Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4
Part 1
Meine
Lebens-Erinnerungen.
Ein Nachlaß
von
Adam Oehlenschläger.
Deutsche Originalausgabe.
Vierter Band.
Leipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1850.
* * * * *
Vorbemerkung.
Nur wenige Worte erlaube ich mir diesem vierten und letzten Bande der Erinnerungen vorauszuschicken.
Das eigene Manuscript des Verfassers endigt mit dem Anfang der Reise im Jahre 1844, Seite 151. Bei der Darstellung seiner spätern Lebensereignisse habe ich diejenigen seiner Briefe benutzt, die in meinem Besitze waren, und Auszüge aus denselben gemacht, je nachdem sie mir passend schienen. In diesen Briefen spiegelt sich seine Individualität so klar und lebendig in den verschiedensten Lebensverhältnissen ab, daß der Leser aus denselben ein weit besseres Bild von ihm erhalten wird, als eine noch so treue Erzählung, selbst wenn mir eine solche glücken könnte, zu geben vermöchte. Die Auszüge enthalten hauptsächlich, was das eigene Leben des Dichters, seine Urtheile und Ansichten über wichtige Zeitverhältnisse und Begebenheiten, Persönlichkeiten, Kunstwerke u. dgl. betrifft. Sollte man auch finden, daß einzelne kleine Züge hätten weggelassen werden können, so muß ich dazu bemerken, daß ich es für meine Pflicht hielt, mich nicht so sehr von Privatrücksichten leiten zu lassen, und daß ich dies und jenes beibehalten habe, was, wenngleich für die Gegenwart von wenigerem Interesse, einem kommenden Geschlechte von Nutzen sein und Aufklärungen geben kann, die man möglicherweise sonst vermissen würde.
Kopenhagen, im März 1851. $Johannes Oehlenschläger.$
* * * * *
[Sidenote: Literarische Fehde.]
Ich hätte noch auf ein Jahr mit Bertouch leicht und angenehm nach Italien reisen können; aber das Heimweh, das mich vor neun Jahren in Rom ergriff, und mich verhinderte, Neapel zu sehen, ergriff mich nun wieder, und verhinderte mich Rom noch einmal zu sehen. Obgleich ich gewissermaßen durch einen freiwilligen Ostracismus aus meinem Vaterlande geflohen war, um den Haß meiner Feinde zu dämpfen, und ich gewiß klug gethan hätte, noch länger fortzubleiben, so konnte ich es doch nicht; ich sehnte mich nach meinem Hause, meinen Kindern; ich konnte nicht länger ohne sie sein. Ich schlug deßhalb Herrn Hjort (jetzt Professor in Sorde) vor, an meiner Statt zu reisen, und da er und Bertouch damit zufrieden waren, zog ich das häusliche Glück im Kreise meiner Lieben vor; aber es zog wieder von mehreren Seiten ein Ungewitter am Horizonte meines Glückes auf.
Baggesen hatte, während ich fort war, ein Singspiel, =die Zauberharfe=, geschrieben, welche Kuhlau componirte. Aus »Holger Danske« und »Erik dem Guten« hatte man bereits gesehen, wie wenig er sich zu dramatischer Dichtung eignete; nun da er »Ludlam's Höhle« und »die Räuberburg« als die elendesten Pfuscherarbeiten heruntergerissen hatte, verlangte man natürlich mehr von ihm, und es wurde doch noch weniger. Und hierzu kam noch das Gerücht, daß das Stück nicht Original von ihm sei, sondern daß er es nach einem ihm von einem Andern anvertrauten Manuscripte umgearbeitet habe. Baggesen bewies juridisch sein Recht an dem Stücke; und wenn man es ihm ästethisch absprechen wollte, so konnte dies meiner Ansicht nach nur geschehen, weil es zu mittelmäßig war. Da er nun mehrere Jahre hindurch fast ausschließlich meine dramatischen Werke als der Bühne unwürdig heruntergerissen hatte, so war es ganz natürlich, daß man mit seinem Benehmen unzufrieden war, und wenn es für das Auspfeifen überhaupt eine Entschuldigung giebt, so fand sie sich gewiß hier. Das Schlimmste war, daß Kuhlau's schöne Musik dabei ein gleiches Schicksal leiden mußte; und besser wäre es freilich gewesen, wenn man -- was man auch Kuhlau's Genie schuldete -- das Auspfeifen unterlassen hätte; um so mehr, als es über Den ausging, den man rächen wollte. Kurz nach meiner Rückkehr sollte Herr Violoncellist Funk ein Benefiz haben. Bei solchen Gelegenheiten wird ein beliebtes Stück gewählt, das Zulauf hat. Da dies nun mit Ludlam's Höhle der Fall war, so wählte er es. Aber das war ein gefundenes Fressen, für meine Feinde. Nun pfiffen sie auch hier; und so ging es mir wie Lars in Freia's Altar, dem Bilbo eine Ohrfeige giebt, weil Clotilde ihm einen Korb gegeben hat. Dergleichen geschieht oft im menschlichen Leben. Das Beste war, daß die Ohrfeige, die mir bestimmt war, weil Thalia Baggesen einen Korb gegeben hatte, mich nicht traf.
* * * * *
[Sidenote: Todesfälle.]
Aber bald sollte ich einen wirklichen Kummer erleiden. Meine geliebte Schwester Sophia, deren Munterkeit und Lebenskraft so lange gegen den Stoß angekämpft hatte, den sie in dem unglückseligen Scharlachfieber bekommen, mußte endlich unterliegen. Bis zur letzten Zeit war sie die Seele ihres Kreises. Nun kam ein hitziges Fieber und riß sie fort. Das letzte Mal, wo ich sie besuchte, saß sie aufrecht im Bette und sprach irre. »Gott segne Dich, meine gute Schwester,« sagte ich beim Abschiede. »Ja,« sagte sie, indem sie auf mich hinstarrte, »das wäre nicht so übel!« -- Ich glaubte doch noch nicht, daß sie sterben würde. O. H. Mynster, ihr Arzt, meinte auch, daß nicht alle Hoffnung verloren sei. Ich ging zwar betrübt, aber doch ruhig nach Hause; es ist nicht meine Art, die Hoffnung aufzugeben, ehe sie mich ganz entschieden verläßt. Ich wollte nach meiner Gewohnheit ein Wenig ins Theater gehen, um mich zu zerstreuen, als mich in demselben Augenblicke eine erschütternde Traurigkeit befiel. Ich ging in mein kleines Zimmer, warf mich auf die Knie und rief weinend: »Ach, meine geliebte Schwester! Nun stirbst Du gewiß in diesem Augenblicke! Habe Dank für alle Deine Liebe und schwesterliche Hingebung! Gott erfreue Dich in seinem Himmel!« Eine Stunde darauf kam die Nachricht ihres Todes. Sie war gerade in jenem Augenblicke entschlummert.
* * * * *
Im October desselben Jahres verlor ich zwei meiner besten Freunde, =Ole Hieronymus Mynster= und =Michael Rosing=. Rosing war viele Jahre hindurch körperlich gelähmt gewesen. Ich besuchte ihn oft und las ihm die Tragödien vor, in denen er leider nicht mehr spielen konnte, die er aber, wie es seine bald funkelnden, bald thränenvollen Augen bezeugten, gut verstand. Wenn ich meine Visiten hübsch regelmäßig wiederholte, sagte er beim Eintreten: »Guten Tag, mein Sohn!« wenn ich aber zu lange fort blieb, sagte er: »Guten Tag, Herr Professor!« Bei seiner Beerdigung begegnete ich Rahbek auf der Treppe allein. Wir hatten seit der fatalen Freia's-Altars-Fehde nicht wieder mit einander gesprochen. Ich fiel ihm um den Hals, und nun waren wir die alten Freunde. Mynster wurde an demselben Tage, wie Rosing beerdigt und ich folgte ihnen Beiden zu ihrer letzten Ruhestätte.
Mein William hatte einen braunen Fleck auf dem Kinn, den ich gern beseitigt gesehen hätte. Ich hatte gehört, daß es hälfe, wenn man ihn mit dem Finger einer Leiche berührte, und wollte dieses Experiment versuchen. Ich fragte den kleinen vierjährigen Knaben, ob wir Mynster besuchen wollten. Das Kind wußte nicht, daß Mynster todt sei und konnte sich überhaupt noch keinen Begriff vom Tode machen. Mit Erlaubniß der Familie traten wir in die Leichenkammer. Es war dasselbe Haus, in dem der Verstorbene und ich so oft lustig mit einander gescherzt hatten. Nun lag er still und ernst da, als ich das Tuch zurückschlug: »Der gute Mynster schläft!« sagte ich leise, »komm, William, willst Du ihn sehen?« -- Der Knabe näherte sich furchtsam, ich berührte sein Kinn mit dem kalten Finger der Leiche, und wir eilten fort. Erst auf der Straße fragte William: »Vater: warum war Professor Mynster so weiß im Gesicht?« Ich gab ihm eine beruhigende Antwort. Die Kur half nicht; erst ein paar Jahr später verschwand der braune Fleck durch Hülfe des Professors Jakobsen, und hinterließ nur eine unbedeutende Narbe.
* * * * *
[Sidenote: Der kleine Hirtenknabe.]
Wenn die lieben Todten uns verlassen, knüpft uns das Band fester an die Lebenden. Das Jahr vorher hatte ich meine Tragödie =die Blutbrüder=, schön gebunden von Paris, ebenso wie mehrere Jahre vorher =Hakon= und andere nach Hause geschickt. Meine Frau hatte mir von der Freude geschrieben, die sie, Karl Heger, Boye und Hauch durch die plötzliche Ueberraschung gehabt haben, und ich beschloß selbst ein Mal, Zeuge einer solchen zu sein. Auf Friedrichsberg, wo Madame Voigt, die Wittwe des Schloßverwalters die Güte hatte, mir einige Jahre hindurch Zimmer für den Sommer zu überlassen, schrieb ich den =kleinen Hirtenknaben=, ließ ihn hübsch einbinden, und packte ihn mit einem Briefe ein, als ob er mit der Post von Paris käme. Eines Freitags nach Tisch, als die Leute beim Kaffee saßen, kam das Mädchen herein und brachte der Frau vom Hause das Paket. -- Sie machte große Augen, wurde angenehm überrascht, und nun konnte ich, nachdem ich mich an der Verwunderung Aller geweidet hatte, mich selbst hinsetzen und ihnen das Stück vorlesen. -- In demselben Jahre, am 3. September, schenkte mir Gott als Ersatz für so viele Verluste, meine jüngste Tochter Maria Louise.
Eine neue Bekanntschaft, die ich in der letzten Zeit gemacht hatte, und die zu einer wahren Freundschaft wurde, war die der liebenswürdigen Generalin =Hegermann-Lindenkrone=, vielleicht das poetischeste weibliche Gemüth, das Dänemark besessen hat; und in ihrem Familienkreise fand ich durchaus das Gepräge des freundlichen Geistes, der ihre Gedichte beseelt.
Im Jahre 1818 schrieb ich noch das Lustspiel =Robinson in England=. Ich hatte auch die Freude, unsern großen Landsmann Thorwaldsen wieder im Vaterlande zu sehen. Wir wetteiferten Alle, ihm zu huldigen, und bei dem Feste auf der Schießbahn, hielt ich eine Rede, und dichtete ein Lied, welches bei Tisch gesungen wurde, und sich in meinen Werken abgedruckt findet.
* * * * *
[Sidenote: Die Götter des Nordens.]
=Die Götter des Nordens=, eins meiner Hauptwerke, wurde im Jahre 1819 gedichtet. Ich wandte hier ebenso wie in Helge verschiedene Versarten zu diesen zwar zusammenhängenden, aber im Charakter und Wesen sehr abweichenden Fabeln an. Thor's Reise nach Jothunheim (bereits im Jahre 1805 gedichtet) diente dem Ganzen als Einleitung.
Am 28. November starb mein Waulundur, Christiane's Vater, mein alter Freund der Conferenzrath Hans Heger, mit dem ich mehrere Jahre hindurch in kindlichster Vertraulichkeit gelebt hatte. Er liebte mich wie ein Vater, und jedes Lorbeerblatt, das ich gewann, war, als ob er es selbst gewonnen. Der, welcher meine Gefühle für ihn näher kennen zu lernen wünscht, den verweise ich auf das Gedicht, welches ich bei seinem Tode, und auf ein anderes, welches ich kurz vorher zu seinem Jubelfeste schrieb. Beide befinden sich in meinen Werken.
* * * * *
[Sidenote: Tordenskjold. Erik und Abel.]
Meine folgenden Arbeiten (1820) war das Singspiel =Tordenskjold= und die Tragödie =Erik und Abel=. -- Tordenskjold wurde angenommen und honorirt, aber nicht aufgeführt. Es hieß: »daß dieses Stück nicht aufgeführt werden könne, weil König Friedrich IV. darin auftrete.« Die Erlaubniß, dänische Könige auf die Bühne zu bringen, ging nicht weiter, als bis zur Souverainetät. Christian IV. konnte folglich auftreten, aber Friedrich IV. nicht. Außerdem =sang= er im Stücke. Mir wäre Nichts leichter gewesen, als dieses Lied zu streichen; ja mit geringer Mühe hätte ich auch das Stück so umarbeiten können, daß der König nicht darin auftrat; aber dadurch hätte die Scene mit Tordenskjold an dramatischer Wirkung verloren; außerdem wußte ich, daß nicht =deßhalb= das Stück verworfen wurde, und als nun mein Freund Collin als Theaterdirector an betreffender Stelle darauf aufmerksam machte, daß das Stück angenommen sei, und daß es nicht anginge, mir meine Einnahme zu entziehen, so erhielt ich vierhundert Thaler, und war froh, da ich gern allen Chikanen ausweichen mochte, denen ich ausgesetzt war, wenn meine Stücke gespielt wurden, aber nicht das Geld entbehren konnte. Außerdem wußte ich, daß eigentlich nicht der angeführten Gründe wegen das Stück verworfen wurde; aber Rahbek vertraute mir, daß es folgendermaßen zusammenhänge: Ich hatte das Stück bei Schimmelmann's in einer großen Gesellschaft vorgelesen, wo Hofdamen und Hofherren zuhörten, und diesen gefielen die Scenen mit dem Matrosen nicht, der von Tordenskjold's Extraction von dem Kutscher der vornehmen Frau, u. s. w. spricht.
»Hättest du Ihnen wenigstens Namen als _species_ gegeben,« sagte Rahbek, »so hätten sie es vielleicht gehen lassen; aber nun wurde der vernünftige und der unvernünftige Hofmann als Genus genannt, und das konnte man nicht leiden.« Das Stück wurde also nicht gegeben, und harrt noch eines guten Componisten, um vielleicht zu einer Zeit zu gefallen, wo dergleichen Einwendungen nicht mehr gemacht werden.
[Sidenote: Tod Thaarup's.]
Man las das Stück mit Vergnügen; ich hatte es Thaarup dedicirt, und hatte die Freude, diesen edlen Dichtergreis ganz zu gewinnen, der sich eine Zeitlang zur Partei meiner Gegner geschlagen hatte. In seinem letzten Lebensjahre besuchte er mich oft. Schon früher hatte sein gutes Herz und seine poetische Natur das Widerstreben oft besiegt, welches der Aeltere zuweilen empfindet, den Jüngern anzuerkennen. -- Als ich das erste Mal ins Ausland reiste, sagte er zu Steffen Heger: »Wenn die Deutschen ihn nur nicht verderben!« Heger las ihm als Antwort Etwas aus meinem Aladdin vor, und als Thaarup es gehört hatte, strich er sich auf seine gewöhnliche humoristische Weise das Kinn und sagte: »Laß ihn nur gehen! er wird sich schon hüten!« -- Ich hatte stets den Dichter des Erntefestes geliebt, und als er kurz darauf starb, schrieb ich aus vollem Herzen:
So lang noch Fischerdörfer stehn Am dän'schen Strand beim Meerestang, So lang noch Wellen rauschend gehn, Stirbt, =Ewald=, nimmer dein Gesang.
Doch, =Thaarup=! auch =dein= Bildniß lebt, Dein Lied klingt immer frisch und neu, So lang noch wer die Sense hebt, Und mäht das reiche, duft'ge Heu.
Und weht die Fahne stolz und frei, Das weiße Kreuz auf rothem Grund, So denkt, der Dän' des Lieds dabei Das ihr zu Ehren sang dein Mund.
* * * * *
Ungefähr zu derselben Zeit gewann das Theater und besonders meine Stücke sehr viel durch das Erscheinen der beiden großen Talente Fräulein =Brenöe= und Herrn =Nielsen= auf dem Theater. =Foersom= war vor drei Jahren gestorben; in Ryge hatten wir den Mann, den charakteristischen Helden, den Greis für die Tragödie, aber es fehlte uns noch der Held als Liebhaber und die Liebhaberin. -- Diesen Mangel füllten Herr Nielsen und Fräulein Brenöe aus. -- Nielsen trat als =Axel= auf, zeigte was wir von ihm erwarten konnten und hatte unsere Erwartungen nicht getäuscht. Unter Fräulein Brenöe's ersten Rollen war Sophia in Erik und Abel, in der sie gleich die anmuthige und gefühlvolle Natur an den Tag legte, durch die wir später immer gerührt wurden. Ihr Genie für die Bühne zeigte sich bald in großem Umfange.
* * * * *
[Sidenote: Erik und Abel.]
Der kleine Hirtenknabe hatte Glück gemacht. Erik und Abel machte es auch (1821). =Feindliche Brüder= tragisch darzustellen, ist ein alter Stoff, an dem sich auch Neuere versucht haben. Wenn aber La Harpe von _Racine's frères ennemis_ sagt: _Sujet, qui ne pouvait guère réussir sur notre théâtre; ni l'un, ni l'autre des deux frères ne peut inspirer d'interet; tous deux sont à peu près également coupables, également odieux etc._ -- so paßt das nicht auf Erik und Abel. Der Erstere kommt seinem Bruder versöhnlich entgegen und rührt uns, da er in einem frommen Augenblicke ohne es zu ahnen von der Hand des Meuchelmörders fällt. An dem unglücklichen Abel rächt sich später, eben so rührend, das erwachende Gewissen. Der bloße =Haß= kann nie tragisch sein, ebensowenig, wie irgend ein anderes Laster; aber der Kampf des Hasses, des Lasters mit den edlern Eigenschaften in der Brust des Menschen, der Sieg oder die Niederlage desselben, dichterisch dargestellt, interessirt, begeistert und rührt.
* * * * *
[Sidenote: Ich falle durch.]
In dieser Zeit war ich zwei Mal in Lebensgefahr, und das merkwürdigerweise auf der Bühne in meinen eigenen Stücken. Eines Abends, als der kleine Hirtenknabe aufgeführt wurde, und ich gegen meine Gewohnheit auf die Bühne gegangen war, um mit Ryge zu sprechen, stürzte eine der größten Coulissen dicht an meinem Kopfe nieder. Wäre sie zwei Zoll näher gekommen, so hätte sie mich getödtet, und man hätte dann bei dem Aufgange des Vorhangs die Blutspur dem Publikum zeigen können; wo der Dichter des kleinen Hirtenknaben sein Leben beschlossen hat. -- Das zweite Mal war es auf einem Privattheater. Ich war wieder in Borup's Gesellschaft eingetreten, und spielte zuweilen, wenn auch selten mit. Nun wollte man daselbst einmal Correggio aufführen, und wünschte, daß ich Michel Angelo's Rolle spielen solle. Ich that es; aber obgleich mein Spiel nicht mißfiel, so fiel ich doch in meinem eigenen Stücke durch. Ich ging nämlich beim Schluß des dritten Actes zur linken Seite hinaus, wo ich vorher nicht gewesen war. Einen einzigen Schritt weit von der Coulisse war eine Oeffnung nach dem Keller mit einer schmalen Treppe auf der entgegengesetzten Seite. Ich ahnte eine solche Fallgrube nicht, stürzte die Treppe hinab, und kam glücklicherweise davon, indem ich mir nur Haut und Fleisch am Schienbein verletzte. Es war doch ziemlich schlimm; denn ich konnte drei Wochen lang nicht gehen. Wenn ich einen Schritt mehr seitwärts getreten wäre, so wäre ich in den Keller gestürzt, und hätte wahrscheinlich den Hals gebrochen. -- Als ich nach überstandener Gefahr und glücklich hergestellt, meinem Freunde J. P. Mynster dies Ereigniß und den ähnlichen Unfall erzählte, den ich vor zwölf Jahren in Italien zwischen dem vierten und fünften Acte Correggio's, den ich damals schrieb, in der Cascade in Tivoli gehabt hatte, sagte er: »Nun ja! das nächste Mal kommt es also zwischen dem zweiten und dritten Acte!«
In diesem Jahre verließ uns mein Freund Hauch, um ins Ausland zu reisen.
* * * * *
[Sidenote: Holberg's Jubelfest.]
Im Jahre 1822 sollte Holbergs Jubelfest begangen werden. Es war 100 Jahre, seitdem der große Dichter Dänemark durch seine erste Komödie, den politischen Kannegießer, erfreut hatte; und dieser =Dichter= Holberg war derselbe =Professor= Holberg, der Dänemark seine historischen Werke geschenkt hatte; und dieser =Professor= Holberg war derselbe =Baron= Holberg, der Dänemark seine Baronie Soröe verehrt hatte. Ursachen genug, sich seiner mit Dankbarkeit zu erinnern. Und doch war der Enthusiasmus nicht sonderlich groß. Die =Damen= können Holberg nicht leiden, weil er plump ist, weil keine Liebe in seinen Lustspielen vorkommt, und die Damen haben in Sachen des Geschmackes einen entschiedenen Einfluß auf die =Männer=. Was die Plumpheiten betrifft, so ist es leicht, die schlimmsten bei der Aufführung fortzulassen; und von der Liebe ist eigentlich auch nicht die Rede; aber Holberg's Stücken fehlt eine gewisse galante Plaisanterie; es wird nicht die Cour in ihnen gemacht, und das ist das Unglück! Wollten doch unsere Modedamen, die sich sonst soviel nach den Pariserinnen richten, von ihnen unsern Holberg so achten lernen, wie jene ihren Moliere schätzen; und wo die Dame, die Molière's muntern Witz und gesunde Satyre nicht zu schätzen weiß, für eine Gans gehalten wird.
Doch waren Leute genug von Geschmack und Verstand beiderlei Geschlechts in Kopenhagen, um das Fest zu feiern. Es wurde mir übertragen, ein dramatisches Vorspiel zu schreiben, und ich hatte die Freude, vier Abende kurz hinter einander die Anwesenden für unsern unsterblichen Dichter zu begeistern.
* * * * *
[Sidenote: Robinson in England.]
Da dieses Jubelfest so die Herzen im Tempel Apollo's verschmolzen hatte, schien es mir, daß es einmal Zeit sei, =Robinson in England= spielen zu lassen. Freilich hatte ich gehört, daß Mehrere unzufrieden mit der Theescene im Stück seien, weil sie darin Beziehungen auf sich zu finden glaubten. Ein Dichter kann nicht aus dem Nichts schaffen, und eine Satyre, die nicht die Mißbräuche der Zeit trifft, ist ohne Salz; aber ich war mir bewußt, daß sich keine Persönlichkeiten im Stücke fanden, und viele, die es gelesen, wünschten es aufgeführt zu sehen.
Rahbek, mit dem ich bei der Beerdigung unseres gemeinsamen Freundes O. H. Mynster wieder ganz versöhnt worden war, schrieb mir folgenden Brief darüber:
»Ich danke Dir für Dein Lustspiel, das ich gleich zu lesen anfing, das ich nicht von mir legen konnte, bis ich es ausgelesen hatte, und ich beeile mich es Dir zu senden, damit es gedruckt, angenommen und aufgeführt werden könne, da wir so lange keine gute Originalcomödie gehabt haben.
Ich habe Dir, wie Du siehst, bereits gesagt, daß Deine Komödie =gut= ist, und trage kein Bedenken, hinzuzufügen, daß der ganze Theil, der zwischen Selkirk, William, Betty, Defoe und Sir Robert Edgarson, außerordentlich schön ist; nur möchte ich Du wolltest Peter, wie die Gärtner es nennen, =strafen=, d. h. etwas beschneiden. -- Ich muß übrigens bei dieser Gelegenheit bemerken, daß, wie ich stets die drei ersten Acte Deines Correggio's für einen Nathan der Weise über =Kunst= gehalten habe, so finde ich, daß die Scene im Gelehrtenklub ein lucianischer Dialog über sogenannte =Kritik=, oder ein lehrreicher Commentar über Lessing's Worte sei, daß der, welcher eine Art von Kunstschönheiten schätzen könne, sei es als Dichter oder in andern Künsten, sich darum nicht einbilden darf, daß er alle zu beurtheilen verstehe; da es keine schlechtere aber auch keine gewöhnlichere Kritik giebt als die, welche incommensurable Größen mit derselben Elle mißt. Also -- »_Courage, mon ami! Voilà la bonne comédie, et peut-être quelque-chose de mieux!_«
Ich ließ also das Stück aufführen, und es gewann großen Beifall.
Ein ausgezeichnetes Talent wurde erst bei dieser Gelegenheit erkannt und geschätzt. Unser witziger komischer =Rosenkilde= erwarb sich als Peter reichen Applaus.