Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Part 17

Chapter 173,636 wordsPublic domain

Um Ein Uhr gelangten wir an eine Station. Als ich auf dem Sopha lag, halb im Schlaf mein Butterbrod aß, das ich mit einem kleinen Hunde theilte, den ich von seinem Lager verjagt hatte, um selbst darauf zu liegen, kam Christian ganz bleich herein und sagte: »Wir können heute Nacht nicht weiter reisen; draußen auf dem Wege liegt ein armer Mann, der todtgeschlagen ist und jämmerlich stöhnt. Der Hausknecht und der Postillon haben eine Laterne angezündet, und sind hinausgegangen, zu sehen, wie es steht!« -- Ich lief zur Thür hinaus, die Leute kamen aber gleich zurück und sagten, daß es ein armer, kranker Mann aus einem der Nachbarhäuser gewesen sei, der gestöhnt habe. Je weiter wir fuhren, destomehr Pferde bekamen wir. Erst hatten wir zwei, dann bekamen wir drei; nun mußten wir vier nehmen und der Postmeister sagte, wir sollten eigentlich fünf bekommen, aber weil =wir= es seien, sollte es bei vier sein Bewenden haben. Hätten wir die Ehre mehr als das Geld geliebt, so hätten wir wohl mit sechsen fahren können.

Der Wagen ging, wie gewöhnlich, etwas entzwei. Im Ganzen hat er, was den Rumpf anbetrifft, eine gute Gesundheit, aber die Räder und die Stange kränkeln zuweilen. Hier zerriß ein Riemen. Glücklicherweise hatten wir eine eiserne Kette, mit der wir uns behalfen, bis am andern Morgen der Riemen wieder hergestellt war.

In einer kleinen Stadt stieg ich vom Wagen und eilte zu einem armen Barbier, um mich rasiren zu lassen. Die Frau gab dem schwachen abgezehrten Kinde -- Kaffee. Armuth und Elend herrschte in allen Winkeln. Der Mann sah bleich und finster aus. Als er mir das Messer an's Kinn setzte, dachte ich: Du bist hier wildfremd! Weder Bertouch noch Christian haben gesehen, wo Du hingegangen bist. Du hast alles Reisegeld in einem Gürtel um den Leib. Wenn nun der Mann dies vermuthete, in der Verzweiflung wär, dir den Hals abschnitte und deine Leiche in einen abgelegenen Brunnen würfe? Mit diesen Gedanken blickte ich ihm starr in die Augen, um ihm zu imponiren, wenn er etwas Böses im Sinne hätte. Als er fertig war fühlte ich mich ihm unsäglich verbunden und steckte dem kleinen Kinde einen Thaler in die abgezehrte Hand. Die armen Leute dankten innig, und ich schämte mich, daß ich dergleichen hatte denken können. Aber ich dachte es eigentlich auch nicht, es war nur ein Spiel der Phantasie. Wenn ein Dichter die Phantasie nicht spuken und träumen lassen könnte, ohne davon ergriffen zu werden, so wäre es schlecht mit ihm bestellt.

Am nächsten Tage kamen wir, nachdem wir die Haiden durchpflügt hatten, an einen schönen See, wo wir die Pferde beneideten, daß sie sich im frischen Wasser abkühlen konnten. Wir kamen wieder an Brombeerhecken vorüber. Da stand eine Frau, die einen großen irdenen Topf voll gepflückt hatte. Statt auszusteigen und sich welche mit eigener Hand zu pflücken, fand Bertouch es bequemer, der Frau alle Beeren abzukaufen. Für vier Groschen bekam er die ganze Ernte. Ich fragte ihn, ob er wirklich die Absicht hätte, sie alle zu verzehren. Er schwieg lächelnd, nahm sie in sein Taschentuch, legte sie in den Schooß, streifte die Aermel auf und nun begann ein Beerenessen: eine Hand voll nach der andern in den Mund. Christian ahmte seinem Herrn nach. Da saßen sie, als ob sie als Kannibalen Hände in Blut getaucht hätten. Endlich sagte ich zu Bertouch: »Darf ich um =meine= Portion bitten?« Und da er, wie immer, mir höchst gutmüthig und gastfrei die größte Hälfte gab, nahm ich sie, und warf sie mit den Worten zum Wagen hinaus: »Das ist ein Opfer, das ich Ihrem Magen bringe.« -- Später machte es mir Spaß, die beiden blutrothen Schlächter allmälig ganz dunkelblaue Hände, wie Färber, bekommen zu sehen. So machten sie in kurzer Zeit zwei Handwerke mit größter Leichtigkeit durch.

* * * * *

[Sidenote: Ankunft in Berlin.]

Welch wunderbares Gefühl, Berlin wieder zu sehen! Die ehernen Pferde über dem Brandenburger Thor haben unterdessen eine Reise nach Paris und wieder zurück gemacht.

Am zweiten Tag nach unsrer Ankunft ward ein großes Manöver in Großbeeren, zwei Meilen von Berlin, abgehalten; und darauf wurde die Hülle von einem großen eisernen Kreuze, einem Grabdenkmal für die gefallenen Krieger, abgenommen.

Eine Menge Menschen war hinausgegangen, um an dem Feste Theil zu nehmen. Aber da das Wetter nicht schön war und ich eben erst eine lange Reise gemacht hatte, fühlte ich nicht Lust, gleich wieder auszufahren, blieb zu Hause, und ließ mir von Bertouch erzählen, was er gesehen hatte.

* * * * *

[Sidenote: Aufenthalt in Berlin.]

Ich habe die Geheimräthe =Pistor= und =Alberti= besucht, besonders ihrer Frauen wegen, der Töchter Reichardts, die stets freundlich gegen mich gewesen waren. Pistor ist ein Sonderling, der so thut, als ob er mich nicht mehr kennt, das ist aber gleichgültig. Den Buchhändler =Reimer= besuchte ich in dem schönen großen Hause, das er jetzt besitzt. Schleiermacher wohnt bei ihm, befindet sich aber auf einer Fußreise. Bei =Bernstorff's= fand ich die gewöhnliche liebenswürdige Gastfreundschaft. Ich habe Göthe's =Geschwister= vortrefflich von Wolf und der Madame Stich darstellen sehen. Wolf und seine Frau, die Weimars Perle waren, sind nun in Berlin. Als ich Frau Wolf fragte, warum sie nicht in Weimar geblieben sei, antwortete sie: »Ich konnte es da nicht länger aushalten, Göthe ist ein großer Mann, aber ein kleiner Mensch.« Bei Frau von =Zschokke=, Pistor's Schwester, fand ich die alte Freundschaft. Ich las da eines Abends Holberg's »Die Unsichtbaren« aus demselben alten Exemplare vor, wie vor elf Jahren.

* * * * *

Ich habe meinen alten Freund =Kienlen= hier in Berlin wiedergefunden. Er ist arm, ohne Anstellung. Göthe's Claudine von Villabella, die er schon in Paris 1809 componirt hatte, soll nun hier bald aufgeführt werden. In Zelter's Singakademie und bei seiner Liedertafel bin ich auch gewesen. Er ist ein Mann von 60 Jahren und leitet diese Akademie mit Humor und Kraft. Man beschuldigt ihn grob zu sein und er ist nicht sonderlich beliebt, gegen mich war er sehr freundlich[6].

[6] Wie ehrlich er dies meinte, hat man aus dem Vorhergehenden gesehen.

* * * * *

[Sidenote: Berlin. Theater.]

Ich habe =Hoffmann's= Bekanntschaft gemacht. Seine Märchen und Erzählungen sind trotz des Convulsivischen und Entsetzlichen, das zuweilen zur Manier wird, voll von poetischem Feuer, einer starken Phantasie und von Humor. Er ist Regierungsrath, klein, mager. Er zeigt in seiner Unterhaltung viel Verstand. Er ist auch ein guter Musiker, und hat Fouqué's Undine übersetzt. Er und der Buchhändler (später Kriminaldirector) Hitzig luden mich ein, mit ihnen in einer Restauration zu essen, wo ich auch Berlins größten Komiker, =Devrient=, fand. Ich habe ihn einen französischen Kammerdiener spielen sehen, der einen deutschen Kutscher unterrichtet und ihm bei einer Flasche Wein, die sie an einem kleinen Tisch zusammen trinken, imponirt. (Den Namen des Stückes habe ich vergessen.) Man kann sich nichts Lustigeres denken. Nie kann Prahlerei und ein albernes Wesen auf eine hübschere Art persiflirt werden; all die vornehmen Manieren carrikirt, und doch mit einer bewundernswürdigen, französischen Nonchalance.

* * * * *

Jüngst, bei Alberti's, disputirte ich mit dem Professor Buttmann über die wissenschaftliche Terminologie. Er sagte, sie sei nöthig; ich behauptete: Nein; man könne das, was man in seiner eigenen Sprache nicht klar auszudrücken vermöge, auch noch nicht klar denken. Gewisse Schattirungen des Denkens ließen sich freilich nicht aus einer Sprache in die andere übersetzen; aber gerade dieser Unterschied mache, daß mehrere und nicht eine Sprache existire; das konnte der gelehrte Grammatiker nicht leugnen.

Das Opernhaus ist sehr schön. Seitdem das Schauspielhaus abgebrannt ist, wird hier immer gespielt; aber kommt es nun daher, daß das Opernhaus mehr abgelegen, oder daß es Sommer ist, es ist sehr wenig besucht. Der Theaterintendant Herr Graf =Brühl= schickt mir jeden Morgen ein Billet zu einem Sperrsitz. Ich habe =Unzelmann= wieder gesehen. Er wird nun alt, ein herrlicher Komiker. Er besaß nicht Iffland's Feinheit und Portraitmalertalent, aber mehr komische Begeisterung und ein lustigeres Naturel. Er hatte die Gewohnheit, zuweilen ein paar Worte seiner Rolle hinzuzufügen. Dies wurde verboten, und man mußte Strafe zahlen, wenn man das Verbot übertrat. Einmal spielte man das kleine schöne Singspiel: =Richard Löwenherz=, wo die Prinzessin reitend zur Burg kommt. Das Pferd machte gefährliche Capriolen auf der Bühne nach dem Orchester zu, und Unzelmann, der mitspielte, ging hin, griff in den Zügel, hob drohend seine Finger und sagte: »Weißt du nicht, daß es verboten ist, in der Rolle Zusätze zu machen?« -- Ein starker Applaus belohnte diesen Witz, und Unzelmann bezahlte mit Freuden seine Strafe.

Unzelmann stand am Vormittag mit anderen Schauspielern auf der Bühne, nachdem zu Schiller's Räubern die Probe gehalten war, gerade als das Schauspielhaus zu brennen anfing. Als er nun das Feuer unter dem Dache bemerkte, winkte er den Anderen zu und sagte leise: »Still Kinder! das muß um Gottes willen geheim gehalten werden! Das darf Niemand wissen. Wir werden es wohl bald löschen können.« Indessen wirbelten die starken Flammen bereits zum Dach hinaus, hoch in die Luft empor, und der ganze Markt war voller Menschen, die dem Brande zusahen. Die Schauspieler mußten eilen, um sich selbst zu retten.

Ich muß hierbei noch eine andere Geschichte erzählen. Ein Mensch hat am Vormittag ein Parterrebillet zur Vorstellung der Räuber genommen. Als nun das Schauspielhaus Abends 6 Uhr vernichtet war und noch in den Ruinen brannte, und ein Piquet Soldaten umherstand, um die Menschenmenge abzuhalten, kam der Mann, klopfte einem Soldaten auf die Schulter und wollte auf die Brandstätte, weil er ein Billet hatte.

* * * * *

[Sidenote: Frau von Arnim.]

[Sidenote: Brentano. Fouqué.]

Bei Pistor's lernte ich =Frau von Arnim=, Brentano's Schwester, eine lebhafte, muntere Dame, trotzig, witzig, geistreich, beredt, scherzhaft und gutmüthig kennen. Wenn sie mit Männern spricht, so neckt sie gern; man muß auf jedes Wort achten das man sagt, damit sie sich nicht daran klammern kann; man muß lustig sein und sie wieder necken, dann lächelt sie vergnügt. Sie fragte mich, ob bei mir zu Hause auch Damen seien, die mir die Wahrheit sagen könnten. Ich antwortete ihr: »O ja! wir haben sehr vernünftige artige Damen in Kopenhagen.« »»Aber,«« sagte sie, »»wenn sie alle so höflich und artig sind, wer sagt Ihnen dann das Nothwendige derb und grob?«« »O,« antwortete ich, »wenn ich das zur Veränderung einmal von =Damen= hören will, so reise ich ins Ausland!« »»Bravo,«« rief sie und brach in Gelächter aus; »»ich verzeihe Ihnen Ihre Unverschämtheit, es war eine gute Antwort.«« Arnim ist groß, blond, hübsch und sehr still. Er hat einen poetischen Geist, nur ist er in seinen Dichtungen etwas neblig und weitläufig; doch trifft man in seinen späteren Büchern, z. B. =Berthold's erstes= und =zweites Leben= viele schöne Schilderungen. =Brentano=, sein Schwager, wollte sich im Anfange gar nicht mit mir abgeben, aber als er mich später eines Abends bei Arnims sah, wo ich ein paar Acte aus Freia's Altar vorlas, fand ich Gnade vor seinen Augen und nun sind wir sehr gute Freunde. Er gleicht der Schwester. Mit vielem Witz spricht er von Allem, stellt Alles in ein barockes Licht, und findet leicht Fehler in Dem heraus, was man sagt; gesteht aber doch selbst, daß auch er ein sündiger Mensch ist. Er ist in der letzten Zeit etwas fromm geworden, glaube ich, ließ sich aber mir gegenüber nicht weiter darüber aus, weil er merkte, daß ich es nicht auf seine Weise sei. Er ist kaum mittelgroß, hübsch, aber ziemlich bleich und mager; das schwarze lockige Haar hängt ihm wild um den Kopf. Seine Augen mit großen Lidern sind braun, voller Feuer und unstet. Es ist keine Frage, daß er viel Geist und Talent besitzt; wenn er nicht zu negativ wäre und mehr Ruhe hätte, könnte er es gewiß weit bringen. Ich las ihm etwas aus meinem =Evangelium des Jahres= vor, das er sehr lobte; aber auf eine Weise die stets unangenehm ist; wenn nämlich der Richter nicht bloß =einzusehen= sondern auch zu =übersehen= glaubt, was er beurtheilt.

* * * * *

Vor Kurzem kam =Fouqué= sieben Meilen weit von seinem Gute her, um meine Bekanntschaft zu machen. Hoffmann bat uns, diesen Abend bei ihm zuzubringen und so hatten wir Drei nun wirklich einen echten Dichterabend. Fouqué ist ein offenherziger, freundlicher Mann, gutmüthig und mittheilend, er hat ein edles Herz und eine reiche Phantasie. Seine =Undine=, sein =Galgenmännlein=, der =unbekannte Kranke=, =Ixion= u. s. w. sind vortrefflich. Er ist meiner Ansicht nach am vorzüglichsten in seinen Märchen. Zu dem Dramatischen fehlt ihm die Aufmerksamkeit für die wirkliche Natur. Er träumt schön von Tapferkeit, Liebe und Alterthum. Man könnte etwas mehr Gedankenreichthum in seinen Werken wünschen und das =Adelige= spielt eine zu große Rolle darin. Er ist durchaus nicht beißend, polemisch oder satirisch, läßt alles Gute gelten und auch einen Theil Mittelmäßiges. Dänisch versteht er sehr gut; und hat die meisten meiner dänischen Werke in seinen Abendzirkeln Deutsch vorgelesen. Er ist nicht sehr groß, ziemlich stark, blond und hat krauses Haar. Hoffmann, ein burlesker, phantastischer Gnome, mit vielem Verstand, stand mit der weißen Schürze wie ein Koch da und bereitete Cardinal aus Rheinwein und Champagner. Der Pokal ging unablässig umher; wir erzählten uns einander kleine Geschichten und abenteuerliche Ereignisse, die entweder uns oder Anderen widerfahren waren. Unter Anderem kann ich folgende Novelle von einem Juden mittheilen, die Hoffmann erzählte.

[Sidenote: Fouqué. Hoffmann.]

Dieser Jude fühlte sich von den Wahrheiten der christlichen Religion überzeugt und ließ sich taufen. Kaum war er getauft, als er in jeder Nacht von seiner todten Frau beunruhigt wurde. Sie erschien ihm, rang ihre Hände, starrte ihn mit hohlen Blicken an, zeigte auf ihren Scheitel, und jammerte darüber, daß sie keine Ruhe im Grabe habe, weil sie nicht auch Christin geworden sei. Er veränderte seine Wohnung, aber sie verfolgte ihn, erschien ihm in jeder Mitternacht und verlangte der heiligen Taufe theilhaftig zu werden. Um der Unglücklichen Ruhe im Grabe zu schaffen, und um den Lebenden von der gräßlichen Erscheinung zu befreien, beschloß die Obrigkeit und die Priesterschaft, das Grab zu öffnen und die Leiche zu taufen, was denn auch geschah. Von diesem Augenblicke an ließ sich das Gespenst nicht mehr sehen, sondern fand eine selige Ruhe. -- Aber nun kommt die Erklärung der Fabel: Kurz darauf bekam der Jude einen Proceß mit den Erben seiner Frau, die sie beerben wollten; aber da berief er sich darauf, daß seine Frau auch getauft sei und nun das Erbe ihm gehöre.

[Sidenote: Hitzig. Körners.]

Während wir bei solch' gräßlichen Erzählungen dasitzen und die Phantasie durch Cardinal erhitzen, wende ich den Kopf zur Seite und sehe -- einen kleinen schwarzen Teufel -- mit einem Horn auf der Stirn, und einer rothen Zunge aus dem Munde hängend, sich über meine Schulter beugen. Es war dies eine Marionettenpuppe, die Hoffmann gekauft hatte (er hat den ganzen Schrank voll), mit der er manövrirte, um mich in einem grausigen Märchen zu erschrecken. Einmal erzählte Fouqué etwas, und nun setzte Hoffmann sich ans Klavier, accompagnirte Fouqué's Erzählung und malte Alles mit Tönen aus, je nachdem es grausig, kriegerisch, zärtlich oder rührend war und das machte er ganz vortrefflich. Am nächsten Abend waren wir bei =Hitzig=, hier aber gerieth Fouqué über Tisch in ein langwieriges Gespräch mit einer Dichterin, welche wissen wollte, wie er es machte, wenn er dichtet. Es kam zu keinem Ende und es war mir unangenehm, indem ich dadurch seine Gesellschaft einbüßte. Er zeigte mir beim Abschied seinen Degen, auf welchem steht: _Pour moi mon âme, mon coeur pour ma dame_; oder etwas Aehnliches. Ich mußte versprechen, ihn zu besuchen, aber diesmal wird wohl nichts daraus werden.

* * * * *

Ich war bei den alten =Körners=. Er, seine Frau und seine Schwägerin haben sich fast gar nicht verändert, aber die Jugend im Hause ist todt. Als ich bei ihnen eintrat, brachen beide Frauen in Thränen aus; denn der Gedanke an Theodor und Emma erwachten wieder lebhaft in ihnen. Theodor Körner's kurzes Leben war schön und rührend. Ein junger begeisterter Tyrtäus für sein Vaterland, ein ehrlicher Kämpe. Wäre Friede gekommen, und er dramatischer Dichter geworden, so hätte er sich kaum auf dieser Höhe gehalten. Sein »Leyer und Schwert« ist vortrefflich. Als Theaterdichter zeigt er keine besondere Anlage, sondern ahmt Schiller sehr in dem zu zierlichen Dialog nach, ohne doch die nöthige Kraft, Beweglichkeit und Humor in die Charactere und die Handlung zu legen.

* * * * *

[Sidenote: Tieck.]

Vor Kurzem kam Tieck von einer sehr forcirten Reise zurück. Er ist in England gewesen und hat in den alten Sagen von Shakspeare, seinem Theater und seinen Schauspielern umhergestöbert; hatte das Verhältniß erforscht, in dem Shakspeare zu den Dichtern seiner Zeit stand, was von Anderen geschrieben war, als und bevor er dichtete u. s. w. Dieses Buch kann sehr interessant werden. -- Ich fand Tieck sehr verändert; er geht von Gicht gekrümmt an seinem Stocke und ist ziemlich stark geworden. Wenn ich mit ihm allein spreche, hat er ein freundliches Wesen, einen einnehmenden schalkhaften Blick und einen gutmüthigen aufrichtigen Ton. Was seine Ansichten betrifft, bin ich in Vielem anderer Meinung und erquicke mich mehr an seiner Poesie, als an seiner Philosophie. Er ist mir zu streng gegen die jetzige Zeit, und betrachtet das Mittelalter, sein Mönchswesen, Aristokratie und erste Kunstversuche mit allzu günstigen Augen.

Als er =Canova= einmal zu sehr herunterriß, wurde ich böse und sagte: »Canova ist ein ausgezeichneter, seltener Künstler, er ist kein =Thorwaldsen=, aber Silber ist gut, obgleich es kein Gold ist.« Tieck meinte, daß er gar kein Bildhauer sei und sagte: »»Wenn Er Bildhauer ist, so weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist.«« -- »Das will ich Dir sagen,« antwortete ich, »das ist ein Mann, der einen Stein mit einem Meißel behaut und schöne Bilder hervorbringt, und das hat Canova oft gethan.« -- Indessen kam es doch bald zu einem Vergleich, und als ich ging, sagte er mit freundlichen Blicken: »Nun sei nicht böse!« -- Bei Zschokke's hatten wir letzthin eine rechte Künstlermahlzeit, da waren Tieck, Schinkel, Arnim, Brentano und mehrere Andere. Es wurde Rheinwein getrunken und gesungen: »An grünen Bergen wird geboren« und »Am Rhein, da wachsen unsere Reben.« Zuletzt sang ich Dänisch, was die Anderen gern hörten. --

* * * * *

[Sidenote: Ein talentvoller Barbier.]

Da wir einmal vom Singen sprechen, muß ich eine komische Geschichte erzählen. Mein Barbier hörte mich letzthin des Morgens trällern und sagte: »Ach, der Herr Professor singen jewiß scheen.« -- »»Es geht,«« antwortete ich. -- »Ich habe auch eene sehr jude Stimme,« sagte er, indem er mich einseifte, »und Beschort hat mich vor 30 Jahren jesagd, deß ick een sehr jroßer Sänger hätte werden können.« -- »»Das hätten Sie thun sollen,«« entgegnete ich. -- »I nun,« sagte er, indem er mich bei der Nasenspitze faßte, »ick bin ja och so recht jlücklich.« -- Nach einer kleinen Pause fing er wieder an: »Ick singe den heegsten Diskant un den tiefsten Baß. Ick kann ooch Alt un Tenor singen. Woll'n Se hören?« -- Nun stieg er in die Fistel hinauf, wie der Küster Peter im _Erasmus Montanus_. -- »Herr Gott, das war schön,« dachte ich. -- »»Ach, Herr Professor,«« fuhr er fort und frischte die Seife auf, »»woll'n Se nich ooch ä bischen singen, denn will ick secundiren.«« -- »Mit Vergnügen,« antwortete ich. Und nun fing ich, eingeseift wie ich war, sehr feierlich an: »=In diesen heiligen Hallen=,« und er, indem er eifrig das Messer auf dem Lederriemen strich: »=kennt man die Rache nicht=.« Wer herein gekommen wäre und uns so gesehen und gehört hätte, hätte sich zu Schanden gelacht.

* * * * *

Vor einigen Abenden las Tieck seine Uebersetzung: »Der Flurschütz von Greenfield,« der sich in seinem altenglischen Theater findet. Er liest vortrefflich vor und hat echtes Schauspielertalent, besonders für das Komische. -- Ich habe ihm die zwei ersten Acte von Ludlam's Höhle vorgelesen, mit denen er sehr zufrieden war. -- Als ich jüngst mit ihm unter den Linden ging, begegneten wir einem sehr schönen, anmuthigen Mädchen, welches ihn erröthend grüßte, und ihn mit der innigsten Hingebung fragte, wie es ihm gehe. Sie wünschte ihm recht warm Gesundheit und langes Leben als sie ihn verließ, und ich konnte an ihrem Gruße und an der Wärme, mit der sie sprach, sehen, wie lieb sie ihn hatte.

* * * * *

[Sidenote: Schinkel.]

Mit Tieck besuchte ich den Baurath =Schinkel=, einen seltenen Architekten und Maler. Wir sahen mehrere seiner Landschaften, in denen der Gegenstand ebenso romantisch wie die Ausführung kräftig und schön ist. Wir fanden bei ihm auch die Frau Arnim. Tieck saß vor jedem Bilde in einem Lehnstuhle und betrachtete es außerordentlich lange mit großer Aufmerksamkeit und großem Ernst. Frau Arnim huckte sich vor den Bildern nieder, fing zu scherzen an, neckte mich wie gewöhnlich und fragte, ob ich mich auf Gemälde verstände; was für Ideen ich hätte u. s. w., Alles nur, um den gravitätischen Tieck zu stören, der sie von Kindheit auf kennt und nun halb böse, halb lächelnd wie ein Großvater schalt, weil sie so unruhig war und ihn in seiner Andacht störte.

Schinkel zeigte uns seine trefflichen Zeichnungen zu einer gothischen Kirche, so wie es vor ein paar Jahren der Plan war, sie hier zu bauen. Nun wird aber wohl nichts daraus. Die meisten der schönen Decorationen, die man auf dem Theater hatte, die aber nun leider beinahe alle verbrannt sind, verdankte man Schinkel. Besonders sollen die Decorationen zu Fouqué's Undine, von Hoffmann entworfen, vortrefflich gewesen sein. Kühleborn's Erscheinung und Undine's Geist in den klaren Springbrunnen sollen jede Erwartung übertroffen haben.

* * * * *

Ich habe einmal beim Grafen Brühl zu Mittag gegessen. Er hat einen schönen Garten, wo der Tisch unter einem Zelt in der Nähe hoher, schattiger Pappeln gedeckt war. Die Gräfin ist eine liebenswürdige, schöne Dame, voller Geist, und, was merkwürdig ist, liebt und zieht die deutsche Literatur der französischen vor, obgleich sie Französisch erzogen ist. Sie spricht auch sehr gut Deutsch und der leise Anklang des französischen Accents steht ihr gut.

Ich war auch ein paar Mittage in dem großen Garten bei dem Buchhändler Reimer, der nun nach Hause gekommen ist. In solch schönen Gärten vergißt man ganz, daß man sich in den Berliner Sandebenen befindet, denn der Thiergarten ist gar nicht schön. Auch in diesem habe ich einen Mittag bei dem General =Helvig= und dem jungen schwedischen Dichter =Atterbom= zugebracht. General Helvig ist ein rascher, lebendiger, gewandter Weltmann und Atterbom ein blonder, schwärmerischer Jüngling, dessen Anlagen zu den besten Hoffnungen berechtigen. Ich disputirte mit Helvig über den Magnetismus, gegen den er sehr stark eiferte und ihm jede Wirkung absprach; ich führte an, was ich bereits früher erzählt habe.

* * * * *

[Sidenote: Ein Magnetiseur.]