Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3
Part 4
Von dem merkwürdigen Brandis muß ich etwas mehr erzählen. Er war von untersetztem, aber starkem Körperbau; sein außerordentlich ausdruckvolles, blatternarbiges Gesicht mit blauen Augen war voller Humor; sein großer, dicker Kopf mit buschigem, herabhängendem Haar glich etwas einem Löwenkopfe, weshalb Camma Rahbek ihn auch den Löwen nannte. Er war in seinen jüngeren Jahren Badearzt und Gastwirth in Driburg gewesen. In Hildesheim hatte er sich auch aufgehalten und in Göttingen studirt. Er wußte eine große Menge Geschichten zu erzählen, die sich alle mit ihm in diesen Orten ereignet hatten. In Holstein hatte er der Königin Maria Vertrauen gewonnen und war nun unter sehr günstigen Bedingungen ihr Leibarzt. In den erwähnten Kreisen war er oft zugegen gewesen, wenn ich meine Tragödie vorlas; aber er verstand nicht Dänisch und bemühte sich niemals, es zu erlernen. Doch gebrauchte er einmal in einem Wortstreit mit einem Dänen, der nicht Deutsch reden wollte, das Wort »Nidingsfärd« (Bubenstück), und als sich dann seine Familie wunderte, wo er das Wort herbekommen habe, sagte er: »Hab' ich doch so viele Tragödien von Oehlenschläger hören müssen, muß ich doch Etwas davon behalten.« Es war merkwürdig, daß er mich wirklich lieb hatte, und sich gern in Gespräche und Scherze mit mir einließ, während ihn meine Poesie, sowie überhaupt dänische Poesie durchaus nicht interessirte. »=Diese= Helge,« sagte er einmal zu einem meiner Freunde, »mag ich nun gar nicht leiden.« Und als ich nun später hierüber spottete und ihn darauf aufmerksam machte, daß er das verurtheilte Gedicht so wenig kenne, daß er glaube, Helge sei ein Frauenzimmer, lachte er selbst darüber. Er konnte es recht gut vertragen, wenn man ihn mit gleicher Münze bezahlte, wie ich es immer that. Einmal sagte er: »Mein Herr, wenn ich von Tugenden und Moralien hören will, gehe ich in die Kirche.« Ich antwortete: »So hören Sie es ja gar nicht, denn in die Kirche kommen Sie nie.« -- Er lachte.
Einmal spielte man Shakespeare's Hamlet, und er kam mitten im ersten Acte. »Warum haben sie das Stück verstümmelt?« fragte er, »es ist ja eine Scene vorher mit dem Geiste und dem Sohne.« Ich antwortete: »Die Scene ist auch gespielt worden, aber =Sie= sind zu spät gekommen!« -- »So, so!« sagte er. Darauf wandte er sich gegen das Parterre hin und sagte: »Warum sind denn so wenige Leute heute Abend hier? Die Leute haben keinen Geschmack.« Und nachdem er das gesagt hatte, ging er selbst fort.
Einer seiner Söhne konnte ein wenig singen, und da er ein sehr zärtlicher Vater war, so arrangirte er seinetwegen zuweilen Abendconcerte, und lud Weyse und Kuhlau dazu ein; diese entschuldigten sich aber. Hierüber wurde Brandis böse. »Diese Musikanten,« sagte er, »bilden sich so viel ein. In alten Tagen waren die Musikanten Kammerdiener.« Es fiel mir zu spät ein, ihm darauf zu antworten: »Ja, und die Aerzte.«
Aus allen diesen Geschichten sieht man, daß Brandis unartig sein konnte; und wer ihn nicht persönlich kannte, wird nicht einsehen können, was etwa anziehend bei ihm war. Aber das war sein Witz, sein reicher Geist, seine Weltkenntniß und Beredsamkeit, obgleich er etwas stammelte, seine wissenschaftliche Bildung und sein Genie als Arzt. Wenn man gefährlich-krank war, so wandte man sich an Brandis, und die Aerzte selbst riethen dazu; aber gefährlich mußte es sein, sonst kümmerte er sich nicht darum. Als ich ihn nach dem früher erwähnten kalten Fieber eines Abends auf seinem Landsitze auf Oesterbro besuchte, wollte er durchaus spazieren gehen, und mit mir im Garten nach Sonnenuntergang plaudern. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich ein Fieberreconvalescent sei. »Ach, sein Sie kein Kind!« sagte er. »»Wenn unser größter Arzt sagt, daß es keine Gefahr habe,«« fuhr ich fort, »»so bleibe ich; wenn ich meinem eignen Gefühl folgte, so ginge ich nach Hause.«« Ich hätte gut gethan, wenn ich diesem Gefühle gefolgt wäre; denn den Tag darauf bekam ich wieder das Fieber. -- Einige seiner Witze will ich hier als Probe anführen. Von einem Manne, von dem man glaubte, daß er sich sehr viel Mühe gäbe, Orden zu bekommen, sagte er: »Er hat den Bandwurm.« -- Von einer Patientin, deren Verstand verwirrt gewesen war, und die nun wieder anfing, sich zu erholen, sagte er Einem, der fragte, ob sie nun bald wieder ganz vernünftig sein würde: »Ja, klüger, als sie war, ehe die Krankheit kam, kann ich sie nicht liefern.« -- Ein reicher Mann, der immer auf die finanziellen Zustände des Landes schalt, rief ein Mal in einem Gespräch mit ihm aus: »Ach, wir sind alle arme Hunde!« -- »Bitt' um Verzeihung, mein Herr!« entgegnete Brandis, »=Sie= sind nicht arm, und =ich= bin kein Hund!« -- Als ein alter Mann, der sich mit einem hübschen jungen Mädchen verheirathet hatte, ihn fragte: »Darf ich Kinder hoffen?« entgegnete er: »Nein -- aber fürchten!«
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[Sidenote: Professor Schielderup.]
Einen andern sehr witzigen Arzt, der noch mehr stammelte, als Brandis, muß ich bei dieser Gelegenheit nennen: den Norweger Professor =Schielderup=. Er war übrigens sehr verschieden von Brandis, lang und mager, mit einem sehr bescheidnen Wesen. Er befaßte sich nicht damit, Schöngeist zu sein, obgleich er das Schöne sehr achtete. »Ich bin solch' ein Vieh,« sagte er ein Mal ganz ernst und bescheiden zu mir, »daß ich keine andern ästhetischen Schriften gelesen habe, als Wilhelm Meister und Benevenuto Cellini.« Ich antwortete, daß der Anfang gut sei, er solle so fortfahren. -- Eine Eigenthümlichkeit bei ihm war, daß er nicht stammelte, wenn er Vorlesungen hielt. Aber als er einmal in der skandinavischen Gesellschaft eine Abhandlung vorlas, kamen in derselben zuweilen Worte vor, über die seine Zunge ebenso wenig hinwegkonnte, wie ein Wagen über große Steine, die auf der Landstraße liegen. Ich brach beinahe in ein Gelächter aus, wandte mich in meiner Noth an meinen Freund, den Professor Thorlacius, meinen Nachbar, und sagte: »Ich kann mich vor Lachen nicht halten, meine Fingerspitzen sind ganz naß vor Anstrengung.« Mit gutmüthigem Lächeln meinte Thorlacius, man dürfe keinen Naturfehler verspotten. »Ach, mein lieber Freund,« sagte ich, »dieser Schonung bedarf ein so ausgezeichneter Geist, wie Schielderup ist, gar nicht. Eigentlich ist der Trieb, den ich zum Lachen fühle, nur eine Folge der Bewunderung und Achtung, die ich für ihn hege. Wenn ein Dummkopf stammelt, so ist das nicht lächerlich: es ist die rechte Melodie zum Text. Aber wenn es einem begabten Manne schwer wird, seltene Gedanken auszudrücken, wo ein Dummkopf sich mit größter Leichtigkeit äußert, so ist das eine Ironie, eine Schelmerei von der Natur, welche die muntere Fantasie zum Lachen zwingt.« -- Von Schielderup's Einfällen will ich nur zwei anführen. Er fuhr ein Mal in einer Leichenprocession nach dem Kirchhofe mit einem Spießbürger, den er nicht weiter kannte, der aber diese Gelegenheit benutzen wollte, um von Schielderup ohne Recept und Bezahlung zu erfahren, was er mit all' seinen Leuten zu Hause, die kränkelten, thun solle. Schielderup ließ ihn schwatzen und weitläufig Alles erklären, schwieg aber stockstill. Endlich, nachdem der Mann sich fast eine halbe Stunde expectorirt hatte, ohne Antwort zu bekommen, wurde er zuletzt ungeduldig und rief: »Aber Herr Gott, hören Sie denn nicht, was ich sage?« -- »Ja wohl,« sagt Schielderup, »ich höre es.« -- »Aber warum antworten Sie denn nicht?« -- »Ich ha -- habe keine Zeit!« -- »Was haben Sie denn zu thun?« -- »Ich fa -- fahre!« -- Ein anderes Mal fragte ihn Einer mit einer rothen Nase, ob er ihm diese nicht fortschaffen könne? -- »Ja,« antwortete Schielderup, »es kommt nur darauf an, welche Cou -- Couleur Sie lieber haben wollen?«
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[Sidenote: Meine beiden Söhne.]
War ich so nun bald in vornehmer, bald in gelehrter Gesellschaft, so befand ich mich wiederum zu Hause, in häuslicher Ruhe in einem dritten, durchaus andern Kreise, in dem meiner Kinder. Lotte lief bereits wie eine kleine Puppe auf dem Fußboden umher, und unsere Wiegen waren, erst mit dem einen Knaben und dann mit dem andern in Bewegung. =Johannes Wolfgang= ist am 7. Februar 1813, =William Conrad= am 19. December 1814 geboren.
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In diesem Jahre besuchte ich Frau =Gyllembourg=, frühere Frau =Heiberg=. Diese geistreiche, muntere Frau versammelte eine angenehme Gesellschaft um sich. Es kamen H. C. Oersted, Weyse und Pram zu ihr. Der junge =Johann Ludwig= saß als halb erwachsener Knabe da, und lernte damals wohl Manches von uns Aelteren. Ich ließ es mir am allerwenigsten träumen, daß ich wenige Jahre darauf so viel von ihm lernen würde.
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[Sidenote: Neue Umgangskreise.]
In dieser Zeit erwarb ich mir ein paar Freunde, deren Verkehr mich viele Jahre hindurch erfreute, den Chef der Seekadetten, Capitain =Peter Frederik Wulff= (der als Admiral starb), und seine liebenswürdige Gattin. Wulff hatte sehr viel Liebe für die Poesie, schrieb selbst, gleich seinem Vorgänger Sneedorff, hübsche Verse, und übersetzte später mehrere von Shakspeare's Werken. Er nahm mich zuweilen mit auf das Kadettenschiff. Ich entsinne mich noch einer Partie, die wir zusammen nach Helsingör machten, wo ich einen angenehmen Abend in der Gesellschaft der Fräulein =Tuxen= (späteren Admiralinnen Rothe und Möller) zubrachte. Durch Wulff wurde ich auch mit dem Olsen'schen Hause bekannt, wo man stets einen lebendigen, muntern Kreis vieler Gäste fand. Etatsrath =Olsen=, ein kleiner, magerer, bleicher, leichtbeweglicher, sehr höflicher Mann, theilte die Gastfreiheit seiner Frau, und sie selbst hatte das liebenswürdigste Talent, Wirthin zu sein und Munterkeit und Zufriedenheit rund um sich her zu verbreiten. Ihre Schwägerin, Rittmeisterin =Balle=, war schön und anmuthig; was Wunder, wenn man gern dort in das Haus kam. Bei dieser Gelegenheit erneuerte ich eine alte Bekanntschaft. Ich traf nämlich bei Olsen's den =Bischof Balle=, mit dem ich nicht gesprochen hatte, seitdem ich als kleiner Junge von sechs Jahren zwischen seinen Knieen stand und hersagte, was ich auswendig gelernt hatte. Es war eigenthümlich, diesen alten Mann, der durchaus einer dahingeschwundenen Zeit angehörte, feierlich still, fast wie ein Gespenst, im Priesterrock mit steifem Kragen und gepuderter Perücke, mitten in den lärmenden, modernen, lustigen Cirkel hineintreten zu sehen und wie er sich an den Abendtisch setzte, wo fast von nichts Anderm als von dem Schauspiele und den Stücken gesprochen wurde, die kurz vorher gegeben waren; denn Olsen war Theaterdirector und die Damen hatten jeden Abend freies Entrée in der Directionsloge. Der alte Bischof kam nie ins Theater, sprach nie von diesen weltlich eiteln Dingen, und obgleich er nicht, wie sein Vorgänger Pontoppidan in seiner »Erklärung« über »Comödien, Wirthshausgehen, die stets an und für sich Sünden sind, an Feiertagen aber doppelte Sünden,« geklagt hatte, so war der Ton von Balle's »Lehrbuch« doch nicht sehr verschieden von dem in Pontoppidan's »Erklärung.« -- Ich gewann übrigens sein Herz dadurch, daß ich ein Mal, als wir allein im Zimmer waren, ihm am Clavier viele der alten Psalmen, die ich auswendig wußte, vorsang; woraus er ersah, daß der Zucker, den ich von ihm am Altare bekommen hatte, doch nicht ganz ohne Wirkung gewesen war.
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[Sidenote: Der Schauspieler Dr. Ryge.]
Bei meiner Schwester, die den Sommer immer in Friedrichsberg wohnte, bei meinem Vater auf dem Schlosse, und bei Rahbeks auf dem Hügelhause erneuerte ich das Andenken an liebe, verschwundene Tage, und sang mit Baggesen: »Ach, nie vergißt das Herz doch der ersten Jugend Kreis!«
Im Uebrigen sangen Baggesen und ich nicht mehr viel zusammen. Er besuchte mich oft, aber ich bemerkte bald, daß der Wurm des Neides an seinem Herzen nagte.
Ich hatte ein mächtiges Organ für meine Tragödien in Dr. =Ryge= gefunden, der Schauspieler geworden war und einen seltenen Beweis dafür abgab, was Enthusiasmus für die Kunst über weltlichen Vortheil und Ansehen vermag. Er war Stadtphysikus in Flensburg gewesen und hatte ein sehr einträgliches Amt, als er es plötzlich niederlegte, -- einzig und allein, um dem Triebe seines Herzens als Tragiker zu genügen. Er war ein vortrefflicher Eleve Brandis'. Obgleich nun Brandis, selbst ein Mann von Geist, Sinn und Interesse für die schönen Wissenschaften hatte, so konnte er doch, in einer ältern Zeit gebildet, gewisse Vorurtheile gegen den Schauspielerstand nicht überwinden, und darüber ließ er sich auf seine gewöhnliche, derbe Art Ryge gegenüber, der hierin natürlich durchaus nicht mit ihm sympathisirte, aus. »Wissen Sie wohl,« sagte Brandis einmal zu ihm, »daß Sie ein ausgezeichneter Arzt hätten werden können, wenn Sie Ihre Wissenschaft ferner gepflegt hätten?« -- »Es giebt Ihrer genug, die Menschen todt schlagen,« antwortete Ryge; »wissen Sie wohl, daß ich lieber Statist beim Theater, als der ausgezeichnetste Arzt sein will?« -- Wie sonderbar geht's doch in der Welt zu! Hätte mir Jemand im Voraus gesagt, daß ein Stadtphysikus aus Flensburg bald als ein echter Hakon Jarl, Palnatoke, Wilhelm, Michel Angelo, Stärkodder u. s. w. auftreten würde -- so hätte ich geglaubt, Holberg's Geert Westphaler erzählte verrückte Flensburgsgeschichten von seiner großen Reise von Hadersleben nach Kiel. Und doch war es so! Ryge's Liebe für die Kunst war außerordentlich. Ich entsinne mich noch, wie wir an einem herrlichen Frühlingstage zusammen nach Friedrichsberg hinausgingen und über eine Rolle sprachen, die er in einem meiner Stücke spielen sollte. Der Frühling war gerade in seinem schönsten Glanze erwacht; obwohl mich das Gespräch in hohem Grade interessirte, zog doch auch das herrliche Maigrün meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich wollte, daß Ryge an meiner Bewunderung Theil nehmen sollte. Aber er würdigte vor lauter Verliebtheit in Melpomene, die Flora nicht eines Blickes (obgleich er seine Brille aufhatte); und als ich ihn fragte: »Aber erfreut denn die Natur nicht auch Sie?« antwortete er auf seine gewöhnliche humoristische Weise: »Nein, beim Teufel, das thut sie nicht! Sprechen wir nun wieder von der Kunst.«
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[Sidenote: Der Kritiker Baggesen. -- Zwei neue Singspiele.]
Das Glück, welches meine Tragödien besonders durch Ryge's ausgezeichnetes Spiel machten, verdroß Baggesen. Er, der sich früher nie mit dramatischer Kunst abgegeben, und in seinen eigenen Versuchen gezeigt hatte, wie wenig er davon verstand, setzte sich auf das hohe Pferd und führte das große Wort. Aber in den ersten Kritiken zeigte er nur Unkenntniß und übertriebenes Selbstvertrauen, ein gewöhnlicher Fehler bei Recensenten; der Ton in seinem Tadel hatte noch nicht die Grenzen des Anstandes überschritten, obwohl man es wohl merkte, daß er es nicht gut mit mir meinte. Ich hatte einige Antikritiken, ohne alle Persönlichkeiten, nur wissenschaftliche Prüfungen der Baggesen'schen Sophismen, geschrieben; aber =Benzon=, der von Westindien nach Kopenhagen gekommen war und meine anderen Freunde riethen mir ab, mich in eine literarische Fehde einzulassen. Ich unterließ es also, habe dies aber später bereut; denn es würde Baggesen vielleicht auf seinem Wege aufgehalten und ihn verhindert haben, sich dann so stark zu verlaufen.
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Weyse wünschte damals (1814) wieder ein Singspiel zu componiren und der herrliche =Kuhlau=, der nur erst durch seine Instrumentalmusik bekannt war, bat mich gleichfalls, ihm ein solches zu schreiben. Ich überlegte, was sich für das Genie Beider eignen könne. Kuhlau schien mir mehr lebendig und effectvoll zu sein; in Weyse's Musik hatte mich stets eine tiefe ahnungsvolle Phantasie mit ihren holden Träumereien hingerissen. Ich schrieb die =Räuberburg= für Jenen, =Ludlam's Höhle= für Diesen. Die Räuberburg hat ein buntes und trotz ihrer Darstellung von Gefahr und Grausamkeit, munteres Colorit. Die Scene spielt in der Provence; die provencalische Rose sticht sich in den Kranz der Liebenden, Töne aus der Zeit der Troubadoure klingen in einzelne Partien herüber; aus dem nahen Spanien schenkt Calderon ein wohlklingendes Versmaß um leicht über die Räuberscenen hinwegzueilen, in denen man mehr über die naive Grausamkeit der Räuber erstaunt, als sich über ihre Abscheulichkeit entsetzt. Ich wollte nicht die deutsche philosophirende Leidenschaftlichkeit, das merkwürdige phantastische Zähneknirschen, die sentimentale, hohe Verzweiflung nachahmen, die wir in Schiller's Räubern bewundern. In der Räuberburg sehen wir =südliche= Räuber, die so wenig an Gewissensscrupeln und dem Kampfe mit moralischen Gefühlen leiden, daß sie im Gegentheile mit Mord und Todtschlag, wie Knaben mit ihrem Steckenpferde spielen. =Brigitte= und =Camillo= sind die merkwürdigsten Charactere im Stücke. Das teuflische Element der ersten ist ganz natürlich; Wollust geht eben so leicht zu Grausamkeit, wie zu phantastischer Schwärmerei über, und das Leben ist für sie nur ein nervenerschütterndes Spiel, welches um so genußreicher ist, je stärker es erschüttert.
In Ludlam's Höhle verschmelzen sich zwei verwandte Mährchen aus den »Neuen Volksmährchen der Deutschen« mit einander. Die Idee von der Versöhnung hat der romantischen Mythologie Veranlassung zu solchen Darstellungen, wie die von Ludlam und der weißen Dame, gegeben. Ein Sünder konnte sich in seiner letzten Stunde bekehren und Verzeihung finden; wenn aber der Tod ihn überrumpelte, so fand er keine Ruhe im Grabe. Nun schauderte das Herz doch bei dem Gedanken an eine ewige Verdammung, die eine glückliche Reue zu rechter Zeit hätte verhindern können. Deshalb glaubte man, daß solche Todte als Geister umgingen, um Errettung zu finden. Und sowie Christus die Sünden der Menschen gesühnt hatte, so hielt man es für möglich, daß ein lebender, frommer, christlicher Verwandter durch seine Tugend und seine Unschuld die Sünde des Verstorbenen sühnen könne. Diese fromme Phantasie, die aus einem Gefühl der Barmherzigkeit für den Unglücklichen entstand, hat gewiß nichts Abstoßendes für unser Gefühl, und wenngleich unsere Philosophie nicht mehr daran glaubt, so können wir uns doch wohl mit poetischer Illusion auf einige Stunden in den Glauben einer alten Zeit versetzen und ihre Anschauungsweise theilen. Etwas Aehnliches thun wir ja auch immer, wenn wir uns in irgend einen andern Character und in Anderer Denkweise, als unsere eigene versetzen. Ich sehe also nicht ein, warum ein sinnreiches Gespensterspiel strenger von der Poesie und der Bühne ausgeschlossen sein soll, als das Zauberspiel. Es ist doch tragisch, und spricht unsere ernste, moralische Natur, sowohl in der Zeit, wie in dem nationalen Elemente mehr an. Es währte etwas lange, ehe das Stück angenommen wurde, und ich schrieb deshalb an Rahbek (der einer der Censoren war) einen Reimbrief, in Folge dessen es kurz darauf gegeben wurde.
Weyse's und Kuhlau's Musik entsprach ganz meiner Erwartung, die Stücke machten Glück auf der Bühne und wurden immer bei vollem Hause gegeben. Aber Baggesen riß sie herunter, wurde immer gröber und gröber und fand immer mehr und mehr Anhänger; denn da ich stillschwieg, glaubten Viele, daß doch wohl Etwas an seinem Tadel wahr sein müsse; obgleich die Meisten, selbst unter seinen Freunden, fanden, daß derselbe übertrieben sei.
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[Sidenote: Mißhelligkeit mit Rahbek.]
[Sidenote: Madame Händel-Schütz in Kopenhagen.]
Mein Verhältniß zu Rahbek in dieser Zeit war mißlich. Wir konnten in Sachen des Geschmacks nicht sympathisiren, obgleich ich zu seiner Ehre sagen muß, daß er der Einzige aus der alten Schule war, der meine Arbeiten mit Beifall und Achtung aufnahm. Hätte ich seine Bewunderung für die junge Schauspielerin theilen können, die nicht nach meinem Geschmacke war, und wenn ich einmal im Theater nicht über einen zwar unverzeihlichen aber komischen Scherz über seinen Geschmack gelacht hätte, der von einem Professor =Schütz= gemacht wurde, so hätte sich wohl auch die Freundschaft nicht abgekühlt. Früher war ein deutscher Adliger hier gewesen, der die scenische Kunst unter dem angenommenen bescheidenen Namen =Patrik Peale= pflegte, wahrscheinlich um seiner Familie nicht Schande zu machen. Er hielt auch ästhetische Vorlesungen, die Rahbek mit vieler Andacht und großem Wohlbehagen anhörte. Das misfiel mir; denn Herr Peale war meiner Ansicht nach eine verschrobene langweilige Person. Kurz darauf kam die berühmte Madame =Händel-Schütz= mit ihrem Manne, Professor Schütz, nach Kopenhagen und zeigte ihre Copieen nach Raphael, Correggio, Guido Reni u. s. w., die alle durch Shawls, Tücher, andere Gewänder und fromme Stellungen ausgeführt wurden. Alles, was auf diese Weise darzustellen möglich war, stellte Madame Händel-Schütz wirklich mit vielem Geschmack und Studium dar. Aber da ihr gesundes, recht hübsches Gesicht durchaus nicht ideal, da ihr natürlicher Character munter und lebenslustig war, so konnte sie trotz der äußern, flüchtigen Aehnlichkeit doch vor wahren Kunstkennern niemals als ein Modell der unsterblichen Werke jener großer Meister gelten. Indessen amüsirte es die Leute doch eine kurze Zeit und mich auch, da ich sie von meiner ersten deutschen Reise her kannte. Und als ihr Mann, der durchaus nicht besser war, als Patrik Peale, über Rahbek wegen eines abschlägigen Bescheides, den dieser ihm gegeben, entrüstet, ihn auf dem Theater verspottete, indem er eine kleine ironische Vorlesung in seinem Geschmacke hielt, so lachte ich und daran that ich Unrecht. -- Kurz daraus benutzte ich die Gelegenheit, indem ich einige von ihm entliehene Bücher zurücksandte, mich ihm durch ein freundliches versöhnendes Gedicht, das ich der Sendung beilegte, wiederum zu nähern.
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Nun wurden wir zwar wieder gute Freunde; aber es hatte doch keine Art, und auf Veranlassung von Freia's Altar wurde die Freundschaft in ein paar Jahren ganz vernichtet. Aber ich komme hier zu einem Standpunkte, wo meine ganze literarische Wirksamkeit betrachtet und überschaut werden muß, um dem Leser einen richtigen Begriff von meiner Stellung und deren Folgen zu geben.
Mehreres hatte dazu beigetragen, daß ich meine Autorität zu verlieren begann, und der Autorität kann Niemand entbehren, der in seinem Fache kräftig wirken und auf die Menge Einfluß ausüben will. Zweifelt man an dem guten Geschmacke des Dichters, so ist das ebenso viel, als wenn der Kaufmann seinen Credit verliert. Beim Anfange meiner Dichterlaufbahn fing ich an, gegen den bestehenden Geschmack zu opponiren; dies war mir nicht wenig förderlich; denn Viele hatten Lust an Veränderung und Streit; der Neid sieht gern alte Mächte gestürzt, und kommt dazu nun noch, daß die Opposition wirklich für etwas Gutes kämpft, so ist es natürlich, daß sie auch bei den Besseren Unterstützung und Anhänger findet.
[Sidenote: Rückblick auf meine erste Dichterperiode.]