Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3
Part 16
Capitain =Wocher=, ein herrlicher Mann, sprachkundig, Kunstkenner, Gelehrter, witzig, Satyriker, munter in Gesellschaft, treuer Freund, tapferer Soldat, veranstaltete daß wir einen Doctor =Tschöppholz= besuchen sollten, der sich viel mit dem sogenannten thierischen Magnetismus abgiebt. Wir besuchten deshalb erst den Doctor in Hitzing auf seinen Sommersitz. Als Landsitz betrachtet, war er etwas traurig. Er hatte ihn selbst, wie er sagte, nach seiner Idee bauen lassen. Das Haus war hoch und eng, die Treppe schmal, die Zimmer klein, es gab viele Winkel, und die Wände waren absonderlich gemalt. Um die Aussicht zu sehen, führte uns der Doctor an ein kleines Fenster, von wo aus man mühsam auf das Dach klettern mußte. Innerhalb auf dem Boden stand ein Automat, ein Gespenst mit einer Trommel. Ich hätte ihn gern seinen Triller schlagen hören, aber da der Doctor sich beklagte, daß er ihn nie aufziehen könne (es war ein Uhrwerk im Automat), ohne daß ihn die Kinder gleich austrommeln ließen, so durfte ich nicht darum bitten. Mitten in dem Wohnzimmer stand ein Spielzeug von gebranntem Thon mit einer Kugel, die man durch mehrere Schneckengänge fallen lassen kann, und die dann in numerirte Löcher fiel. In der Mitte war ein =Herz=: Das war die beste Nummer. Ich versuchte mein Glück und meine Kugel fiel _heuresement_ mitten ins Herz. Der Doctor ist ein kleiner, melancholischer, ernster, sanfter, magerer Mann mit scharfen eingefallenen Augen und einer spitzen Nase. Er ist Leibarzt bei dem Fürsten Esterhazy. In seinem Garten hingen die Weinranken wie Bohnen an den Stangen; Geröll lag in den Gängen. All' dies gab mir eine vortheilhafte Meinung von dem Mann als =Magnetiseur=; denn es war deutlich, daß er ein Gelehrter sei, der nicht so auf das =Aeußere= achtete, und daraus schloß ich, daß er sich viel mit dem =Innern= beschäftigte, was denn auch der Fall sein soll. Seit =Mesmer's= Zeit beschäftigte er sich unablässig mit Magnetismus. Er soll ein sehr guter Mann sein, ein sehr tüchtiger Arzt, er ist fromm und religiös; Wocher und ich fanden, daß er etwas Stilldurchdringendes in seinem Gesicht habe. Wir nannten ihn zum Scherz unter uns den Zauberer, und betrachteten den =melancholischen Lustsitz= als eine Vorhalle zum Heiligthum. Wir sprachen aus Bescheidenheit diesmal nichts vom Magnetismus, als beim Abschied, wo ein alter Herr kam, der seine Tochter magnetisiren lassen wollte. Nun äußerten wir unsern Wunsch und Doctor Tschöppholz versprach, ihn in einigen Tagen zu befriedigen.
Eine Woche darauf lud er uns eines Vormittags ein, ihn in seiner Wohnung in Wien zu besuchen. Wir traten in ein Zimmer voller Bücher, christlicher Bilder an den Wänden, und in einem Winkel stand ein großer brauner Lederstuhl mit Eisenketten und eisernen Spitzen. Wir fanden einen vierschrötigen, rothwangigen, starken Mann bei ihm, der geradezu und, wie es schien, ganz gesund war. Er war ein Chirurg, der die Gabe besaß, in hohem Grade und mit solcher Leichtigkeit magnetisch clairvoyant zu werden, daß der Doctor ihn über 4000 Mal gebraucht hatte, um von dem Zustande der Kranken zu sprechen, und Rath zu ertheilen, wenn sie zugegen waren. -- Ich hatte kurz zuvor die von Eschenmeyer herausgegebene Zeitschrift gelesen, in der documentirt wird, daß der Magnetismus keine Einbildung sei. Zwei Menschen haben in Württemberg, der Eine vier Jahre, der Andere neun Monate, den Tod des Königs vorausgesagt, und viele hatten ihren innern Krankheitszustand vorherbestimmt, hatten vorhergesagt, wie lange die Krankheit währen würde, =hatten im Dunkeln Worte mit der Herzgrube gelesen= u. s. w. -- Als wir etwas zusammengesprochen hatten, setzte sich der Chirurg in einen Stuhl, und während eines gleichgültigen Gesprächs mit uns, magnetisirte ihn der Doctor mit einer Eisenstange, die er theils nach seiner Stirn hin bewegte, theils in Zirkelbogen um ihn gehen ließ; zuweilen berührte er ihm die Herzgrube mit den Fingerspitzen. Es dauerte nicht lange, so fing der Chirurg an zu gähnen, sich im Kopfe zu kratzen, sich zu strecken, zu zittern, gähnte dann wieder, und verfiel darauf in Schlaf, der unverkennbar ein wirklicher war. -- »Nun ist er fort,« sagte der Doctor, »nun können wir die größten Geheimnisse zusammen sprechen, er hört nichts, außer was ich mit ihm spreche.« -- Ich bat den Doctor den Kranken um Gotteswillen nichts über mein Schicksal sagen zu lassen. -- »Beruhigen Sie sich,« sagte der Doctor, »er kennt nun die Gefühle ihres Herzens, und sagt Ihnen nichts Unangenehmes.« -- Als er dies äußerte, streckte der Somnambule seine Hand gegen mich aus, und der Doctor, der bisher gleichgültig mit mir gesprochen hatte, fing an mich mit freundlichen Augen zu betrachten und sagte: »Sie gefallen ihm; er wünscht in Verbindung mit Ihnen zu stehen, reichen Sie ihm Ihre Hand!« -- Ich reichte sie ihm nicht, ohne etwas zu zittern. -- »Wie finden Sie jetzt die Gemüthsstimmung dieses Herrn?« fragte er. »»=Weich=,«« antwortete der Somnambule. Bei diesen Worten rollte eine Zähre von seinen Wangen herab, die der Doctor abwischte und sagte: »Er weint, Ihre Gegenwart ist ihm angenehm!« darauf fragte er wieder: »Ist dieser Herr aus Eifer für die Wissenschaft, und um den Magnetismus zu studiren hergekommen?« -- Der =Somnambule=: »Nein, bloße Neugierde!« -- Der =Doctor=: »Wie finden Sie den Gesundheitszustand dieses Herrn?« -- Der =Somnambule=: »Vollkommene Gesundheit. Er muß sich nur vor dem Zorn hüten.« Während ich nun an diese eigenthümliche Sache denke, erröthete ich plötzlich. Da sagte der Somnambule: »In diesem Augenblick schlägt sein Puls zehn Mal schneller, als gewöhnlich.« Der Arzt fühlte an den Puls, und dieser ging noch sehr stark. -- »Ist das Krankheit?« fragte der Doctor. Der =Somnambule=: »Nein, es ist nur die Einbildungskraft, die ihn erhitzt.«
Als der Doctor ihn fragte, ob Wocher auch käme, um zu sehen, was es für eine Bewandtniß mit dem Magnetismus habe, lächelte er und sagte: »Er hat es ja schon einmal gesehen.« Wocher stutzte, es war richtig, obgleich es nicht hier geschehen war. -- Ich bat den Doctor, den Mann wieder in seinen gesunden Zustand zu versetzen; er strich nun wieder nach der entgegengesetzten Seite hin, hauchte nun wieder die magnetische Materie von seiner Stirn fort, und es währte nicht lange, so gähnte er, streckte sich, öffnete die Augen, lächelte und erhob sich, ohne zu wissen, was vorgegangen war. Diesen Auftritt habe ich gesehen und glaube nicht, daß man Komödie mit mir gespielt hat.
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Unter den Gelehrten Wiens habe ich noch die Bekanntschaft des Baron =Hormayr= gemacht, der das Beste geschrieben hat, was über österreichische Geschichte existirt. Es ist ein lebhafter Mann, der die Poesie liebt.
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[Sidenote: Abreise von Wien.]
Der Abschied ist ein Anspannen des Lebensfadens nach zwei entgegengesetzten Seiten, wodurch der Knoten der Liebe fester geschürzt wird. Wenn es auf unsere Kleider regnet, so weckt der Regen wieder jenen schlummernden Duft des aromatischen Parfüms, den wir früher darauf gegossen haben. So auch die Abschiedszähre auf dem Gewande des Lebens. Ich kann also auch Jeanpaulisiren.
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Sowie man Wien verläßt und nach Böhmen hineinkommt wird die Aussicht weniger schön. Es ist gut, daß wir die Sonne im Rücken haben. Auf dem Wege stehen oft schöne Eubischbaum-Alleen. Vorgestern Abend kam ich an einen Teich, wo das braunrothe Rindvieh darin umherwadete und trank, während die Abendsonne auf ihr rothes Fell schien. Dies ließ mich an die schönen niederländischen Bilder denken. Es ist herrlich, eine solche ehrbare Kuh in Abendroth stehen zu sehen, besonders wenn sie hoch steht, daß der blaue Himmel den Hintergrund bildet. Die Frauen schneiden das Korn hier mit Sicheln; wenn solch ein großes schönes Mädchen an mir vorüberging, glaubte ich Ceres in eigener Person zu erblicken. Gestern früh ging ich ein hübsches Stück in der Sonne, ich kam in die Nähe eines Waldes und gerade vor mir murmelt eine Quelle. Ich setzte mich an einen Tannenbaum hin und erwartete den Wagen. »Schöne Natur,« dachte ich, »wie erfreut es den Dichter, dich zu sehen.« Und mir schien es, als ob die Natur antwortete: »Und mich freut es oft von einem Dichter gesehen zu werden.«
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[Sidenote: Dresden. Weber. Böttiger.]
=Dresden= kannte ich kaum wieder, obwohl ich elf Jahr vorher mich drei Monate dort aufgehalten hatte. Es lagen so unzählige Vorstellungen zwischen der damaligen und jetzigen Zeit, daß sie einen großen Theil der Erinnerungen verwischt haben. Das heißt in Bezug auf Straßen, Märkte u. s. w., denn auf der Gemäldegalerie war ich gleich wieder heimisch. Und kaum war ich ein paar Tage hier gewesen, so fiel es wie ein Nebel von meinen Augen, und ich wunderte mich, daß ich nicht besser Bescheid gewußt habe.
Ich wußte, daß ich von dem Kreise, der mir das erste Mal so lieb war, nämlich von der =Körnerschen= Familie, zu der ich täglich als Hausfreund kam, nicht einmal Ueberreste finden würde, denn der alte Körner war mit seiner Frau nach Berlin gezogen, nachdem er einen solchen Sohn, wie seinen =Theodor=, eine Tochter wie seine =Emma= verloren hatte.
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Der erste, mit dem ich hier am Mittagstisch im »=goldenen Engel=« Bekanntschaft machte, war der Capellmeister =Maria von Weber=, der sich meiner aus Stuttgart v. J. 1809 erinnerte. Er ist ein beredter, witziger und freundlicher Mann. Er führte mich in die Vorlesung des Hofrath =Böttiger=, über die Kunst des Alterthums. Der alte muntere Böttiger empfing mich freundlich, umarmte und küßte mich mehrmals mitten im Auditorium vor allen Zuhörern, wodurch ich etwas verlegen wurde; darauf bat er mich Platz zu nehmen und begann. Ich hörte eine Vorlesung von ihm über die verschieden Arten, wie die Griechen plastisch gearbeitet hätten; in Erz, gebranntem Thon, Marmor und endlich, was man für das Wichtigste und Schönste hielt, in einer Verbindung aller harten Stoffe, die (weil Gold und Elfenbein das Wichtigste dabei waren) Chryselephantine genannt wurde. Er ließ das Bild einer Minerva umhergehen, an welchem man sah, daß das Nackte Elfenbein gewesen war, der Panzer und Helm Gold, und das Gewand schöne Blumenemaille, im Uebrigen Alles reich mit Edelsteinen besetzt. Wie die Zusammensetzung gemacht wurde, darüber sind die Gelehrten noch uneinig.
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[Sidenote: Dresden. Sammlungen.]
Das =grüne Gewölbe= habe ich gleich den ersten Nachmittag, den ich hier war, besucht, und wunderlicherweise sah ich es das letzte Mal, als ich in Dresden war, gar nicht, wahrscheinlich aus dem Grunde: Du kannst es ja noch immer zu sehen bekommen. Aus solchem Grunde geschieht oft Vieles nicht. In diesem Bewußtsein mochten wohl einmal drei Berliner von ihrer Vaterstadt aus nach Potsdam gereist und mit der Post zurückgefahren sein; dann stiegen sie in einem Wirthshaus ab, und ließen sich von einem Lohnbedienten alle Merkwürdigkeiten der Stadt zeigen.
Endlich bekam ich es doch überdrüssig alle diese Seltenheiten zu sehen. Es ging mir wie Morgiane unter alten »Demanten und Smafiren.« In Mahomed's Turban nimmt sich ein schöner Smaragd, auf dem Busen der Favoritin ein schöner Rubin herrlich aus, aber wenn man sie in den Schränken in Reihen da liegen sieht, so macht es nur den halben Eindruck. Diese Edelsteine entbehrten des Schimmers der =wunderbaren Lampe=, und ich war philiströs genug, mir das Geld für einen einzigen Diamanten in meine Tasche zu wünschen. Dann mögen, dachte ich, die Andern meinetwegen alles Uebrige behalten!
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[Sidenote: Dresden. Die Gemäldegalerie.]
Die =Gemäldegalerie= habe ich in diesen Tagen fleißig besucht. O wie erfreut es doch, etwas Herrliches und Schönes wiederzusehen! Es ist ein zwiefacher Genuß: die Gegenwart und die Erinnerung! Hier ging ich vor elf Jahren umher, und empfand eine Ahnung, was Kunst sei. Ich hatte oft die Madonna Raphael's besucht, die trotz des schmutzigen Rauches, der sie zum Theil verschleiert, frisch in ihrer Schönheit mit dem Kinde auf dem Arme emporsteigt, wie ich sie in meinem =Mönchsbruder= besungen habe. Ich besuchte meine bunten =Correggiobilder=, die aussehen, als ob sie gestern gemalt seien. Die Arbeiten aus jener ersten Zeit sind die poetischsten. Es war mir ein eigenes Gefühl, vor diesen Gemälden zu stehen, die ich nicht gesehen, nachdem ich Correggio geschrieben. Rubens bewunderte ich stets halb im Vorübergehen. Das Flüchtige und rasch Gemalte muß flüchtig und rasch betrachtet werden. Van Dyk hat seine Bilder oft wahr ausgeführt, hat aber nicht Rubens' Genie und Erfindung. Rembrandt bewundere ich als einen poetischen, höchst =genialen Schornsteinfeger=. Seine Bilder haben immer die Schornsteinfarbe; aber er weiß ihnen mit wenigen leichten Partien eine starke Wärme, ja sogar Feuer zu geben, wie die Kohle auf dem Heerde. Seine (=Schweine-=) =Hirten-Idyllen= oft aus der biblischen Geschichte, tragen das Gepräge tiefer Wahrheit. Wenn man den rechten Gegensatz zu Rembrandts romantischen Kohlenbrennerscenen haben will, so gehe man hin und öffne die Glasschränke zu =Van der Werft's Bisquit-= und =Porzellanboutiquen=. Das ist fein gemalt, wie die Leute zu sagen pflegen. Doch kann man nicht leugnen, daß Van der Werft Grazie, ja zuweilen selbst Physiognomie in den ausgeführten Formen hat; aber er hat größtentheils vergessen, seinen Emailestücken einen lebendigen Geist einzuhauchen. Von Murillo hängt nur eine Madonna mit ihrem Kinde da. Titian's Venus liegt auf ihrem Lager, aber ich finde sie gar nicht schön. Von Michel Angelo ist hier nur ein tüchtiger, starker, nackter Jüngling in Fesseln, der lebendig verbrannt werden soll. Aber er sieht mit einem eigenthümlich vornehmen und wilden Blicke zum Scheiterhaufen hin, indem er sein Antlitz halb hinter dem Arme verbürgt, als ob er sagen wollte: Diese dumme Behandlung ist unverständig und unverschämt, aber sie ist bald überstanden. Niederländische Gemälde sind in Menge hier. Eins der liebsten ist mir =Holbein's Madonna=, vortrefflich conservirt. Sie steht mit dem Jesuskinde auf dem Arm, und der Bürgermeister kniet ehrlich und gutmüthig vor ihr, in seiner altdeutschen Tracht, lauter Portraits, außer Maria und dem Kinde. Ich finde es schön sich so auf fromme Weise ein Familienbild malen zu lassen.
[Sidenote: Dresden. Theater.]
Der bekannte Dichter, Herr =Kind=, hat ein Stück geschrieben: =Van Dyk=; worin viel Schönes und Anmuthiges vorkommt, obgleich dass Ganze etwas lose und weitläufig[5] und die Katastrophe unmotivirt ist.
[5] Tieck hat das Stück weit besser als Correggio gefunden.
In diesem Stücke hat der Dichter Gelegenheit gegeben, viele Bilder von Rubens, Ostade und Tenniers auf dem Theater darzustellen, was eine gute Wirkung hervorbringt und die Dresdner amüsirt, die ihre liebe Gemäldegalerie wiedererkennen.
Ich habe Ludlam's Höhle bei Böttigers vor Mehreren vorgelesen; sie machte auf meine Zuhörer Eindruck, und der Regisseur, Herr Helbig, hat die Absicht, das Stück auf die Bühne zu bringen.
Heute Abend spielt man mir zu Ehren Axel und Valborg mit einigen nothwendigen Abänderungen. Ich war auch bei der Schauspielerin Madame =Schirmer=, welche mir einmal die Ehre erwies, auf einem Declamatorium mein Bild zugleich mit dem Göthe's zu bekränzen. Sie wird die Valborg spielen.
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[Sidenote: Dresden. Axel und Valborg.]
Es waren dieselben Veränderungen vorgenommen wie in Wien. Das Stück wurde gut gegeben, und die Vorstellung gefiel; aber ich erkannte auch die Ursache, weshalb Madame Schirmer früher wenig Eindruck in dieser Rolle gemacht hatte, als man vermuthete. Sie glaubte das ganze Stück hindurch Valborg's Tod vorbereiten und motiviren zu müssen; als ob ein Wurm heimlich an ihr nagte von dem Augenblick an, wo der Ring in Harald Gille's Grab fällt. Das ist richtig; nur darf man sich nicht durch Valborg's Worte, die sie an Axel richtet, irre leiten lassen, und glauben, sie sei ruhig oder resignirt, und dies selbst in der Trennungsscene im dritten Acte. Zeigt Valborg sich äußerlich zu ruhig, so bleiben die Zuschauer kalt, denn auf dem Theater kann man das Innere nur durch das Aeußere sehen. Die Hauptsache ist außerdem nicht Valborg's Tod -- sondern das Poetische besteht in der schönen Schwärmerei der jungen Leute und ihrem rührenden Unglück. Damit dies zum Herzen gehen soll, muß Valborg kräftig, voller Feuer und Gefühl sein; sie will Axel durch ihre Worte beruhigen, und merkt nicht, daß sie ebenso sehr des Trostes bedarf, wie Er und daß sie sein Schicksal theilt. Ohne dieses Feuer könnte Valborg auch nicht zuletzt so in der Kirche träumen. Es ist auch unnatürlich, sich Valborg's Tod in der kurzen Zeit motivirt zu denken. Valborg stirbt vom Schlage getroffen. Die Zeit kann sie nicht hinzehren, abgesehen davon, daß dieses Zehren, wie kurz man es auch darstellen mag, etwas Unschönes hat, das womöglich vermieden werden muß. Und das habe ich auch immer gethan. Es ist ganz unrichtig, wenn man sich Correggio als einen Siechen denkt, der die ersten vier Acte hindurch ächzt und im letzten unterliegt. Die kleine innere Wunde, die vor Kurzem geheilt war, öffnet sich durch seine Heftigkeit und er fällt gerade, weil er so unvorsichtig lebhaft, bewegt und leidenschaftlich gewesen war. Alles muß Feuer und Leben sein, sowohl bei Valborg als Correggio.
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Ich muß hier noch eine Anekdote von Helwig erzählen, der den Wilhelm vortrefflich spielte und Regisseur des Theaters ist. Er hatte den Abend vorher wegen Axel und Valborg einen Schreck gehabt. Als er ausgekleidet war und ins Bett gehen wollte, fiel es ihm ein, daß er den Theaterzettel nicht richtig geschrieben habe; sondern daß auf der Correctur Erland =Erzbischof= statt =Kanzler= stehe. Da nun dieser Fehler zum größten Skandal Veranlassung gegeben hätte, da die katholische Geistlichkeit in Harnisch gerathen, das Stück in Zukunft verboten -- Helbig vielleicht bestraft worden wäre -- ward es ihm heiß im Kopf und er schickte sein Mädchen sogleich in die Druckerei. Aber als sie unverrichteter Sache zurückkehrte (Alle waren bereits im Bett), so lief er selbst hin; klopfte den Setzer heraus, ging mit ihm in die Druckerei und sah nun -- daß er gegen Schatten gekämpft hatte und daß wirklich auf dem Zettel Kanzler und nicht Erzbischof stand. Froh und leicht ums Herz ging er nach Hause, kleidete sich aus, legte sich ins Bett und schlummerte süß.
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[Sidenote: Dresden. Katholischer Gottesdienst.]
Ich habe in der katholischen Kirche schöne Musik gehört und freute mich in dem freundlichen hellen Gebäude zu sitzen, das, ohne gerade schön zu sein, etwas sehr Belebendes hat. Wenn der =Schweizer= sich nur nicht immer so viel Mühe gäbe, die Männer von den Frauen zu trennen und Jeden auf eine besondere Seite zu treiben. Es kommt mir so vor, als ob der jüngste Tag wäre, wo die Böcke von den Schafen getrennt werden. Lehnt sich Einer unvorsichtiger Weise an eine Säule oder Wand, so kommt er auch gleich und klopft ihm auf die Schulter. Er macht den meisten Spectakel in der Kirche aus lauter Eifer für die Ruhe, -- und ich dachte an die Geschichte von den acht Männern, die Einen in das Getreide trugen, damit dieser nicht die Saat zertrete. Ein schönes Altarblatt von Raphael Mengs schmückt den Hintergrund der Kirche.
[Sidenote: Wieland und der Kurfürst.]
Von der Kirche führt ein verdeckter Gang zum Schlosse, durch den die königliche Familie mit dem ganzen Gefolge nach dem Gottesdienste geht. Dieser ist immer voll von Menschen und ich war jetzt auch einmal da, wie vor elf Jahren. Mir war es als ob es gestern gewesen wäre; so ganz gleich schien mir der Anblick. Es macht einen wunderbaren Eindruck, eine so schöne, große katholische Kirche mitten in dem Lande zu sehen, von dem die Reformation ausging. In Bezug auf die kurfürstliche Familie und den bedeckten Gang muß ich eine kleine Geschichte erzählen. Zur Zeit, als =Wieland= in seiner höchsten Blüthe stand, war er einmal nach Dresden gekommen. Einer seiner Bewunderer am Hofe, vielleicht der Marschall, hatte große Lust, ihn dem Kurfürsten vorzustellen, da aber Wieland nicht den dazu erforderlichen Rang hatte (er ließ sich nicht wie Göthe, Schiller und Herder adeln), so ging es nicht an, ihn an den Hof zu bringen. Hier dagegen auf dem Gange zur Kirche glaubte sein Beschützer wohl, daß es sich machen ließe. Als also der Kurfürst vorüberging, faßte ihn der Andere bei der Hand und stellte ihn vor. Der Kurfürst stand einen Augenblick still und blätterte im Buche seines Gedächtnisses, ob es anginge, daß ein Kurfürst mit einem Poeten auf einem öffentlichen Wege spräche; da er aber wahrscheinlich kein Beispiel hierfür fand, ging er weiter, ohne von Wieland Notiz zu nehmen.
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Obgleich wir mit Extrapost reisen, geht der Wagen durch den brandenburger Sand doch wie bei einem Leichenzuge, und will man sich eine richtige Vorstellung von unserer Fahrt machen, so denke man sich eine Kalesche mit Koffern und drei Menschen auf ein =Pflug= gesetzt, man denke sich vor diesen Pflug vier magere Gäule gespannt, und daß es fast überall Schritt vor Schritt geht; so hat man eine Idee von unserer Fahrt von Dresden nach Berlin.
[Sidenote: Ein zudringlicher Gast.]
In einem Kruge hier in der Nähe ist jüngst eine hübsche Geschichte passirt. Ein Elephant hat die Ehre für den Augenblick das dresdener Publikum zu unterhalten. Da nun Elephanten auf ihren eigenen dicken Beinen einherschreiten müssen, so begab es sich, daß benannter dicker Fleischklumpen nach langsamer Wanderung mit seinem Herrn eines Abends bei diesem Bauernkrug ankam, wo man ihn, wie jedes andere Pferd, an den Schlag anband. Im Kruge saßen die Bauern, spielten bei Licht Karten, rauchten Tabak, tranken Branntwein, zankten sich, und gewannen einander das Geld ab. Der Elephant mußte dies lustige Treiben innerhalb der hellen Fenster bemerkt haben, während er selbst draußen in der finstern Nacht melancholisch stehen, und den großen Wagen und das Siebengestirn angähnen mußte, und da er sie Karten spielen sah, hatte er wahrscheinlich Lust bekommen, daran Theil zu nehmen; er erhob also mit philosophischer Ruhe seinen Rüssel, zerbrach mit Leichtigkeit die Scheiben und das Fensterkreuz, steckte den Rüssel ins Zimmer und wühlte umher. Man stelle sich vor, was betrunkene Bauern geglaubt haben müssen, indem sie so plötzlich mitten in ihrem Landsknecht durch eine so ungeheure Schlangengestalt gestört wurden. Als der Wirth hereinkam und sie Alle schreiend über einander liegen sah, hatte er alle seine Geistesgegenwart nöthig, um ihnen aus der Naturgeschichte zu beweisen, daß es nicht der Satan sei, der sie (nach ihrem eigenen wiederholten Verlangen) hole, sondern ein unschuldiger Elephant, der mit ihnen spiele; der nur Gemüse, und weder Ochsen- noch Bauernfleisch fräße.
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[Sidenote: Fahrt durch die Haide.]
Wir fuhren durch lauter Haideland, wo nichts war, als Sand, Sonnenstrahlen und Fliegen. Von einzeln stehenden Büschen am Wege brachen wir Zweige ab, womit wir unsere Pferde bedeckten, um sie etwas zu schützen; denn mit den gestutzten Schweifen, mit denen sie unablässig umherschlugen, konnten sie sich nicht selbst vertheidigen.
Der Abend war schön, und nun kamen wir plötzlich zu einem herrlichen kühlen Nußwald, wo die Früchte in den Zweigen uns winkten. Wir stiegen ab, und pflückten unsere Mützen voll von den noch nicht ganz reifen, aber doch wohlschmeckenden Früchten.
Weiterhin kamen wir an einen kleinen Tannenwald, wo die wenigen Brombeeren, die wir im Gebüsch fanden, uns erfrischten.