Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3
Part 6
Doch leicht gezimmert nur ist Thespis' Wagen, Und er ist gleich dem Acheron'schen Kahn: Nur Schatten und Idole kann er tragen; Und drängt das rohe Leben sich heran, So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen, Das nur die flücht'gen Geister fassen kann. Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen, Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.
Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden, Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist: Ein Führer nur zum Bessern soll er werden. Er komme wie ein abgeschied'ner Geist, Zu reinigen die oft entweihte Scene, Zum würd'gen Sitz der alten Melpomene.«
In diesem Gedicht hat der oft so tief denkende, philosophische Schiller sich wirklich der größten Widersprüche schuldig gemacht.
»Du führst uns nicht zurück zu den Tagen characterloser Minderjährigkeit« (d. h. zu Ludwig's XIV. verschrobener sclavischer Zeit); das würde nun auch nichts helfen, »da nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge, nur der Natur getreues Bild gefällt;« da »der Mensch fühlt und handelt menschlich, und man in der Wahrheit nur das Schöne findet.« Mehr Lob kann man der Zeit nicht geben, die man tadelt, mehr die Zeit nicht tadeln, die man loben will. Aber was sollte denn nun geschehen? Das Gespenst der Kunst, »woraus kein lebendiger Geist spricht,« sollte wiederkehren, um die Bühne zu reinigen, um mit seinem conventionellen Besen die Apfelsinenschalen und faulen Aepfel wegzukehren, die von der Galerie der Gegenwart auf das Theater herabgeworfen sind. Das bessere Theater wird mit dem Karren der Thespis verglichen, wo die ersten rohen, tragischen Versuche gemacht wurden, und wo die Schauspieler sich das Gesicht mit Hefe beschmierten. Das gute Theater wurde einem schwachen, schwankenden Boote verglichen, auf dem Charon die Todten zur Unterwelt führt. Eben erst war davon die Rede, daß »nur der Natur getreues Bild gefällt;« nun heißt es: »siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.« Ich glaubte immer, daß die Natur gerade ihren schönsten Sieg in der Kunst fände; denn die Kunst ist ja nichts Anderes, als die verschönerte Natur, kein todtes Schattenbild, welches fürchten muß, daß das Boot umwerfe, so daß also die Todten in Gefahr schweben zu ertrinken, und aufs Neue zu sterben.
Aber wie gesagt, bei Schiller war diese schiefe Richtung nur die Frucht eines übrigens zu billigenden Grolls, als er sich verschmäht und verkannt fühlte. Sein herrlicher »Wilhelm Tell«, der allen folgenden Zeiten zum Muster dienen kann, ist ein Meisterstück und in der »Braut von Messina« finden sich, ungeachtet der erwähnten Fehlgriffe, herrliche Dinge und Scenen, die des großen Meisters vollkommen würdig sind. Schiller hatte seine Dichterkraft nicht verloren, als er starb; sein Körper, nicht sein Geist unterlag. Obgleich zuweilen etwas zu streng (z. B. gegen Bürger), war er doch der edelste Mensch, der liebevollste Mann und Vater. Sein schöner Tod ist äußerst rührend; das Menschliche, das Humane beseelte ihn; selbst den eine Zeit lang zu großen Hang zur speculativen Philosophie bekämpfte er, um naiv zu bleiben. Er beklagt sich selbst oft in seinem Briefwechsel mit Humboldt darüber, daß sie seinen freien Dichtergeist zu sehr in spitzfindige Labyrinthe gebracht habe. Hätte Schiller länger gelebt, so bin ich gewiß, daß ich in ihm einen Freund, einen Vater gefunden haben würde; dessen versicherte mich seine edle Gattin so oft.
Aber mit Göthe? Aus den Augen, aus dem Sinn! Er ergriff jeden Gegenstand, der ihm begegnete, mit aufmerksamer Genialität. So gefiel ihm auch mein Wesen, -- der junge, fremde, ihn bewundernde Lehrling. Aber als ich, auch als deutscher Dichter, auf meinen eigenen Füßen stand -- als Deutschland anfing, aufmerksam auf mich zu werden, war es vorbei. Ueber meinen Palnatoke, den ich ihm früher gesandt hatte, sprach er kein Wort. Correggio konnte er nicht leiden, der war zu sentimental. War Palnatoke auch zu sentimental? Nein! Göthe konnte nun das Heroische ebenso wenig, wie das Gefühlvolle, leiden. Helden hat er eigentlich nie geschildert. Der kräftigste, liebenswürdigste Mann, den er gezeichnet hat, ist Götz von Berlichingen, der doch auch meist in idyllischen Verhältnissen auftritt und an rathloser Unbestimmtheit zu Grunde geht. Göthe's Frauen sind stets die genialsten, frischesten, naivesten, hinreißendsten Personen in seinen Dramen, die weit über seinen Männern stehen: Clärchen, Gretchen, Philine, Mignon, Iphigenia, die Prinzessin in Tasso, Dorothea! Man hat so viel von Göthe's Vollkommenheit in der Form gesprochen. Keiner kann sein göttliches Genie mehr bewundern, als ich -- aber -- Vollkommenheit in der Form? Ja, die deutsche Sprache brachte er in seinen besten Werken dahin; aber er übertrieb die Art, Worte zusammenzudrängen und umzubilden, zuletzt so, daß die Sprache mit der Natur und Klarheit zugleich ihre Ehrlichkeit verlor und er bewegte sich endlich dergestalt in vornehmen oft verschrobenen Redensarten, daß man nicht weiß, was er sagen will. Vieles trug dazu bei, seine Dichterkräfte zu zersplittern. Ich zweifle nicht daran, daß er auch als Physiker Proben seines seltenen Talents gegeben hat; aber -- wäre es vielleicht doch nicht besser gewesen, wenn er uns mehrere gute Dichterwerke statt der weitläufigen Farbenlehre u. s. w. gegeben hätte? Göthe hat viel geschrieben; rechnet man aber alle die wissenschaftlichen Betrachtungen, Abhandlungen und Studien ab, so ist die Anzahl der Dichterwerke nicht so groß für einen Mann, der in seinem 83sten Jahre starb, und seine volle Kraft bis zuletzt behielt. Aber nicht allein die Wissenschaft war es, die ihn von der Kunst abzog; eine sonderbare, allzugroße Vorliebe für das Fremde: das Altgriechische, das Römische, das Italienische und endlich das Orientalische zogen ihn fast in dem Moment von dem Nationalen ab, wo das Schicksal den excellenten Göthe nach Weimar rief und ihn zur Excellenz machte.
Manche werden vielleicht finden, daß ich hier allzu lieblos und unehrerbietig über Göthe spreche; aber ich lasse ihm gewiß in Allem Recht widerfahren, was Recht ist; ich spreche hier nicht aus Rache als der von ihm Verschmähte; über das Geschehene sind bereits 40 Jahre dahingegangen. Ich bin nun selbst ein Greis von 70 Jahren, nur wenige Jahre vom Grabe entfernt, in welchem er bereits ruht. Hier kann also nicht die Rede von eitlem Grolle sein; ich liebe ihn beständig, habe nie aufgehört, ihn zu lieben; und Baggesen's bitterste Feindschaft zog ich mir kurz nach meiner Heimkehr von Göthe dadurch zu, daß ich ihm seinen unwürdigen Spott über den großen Mann vorwarf. Aber in einem Dichterleben ist das Verhältniß, in dem ein Dichter zu irgend welchem andern von Bedeutung steht, von Wichtigkeit; denn dies ist theils aus früheren Werken hervorgegangen, theils hat es zu späteren Veranlassung gegeben und somit auf den Geschmack und die ästhetische Bildung des Zeitalters eingewirkt, was wichtiger ist, als viele kleine Züge des täglichen Lebens, in denen die meisten Menschen einander gleichen. Ich muß mich deshalb bei dieser Gelegenheit aussprechen. Von dem Verfasser der natürlichen Tochter, des Epimenides, Elpenor; vom Verfasser des zweiten Theiles des Faust und dem Bewunderer des italienischen Manzoni konnte ich keine Sympathie für meine nordischen Begeisterungen und Arbeiten erwarten. Dies fand sich denn nun auch mehrere Jahre darauf, als Göthe's und Zelter's Briefwechsel erschien, vollkommen bestätigt. In einem Briefe des Letzteren an den Ersteren beklagt Zelter sich darüber, daß die Theaterdirection in Berlin ihm ein Stück von mir gegeben habe, um Musik dazu zu schreiben. Nachdem er zuerst das Stück wie das elendeste Zeug von der Welt durchgegangen ist, schließt er: »Das Stück hat auch =barbarische Namen=: Axel und Valborg.« Göthe giebt ihm vollständig Recht und sagt: »Wenn diese Nordländer ihre Bären auf den Hinterfüßen zu tanzen gelehrt haben, glauben sie was Rechts gethan zu haben. Dieser gute Oehlenschläger ist auch einer von diesen Halben, die sich einbilden, ein Ganzer zu sein, und noch Etwas drüber. Ich habe von dem Gezücht viel ausstehen müssen.«
[Sidenote: Rückblick. Göthe und Zelter.]
Dieses »Ausstehen« bestand nun darin, daß er sich darein finden mußte, als ich ihn etwas spät des Abends in der Nachtjacke überraschte, ihm um den Hals fiel und ihm auf ewig Lebewohl sagte, nachdem er sich geistig von mir getrennt hatte. Doch darf ich nicht vergessen, daß er ganz freundlich sagte: »Nun, leben Sie wohl, mein Kind!« worin doch wieder eine Annäherung lag. Aber ich kannte ihn; Explicationen konnte er nicht leiden. Hätte ich ihm später geschrieben, ihm einige andere Arbeiten gesandt, so wären wir vielleicht wieder in ein freundliches Verhältniß zu einander getreten. Aber -- ich war zu stolz -- nicht den ersten Schritt zu thun, sondern um mich in seine Gnade hineinzubetteln. Saumselig im Briefschreiben war ich immer; ich schrieb meinen besten Freunden nicht, viel weniger nun ihm.
Was übrigens die starken Expressionen zwischen ihm und Zelter in Bezug auf mich betrifft, so betrachte ich diese gar nicht als eine Beleidigung; denn weder Göthe noch Zelter haben diese Briefe selbst herausgegeben, und es ist ein sehr schlimmer Gebrauch, einen jeden Wisch, den ein ausgezeichneter Mann geschrieben hat, nach seinem Tode herauszugeben, um Geld zu verdienen. Wenn das immer geschähe, so könnte man ja kein vertrauliches Wort mehr schreiben. Tritt man öffentlich auf, so soll man bedenken, was man sagt und seine Ausdrücke abwägen; aber das Sprüchwort: »Gedanken sind zollfrei« erstreckt sich auch auf die Vertraulichkeit zwischen Freunden; und man sagt Vieles in der Verstimmtheit, was man gar nicht so böse meint. Hätte Göthe an Schiller oder Humboldt geschrieben, so hätte er seine Worte gewiß mehr abgewogen; aber mit Zelter genirte er sich nicht. Dieser natürlich aufgeweckte Kopf, aber ohne wahre Bildung, obgleich er Baumeister und Musicus war, hatte sich vollständig in Göthe vergafft und liebte ihn, wie ein Pudel seinen Herrn liebt. »Wenn er einen D... macht,« soll er gesagt haben, »ist es besser, als was alle die Andern machen.« Als sein Sohn starb, vergaß er bald seinen Kummer darüber, als Göthe ihn Du nannte, und ferner immer mit ihm auf Du und Du stand. Ein Beweis seiner sonderbaren Unwissenheit (aus der hervorzugehen scheint, daß der Baumeister nicht viel mehr war, als Mauermeister) war, daß er Göthe einmal in einem Briefe fragte: »Was war =Byzanz=? Wo war es? -- Kannst Du mir hierüber nach Deiner und meiner Art in kurzen und wenigen Worten Aufschluß geben?« Man sieht hieraus, daß Zelter wenigstens kein Architekt der byzantinischen Schule gewesen ist. -- Ein Mal, als er Göthe Samson's Geschichte als ein vortreffliches Süjet zu einer Oper empfiehlt, findet er sich sehr geduldig darein, daß Göthe Samson den dümmsten Lümmel nennt, der sich jemals von einer gemeinen Dirne narren ließ. Aber Zelter componirte schöne Melodien zu einigen göthe'schen Liedern, z. B. zu »Gott und die Bajadere« und seine Composition zu »Johanna Sebus« ist herzergreifend schön.
Das Plumpe in Göthe's Aeußerungen über mich in diesen Briefen beleidigte mich also nicht, aber diese abgerechnet sah ich doch in Allem deutlich, wie gering er meine Arbeiten achtete, und wie wenig ihm daran lag, sie zu kennen.
Ein deutsches Gedicht, welches ich vor ein paar Jahren über Göthe geschrieben habe, in welchem ich ihn in dem Ton zu characterisiren suche, in dem er selbst dichtete, mag diese Betrachtung über den großen Mann schließen.
[Sidenote: Ein Gedicht über Göthe.]
=Erstes Bild.=
Da steht der junge Wolfgang schön, Gar lieblich, treulich anzusehn. Von Leipzig nach Dresden will er wandern Aber allein, und nicht mit Andern; Genießen will er Natur und Kunst Ohne Geschwätz und falschen Dunst. Er will sich bei Freunden nicht einquartiren, Die Freiheit würde dabei verlieren; Im Gasthof auch nicht gern er steckt, Davon hat der Vater ihn abgeschreckt. So kehrt er bei einem Schuster ein, Als könnt es gar nicht anders sein.
Da ruhet er aus und geht nicht weiter, Der Wirth begegnet ihm freundlich heiter. Die kleine Mahlzeit ist bald verzehrt, Und als er nach dem Schlaf begehrt, Zeigt ihm die Wirthin ein gutes Bett, Als wenn's ihm die Musa bereitet hätt'. Da hängt ein Bild ihm unbekannt, Dem Bette nah, dort an der Wand. Es ist der Holzschnitt von Hans Sachs; Der Wolfgang freut sich dessen stracks, Und eingeschlafen ist er kaum, So hat er einen schönen Traum Von Hans Sachs und dem Sängerwesen, Wie Ihr's könnt in seinen Schriften lesen. Früh nächsten Morgen auf er steht, Und in die Galerie hingeht. Zwar stand er da vor den Meisterstücken Der Italiener, die ihn entzücken, Doch fühlt er sich gezogen bald Zu der Deutschen und Holländer Aufenthalt, Dem heitern Wesen, der frischen Natur, Die schon er kennt, geht er auf die Spur; Und was entsprungen aus diesem Geist, Bei ihm die größte Kraft beweist. Und als er steht in des Schusters Laden, Glaubt er noch Schalken und Ostaden Zu sehn, so lustig und heiter mild Steht Alles vor ihm als gutes Bild. Es kommt die Nacht, und schlafend kaum Entzücket ihn ein schöner Traum. Es spricht zu ihm im Ton der Geister Vom Holzschnitt her der alte Meister: »Es hat Natur Dich auserlesen Vor Vielen in dem Weltwirrwesen, Daß Du sollst haben klare Sinnen, Nichts Ungeschickliches magst beginnen; Die Welt soll kräftig vor Dir stehn, Wie Albrecht Dürer sie einst gesehn; Ihr festes Leben und Männlichkeit, Ihre innere Kraft und Ständigkeit,
Der Natur Genius an der Hand, Soll Dich führen durch alle Land.« Da öffnet sich das Zimmer weit Und steht gar in hoher Herrlichkeit Der Straßburg da, der Riesenthurm, Wobei der Mensch sich fühlt ein Wurm. Doch auch ein Geist mit seltner Macht, Weil selbst es seine Hand vollbracht, Da sieht er Götz mit der Hand von Erz, Doch mit dem menschlich warmen Herz: Da sieht er Clärchens, Gretchens Gesicht, -- Correggio, Rafael malen nicht Gesichter schöner, und doch vollbracht, Als hätte sie Dürer selbst gemacht. Da spricht Hans Sachs: »Das sollst Du singen, Den Eichenkranz wird es Dir bringen.« Der junge Wolfgang es treu verspricht, Daraus entstand manch schön' Gedicht.
=Zweites Bild.=
Aber hier in Roma, da liegt im Bette der Dichter, Klopft auf dem Rücken der Frau fein des Hexameters Takt, Klagt, weil er nicht ein Römer, ein Italiener geworden, Morgenländer und Türk, seufzt, weil er Deutscher und Christ; Haßt dabei das Kreuz wie Tabak, wie Wanzen und Knoblauch; Alles aus Norden ist ihm lächerlich, erbärmlich und schlecht; »Vieles hat er versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen, »Nur ein einzig Talent bracht et der Meisterschaft nah: »Deutsch zu schreiben! Und so verdarb, unglücklicher Dichter! »Er im schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.«
* * * * *
Ist es denn wahr, was er so in übler Laune gesprochen? Nein, nicht ganz; doch Natur wird durch das Künsteln geschwächt. Ideal muß auch Natur sein. Nicht unnational sein Muß der Dichter, sonst hört er auf, ein Dichter zu sein. Waren denn Iphigenia nicht und die beiden Lenoren Schön? O ja, recht schön kann die Kreolin sein Aus dem Zwittergeschlecht, halb deutsch, halb wälsch und griechisch. Erst als er wieder ganz ward ein Deutscher, da entstand Dorothea so schön, noch schöner, als Gretchen und Clärchen. Hätt' uns aus dieser Tonn' mehr nur der Göthe gezapft!
[Sidenote: Rückblick. Jean Paul Friedrich Richter.]
Aber ehe ich diesmal Deutschland verlasse darf ich doch nicht vergessen, daß ein großer deutscher Dichter, den ich gar nicht persönlich kannte, und der, was Genie und Intelligenz betrifft, Göthe und Schiller nicht nachstand, meinen Aladdin auf das Schmeichelhafteste in den »Heidelberger Jahrbüchern« besprach. Dies war =Jean Paul Friedrich Richter=! Dieser eigenthümliche Genius, der die schönsten Schilderungen des Lebens und des Menschenherzens in humoristische Ausschweifungen kleidet, voller Phantasie, Witz und Weisheit, aber leider auch oft so eingehüllt in neblige Extravaganzen und ermüdende Weitläufigkeiten, daß es große Mühe und Anstrengung kostet, sich durch diese Sümpfe, Dünste und Dornhecken zu den schönsten Waldpartieen und Feenschlössern durchzuarbeiten. Dieser eigenthümliche Genius, der, obgleich es ihm in seinen eigenen Werken nicht möglich ist, lange bei einer Vorstellung zu bleiben, ohne sie gleich durch andere, oft himmelweit verschiedene zu unterbrechen, doch im Stande ist, mit Tiefe und Gründlichkeit in die menschlichen Charactere einzudringen, sie bei Anderen aufzufassen, sie selbst zu zeichnen und zu erfinden und dies Alles durch jene Engelgutherzigkeit zu verbinden, die ihn zu einem würdigen Bruder von =Claudius= und =Pestalozzi= macht. In seiner Aesthetik, in seiner Levana, seinen Recensionen hat er gezeigt, mit welcher Feinheit und Richtigkeit er im Stande war, in das Wesen der Poesie und fremder Dichterwerke einzudringen. Ihm fiel es nun auch ein, meinen Aladdin zu recensiren, und ich will hier einige seiner eigenen Aeußerungen mittheilen:
»Der Däne Oehlenschläger giebt hier die Wunderlampe, das bekannte Mährchen aus Tausend und Einer Nacht. Er habe Dank für diese Um- und Empordichtung eines Gedichts. Gedachte Tausend und Eine Nacht wäre ganz zu theatralisiren, wenn es mehrere Oehlenschläger gäbe. Ein rührend schönes Gedicht an Goethe -- eine nach dem Phöbus gewandte Sonnenblume -- und eine Vorrede voll reiner, heller Aesthetik öffnen, wie eine Eingangsmusik, dem Leser Ohr und Auge für das schöne Schauspiel. Das Schauspiel zerfällt in zwei Spiele, Thalia und Melpomene, indeß folgte jene dieser weit genug auf die Bühne nach. Er durfte sich dies als ein Schüler und Freund Shakespeare's, Goethe's und Gozzi's erlauben. Wenn der Schuster Sindbad vor dem Bösewicht Hindbad, dessen ruchlose Predigt sammt den Predigerkritiken humoristisch genug ist, sich selber zu einem Hofnarren abzurichten und einzuschulen sucht, und auf mehrere Einfälle fällt, um damit anzufragen, ob diese einen Narren versprechen, so besteht, neben diesem Lachen, doch =die= Erhabenheit und Fürchterlichkeit der nächsten Zukunft. Uebrigens hat dem Verfasser der Himmel Sinn und Kraft für das Komische bescheert; ein rein komisches Gedicht von diesem Dänen wäre eine schöne Weinlese für uns. -- Mit dem glücklichen Ohre für den Wechsel seiner Versgebäude überwindet er in seinen Terzinen und Stanzen die Schwierigkeiten, welche die meisten Dichterlinge, ja Dichter der neuern Schule stehen lassen als Zugabeschönheiten. Das Werk beginnt mit komischen Menschen und Scenen, spielt sich durch zarte romantische Dichtungen weiter, bis es wie ein Tag beschließt mit immer mehr hier aufgehenden Sternen des Erhabenen und Schauerlichen; und man träumt der reichen Farben- und Lichtwelt noch lange nach«.
[Sidenote: Rückblick. Jean Paul über Aladdin.]
In diesem ehrenden Lobe findet sich doch auch ein gerechter Tadel. »Allerdings verschwamm sich der Verfasser zuweilen in jene italienische, ja oft in Tieck'sche Weitschweif- und Weitläufigkeit. Nur die Sache ergreife den Dichter, nicht das selbstsüchtige Genießen und Ausdehnen seiner Empfindung derselben. Shakespeare war in die Sache verloren, und daher bei aller Fülle von Bildern und Kräften, nirgends zum Verschwender zerflossen«. Hauptsächlich tadelt Jean Paul mit Recht zwei Gedichte: »Die Verwesung« und ein Gespräch zwischen den beiden Fee'n »Unschuld und Rache«, die nicht in dem dänischen Aladdin stehen.
Jean Paul endigt seine Recension mit folgender Aeußerung: »Dank gebührt der Kraft, welche, ohne einen Uebersetzer, gleichsam auf einer Landesgrenze gepflanzt, über zwei Nationen zugleich den Ueberhang seiner Blüthen und Früchte ausbreitet. Die Zeit wird ihn noch mehr, gleich einem Diamant, zugleich verdichten und verdurchsichtigen, und er wird immer mehr, statt des =Zauberspiegels=, den =Zauberstab= halten lernen.«
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[Sidenote: An Jean Paul.]
Und diesem Manne schrieb ich nicht, und dankte ihm nicht aus vollem Herzen für eine solche Anerkennung. Es ist unverzeihlich! Diese üble Gewohnheit, meinen Freunden nicht zu schreiben, hat mir in meinem Leben sehr geschadet, mich manches schönen Genusses beraubt, manch edles Verhältniß abgekühlt und zerstört. Ich vergaß sie nie, ich gedachte ihrer oft; aber -- ich mochte keine Briefe schreiben. Einige Entschuldigung mag darin liegen, daß ein Verfasser, der viel schreibt, nicht das Bedürfniß, das Vergnügen am Briefschreiben, wie Andere empfindet. In welcher Stellung auch der gebildete Mensch im Leben sein mag, treibt es ihn doch zuweilen, seinen Gedanken, seinen Gefühlen Luft zu machen. Aber diese läßt der Dichter in seinen Werken ausströmen, und wo die Anderen sich nach Mittheilung sehnen, sucht er Ruhe. So wird es eine Gewohnheit bei ihm, es zu unterlassen; und wie schwierig es ist, eingewurzelte Gewohnheiten abzulegen, weiß Jeder. Doch kann ich mich durchaus nicht ganz entschuldigen. Auch mochte ich niemals recht gern Visiten machen; doch freute es mich sehr, wenn meine Freunde zu mir kamen. Ich war von Kindheit, von der Jugend an daran gewöhnt, größtentheils allein zu sein, und zu schweigen. »Mein Herr,« sagte Frau Staël-Holstein einmal scherzend in ihrem deutschen Patois zu mir, »Sie sind gar zu selbständik.« Eine gewisse Verlegenheit überkam mich immer in Gesellschaften. Mein Gesicht war nicht scharf, mein Gehör nicht fein, mein Gedächtniß im Augenblick nicht sicher; traf ich Animosität und einen Ton mir gegenüber, dem es an Freundlichkeit und Zutrauen fehlte, so verlor meine Geistesruhe das Gleichgewicht; in der Jugend verlief ich mich dann oft; als ich älter wurde, schwieg ich, um es nicht zu thun. Aber -- um auf Jean Paul zurückzukommen, that ich denn Nichts für ihn? Nein! aber ich hatte bereits, ein paar Jahr ehe er jene Recension schrieb, ein Lied auf ihn gedichtet, das erst acht Jahre, nachdem Aladdin erschien, in meiner deutschen Gedichtsammlung gedruckt wurde. Ob Jean Paul es jemals gelesen hat, weiß ich nicht, denn ich hörte Nichts mehr von ihm. Seine liebenswürdige Tochter, Frau =Förster=, deren Bekanntschaft ich im Jahre 1844 in München machte, kannte es nicht, und wurde sehr erfreut als ich es ihr mittheilte. Hier ist es:
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=Der Wunderbaum.=
Es stand ein großer Baum im großen Garten; Ihr glaubt es kaum, Doch Blumen, Früchte trug von allen Arten Der Wunderbaum.
So groß wie eine königliche Eiche Der Stamm erschien; Im Laub da blühten Rosen, roth und bleiche Durch's Rosmarin.
Die Blätter wickelten sich mannigfaltig So grün und dicht; Die Aeste breiteten sich aus gewaltig Im Sonnenlicht.
Bald wölbten sie hinunter sich zur Aue, Wie Lindenzweig'; Bald schossen sie die Flügel weit in's Blaue Cheruben gleich.