Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Part 2

Chapter 23,518 wordsPublic domain

Rahbek empfing mich sehr liebevoll, und mir war es eine große Freude, die liebenswürdige Karen Margrete wieder auf dem Hügelhause zu sehen; aber Rahbek's Freundlichkeit für mich fing doch bald an, sich aus folgenden Gründen abzukühlen. Zuerst hatte er die Absicht, eine neue Zeitschrift herauszugeben, an deren Herausgabe ich mich betheiligen sollte; aber ich hatte durchaus keine Lust dazu, theils weil es mich im Dichten gehindert haben würde, wenn ich zu gleicher Zeit eine Zeitschrift und die Vorlesungen hatte besorgen sollen, theils weil Rahbek gerade damals durch eine zu flüchtige Behandlung seiner Arbeiten und dadurch, daß er sich in Federkriege einließ, einen Theil seines literarischen Ansehens eingebüßt hatte. Diese abschlägige Antwort sagte ihm nicht zu, und als eine junge Schauspielerin, auf die er außerordentlich viel hielt und von der er geglaubt hatte, daß sie die Hauptrollen in meinen Tragödien spielen würde, mir nicht gefiel, so trug auch dies etwas dazu bei, die Freundschaft abzukühlen. Doch war er an dem Tage sehr liebevoll, wo er zum Ritter des Dannebrogordens ernannt wurde, welche Ehre ich erst mehrere Jahre später erlangte. Er bat mich an dem Tage, wo er Ritter geworden war, die Nacht über bei mir bleiben zu dürfen, da es zu spät sei, nach dem Hügelhause zu gehen. Dies war das einzige Mal, wo er mein Schlafkamerad und zwar in einem sehr engen Bette war, und ich dachte dabei an die Nacht in Paris, wo Baggesen auf ähnliche Weise mein Gast wurde.

Rahbek hatte viel Eigenthümlichkeiten, und einer von dieser verdankte ich meine gute Stellung im bürgerlichen Leben. Er war nämlich mehrere Jahre lang Professor der Aesthetik an der Universität gewesen, als es ihm plötzlich einfiel, seinen Abschied aus einem höchst sonderbaren Grunde zu nehmen: weil man ihm vorgeworfen hatte, daß er die Kant'sche Philosophie nicht studirt habe. Nun lebte er davon, daß er schrieb und übersetzte und Lehrer der Geschichte und des Lateinischen in einer Privatschule war. Wäre dies nicht geschehen, so würde ich wahrscheinlich nie Professor geworden sein, und Gott weiß, was ich dann geworden wäre. Vielleicht wäre ich dann nach Deutschland zurückgegangen (wo Correggio viel Glück gemacht hatte) und wäre ebenso wie Steffens nach und nach ein Deutscher geworden.

[Sidenote: Vorlesungen über Ewald und Schiller.]

Aber das war nun, Gott sei Dank, nicht der Wille der Vorsehung. Ich wurde hier Professor und wenn ich auch kein Kantianer war, so hatte ich doch ein volles Haus im Ehlers'schen Collegium. Im ersten Winter las ich über Ewald, im zweiten über Schiller. Ich wiederholte diese Vorlesungen im Local der harmonischen Gesellschaft vor Herren und Damen, hatte viele Zuhörer und zählte unter diesen Schimmelmann, Bernstorff, Admiral Bille, Geheimrath Moltke, Oersteds, Professor Mynster, Etatsrath Kirstein u. s. w.

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[Sidenote: Aufnahme meiner Tragödien in der Heimat.]

Ich war fünftehalb Jahre fortgewesen und hatte die Eitelkeit keines Menschen durch meine Anwesenheit verletzt; man hatte meine heimgesandten Schriften nur gelesen, wie man die hinterlassenen Werke eines todten Mannes liest, und so kam es denn mit mir, wie es oft viel Schlechteren begegnet, daß ich zur =Mode= geworden war. =Hakon Jarl= hatte außerordentliches Glück gemacht. Es war dies die erste auf die Geschichte begründete poetische Schilderung aus dem Heldenleben des heidnischen Alterthums, welche auf der Bühne dargestellt wurde. Dies allein hätte doch nicht soviel Wirkung auf das größere Publikum ausüben können, wenn nicht auch Hakon's Verhältniß zur Thora, oder richtiger gesagt: ihres zu ihm, die Herzen der Weiber gerührt hätte. Beim =Palnatoke= war dies nicht der Fall; da war gar keine Liebe und deshalb war das Schauspielhaus bei den ersten Vorstellungen auch ziemlich leer; aber =Axel und Valborg= machte Alles wieder gut; da gab's Liebe von Anfang bis zu Ende. Obgleich das Stück noch nicht gedruckt war, so war es doch überall bekannt, man hatte gewußt sich Abschriften davon zu verschaffen; diese wurden zu theuren Preisen verkauft, und so hatte man das Vergnügen, sich in die Mönchzeit vor Erfindung der Buchdruckerkunst zurückzuversetzen, wo ein schön abgeschriebenes Exemplar den Genuß erhöhte, weil es seltener war, und weil man etwas genoß, das Andern nicht zu Gebote stand. Reiche Engländer amüsiren sich ja noch oft damit, einige wenige prächtige Exemplare als Manuscript drucken zu lassen. -- =Correggio= wirkte nun wieder auf eine andere Weise, während darin doch zugleich wieder Stoff genug für fühlende Herzen war. Sowie Hakon Jarl den Sinn für das Altnordische geweckt hatte, weckte Correggio den Sinn für die Kunst, und war vielleicht eine der ersten Triebfedern zu ihrem fleißigen Studium in Dänemark, das später reiche Früchte trug. Was die damalige Aufführung dieser Stücke betraf, so läßt dieselbe sich auf keine Weise mit der Aufführung späterer Zeiten vergleichen. -- Meine Hauptstütze war gefallen; der Künstler, auf den ich am meisten gerechnet hatte, der herrliche =Rosing= war lebend todt. Seitdem habe ich selten an einen bestimmten Schauspieler gedacht, wenn ich meine Dramen schrieb, was ihnen oft geschadet hat. Denn man kommt hauptsächlich ins Schauspielhaus, um die Schauspieler zu sehen; sie können ein mittelmäßiges Stück interessant machen, und ein gutes Stück, das im Ganzen schlecht gespielt wird, wird langweilig. Aber es war mir unmöglich, die idealen und neuen Charactere, die ich darzustellen suchte, nach gewissen bekannten Menschen zu formen. Mit Rosing als Hakon Jarl war es doch etwas Anderes! Alles in dieser Rolle paßte für ihn. Er war voller Feuer und pathetisch, konnte kalt und klug sein, war ein Bewunderer des weiblichen Geschlechts und ein kräftiger Norweger von Nidaros. -- So =war= er, als ich ihn kannte; jetzt bei meiner Heimkehr saß er, von einer schrecklichen Gicht darniedergebeugt und konnte weder Hand noch Fuß rühren. -- =Schwarz=, früher in komischen Rollen vortrefflich, war später als würdiger Vater in bürgerlichen Dramen ausgezeichnet; =Frydendahl=, Thalia's auserwählter Liebling, konnte in mißglückten Versuchen unter Melpomene's Fahne Rosing nicht ersetzen.

[Sidenote: Deren Darstellung auf der Bühne.]

Aber ein ehrenwerthes Künstlerkleeblatt, ohne dessen Hülfe es mir unmöglich gewesen wäre, durch die Bühne zu wirken, darf ich nicht vergessen. Ich hatte die Freude, Diejenige, die mich vor 16 Jahren als Dyveke und Kathinka entzückt hatte, =Heger's= Gattin, früher =Marie Smith=, als eine edle Thora, als Valborg, als Marie im Correggio zu sehen. -- =Stephan Heger=, der in der letzten Zeit ganz die Lust zu spielen verloren hatte, lebte durch meine Stücke gleichsam wieder für die Kunst auf. Der hübsche, gebildete, geistreiche Mann mit dem schönen Organ erfreute Alle als Einar Tambeskjälver, als Thorwald und als Giulio Romano.

[Sidenote: Mein Freund der Schauspieler Foersom.]

Der dritte im Kleeblatt war mein lieber =Foersom=. Er hatte =sehr viel mehr=, als was er auf dem Theater gebrauchte, aber Etwas, was er dort nothwendig haben mußte, fehlte ihm: ein starker Körper und ein deutliches Organ. Dies mußte er durch Anstrengung zu ersetzen suchen und die sichtbare Anstrengung in der Kunst schwächt stets den Eindruck. Aber Foersom war ein Mann von Genie. Er hätte ein vortrefflicher Philologe werden können, und er war Dichter; Dichter mehr als Schauspieler. Einige seiner lyrischen Stücke tragen unverkennbar das Gepräge der Originalität; als Shakspeare's Uebersetzer machte er Epoche. Seine Uebersetzungen bedürfen vielleicht der Berichtigung und es fehlt ihnen zuweilen die Feile; aber Shakspeare hat auch keine Feile gebraucht, und in Foersom's feuriger Uebertragung tritt der eigentliche Shakspeare oft stärker, als in A. W. Schlegel's oft allzu correcter und glatter Bearbeitung hervor, so gut diese auch übrigens ist.

Der Shakspeare'sche Humor war Foersom's eigentliches Element, und deshalb war auch der tiefsinnige, mit seiner Schwäche kämpfende =Hamlet= seine beste Rolle. -- Friede sei mit Deinem Staube, guter Foersom! Ich bewahre noch das Exemplar Deines Lear's und Romeo's, in das Du geschrieben hast: »Dem Zwillingsbruder William Shakspeare's.« Ich bin stolz darauf, daß =Du= mir das gesagt hast. -- Geist und Gefühl des kräftigen Helden vermochte er darzustellen; aber das Erotische schien nicht gerade das zu sein, womit der tiefsinnige, launige Foersom am meisten sympathisirte.

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[Sidenote: Madame Schirmer als Thora.]

Axel und Valborg machte Glück; doch entging es nicht dem Tadel der Mitglieder der ältern Schule. Der verstorbene Professor Kierulf fand es unnatürlich, daß Axel ein =Schwanenlied= sang, ehe er starb. Ich hatte nämlich »Schwanengesang« über Axel's letzten Monolog geschrieben, worunter ich nichts Anderes, als seinen Herzensseufzer im Tode meinte. Es wäre vielleicht besser gewesen, jene Ueberschrift auszulassen. Als man Thaarup einmal während der Aufführung fragte: »Woran stirbt Valborg?« antwortete er: »An einem Liede!« Valborg's Tod mag etwas Auffallendes und für Viele etwas Unnatürliches haben; aber ich glaube doch nicht, daß es unmöglich ist, und das ist für den Dichter genug. Ich habe später einmal in Dresden eine Madame =Schirmer= gesehen, welche den Tod der Valborg dadurch motiviren wollte, daß sie vom 3. Acte an ein gewisses schmachtendes Dahinschwinden andeutete, welches Valborg zu verbergen sucht; aber dies verdirbt das Ganze, ohne die Einzelnheiten zu retten. Valborg's Herz muß plötzlich durch einen Nervenschlag brechen, den ihr überspannter Zustand herbeiführt. Sie stirbt also stark bewegt und entschlummert nicht elegisch. Es würde leicht sein, ihren Tod ohne Nachtheil für das Stück zu verändern; aber davor werde ich mich wohl in der Ausgabe der Tragödien selbst hüten. Die Leser sind nun einmal an die alte Form gewöhnt und mit ihr zufrieden, und würden eine solche Veränderung für einen Eingriff in das öffentliche Eigenthum ansehen. Wenn indessen Etwas an der sogenannten Künstlerunsterblichkeit ist, so muß sie doch wenigstens einige Menschengeschlechter überleben. Es wird also eine Zeit kommen, wo man sich auch von Jugend auf an die Veränderungen in einem Dichterwerke ohne Verlust persönlicher Gefühle und Erinnerungen gewöhnen kann. Für diese -- und für die Leser der Jetztzeit, die sich, wenigstens in einer Biographie für die verschiedenen Ideen eines Verfassers interessiren dürften, will ich hier einen Monolog anführen, den ich in späteren Jahren gedichtet habe, und mit dem Valborg das Stück beendigen könnte, wenn Wilhelm seine letzte Replik gesagt hat, und sie todt glaubt.

[Sidenote: Neue Schlußscene zu Axel und Valborg.]

Valborg

(erhebt sich von Axel's Leiche und nähert sich Wilhelm):

Nein Herr! Ihr habt nicht recht gesprochen! Hoch Euer Lied ich preise, Doch Valborg's Herz ist nicht gebrochen. Durch Aage's und Else's Weise.

Der Tod wird langsam mich bezwingen Bis dann in's Grab ich steige. Doch kann ich leicht dies Opfer bringen, Daß meine Treu' ich zeige!

Kommt nun, Herr Bischof! zu Gottes Ruhm Woll't mir den Segen ertheilen! In jenem dunkeln Heiligthum Will bis zum Tod ich weilen.

Kommt Jungfrau'n nun, und Ritter werth, Es schaff't Euch keinen Harm! Kommt, weih't mich, und werfet die dunkle Erd' Ueber jung Valborgs Arm.

Nun gehet Valborg mit Nonnen daher Und betet die frommen Messen. Versäumen wird sie's nimmermehr Und Axel nie vergessen.

Besser doch nimmer geboren sein, Als nur sich in Leid zu versenken; Wenn die Sonne taucht in das Meer hinein Verlor'ner Freuden zu denken.

Gott denen verzeihe, die Ursach' sind Daß die nicht zusammen geblieben, Die einander so treu von Herzen geminnt Und in Zucht und Ehren sich lieben!

So würde die Tragödie sich fromm und recht an das alte Lied anschließen, von dem sie ausging, und Valborg's Tod, wenngleich im Grund derselbe, würde natürlicher erscheinen.

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[Sidenote: Das Mißgeschick.]

Ich hatte mir im ersten Winter nach meiner Rückkehr ein großes Zimmer gemiethet, in dem auch mein Bett stand. Hier empfing ich fleißig Besuch. Mein alter Freund Weyse kam auch zu mir, und wollte durchaus haben, daß ich ihm gleich ein Singspiel schreiben solle, welches er componiren könne. Hier fing nun mein Mißgeschick an; in dem sichern Vertrauen auf mein poetisches Ansehen und den Beifall, den ich unbedingt genoß, beeilte ich mich, mitten in dem Schwarm von Besuchen und Unterbrechungen eine Skizze, =Faruk=, zu entwerfen, die zwar nicht ohne Poesie war, aber doch keine strenge Kritik aushalten konnte. Weyse war sehr zufrieden damit und ging gleich an die Arbeit. Als er fertig war, mußte ich zum Könige hinauf gehen, und um ein Benefiz auch für den Componisten bitten; denn es war nur eins für den Verfasser bestimmt, das wir dann hätten theilen müssen, und damit war Weyse nicht zufrieden. Der König war im Anfange dagegen, und machte es mir zum Vorwurf, daß ich das Stück nicht Kuntzen, der Kapellmeister war, gegeben hatte; als ich aber seiner Majestät vorstellte, daß ein so großes Genie, wie Weyse, doch auch Gelegenheit haben müsse, sich zu zeigen, fand er sich darein, und bewilligte Jedem von uns ein Benefiz. Das erste kam mir zu; aber ich überließ es Weyse. Dasselbe mußte ich ein paar Jahr später mit =Ludlams Höhle= thun. Bei Faruk aber, das auch nicht gut gegeben wurde, begannen nun allmälig sich die Wolken des Tadels gegen mich zusammenzuziehen. Von Deutschland aus hatte ich weiter keine Hülfe, obgleich Correggio auf allen Bühnen gespielt wurde und eine Reihe von Jahren hindurch außerordentliches Glück machte. Aber -- ich hatte nun Göthe gegen mich, ich hatte die sogenannte romantische Schule verlassen, und dadurch Tieck und Steffens gegen mich lau gemacht. Meine Gegner und Neider in Dänemark fingen an, die Köpfe zusammenzustecken. =Sander= war immer feindlich gegen mich; er hatte zwei Stücke: »das Hospital« und »Knut Lavard« geschrieben, die ausgepfiffen wurden; nicht von einer einzelnen kleinen Partei der Menge gegenüber, sondern die Menge selbst verurtheilte sie. Daran sollte ich nun Schuld sein, obgleich ich während der Execution nicht zugegen gewesen war und die Stücke vor meiner Heimkehr nicht kannte.

[Sidenote: Sander und seine »Alphabete«.]

Sander hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, ehe er herkam und rühmte sich oft aller der »Alphabete,« die er herausgegeben hatte. Das Glück, welches sein Niels Ebbesen machte, der Dänisch geschrieben war, nachdem er die Fertigkeit der Sprache erlangt hatte, übte einen schädlichen Einfluß auf seinen moralischen Character aus. Ein paar Jahre lang ging er in dem Glauben umher (in dem auch Rahbek ihn bestärkte), daß er ein sehr großer Dichter sei, und -- wenn er so fortführe -- Dänemarks erster Tragiker werden könne. Das Alles fiel nun zu »Hospital« und »Knut Lavard« hinab, und die Verachtung, die diesen matten Arbeiten gezeigt wurde, machte ihn ganz verdreht im Kopf. Ich habe erzählt, daß er eine kurze Zeit in der Schule für die Nachwelt, als ich noch Zögling daselbst war, Unterricht im Deutschen gab. Daß dieser Zögling vier Jahre darauf ihn verdunkeln würde, hielt er der Natur nach für ganz unmöglich und betrachtete es als eine abscheuliche Kabale. Ich erstaunte im hohen Grade, als ich den Mann, der in der Schule unablässig Tugend und Humanität im Munde führte, so schwach sah, daß er sich zu schamlosen Angriffen meines moralischen Characters herabließ. Es ging so weit, daß einer meiner Freunde ihm mit dem Gerichte drohte. Vor diesem Freunde that er privatim Abbitte, und entschuldigte sich damit, daß er krank geworden wäre, wenn er seiner Galle gegen mich nicht Luft gemacht hätte.

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[Sidenote: Die Dichtung und das Strenghistorische.]

Aber Sander war nicht mehr gefährlich; dagegen traf ich bei meiner Heimkehr einen gewissen historischen Eifer an, der der Poesie mit dem Untergange drohte. Durch Dichterwerke angeregt, hatte man gelernt, die alten Heldensagen zu schätzen; man legte sich gründlich auf dieses Studium, und das war gut und recht; aber nun fand man, daß die Dichter die Geschichte allzu oberflächlich behandelt hätten; man meinte viel weiter in der Kunst zu kommen, wenn man sich nur an das Strenghistorische hielte. Die Dichter sollten treue Bilder des Alterthums zeichnen, durchaus ihre eigne Natur, die eigne Zeit, ihre Denkungsart verleugnen und sich in eine barbarische Zeit versetzen; erst dann erhielten ihre Werke tiefere Bedeutung, Wahrheit und Schönheit. -- Ich glaubte und glaube noch, daß die Poesie sowohl Vergangenheit, wie Gegenwart, und weder das eine oder das andere =allein= sein sollte. Ich unterschrieb Schiller's Worte:

»Alles wiederholt sich hier im Leben, Ewig jung ist nur die Phantasie; Was sich nie und nirgends hat begeben, Das allein veraltet nie.«

Der Dichter muß dem Ideale nachstreben; das menschlich Schöne besteht in einer harmonischen Verbindung geistiger und körperlicher Vollkommenheiten. Zu verschiedenen Zeiten hat bald das Geistige, bald das Körperliche geherrscht; der Dichter muß Etwas von Beiden aufgeben, um sie Beide vereinigen zu können. Seine Helden dürfen weder Barbaren noch Philosophen sein, sondern kräftige Menschen mit Verstand und Herz. Er muß also Etwas von der Bildung und Milde seiner Zeit über die allzu wilde Kraft der alten Heldenzeiten ausbreiten. Diese giebt die Handlung und die Charactere, aber er muß zu großem Theile die Barbarei entfernen. Kurz, er muß im Geiste Palnatoke's handeln, wenn dieser sagt:

»Ihr Brüder! =Kraft= und =Frömmigkeit=, das sind Die beiden Flammen, die ins Leben strahlen. Es scheint die Kraft der Sonne gleich am Tage, Und weckt mit ihren starken Sommerstrahlen Die schönen Blumen aus dem todten Grunde; Es leuchtet Frömmigkeit ein bleicher Mond, Verleiht den Blumen ihren schönsten Reiz.

Doch diese beiden Flammen müssen =wechseln=! Denn wenn der Sonne Gluthen ewig brennen, So wird der Garten einer Wüste gleich, Der Held ein Irrlicht; strahlt der Mond Beständig seine frommen matten Flammen, So schwindet bald des Lebens Macht, der Mensch Wird zum Gespenste, das vor seinem Tode Umherirrt in der Nacht verschwiegnen Gräbern.«

[Sidenote: Die Grundtvig'sche Schule.]

In diesem Geiste habe ich meine Tragödien gedichtet. -- Aber bei meiner Rückkehr fand ich einen neuen Absenker der neueren Schule mit einiger Variation der vorigen, aber doch in demselben Geiste, dessen Anführer =Grundtvig= war. Dieser geniale, aber -- meiner Ueberzeugung nach -- allzu einseitige und schwärmerische Mann hatte mit zwar seine »Scenen aus dem Untergang des Heldenlebens« dedicirt, aber ich bemerkte doch bald, daß er zugleich gegen mich kämpfte.

Trotz all' der Huldigungen und des Lobes, das ich von ihm bekommen hatte, konnte ich doch nicht sonderlich zufrieden sein; seine Ansicht war, daß ich den ersten -- halb geglückten, halb mißglückten -- Versuch gemacht, und so eigentlich nur Anderen den Weg gebahnt habe. Ich las Grundtvig's Heldenscenen, und obgleich diese, wie er selbst sie nennt, nur Gespräche ohne dramatische Handlung und Kunst sind, so staunte ich doch über das Feuer und die Kraft in der Sprache, über die Vertrautheit mit den alten Sagen, welche ihn mit Wörtern und Ausdrücken und mit vielen characteristischen Zügen in den Schilderungen bereichert hatten, die dieses Buch zu einem merkwürdigen Produkte der dänischen Literatur machen. Er war in einer gewissen Richtung der Geschichte um einige Linien auf dem poetischen Compaß näher gekommen, als ich; aber alle seine Helden waren doch nur lyrisch begeisterte Wortführer der rohen Kraft; und dies geht sogar so weit, daß Vagn Akison ohne Mißbilligung der Anderen damit prahlt, einem Sklaven ein Auge ausgeschossen zu haben, als er es versuchen wollte, Palnatoke's Schuß nach dem Apfel auf des Sohnes Haupte nachzumachen. In der ältesten nordischen Geschichte finden sich doch nur wenige Züge solchen aristokratischen Hochmuths und solcher Grausamkeit, an denen die Geschichte des Mittelalters so reich ist. Was die objectiven Darstellungen betraf, so wagte ich stets zu glauben, daß ich mehr altnordisch sei, als Grundtvig, bei dem das subjective Streben sich stets vorherrschend äußerte.

[Sidenote: Mein Briefwechsel mit Grundtvig.]

Er ging bald einen ganz entgegengesetzten Weg. -- Er bewunderte nicht mehr Thor's Hammer; nicht das Christenthum, wie ich es fühlte, stellte ihn zufrieden; er schrieb mir ein Mal einen Brief, und ich beantwortete ihn. Da wir später unsere Ansichten nie unterdrückt haben und diese in der langen Zwischenzeit wohl kaum viel verändert worden sind, will ich hier diese Briefe auszugsweise mittheilen. Grundtvig schrieb:

»Wie ich über Sie und Ihre Werke urtheile, wissen Sie vielleicht; aber ich will es Ihnen doch sagen; denn ich will mich nicht bei Ihnen einschmeicheln, unser Verhältniß aufklären will ich, damit es dann von unsern Herzen und nicht von Mißverständnissen abhängt, welche Stellung wir einander gegenüber einnehmen sollen.«

»Wenn Sie einst in der Erinnerung die Stimmung bei sich wiedergebären wollen, in der Sie Ihre poetischen Schriften dichteten, und sich diese Stimmung als eine feste, ruhige Ueberzeugung denken, von der Alles getrennt ist, was nicht im Christenthume wurzelt, so werden Sie besser, als es Worte auszudrücken vermögen, fühlen, wie ich Ihre neue Dichterlaufbahn beurtheilen muß; denn daß Sie, nachdem Sie Hakon Jarl's Denkmal beendigt hatten, eine neue einschlugen, ist Ihnen sicherlich bewußt. Daß ich nicht blind bin für die Schönheit Ihrer späteren Gedichte sowie für die bei Weitem größere Abrundung und Proportion derselben, werden Sie mir auf mein Wort glauben; aber es versteht sich von selbst, daß es mich innig betrüben muß, daß der religiöse Ernst Ihre Gedichte mehr und mehr verlassen hat, und in Ihren letzten Arbeiten durch ein gewisses Spielen mit dem Geistigen verdrängt wird, wie auch, daß ich diese Gedichte im Grunde viel weniger poetisch (begeistert) nennen muß. Am meisten schmerzt mich dies, weil eine solche Umwandlung ihren Grund im innersten Wesen des Dichters findet. Daraus folgt, daß er das ernste Nachdenken über sein eigenes geistiges Verhältniß zu Gott als dessen Diener auf Erden aufgiebt; daß er mehr Gewicht darauf legt, zu glänzen und Ehre und Beifall zu gewinnen, als seine Brüder zur Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit zu erheben.«

»Ich weiß, daß Sie und viele Andere in mir einen Schwärmer und Fanatiker sehen, aber glauben Sie mir, ich bin es nicht. Wenn das Leben eine Farce ist, welche endigt, sobald der Vorhang des Todes fällt, so habe ich entschieden Unrecht; aber das ist nicht zu befürchten; ich bin meiner Sache gewiß. Gäbe Gott, daß es mit Ihnen ebenso wäre! dann würde Ihr Herz eine reinere und stetigere Freude erfüllen, ein höherer Geist Ihren Gesang beseelen und Sie wieder mit ihren seltenen Gaben ein strahlendes Licht für tausend Ihrer Brüder werden, die in dem Schatten des Todes schlummern und unstet auf Irrwegen umherwandeln.«

[Sidenote: Die Dichtung in ihrem Verhältniß zur christlichen Religion.]

Ich antwortete: