Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Part 12

Chapter 123,646 wordsPublic domain

Gestern war das schönste Wetter und ich war im _Jardin des Plantes_, nur hier und da guckte ein Blümchen hervor. Die grüne Ceder vom Libanon, die einer Buche mit Tannenblättern gleicht, breitete ihren feierlichen Schatten über den Hügel aus. Wir sahen die spitzschnauzigen Wölfe; die Hyänen mit den gemeinen unbarmherzig dummen Glotzaugen. Der alte Löwe sah wie ein General aus Ludwig's XIV. Zeit mit einer Allongeperücke aus. Braun, der Bär, ging unten in einem tiefen Graben, in dem er einen Baum hatte, um daran hinaufzuklettern. Jüngst stieg ein Mann zu ihm hinab, um einen Thaler zu holen, der darin lag; da kam Braun ihm sehr freundlich entgegen und drückte ihn so innig an seine Brust, daß der Mann den Geist aufgeben mußte. Ich sah einige philosophische Eulen, deren Weisheit gleich der der Sophisten das Licht scheute; einige Adler, die in das Fleisch hackten. Die Papageien hatten ihre Toilette gemacht, und glichen alten Weibern, die ihre unschöne Gestalt mit prächtigen Kleidern behangen und sie ausgeschmückt haben, daß es eine Lust war; sie waren entsetzlich dumm. Es fanden sich da auch herrliche Fasanen. Zu denen flogen die Spatzen hinein, und durch das Gitterwerk wieder hinaus, und es war rührend anzusehen, wie die kleinen Vögel sich immer, wenn sie wollten, wieder frei machen konnten, die großen aber darin bleiben mußten. Bei der Löwin lag ein kleiner Hund, der sehr eitel und prahlerisch aussah, während die Löwin vornehm gähnte und sich langweilte. Wir sahen einen ehrwürdigen Elephanten. Da waren langhalsige Sträuße, Stachelschweine; kurz, es war wie in Noah's Arche und in Aesop's Fabeln. Die Affen spielten die Bajaz- und Harlekinsrollen in einem stinkenden Nachspiele. Sie bilden sich ein, daß sie mit zur Löwen- und Tigerfamilie gehören, weil vor ihnen auch ein Gitterwerk ist.

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[Sidenote: Versailles.]

Ich kam jüngst nach =Versailles=. Von diesem prächtigen Schlosse war die Vergoldung in der strengsten Bedeutung des Wortes verschwunden; aber nun vergoldet man es wieder thunlichst. Ludwig XIV. hat absichtlich eine Stelle zum Schloß und Garten gewählt, für die der Schöpfer gar nichts gethan, damit =er selbst= allein die Macht und Ehre davon habe. Die Gegend war ein Morast; -- dieser ist nun in den festesten Boden verwandelt. Es war kein Wasser dort; -- aber Ludwig verstand es, durch künstliche Leitungen sich Wasser, ebenso wie Poesie, zu verschaffen, und wo man geht, kann nun das Wasser aus mittelmäßig geformten bronzenen Tritonen und Oreaden spritzen. Kein Unterofficier kann die Soldaten zwingen, in geraderen Reihen zu stehen, als die Gärtnerscheere hier die Hecken gezwungen hat. Indessen bekommt das Ganze durch seine Weitläufigkeit und Kostbarkeit, Ordnung und Reinlichkeit, etwas Imposantes und Angenehmes. Im Schlosse selbst sind schöne Hallen, die Plafond's sind köstlich gemalt und es hat etwas Feenhaftes, durch alle die goldenen Säle mit hohen, gewölbten Kuppeln zu wandeln. Ludwig XIV. war, wie die Krähe und Narciß in seinen eigenen Namen und sein eigenes Bild vergafft, =wohin= man das Auge richtet, in =welchen= Saal man tritt, steht Ludwig XIV. im Harnisch mit der Allongenperücke. Ja, in dem großen Saal steht er in jeder Wölbung unter der Kuppel. Diese Gemälde enthalten die wichtigsten Momente seiner (d. h. seiner Generale) Siege. Ich stand in dem langen Saale allein, und konnte es mir recht vorstellen, wie es hier von Herren und Damen mit großen Rockschößen, breiten Reifenröcken, Perücken und Toupee's gewimmelt haben muß. -- Hier stand der große Racine zitternd und bebend, als Ludwig an ihm vorüber ging, ohne ihn zu grüßen; ging nach Hause und starb; -- Gott sei seiner Seele gnädig!

In dem Theater war ich auch, aber hier lag noch Alles in größter Unordnung. Alte Gemälde und Portraits waren hineingeschleppt, und wie in einer Rumpelkammer übereinander geschichtet; und mitten zwischen diesen stand ich. -- Es schien mir wie eine satyrische Scene, die absichtlich von dem Schloßverwalter veranstaltet sei. Ich wandte mich deshalb zu ihm und sagte: »Ja, es ist schrecklich, wie der Geschmack zurückgegangen ist.« -- »»Nein, mein Herr,«« sagte er, »»diese alten Gemälde und Portraits gehören nicht hier her; wir haben sie nur _ad interim_ hierher gesetzt.«« -- »Lassen Sie sie nur stehen,« antwortete ich; »es wird mit ihrem Theater doch nicht gut, bevor sie nicht diese Helden auf die Bühne bringen.« -- Durch das viele Umhergehen war ich warm geworden, und nun sollten wir in die Orangerie. Dies ist ein langes Gewölbe in dem untersten Seitengebäude. Die Fenster waren geschlossen; wir gingen durch einen langen finstern Keller, wo gerade soviel Licht war, daß ich die Orangenbäume in viereckigen Holzkasten entdecken konnte; sie hatten rundgeschnittene Kronen, welche freilich alle grün waren. -- Es schwebte mir die Frage auf der Zunge: »Was haben diese Bäume verbrochen?« denn es schien mir, als ob ich durch die Bastille oder die französische Academie ging, wo die Natur unter der Zuchtruthe gehalten wird. Zugleich dachte ich aber daran, wie schön es im Sommer aussehe, wenn sie draußen in der Luft ständen, und Früchte trügen. So hatte ich sie im Jahre 1807-1808 gesehen. Nun versöhnte ich mich mit der Einrichtung, und dachte: das ist eine Art Winterschlaf; man muß diese Orangen wie eine Truppe Schauspieler betrachten, die ihre Rollen in dem Lustspiele durchlesen, das sie am Geburtstage der Sommerwärme aufführen sollen.

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[Sidenote: Versailles. -- St. Denis.]

Das war nun die Versailler Tour. Einige Tage darauf dachte ich: Du hast keine der Majestäten auf dem Lustschlosse gefunden, Du mußt sie einmal auf ihrer Winterwohnung aufsuchen, da sind sie gewiß zu Hause. -- Mit diesem Gedanken stieg ich in einen Wagen, und fuhr eines schönen Tages nach =St. Denis= hinaus. Als ich nun an dem Kirchhofe von Paris vorüberfuhr, wo Alles auf Das hindeutete, was gewesen =war=, erhob sich nach und nach der ehrwürdige Thurm von St. Denis, und erinnerte mich an unser altes Roeskilde.

[Sidenote: Die Gräber von St. Denis.]

Ich dachte nicht an die Geschichte der Begräbnisse und bildete mir ein, daß ich viele davon sehen würde, wie in Roeskilde oder Westminster. -- Mit diesem Gedanken trat ich in die alte gothische Kirchthür; aber statt der =Gräber der Todten= erblickte ich in dem großen hellgelben Steingewölbe nichts als einen =lebenden Todtengräber=, der eine Mütze aufhatte, weil es nicht gestattet war, einen Hut in der Kirche aufzubehalten. Er ging auf und ab, und wartete wahrscheinlich auf einige =Kunden=, d. h. =Lebende=, welche sich umherführen lassen und ihm Trinkgeld gehen würden. Ich fragte ihn, ob ich die königlichen Gräber sehen könnte; aber er schlug es mir mit vieler Wichtigkeit ab, und sagte: daß sich das nicht ohne besondere Erlaubniß thun ließe. Dies that mir leid, und ich glaubte bereits, die Reise vergebens gemacht zu haben; als er in demselben Augenblicke mein Herz durch den Zusatz erleichterte, daß auch nichts weiter zu sehen sei, als die Särge Ludwigs XIV. und seiner Familie. -- »Aber mein Gott,« rief ich, »wo sind denn alle Merowinger, die Karolinger, die Valois, und die Bourbons geblieben?« -- »»Es ist Nichts mehr an ihnen zu sehen,«« sagte der Todtengräber. -- »Das kann ich mir wohl denken,« entgegnete ich, »aber ihrer Gräber?« -- »»Existiren nicht mehr; denn in der Revolutionszeit wurden sie vernichtet, und Robespierre ließ alle ihre Gebeine herausnehmen und sie auf dem Kirchhofe dort begraben.«« -- Hier öffnete er eine Seitenthür zu einem kleinen, grünen Kirchhof. -- =Ich=: Liegen sie da noch? =Der Todtengräber=: Nein, später hat man sie wieder in die Kirche gebracht. =Ich=: Das heißt, =alle Gebeine zusammen=; denn es war wohl nicht leicht, Chlodowigs Gebeine von denen Chilperichs, Merowings von denen Dagoberts, und Chlodions von denen Pharamunnds zu trennen. =Der Todtengräber=: Sie können sich denken, daß das ein artiger Haufen war. =Ich=: Und wenn man ihnen auch, wie den Abderiten einen Schlag über die Beine gegeben hätte, so würden sie doch vergessen haben, die Beine an sich zu ziehen. Ja ich möchte wohl solch' eine =Schiebkarre voll der Königsasche mehrerer Jahrhunderte= sehen! Der Gedanke: »von Erde bist du, zu Erde sollst du werden,« würde bei einem solchen Anblicke sehr einleuchtend werden. -- Nun erzählte der Todtengräber mir mit vieler Routine die Geschichte der Kirche. Der Chor ist in dem elften Jahrhundert mit runden unverhältnißmäßigen Säulen erbaut. Die Kirche selbst hat Ludwig der Heilige errichtet und Thüre und Eingang sind noch aus der Zeit Karls des Großen. Vom Anfange des neunten Jahrhunderts? Unter dem Chor war die alte Kirche, eine niedrige Kapelle, von Dagobert im siebenten Jahrhunderte gebaut. Nun führte der Todtengräber mich in eine Kapelle hinab, welche mehrere Jahrhunderte hindurch von Gerölle und Steinen verschüttet lag, bis man sie endlich wiederfand. Eine Kirche aus dem siebenten Jahrhundert ist nichts Geringes. -- Es ist angenehm, in das dunkle Mittelalter einzudringen; aber hier begegnet uns die sonderbare Erscheinung: je tiefer man ins Mittelalter hineinkommt, destomehr nähert man sich wieder der hellern, modernern Römerzeit; und dadurch wird der mysteriöse Eindruck geschwächt. Dagobert's kleine Kirche glich mehr dem verdorbenen Geschmack der antiken Baukunst, als der ersten selbsterfundenen romantischen; und als antik ist sie wieder sehr =jung=. Indessen hat man nicht viele Denkmäler aus dem siebenten Jahrhunderte außerhalb Italien und Griechenland, und es war mir interessant, in dieser kleinen niedrigen Kapelle umherzugehen, auf der nun die große Kirche stand, und die _le bon roi Dagobert_ hatte bauen lassen. Einige alte Leichensteine aus dem elften und zwölften Jahrhundert lagen umher. Sie sahen älter aus und stellten ein paar Könige vor: Childerichs oder Chilperichs. Es kam mir vor, als ob diese steifen, weißen Steinbilder Leichen wären, und sie glichen den alten Königen. Ein paar gezeichnete Figuren waren auch aus dem siebenten Jahrhunderte da, und zeugten gleichfalls von dem vorbyzantinischen Geschmacke. Später sah ich ein Versammlungszimmer der Geistlichkeit der Kirche, das schön und mit den besten Bildern der neuesten französischen Maler geschmückt ist.

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[Sidenote: Die stille Woche in Paris.]

Die =stille Woche= in Paris entspricht ungefähr der =Thiergartenzeit= bei uns. Freilich wird die ganze Woche hindurch auf den vier großen Theatern nicht gespielt; und auf den kleinern nicht am Gründonnerstage und dem Charfreitage; aber dafür hat denn auch Lucifer auf andere Weise für das Vergnügen gesorgt. -- In alten Tagen befand sich außerhalb der Stadt eine Kapelle der =heiligen Jungfrau=. Zu dieser Kapelle gingen die Vornehmsten der Stadt, Könige und Königinnen nicht ausgenommen, in Procession, beteten dort fromm und gingen dann wieder zurück. Später meinte man, der Weg sei doch zum =Gehen= zu lang; man meinte, man könne ebenso gut zur heiligen Jungfrau beten, wenn man hinaus =fahre=. Endlich verfeinerte man die Idee so weit, daß man meinte, =man könnte wohl auch hinausfahren, ohne zu beten=. Und dabei blieb es. Am Aschermittwoch, Grünendonnerstag und Charfreitag fährt also Alles hinaus, was Pferde und Wagen hat, oder miethen kann. Der Zug fängt am Boulevard an, geht über den Platz Ludwigs XV., durch die elyseischen Felder, zur Barrière hinaus, nach dem Bois de Boulogne, wo Viele aussteigen und wieder zurückgehen. Alle die prächtigen Equipagen, Schritt vor Schritt fahrend mit schön geschmückten Damen, die dort zur Schau sitzen! Man kann nicht leugnen, daß das Ganze ein elegantes und lebendiges Bild giebt. Nur Eins ist verkehrt, daß es in der stillen Woche geschieht! und Charfreitag ist der brillanteste und lustigste Tag. In diesen Tagen wetteifern die Damen in der Erfindung schöner Toiletten. Künstler, Maler und Schneider sind als Richter zugegen und nun wird gewählt; was man am Schönsten findet, das wird dann die neue Mode, die sich in kurzer Zeit über ganz Europa ausbreitet. Was besonders dazu beiträgt, es unterhaltend zu machen, ist die außerordentlich lächerliche Verschiedenartigkeit, welche dort herrscht. Ein Jeder kann natürlich fahren. Nun kommt bald ein prächtig lackirter Wagen mit geschminkten Damen mit Spitzenhüten und Sonnenschirmen, hinterdrein knarrt ein elender Miethwagen, mit Heubündeln statt der Sitze, voller Poissarden mit Häubchen oder Mützchen; darauf segelt ein englischer Wagen mit einem Kutscher vorüber, dessen spitziger Hut, in Form eines gleichschenkeligen Triangels ihm mit der Krempe gerade über der Nasenspitze sitzt. Dann kommt die Herzogin von Berry mit einer Suite ihrer Garden. Darauf Demoiselle Bourgoin, die Schauspielerin im _Théâtre français_, verschleiert, aus Devotion damit ja Niemand merke wie alt sie wird. -- Man muß gestehen, die französischen Damen kleiden sich mit vielem Geschmack. Sie gehen in prächtiger Toilette auf ihren kleinen, graziösen Füßen mit filirten oder brodirten Seidenstrümpfen, und sie gleichen hierin durchaus nicht dem Pfau, bei dem die Füße die schwächste Seite sind. Eine große Menge von Gensd'armen ist da, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. So bringt man hier die stille Woche zu.

Aber es ist auch Gottesdienst da. Ich ging Abends auch in die Kirche St. Roche, und da war es voll. Aber ich fand keine sonderliche Andacht. Ein Prediger heulte auf der Kanzel, schrie, schlug um sich und war sehr aufgebracht. Er sprach nicht wie ein Vater oder Freund zu seinen Kindern und Schülern; sondern wie ein Gefangnenwärter, der Schelme oder Verbrecher ausschilt. Wir wären gern Alle zusammen wieder draußen gewesen; aber die Thüren waren während der Predigt geschlossen, sodaß man bleiben mußte. Es nahm gar kein Ende, und ich war nahe daran, ihn von der Kanzel in die Hölle hinab zu wünschen. Endlich kamen wir hinaus. -- Da hast Du ein Bild von einem pariser Charfreitag.

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[Sidenote: _Potage à la turc._]

In meinen Briefen gehe ich zuweilen den Krebsgang. So will ich nun erzählen, wie ich am Gründonnerstage beinahe gefastet hätte, und zwar aus lauter Heidenthum. Ich war nämlich im _Long-champ_ -- so wird der vorher erwähnte Zug genannt -- so lange, daß ich nicht mehr zu =Very= ins Palais royal kommen konnte. -- Bertouch ißt in einem Hôtel zu Mittag, wo eine geschlossene Gesellschaft ist, und da bin ich zuweilen auch; aber da es mich mehr amüsirte, umherzugehen, ihn aber Bekanntschaften fortzusetzen, so bleibt er noch dort und ging auch mit einigen Freunden vom Hause spazieren. -- Da die Uhr über Fünf Uhr war, ging ich in eine Restauration am Boulevard zu Monsieur le Riche. Bei den Reichen pflegt man gut zu diniren, und ich kann auch im Ganzen nicht klagen. Aber man höre! Das Erste, auf das meine Augen auf der großen Speisekarte fielen, war _potage à la turc_. -- _Potage à la turc_? das klang mir so kräftig. Ich verlange also potage à la turc. Der Garçon sagt: _bien, Monsieur_! -- Es kommen andere Gäste, welche _potage à la julienne, aux choux, aux ris, aux vermicelles_ etc. verlangen. -- Sie bekamen Alle ihre Suppen früher als ich die meinige. Endlich kommt der Diener mit einem silbernen Teller, auf dem eine in einer Obertasse befindliche Portion gekochten gelben Reißes ganz trocken wie ein harter Kuchen steht. Ich dachte: das kommt wohl in die Suppe. Ich warte. Nichts mehr! Endlich werde ich ungeduldig und rufe: »_Eh bien? le potage?_« -- Garçon: »_Le voilà, Monsieur!_« Ich: »_Comment, c'est du potage ça?_« Garçon: »_Oui, Monsieur!_« --

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[Sidenote: Das Museum.]

Vor der Thüre zum Museum steht ein Schweizer, und ich hatte im Anfange immer Mühe, an ihm vorüberzukommen. Bald war es nicht geöffnet, bald sollte man seinen Paß vorzeigen. Einmal, als ich den Paß bei mir hatte, sagte er: »_Monsieur le chevalier, ce n'est pas nécessaire, mais la galérie n'est pas ouverte aujourd'hui_.« -- Ein anderes Mal, wo ich den Paß in der Hand hielt, wollte er ihn lesen, und ich trat endlich ungehindert in die Wunderwerke der Kunst ein, ohne daß Cerberus mich ferner daran gehindert hätte.

Die Galerie hat viele ihrer Krähenfedern verloren. Das Geschwätz: daß es schade sei, daß sich nicht Alles mehr auf einer Stelle finde, und daß dies die Möglichkeit zu studiren, sowohl für Künstler, als für Kunstverständige erschwere, hat mich oft verdrossen. Als ob Kunstwerke nur für die Künstler da wären! Im Gegentheil: die Künstler sind für die Kunstwerke da. Wenn man Alles nur in Bezug auf das Bedürfniß der Künstler einrichten will, so kommt mir das so vor, als ob man die Speise in der Küche stehen ließe, wenn der Koch sie fertig gemacht, damit die Küchenjungen am nächsten Tage daraus lernen, eine ähnliche Speise zu bereiten.

Die Werke sollen gerade in die Welt hinausgebracht und =vertheilt= werden, damit Alle Etwas haben können. Jede irgend wichtige Stadt hatte früher ein einigermaßen bedeutendes Kabinet, so ist es jetzt wieder. Hier war Alles zu einem Haufen zusammengefegt. Erstens war es ein gemeiner Raub; aber es war auch ohne Nutzen: es machte die früheren Kunstsammlungen leer, und die außerordentliche Menge auf einem Punkte stumpfte den Sinn ab und zerstreute, sodaß man auch hier die Kunstwerke nicht recht genoß. Das Seltenste erschien alltäglich, wenn man an der Masse vorüberging.

Während früher ein Altarbild die Kirche feierlich und schön machte, und oft gerade in Bezug und berechnet auf den Ort gemalt war, hingen sie nun oft in einem Winkel hoch oben im Schatten, wie in einer Rumpelkammer. Eine Statue, welche dazu bestimmt war, frei zu stehen, sodaß man rund um sie umhergehen, und sie von allen Seiten betrachten konnte, mußte sich hier oft damit begnügen, an einer Wand und in unvortheilhafter Beleuchtung zu stehen. Weßhalb soll man auch so Vieles sehen? Es verbreitet den Geschmack für das Schöne weit mehr, wenn Alle Etwas, als wenn Einige Alles sehen. Und was kommt überhaupt bei diesem ewigen Besehen und Copiren heraus? Davon haben wir traurige Beweise!

Ich kann es nie lange aushalten, Gemälde und Statuen zu sehen; aber ich sehe sie gern jeden Tag wieder. Ich habe mich oft über Menschen gewundert, die mit ununterbrochener Aufmerksamkeit dergleichen mehrere Stunden lang hinter einander betrachteten. Im Anfange glaubte ich, es sei Mangel an Sinn für das Schöne, der mich müde werden ließ; aber später, als ich oft Aehnliches bei Leuten gesehen habe, die gerade ihres Schönheitsgefühls wegen geachtet waren, tröstete ich mich. So viele Gemälde und Statuen auf einmal zu sehen, kommt mir vor, als wenn man viele Gedichte auf einmal liest. Der eine Eindruck verdrängt den andern. Es ist als ob man in einen Raritätenkasten, oder in eine Laterna magica blickt. Das Gefühl wird gezwungen, uns treulos zu werden. Die Phantasie muß ihr Bild fahren lassen, gerade in dem Augenblicke, wo sie es genießen wollte; vor lauter Lust, Alles zu sehen, sieht man zuletzt gar Nichts und verläßt die Sammlung mit leerem Herzen. -- Meine Seele wird von solchem Anblicke =befruchtet=, und wenn der Geist Gedanken und Bilder in sich aufgenommen hat, sucht er die Einsamkeit, um selbst zu schaffen.

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Bertouch, der kein großes Vergnügen daran findet, Kunstwerke zu sehen, war jüngst mit mir in der Galerie; als er ganz gleichgültig vor Raphael's heiligem Georg stand, wollte ich doch versuchen ihm zu imponiren und sagte: »Wissen Sie wohl, daß dieses Bild vielleicht ebenso viel, als ihre Baronie gekostet hat?« -- »»Möglich,«« antwortete er gleichgültig, »»die Liebhabereien sind verschieden.«« Ich lachte und gab ihm vollkommen Recht.

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[Sidenote: Das Ballet. -- Galeotti.]

Das Ballet nähert sich hier bei Weitem nicht so sehr der eigentlichen Mimik, wie die Composition unsers =Galeotti=, ist aber viel mehr mit Tanz verbunden. Galeotti war eigentlich ein =Dichter=. Die Compositionen seiner Fabeln, die, wenn auch anderen Stücken entnommen, doch ganz umgearbeitet waren, können als =Entwürfe= zu guten Schauspielen dienen. Jede Kunst hat ihre =Eigenthümlichkeit=, in der sie vollkommen werden muß; sie kann sich unmöglich =über sich selbst= erheben, unmöglich ihre Vorzüge von einer =andern= Kunst entlehnen. In den Ausdrücken der Leidenschaft, in der Entwickelung der Charactere kann das Ballet sich nicht mit einem guten Schauspiele messen; denn das Wichtigste, das =Wort= fehlt. Das Ballet ist die Kunst der äußern Bewegung. Seine Hauptaufgabe ist, den Menschen in allen schönen Formen der Bewegung darzustellen. Hier kommen also Tanz, Gruppen, anmuthige Verwickelungen, die sich in Harmonie auflösen u. s. w. in Betracht[2]. So wie das Singspiel die =Stimme= des Menschen, als Ausdruck für seine Gefühle und Leidenschaften behandelt, so behandelt das Ballet seine Körperbewegungen. Die Pantomime stellt eine Handlung in so weiter Entfernung gesehen dar, daß man nicht mehr die Worte vernehmen, sondern sie sich nur durch die Bewegungen versinnlichen kann. Da es nun bloß sehr wenige Stimmungen giebt, welche diese äußere Bewegung gestatten, wenn sie nicht der Deutlichkeit wegen =unschön übertrieben= werden sollen, so sehen wir ein, daß der Kreis der Pantomime sehr beschränkt ist. Einzelne Gedanken kann sie nur selten ganz deutlich ausdrücken. Unser Galeotti handelte deshalb sehr klug, indem er Stoffe wählte, die bereits durch die =Poesie= bekannt waren, sodaß die Erinnerung an die Worte des Gedichts den mimischen Vortrag unterstützen konnten. Will die Pantomime dagegen auf ihren eigenen Füßen stehen und tanzen, so muß sie sich in ihrer Sphäre halten. In dem Tragischen sind nur einzelne pathetische und erotische Gegenstände für dieselbe geeignet; dagegen ist der Tanz ein Ausdruck jugendlichen Lebens und jugendlicher Munterkeit, und wir sehen also deutlich, daß jugendlicher Scherz in anmuthigen Bewegungen ihre Hauptsache ist. Das fühlen die Franzosen als geborene Tänzer und suchen, indem sie keinen großen Werth auf die Balletcomposition legen, den Zweck durch die richtigste Wahl des Stoffes und durch die vollkommenste Darstellung zu erreichen.

[2] Als ein Meister dieser Kunst zeigte sich viele Jahre später unser =Bournonville=.

[Sidenote: Das Ballet.]

Ich habe zwei Ballete dieser Art hier ganz vortrefflich gesehen: =Zephyr und Flora= und =der Carneval in Venedig=. Wenn Zephyr überhaupt menschlich verkörpert werden könnte, so wäre es hier durch die anmuthigsten Bewegungen und Wendungen geschehen. Die blühende Flora tanzte in holder Grazie mit ihrem Geliebten: es war wie die Frühlingsluft in einer Rose. Der Carneval ist ein amüsanter Wirrwarr der verschiedenartigsten Masken: italienische Phantasie und Munterkeit, verbunden mit französischer Leichtigkeit und Grazie. Alles unterstützte diese Vorstellungen: Costüme und Decorationen waren vollkommen schön; das Wasser rieselte, die Böte segelten dahin, die Bäume warfen ihren Schatten, die Blumen schmückten Alles, wie in der schönen Natur.

Welche Menge schöner, junger Menschen beider Geschlechter! Einer verdrängt den Andern. Alles geschieht ohne Prätension, und das Schwierigste mit einer so nachlässigen Leichtigkeit, daß man glauben sollte, man könne es selbst machen. So muß alle Kunst sein: wo man die Schwierigkeit bemerkt, da ist Anstrengung; Anstrengung setzt Mühe, ja wohl selbst Schmerz voraus, und die Folge davon ist, daß man mit dem Leidenden Mitleid oder gegen den Schwachen Verachtung empfindet, anstatt sich mit über das Blühende zu freuen und den Starken zu bewundern.

Man frage mich nicht nach den Namen dieser Phantome! Worte scheinen mir nichts mit ihnen zu thun zu haben, und ein Name ist ein Wort. Ich betrachte sie wie die Blumen im Winde: die Linné'schen Bezeichnungen sind für mich von geringer Bedeutung. Es erfreut mich stets, sie gleichsam jedesmal aufs Neue zu entdecken. Aber wenn man durchaus einen Namen haben will, so diene zur Nachricht, daß Mademoiselle Bigottini eine der vorzüglichsten Tänzerinnen ist.

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