Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Part 15

Chapter 153,561 wordsPublic domain

Mein Freund =Breuß=, der sich vorgenommen hatte, mich mit allen Laxenburgischen Herrlichkeiten zu tractiren, gönnte mir aber keinen Augenblick Ruhe. Er zog mich unbarmherzig mit sich fort, und verlangte daß Freude und Bewunderung von meinen Lippen strömen sollte. Ich beschloß mich etwas zu rächen, indem ich gleichgültig that, und als er mich fragte, wie mir dies Alles gefiele, antwortete ich: »Ei recht gut, aber glauben Sie denn, ich habe früher keinen grünen Park gesehen?« Breuß meinte: niemals einen solchen. Ich versicherte ihm, daß das Südfeld und der Friedrichsberger Garten eben so schön seien. Er behauptete, das sei unmöglich. Ich behauptete, daß der Norden gerade die Heimath der reichbelaubten Bäume, er, daß dieß übertriebene Vaterlandsliebe sei. So kamen wir wieder zur übrigen Gesellschaft, und da konnte ich denn merken, daß Etwas im Werke sei, und ich von irgend etwas Neuem überrascht werden sollte. »Nun gut« sagte Herr Riedel lächelnd, »da Sie das Alte so sehr lieben, wollen wir die Gegenwart verlassen.« Indem er diese Worte sagte, langten wir bei einem kleinen See mit einem Boot an, und gerade gegenüber stand eine -- =Ritterburg=! -- Eine alte Ruine? nein -- eine neue vollständige, bunte, fix und fertige Ritterburg, als wäre sie etwa vor ein paar Jahren gebaut, was auch wirklich der Fall war. Wir fuhren auf einer Fähre hinüber. Auf dem Thore war ein Ritter im Harnisch gemalt. Das Thor ging auf, wir traten ein, und befanden uns nun in einem kleinen Hofe. Gerade vor uns war die Ritterwohnung mit ihrem Thurme; auf der einen Seite die Kapelle mit den bunten Fenstern, der Stall, das Zimmer der Knappen u. s. w. In der Mitte des Hofes ein Brunnen mit altmodischer Architektur, Heiligen und Schnörkeln.

[Sidenote: Eine neue Ritterburg.]

Der plötzliche Eindruck all' dieser alten Sachen rührte mich; aber ich konnte mich beinahe nicht des Lachens enthalten, als Mehrere der Gesellschaft auf mich zukamen und mir stark ins Antlitz anstatt auf die Gegenstände schauten, die sie wahrscheinlich kannten, um zu beobachten welche Wirkung sie auf mich machten, und wie es aussähe wenn ich gerührt wäre. Alles zu erzählen, was an diesem Orte gesammelt ist, wäre unmöglich. Aber man staunt, wenn man erfährt, daß diese Burg aus lauter =wirklichen= Alterthümern zusammengesetzt ist. Hier giebt es nichts Neues, nicht einmal die Mauern; sie sind von fernen Ruinen herbeigeschafft. Ganz Oesterreich mußte seine alten Merkwürdigkeiten diesem Orte abgeben. Wir wollen eine kurze Wanderung durch die wichtigsten Zimmer machen.

Hier gehen wir also erst in den Richtersaal hinauf. Mitten in diesem runden Saale ist ein runder Tisch; mitten in diesem Tische ein Loch mit einem Rost. Dieses Loch führt gerade in das Burgverließ. Durch eine solche Oeffnung wurde der Sünder in alter Zeit aus seinem Gefängniß heraufgewunden, mit dem Kopf über der Oeffnung, um von den Richtern, die rings um den Tisch saßen, verhört zu werden; und es war nicht selten, daß sie ihm in dieser Stellung gleich den Kopf abschlagen ließen. In dem mittelsten Theile des Thurmes ist ein hoher runder Saal mit bunten langen Fenstern aus dem achten Jahrhundert. Von dort gingen wir ins Gastzimmer, wo die Ritter gesessen und aus großen Bechern gezecht hatten. In einem Seitenzimmer findet man prächtige Sachen, silberne Becher, Perlmutterhörner, Elfenbein, Bergkrystall, alte Gold- und Silbergefäße. Die Rüstkammer ist voll von köstlichen Kleinodien aus dem Mittelalter: Schwertern, Büchsen, Lanzen. Die Büchsen wie kleine Handkanonen mit Lunten. Ein grauer runder Filshut mit Eisenblech und Spangen versehen hängt an der Wand, und es soll historische Sicherheit dafür da sein, daß er Karl dem Großen gehört habe. Alte Harnische finden sich in solcher Menge, daß man mehrere Wochen brauchte um dieses Alles anzusehen.

Nun kommen wir zu den Frauengemächern. Alte Bilder hängen rund umher an den mit vergoldetem Leder bedeckten Wänden; Meublesreliquien, Kaiser Karls IV. Bett zum Beispiel. Das Auge findet Nichts, das nicht historischen Werth hätte. Plötzlich steigen wir von dieser hellen Pracht durch finstere Gänge und enge Treppen hinab zu dem schauerlichen Burgverließ. Eine matte Lampe erleuchtete die trübe Wölbung, ein weißer Schatten steht im Hintergrunde. Ein Gefangener mit bleichem, eingefallenem Gesicht, eine weiße Kappe über dem Kopf; das rothe Kreuz auf dem Mantel zeigt mir, daß es ein Tempelherr sei. Ich will näher treten, plötzlich streckt er seine Arme gegen mich aus und rasselt mit den Ketten. Ein schreckliches Bild, das in dem tiefen Gewölbe, dessen Dunkel den Eindruck festhält, tragisch täuscht. -- In der schönen prächtigen Kapelle hatte Herr Riedel alle Lichter anzünden lassen. Altäre, Gebetbücher, Heiligenbilder füllen den kleinen Raum. Das Meiste ist von Kloster Neuburg gekommen. An der Wand hängt eine Copie von Albrecht Dürer.

Man hört übrigens viel darüber klagen, daß die alten wirklichen Burgen, die noch ganz dastehen, ihre Merkwürdigkeiten durch dieses Zusammenschleppen nach einem Ort verloren haben, und daß diese Verbindung von Dingen verschiedener Jahrhunderte sehr willkürlich sei. Man findet Sachen aus dem zehnten und fünfzehnten Jahrhunderte oft in einem und demselben Zimmer. Aber -- welche Zeit hätte nicht die Gegenstände der vorhergehenden Zeit angehäuft? Das thaten die alten Ritter auch. Jean Paul sagt sehr richtig: »Jede Zeit besteht aus zwei Theilen; dem Schluß der vorhergehenden und dem Anfang der folgenden Periode.« Die Burg ist schön! Herr Riedel verdient Dank für den Kunstsinn, mit dem er sie aufführen ließ.

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Am Nachmittag gingen wir wieder spazieren, und nun war es viel kühler und angenehmer. Der Theil der Anlage, zu dem wir nun kamen, war auch waldreicher. Ehe wir nach Hause fuhren, mußten wir Abendbrot essen. Es war im großen Saal gedeckt, der Tisch war herrlich mit Blumen geschmückt; aber der Garten war doch besser, und es dauerte nicht lange, so nahm Jeder seinen Stuhl, seine Serviette und Teller, und lagerte sich draußen vor der Gartenthür. Einige setzten sich auf die Treppe. Castelli war sehr heiter, setzte sich früher als wir an den Tisch, spielte den Gourmand in Wiener Dialect und kostete alle Gerichte, ehe wir etwas davon bekamen. Wenn die Wirthin lachend fragte, was er haben wollte, so sagte er: »Küß' die Hoand, i will Oalles hoaben, gäben's mir erscht a was Schuncken.« So endigten wir diesen Tag in heiterem Kreise und fuhren wieder zur Stadt zurück.

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[Sidenote: Eine Hinrichtung.]

Vor ein paar Tagen wurde ein Mensch hingerichtet, der seine Schwester ermordet hatte. Er wurde vor der Stadt an einer hohen Säule, die die Spinnerin am Kreuz heißt, aufgeknüpft. Die Säule ist altgotisch; eine weibliche Gestalt in Stein ausgehauen spinnt unter dem Kreuze. Sie sollte eher, gleich der dritten Parze, mit der Scheere schneiden. Vielleicht spinnt sie Hanf. Die eigenthümliche Lust, die ich in meiner Jugend hatte, Hinrichtungen zu sehen, war bei mir vergangen, und ich war nicht Zuschauer. In einem gedruckten Berichte versicherte der Prediger, daß der Sünder bekehrt, bevor er gehängt worden sei. Ich las ihn nicht; aber ich hatte Struensee's Bekehrungsgeschichte von Mynter gelesen und glaubte, es würde wohl etwas Aehnliches sein. Es traf sich ein paar Tage darauf, daß ich in der Bildergalerie war, wo ich ein sehr merkwürdiges Bild betrachtete, welches auch eine Bekehrungsgeschichte vorstellte. Das Bild zeigt Christus wie er nach Golgatha geht, gebeugt sein Kreuz tragend. Aber vor ihm fahren die zwei Schächer auf Karren und haben Mönche bei sich, welche den Sündern das =Krucifix= vor die Augen hielten, und sie durch die =Erinnerung= an den Tod Christi trösten.

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[Sidenote: Hammer-Purgstall.]

Bei dem Bankdirector =Weinach=, der einen schönen Landsitz in Hitzing hat, traf ich einen magern, lebhaften Mann mit einem ehrlichen, ernsthaften Gesicht, der, als er mich sah, mir mit offenen Armen entgegenkam und rief: »Guten Tag, Oehlenschläger! Schönen Dank für Aladdin!« Dies war Hofrath Hammer, einer von Europa's gelehrtesten Orientalisten, der Tausend und Eine Nacht übersetzt hat. Er erzählte mir, wie er sich lange vergebens bemüht habe ein Exemplar dieses Werkes zu erlangen, weil die Erzähler, die ihr Brod durch die mündliche Mittheilung finden, sich stets bemühen, die abgeschriebenen Märchen gleich zu vernichten. Als er es in der Türkei und in Arabien nicht erhalten konnte, schrieb er einem jungen Engländer, der übrigens kein Wort Arabisch verstand, den arabischen Titel des Buches für den Fall auf, daß er in Aegypten, wohin er reiste, glücklicher sein sollte, als Hammer es in Arabien gewesen war. Als der junge Engländer nach Cairo kam und auf dem Markte stand, rief er den Titel ganz laut aus. Gleich kam Jemand mit dem Buche zu ihm, und fragte ob er es kaufen wollte? Auf diese Weise bekam Hammer ein Exemplar.

Ueber Tische erzählte er uns, daß er in einer Klosterkirche der Umgegend Basreliefs gefunden habe, welche seine Vermuthungen über die Ausschweifungen der Tempelherren im Mittelalter zur Gewißheit erheben. Er glaubte aus diesen Bildern vollständig den Beweis führen zu können, daß sie Gnostiker gewesen seien und ihre Freidenkerei im Orient gelernt haben. Im Aeußeren zeigten sie eine gewisse Frömmigkeit und Mäßigkeit, unter sich aber erlaubten sie sich Alles, spotteten jeden Glaubens und hatten einen Becher mit einem Antlitz das in der Entfernung wie Christus aussah aber in der Nähe zum Bilde des Teufels wurde. Kurz Alles, was ihnen unter Philipp dem Schönen in Frankreich vorgeworfen und weßhalb achtundsechzig Tempelherren mit ihrem Großmeister Molai verbrannt wurden, glaubte Hammer aus diesen Basreliefs beweisen zu können. Doch, fügte er hinzu, sei es nicht abgemacht, daß alle Tempelherren gleich schuldig waren. Die Ausschweifungen, welche die Ritter trieben, waren darum noch nicht der Hauptzweck des Ordens; dieser war politisch, mit Rücksicht auf die Macht des Papstes, sowie später bei dem Orden der Jesuiten. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat der derbe, ehrliche Molai gar keinen Theil daran gehabt.

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[Sidenote: Der Hund als Schauspieler.]

In Hitzing werden auch Comödien aufgeführt. Letzthin sahen wir einen Hund die Hauptrolle spielen. -- Ein Trunkenbold soll sein Kind wiegen. Während er in Gedanken dasitzt, kommt der Hund, springt an die Wiege hinauf, nimmt das Kind heraus, und spielt mit ihm auf dem Fußboden. Der Vater sitzt ruhig und wiegt. Nun kommen Mutter und Tanten. Sie wollen das Kind sehen, es ist kein Kind da. Wo ist es geblieben? Sie suchen darnach, der Hund spielt mit ihm und zerrt es unter den Tisch. Das Kind, es ist natürlich eine Puppe, wird glücklich gerettet, und damit endet der erste Act. Mehr sah' ich nicht, denn ich meinte, die Handlung sei vorüber und das Interesse habe aufgehört. Man hat _pro_ und _contra_ disputirt, ob Hunde zum Comödienspiele zugelassen werden sollen; Pferde hat man auf den meisten großen Hoftheatern. Meine Ansicht ist, daß es jedem Talent unverwehrt sein müsse, sich in einer freien Kunst zu zeigen.[4] Der Hund ist in diesem Stücke nur ein _deus ex machina_, der die menschlichen Verhältnisse in Bewegung setzt. Hätte hier z. B. der Vater besser auf sein Kind in der Wiege geachtet, so würde der Hund es nicht gefaßt und unter den Tisch geschleppt haben. Das ist doch eine äußerst moralische Allegorie.

[4] Göthe nahm bekanntlich seinen Abschied als Theaterdirector weil ein Hund in diesem Stücke auf dem Theater zu Weimar auftreten durfte.

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[Sidenote: Vermählungsfest im Augarten.]

Ich habe bereits erzählt, daß ich noch nicht den schönen Saal gesehen hatte, der im Augarten zur Verlobung der Prinzessin mit dem Kronprinzen von Brasilien gebaut war.

Letzthin war da nun auch ein Ball für das Volk, damit es doch auch Ragout von dem Braten bekäme, welchen der Hof kurz vorher gehabt hatte. Da war ich dabei. Unglücklicherweise waren mehr Leute aus den Vorstädten als aus der Stadt da, besonders vom schönen Geschlecht, das an diesem Abend ziemlich unschön war. Das Haus stand da: ein schöner griechischer Tempel, eine Rotunde voller Kronleuchter, weiß wie Alabaster, mit unzähligen Säulen, Seitengängen und Nebensälen. Die Tische voll von -- Blumen und leeren silbernen Terrinen; die Speisen selbst wurden sehr langsam herbeigeschafft. Es war kaum ein Diener bei jedem Tisch. Hier in Wien gehen sehr komische Menschen an öffentlichen Orten und den Schauspielhäusern mit Erfrischungen umher. Sie sind wie Vorreiter gekleidet, und tragen Hüte mit Aufschlägen und Federn. Aber man kann sich nichts Zerlumpteres denken; sie sehen wie Don Ranudo's Diener aus. Die Federn an ihren Hüten sind so schmutzig und klebend, daß man nicht weiß, wofür man diese Gestalten halten soll. Sie gleichen schlecht ausgestopften, staubigen und verdorbenen Vögeln in einem Naturalienkabinet. Mit diesen Federhüten auf dem Kopf, mit diesem halben Bereiterflitter schreiten sie mit ungeputzten Wasserstiefeln langsam dahin. Man begreift nicht, was das Costüm bedeuten soll, was sie mit dem Federputz auf dem Kopfe wollen, um »Gefrorenes« zu verkaufen.

Heute Abend hier im Tempel des Augartens war es ganz anders. Sie sollten Lakaien vorstellen, und gingen deshalb in alten rothen Theaterlivree'n, mit alten abgenützten Tressen umher, aber es war sehr schwierig, eine dieser Gestalten zu erwischen; und wenn man auch mit Einem sprach und etwas verlangte, so bekam man es doch nicht. Endlich wurde ich ungeduldig. Ich saß gerade bei meinem guten Freunde Breuß, der hungrig war. Ich gedachte der Wohlthaten, die ich in seinem Hause genossen hatte; mein Herz wurde gerührt; ich drängte mich durch den Schwarm hindurch in die Küche bis an den Heerd, half der Köchin etwas Spinat auf das Fricandeau legen, schlug mich fast in der strengsten Bedeutung des Wortes mit einem Lakai um eine Portion Kalbsbraten. Er: »Doa's ist für einen anderen Herrn bestimmt; euer Gnoad'n könn's nicht hoab'n.« =Ich=: »Ich =will= es haben, ich habe lange genug gewartet.« Damit nahm ich meine beiden Teller, reichte sie einem anderen, mir mehr ergebenen Lakai; und nun ging ich im Triumph wieder nach dem griechischen Tempel zurück und hatte die Freude, einmal meinen gastfreien Wirth zu bewirthen, der sich über meine Gewandheit Lebensmittel herbeizuschaffen wunderte.

Mit dem Tanzen wollte es nicht recht gehen. Ein paar galante Herren mit Handschuhen walzten mit einem paar Damen. Man erkannte in Einzelnen dieser Nobili Venetiani Ladendiener und die anwesende _beau monde_ hielt sich zurück. Der Erzherzog =Rainer= ging umher, blickte freundlich auf die Leute, und ein Fourier ging voran und machte Platz für ihn.

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[Sidenote: Kloster-Neuburg.]

Mit dem Baron =Retzer=, einem ältlichen Dichter und Büchercensor, habe ich eine Reise nach =Kloster-Neuburg= gemacht, das schön an der Donau, anderthalb Meilen von Wien liegt. Es existirt davon folgende Sage: Der Markgraf Leopold IV. hatte ein Schloß auf dem Kahlenberg. Einmal, als er mit seiner Gattin Agnes am offenen Fenster stand, riß ein Windstoß ihr den Schleier vom Haupte und trieb ihn weithin in den Wald, so daß sie ihn aus den Augen verlor. Ein paar Jahre darauf war der Markgraf in demselben Walde zur Jagd. Plötzlich beginnen seine Hunde zu bellen und zu heulen. Er folgte ihnen und sieht sie um einen Baum versammelt, an dem er einen Schleier fand, den er als den seiner Gattin wiedererkannte. Der fromme Leopold, der lange die Absicht hatte, ein Kloster zu bauen, ohne mit sich über den Platz einig werden zu können, betrachtete dieses Ereigniß als einen Wink des Himmels und ließ das Kloster bauen, wo der Schleier hing.

Der Prälat Herr =Gaudentius= hatte den Baron Retzer mit seinen Freunden eingeladen, bei ihm Mittag zu essen. In den prächtigen Zimmern wohnen nun die Augustiner. Wir gingen fast durch alle. Die Tapeten waren der Ehrbarkeit und der Conservation halber mit weißer Leinwand überhangen. Die parquettirten Fußböden waren sehr schön gebohnt. In dem letzten Zimmer trafen wir den Prälaten in seinem schwarzen Rocke, mit einem kleinen weißen herabhängenden Bande vorn und hinten und mit einem Sammtkäppchen, das er, uns freundlich grüßend, lüftete. Aber der arme Herr Gaudentius hatte Zahnschmerzen. Er zeigte uns die Zimmer, die Aussicht ist schön auf dem Kahlenberge und man sieht viel Weinberge und Windungen der Donau. Nun mußten wir mit einem andern Bruder hinausgehen, um das merkwürdige Gebäude zu sehen. Wir speisten bei dem Prälaten in einem Zimmer, wo unser König auch einmal gespeist hatte. Es waren noch fünf andere Geistliche da. Ehe man sich setzte, wurde stillschweigend gebetet, und Herr Gaudentius ertheilte den Segen auf eine, wenn ich so sagen darf, flüchtige und bescheidene Art, wie wenn man weiß, daß Fremde (Ketzer) zugegen sind. Die geistlichen Herren waren vernünftige Leute und fast liberal. Wir sprachen vom Dichter =Werner=, der hier den ersten Anstoß zu seiner Bekehrung erhalten hat; d. h. durch sich selbst, nicht durch die Mönche; denn er aß hier mit einem vortrefflichen =Schauspieler= Rose, (so tolerant sind sie) und Rose hat mir versichert, daß Werner sich ganz auf eigene Hand in den dritten Himmel versetzt fühlte.

Die größte Einnahme des Stiftes besteht in Wein, der in ungeheuer großen, aus drei Etagen bestehenden Kellern aufbewahrt wird. Unter Anderem soll sich daselbst ein Faß befinden, welches 999 Eimer faßt; also eine Schwester des Heidelberger.

Die Kirche, welche alt ist, bekamen wir nicht zu sehen. Hier bewahrte man den Schleier auf, der der Frau Markgräfin vom Kopfe geweht war, und einige kostbare Becher, unter Anderen einen aus Goldstaub, den man in der Donau gefunden hat, gefertigten.

Ein ehrwürdiger Frater führte uns nach der Mahlzeit auf sein Zimmer, und zeigte uns seine kostbare Kupferstichsammlung, auf welche er im Laufe von 30 Jahren all sein Geld verwendet hatte. Er zeichnete auch selbst und in seinem Schlafzimmer hingen mehrere Portraits in Pastel; unter diesen ein gräßliches Bild von einem bis an den Gürtel nackten Sterbenden, der ein Krucifix in der Hand hält. Dies war ein Mensch, den der Canonicus einmal zum Tode vorbereitet, und gleich gemalt hatte, nachdem er verschieden war. Während mir der Augustiner seine Kupferstiche zeigte, wandte ich immer die Augen nach jenem Schreckbilde hin. Er wunderte sich darüber, daß dieses Skelett meine Aufmerksamkeit von den Meisterwerken Raphaël's und Leonardo da Vinci's ablenken könne. Ich sagte ihm: »Wenn es mein Bild wäre, so würde ich es verbrennen, ehe ich zu Bett ginge, aber ich kann nicht umhin, es anzublicken. Das Entsetzen hat einen eigenen Reiz.«

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[Sidenote: Castelli als Schuster.]

Letzthin waren wir zu dem jüngeren Herrn =Gaimüller= mit Breuß nach Hitzing hinaus geladen, um eine Komödie zu sehen, die an seinem Namenstag aufgeführt werden sollte.

Das Hauptstück war: Der =Schuster=, eine Posse von Schickaneder. Dieses Stück zeichnet sich nicht durch einen sehr witzigen Dialog, sondern durch das Nationaldrollige in der Situation aus. Castelli spielte einen besoffenen Schuhflicker, der auf seine junge Frau eifersüchtig ist, in dem höchsten Grade der Vollkommenheit, Frau G. spielte das junge Weib, die uns durch ihre österreichische Volksnaivetät alle Fehler vergessen macht, mit derselben Vollkommenheit.

Viele begreifen nicht, wie vernünftige Leute Vergnügen daran finden können, das Benehmen und die Reden trunkner Leute nachgeahmt zu sehen und zu hören. Es ist wahr, Weisheit reden sie nicht, wenigstens keine zusammenhängende Weisheit; aber jeden Menschen mit Phantasie müssen diese Aphorismen, diese Ideenassociationen, Einfälle, verschiedenen Leidenschaften, dieser Wechsel zwischen Aufbrausen und Schlaffheit, Haß und Liebe, Aufrichtigkeit und List, unterhalten.

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[Sidenote: Der Sct. Annentag.]

Vergangenen Sonntag war der Sct. Annentag. Im Prater ward Feuerwerk abgebrannt, und der Entrepreneur lud die Nannerls (alle die Damen, welche Anna heißen) unter der Ueberschrift: =Verehrungswürdigste Nannetten!= ein, mit zur Unterstützung des Festes beizutragen. Auf einem anderen Plakate stand: »Erstens: wird eine mechanische Figur ein verehrungswürdiges Publikum mit seinen Bewegungen zu unterhalten suchen.« --

Das Feuerwerk war groß und brillant. Obgleich der schelmische Mond schon hinter den Bäumen stand und etwas von dem Eindruck schwächte, hielt er sich doch gutmüthig und romantisch hinter einer Wolke, bis das Feuerwerk vorüber war.

Unter Anderem wurde auch die Liebe feuerwerksmäßig dargestellt. Zwei brennende Figuren, ein Herr und eine Dame, standen in einem funkelnden Tempel; und während sie im besten Brennen waren, fingen sie an, sich zu bewegen und die Köpfe zu einander zu neigen, um sich zu küssen. =Der Mann verlöschte zuerst.= Ob dieses Feuerwerk Satyre oder Zufall war, will ich ungesagt lassen.

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Den 28. Juli.

Ich hatte Christian, unserem dänischen Diener gesagt, daß er mir ein Bouquet zu morgen kaufen sollte. Als ich in's Zimmer kam, hatte er es vergessen. Ich schickte ihn wieder darnach fort. Einige Zeit darauf kam er mit einem ganz kleinen Blumenstrauß für ein paar Kreuzer zurück: »Aber Christian,« rief ich, »ich will ein ordentliches, großes, schönes Bouquet zur Geburtstagsfeier meiner Frau.« -- »»Ja, ich kann schon so einen bekommen, aber der ist sehr theuer, der kostet vier bis fünf Gulden!«« -- »Gleichviel, was er kostet! fort!« -- Nun ging er wieder fort und kam nach einer halben Stunde mit -- einem Busch künstlicher Rosen von =Leinwand= oder =Seide= und überreichte ihn mir: »Nein, Christian, daß ist doch zu toll, hast Du mich denn noch nicht verstanden? Hast Du dein Dänisch oder all das Französich und Deutsch vergessen? Einen Blumenstrauß, einen schönen, großen, lebendigen Blumenstrauß will ich haben, um ihn dort auf der Kommode in's Wasser zu stecken!« -- Nun ging er wieder. Nach einer Viertelstunde kam er endlich mit einem großen Bouquet zurück. Aber die Blumen hatten keine langen Stiele. Es waren lauter kleine Sträußer, welche an einem hölzernen Stiel zusammengebunden waren, und zwar einen großen, aber hölzernen, steifen Strauß bildeten, gleich einem Federstutz auf einem Czako. Nun war nichts Anderes zu thun, als ihn wieder aufzumachen, und sich so gut als möglich damit zu behelfen. »Hol mir ein Glas!« Er brachte mir eine kleine Medicinflasche. »Ein großes Glas!« Er brachte ein Bierglas. »Taugt nichts, es muß ein Einmacheglas oder dergleichen sein.« Er blieb etwas lange fort; ich machte mir alle möglichen Vorstellungen, was er nun bringen würde und staunte, als er mit einem großen, schwarzgeräucherten irdenen Gefäße ankam, noch darüber, daß es nicht schlimmer ausgefallen war. Nun lief ich verzweifelt auf den Vorsaal hinaus, und als ich daselbst einen Blumentopf mit Erde angefüllt fand, reinigte ich ihn, verklebte das Loch mit Sieglack, wickelte weißes Papier um den Topf, schrieb hübsch mit großen Buchstaben »den 28. Juli 1817« darauf, setzte den Blumentopf auf den Tisch, -- und hatte nun endlich nach vieler Mühe und Beschwerde einen kleinen Altar meiner Christiane zu Ehren zu Stande gebracht.

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[Sidenote: Ein Magnetiseur.]