Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3
Part 13
[Sidenote: Die Haupttheater von Paris.]
Ich gehe gern ins _Théâtre des Variétés_ und sehe Brunet und Potier. »_Le ci-devant jeune homme_« dieses Letzteren ist meisterhaft. Brunet's »_Jocrisse_« ist eine Stereotypausgabe komischer Dummheit.
Im _Théâtre de la Gaiété_ bin ich nur einmal gewesen. Vor zehn Jahren, als ich das letzte Mal hier war, spielten sie ein Stück: _Le pied de mouton_, einhundertundsiebenzigmal hinter einander. Während ich fort war, hat es geruht. Nun hat man es wieder hervorgeholt.
In diesem Theater, das übrigens hübsch gebaut ist, trinkt man im Parterre Bier. Es ging auch ein Verkäufer umher, der die wunderbarste Fertigkeit besitzt, seine Waare Demjenigen zuzuwerfen, der sie verlangt. Ich war eines Abends da, als das Haus überfüllt war; er stand auf einer Bank mitten im Parterre und rief seine Waaren aus. Wenn nun Einer oben auf der dritten Galerie Etwas verlangte, so warf er es hinauf, so daß Dieser es fangen konnte. Auf diese Weise that er es nach allen Seiten hin, ohne daß es ihm ein einziges Mal mißglückte. Später ging er die Treppe hinauf, öffnete die Logenthüren und cassirte sein Geld ein.
Zur _Ambigu comique_ und im _Théâtre porte St. Martin_ spielt man nichts Anderes, als zusammengewürfelte Melodramen. Und mit diesen Pfuscherarbeiten vergleicht man hier die Meisterwerke fremder Nationen. Deshalb nennt man Shakespeare's und Schiller's Tragödien nur Melodramen. Das kommt mir so vor, als wollte man ein schönes Mädchen einen Hund nennen, weil sie Beide ein Halsband tragen.
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[Sidenote: Das Examen auf den Boulevards.]
Auf den Boulevards sind eine Menge kleiner Buden und Zelte, in denen alle Tage, wie bei uns während der Thiergartenzeit, gespielt wird. Zuweilen giebt es vor dem Altane ein Vorspiel, um die Zuschauer anzulocken. Jüngst als ich an einer dieser Buden vorüberging, hörte ich folgendes Bruchstück eines Intermezzo für den Pöbel: Ein junger Mensch mit rother Zopfperücke und rothem Rocke examinirt einen närrischen Greis in der Geschichte folgendermaßen: =Er=: _Monsieur, pouvez vous me définir l'histoire? Qu'est ce que c'est que l'histoire?_ =Der Greis=: _Permettez moi premièrement de vous définir une =poire=_. =Der junge Lehrer=: _Bien!_ =Der Greis=: _Une poire est un fruit allongé avec une peau et une tige_. =Der Junge mit Zufriedenheit=: _Bien! C'est une poire! Et l'histoire?_ =Der Greis=: _C'est un -- l'histoire française?_ =Der Junge=: _Oui! Qu'est ce que c'est que ça: »l'histoire française?«_ =Der Greis=: _C'est un récit de tous les évènements passés, du temps de Pharamond, jusqu'à nos jours._ =Der Junge=: _=Bien!= Ah c'est bien répondu._ -- Hier wurde die Darstellung zu meinem großen Verdruß unterbrochen; das wahre Bild eines =Examens=.
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Ich war letzthin in der =Tapetenweberei=, wo man Bilder in Teppiche webt. Blumen eignen sich am meisten durch ihre gefleckten stark getrennten Farben für diese Kunst. Es ist amüsant, die Leute arbeiten zu sehen. Sie sitzen unsichtbar hinter Rahmen oder Harfen, in denen die Kette die Saiten bildet, und den Einschlag weben sie ganz mechanisch nach kleinen abgemessenen Quadraten in die Kette, und bringen so die Bilder hervor. Steht man nun eine Zeitlang und sieht diesen fleißigen, klugen Arbeitern zu, so sieht man allmälig hier ein grünes Blatt, dort eine kleine rothe Knospe entstehen. Uebrigens geht die Arbeit sehr langsam trotz allen Fleißes und ist also außerordentlich kostbar.
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[Sidenote: Das Treiben im Palais royal.]
Die arbeitende Klasse in Paris ist schnell, tüchtig in ihrem Fach, mäßig und unternehmend. Es ist hübsch, einen Graveur oder Uhrmacher im Palais royal in seinem kleinen Glaskasten zu sehen; denn so kann man seine Werkstatt nennen, in der der größte Theil der Wände Fenster sind. Fleißig sitzt er da, sieht durch seine Vergrößerungsgläser, und arbeitet, während die müßige Menge vor seinem Fenster vorübergeht. Er sieht selten hinaus, sondern blickt auf seine Arbeit, gebraucht Meißel, Feile und Zange, und ist gewohnt, den Menschenstrom draußen wie einen andern Fluß zu betrachten, der ihn nur durch seine Beweglichkeit interessirt, und weil er ihm ab und zu den Goldstaub zuführt, den er zur Unterhaltung für sich und seine Familie gebraucht.
Ueber den Werkstätten dieser fleißigen Arbeiter ist das =Spielhaus=, wo die ungeheuersten Summen ebenso rasch durch Leichtsinn vergeudet, wie unten die kleinen Summen langsam durch Fleiß verdient werden. Man hört jeden zweiten Tag von jungen Leuten, die sich ertränkt, aufgeknüpft und erschossen haben. Vor einiger Zeit saß Bertouch des Abends in einem Kaffee des Palais royal und hörte einen Schuß draußen im Dunkeln in einem kleinen Garten. Es war ein junger Engländer, der sich eine Kugel durch den Kopf geschossen hatte. Er war vor ein paar Tagen nach Paris mit 20,000 Fr. gekommen; diese hatte er in zwei Tagen verloren, und noch 40,000 Fr. auf sein Ehrenwort verspielt.
[Sidenote: Die gesprengte Bank.]
Man hat übrigens im vorigen Jahre die Bank, in der strengsten Bedeutung des Wortes, =gesprengt=. Das heißt nämlich mit Pulver. Einige Glücksritter wußten eine kleine Dose unter den Tisch gerade unter die Geldhaufen zu praktiziren, und Feuer so anzulegen, daß es nicht gleich zündete. Während des Spieles springt nun die Dose in die Luft. Das Zimmer wird voller Rauch. Die Spieler, welche sonst nicht fürchteten, von dem ungeheuren Glücksrade zermalmt zu werden, springen entsetzt von ihren Sitzen auf, weil ihnen hier der Untergang auf eine andere ungewöhnliche Weise droht. In diesem Augenblick springen die Spitzbuben herbei, raffen das Geld zusammen und schleichen sich in der allgemeinen Verwirrung davon. -- Jetzt ist es verboten, mit dem Hute herein zu kommen. Er muß im Vorzimmer gegen eine Marke zurückgelassen werden.
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Unser Diener Christian hat einige Anfälle vom kalten Fieber gehabt, er ist aber wieder dadurch genesen, daß er wie toll durch die Boulevards rannte. Es war gut, daß er nicht als verdächtig aufgegriffen wurde; denn da er weiter nichts Französisches sprechen kann, als: »_Donnez moi um =sangdael= (chandelle)!_« _etc._; so wäre er nicht im Stande gewesen, Rechenschaft zu geben, wenn man ihn ergriffen hätte. Wir übergaben ihm die ersten Tage einem Doctor, der ihn einen halben Eimer lauwarmes Wasser mit Citronen trinken ließ; aber als er mich später flehentlich bat, es nicht mehr trinken zu müssen, erlaubte ich es ihm unter der Bedingung, daß er in zwei Tagen gesund sein müsse. Darauf gab er mir sein Ehrenwort und hat es auch wie ein ehrlicher Kerl gehalten. Das Fieber verließ ihn, und er starb doch nicht. Uebrigens wird er von den Leuten hier im Hause wie ein Taubstummer behandelt, da er nichts verstehen und nichts reden kann. Aber er versteht sich prächtig auf Pantomimen, und hier kommt das angeborene theatralische Talent den Leuten im Hause zu Statten.
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[Sidenote: Der Hund kein Dichter.]
Man zeigt einen Hund, der schwierige Kopfrechnungen machen und auf diese Weise den Leuten sagen kann, an welche Karte sie gedacht haben. Er erweckt die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt durch sein mathematisches Talent. Ich fragte, ob er auch Verse machen könne, und als man: »Nein« antwortete, freute es mich, daß den Poeten auf diese Weise eine unschuldige Rache über die Mathematiker wurde, die immer so sehr mit ihrem menschlichen Verstand prahlen, und die Phantasie zu den =niedrigen Seelenkräften= rechnen, die wir mit Thieren theilen. Sehen Sie wohl, meine Herren! Verse konnte der Hund doch nicht machen. »Aber er konnte ebenso wenig rechnen!« -- Das sage ich auch nicht; ich erzähle nur, daß ganz Paris es =glaubt=. Dagegen hat Paris nie geglaubt, daß ein vierbeiniger Hund Verse machen könne.
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Ich gehe oft an den Quais der Seine entlang. Letzthin ging ich über _Pont neuf_, wo Ravaillac den gefühlvollen, verliebten Ritter, den tapfern Helden und väterlichen König Heinrich IV. ermordete, der, ohne außerordentliche Geistesgaben und Thaten sich durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und sein gutes Herz unsterblich gemacht hat. Ich höre nie das Volkslied: »_Où peut-on être mieux, qu'au sein de sa famille_,« ohne an ihn zu denken, und mir sein bärtiges lächelndes Antlitz in Rubens' Bild vorzustellen. Auf meiner Wanderung kam ich auch am _Café de Voltaire_ vorüber. Ich hatte die Absicht hineinzugehen, besann mich aber gleich, indem ich zu mir selbst sagte: Du triffst ihn doch nicht. Aber ich hätte viel darum gegeben, wenn er gelebt, und drinnen seinen Witz zwischen seinen Bewunderern bei dem lieben Kaffee hätte spielen lassen, diesem =langsamen Gifte=, bei dem er über achtzig Jahre gelebt.
Ich kann mich nie den kleinen Inseln mit _la Cité_ in der Seine nähern, ohne an meine Vorväter die Normannen zu denken, welche den Fluß herauf mit ihren kleinen Schiffen kamen, die Stadt belagerten, einnahmen und anzündeten. Der Fluß und die Inseln sind jetzt fast noch so wie damals, die Stadt selbst -- welch ein Unterschied! und doch ist es nicht lange her, daß eine viel abscheulichere Barbarei hier unter den seinen, polirten Parisern raste, als unter den barbarischen Normannen. Die Normannen haben niemals wie die Katholiken gegen die Hugenotten, wie die Jakobiner gegen alle ehrlichen Leute gerast. Man folge mir nun noch ein paar Schritt auf den Greveplatz! -- Nun stehe ich auf der Stelle, wo das Blut Tausender geflossen ist, wo man täglich Fenster wie Logen zu dem blutigsten Schauspiele miethete. -- Aber ich merke Nichts davon, die Erde, auf der ich stehe, war einmal so vom Blut gesättigt, daß sie die rothen Ströme nicht mehr einsaugen wollte, und man war genöthigt, die Richtstätte nach dem Platze Ludwig's XV. hin zu verlegen. Nun aber sitzen die Poissarden hier ganz ruhig und verkaufen Gemüse. Zuweilen stehe ich still und höre sie zanken und dann glaube ich in ihren Schmähworten und wilden Blicken den Funken der Flamme zu sehen, die so fürchterlich ausbrach.
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[Sidenote: Abschied von Paris.]
Ich verlasse Paris nicht ohne Wehmuth. Ich liebe diesen Mittelpunkt europäischen Lebens und Wirkens. Ich habe nun bereits 21 Monate meines Lebens in dieser Stadt zugebracht. Das erste Mal 18, jetzt 3. Ich habe hier meine Tragödien Palnatoke und Axel und Valborg geschrieben; habe Hroar's Sage ausgearbeitet und Aladdin, Hakon Jarl, Palnatoke und mehrere Gedichte ins Deutsche übersetzt. In keiner Stadt, nächst Kopenhagen bin ich so lange gewesen und habe so viel gewirkt; ist es da nicht natürlich, daß die Erinnerung mir lieb sein muß, wenn ich dies zu den eigenen, großen Vorzügen der Stadt hinzurechne? -- Es haben sich hier Einige über diese Vorliebe gewundert und gesagt, es sei unconsequent von mir, da ich die Franzosen nicht liebe. Aber sie thaten mir Unrecht. Ich liebe nicht die französische Tragödie, den französischen Hochmuth und die Unwissenheit über Alles, was nicht Französisch ist. Aber die französische Nation finde ich im Ganzen genommen liebenswürdig und angenehm, mit mancherlei Eigenschaften, die den anderen Nationen fehlen. Und sollte ich mir außerhalb Kopenhagen einen Aufenthalt nach meinem Sinne wählen, so wäre es Paris; denn hier findet man Alles, und Jeder kann leben wie er will. Ich habe eigentlich keine persönlichen Bekanntschaften gemacht; aber oft mit vernünftigen, gebildeten, freundlichen Franzosen an öffentlichen Orten gesprochen. Ich sympathisire mit ihrer raschen, kurzen, witzigen Art, die Dinge zu betrachten. Die Franzosen sind Lebensphilosophen, sind kräftige, thätige Menschen. Auch das Elegante und doch Oekonomische in Allem, was die Bedürfnisse des Lebens betrifft, mag ich gern. Man trifft in Paris viele Fremde aller Nationen. Gute Schauspiele, die die angenehmste Erholung meines Lebens, nächst Verwandten und Freunden ausmachen, finden sich hier ganz besonders. Und deshalb schaue ich fortreisend mit einem schwermüthigen Blick auf das Gewimmel der Boulevards, indem ich zum letzten Mal an ihnen vorüber fahre. Das Auge haftet an der _porte St. Martin_, so lange es vermag; ich denke: siehst Du nun Paris nie mehr? und tröste mich mit dem alten Sprichwort: Alle guten Dinge sind drei!
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[Sidenote: Die Reisegesellschaft.]
Am 21. April reisten wir von Paris. Ein französischer Oberst in mittlern Jahren, der einer Wunde wegen, die er im Krieg bekommen hatte, hinkte, war ein angenehmer Gesellschafter. Er hatte sich nun zur Ruhe gesetzt, lebte friedlich mit Frau und Kindern in der Nähe von Verdun, und unterhielt sich damit, wie er sagte, der Schulmeister seiner Kleinen zu sein. Er zeigte mir alle die Stellen auf den Wegen, wo die Preußen im Jahre 1792 zurückgeschlagen waren, aber ohne Haß und Prahlerei. Er war lustig und jovial, ein brauner, hübscher, vierschrötiger Mann. Während wir im besten, ernsten Gespräch dasaßen, holte er einen Brummtriesel aus der Tasche hervor, und als eine Madame im Wagen (_femme savante_) ihn fragte, was es sei, machte er eine Bewegung, um zu zeigen, wie das Spielzeug gehe und zischelte mit dem Munde, wie es klingt, wenn der Brummtriesel auf der Erde singt. Er hatte alle Feldzüge mitgemacht und erzählte unparteiisch. Mitten in den blutigen Berichten wenn der Wagen schwankte und der gelehrten Frau bange wurde, streckte er die Hände, so wie im größten Schreck weit aus, und wenn sie ihm den Rücken zukehrte, machte er Grimmassen, wie ein Schuljunge in seiner Ausgelassenheit. Bertouch hatte seine Uhr in Verdun vergessen, und tröstete sich nun, indem er Zuckerwerk aus einer großen Tüte aß, die er sich daselbst gekauft hatte. Der altes Oberst versprach, der Uhr wegen zu schreiben, und hoffte, daß er sie ihm wieder schaffen würde, konnte es aber nicht unterlassen, mit ihm zu scherzen und zu sagen: »Da sitzt er wahrhaftig wie ein kleines Kind und nascht, um sich über den Verlust der Uhr zu trösten.« Bertouch äußerte mir auf Dänisch sein Mißbehagen über diese Anrede, ich rieth ihm aber davon ab, einen von Napoleons Helden, der sich erbot, ihm eine kostbare Uhr wieder zu schaffen, eines gutmüthigen Scherzes wegen herauszufordern. Der Oberst schrieb nach der Uhr, und wir bekamen sie auch ganz richtig wieder. Ein anderer jüngerer Franzose, der in Polen, Deutschland und Spanien gewesen war, war sehr zuvorkommend und bescheiden, und als ich bei Tisch mit einem Stockfranzosen über französische Zustände disputirte, nahm Jener meine Partei und sagte: »_Il faut dire la vérité: nous sommes peu de chose à présent!_« -- Ein ganz junger Mensch von sechzehn Jahren stieg in St. Menehould in den Wagen, ein hübscher, großer Junge. Er hatte vor Kurzem ein kleines Amt oder dergleichen bekommen; denn er spielte mit einem Papiere in der Hand, und als wir ihn fragten, was es sei, sagte er: »es sei ein Posten, den er erhalten habe.« Das war die erste Reise in seinem Leben. Seine Geliebte begleitete ihn an den Wagen. Es wurde ein rührender Abschied, obgleich nur auf zwei Tage genommen. Im Wagen erzählte er uns umständlich von seinem Vater, seiner Mutter, seiner Tante, seiner Schwester, seiner Cousine (seiner Geliebten). -- So fuhren wir bald rasch, bald langsam. In der ersten Nacht kamen wir nicht ins Bett, das war eine harte Nuß. Am nächsten Abend waren wir in Chalons, an dem darauf folgenden in Metz.
[Sidenote: Ankunft in Metz.]
Die Gegend um Metz ist sehr schön. Eine Meile vor Metz liegt ein kleines Dorf, von Fruchtbäumen und Weinbergen eingeschlossen, ein wahres Paradies.
Es war ein fürchterlicher Wind; aber wir saßen geborgen. In der Nähe von Metz lag ein Pferd auf dem Wege. Es ist todt, sagte Bertouch. -- »Ist es todt?« rief der junge Franzose, »das glaube ich nicht.« Bertouch versicherte es, und sagte: daß viele Bauern darum ständen. »Weinten oder lachten sie?« fragte der Franzose. Er wollte daraus nämlich einen Schluß ziehen, ob Hoffnung sei, oder nicht.
In Metz fanden wir unsern Wagen, morgen reisen wir über Straßburg nach Tübingen.
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[Sidenote: Das Mißverständniß. Saverne.]
[Sidenote: Der Straßburger Münster. -- Cotta.]
Von Metz bis Straßburg sind 20 Meilen, wir beschlossen, 10 Meilen täglich zu fahren. In Bourdonnaye trafen wir ein Haus mit einem Wirth darin, aber es war kein Wirthshaus. Fünf, sechs Leute standen vor der Thür und sahen zu, wie Christian den Wagen abpackte; Bertouch und ich hielten Wache. Wir bekamen eine finstere Kammer mit einer zerbrochenen Fensterscheibe. Der Wein schäumte wie Bier. Als ein altes Frauenzimmer Spiegeleier auf den Tisch setzte, glaubte ich, Brigitte in der Räuberburg leibhaftig zu sehen. Am nächsten Morgen stürmte und schneite es, als wir abfuhren. Endlich hörte das Schneegestöber auf, und durch die Wolken blickte der blaue Himmel. Wir kamen in ein Dorf und sahen schöne, große, grün bewachsene Felsen mit mächtigen Burgruinen. Ich rief Christian, der auf dem Bocke saß, zu, er solle den Schwager fragen, was das für eine Ruine sei; Christian antwortete »daß es zu =einem= Grabe gehöre,« woraus ich dann den richtigen Schluß machte, daß ihm gesagt worden sei, es habe einem Grafen gehört. Die zwei hohen Berge lagen von einem dünnen, blau-weißen Nebel umgeben; die übrige Landschaft war nebelfrei. Wir näherten uns dem Dorfe, das malerisch mit seinen rothen Dächern bisher den muntern Vordergrund der melancholisch-großen Landschaft gebildet hatte. Wie heißt dieser Ort, fragte ich. =Savern=! antwortete der Kutscher. -- Plötzlich stand Schiller's herrliche Romanze: »Ein frommer Knecht war Fridolin« vor meiner Seele. Und nun wurde mir die finstere Burgruine in der Luft und der schwarze Tannenwald noch einmal so bedeutungsvoll. Ich sah die schöne Gräfin von Savern und ihren wilden strengen Gatten. Wir kamen an der Kirche vorüber, wo Fridolin sich aufgehalten hat. Dort im Walde stellte ich mir die Höllenknechte, das Feuer anschürend, vor, in das das Ungeheuer selbst gestürzt werden sollte. Eine leichte weiße Wolke fuhr an den finstern Wolken rasch vorüber und verschwand hoch im Himmel über den Bergen. Da glaubte ich den Geist des unsterblichen Schiller zu sehen, und starrte ihm begeistert nach. -- Der Wagen hielt und die Pferde wurden gewechselt. Ich war wieder das Kind des Augenblicks. Mir froren die Füße, ich war hungrig, langweilte mich darüber, daß es so langsam ging, und statt an Schiller's herrliche Romanze zu denken, dachte ich an Herrn Holbein's Schauspiel über denselben Stoff. -- Nun wurde das Wetter milder, und als wir wieder an ein kleines Dörfchen kamen, war der Himmel klar, ruhig und blau. -- Wenn man Tag und Nacht reist, vergißt man leicht das Datum; aber aus der Ruhe auf der Straße, und den geputzten Kleidern, in denen Mädchen, Frauen und Kinder uns begegneten, schlossen wir, daß es Sonntag sei, was auch wirklich der Fall war. Während ich so da saß und an den schönen Sonntag, an das lebendige freundliche Idyll dachte, das ich kurz vorher in dem Dorf gesehen hatte, wozu die Felsentragödie dort im Sturme ein schöner Gegensatz gewesen war, -- erhob Straßburg in der Ferne seinen feierlichen Thurm vor meinen Augen. Aber gerade, wie wir in die Stadt einfuhren, brach wieder ein Ungewitter los. Ein wilder Orkan pfiff durch die kühnen Thurmlöcher, und wir fuhren in ein gutes Gasthaus, während der Riese draußen dem Schnee und Wind trotzte, und ebenso jugendlich dastand, als damals, wo Göthe in seiner Krone Rheinwein trank. Es ist von Göthe so viel Schönes über den herrlichen Münster gesagt worden, daß jeder Zusatz überflüssig wäre. Ich stieg in den Thurm hinauf, aber nicht so hoch, als damals, wo ich noch Junggeselle war. Der Thurm ist so hoch, so schmal, endlich so von Oeffnungen durchbrochen, daß man gleichsam in einem schwachen Gitterwerk hoch in der Luft schwebt. Man fürchtet nicht =selbst= hinabzufallen; denn man kann sich ja anhalten; aber man hat die Empfindung, daß möglicher Weise der Thurm in einem solchen Augenblick herabstürzen könnte. In dem Glockengewölbe entdeckte ich die Namen: »C. u. F. Comtes de Stolberg. Göthe. Lenz u. s. w. 1776.« Ich wandte mich an den alten Thurmwächter, bezahlte ihn für meinen langen, fast das ganze Alphabeth umfassenden Namen, und bat ihn, denselben gerade unter den Göthe's einzuhauen.
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In Stuttgart traf ich =Cotta= als Geheimen Hofrath unermüdet, bleich, mager, voller Feuer beweglich, gesund und fleißig. Wir hatten eine kleine Rechnung mit einander abzumachen, und ich neckte ihn freundlich, daß er, der reiche Mann, so genau wenige Groschen nachrechnete. »Lieber Freund!« sagte er lächelnd, »hätte ich nicht auf die Groschen gesehen, wäre ich kein reicher Mann geworden.« Hier in Württemberg ist aller Augenblicke ein Reichs- oder Kreistag. Der Minister Wangenheim steht mit Cotta und Andern der öffentlichen Meinung gegenüber; er will zwei Kammern haben und das Volk nur Eine. Jüngst schlugen einige Volksvertreter Wangenheim die Fenster ein; aber er sagte, wie Fichte früher zu den Studenten: »Ein Steinwurf ist ein sehr schlechtes Argument.« Aber obgleich nun Wangenheim an gewissen aristokratischen Elementen zum Besten des Staates, seiner Ueberzeugung nach, festhält, so ist er doch so fern von thörichtem Adelshochmuth, daß er, obgleich Excellenz und ein Mann von feinstem Weltton aus Neigung in seinem Privatleben fast burschikos ist. Der junge Dichter Rückert ist sein Duzbruder. Einen langweiligen Kammerherrn mit einem Zuschnitt aus der _vieux bon-temps_, den Wangenheim nicht leiden konnte, wußte er vor Kurzem aus einer Dichter- und Künstlergesellschaft, in die derselbe sich eingeschmuggelt hatte, zu bringen, indem er ihm gewissermaßen die Thür wies. Wangenheim stand sehr höflich bei Tisch auf, hielt eine Rede an ihn, in der er ihm bewies, wie wenig er in unsere Gesellschaft passe. Als wir Abends die Gesellschaft verließen, machte der Minister, der mit mir Arm in Arm allein ging, da wir in ein interessantes Gespräch gekommen waren, den Vorschlag, ob wir nicht in ein Wirthshaus gehen, und eine Bowle Punsch trinken wollten. »Ja,« antwortete ich, »wenn Ew. Excellenz können, kann ich es auch!« »Ach,« rief er, indem er mit dem Kopfe schüttelte und weiter ging, »die verfluchte Excellenz!« Er war ein Vetter des Bischofs Münter, dessen Mutter »eine Edle von Wangenheim« war, wie meine Freundin, Frau Brun, in ihrer Biographie schreibt.
[Sidenote: Wangenheim. Rückert.]
Rückert ist außerordentlich altdeutsch gewesen. Das hat sich Etwas gelegt und er zeichnet sich in seiner Kleidung nicht mehr von Andern aus. Er dichtete mir zum Abschied folgendes Sonnet:
Gen Süden kam vom nord'schen Meeres Sunde, Ein edler Vogel des Gesang's geflogen, Der, wie er dän'sche Luft hat eingesogen, So laut doch singen kann mit deutschem Munde.
Es fühlte gleich sich in der ersten Stunde Mein Herz zu ihm entschieden hingezogen; Und, ist mir sein's wie meines ihm gewogen, So bleiben wir fortan die Zwei im Bunde.
Ist er vom raschen Flug zu seinem Norden Nun heimgekehrt, und ich bin fern im Süden, So soll des Raumes Trennung uns nicht stören;
Dazu ist uns die Kunst des Lied's geworden, Die wollen wir so brauchen ohn' Ermüden Daß Einer soll des Andern Nachhall hören.
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[Sidenote: Uhland. Frau Huber. v. Küster.]