Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Part 7

Chapter 73,511 wordsPublic domain

Bald schwarz und dick und knotig war die Rinde Voll Schwamm und Kraut; Die zarten Zweiglein waren glatt und linde, Wie Mädchenhaut.

Man konnte Aepfel, Birnen, Kirschen finden, Wo man nur las; Die Aeste schüttelten in Sommerwinden Die Frucht in's Gras.

Des Tag's da krochen Affen in den Zweigen Und neckten sich; Des Nachts da stand der Baum so still und eigen Und schauerlich.

Die Nachtigall im kalten Mondlichtsbade. Erschrak und schied; Denn in dem Stamm sang zaubernd die Dryade Ihr Todtenlied.

Von Vielen ward der Baum geliebt; genossen Von Wen'gen ganz. Doch Jeder fand, was er gesucht, entsprossen Im Sonnenglanz.

Wer Früchte liebte, sagte: Ei, da seh' ich Den Apfelbaum; Wer Schatten suchte, seufzete: Nun geh' ich Zum Frühlingstraum.

Wer Blumen wollte, sagte: Sieh da glühet Mein Blumenstrauß; Wer Lieder wünschte, sagte: Sieh da blühet Mein Vogelhaus.

Wer gar nichts liebte, sagte: Zwinge, zwinge Dein Plaudermaul! Wer Alles liebte, sagte: Singe, singe Noch lang, Jean Paul!

* * * * *

[Sidenote: Die Periode der Opposition.]

Ich wende mich nun zu der Epoche, in der sich die Opposition gegen mich am stärksten erwies. Die Erfahrung, daß ich nicht mehr zur romantischen deutschen Schule gehörte, und keine Unterstützung bei deren Führern fand, daß Göthe den Correggio getadelt und mir den Rücken gekehrt hatte, trug gewiß nicht wenig dazu bei, meinen Gegnern und Neidern Muth zum Tadeln zu geben. Hierzu kam, daß auch Grundtvig mich mit seinen vielen Anhängern verlassen, und daß ich selbst mir geschadet hatte, indem ich einige Kleinigkeiten schrieb, die freilich an Werth weit unter den Hauptwerken standen.

[Sidenote: Die Baggesen'schen Angriffe.]

Baggesen griff mich an. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er hierzu von Anderen angetrieben wurde; denn seine Umgebung hatte immer großen Einfluß auf seine Handlungen.

Baggesen's Betragen war wirklich so kindisch, daß das Ganze jetzt, wo es vorbei ist, mehr wie eine Comödie, als eine Tragödie zu betrachten sein würde, wenn es nicht so weit gegangen wäre, daß er selbst dadurch um alle Achtung kam.

Alles, was Baggesen bisher unternommen hatte, war in einer Art geistigen Spieles geschehen, das ihn und die Andern amüsirte, so lange es dauerte. Seine besten Gedichte, die Frucht einiger Vormittage, waren Kleinigkeiten, die er später in der Tasche umhertrug und seinen Freunden vorlas. So lange er nicht beißend und erbittert wurde, war er eine höchst interessante angenehme Persönlichkeit. Er konnte einen großen Theil des Geistes der großen Männer, mit denen er umging, nachahmen und sich aneignen; wie ein Chamäleon empfing er die Farbe; sie verschwand aber bald wieder vor einer andern. Mit Wieland war er Wieland, mit Fichte Fichte, mit Jakobi Jakobi, mit Reinhardt Reinhardt, mit Jean Paul Jean Paul, mit Voß Voß. Aber gründlich hatte er sich Nichts erworben und mit eigener Originalität gestempelt. Das, was er am Allerwenigsten verstand, worauf er sich am Allerwenigsten gelegt und wozu die Natur ihm das geringste Talent verliehen hatte, war das Dramatische, und nun beschloß er doch, dramatischer Recensent und Geschmacksrichter für die Bühne zu werden. Ich war nicht der Einzige, den er herunterriß; es ging auch über Holberg her, dessen plumpe Sprache er tadelte und dessen Schilderungen der Sitten und Verhältnisse er modernisirt haben wollte. Hier trat ein Anonymus auf, =Peter Wegner= (Adolf Boye), der ein gefährlicher Feind für Baggesen wurde. Das Einzige, was den hohlen Kritiken dieses Letztern noch etwas Salz verlieh, war der witzige Ton der ungerechten Angriffe. Man sagte: »Baggesen habe die Lacher auf seiner Seite.« Nun bekämpfte Peter Wegner ihn von einem vernünftigen und wahrheitsliebenden Standpunkte aus mit gleichen Waffen, aber mit viel größerer Kraft, welche das Bewußtsein der guten Sache giebt, und mit seiner satyrischen Fregatte schoß er das Baggesen'sche Seeräuberschiff in den Grund.

In allen Literaturen findet man Beispiele genug, daß ausgezeichnete Schriftsteller aus Neid von weniger Begabten, ja selbst von Pfuschern angegriffen wurden. So sehen wir in der Vorrede zur zweiten Hälfte des Don Quixote, daß Cervantes über einen Anonymus klagt, welcher behaupte, einen andern bessern Don Quixote, als der Dichter selbst, herausgegeben zu haben. Was hat Shakspeare nicht verdauen müssen, ehe er zu Ehre und Würden gelangte? Lessing wurde von Klotz und Götze; Göthe von Kotzebue von Menzel und Pustkuchen als ein schlechter Poet heruntergerissen. So hatte ein gewisser =Paulli= in Holberg's Zeit den politischen Kannegießer umschrieben. An und über diesen Paulli und Consorten schrieb Holberg witzige Vorreden unter dem Namen von Hans Mikkelsen und Just Justesen. Peter Wegner versetzte sich ganz in den Holberg'schen Ton und schrieb: »Ein kleines nützliches Unterhaltungsbuch« an Baggesen, in welchem Holberg selbst die Baggesen'schen Angriffe mit der Geißel der Satyre widerlegt.

Auch Thaarup und Rahbek wurden plump von Baggesen angegriffen. In der sogenannten =Judenfehde=, welche darin bestand, daß man, durch das Beispiel fremder Nationen dazu aufgemuntert, ein paar Abende hindurch mehreren Juden die Fenster einschlug, übersetzte Thaarup eine mittelmäßige Farce: »Unser Verkehr« gegen die Juden. Das hätte er unterlassen sollen. Aber in Folge dessen warf Baggesen ihm vor, daß er nicht Dänisch schreiben könne. In seinen besten Werken hatte Thaarup stets ein sehr reines und gutes Dänisch ohne Einmischung von Germanismen geschrieben, was man nicht von Baggesen und während meines Aufenthalts in Deutschland auch nicht von mir sagen konnte, weil es fast unmöglich ist, sich bei längerem Aufenthalt in einem fremden Lande vor jeder Einmischung einzelner fremder Worte zu hüten. Baggesen gebrauchte immer deutsche Redensarten. -- Das Lob, welches Rahbek seinen Reimbriefen gespendet hatte, mußte ihm zu bitteren Angriffen gegen Rahbek dienen. Er kehrt stets zu diesem Lobe zurück, als ob es nie früher so gehört worden wäre, und thut, als ob er aus Groll über so übertriebenen Ruhm, das Bedürfniß fühlte, Rahbek zu verhöhnen. Das Wunderlichste war, daß er mitten unter diesen unbefugten und bitteren Angriffen gegen Andere sich selbst mit Mitleid, wie ein armer verfolgter Mann betrachtete. Er schrieb unter Anderm hierüber eine Elegie, welche Peter Wegner gleichfalls in seinem Unterhaltungsbuch unter dem Namen von Just Justesen verspottete; er nannte es ein weinerliches Stück, das gut zu allen Instrumenten paßt, besonders zur Sackpfeife und Drehorgel.

Diese Persiflage Peter Wegner's darf nicht als der freche Angriff eines jungen Menschen gegen einen Mann von Renommé und unbezweifelten Verdiensten betrachtet werden; selbst einem unbedeutenden Schriftsteller gegenüber ist die Persiflage eine schlechte Waffe; nur Eins giebt es, das sie mit Recht angreift: das ist die Persiflage selbst; sowie man Skorpionstiche durch zerdrückte Skorpionen heilt. Daß Baggesen diese Waffe vorher leider in hohem Grade gebraucht hatte, daß es besonders über mich herging, ja zuletzt bis zu den gröbsten Beleidigungen, Unwahrheiten und Schmähworten gesteigert wurde -- es wäre Feigheit von mir, wenn ich dies verschweigen und in meiner Biographie nicht erwähnen wollte, jetzt, wo alle Menschen diese Angriffe lesen können und sie aufbewahrt sind, nicht in den ersten Tagesblättern, denn da würden sie mit dem Tage verschwunden sein, und dann würde ich ihr Andenken gewiß nicht auffrischen; aber sie sind neuerdings in Baggesen's gesammelten Werken erschienen, und, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für eine lange Zeit aufbewahrt. Doch allzu lange will ich bei dieser unangenehmen Angelegenheit nicht weilen und nur bemerken, daß Baggesen mich nicht wie einen übrigens verdienstvollen Dichter behandelte, der nur einige seiner Ansicht nach mißglückte Arbeiten hervorgebracht hatte, sondern wie einen dummen und unwissenden Jungen, der unbegreiflicherweise zu seinem frühern Renommé gelangt war; der nicht richtig über die gewöhnlichsten Dinge denken konnte und durchaus nicht im Stande war, seine Muttersprache zusammenhängend zu schreiben. So recensirte er Ludlam's Höhle, wo er unter Anderm über die Charactere des Stückes sagt, daß »die in der =Suppenmalerei= angebrachten rothen Krebse des Dichters nicht allein verzeichnet, sondern grau sind.« Peter Wegner hat ihn auch in Veranlassung dieser Recension das ganze Uebergewicht seiner gesunden, ehrlichen, witzigen Kritik fühlen lassen. Auch der kecke, geniale Carsten Hauch griff Baggesen an und hieb seinen Geierschnabel in Dessen kritische Leber. =Paul Möller= schrieb die vortreffliche Parodie auf Baggesen's: »Als ich klein war.« Zwölf ausgezeichnete Studenten glaubten Baggesen wegen seiner unwürdigen Aufführung gegen ihren Geschmackslehrer zur Rechenschaft ziehen zu müssen und forderten ihn auf Lateinisch heraus, um seiner eingebildeten Gelehrsamkeit zu spotten. Obgleich ich selbst ihm nicht antworten mochte, und es dessen auch nicht bedurfte, da die Anderen mir die Mühe ersparten, so schien es mir doch eine Pflicht gegen mich selbst zu sein, ihm öffentlich meine Verachtung gegen seine tiefe Beleidigung zu zeigen. Ich schrieb im »Fischer« einen Chor, in dem ich ihn und Consorten auf aristophanische Weise geißelte. Es war natürlich, daß er also über den Fischer mit verdoppelter Erbitterung herfiel.

Baggesen's Art, mich zu recensiren war, wie gesagt, ohne alle ästhetische Bedeutung und befaßte sich nie mit dem Poetischen; dessen Mangel setzte er als Etwas voraus, das sich von selbst verstand. Seine Angriffe waren lauter Klagen über den Mangel an Ordnung und Zusammenhang in dem Materiellen, zu dessen Beobachtung es doch nur des einfachen Menschenverstandes bedurfte, und bei dessen consequenter Durchführung das Stück doch ganz unpoetisch sein konnte.

Einen starken Gegner fand Baggesen noch im =Verfasser der zwölf Paragraphen=. Wenn Peter Wegner Baggesen mit Büchsenkugeln traf, so schoß dieser ihn mit Kartätschenkugeln nieder; nur Schade, daß er in seinem Zorn auch das Gute und wirklich Dichterische angriff, das Baggesen hervorgebracht hatte; denn dadurch schwächte er seinen Angriff und seinen Sieg, wo er Recht hatte.

* * * * *

[Sidenote: Hagbarth und Signe. -- Helge.]

Ehe ich den =Fischer= schrieb, dichtete ich im Winter 1813-14 =Hagbarth und Signe=, ein Seitenstück zu Axel und Valborg. Ungeachtet sie einander darin gleichen, daß Beides nordische Liebestragödien, ziemlich kurz, ohne Episoden, mit der Einheit der Zeit, des Orts und der Handlung sind, suchte ich doch im Wesentlichen diese Bilder sehr verschieden von einander zu zeichnen: Axel und Valborg im Geist des christlichen Mittelalters und Hagbarth und Signe in dem des nordischen Heidenthums; beide natürlich idealisirt und mit dem Gepräge von des Dichters eignem Herzen, seiner Phantasie und seinem Gedanken. Die Leidenschaft der mit Tapferkeit und Verwegenheit verbundenen Liebe, die sich plötzlich in den Herzen Hagbarth's und Signe's entzündet und ihnen Muth verleiht, das Leben zu wagen, und mit Heldentrotz den Tod für einander zu dulden, war der Gegenstand des einen Stückes; das durch das Christenthum gemilderte Gefühl, von den Jahren der Kindheit an gestärkt, das die Blume der Treue und Hingebung in Axel's und Valborg's Herzen zur Reife brachte, ist der Gegenstand des andern. So gleicht Hagbarth und Signe einem Nachtstücke, mit Tannen über dem Abgrunde, wo der Mond halb hervorbricht; Axel und Valborg ist ein mildes Gemälde blühender Natur in der Abendröthe. -- In der Zeit, wo ich kleine Stücke und Singspiele geschrieben hatte, war =Ingemann= aufgetreten und hatte sich wohlverdienten Beifall durch seine lyrischen Gedichte erworben; auch bewunderte das Publikum seinen =Masaniello= und =Blanca=. Letzteres hatte Furore gemacht. Hagbarth und Signe machte doch auch Glück und nun fühlte ich mich gestärkt und begeistert, wieder ein großes Bild des Altnordischen zu malen, in dessen Geist ich mich durch Hagbarth und Signe wieder hineinversetzt hatte.

Um mich dieser Begeisterung recht ungestört zu überlassen, miethete ich mir ein Zimmer auf Friedrichsberg in der Küsterwohnung, und hier saß ich, wo nur eine Wand mich von der Schule trennte, in der ich meinen ersten nothdürftigen Kinderunterricht genossen hatte, und schrieb =Helge=. Ueber dieses Gedicht ist bei dänischen Lesern nur eine Meinung gewesen und Baggesen wagte nicht, es anzugreifen; er schwieg stockstill darüber. So hatte ich nun also, was nordische Heldendichtung betraf, meine Autorität wieder gewonnen; aber meine Tadler hatten doch viele Leute zu dem Glauben gebracht, daß die nordische Heldendichtung die einzige Sphäre sei in der ich mich mit Glück bewegen könne, und daß dem Verfasser des Sanct Johannisabendspiels, der Langelandsreise, Freia's Altars und Aladdin's von der Natur kein Beruf für das Komische und Witzige verliehen sei. Daß dies mich verstimmte, war natürlich. Nach Allem, was ich in der Kunst gewirkt hatte, noch wie ein Schulknabe betrachtet zu werden, der in seinen Zeugnissen bald =Mittelmäßig=, bald =Schlecht= erhielt, war ein trauriger Lorberkranz. Hiezu kam, daß sich meine ökonomischen Verhältnisse auch verschlechterten, theils durch Mangel an sicherer Einnahme, denn ich hatte nur 1200 Thaler Gehalt mit Weib und drei Kindern, theils durch mein schlechtes Buchhändlertalent. Die ersten meiner Werke, die reißend abgegangen waren, hatte ich den Buchhändlern fast für Nichts gegeben; nun verlegte ich selbst Werke, die von Baggesen und seinen Anhängern heruntergerissen wurden, und obwohl ich an ihnen Etwas hätte gewinnen können, wenn ich sie verkaufte, so verlor ich nun und gerieth in Schulden, die sich um Vieles steigerten, als im Jahre 1813 die =Geldreorganisation= eintrat, die nicht allein mich, sondern viele reichen Leute zu Bettlern machte!

[Sidenote: Verfehlte Buchhändlerspeculation.]

In solchen Stimmungen wird die Begeisterung für das Hohe und Große bei der Nation und zugleich bei dem Dichter geschwächt. Was dazu beitrug, diese allgemeine Verstimmung zu vergrößern, war =Napoleon's= Fall. Die Dänen hatten es stets mit ihm gehalten und theilten nicht die Freude der heiligen Alliance, als er das unglückliche große L'hombrespiel mit Blücher und Wellington gespielt, mit Spadille quaskirte, und, obgleich er beinahe gewonnen hätte -- durch ein dreistes, unvermuthetes Ausspielen von Blücher, der in der zweiten Hand saß und das erste Mal gestochen war, es Wellington ermöglichte, Napoleon in der Hinterhand _bête_ ja sogar _codille_ zu machen.

Man weiß, daß es nicht meine Art ist, viel zu politisiren, das heißt, mich groß mit den Staatsbewegungen der Zeit und des Augenblickes zu beschäftigen. Hierzu gehört, daß man dem Journallesen einen so großen Theil seiner Zeit opfert, daß es dem Künstler und dem Dichter schadet, dessen Beruf es ist, nicht für den Augenblick, sondern, so gut er kann, für die Ewigkeit zu wirken, indem er die Erinnerungen der Vergangenheit und die Ahnungen der Zukunft mit der Zeit verbindet, in der er lebt. Aber ein Dramatiker, ein historischer Tragiker ist kein Kind, das nur in seinen eigenen Träumen dahingeht. Jede historische Tragödie ist politisch und in den Staatsverhältnissen der Zeitalter, der Nationen begründet. Diese braucht er nur nicht aus ermüdenden, weitläufigen Verhandlungen, sondern in der Quintessenz zu kennen. Diese Quintessenz war mir stets von Wichtigkeit, auch in der neuesten Periode meiner eignen Lebenszeit, und deshalb giebt es wenige historische Hauptwerke, die ich nicht gelesen.

[Sidenote: Gedanken über Napoleon.]

Es ging mir nicht wie vielen Anderen: ich lernte Napoleon im Anfange nicht von der brillanten Seite kennen; im Gegentheile von der Schattenseite. Während der Schlacht bei Jena war ich in Weimar von dem Haß der Deutschen gegen ihn umgeben. Ich lernte ihn bald als den herrschsüchtigen Unterdrücker kennen, später aber auch seine großen Eigenschaften schätzen. Das Große bei Napoleon bestand darin, daß er ein =Genie= war; und das Schöne seiner Zeit darin, daß das Genie herrschte. Denn das Mißverhältniß, in dem gewöhnlich die unterdrückten geistigen Kräfte zu der zufälligen oft kleinlichen Macht stehen, fand unter ihm nicht Statt; jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, die sich ihm anschloß, konnte ziemlich gewiß sein, Glück zu machen. Napoleon war ein mathematisches Genie und ein großer Held. Aber er war auch Welt- und Menschenkenner, und verband mit seinem Genie in hohem Grade den unentbehrlichen (und doch so oft fehlenden) praktisch gesunden Menschenverstand. Kraft, Fleiß, Aufmerksamkeit, Ueberblick waren bei ihm außerordentlich, und machten ihn zu einem ebenso tüchtigen und seltenen Fürsten im Frieden, wie Helden im Kriege. Unglücklicherweise war er, wenn ich es so nennen darf, auf dem einen Ohre taub: das heißt, ein großer Theil des Lebens sowie auch der Zeit, die er nur halb verstand, entging ihm. Zwei wichtige Dinge fehlten ihm: er konnte nicht Deutsch und war kein Schöngeist. Als Repräsentant der neuern Zeit hätte er auch die letzten Kapitel der vorhergegangnen Zeit lesen sollen, und das hatte er nicht gethan; den ganzen Fortschritt der Intelligenz in Deutschland kannte und achtete er nicht. Er hatte Recht, sich von spitzfindigen, philosophischen Verschrobenheiten abzuwenden; aber er haßte alle tiefdenkenden, frei fühlenden Schriftsteller; er sonderte die Spreu nicht vom Weizen, und unter dem ihm verhaßten Namen von Ideologen verwarf er sie alle. Ehrgeiz hatte ihn stets hingerissen; nun auf der Höhe seiner Gewalt bekam leider Eitelkeit das Uebergewicht. Er begann als Vertheidiger der Freiheit, und endigte damit, Alleinherrscher sein zu wollen. Ganz Europa hätte er gern unter sein Scepter gebeugt. Es ist höchst wahrscheinlich, daß er den Ländern Wohlstand und gute Einrichtungen gebracht und unzählige Mißbräuche abgeschafft hätte; aber er hätte auch die schöne Verschiedenartigkeit der Nationen verwischt, deren es, um sie zu begreifen, zu schätzen, zu beurtheilen, eines =poetischen= Geistes bedarf. Und wenn er auch in sich =selbst= die Kraft fühlte, ein solcher Herrscher zu sein; was sollte nach seinem Tode werden? Sein Egoismus war unendlich, und die Eitelkeit untergrub seine Macht. Er gab Oesterreich nach und benutzte nach der Schlacht bei Austerlitz seine Vortheile nicht. Er wollte sich durch Verheirathung einem alten Herrschergeschlechte anschließen. Er hatte Nichts dagegen, obgleich er darüber lächelte, daß man ihn in die griechische Kaiserfamilie der Komnenen hineinlügen wollte. Es giebt ganze Nationen, die fast aus lauter Edelleuten bestehen: Die Isländer, die Hochschotten, die meisten Polen und Ungarn, und die Corsikaner wollen auch alle adelig sein. Diese Forderung wurde auf der kleinen Insel auf 400 Familien eingeschränkt, deren eine Napoleon's war. Aber es tröstete doch den Kaiser Franz ein Wenig, daß sein Schwiegersohn kein vollständiger Roturier war. Napoleon's Mangel an poetischem Sinn veranlaßte ihn, alle Menschen über einen Kamm zu scheeren; auf das Characteristische, das die Handlungen bestimmt, verstand er sich nicht. Deshalb täuschte er sich so sehr in den Spaniern, den Russen, und als die Begeisterung in Deutschland von den Universitäten her und durch die Dichter geweckt worden war, in den Deutschen. Er hatte kein warmes Herz; man konnte es nicht klopfen fühlen, wenn man ihm die Hand auf die Brust legte; aber er war freundlich und oft liebenswürdig im Umgang, wenn er nicht böse war; er konnte Scherz, selbst Neckerei (z. B. von der Herzogin von Abrantes) vertragen; er ließ sich, selbst ein Gelehrter, gern in Gespräche mit ausgezeichneten Gelehrten ein; auch vorzügliche Künstler und Dichter achtete er, aber es hatte doch keine rechte Art damit. Er sagte wohl einmal, hingerissen von Corneille's beredter Schilderung der Heldenkraft, daß er ihn zum Herzog machen würde, wenn er noch lebte; aber nun war Corneille glücklicherweise todt, und er wagte also Nichts bei diesem Versprechen. Daß er nicht den Muth hatte, seinen =Freund= Talma (der ihn so viel schöne Manieren gelehrt, und ihm in den Jünglingsjahren als armen Lieutnant Geld geliehen hatte) zum Ritter der Ehrenlegion zu machen, und so das elende Vorurtheil gegen den Schauspielerstand auszurotten, ist bekannt. Als er dem an den Felsen gefesselten Prometheus gleich war, liebte ich Napoleon wieder. Ich sagte wie Brutus in Shakespeare's Julius Cäsar: »_Joy, for his fortune; honour for his valour; and death, for his ambition!_« Grausam war er nicht; denn daß er viele Jahre hintereinander die Menschen tausendweis auf dem Wahlplatz tödten ließ, kann nicht Grausamkeit genannt werden; dies war eine Kampflust, welche er mit dem ganzen Heere theilte, und bei welcher er sein Leben jedes Mal ebenso sehr aussetzte, wie das jedes Andern. Er entschuldigte sich hier mit Gründen, vor denen das fühlende Herz Abscheu empfindet, die aber Vernunft und poetisches Gefühl schwerlich angreifen konnte: »der Krieg stärkt Kraft und Muth des Mannes, rottet das Kleinliche aus und bietet Gelegenheit, Unzählige zu beschäftigen, die die Armuth sonst zu Grunde richten oder entsittlichen würde.« Zu Napoleon's Zeit drohte kein Proletarier; kein Cartouche oder Mandrin wurde gerädert; unter Bonaparte wären sie vielleicht Generale geworden. Aber als er gegen das Ende hin seine Aufgabe übertrieb und Alle merkten, daß er nicht mehr für Frankreich, sondern für sich kämpfte, da verlor er auch das Zutrauen und die Liebe der meisten seiner Generale. Napoleon schlug seine Feinde in drei Lebensperioden auf drei Arten: erstens durch seine eigne und die Begeisterung und den Muth der französischen Revolutionsmänner; dann durch seine Kriegskunst, wie ein großer Schachspieler auf dem europäischen Schachbrette; endlich durch die Masse, durch das Uebergewicht der Truppen. Diese letzte Art war die am wenigsten ehrenvolle und richtete auch das Land zu Grunde, das er vertheidigen sollte; es raubte Frauen und Kindern ihre Männer und Väter; zwang halb erwachsene Knaben, die kaum das Gewehr schleppen konnten, mit in den Krieg zu ziehen; und die Felder konnten nicht hinreichend bebaut werden. Wenn der Krieg zu Ende war, fühlte Napoleon Mitleiden mit den verwundeten Kriegern. Aber das Leiden, welches das Gefühl zu augenblicklichen Thränen durch die Einwirkung eines sinnlichen Bildes auf die Phantasie rührt, ist nicht das wahre Mitleiden, das in dem Herzen und der Liebe wurzelt und dem verwandt ist, welches der Erlöser für die ganze Menschheit empfand. Dieses höhere Gefühl kannte Napoleon nicht. Deshalb war er sich auch trotz seines stolzen Ehrgeizes nicht der höhern Menschenehre bewußt. Mit dieser hätte er nicht angefangen, sein Heldenglück auf eine demüthigende Weise durch den Einfluß eines Weibes zu machen; hätte er nicht die Freundin des Revolutionsmannes Barras geheirathet, um weiter zu kommen; mit diesem Gefühle hätte er seine Macht nicht durch das gemeine Spioniren von Talleyrand und Fouché, zweier Elenden, die er selbst verachtete, gestärkt; mit diesem Gefühl hätte er nicht die unverzeihlichen Justizmorde an Palm und dem Herzog von Enghien begangen.

Aber ich weiß sehr gut, daß weder Alexander der Große, noch Julius Cäsar moralisch besser waren, als Napoleon; und wenn wir mit Alexander und Cäsar gelebt hätten, so würden wir sie trotz all' ihrer Fehler doch sehr vermißt haben, wenn sie dahingegangen wären und die Mittelmäßigkeit wieder in ihr altes Recht eingetreten wäre, und ihr einfältiges Haupt wieder erhoben hätte.