Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Part 9

Chapter 93,597 wordsPublic domain

Auf Friedrichsberg hatte ich einen Besuch von dem berühmten E. M. =Arndt=, nicht dem früher erwähnten Sonderling, sondern dem Professor in Bonn, dem Verfasser vom »Geist der Zeit,« nach seiner Art auch ein Alterthumsforscher. Er beschäftigte sich nämlich damit, die Spur der Ausbreitung der alten Volksstämme zu untersuchen, die sich natürlich nicht nach den gegenwärtigen geographischen Eintheilungen richteten. Arndt war in Schweden gewesen und hatte sich über die Dalekarlier gewundert, ein untersetztes schwarzhaariges, heftiges Geschlecht, von südlicher Natur, nach Arndt's Ansicht durch eine unbekannte Völkerwanderung zwischen die schlanken, blonden, ruhigen Skandinaven eingekeilt.

* * * * *

[Sidenote: Bühnen-Conflicte.]

In diesem Jahre bekam ich den unglücklichen Einfall, Freia's Altar zu einer Komödie umzuarbeiten, in der ich, trotz meiner Tadler, die Ausgelassenheit noch weiter trieb, die man in Freia's Altar getadelt hatte. Obgleich Verschiednes in der Umarbeitung wirklich besser wurde, z. B. Guilielmo's und Clausine's Liebesverhältniß, und obgleich Madame Geldschlingels Scenen den anderen wohl nicht viel in Heiterkeit nachgeben, ohne das Decorum zu übertreten (denn es ist, wie einer der Vertheidiger des Stückes richtig sagte, ein Unterschied zwischen einer betrunkenen Frau und einer Frau, die trinkt), so leugne ich doch nicht, daß das Stück durch diese Umarbeitung zu reich an Späßen wurde, und Etwas von seiner ersten jugendlichen Naivetät verlor. Bilbo, der der einzige eigentlich übertriebne Character im ersten Stück ist, wurde es hier noch mehr. Die Grille, das Stück so auf die Bühne zu bringen, lag wohl theils in einem gewissen Stolz, daß ich, der doch anerkannte Dichter, durch die ewigen Zurechtsetzungen von Leuten gelangweilt und geärgert wurde, die meine Kunst weder verstanden, noch den echten Sinn für sie hatten; theils war ein andres Stück von mir da, das aus demselben Sauerteiche bestand, wie Freia's Altar, und das viele Jahre hindurch (und auch lange Zeit nachher) ein Lieblingsstück des Publikums war und blieb. Dies war =der Schlaftrunk=, in welchem die komischen Charactere und der lustige Dialog durchaus mir gehörten, weshalb ich auch später dieses Stück in der Sammlung meiner eigenen Werke aufgenommen habe.

Freia's Altar ist als burleske Komödie gewiß viel poetischer und ebenso komisch, wie der Schlaftrunk. Sie hatte lange Zeit mit zur Lieblingslectüre der Jugend gehört; sie war mehrere Male auf Privattheatern mit großem Beifall vor Gebildeten und Ungebildeten gespielt worden. Was Wunder, daß ich (dem von der Gegenpartei nun alles komische Talent abgesprochen wurde) mein Stück gern einmal von unseren herrlichen Komikern aufgeführt sehen wollte? Aber dieser lustige Altar der Freia wurde stets von einem tragischen Geschick verfolgt, und ich benahm mich ungeschickt, um ihn zur Aufführung zu bringen. Wie sehr hätte ich mir Etwas von der Schlauheit wünschen können, mit der =Beaumarchais= in Frankreich, trotz des Verbots des Königs und der Polizei, seinen Figaro in Versailles zur Aufführung zu bringen wußte; was La Harpe, der ihm einige Tage nach der Aufführung begegnete, Veranlassung gab zu sagen: »Ich bewundere den Witz in Ihrem Stücke, und noch mehr den Scharfsinn, den Sie angewandt haben, um es zur Aufführung zu bringen.« Ich war nun einmal böse und wollte es erzwingen.

[Sidenote: Die Theatercensoren.]

[Sidenote: Rahbek und Etatsrath Olsen.]

Es waren zwei Theatercensoren da; diese hatten, wie es in der Natur der Sache liegt, Macht über Leben und Tod der eingereichten Stücke in Bezug auf die Aufführung derselben, und von ihrem Urtheilsspruche ging es ohne Appell zur Execution. Rahbek und Etatsrath Olsen waren Censoren. Daß Rahbek es war, fand man trotz all' seiner Grillen und Einseitigkeiten in der Ordnung. Etatsrath Olsen war ein geselliger, angenehmer Mann, sehr sprachkundig und war Notarius publicus. Bei der Concurrenz um dieses Amt war er P. A. Heiberg vorgezogen, weßhalb dieser ihn in einer Streitschrift zum Gegenstande seines Spottes machte und versuchte, ihn, wenn auch in ein komisches Licht, so doch nicht in ein solches zu stellen, welches ihn zu einem Theatercensor geeignet machte. Olsen hatte selbst einige sehr unbedeutende Gedichte geschrieben; ich weiß nicht, ob er auf Grund derselben Censor wurde; wenn es der Fall war, so geschah dies damals vielleicht weder zum ersten noch zum letzten Male. Bredahl war schon zu Ewald's Zeiten Theaterdirector gewesen. Mein persönliches Verhältniß zum Etatsrath Olsen war ein höfliches. In sein Haus kam ich der Damen und der angenehmen Gesellschaft wegen. Er war auch einmal mein Gast; aber als Baggesen immer gröber und gröber gegen mich wurde, und da er zu Olsen's kam, zog ich mich zurück. Baggesen erwies Olsen große Achtung auch als Kunstrichter und gewann ihn ganz. Daß Olsen also, wenn es ohne Gefahr und Unannehmlichkeit geschehen könne, gegen mich sein würde, war im höchsten Grade wahrscheinlich. Was Rahbek anbetraf, so war, wie bereits gesagt, sein Geschmack beschränkt; das Burleske und Ausgelassene hielt er als unter der Würde der Kunst stehend. Die Wirkung, die es hervorbrachte, wenn das Genie, wie in Molière's und Holberg's Stücken, es schuf, bemerkte er nicht; übrigens konnte er auch nicht zu außerordentlicher Heiterkeit gestimmt und begeistert werden. Ich habe ihn nie ordentlich lachen sehen; ein schallendes Gelächter war Etwas, das ganz außerhalb seiner Natur lag; er bewunderte das Witzige verständig, ja selbst witzig, schelmisch und nicht ohne Humor; aber es war der gleichmüthige Humor, der nur in der Asche glüht und nicht zur Flamme emporschlägt. Das Starkkomische bei Molière und Holberg betrachtete er als Etwas, das nicht fortgesetzt werden dürfe, das der geschmacklosen Zeit angehörte, in der diese großen Männer gelebt hatten, und das diesen, ihrer wahren Verdienste wegen, verziehen werden müsse; diese bestanden in den Characterschilderungen und der moralischen Tendenz der Stücke. Für den eigentlich poetischen Duft dieser Werke hatte der gute Rahbek durchaus keinen Sinn, so wenig wie körperlichen Sinn für Blumenduft und andere Wohlgerüche, die er so sehr haßte, daß er ihnen Gestank vorzog.

Aber so eigensinnig er war, so gutmüthig war er, so leicht war er zu gewinnen, wenn man sich ein klein Wenig nach ihm richtete. Hätte ich mich zuerst an ihn gewandt und ihm gesagt: »Hör' einmal Rahbek! ich habe die Absicht, Freia's Altar umzuarbeiten; ich fühle selbst, daß das Stück zu ausgelassen ist; nimm Du es und mache mir einige Anmerkungen und Striche, wo Du es verändert wünschtest;« so bin ich überzeugt, er hätte fast gar keine gemacht. Er, der lange Zeit ruhig zugesehen hatte, wie der Theaterübersetzer N. T. Brun jeden zweiten Abend die Stücke mit seinen eigenen unanständigen zweideutigen Späßen anfüllte, würde auch Freia's Altar mit seinen poetischen Scherzen durch den kritischen Schlagbaum haben schlüpfen lassen; der Theaterchef wäre dann auf seine Seite übergetreten, und Olsen war zu schwach, um dann den Schlagbaum allein niederzuhalten. Aber das that ich nun nicht; ich wollte es, wie gesagt, erzwingen. Es genügte nicht, daß ich Bilbo noch toller machte, als er zuerst war; ich schrieb auch eine Vorrede, in der ich einen schlechten Kritikus mit einem Manne mit belegter Zunge verglich, der nicht schmecken könne, weil sein Magen verdorben sei. Diesen Mann bezogen sowohl Rahbek wie Olsen auf sich; und da die Rache ihnen nur ein »Nein« kostete, so sagten sie Beide: Nein -- waren zum ersten und letzten Male in ihrem Leben einig -- und das Stück wurde nicht aufgeführt.

Ich will den Leser nicht durch eine weitläufige Erzählung des Federkrieges ermüden, der hierdurch entstand. Ich schrieb eine Pieçe an das Publikum, die vielleicht einmal in einer Sammlung meiner kleinen Abhandlungen gedruckt werden wird. Rahbek und Olsen antworteten. Letzterer besonders mit vornehmer Verachtung über meinen schlechten Geschmack. Mehrere übernahmen meine Vertheidigung, unter Andern =Sibbern=, der in einer langen Abhandlung das Stück und die Einwendung der Censoren durchging und trotz ihres Tadels glaubte, daß es durch die Umarbeitung gewonnen habe.

* * * * *

[Sidenote: Ein Reiseantrag.]

In diesem Herbst, als die Theatersaison schon lange wieder angefangen hatte, und ich eines Abends auf meinem gewöhnlichen Platze im Parquet saß, saß auch der Oberpräsident Moltke auf dem seinigen, gerade vor mir. Im Zwischenacte erzählte er mir, daß der junge (spätere Baron) Bertouch eine Reise ins Ausland machen solle, daß sein Vater ihm einen ältern Mann zur Gesellschaft mitzugeben wünsche, der fremde Länder kenne und dem jungen Manne durch Rath und That nützen könnte. Er fragte mich, ob =ich= nicht Lust zu dieser Reise hätte, die, wenn ich wollte, nicht über ein Jahr währen sollte? Ich nahm das Anerbieten gern an.

Aber als sich die Stunde des Abschieds näherte, wurde mir das Herz schwer, und mich erfüllte eine tiefe Wehmuth, weil ich meine Familie verlassen sollte. Ich lag am Abend auf dem Fußboden im Zimmer beim Kaminfeuer, und ließ die Kleinen um mich herkrabbeln; ich spielte mit ihnen, wie ein Kind; sie lachten und waren lustig und merkten nicht, daß mein Gesicht jeden Augenblick in Thränen schwamm.

Mir war, als ob wir uns nicht Alle wiedersehen sollten. Aber in der Liebe liegt stets Furcht vor dem Scheiden, und ein wehmüthiges Gefühl folgt dem Gedanken an irdische Trennung und himmlische Wiedervereinigung, deshalb erweckt jeder Abschied auf lange oder kurze Zeit die himmlische Liebe in der Menschenbrust, und selbst in dem täglichen =Lebewohl=, einem Freunde gegenüber, liegt ja Etwas von diesem heiligen Gefühle.

* * * * *

=Auszug aus meinen Reisebriefen= 1817.

[Sidenote: Beginn der Reise.]

Es war kein Spaß für einen gegen Frost und Wind nicht sonderlich abgehärteten Dichter, der sich eben erst von einem ziemlich starken Anfall des Podagra erholt hatte, sich in den kalten Decembernächten auf offene Wagen zu setzen, dann in einem Boote von Laaland über das Meer und von Heiligenhafen durch Holstein zu reisen, bis wir an die Diligencen kamen; denn damals hatte man noch keine Eisenbahnen und keine Dampfschiffe. Ich beschloß deshalb so gekleidet zu reisen, daß ich nicht frieren =konnte=, und dies setzte ich auf folgende Art ins Werk. Ueber meinen täglichen Kleidern hatte ich folgende Kleidungsstücke. Ein Paar dicke mit Leder besetzte Reithosen gingen hoch auf die Brust hinauf. Dann ein Paar Seehundsstiefeln, die bis über die Kniee reichten. Ueber dem Rock, dem Ueberzieher und dem Mantel einen großen, dicken Bärenpelz. Auf dem Kopf eine Mütze von Bärenfell, die unter dem Kinn zugeknöpft werden konnte und den Nacken bedeckte. So hätte ich Parry und Roß auf ihrer Reise nach dem Nordpol, den ich ebenso wenig, wie sie, fand, begleiten können. Von der Kälte spürte ich also auf der ganzen Reise Nichts, außer, wenn ich in eine sogenannte warme Stube kam, wo ich mich auskleiden mußte. Von Friedrichsberg aus, wo ich von meinem Vater, der erst lachte und scherzte, aber in dem letzten Augenblick weinte, Abschied nahm, fuhr ich noch im geschlossnen Wagen und nicht so stark gegen die Kälte gewaffnet. Feldborg hatte Lust bekommen; mich ein Stück Wegs zu begleiten. Er hatte nichts Anderes mit, als ein kleines in ein Stück Papier gewickeltes Buch. Es war kein Platz im Wagen, da ich einen Reisegefährten hatte; ich gab ihm meinen Pelz und er setzte sich auf den Bock, wo sich der Schwager doch breit machte, weil ihm Feldborg's Liebkosungen nicht gefielen, der ihn, aus Furcht herabzufallen, zu fest und innig umarmte. Wir fuhren nach Kiöge. Am Morgen, als wir weiter reisen sollten, hielt ich meinem Gefolge eine Rede und sagte: »Meine Herren! Wenn man von einer fremden Stadt fortreist, so muß man erst all' die Dinge laut nennen, die man bei sich hat, um Nichts zu vergessen.« Um ihnen nun gleich ein Beispiel meiner Lehre zu geben, nannte ich Alles, was mir an losen Reiseeffekten gehörte, vergaß aber meinen Hut, weil ich glaubte, ich hätte ihn auf dem Kopfe; das war aber unglücklicher Weise meine Mütze, und so vergaß ich auch wirklich den Hut. Jetzt verließ uns Feldborg. Wir gingen erst ein langes Stück dem Wagen voran, und er stolperte sehr gutmüthig mit seinen schwarzen Gammaschenstiefeln auf den gefrorenen Erdklumpen umher, um mich in dem bequemeren Geleise zu lassen. In schönem Wetter fuhr ich über Gaabensee nach Laaland. In meinen Pelz eingepackt litt ich weder von der Kälte noch von der Seekrankheit.

[Sidenote: Ankunft beim Kammerherrn Bertouch.]

Bei dem Kammerherrn Bertouch und seiner Gattin brachte ich angenehme Tage zu, und lernte den jungen, freundlichen Mann kennen, mit dem ich reisen sollte. In Wasserstiefeln watete ich mit dem Kammerherrn in Wald und Feld umher. Die Natur gewinnt nicht, wenn man sie im Winterkleide sieht, doch hat jede Jahreszeit ihren eignen Character; das Grün verschwindet nicht ganz. Laaland ist doch ein sehr flaches Land, und wenn man dort ist, bekommt man Lust, mit Hieronymus in Erasmus Montanus zu glauben: Die Erde ist =flach=.

* * * * *

[Sidenote: Ankunft in Hamburg.]

Ich bin nun in Hamburg, »sechzig Meilen weit von meinem Herzen,« wie der Dichter Kruse sang. Meinen letzten dänischen Abend brachte ich in Kiel bei meinem alten Landsmanne Fischer, dem Gastwirth in der Stadt Kopenhagen zu. Er ist Däne mit Leib und Seele, erzählt den Holsteinern, daß er in der kleinen Königsstraße geboren sei, und an den Wänden hängen lauter nationale Bilder. Hier sieht man den Thurm der Frauenkirche von englischen Bomben in Brand geschossen, dort arbeiten Matrosen auf einem Schiffe, hier wieder steht der Schauspieler Knudsen an der Zollbude und singt vor dänischen Seeleuten. Ich war in Kiel auch Mittags beim Grafen Bernstorff; ich sah die liebenswürdige Frau Berger Weihnachtsgeschenke für die Kinder zubereiten und dachte an die meinigen. Einen angenehmen Abend brachte ich bei dem feurigen, witzigen Professor Pfaff zu. Hier traf ich Falk und Dahlmann, der seine literarische Laufbahn mit einer Abhandlung über meine Schriften, welche, ins Dänische übersetzt, gedruckt wurde, begann. Später scheint er sich nicht viel um dänische Literatur bekümmert zu haben, doch war er sehr höflich und artig.

* * * * *

Wir schliefen in Bramstedt. Am nächsten Morgen war Glatteis. Wir schnallten den einen Wagenstuhl rückwärts gegen den Wind; das milderte. Von Kiel nach Hamburg geht es über die Haide. Am ersten Tage ging ich über eine Meile in gutem Wetter zu Fuß; aber je mehr wir uns Hamburg näherten, desto schlimmer wurde es. Die Alster war weit über ihre Ufer hinausgetreten. Einige Bauern mußten uns den Wagen aus dem Morast und dem Eise herausholen. In der Nähe lag ein gestürztes Pferd auf dem Eise, das sich todt geschleppt hatte und der Karren stand umgeworfen daneben. Endlich kamen wir an den neuen, halbfertigen Landhäusern vorüber, die sich wieder aus ihrer Asche erhoben.

* * * * *

Heute war der erste Weihnachtstag; er fing mit einem außerordentlichen Nebel an, wie man ihn selten in Kopenhagen sieht. Es kommt daher, daß Hamburg nahe am Meere und bei der Alster und Elbe liegt. Gegen Mittag wurde es etwas klarer; ich hörte das Glockenspiel vom Kirchthurm. Man hat oft bei uns das Glockenspiel verspottet; nun haben wir keins. Es ist wahr; die Melodien lösen sich fast in Klingklang auf, aber sie tönen doch über die ganze Stadt, vor Aller Ohren, und das ist feierlich. Auf den Straßen begegnete ich Rathsherren mit Allongeperücken, wie in dem politischen Kannegießer; die Reutendiener gleichfalls mit Modesten, Pumphosen und Bratspießen an der Seite, wie die Alkalden in den spanischen Stücken. In der Kirche hörte ich die Kinder einen Weihnachtspsalm singen. Ich höre Kinder gern, und besonders zu Weihnachten in der Kirche singen. Der Organist spielte schön. Ich dachte an meinen Vater, der auch Organist war, und daß meine Vorältern es ununterbrochen viele Glieder hindurch in Schleswig und Holstein gewesen waren. Ich dachte an den großen =Bach=, der hier wahrscheinlich gespielt hat, an die Orgelkraft und an die tiefe Musik, die von dem Geschlechte Bach's über die weite Welt ausging.

* * * * *

[Sidenote: Theaterbesuch. Bekanntschaft mit Perthes.]

Wir haben uns einen Wagen von dem Juden Lazarus gekauft, der für dessen Tüchtigkeit einstehen will. Gestern hörte ich Don Juan und bewunderte =Madame Becher= als Anna; aber ich hätte beinahe das Stück nicht zu sehen bekommen, da ich meine Brille vergessen hatte, wenn nicht ein gutmüthiger Mensch mir ein Perspectiv geliehen hätte. Madame Becher singt gut; aber ich hätte fast über Mozart's Musik alle ihre Triller und Rouladen überhört.

* * * * *

Gestern Abend spielten sie das =Käthchen von Heilbronn= von =Kleist=. Walthers und Käthchens Charactere sind vortrefflich durchgeführt und zeigen sich in schönen Situationen. Den Cherub, der Käthchen beschützt, hätte ich lieber fortgewünscht; der liebe Gott hätte ihr doch helfen können; ebenso hätte ich gern gesehen, wenn sie Bürgerin geblieben wäre, und wenn Graf Strahl seine Eitelkeit ihrer seltnen Persönlichkeit geopfert hätte, statt daß sie nun, wie in allen Mährchen, des Kaisers Tochter wird.

* * * * *

Ich habe die Bekanntschaft des Buchhändlers =Perthes=, eines sehr gebildeten und begabten Mannes, gemacht. Im Anfange stritten wir etwas über den Correggio; er kam mit den Tieck'schen Einwendungen; schien mir aber in meiner Vertheidigung Recht zu geben. Seine Frau ist eine Tochter von Claudius, und aus ihren Augen strahlt die ganze gutmüthige Begeisterung und der originelle Humor des Wandsbecker Boten. Bei dem Herrn Poël, dem Herausgeber des Altonaer Merkurs, war ich auch. Hier traf ich den Legationsrath Bockelmann und Baron Voigt, dessen Bekanntschaft ich vor neun Jahren bei Frau Staël-Holstein gemacht hatte.

[Sidenote: Der zeitig entdeckte Irrthum.]

Heute Mittag fuhr ich mit Bertouch nach Altona, wo wir zu Poëls eingeladen waren. Ein junger norwegischer Kaufmann, Herr Flood, dessen Bekanntschaft wir gemacht hatten, fuhr mit, da er von Herrn Donner eingeladen war. Wir wollten ihn dorthin fahren; aber er gestattete auf keine Weise, daß wir seinetwegen einen Umweg machten, und der Kutscher bekam Befehl, uns direct zu Poël's zu fahren. Als wir abstiegen, fragte ich den Diener an der Thüre: »Ist es hier?« und er antwortete: »»Ja, ganz richtig!«« -- Flood war gerade bereit, mit dem Wagen fortzufahren, als mir glücklicherweise einfiel zu fragen: »Hier wohnt doch Herr Poël?« -- »»Nein,«« antwortete der Diener, »»hier wohnt Herr Donner.«« Wir riefen also unsern Norweger zurück, und nun mußte er aus dem Wagen ins Haus, wir dagegen setzten uns wieder in den Wagen und fuhren weiter. Es wäre sehr unangenehm für uns Alle gewesen, wenn wir in fremde Gesellschaft gekommen wären und erst später unsern Irrthum entdeckt hätten, obgleich es vielleicht Veranlassung zu einem recht interessanten, kleinen Lustspiele für die Zuschauer geworden wäre.

* * * * *

Es freute mich sehr, meine Freundin =Louise Reichardt= hier wiederzusehen. Wir gedachten der verschwundenen Jahre, vor zehn Jahren in Giebichenstein; der angenehmen Sommerabende, wo Reichardt am Kamine saß und die Töchter sangen. Jetzt liegt Reichardt in finstrer Erde; der Garten in Giebichenstein gehört Anderen; Steffens wohnt in Breslau; Schleiermacher in Berlin, Louise in Hamburg, ich in Kopenhagen. So werden alte Verhältnisse wie die Spreu vor dem Winde zerstreut.

* * * * *

[Sidenote: Kleine Reiseleiden.]

Wir hatten viel Mühe, von Hamburg nach Haarburg zu kommen, so kurz der Weg auch ist. Wir mußten den Wagen zur See einen Tag vorausschicken. Nun bekamen wir einen Brief von dem Diener Christian, der mit dem Wagen gefahren war, worin er berichtete, daß Verschiednes am Wagen gebrochen sei, einige Riemen, einige Schrauben; daß er das Ganze für fünf Species habe in Stand setzen lassen, und nun hoffe, daß der Wagen vorläufig halten würde. Hierüber wurden wir sehr bestürzt und ließen gleich Herrn Lazarus holen, der uns den Wagen verkauft und mit seiner eignen Unterschrift für denselben von Hamburg bis Paris eingestanden hatte. Ich hörte ihn zu Bertouch sagen: »Können Sie beweisen, daß ich für die Riemen und Schrauben garantirt habe? ich habe nur für die Federn garantirt«. Nun wurde es mir zu arg; ich fing an, ihn zu bombardiren und drohte mit der Polizei. Das half; er bezahlte die fünf Species, und diese kamen einem armen Lohndiener zu gut, der uns kurz vorher seine Noth geklagt hatte.

* * * * *

Zwischen Hamburg und Welle hatten wir am Nachmittag Schneegestöber, dazu kam, daß der Schwager betrunken war. Wir segelten kreuz und quer über Acker und Wiesen, über Stock und Stein, wie Columbus, als er Amerika entdecken wollte. Endlich wurden wir dessen müde, und wollten den Betrunknen vom Pferde herunter haben. Aber er wollte nicht. »Lassen Sie mich ruhig sitzen, meine Herren«, sagte er mit schläfrigen Augen und lallender Zunge, indem er taumelte; »lassen Sie mich nur dafür sorgen, den Weg zu finden; damit hat's gute Wege; nun finden wir gleich das Gleis wieder!« -- Wir blieben mitten auf dem Felde stehen, das Schneegestöber war dicht, der Abend näherte sich, und es wurde dunkel. Es war kein Spaß; er war nahe daran, uns jeden Augenblick umzuwerfen. »Du bist besoffen,« rief ich, »Du kannst nicht fahren, nicht sehen! Laß den Diener fahren, der ist Kutscher gewesen, der versteht es, er ist nüchtern!« -- »»Nein, das ist er nicht, mein Herr!«« sagte der Schwager, »»lassen Sie mich nur fahren. Ich verlasse meine Pferde nicht. Wir sind nicht betrunken! Wir werden schon wieder in Gang kommen! daran sind wir gewöhnt.«« Was war zu thun? Wir kannten den Weg nicht; wir mußten ihn also langsam fahren lassen, während Christian nebenher ging und bald die Pferde, bald den Kutscher schlug, wie gerade der Augenblick es erforderte. Endlich kamen wir mitten in der Nacht in ein Dorf, wo der Schwager die Wagenstange zerbrach, gerade als wir hineinfuhren. Nun mußten wir eine von den Bauern kaufen. Sie kamen mit einer Laterne, einer Axt, Nägeln und Hämmern heraus, und wirthschafteten, während wir ungeduldig dastanden und uns nach Abendbrod und Nachtlager sehnten. Endlich kamen wir fort; aber nun ging ein Wagestock entzwei, und wir mußten eine Latte von einem Zaume nehmen und ihn selbst wieder in Stand setzen. Endlich erblickten wir doch das Ziel unsrer Reise, und um zwei Uhr in der Nacht kamen wir erst in eine Herberge, nachdem wir acht Stunden auf vier Meilen zugebracht hatten.

* * * * *

In =Brügge= zerbrach ein Rad, weil unser Wagen nicht die Spur in dem gefrornen Geleise halten konnte. »Ein Rad kann leicht geknickt werden, wer sieht es voraus?« sagt Giulio Romano. Eine schöne Gegend! Wir spielten des Abends vor langer Weile Karten zusammen, das erste, und wie ich glaube das letzte Mal auf dieser Reise, aßen gut, tranken die Gesundheit des Herrn Lazarus, wünschten ihn zu dem reichen Mann im Evangelium und fuhren am nächsten Morgen weiter. Nun haben wir bald einen nagelneuen Wagen; die Federn am alten sind gut und verantwortlich gemacht, und wir haben es schwarz auf weiß, daß sie bis Paris halten sollten. Vorwärts!

[Sidenote: Das Celler Schloß.]