Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3
Part 14
Ein anderer junger Dichter, Uhland, lebt hier als Advokat. Es freute mich, seinen Fortschritt zu bemerken, vor zehn Jahren sah ich ihn noch als ein halbes Kind. Man macht viel aus ihm und er verdient es auch gewiß; aber wie bei Rückert zu viel =Blühendes= ist, so findet sich bei Uhland etwas Steriles; er ist männlich, ehrlich, zuweilen tieffühlend, aber oft trocken und gleich dem Ton seiner Gedichte zu sehr Göthe. Ich besuchte Uhland mit Rückert, was ich nicht gethan haben würde, wenn ich ihr Verhältniß zu einander gekannt hätte; sie gehörten zu verschiedenen politischen Parteien und das machte die Unterhaltung gespannt und verlegen.
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Ich habe die Bekanntschaft der Frau Huber gemacht, welche einige gute Erzählungen geschrieben hat. Ihr erster Mann war Georg Forster, der herrliche Reisebeschreiber. Sie brachte mich in Kannstadt zu einer Freundin. Auf dem Heimwege verirrten wir uns in einem interessanten Gespräche zwischen den Weinbergen Schwabens.
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[Sidenote: Dannecker. -- Schelling.]
Bei =Dannecker= sah ich Schiller's colossale Büste. Er hat Schiller nicht idealisirt, sondern ihm nur wieder verliehen, was dieser zufällig durch Kränklichkeit verloren hatte. Als der König von Württemberg diese Büste sah (es war derselbe, vor dem Schiller in seiner Jugend geflohen war), sagte er: »Aber mein lieber Dannecker, warum so groß?« »»Ew. Majestät,«« antwortete Dannecker, »»große Leute muß man groß machen!««
Das beste Werk dieses Künstlers ist seine Ariadne. Ein schönes, junges nacktes Weib auf einem Tiger; der herrlichste Gegensatz von weiblicher Schönheit und wilder thierischer Kraft. Man fürchtet nur, daß der Tiger gehen werde; denn dann würde die arme Ariadne, mit dem einen Beine auf dem Rücken des Thieres und dem andern Fuß nach hinten ausgestreckt, ohne Zweifel herunterfallen.
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[Sidenote: Schelling.]
Ueber Augsburg kamen wir nach München. Hier machte ich gleich =Schelling's= Bekanntschaft. Schelling ist nicht sehr groß, aber kräftig und gesund. Sein geniales, sanftes Auge versöhnt durch schwäbische Milde den nordphilosophischen Trotz der Nase. Die Lippen bewegen sich zu freundlicher Mittheilung und nur ungern, mit einem Anstrich von Schmerz, zur Verachtung. Man sieht gleich, daß er ein Mann mit treuem Herzen ist. Daß er ein großer Philosoph ist, weiß ganz Deutschland und der Norden. Er lebt still im Schooße seiner Familie und hat gleich mir drei Kinder. Den kleinen Knaben von zwei Jahren fragte ich, ob er ein Schellingianer sei? Und er antwortete: Ja. Die Mutter ist eine sehr artige, gebildete Frau; Schelling ging gleich mit mir aus, um mir die Münchner Naturschönheiten zu zeigen, aber ich war so beschäftigt mit ihm, daß ich nichts Anderes sah, obwohl ich bemerkte, daß wir an einem Fluß und einigen Bäumen vorüberkamen. Er liebt die Poesie und ist mit ihren besten Producten in allen Sprachen bekannt.
Als wir nach Hause kamen, setzten wir die Unterhaltung mit seiner Frau beim Theetische fort, vermischten aber das Gespräch mit mehr Heiterkeit. Zuweilen gebrauchte er die Worte anders als in der allgemeinen Bedeutung, und dergleichen giebt leicht Veranlassung, daß man über Ausdrücke statt über Gedanken disputirt. So verstand er unter =Ewigkeit= das vollendete =Zukünftige=, und nicht das =Ganze= ohne Anfang und Ende. Ich sagte scherzend: »Nehmen wir an, die Ewigkeit verhalte sich zur Zeit wie ein Scheffel Erbsen zu den einzelnen Erbsen im Scheffel. =Alle= Erbsen machen den Scheffel aus, der Scheffel muß also überall vom Anfang bis zum Ende sein. Das ist die =Ewigkeit=. Die Erbsen dagegen repräsentiren die =Zeit=.« -- »»Nun,«« sagte er, »»das würde sich gut in einer aristophanischen Komödie ausnehmen.«« -- Schelling's gewöhnliche Unterhaltungslectüre ist nämlich Aristophanes, dessen Werke er so vielfach studirt und gelesen hat, daß er sie fast auswendig kann.
Gestern hatte er einige gute Freunde bei sich. Er bat mich, ihnen etwas von meinen Arbeiten vorzulesen; da sie nun meine =Mährchen= und =Erzählungen=, die vor Kurzem bei Cotta herausgekommen sind, nicht kannten, so las ich ihnen die Glücksritter vor. Schelling ergötzte sich daran; er sagte, diese Novelle erinnerte ihn an Cervantes und Boccaccio und versicherte nach der Lectüre, daß es ihn sehr unterhalten hätte zu hören, wie Xaver zu Ehren gekommen sei.
Ich gestand Schelling, daß ich wohl seine Hauptgedanken und seine Weltanschauung durch Steffens kenne, daß ich aber nicht viel von ihm gelesen habe, und daß es die Sprache und die Ausdrucksweise sei, die mich davon abgehalten habe. »Ich schreibe nun auch Deutsch,« sagte ich, »weil ich gern von einer großen Brudernation gekannt und gelesen sein will, und nicht verlangen kann, daß sie eine Sprache lernen soll, die nur von ein paar Millionen Menschen gesprochen wird; aber, lieber Herr, es kann doch noch weniger verlangt werden, daß man eine schwierige Sprache lernen soll, die nur von =Einem= gesprochen wird!« Schelling lächelte und gab mir Recht; er gestand zu meiner Verwunderung, daß man mit Deutlichkeit und Klarheit in seiner eignen Sprache denken und sich aussprechen müsse; daß er als junger Professor wöchentliche Vorlesungen hielt, dem alten Schlendrian in der Redeweise gefolgt sei, obgleich er in seinen Ideen so sehr von demselben abwich; und er versicherte mir, daß ich Das, was er fernerhin schreiben würde, mit Leichtigkeit würde lesen können. Ich versprach es ihm und entwickelte ihm mit wenigen Worten meine Lebensphilosophie. »Sie haben eine gesunde und brave Lebensansicht,« sagte er, meinte aber doch, daß man weiter gehen könne.
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In der Gemäldegalerie erfreute es mich ganz besonders, mehrere herrliche Bilder des spanischen Malers =Murillo= zu finden. Kein Gegenstand ist für Murillo zu hoch oder zu niedrig. Was von Tasso bei Göthe gesagt wird, paßt sich gut auf ihn: »Oft adelt er, was uns gemein erschien.«
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[Sidenote: Weiterreise.]
In entsetzlicher Hitze und Staub reisten wir den ersten Tag über Hohenlinden (wo es Moreau's Feinden früher heißer noch wurde) nach Altötting. Wir wollten bis nach Braunau, aber ein starkes Gewitter zog herauf und ein Wagen, der uns von München aus gefolgt war, blieb aus Furcht vor dem Ungewitter in Altötting schon um 7 Uhr Abends. So blieben wir also auch da und kamen in einen alten Saal, wo sechs Betten standen und ein messingener Kronleuchter an der Decke hing. Die Fensterscheiben waren wie in einer Kirche in Blei gefaßt. Auf der einen Seite des Saals war eine hölzerne ungemalte Galerie mit einer Treppe. Wir öffneten die Fenster, zogen unsere Röcke und Stiefeln aus, machten uns aus zwei Stühlen ein Sopha und lasen in einigen Musenalmanachen, die man uns in Stuttgart verehrt hatte. Unsere unbekannte Reisegesellschaft war im andern Zimmer, sprach Französisch und zuweilen etwas Italienisch. Es war ein Herr und zwei Damen. Sie gingen in die Kirche hinüber um ihre Andacht zu halten. Das Mädchen, welches den Tisch deckte, erzählte, daß eine Kirche da sei, zu der Viele hinreisen, um ihr Augenlicht wiederzuerlangen, und fragte, ob wir nicht auch hingehen wollten? Wir dankten und sagten: »Da wir hier sitzen und lesen, kannst Du wohl sehen, mein Kind, daß wir nicht blind sind.« -- Die Fremden kamen zurück. Der Herr verirrte sich, als ich gerade im tiefen Negligee stand, um ins Bett zu gehen. Er trat ein und redete mich sehr vertraut Französisch an. Wahrscheinlich hielt er mich für ein Frauenzimmer, welches beweist, daß er die Kirchenkur noch nicht ordentlich gebraucht hatte. Kaum ertönte meine Baritonstimme, als er die Hände auf die Brust legte, sich verbeugte und viel Entschuldigungen machte. Ich begleitete ihn im Hemde sehr höflich zur Thür hinaus und wir machten uns auf der Treppe viel Complimente.
Den nächsten Tag hatten wir tüchtigen Regen, durch den die Bäume ausschlugen, das Leder aber auf unserem Wagen einkroch. Es war schade, daß Christian nicht auch zusammenschrumpfen konnte, denn er saß draußen auf dem Bock und wurde durch und durch naß. Wir reisten über Braunau, Altheim, Ried, nach Lambach, wo es schlecht war und wir elende Betten bekamen, da unsere unbekannte Reisegesellschaft die besten erhalten hatten. Hier hörten wir, daß es die Churfürstin Witwe von Baiern, eine österreichische Prinzessin sei, mit der wir reisten, das machte uns etwas verlegen. Wir waren oft in der Thür vor ihr vorübergegangen, ohne sie anders zu grüßen, als indem wir den Hut lüfteten. Aber da Ihre Hoheit _incognito_ reiste, so war auch hierdurch ihre Absicht erreicht. Doch beschlossen wir fernerhin nicht voran, sondern hinterher zu fahren und ehrerbietig in der Entfernung zu grüßen. Nun konnte ich auch die Entschuldigungen und die Alteration des Herrn begreifen, als er sich letzthin irrte. Es war nämlich ein Kammerherr. Man denke sich seine Bestürzung, als er statt schöngekleideter Damen einen halbnackten Poeten fand.
Am dritten Tage war schönes kühles Wetter. Alles war frisch und grün. Das schlaffe neugeborene gelbe Laub hing matt in dicken Büscheln an den Zweigen und saugte die Sonnenstrahlen ein, um größere Kraft und grünere Farbe zu erlangen. Wir fuhren an einem Abgrunde hin. Das Land ist voll der schönsten Berge. Herrliche Aussichten auf Dörfer, Städte und Kirchen, die tyroler Schneefelsen im Hintergrunde. Morgens und Abends ging ich stets eine lange Strecke.
[Sidenote: Ein Incognito.]
Im Wirthshause in Kleinmünchen bekamen die Churfürstlichen die Lust zu wissen, wer wir seien. Die Dame fragte Christian darnach, und er erzählte es in seinem Patois, sodaß sie gewiß eine sehr verwirrte Idee von unserer Existenz bekam. Wir hielten uns stets entfernt; aber am vierten Tage wurden wir doch mit der Herrschaft bekannt und zwar durch folgendes Abenteuer. -- In einem kleinen Dorfe vor einer Schmiede wurden unsere Pferde scheu, weil sie unvermuthet zwei Esel vor einer Karre sahen; sie sprangen zur Seite, und knack brach die Wagenstange wieder entzwei! Bertouch wurde ungeduldig, ich aber stellte ihm vor, daß wir froh sein müßten, daß es nicht mitten auf dem Wege, am allerwenigsten bei dem Abgrunde -- sondern gerade vor einer Schmiede geschehen sei, wo bereits das Eisen glühte, das die Wagenstange wieder fest machen sollte. Während nun der Schmied mit seinem Handwerkszeuge kam, stiegen wir aus und gingen den Weg entlang. Da rollte die Churfürstin an uns vorüber und grüßte uns. »Sie ist glücklich,« sagten wir, »sie hat einen ganzen Wagen. Wir kommen nur langsam nach.« -- Unter diesen Betrachtungen schlugen wir unsere Augen auf und sahen weit hin den Wagen der Churfürstin halten, und die Herrschaft uns zu Fuß entgegenkommen. »Was Teufel!« dachte ich -- »ist ihr Wagen auch gebrochen?« -- Eins der Räder hatte Feuer gefangen. -- Nun erwiesen wir uns sehr dienstfertig, machten Entschuldigungen, weil wir Ihre Hoheit so lange nicht erkannt hatten, und darauf lief ich zum nächsten Dorfe um Wasser zu holen. -- Nach einer Viertelstunde brachte ich einen Mann mit einem Eimer auf dem Kopfe herbei. Der Kammerdiener kam uns entgegen und sagte: es sei nicht mehr nöthig. Der Mann goß das Wasser aus und ging wieder. Wir kamen zum Wagen -- das Feuer dachte gar nicht daran aus zu sein, das Eisen glühte. Die Churfürstin kam auf mich zu und dankte mir. Auf dem Wege hatte ich eine Pfütze gesehen; ich nahm die leeren Weinflaschen aus ihrem Wagen füllte sie mit Pfützenwasser, und begoß das Eisen so lange bis es kalt wie Eis wurde. Inzwischen kam der Diener mit Licht -- das heißt: mit Talglicht um den Wagen zu schmieren; denn die Sonne stand hoch am Himmel. Und nun fuhren sie langsam zur nächsten Station und wir mit unserem in Stand gesetzten Wagen hinterher.
Auf der nächsten Station sahen wir die Churfürstin mit ihrem Gefolge in das nächste Wirthshaus gehen. Wir hielten uns in der Entfernung und ich schlug Bertouch vor, in einen andern Gasthof zu gehen. Wie wir eben beim Essen saßen, kam der Kammerdiener ganz außer Athem zu uns herein; er hatte uns überall gesucht und sollte uns einladen mit Ihrer Hoheit zu speisen.
Da wir nun bereits gegessen hatten, so kam er zurück um uns zum Kaffee bei der Churfürstin auf der nächsten Station einzuladen. Dies geschah, und Ihre Hoheit war sehr gnädig und freundlich.
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Bei meiner letzten Abendwanderung traf ich in einer schönen Gebirgsgegend einen Bauer, der mit einigen irdenen Gefäßen nach Hause ging, die er im nächsten Dorfe für seine Wirthschaft gekauft hatte. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihm ein. Er erzählte mir von seinen Kindern und seinem Glücke. Ich sagte ihm, daß ich auch Kinder hätte. »Ja das ist wohl die größte Freude« fuhr er fort; »wohnen Sie weit von hier?« -- »»In Kopenhagen in Dänemark«« war meine Antwort. -- »Ach das muß sehr weit sein,« rief er aus, »dort wohne =ich=.« -- Und in demselben Augenblicke sah ich ein hübsches Haus am Wege, die Thüre stand offen und zwei blühende Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, saßen auf der Schwelle. Kaum erblickten sie den Vater, als sie ihm entgegensprangen. Er hob sie auf, küßte sie und schenkte jedem von ihnen einen kleinen irdenen Topf mit hübscher Glasur. Ich sagte niedergeschlagen Lebewohl und eilte fort. -- Alle Heiligenbilder am Wege waren zum Pfingstfeste mit Blumen und Laubwerk geschmückt. Die bunten Laubhütten in denen Maria mit dem Jesuskinde stand, waren erleuchtet. Ich sah Maria's und Jesus' vergoldete Kronen durch die Blätter schimmern, und eine große Schaar kleiner Kinder lag rund umher auf den Knieen und sang und betete in der Abendröthe.
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[Sidenote: Ankunft in Wien.]
Ich bin nun hier in =Wien=, und habe durch unsern _Chargé d'affaires_, Herrn von =Koss= mehrere Bekanntschaften gemacht. Ich war bei den Baronen =Arnstein= und =Eskeles= auf ihrem hübschen Landhause in Hitzing. Die Damen dieser Familie sind sehr gebildet und lieben die Poesie. Bei meinem alten Freunde =Breuß=, bei der Dichterin =Karoline Pichler=, die so geistreich und gutmüthig ist, mit ihrem österreichischen Accent. Die Schauspielerin und Dichterin Frau =Weißenthurn= habe ich auch besucht, und fand bei ihr die besten Schauspieler: =Korn=, =Koch=, =Koberwein= u. s. w. Man hat hier im Burgtheater Axel und Valborg und Correggio gegeben, welche, besonders das letztere, viele Glück machten. Hakon Jarl im Theater an der Wien aufgeführt, mundete nicht recht; er ist zu nordisch. -- Ich bin bei dem Fürsten =Metternich= gewesen, und fand hier die Großen des Landes, die Liechtensteine, Esterhazy, Dietrichsteine beim Spieltische sitzen. Eben als sich Metternich in ein Gespräch mit mir einlassen wollte, kam der Kronprinz von =Baiern= und zog ihn in ein andres Zimmer. Den Tag darauf reiste Metternich nach Italien, sodaß ich fast gar nicht mit ihm gesprochen habe. Fürst Odescalchi lud mich zu Mittag in seinen großen Palast ein; er ist ein eifriger Freund der Poesie und des Schauspiels, und obgleich geborner Italiener, durchaus Deutsch. Im Hofrath =Sohnleitner= fand ich einen sehr angenehmen gastfreien Mann. Er war bei der Leitung des Burgtheaters betheiligt, wurde aber der Sache bald überdrüssig. Er hatte meinen Hugo von Reinberg zu übersetzen angefangen, hielt aber damit inne, als er hörte, daß ich es selbst thun wollte.
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Solchen Staub hab ich noch nie gesehen. Die Luft wird oft ganz damit angefüllt. So südlich Wien liegt, hat es doch ein nördliches Klima. Bei dem häufigen Winde hier muß man Tacitus beistimmen, wenn er sagt: »_Terra ventosior, qua Noricum ac Pannoniam adspicit._« --
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[Sidenote: Bekanntschaften in Wien.]
Das Fest auf Veranlassung der Abreise der Prinzessin war im Augarten, in prächtigen dazu aufgeführten Sälen; der Hof in Galla. In Gallakleidern konnte man auch auf die Galerie kommen. Hätten wir Billete erhalten, so hatten wir beschlossen, uns ein paar alte gallonirte Kleidungsstücke bei einem Trödler zu miethen. Das Frohnleichnamsfest sah' ich von einem Fenster aus bei dem Grafen =Pachta=. Hier kamen in Prozession: Bürger, Priester, Hofleute, Beamte, Aerzte, Gelehrte, Kaiser, und Diener. Die schönen Krucifixe waren mit Fahnen geschmückt, die Straßen mit Brettern, Laub und Blumen belegt. Während des Zuges fing es zu regnen an; aber Kaiser Franz wollte den heiligen Zug nicht unterbrechen; er ging mit seiner brennenden Kerze hinter dem Erzbischofe. Bürger, Mönche, kleine vater- und mutterlose Kinder dem Kaiser voran. Hinterher die prächtige ungarische Garde auf den schönsten Pferden.
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[Sidenote: Wien. -- Das Theater.]
Ich habe Axel und Valborg hier aufführen sehen. Korn war ein vortrefflicher Axel. Mademoiselle Adamberger war als Valborg erhaben und rührend. Koch gab den Erzbischof mit Würde und Vatergefühl; Koberwein als Hakon, Ochsenheimer als Knut waren auch gut. Schwarz war ein kräftiger Sigurd. In Bezug aus das religiöse Element hat manche Veränderung stattgefunden. Die Decoration hatte nichts verloren, obgleich sie nur eine =Vorhalle= zur Kirche darstellte. Dagegen hatte die poetische Würde dadurch Abbruch erlitten, daß der Erzbischof zum =Kanzler= und Bruder Knut zum =Kirchenvoigt= gemacht war.
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Mademoiselle Adamberger hatte zwei Tage vor ihrer Hochzeit mit Arnet, einem Gelehrten, ihr letztes Benefiz, als welches die =Schuld= gegeben wurde. Sie sprach mit Thränen und vieler Anmuth einen Epilog der Frau Pichler, der sehr viel Werkung hervorbrachte. Die Schuld ist eins der Stücke, die Furore und Epoche zu einer gewissen Zeit gemacht haben ohne daß sie sich für die Zukunft in frischem Leben erhalten werden. Der Stoff ist spannend, die Versification fließend, das Stück ist an mehrern Stellen nicht ohne Pathos; aber es ist durchaus unnordisch, wenn gleich nach den Norden hin versetzt; es ist auf einer häßlichen Unnatur durch die =Vorausbestimmung= erbaut, welche als Schicksal gelten soll, den Muth niederdrückt, und die Tugend und die moralische Zurechnungsfähigkeit schwächt. Die Schuld ist mit Werner's 24. Februar und Grillparzer's Ahnfrau verwandt. Diesen Dichter sah ich eines Abends bei Frau Pichler, wo ich Ludlam's Höhle vorlas; aber wir näherten uns einander nicht weiter; unsere Naturen schienen zu verschieden zu sein.
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In der italienischen Oper hat man Mozart so lange gespielt, bis man seiner müde geworden ist, und sich nach der modernen _Opera seria_ sehnt. Madame Borgondio mit einer sehr guten Altstimme, spielte letzthin den König Cyrus mit halblangen Handschuhen. Sie war auch Tankred in schwarzer Rüstung. Ich bin ein solcher Heide, daß ich keinen Geschmack an den vergötterten Tankred finden kann. Die Musik ist brillant aber nicht herzergreifend, mit zu vielen Trillern und Roulladen.
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[Sidenote: Beethoven.]
=Beethoven= habe ich gesehen aber nicht mit ihm gesprochen. Er hat schwarze Haare, rothe Wangen und sieht recht tüchtig aus, aber er ist sehr taub, der arme Mann! Ein großes Unglück für einen Musiker. Beethoven wollte gern, daß ich ihm ein Singspiel dichten sollte, was ich auch gern gethan haben würde, wenn ich mich dazu aufgelegt gefühlt hätte. Er soll eine sehr schöne Oper componirt haben.[3]
[3] Diese »sehr schöne Oper« war sein göttlicher Fidelio, den ich erst einige Jahre darauf kennen und als ein Werk schätzen lernte, das neben Mozart's Meisterwerken steht. Zweimal sandte der große Künstler einen Freund mit der Aufforderung zu mir, ihm ein Singspiel zu schreiben -- und ich ließ es sein! Hätte ich es gethan, und es wäre mir wie Ludlam's Höhle und die Räuberburg geglückt, und Beethoven hätte eine Oper, wie Fidelio, dazu geschrieben, -- welch ein Triumph! Eine edlere Rache hätte mir nicht über den zwar großen Künstler aber mir ungetreuen Weyse werden können, der mit Baggesen befreundet wurde, gerade als dieser Ludlam's Höhle am allerärgsten herunterriß, Verse schrieb, um Baggesen's Räthsel zu lösen, und dann stets verwarf, was ich ihm zum componiren geben wollte.
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Wir sind noch hier in Wien; aber Wien ist nicht hier; das ist auf's Land gereist, und kommt erst wieder, wenn wir fort sind.
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[Sidenote: Schöne Aussichten.]
[Sidenote: Kleine Leiden.]
Das kaiserliche Lustschloß Laxenburg liegt ungefähr zwei Stunden von der Stadt. Man geht durch schöne Alleen dorthin, und hat nach allen Seiten Aussichten auf Bergpartieen. Breuß nahm Bertouch und mich zu seinem Freunde, dem =Schloßhauptmann Riedel=, mit. Er führte uns erst auf das Schloß, das hübsch, einfach und freundlich ist. Die Zimmer sind ungefähr wie bei einem wohlhabenden Privatmanne auf dem Lande. Von da mußten wir in der Mittagshitze in den Garten hinunter. Eine ungewöhnliche Menge Rosen waren bei der starken Wärme bereits verblüht. Die Gluth war unerträglich. Ich ging mit Castelli, der auch nicht gerade für Aussichten schwärmt. Wir bewunderten die Lusthäuser, während die Andern, ich weiß nicht Was bewunderten, und ich sagte zu Castelli: »Könnte ich wählen, wollte ich lieber Hausarrest haben, als diese Freude jetzt genießen.« Indessen mußte ich gute Miene zum bösen Spiel machen, verbindlich lächeln und sagen: »Das ist ganz scharmant, allerliebst!« was es auch wirklich war. Stets wollte ich in den Schatten, und stets mußte ich im Sonnenschein bei den anmuthigen Aussichten stehen bleiben. Das waren schlimme Aussichten für mich. »»Nun wie finden Sie es?«« fragte Breuß. »Sehr schön,« sagte ich; »ich wollte nur wünschen, daß ich ein paar Stunden im Schatten hier auf der Bank sitzen und ein gutes Buch lesen könnte.« -- »»Jetzt sind wir nicht hergekommen, um zu lesen,«« sagte er und zog mich mit sich fort. Bertouch bemerkte, daß ich todtenbleich sah. (Stets werde ich in der Mittagshitze bleich). Man fragte mich, wie mir die englischen Anlagen gefielen. »Gut« antwortete ich; »aber ich liebe auch die alten Alleen sehr, die lassen sich sehr gut mit einer englischen Anlage verbinden.« -- »»Ach,«« versetzte Einer der Anderen, »»das ist gar nicht hübsch, kann man sich etwas teiferes als solch' eine Allee denken?«« =Ich=: »Warum kann das Steife nicht auch schön sein!« =Er=: »»Es ist unnatürlich.«« =Ich=: »Ich finde es durchaus nicht unnatürlich, daß der Mensch schöne Bäume in eine Reihe pflanzt, um auf dem =kürzesten= Wege von einem Ort zum andern im Schatten zu gehen. Weßhalb darf die Menschennatur sich nicht auch zur übrigen Natur gesellen?« =Er=: »»Die Menschen können nicht Etwas schöner bilden, als die Natur es gebildet hat.«« =Ich=: »Das ist wahr; aber die Natur (oder der Schöpfer) hat auch =unsere= Natur gebildet. Und es ist ein Naturtrieb bei uns, die Natur zu unserem Gebrauche, nach unserem Verstande, unseren Ideen, unserer Bequemlichkeit einzurichten. Eine schöne Allee ist der herrlichste Frühlingstempel, in welchem sich eine leichte Architektur mit der ewigen Schöpfungskraft vereint.« Nachdem ich ihn durch diese Gründe fast dahin gebracht hatte, mir Recht zu geben, bombardirte ich ihn mit der Vaterliebe, und fragte ob er nicht finde, daß es schön sei wenn man etwas stehen lasse, was eine verschwundene Zeit hervorgebracht habe; und ob es nicht erhebend und angenehm zugleich sei, in den ehrwürdigen Baumgängen zu wandeln, dessen Blätter vor vielen Sommern die Stirne unsrer Vorväter beschatteten. Nun gaben sie mir Alle Recht; und so disputirte ich mich aus der Sonnenhitze in den Schatten hinein. -- In dem herrlichen kühlen Buchenlaub erquickte ich mich nun recht. Zu Lust und Leben in den warmen Sommertagen gehört Schatten. Pan, alle Faune, Nymphen und Tryaden lieben Schatten und frische Quellen. Sie spielen unter den dunkelgrünen Wölbungen, fürchten aber den gelben Staub und die Mittagshitze.
[Sidenote: Eine Ueberraschung.]