Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3
Part 5
Wenig über zwanzig Jahre stand ich, fast noch ein Kind, mit wenigen Kenntnissen da, aber -- man erlaube mir dies ebenso aufrichtig zu sagen -- mit guten Fähigkeiten für mein Fach, und in dieser Lebensperiode entwickeln sich die Kräfte mit großer Schnelligkeit. Man fand mich bald im Besitz einer starken Phantasie, eines tiefen Gefühls, einer kecken muntern Laune; aber Philosophie, oder richtiger gesagt, Metaphysik zu studiren, dazu fühlte ich mich ebenso wenig getrieben, wie zur Mathematik. Indessen hatte sich mein gesunder Verstand doch auf natürliche Weise in der Schule des Lebens mehr als bei den meisten jungen Gelehrten entwickelt, welche die Welt nur aus abstracten Theorien kannten. Es war von den ersten Jünglingsjahren an eine meiner liebsten Beschäftigungen gewesen, über das Wesen und die Handlungen der Menschen nachzudenken, die Charactere und die Beweggründe der Handlungen im menschlichen Herzen zu erfassen, weshalb auch die Geschichte seit der Zeit, wo Dickmann in der Schule für die Nachwelt mit Geschmack für sie beibrachte, mir ebenso lieb war, wie die Natur und das Menschenleben. Im Anfange des Jahrhunderts herrschte die Rahbek'sche Schule. Ich nenne sie so, weil er es war, der in der Minerva und dem Zuschauer die Poeten zusammenhielt, und in seinen täglichen Aeußerungen die geltenden Ansichten allgemein verbreitete. In meiner Anfangszeit war der Geschmack sehr schlecht. Nicht als ob wir guter und großer Vorbilder entbehrt hätten. Wir hatten Holberg, Ewald, Wessel, Tullin gehabt; Thaarup hatte seine reizenden Idyllen, Baggesen seine Jugendarbeiten geschrieben. Aber, merkwürdigerweise, während die großen Deutschen, Göthe und Schiller, blühten, war man hier sehr wenig geneigt sie gelten zu lassen. Eigentlich liebte Rahbek nur den sentimentalen Göthe im Werther, ja sogar in Stella und Clavigo. Die damals bei uns besonders hochgeschätzten Dichter waren =Iffland=, =Kotzebue= und =Lafontaine=. Drei meiner Jugendfreunde, die beiden Mynsters und Benzon, theilten diesen Geschmack nicht; sie bewunderten Shakspeare, Göthe, Schiller, Jean Paul, Lessing, welche ich alle durch sie kennen lernte und fleißig studirte, als gerade Steffens kam. Er gab meinem Geiste einen ganz eignen Schwung. Der Mysticismus und das Poetische in der romantischen Träumerei des Mittelalters gefiel mir. Tieck und Novalis wurden meine Lieblingsschriftsteller, die Polemik der beiden Schlegel's im Athenäum und der Europa war ganz nach meinem Geschmack.
[Sidenote: Rückblick. Studien ausländischer Dichter.]
Das fromme Gefühl, die Liebe zur Kunst des Mittelalters, die ich in Tieck's ersten Schriften (er wurde dazu eigentlich durch den zu früh gestorbenen =Wackenroder= begeistert) und hauptsächlich bei Novalis (=Hardenberg=) fand, machten einen starken Eindruck auf mich. Göthe's kleine Abhandlung über den straßburger Münster hatte mich bereits früh erweckt. Friedrich Schlegel's lange Abhandlung über die romantische Kunst war aus der Goethe'schen entstanden; doch ging er weiter. Die Innigkeit, Frömmigkeit, Naivetät und echte Natur, der poetisch tiefe Sinn, der sich in den Bildern der alten italienischen, deutschen und niederländischen Schule findet, wurde durch Tieck, Novalis und Friedrich Schlegel recht einleuchtend und verdrängte die flache Bewunderung für das affectirt moderne Französisch-Griechische. Daß die griechische und gothische (oder altdeutsche) Architektur sich zu einander verhalten, wie die Formen der Mathematik und der Vegetation, wurde recht klar. Später haben =Moller= in seinem Werke: »Denkmäler der deutschen Kunst,« und die Gebrüder =Boisserée= in ihrer Beschreibung über den kölner Dom und durch ihre herrlichen Gemäldesammlungen diese Ideen verbreitet. Daß sie von dem pecus imitatorum übertrieben und gemißbraucht wurden, darin mußten sie sich, wie alle andere Ideen fügen. Novalis, der in der tiefsten Bedeutung des Wortes eine »schöne Seele« genannt werden kann, riß mich hin. Die Frömmigkeit in seinen herrlichen Psalmen, die sich meinem, von Kindheit auf bewahrten, religiösen Gefühl verband, begeisterte mich, das Gedicht: =Jesus in der Natur= zu schreiben. Dieses Gedicht ist nicht mystisch, aber mythisch; indessen entzückte mich eine Zeitlang das Mystische. Ich begann zu glauben, daß der menschliche Geist den ewigen Geheimnissen, die wir in unseren begeisterten Augenblicken fühlen und ahnen, auf dem speculativen Wege ein gut Theil näher kommen könne. Ich versuchte Schelling's Bruno zu lesen; aber ich konnte ihn nicht überwältigen; dagegen amüsirte es mich, hie und da, in =Jakob Böhme's= Aurora zu blättern, wo die wunderliche Mischung von seltenem Tiefsinne, hoher Begeisterung, der kühnste Flug, um auf seine Weise das Universum zu überschauen, die innigste Gottesfurcht, das ehrlichste Streben, sich mit Schwärmerei und ermüdender weitläufiger Wiederholung des Gesagten verbanden. Seine Engel erscheinen mir zuletzt doch, gleich den Posaunenengeln in einer alten Kirche, auf staubigen, vergoldeten Holzstrahlen zu sitzen, die von dem Triangel ausgingen, welcher den Namen Jehova, mit hebräischen Buchstaben geschrieben, einfaßt. In dieser Zeit machte ich die Bekanntschaft des Norwegers Nicolai Möller, der in Deutschland in Münster wohnte, ein Freund von Friedrich Stolberg und ganz befangen in der mystischen Philosophie und exaltirter Frömmigkeit war. Er besuchte uns in Kopenhagen. Meinen »Jesus in der Natur« hatte er gelesen, und er gefiel ihm, aber nur als der erste Schritt des noch eiteln Weltkindes. Er wollte mich bekehren. Ich besuchte ihn und fand ihn Märtyrlegenden in einem großen französischen Folianten lesend. Als er mich dringend aufforderte, mich zu verbessern, und in mich zu gehen, um rechtgläubig zu werden, fragte ich ihn ganz naiv: wie ich das denn anfangen solle? -- »Bete!« sagte er, »Du sollst zu Gott beten, daß er Dich erleuchte!« -- »Leb' wohl Möller!« antwortete ich freundlich, drückte ihm die Hand und ging. Ich sah ihn seitdem nicht wieder. Er war ein edler, geistvoller, schöner Mensch mit vielen Kenntnissen, sehr blond und von schwacher Gesundheit. Er starb, glaube ich, wenige Jahre darauf.
Also Novalis riß mich hin. Ich entsinne mich noch deutlich des Sommertages, als ich von dem Rundtheile in der Allee, wo ich wohnte, nach dem Schneckenberge im Friedrichsberger Garten ging, mich auf einen abgehauenen Baumstamm setzte, der wie ein Sopha zwischen zwei Bäumen lag, den Rücken auf einen Baum stützte, =Heinrich von Ofterdingen= las und von den naiven Schilderungen im ersten Theile und von der =blauen Blume= im zweiten hingerissen wurde, obgleich dies mir bereits damals etwas zu neblich zu werden anfing. Jetzt, wo ich dies auf dem Fasanenhofe 46 Jahre später schreibe, nahm ich auch ein Mal im Sommer Heinrich von Ofterdingen, ging auf den Schneckenberg, der gerade vor dem Hause liegt, setzte mich wieder auf den Baumstamm, der noch dalag, aber alt und verfault, und begann zu lesen. Aber es schmeckte mir nicht wie damals, obwohl ich glaube, daß mein Alter noch jugendfrisch war. Vieles in Novalis erfreut mich jetzt noch wie früher; die naiven häuslichen Schilderungen, das Bergmannsleben, die herrlichen Lieder, die ich übersetzt habe, viele seiner Psalmen, das liebliche Gedicht an Tieck auf Jakob Böhme. Aber der naive Roman (der auch nichts Altdeutsches hat) schwillt bald, besonders im zweiten Theil, zu metaphysischem und mystischem Nebel auf. Novalis trug den Wurm des Todes in seinem Herzen; dies stimmte ihn zu milden, rührenden, religiösen Gefühlen, und brachte ihn dahin, den Freuden des Lebens zu entsagen; doch liebte er und verlobte sich zum zweiten Male kurz nach dem Tode seiner ersten Geliebten. Aristokratische Launen hatte der gute Hardenberg nicht; doch war er nicht ohne geistigen Hochmuth; er sprach von Göthe, wie von einem englischen Mechaniker, der elegante Möbel macht; er selbst hatte die Absicht, außer Heinrich von Ofterdingen sechs Romane zu schreiben, welche seine Ideen über Physik, das bürgerliche Leben, den Handel, die Geschichte und die Liebe umfassen sollten. Er war polemisch, wie Schlegels, und glaubte eine neue Poesie zu erfinden.
* * * * *
[Sidenote: Rückblick. Beziehungen zu deutschen Dichtern.]
Von Deutschland aus hatte ich bei meiner Heimkehr keine Stütze mehr in Steffens, Tieck und Göthe. Von dem Ersten hatte ich mich selbst getrennt, nicht als Freund und Bewunderer seiner ausgezeichneten Eigenschaften, sondern ich war nicht länger sein ästhetischer Anhänger und Schüler. Obwohl mir sein Geist, seine persönliche Liebenswürdigkeit, seine Beredsamkeit, seine Begeisterung und unzählige poetische Funken stets unverändert lieb blieben, so wich ich doch nun so stark in meinen Ansichten von ihm ab, und war doch selbst so sicher in meiner Kunst geworden, daß ich mich in meinem Urtheile nicht mehr einem Manne unterordnen konnte, der ja eigentlich nur Dilettant darin war. Was Steffens als Naturforscher und Philosoph war, kann und will ich nicht beurtheilen. In der Poesie war er Dilettant. Auf Verse verstand er sich sehr wenig und machte selbst nur einige kleine Versuche. In den Novellen, die er später schrieb, waren wohl schöne poetische Stellen, aber sie waren doch zu weitläufig, zu sehr mit allgemeinen Reflexionen angefüllt. Daß sie Aufmerksamkeit erweckten, als sie erschienen, war natürlich, denn man fand Steffens' Geist darin; aber es fehlten ihnen Composition, Erfindung und originale Charactere. Als Geschmacksrichter war er ein vollständiger Anbeter Tieck's und glaubte fast blind an diesen. Tieck hat mir selbst erzählt, daß Steffens, als sie bei ihrer ersten Zusammenkunft von Wieland sprachen, die gewöhnliche allgemeine Hochachtung für diesen Dichter äußerte. Tieck hatte ihm in Vielem widersprochen, ohne darum doch Wieland ein dichterisches Verdienst abzusprechen. Von Tieck ging Steffens in eine Restauration und ließ sich in einen heftigen Streit mit einem Bewunderer Wielands ein, wobei Steffens, den Dichter herunterriß und viel strenger gegen ihn war, als Tieck kurz vorher. Durch diesen polemischen Enthusiasmus, der mehr aus persönlicher Gereiztheit, als aus klarem Verständniß der Dinge entsprang, litt ich in meinem spätern Zusammenleben mit Steffens oft, und war gewiß nicht der Einzige, dem es so erging.
[Sidenote: Rückblick. Steffens.]
Ein echter Richter des Geschmacks konnte er also nicht sein, er hatte nicht die Ruhe, die Besonnenheit, die Liebe zu dem vielseitig Objectiven, welche dazu gehört, um sich dieses als sein Eigenthum zu erwerben. Steffens brachte seine Abstractionen hinüber in das Reich der Kunst, gewisse Ideen, d. h.: Ansichten, eine gewisse Art zu denken und zu fühlen, wollte er überall wiederfinden; hiervon hing sein Lob oder Tadel ab. Mit einzelnen Zügen, aus der Geschichte und Poesie herausgerissen, construirte er sich beide nach seinem Kopfe, aber er irrte sich oft in historischen Daten, und viele poetische Werke be- und verurtheilte er, ohne sie recht zu kennen. Begeisterung für mich hatte er nur so lange, wie ich sein Schüler war; doch muß ich hierbei eine Ausnahme machen. Als Max in Breslau, wo Steffens Professor war, später meine deutschen Schriften herausgab, schenkte er ihm ein Exemplar und er las sie. Dadurch erwachte die alte Liebe für den dänischen Dichter, zu dessen Bildung er selbst beigetragen hatte. Er schrieb mit einen sehr freundlichen Brief und einen sehr schmeichelhaften Artikel in den Blättern für literarische Unterhaltung, worin er mit der Aeußerung endigte, daß es Deutschland noch obliege, ein gründliches und klares Urtheil über meine Werke zu fällen. Aber von diesem klaren Urtheile gab er selbst nur mittelmäßige Proben, als er mehrere Jahre darauf in seinem: »Was ich erlebte« Tieck's alte, von mir gestochenen Trümpfe gegen meinen Correggio wieder ausspielte und die Scene, in der Cölestine den Correggio krönt, als meiner durchaus unwürdig erklärt. Ich selbst glaube, daß sie eine der hübschesten ist, die ich gedichtet habe. -- Als ein Characterzug von Steffens' Auffassung des Objectiven kann angeführt werden, daß er an derselben Stelle in dem Buche, wo er dem Leser ein Bild von mir, seinem mehrjährigen, täglichen Umgangsfreund geben will, von meinen kleinen, »schwarzen« Augen spricht.
[Sidenote: Rückblick. Tieck.]
Tieck, mit mehr Genialität und Originalität als Steffens, genirte trotz der großen Einseitigkeit in seinem Geschmacke nicht im täglichen Umgange. Er hatte Nichts von nordischer Gereiztheit, wie Steffens und ich; er imponirte im Gegentheile durch eine persönliche Ruhe, welche mit einer großen Beredsamkeit und einer gewissen Vornehmheit, die ihre Wirkung that, verbunden war. Aber seine Urtheile und Ansichten waren oft sehr übertrieben. Es ging uns umgekehrt: ich vertheidigte das Billige und Milde mit Leidenschaft, er das Bittere und Strenge mit Besonnenheit. Die Deutschen haben oft diesen Character, den ein gewisser Buchhändler, als man von einem gewissen Dichter sprach, die »stille Wuth« nannte. Ich darf sagen, daß ich all' das echt Geniale und Dichterische bei dem herrlichen Tieck bewunderte und noch bewundere. In meinen Uebersetzungen seiner Werke habe ich das gezeigt, obgleich ich wagte, sie zusammenzuziehen und zu verkürzen. Aber Tieck wollte eigentlich Nichts von mir wissen. Wenn ich bei ihm war, ihm selbst Etwas vorlas, gewann ich ihn; aber was sonst von mir herausgegeben wurde, las er nicht. Es ist merkwürdig: die Verachtung und der Mangel an Sympathie, der sich in der neuesten Zeit in Deutschland im Großen gegen Skandinavien gezeigt hat, äußerte sich regelmäßig im Voraus in der Literatur. Die Deutschen konnten es nicht leiden, daß wir eine Literatur hatten, die es wagte, mit der ihrigen zu wetteifern, daß wir eine Geschmacksbildung und eine poetisch-entwickelte Sprache ebenso früh besaßen, wie sie. In der spätern Zeit schlug Tieck's Geistesrichtung eine sonderbare Volte. Anstatt romantisch-phantastisch und witzig ausgelassen zu sein, wurde er kalt verständig. Er schrieb eine Reihe von Novellen, in denen sich schöne Stellen vorfinden, und der »Aufruhr in den Sevennen« ist der vortreffliche Anfang zu einem unvollendeten Werke; aber im Ganzen genommen wurden diese Novellen doch das Organ für ziemlich einseitige ästhetische Betrachtungen und eine etwas an Pedanterie grenzende Lebensphilosophie, welche eine Zeitlang sehr gelobt wurde. In einem von Tieck's letzten Werken, Vittoria Accorombona, ist mehr Geist und Kraft, als in den meisten früheren Novellen; es herrscht Leidenschaft darin; aber auf merkwürdige Weise werden in ihnen abscheuliche Verbrechen als Ausschweifungen großer Geister mit einer Art Bewunderung und Entschuldigung _à la_ Victor Hugo und mit einer zwar nicht geradezu ausgesprochenen aber doch deutlichen Verachtung gegen den gewöhnlich prosaisch-moralischen Abscheu vor Lastern, die mit großen Eigenschaften verbunden sind, geschildert. Dies stand nun wieder in einem wunderbaren Gegensatze zu der Liebe, welche =Iffland=, im Anfang eine Zielscheibe des Tieck'schen Spottes, in dessen späteren Tagen fand, wo er als Theaterdirector in Dresden unablässig die Iffland'schen Stücke aufführen ließ.
[Sidenote: Rückblick. Göthe und Schiller.]
Von Göthe schied mich nun die unglückliche Geschichte mit Correggio. Aber wenn dies auch nicht der Fall gewesen wäre, so hätte Göthe, wie er jetzt war, mir doch kaum noch in der dramatischen Kunst zu Nutz und Frommen sein können. Ich habe nie recht erfahren, weshalb Correggio ihm so sehr misfiel. Wenn er ihm zu weich und gefühlvoll war, so lag das im Stoffe. Ich habe vor und nach diesem Stücke in einer langen Reihe nordischer Tragödien Heldenkraft geschildert, aber um diese Stücke kümmerte er sich auch nicht, und hat -- außer Hakon Jarl -- wahrscheinlich kein einziges recht gekannt. Ich konnte Göthe nicht mehr als Lehrer in meiner Kunst betrachten. Ich war nach eigenen Grundsätzen, eigenem Gefühle fortgeschritten und suchte in meinen Dramen auf keine Weise, ihm oder Schiller nachzuahmen; so sehr ich ihr Genie in ihren vorzüglichsten Werken liebte und bewunderte, so war doch die Richtung, welche sie am Schluß ihrer dramatischen Dichterperiode einschlugen, meiner Ansicht nach eine Abweichung vom Rechten. Das Rhetorische, das Raisonnirende, die Lust, sinnreiche Sentenzen aufzustellen, hatte zu sehr überhand genommen. Es ist gewiß, daß der Vers in der Tragödie bedeutend zur Kraft und Würde des Werks beiträgt; aber man muß sich in jeder Kunst, sowie im Leben selbst, vor Vornehmheit und Pedanterie hüten. Indem man die Sprache allzu abstract nur mit Rücksicht auf Ausdruck, Gedanken und Bilder betrachtet, verliert sie die Naivetät, die Einfalt, welche das Große und Schöne nicht entbehren können.
Schiller und Göthe bewunderten mit Recht die Griechen, und glaubten in ihnen die wahren Vorbilder für ihre Kunst zu finden. Schiller beklagte sich bei Humboldt, daß er nicht Griechisch könne, und wollte es auf seine alten Tage lernen; aber Humboldt rieth ihm davon ab und meinte, das sei nicht nöthig. Wahrlich es muß ein großer Genuß für einen Schöngeist sein, den Aeschylos und Sophokles mit Leichtigkeit in der Ursprache lesen zu können. Zwei Dinge habe ich besonders in meinem Leben entbehrt: Griechisch zu können und gut vom Blatt auf dem Fortepiano zu spielen. Dies würde nicht schwierig gewesen sein, wenn es zur rechten Zeit gelernt worden wäre. Aber man hilft sich, so gut man kann; durch Hülfe guter Uebersetzungen eignet man sich den Geist und das Wesen des Dichters an; Compositionen, Characterzeichnungen, Gedanken, Bilder, all' dieses kann die Uebersetzung geben, das Einzige, welches fehlt, ist die Diction; aber die Sprache ist gerade des Dichters eigenes Element, und den Mangel des Fremden erstattet ihm die Natur. Merkwürdig! Weder Thorwaldsen noch ich konnten Griechisch; aber wenn ich meinen »Baldur,« »Yrsa,« »Die Longobarden,« »Das Land gefunden und verschwunden« in =sein= Museum lege, so wage ich zu fragen, ob Viele, die Griechisch verstehen, es viel besser, als wir hätten machen können. Es ging dem Dichter hier mit dem Griechischen, wie Peter in Jakob von Tyboe mit dem Deutschen: »er könnte es wohl schreiben, aber nicht lesen.« -- Göthe wußte etwas Griechisch, und was ihm fehlte, das wußte Dr. Riemer, sein Secretair und seine rechte Hand.
Aber nun die Griechen! Finden wir nicht Einfalt und Naivetät in ihren Dialogen? Ganz gewiß! In den Chören finden sich zusammengedrängte Wortwendungen, Gedanken und Betrachtungen; aber die Gespräche sind viel weniger geschmückt, fallen viel mehr in den gewöhnlichen Unterhaltungston. Wo das Pathetische herrscht, tritt das Lyrische besonders in den Chören hervor. Schiller verliebte sich so sehr in diese Chöre, daß er sie an unpassendem Orte in seiner »Braut von Messina« anbrachte, wie ich bereits im zweiten Theile dieses Buches erwähnt habe. Schiller beging einen noch größern Fehler: er wollte in dem Vorworte zu seinem Stücke beweisen, daß es so sein müsse, daß die dramatische Kunst erst ihre rechte Bedeutung erlangte, wenn der Chor wieder eingeführt würde. Wie würde =Jodelle=, der erste Franzose, der französische Tragödien nach griechischem Zuschnitte zusammenflickte, sich gefreut haben, wenn er solche Aeußerungen von einem großen Dichter einer Nachbarnation erlebt hätte, die später so lange für das Natürliche kämpfte. Aber Schiller bedachte sich und ging in sich. Er schrieb glücklicherweise seinen meisterhaften »Wilhelm Tell«, ehe er starb, und damit machte der Dichter alles Das wieder gut, was der Philosoph verbrochen hatte. Jene abstracte Dictionsvergötterung, diese Vornehmheit im Style, daß die dramatische Bewegung sich dem Menuette nähert, und die einförmige Ausdrucksweise, welche das Characteristische verwischt, liebte Göthe auch sehr und sie kam zum Ausbruch in seiner »=Natürlichen Tochter=,« die so vornehm und kalt ist, als ob sie von Stein wäre; noch mehr in seinem »=Elpenor=« und »=Epimenides=.« Obgleich Göthe als Jüngling oft das Burschikose mit dem schönen Derb-Natürlichen verwechselte, scheint er mir doch mehr Sinn für das echt Heroische in seinem »Götter, Helden und Wieland,« als in seiner »Natürlichen Tochter« zu haben, wenn er den Herkules munter von Wieland sagen läßt: »Der kann nicht begreifen, wie ein Gott ein Flegel sein kann, und sich betrinken, seiner Gottheit unbeschädigt.«
Die neue Schule verwarf Schiller und erkannte ihn nicht für einen großen Dichter; aber das Volk trug ihn auf den Händen, und Göthe, den die neuere Schule vergötterte, fühlte doch, was Schiller war. Glückliche Umstände hatten eine -- wenn auch nicht gerade warme Freundschaft (denn sie wurden nie Kameraden, wie Göthe später mit =Zelter=) -- so doch ein auf Wissenschaftlichkeit, Kunst, persönliche Achtung und Wohlwollen schön gegründetes Verhältniß zwischen ihnen gestiftet. Schiller und Göthe hatten die Xenien geschrieben, in denen sie muthwilliger, als es sich für ihr Alter geziemte, manche Persönlichkeit unvorsichtig angegriffen und Veranlassung zu einem Tone gegeben hatten, den sie selbst später haßten. Sie glaubten gegen ein wildes, rohes Wesen ankämpfen zu müssen, welches in seiner Plumpheit die deutsche Tragödie verderben könnte. Was sie hiermit meinten, ist nicht leicht zu sagen; denn es gab ja damals keine anderen Dichter von irgend einigem Einfluß, als Tieck, der seine »heilige Genoveva« und »Octavian« (Letzterer mehr Komödie als Tragödie) geschrieben hatte; aber keines von diesen beiden Stücken war für das Theater; daß sie trotz vieler Ausschweifungen viel Genie und Natur zeigten, ist gewiß. Schlegels schrieben »Ion« und »Alarkos,« worin sie sich mehr als Philologen und Stylisten, denn als Poeten zeigten, und für sie war keine Gefahr; denn Göthe brachte selbst Ion auf die Bühne. Aber Tieck trat, von Schlegels unterstützt, auf eine sonderbare Weise als Shakespeare's Apostel auf. Nun genügte nicht die Bewunderung und Liebe für die besten Werke des großen Dichters, welche Garrik, Lessing, Schröder und Göthe gelehrt hatten; sondern man sollte Alles bewundern, und selbst Das, was bisher für verfehlt und geschmacklos, der Zeit angehörend betrachtet wurde, in der Shakespeare lebte, sollte nun für Schönheiten und Muster gehalten werden, die man bisher aus Mangel an Fähigkeit, recht in Shakespeare's Geist einzudringen, übersehen und lächerlicher Weise verkannt habe. Diese Kritik, welche Tieck sehr vornehm aussprach, wobei er sich zugleich selbst zu einem Theil von Shakespeare's geistigem Ich machte, war nun freilich tadelnswerth. Aber es half Nichts, daß Schiller, als er den Macbeth übersetzte, die Hexenscenen modernisirte und sie zu philosophischen Reflexionen machte; er verwischte dadurch das Romantische, Volksthümliche, Poetische, tragisch-Grauenhafte, obgleich seine eigne herrliche Dichternatur sich nicht verleugnete, da er in seiner Umarbeitung das herrliche Lied vom Fischer hineindichtete. Noch weniger half es, daß Göthe und er auf den wunderlichen Einfall geriethen, Voltaire's »Mahomed« und »Tancred« und Racine's »Phädra« zu übersetzen. Das Beste in diesen Stücken ist ohne Zweifel die lebendige und rasche Leidenschaftlichkeit und Begeisterung, die sich in den anapästischen, französischen Alexandrinern ausspricht. Indem man diese in ehrbare, gravitätische deutsche Jamben verwandelte, stutzte man den französischen Adlern die Flügel, ohne Löwen aus ihnen zu machen. Das Gedicht, welches Schiller bei dieser Gelegenheit an Göthe schrieb, ist sehr merkwürdig.
»Nicht in alte Fesseln uns zu schlagen Erneuerst Du dies Spiel der alten Zeit, Nicht uns zurückzuführen zu den Tagen Characterloser Minderjährigkeit. --
Erweitert jetzt ist des Theaters Enge, In seinem Raume drängt sich eine Welt. Nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge, Nur der Natur getreues Bild gefällt; Verbannet ist der Sitten falsche Strenge, Und menschlich handelt, menschlich fühlt der Held. Die Leidenschaft erhebt die freien Töne Und in der Wahrheit findet man das Schöne.