesen Zucker hatte er in der Harmonie zum Kaffee, den er dort jeden Nachmittag trank, bekommen; jeden Tag aber sparte er einige Stücke und nahm sie in der Tasche mit nach Hause. Es war in seinem Charakter ein naiv-komisches Element. Einmal kam ein Mann zu ihm und bat ihn um ein Gelddarlehn. Brun versicherte, er hätte Nichts, und um es ihm zu beweisen, öffnete er seine Schatulle, zog alle Schubläden heraus und zeigte ihm, daß kein Geld darin sei.
Was Frau Brun betraf, so machte sie durch ihre liebenswürdige Persönlichkeit, ihren ausgezeichneten Geist und durch die, bei einem Weibe seltenen, Kenntnisse Eroberungen, wohin sie kam, vom Palast bis zur Hütte, und es gab damals fast keine einzige männliche und weibliche Berühmtheit in Dänemark, Deutschland, der Schweiz und Italien, die sie nicht kannte, mit der sie nicht in freundschaftlicher Verbindung gestanden und deren Wesen sie nicht mehr oder weniger mit Phantasie und Verstand erfaßt hätte, und durch charakteristische lebendige Züge zu schildern vermochte. Dies trug sehr viel dazu bei, ihren Umgang angenehm zu machen; man hörte sie gern erzählen; und als ihre Taubheit zunahm, war sie auch interessanter im zusammenhängenderen Vortrage, als im Gespräche. An Dem, was rund um sie her vorging, konnte sie nicht recht Theil nehmen. Sie war von jungen Damen umringt, denn außer ihren eigenen Töchtern und Nichten hielten sich auch zwei Töchter des in Paris verstorbenen Ministers =Dreyer= in ihrem Hause auf. Sie waren in einer pariser Pensionsanstalt erzogen; die älteste, =Mariquita=, war sehr begabt; in diesem Zirkel bekam der junge =Ludwig Heiberg=, den man im Scherz »_l'enfant_« nannte, und der oft zu Bruns kam, seine erste Politur. Daß nun die gute Frau Brun, die so in ihren eigenen Gedanken vertieft war, die neuste Zeit nicht recht kannte und zuweilen etwas zu sentimental war, der lieben leichtsinnigen Jugend mitunter, wenn nicht Ursache, so doch Veranlassung zum Lachen gab, kann man sich leicht denken. Es ging der guten Dichterin wie es Jedermann unter den sündigen Menschenkindern ging: die Fehler fallen viel leichter in die Augen, als die Vorzüge. So ging es auch in Italien, wo ich mit ihr zusammen war. »Gott hat mir die Gnade erwiesen«, sagte sie einmal in einem Concert, »daß ich für Musik nicht taub bin«. -- »Die Gnade hat Gott ihr nicht erwiesen«, sagte der Maler =Christel Riepenhausen=, der ein großer Schelm war; denn als wir einmal in einem Passionsconcert zusammen waren, das mit einem starken Chore anfing, fragte sie mich, nachdem der Chor gesungen war: »Geht's nicht bald an?« Ich entschuldigte diese anscheinend komische Unwahrheit mit einer Delikatesse von ihrer Seite, die man mißverstand; sie meine, es würde ihren Freunden lieber sein und den eigenen Genuß nicht stören, wenn sie glaubten, daß auch ihre Freundin Theil daran nehmen könne. Man hielt sie auch für geizig, obgleich sie es nicht war. In der für Dänemark schlimmsten Finanzperiode reiste sie nach Italien. Das kostete schon viel und ihr guter Mann fand sich darein; daß er ihr aber Summen gegeben hätte, um Kunstwerke zu kaufen, daran war nicht zu denken. Doch waren die Künstler in Rom unzufrieden damit, daß sie es nicht that. Ich besuchte einmal mit ihr den berühmten Landschaftsmaler =Reinhart=, eine kräftige, derbe Gestalt. Er besaß ein Buch, was sie gern lesen wollte, und sie bat ihn, es ihr zu leihen. »Ja,« rief er mit fast zürnender Donnerstimme, »Sie können es nehmen; aber Sie sollen es mir wiedergeben; denn ich bin arm und Sie sind reich.« -- »»Der gute Reinhart,«« sagte sie milde mit einem versöhnenden Lächeln.
Die Taubheit war ihr oft sehr unbequem, da sie die Einwendungen und Bemerkungen nicht hören konnte, die man ihr machte, und sie war daher gewöhnt, ihrem eigenen Kopfe zu folgen. Als sie von Italien zurückkam, gab sie wöchentlich musikalische Soiréen, bei denen Ida mit ihrer anmuthigen Persönlichkeit und ihrer schönen Stimme die Hauptrolle spielte. In Italien giebt man solche Gesellschaften, ohne die Gäste mit etwas Anderem als einem Glase Eiswasser, oder höchstens einer Portion Eis zu tractiren. Das wollte Frau Brun hier einführen. Sie war aber auch die Einzige in der ganzen Gesellschaft, der es gefiel. Der Concertmeister =Schall=, der es übernommen hatte, diese Concerte zu dirigiren, sagte ihr gerade heraus, daß man hier zu Lande daran gewöhnt sei, Abendbrod zu essen. Was geschieht? Bei dem nächsten Concert führt der Diener ihn in ein kleines Zimmer, wo ein elegantes Souper angerichtet war; aber -- nur für ihn! Erst als er sich, wie Don Juan, weigerte, sich allein an den Tisch zu setzen, wurde es Frau Brun einleuchtend, daß sie mit der Einrichtung der Speiseanstalt etwas mehr ins Große gehen müsse, und bei dem nächsten Concerte fehlte auch Nichts, um die Gäste sowohl körperlich, als geistig zu erquicken. Bei solchen Concerten saß sie zuweilen mit einem Stäbchen im Munde, das den Resonanzboden des Instruments berührte, wenn dasselbe von einem Virtuosen, z. B. als =Moscheles= da war, gespielt wurde. =Siboni= löste Schall als ihren Concertmeister ab. Nun wurden lauter moderne Sachen gesungen. Wenn sie mitunter einmal aus alter Liebe zu dem herrlichen Schultz Etwas von ihm vortragen ließ, so wurde das auch als etwas Lächerliches betrachtet, in das man sich finden müsse.
=Ida= war ein anmuthiges Mädchen, blendend weiß, schlank, wie eine Nymphe, mit einem ovalen, regelmäßigen, blondlockigen Kopfe und einem Gesicht, dessen muntere Freundlichkeit auf uns Alle Eindruck machte, obgleich ihre blaßblauen Augen nicht feurig funkelten. Mein Vetter, der Maler, Professor =Lund=, brachte sie bewußt oder unbewußt auf den meisten seiner Bilder an. Die Mutter war ganz verliebt in ihre Tochter und sah in ihr ein Genie, was sie doch nicht war; für Poesie hatte Ida nicht viel Sinn, obgleich sie gern über das Lustige lachte, und wenn sie gleich schön sang, so war ihr musikalischer Geschmack doch durchaus modern. In Italien hatte sie auch von der Lady Hamilton gelernt, schöne malerische Stellungen auszuführen, was sie freilich in dem Lenze der Jugend mit ihrer Nymphengestalt besser kleidete, als Madame Händel-Schütz mit ihrem schwerfälligen Körper, nachdem sie schon fast verblüht war.
Es vergingen einige Jahre und Ida hatte in der ganzen Zeit, so viel ich weiß, keinen Freier gehabt. Sie selbst war nicht erotischer Natur, sondern etwas undinenmäßig kalt. Da kam der österreichische Minister Graf =Bombelles=. Seine Jugend war dahin; er war durchaus nicht hübsch, sondern bleich und sehr pockennarbig. Er hatte eine heisere Stimme; war aber ein heller Kopf, ein lustiger, munterer Mann. Er verliebte sich sterblich in Ida und suchte sie auf alle Weise zu gewinnen. Eines Abends z. B. sprang er, als sie von einer Gesellschaft nach Hause fuhr, auf ihren Wagen, und half ihr als Diener beim Aussteigen. Das Ende vom Liede war, daß er sie zur Frau bekam und mit ihr fortreiste; und Sophienholm war nicht mehr Sophienholm, nachdem es seine Nachtigall verloren hatte. Einige Jahre lang kam ich auch nicht zu Bruns; aber das hatte einen andern Grund. In der schlimmsten Baggesen'schen Zeit traf ich ihn als Frau Brun's alten Freund dort, und das störte mir den Genuß ihrer Gesellschaft. Da sie das nun wohl merken mochte, fiel sie auf einen wunderlichen Gedanken. Sie hatte ihrem Portier befohlen, daß er, wenn Baggesen da sei, mir sagen solle, sie wäre nicht zu Hause, und ebenso umgekehrt zu Baggesen, wenn ich dort war. Dadurch glaubte sie nun eine bewaffnete Neutralität gestiftet zu haben, die nach dem Sinne beider feindlichen Mächte sein müsse; und ich glaube auch, daß Baggesen sich darein fand; denn sie klagte später nur über mich, der ich fortblieb, sobald ich das wunderliche Portierarrangement erfahren hatte.
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[Sidenote: Angenehme Ueberraschungen.]
Mehrere angenehme Ueberraschungen wurden mir in den Jahren 1838 und 39 bereitet. Man wird sich erinnern, daß der Bischof Münter, mir, als ich Ritter vom Nordsternorden geworden war, sagte: »Der König kann es nicht leiden«! und ich hatte später Ursache, ihm zu glauben; denn drei Mal war ich von der Universitätsdirection meiner Anciennetät als Professor zufolge zum Etatsrath vorgeschlagen, ohne daß ich es wurde; und ich weiß, daß alle Betreffenden sich darüber wunderten. Vielleicht hat der selige König geglaubt, daß ich selbst mich um jenen Orden bemüht habe. Die Wunde des verlorenen Norwegens war noch nicht geheilt -- und die Unzufriedenheit des Königs läßt sich menschlich erklären. Aber sein gutes Herz gestattete ihm doch nicht lange dem Unschuldigen zu grollen.