Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Part 3

Chapter 33,509 wordsPublic domain

»Wodurch verdiene ich die kränkenden Anschuldigungen, die Sie gegen meine höhere Menschlichkeit, das ewig Heilige, das sich mit der Gottheit und Ewigkeit verbindet, aussprechen. Worin habe ich in meinen späteren Werken eine Abweichung von meinem höhern Ziele gezeigt. Wahrlich, ich würde sehr betrübt sein, wenn ich nicht fühlte, daß meine Seele sich entwickelt und veredelt hat. Ich behaupte auch, daß mein Palnatoke, Axel und Valborg, Correggio und Stärkodder den Beweis dafür liefern. In Hakon Jarl zeigt sich noch der polemische Gegensatz zwischen der Form des Christenthums und der des Heidenthums. Hiermit sympathisirt Ihr polemischer Character am Meisten. Das Christliche äußert sich daselbst auch mehr in hervortretenden lyrischen Sentenzen Olaf's, der übrigens noch ein sehr mäßiger Christ war. In den anderen Stücken ist nicht vom Christenthum die Rede; aber ich glaube, es findet sich mehr wahres Christenthum darin. Denn die Ideen von der Versöhnung, der Liebe, die unverschuldeten Leiden der liebenswerthen Tugenden und die ewige Hoffnung werden in der Handlung dieser Stücke dargestellt und müssen einen Jeden, der nicht absichtlich seine Augen schließt, überzeugen, daß nicht irdische Eitelkeit ihren Verfasser begeistert hat.«

»Wie wir auch die christliche Offenbarung betrachten mögen, so muß man sie doch ihrem eigenen Geiste nach für das ewig Göttliche halten, das in der Zeit auf eine sinnliche Weise anschaulich wurde; Gott war es, welcher Mensch: der Geist, welcher Fleisch wurde und unter uns wohnte. Das Göttliche müssen wir als unveränderlich betrachten; aber das Sinnliche, das Menschliche, gehört der Zeit und wird mit ihr verändert. Statt sich nur stets an dem Christusbilde, wie die historische Bibelnachricht es umgiebt, zu halten, sucht der Dichter den Geist Christi mit mehreren Bildern zu vereinigen. Dies ist sein Wesen, und ohne dieses giebt es keine Dichtkunst.«

»Die ewige Liebe hat sich sowohl vor, wie nach Christus offenbart; er selbst steht als das schönste, heiligste Beispiel der Vereinigung des Göttlichen und Menschlichen da. Aber seine Stellung ist so hoch, daß der bescheidne Dichter, der daran verzweifelt, ihn so herrlich darstellen zu können, wie er es verdient, sich lieber in Demuth an etwas Menschliches wendet, das ihm gleich ist, und einen Schimmer seiner himmlischen Tugenden hat. Das Licht bricht sich in Farben; mit diesen können wir malen, nicht mit dem Lichte selbst. Ich habe Nichts dagegen, daß man dies ein Spiel mit dem Geistigen nennt; es ist ein Spiel, wie Correggio sagt; aber dieses Spiel schließt den höchsten Ernst in sich. Auch nach der Abrundung von Schönheit in der Kunst, welches Sie gleichfalls als etwas sehr Untergeordnetes zu betrachten scheinen, strebt der wahre Künstler; denn Schönheit ist nichts Anderes, als die vollkommene Form des Guten, und Abrundung ist Reife und die Herrschaft des Künstlers über das Werk.«

Damit war der Briefwechsel geendigt, und kurz darauf wiederholte Grundtvig in seiner Weltchronik, was er mir im Briefe gesagt hatte. Ich fühlte, wie unmöglich es mir werden würde, mit diesem Manne zu sympathisiren, dessen Feuer, Begeisterung, Beredsamkeit ich bewunderte, und von dessen gutem Willen ich überzeugt war, dessen Gefühl und Lebensanschauungen aber in zu starkem Gegensatz zu dem meinigen standen. Hier, wie so oft, erkannte ich die Wahrheit von Göthe's Worten:

»Ganz vergeblich versuchst Du des Menschen Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden; Aber bestärken kannst Du ihn wohl in seiner Gesinnung, Oder wär er noch neu, in Dieses ihn tauchen und Jenes.«

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[Sidenote: Ein Winter in der Heimat.]

Den größten Theil des ersten Winters nach meiner Rückkehr nach Kopenhagen brachte ich in großen Gesellschaften zu; um mich wieder zu erholen und eine alte Freundschaft aufzufrischen, zog ich ein paar Wochen nach Friedrichsburg hinaus, wo mein Jugendfreund Winckler Regimentschirurg war. Während dieser Zeit war ich sein Gast. Wir wanderten in der stillen Winterlandschaft weit umher, sprachen viel mit einander und frischten alte, liebe Erinnerungen auf. Er machte mich mit der Familie des Justizraths und Gestütmeisters =Nielsen= bekannt, wo ich doch nicht den jungen Mann fand, der einige Jahre später so sehr viel zu dem glücklichen Erfolge meiner Tragödien auf der Bühne beitragen sollte. Es machte mir vielen Spaß, all' die gewaltigen Hengste ihre Capriolen machen zu sehen; einer der schönsten und stärksten von ihnen war Palnatoke genannt. Aber auch kleinere Thiere amüsirten mich in Friedrichsburg: ich hatte ein Zimmer gemiethet, da Winckler keines übrig hatte; hier waren Mäuse, und ich zog eine von diesen so, daß sie an mein Bein hinaufkroch und etwas Brot aß, das ich dort hinlegte, während ich am Ofen saß und las. Bei der kleinsten Bewegung schlüpfte das Thierchen wieder in sein Loch. Ich dachte hierbei an Norkroff und viele andere arme Gefangene, die in solcher Gesellschaft ihren einzigen Trost und Zeitvertreib gefunden hatten.

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[Sidenote: Meine Trauung.]

Am 17. Mai 1810 speiste ich mit meiner Christiane bei ihrem Vater in Kopenhagen zu Mittag; darauf fuhr ich mit ihr allein nach Gientofte, wo Herr Pastor =Höegh=, nachdem ich ihm die nöthigen Papiere gezeigt hatte, mit uns in die Kirche ging und uns traute. Als Mann und Frau setzten wir uns wieder in den Wagen und fuhren nach dem schönen Christiansholm bei Seeluft, das uns Graf Schimmelmann freundlich zur Sommerwohnung angeboten hatte.

Dieser Sommer war schön und angenehm. Die munteren witzigen Fräulein =Hammeleff=, die Freundinnen meiner Frau, und der derbe, treue Norweger =Reinhardt= (später Professor der Zoologie und mit der einen Freundin verheirathet) bildeten damals hauptsächlich unsere Gesellschaft, wenn wir nicht auf Seeluft waren. -- In diesem Sommer dichtete ich einige lyrische Gedichte, sowie die Erzählung =Aly und Gulhyndy=. Von den lyrischen Gedichten war =Sigrid mit dem Schleier= das längste. Da der Stoff romantisch ist und sich den Ariost'schen Mährchen nähert, schrieb ich es in Ottaverimen, und die Erinnerung an Italien, das ich vor Kurzem verlassen hatte, verlieh ihm ein südliches Colorit. Aber um doch Denen, die da behaupteten, »daß ich nicht mehr nordisch sei,« zu zeigen, wie wenig ich das Nordische vergessen hätte, schrieb ich zu gleicher Zeit =Harald Fangzahn=, dessen Form stark nordisch ist, in einem schweren alten isländischen Ton, sowohl in Reimen, wie in Reimbuchstaben.

Die herausgekommene Sammlung unter dem Namen von =Dichtungen=, welche kurz darauf durch einen Band =Erzählungen= fortgesetzt wurden, fanden viele Leser und Liebhaber. Aber es hieß doch in gewissen Kreisen, »daß dies nur ein matter Abglanz meiner früheren Gedichte sei.« Ueberhaupt -- mit Ausnahme der Werke, die ich aus der Fremde ins Vaterland sandte, oder kurz vor meiner Abreise herausgab -- ist das Meiste ziemlich streng getadelt worden, wenn es erschien, und gewann erst nach und nach Beifall.

So ging es selbst mit Correggio, obgleich Foersom durch seine geistvolle Darstellung diesem Character auf der Bühne Interesse zu verleihen verstand. »Um Gottes Willen,« sagte ein Mann, der damals viel beim Theater zu thun hatte, »wie kann es nur das Publikum amüsiren, einen armen Maler ein ganzes Stück hindurch ächzen zu hören?« Man hielt damals eine solche Aeußerung, die von einzelnen Anderen wiederholt wurde, für eine Einfältigkeit; aber wir haben gesehen, daß sie selbst von einem Göthe und Tieck unterstützt worden ist.

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[Sidenote: Meine Bekanntschaft mit Christian Stolberg.]

Bei Schimmelmanns machte ich die Bekanntschaft mehrerer bedeutender Personen; unter anderen die des Grafen =Christian Stolberg=, der mir mit geistvoller Freundlichkeit entgegenkam. Sein genialer Bruder =Friedrich Stolberg= war nicht zugegen. Es würde mich gefreut haben, diesen Dichteraar zu sehen und zu sprechen, der Axel und Valborg liebte -- wenn nicht der katholische Mysticismus bereits seine Flügel gestutzt hätte. Auch die Schwester des Grafen Stolberg, =Käthchen=, ein alte Dame, welche umherreiste, und sich bald bei dem einen, bald bei dem andern ihrer Freunde einquartirte, lernten wir kennen. Sie war immer entzückt und exaltirt, aber sehr gutmüthig und hatte vielen Verstand und Bildung. Als sie hörte, daß wir auf Christiansholm wohnten, sagte sie: »Ach, da muß ich Sie besuchen!« Sie kam auch. Auf Christiansholm waren zwei große Zimmer mit Glasthüren zu beiden Seiten. Sie trat durch die eine herein; aber kaum sah sie durch die andere die Bäume, so rief sie: »Ach, wie schön! da müssen wir hinaus!« worauf sie durch die andere ging, und wir mußten mit ihr weiter spazieren, ohne daß es ihr einfiel zurückzukehren. Man erzählte eine komische Geschichte von ihr, wie sie in Holstein, ich glaube beim Grafen Reventlow, in einem Saal der zweiten Etage, ohne es Jemand zu sagen, ein Blumenbeet angelegt hatte, indem sie unbemerkt Erde in ihrer Schürze hinaufschaffte. Diese Rabatte hatte sie voll Vergißmeinnicht gepflanzt und täglich sorgfältig mit Wasser begossen. Eines Morgens, als der Graf zur Decke seines Zimmers emporsah, konnte er nicht begreifen, was das für große, dunkle Flecken seien, die er daselbst bemerkte. Er ließ seinen Verwalter kommen, und als er ihn fragte, was das für Flecke seien, antwortete dieser: »Die hat Comtesse Käthchen gemacht, sie ist verrückt!« Der Graf wurde über diese groben Aeußerungen böse; aber der Verwalter bat ihn mit hinauf zu kommen, und zeigte ihm das Blumenbeet, worauf der Graf antwortete: »Sie ist freilich verrückt; aber Sie sollen es doch nicht sagen.«

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[Sidenote: Käthchen Stolberg. -- Characterzüge Schimmelmanns.]

Hier muß ich einen Characterzug von Schimmelmann erzählen. Er hatte eines Abends ein deutsches Buch politischen Inhalts erhalten, und bat mich, ihm daraus Etwas vorzulesen. Das Buch gefiel mir nicht, weil der Ton mir darin affectirt und schwülstig erschien. Ich las deshalb die übertriebensten Tiraden in einem lächerlichen geschraubten Tone, worüber Schimmelmann endlich böse wurde, mir das Buch aus der Hand riß und sagte: »Nein, so könne man auch die Bibel lesen!« Ich schwieg, obgleich ich heftig bewegt wurde. Er schwieg auch. Die Gräfin knüpfte ein neues Gespräch an; wir setzten uns zu Tisch. Es ging ziemlich still zu, und ich ging nach Hause, nachdem ich höflich, aber verlegen gute Nacht gesagt hatte. Am nächsten Morgen, als wir auf Christiansholm beim Frühstück saßen, rief Christiane, die zum Fenster hinaus die schöne Allee vor dem Hause hinunterblickte: »Da kommt wahrhaftig Schimmelmann!« -- Der herrliche Mann kam, um es wieder gut zu machen, obgleich ich doch eigentlich erst unartig gegen ihn gewesen war, indem ich ein Buch lächerlich machte, das er gern hatte, und aus dem er mich bat, vorzulesen.

Noch einen andern Zug von ihm muß ich erzählen. Es kam einmal in meiner Gegenwart die Nachricht von seiner Baronie Lindenburg, daß daselbst ein Schiff gestrandet sei, worauf er das Strandrecht hatte. »Das ist ein eigner Fall!« rief er, und fuhr fort, indem er auf mich zeigte: »das muß Aladdin haben!«

Daß es ein falsches Gerücht war, und daß Aladdin also Nichts bekam, dafür konnte Schimmelmann nicht; er hatte doch den guten Willen gehabt.

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[Sidenote: Geburt meiner Tochter Charlotte.]

Im nächsten Frühjahr 1811 am 21. April wurde meine älteste Tochter geboren; die Gräfin Schimmelmann hielt sie über die Taufe, und sie wurde nach dieser »Charlotte« genannt.

Wir brachten wieder eine kurze Zeit des Sommers auf Christiansholm zu. Aber dies war das Kometjahr, und das führte eine abscheuliche Hitze mit sich, die ich nicht vertragen konnte. Im Anfange hielt ich mich doch noch tapfer, und um meinen Landsleuten noch ferner zu beweisen, daß ich das Nordische nicht vergessen hatte, dichtete ich die Tragödie =Stärkodder=. Aber kurz darauf bekam ich das kalte Fieber und die Gelbsucht. Christiansholm ist wunderschön beim Thiergarten gelegen; aber von Sümpfen umgeben; diese hauchten in dem heißen Jahre wahrscheinlich stärkere Dünste als gewöhnlich aus; es lagerte ein weißer Nebel über ihnen, wenn ich in der Abendkühle spazieren ging. Der vortreffliche Arzt =Callisen= besuchte mich. Er hatte mich stets seit der Zeit lieb gehabt, wo ich ihm bei seinem Rücktritt von der Universität ein Abschiedslied dichtete. Aber ungeachtet seiner Hülfe kam das kalte Fieber doch immer wieder.

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[Sidenote: Ein seltsamer Besuch.]

Eines seltsamen Nachmittags aus jener Zeit entsinne ich mich noch deutlich. Meine Frau war in Kopenhagen, es regnete heftig; ich ging in den großen einsamen Zimmern allein, unbarbirt und gelb, wie ein Zigeuner umher und fing an, die Fieberkälte zu empfinden. In demselben Augenblick trat das Mädchen ein und sagte: »Die Gräfin Schimmelmann stehe draußen mit einer großen Gesellschaft, die mir eine Visite machen wolle.« -- Ich sah durch das Fenster eine Menge wohlgekleideter, munterer, gesunder Menschen, die von einem guten Mittagstisch kamen, und nun zum Dessert den Poeten in der Waldwohnung sehen wollten. Es war mir unmöglich, sie zu empfangen; das Mädchen mußte der Gräfin sagen, daß ich mich niedergelegt hätte. Von einem Winkel aus sah ich die große Gesellschaft wieder durch die Bäume verschwinden, und trotz meines Fiebers athmete ich einen Augenblick leichter, als ich der drohenden Gefahr entgangen war, den Schöngeist in einem Augenblicke spielen zu müssen, wo ich nichts weiter, als ein armer, kranker Mensch war. -- Ich setzte mich nun in den Lehnstuhl und wollte mich wirklich auskleiden und zu Bette gehen, als ich in demselben Augenblicke die Augen aufschlug, und einen fremden Mann vor mir in der Halle stehen sah. Er war ziemlich schlecht gekleidet, hatte ein sehr blatternarbiges Gesicht und eine sonderbare Miene. In meinem Fieberzustande fing ich an, an die Möglichkeit eines Räubers zu denken, als er in demselben Augenblicke sehr freundlich den Mund öffnete, und sagte, daß er vom Dr. S. gesandt sei, ob ich ihm nicht die =Schrift= leihen wolle? -- Ich glaubte erst, er wolle die Bibel haben; aber als es zu näherer Erklärung kam, war es »Bürger Qvist,« der den Harlequin im Thiergarten spielte und gehört hatte, daß ich seine Komödie in Verse gebracht hätte (Sct. Johannisabendspiel) und nun wünschte, sie in dieser Gestalt zu lesen. Ich hatte das Gedicht nicht zur Hand und mußte ihn unverrichteter Sache fortgehen lassen. -- Als er fort war, verfiel ich in verschiedene traurige Betrachtungen. »Es waren andere Zeiten,« dachte ich, »da du noch als Kind dich draußen an dem Harlequin erfreutest. Nun sitzest du hier, hast Fieber und Gelbsucht und blickst dem prosaischen Entrepreneur in die Coulissen. Die Illusion ist aufgehoben, die Kindlichkeit verschwunden; und was ist der Mensch ohne Kindlichkeit und Illusion?« -- Nun kam das kalte Fieber, und so denkt ein Fieberpatient. Dem gesunden, frischen Dichter fehlt es nie an Kindlichkeit, nie an freudiger Illusion. Selbst in seinen Wehmuthszähren spiegelt sich ein schönfarbiger Regenbogen, der den Himmel mit der Erde verbindet; und seine begeisterte Kraft erhärtet diesen lustigen Bogen zu einer Brücke, auf welcher =Thor= mit allen Göttern herabreitet.

Das kalte Fieber kehrte immer wieder; ich wurde immer matter und gelber, und hätte mich meine Frau nicht, nach Callisen's Rath, in einen wohlverwahrten Wagen eingepackt, und mich zur Stadt gefahren -- so hätte ich mich vielleicht niemals erholt.

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[Sidenote: Die Tragödie Stärkodder.]

In meiner neuen Tragödie Stärkodder hatte ich die Idee der =Reue= und der =Besserung= eingeflochten. Wenn diese Worte nicht nur ein hohler Klang sind, so muß eine solche Veränderung bei dem Menschen möglich sein. Hier ist nicht die Frage: konnte ein Mann, wie Stärkodder, eine ehrlose Handlung begehen? sondern die Frage ist: konnte ein Mann, der jene Handlung begangen hat, ein Mann wie Stärkodder werden? -- Und das glaube ich zur Ehre der Menschheit. -- Man muß sich in jenes Zeitalter versetzen. Ein Mensch, der ein solches Verbrechen =jetzt= beginge, wäre ein Elender, der ohne Zaudern dem Tode überantwortet werden müßte. -- Aber was wünscht Stärkodder? Nur den Tod! Und wie wird er gestraft? mit dem Leben, das ihm eine drückende Last ist. In den heidnischen Zeiten war Mord und Todtschlag so allgemein, daß man sich nicht die Bedenken über dergleichen Handlungen machte, wie in unseren Tagen; Geldgier war das allgemeine Laster der industrielosen Barbarei, und die Industrie hat es nicht ausgerottet, obgleich sie sich seltner so plumper Mittel bedient. -- Er hatte in einem übereilten Augenblicke im Rausche den Mord begangen. Das Gewissen verfolgt ihn während glänzender Thaten, »jede einzelne groß genug für einen Mann, um der Unsterblichkeit gewiß zu sein.«

»Hier steht ein andrer Mann, ein fremdes Wesen; Ein Name nur: Stärkodder ist geblieben In der Vergangenheit. Was ist Stärkodder? Ein Laut, ein Klang, ein Nichts! Und doch muß er Für jenes jungen Thoren Unrecht büßen!«

Doch endlich werden die Götter versöhnt, -- und diese nordisch-heidnischen Götter -- die (gleich den griechischen) mehr die ewigen Naturkräfte, als die moralischen Vollkommenheiten repräsentiren, bedenken sich nicht, den tapfersten Sterblichen in ihre Zahl aufzunehmen.

Diese dramatische Handlung verband ich mit =Episoden=, indem ich mich in Bezug auf Solches an die Shakespeare'sche =Historie=, sowie in den großen Situationen an die lyrisch-pathetische griechische Tragödie hielt. Ich glaube, daß diese Episoden, die, wie Aristoteles es verlangt, theils nach Nothwendigkeit, theils mit Wahrscheinlichkeit der Haupthandlung angeknüpft sind, diese unterstützen und das Stück =interessant= machen, was heut zu Tage keine Tragödie entbehren kann; obgleich ich wohl weiß, daß das Pathetische das Interessante überwiegen muß, und auch hoffe, daß dies im Stärkodder wie in meinen anderen Tragödien der Fall ist.

=Knudsen= spielte den Stärkodder; und obgleich diese Rolle außerhalb seines Faches lag, kam ihm doch seine Begeisterung, seine Kraft und sein nationales Gefühl zu Hülfe und war von Wirkung; doch war es erst einem =Ryge= vorbehalten, den eigentlichen Stärkodder darzustellen.

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[Sidenote: Unbedeutendere Dramen.]

Meine folgenden Dramen waren unbedeutender. Ein Maler kann nicht immer große historische Gemälde schaffen; er malt auch zur Abwechselung, während der Geist zu größeren Werken ruht, kleinere Genrebilder. Ich hatte Lust, den leichten französischen Conversationston in gereimten Versen zu versuchen, und schrieb den =Canarienvogel=. Ein Scherz mit einem gutmüthigen, alten Manne, der ohne Ursache aus seine junge, schöne Frau eifersüchtig ist, und dafür von seinem eignen Bruder durch einen kleinen Schrecken gestraft wird. Wäre man damals ebenso, wie jetzt, in dieser leichten gereimten Diction geübt gewesen, so hätte das Stück vielleicht mehr Wirkung hervorgebracht. Ich habe es später umgearbeitet und verkürzt und glaube, daß es dadurch gewonnen hat. In »=Ehrlich währt am längsten=« verlangte ich zu Viel von dem theaterbesuchenden Publikum. Ich hatte nicht an Göthe's Worte in dem Vorspiel zum Faust gedacht: »Wir wollen stark Getränke schlürfen.« Ich wagte ein kleines naives Idyll ohne Musik, ohne Intrigue, aber -- nach dem Urtheil der Kenner -- nicht ohne poetisches Leben darzustellen. Ein einfältiger, alter Bischof, übrigens ein gutmüthiger Mensch, der an der Ehrlichkeit zweifelt, wird durch die natürliche Unschuld eines jungen Hirten beschämt; und die Rheingegend des südlichen Deutschlands dient dieser Skizze zum Hintergrunde. Diese kleinen Arbeiten zugleich mit =Faruk= wurden nun von meinen Gegnern als mißglückte Bagatellen betrachtet, welche deutlich zeigten, daß ich nicht mehr Der sei, der ich gewesen war.

[Sidenote: Die Tragödie Hugo von Rheinberg.]

Mehr Wirkung machte die Tragödie =Hugo von Rheinberg= (geschrieben im Jahre 1813), obgleich sie weder vaterländisch noch historisch ist. Hier ist Alles in der von mir selbst erfundenen, tragischen Hausscene auf Effect abgesehen. Ritter Hugo und Frau Bertha fliegen wie Nacht-Schmetterlinge in das Licht, das ein unglückliches Schicksal ihnen vorhält. Kunigunde und Ritter Walther sind trotz ihrer tugendhaften Eigenschaften durch Unvorsichtigkeit und Eigensinn selbst Schuld an ihrem Unglücke. Sie bringt unvorsichtiger Weise Bertha auf die Burg zu Hugo, nachdem Walther Bertha verlassen hat, um auf Abenteuer auszugehen. In ihnen Allen geht etwas Gutes zu Grunde, welches Rührung erweckt. Ein Don Quixote aus dem Mittelalter, Moritz, und sein plumper Vater Ruprecht, werfen in humoristischen Scenen Lichtpartieen in das dunkle Gemälde. Auch sie gehen durch eigne Schuld zu Grunde. Der Eine im eitlen Gezänke, der Andere durch blutigen Rachedurst. Der dänische Harald ist der vernünftigste. Die Scene, in welcher er im Snorro Sturleson liest, und wo der Harnisch herabfällt, ist immer von Wirkung, obgleich man im Voraus weiß, was geschehen wird. Einige werden meinen, daß er leben bleiben und zum Vaterlande zurückkehren müsse; aber er ist doch auch einseitig leidenschaftlich in seiner Freundschaft und wünscht selbst den Tod, um seinem einzigen Freunde zu folgen. So gehen alle heroischen Personen in diesem Gemälde starker Leidenschaften zu Grunde; nur idyllisches Glück, auf bescheidene Weise und Genügsamkeit gegründet, zeigt sich als tröstender Gegensatz bei ihren Dienern.

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[Sidenote: Eine Burschenschaft. -- Der Conferenzrath Brandis.]

Während dieser Zeit lernte ich in den vornehmen Zirkeln einen höchst interessanten Mann, den humoristischen, genialen Etatsrath (spätern Conferenzrath) =Brandis= kennen. Wenn ich ihn hörte, so war mir's, als ob Kästner und Lichtenberg wieder auflebten, um mehr Witze zu machen, aber als ob Göthe ihnen seine geistreichen Beobachtungen für die kleinen characteristischen Züge des Lebens und seine freundliche Ironie geliehen hätte.

Brandis und ich bekamen Lust, eine derjenigen ganz entgegengesetzte Gesellschaft zu gründen, in der wir unsere erste Bekanntschaft gemacht hatten, wo aber doch auch den Musen gehuldigt werden sollte. Er hielt medicinische Vorlesungen und es waren mehrere Kieler Studenten nach Kopenhagen gekommen, um ihn zu hören. Nun stifteten wir eine =Burschenschaft=; er, um diesen Spaß noch ein Mal in seinem Leben durchzumachen, ich, um ihn überhaupt ein Mal durchzumachen, da ich ihn nie vorher gekannt hatte. Sein ältester Sohn, der jetzige Professor Christian Brandis in Bonn, und unser Freund (späterer Conferenzrath) =Bech=, der in Deutschland gewesen war, nahmen Theil daran. Die Gesellschaft war bald bei dem Einen, bald bei dem Andern, gerade so, wie ein Collegium politicum. Man saß da an einem langen Tische bei Butterbrod, Bier, Branntwein und Tabak. -- Ich rauchte nicht mit, ließ mich aber gern von den Anderen einräuchern. Und nun kamen wieder alle alten, lustigen Geschichten an den Tag. Man konnte sich mit Rücksicht auf die Form keinen größern Unterschied zwischen diesem und dem feinen Damenzirkel denken; aber in der Hauptsache glichen beide Gesellschaften doch einander, in soweit, als sich geistreiche Menschen darin, zum Theil poetisch, unterhielten. Daß diese Burschenschaft übrigens von zahmerer Natur war, als die deutschen, war eine Folge der Ueberpflanzung auf dänischen Grund, und daß zwei Professoren als Mitglieder an derselben Theil nahmen.

[Sidenote: Anekdoten von Brandis.]