Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Part 11

Chapter 113,743 wordsPublic domain

Während ich die Treppe hinaufging, zogen mir die Tage im Geiste vorüber, wo ich das erste Mal in Paris war, als sie auf dem Lande in _Auberge en ville_ wohnte und nicht zur Hauptstadt kommen durfte. Nun hatte sie den Hafen ihrer Wünsche erreicht. -- Der Diener, der mich melden sollte, hörte meinen Namen, den er natürlich ganz verdreht der gnädigen Frau mittheilte. Er kam wieder und sagte: »Sie kenne Niemanden dieses Namens«. Ich war gerade im Begriff, ihn mit Bleistift auf einen Zettel zu schreiben (denn ich hatte, wie gewöhnlich meine Visitenkarten vergessen), als ich eine junge Dame im Morgenkleide und in einem Capüchon an mir langsam in einiger Entfernung vorübergehen, und mich aufmerksam betrachten sah. Als ich näher kam, war es die Herzogin von Broglio, die ich von ihrer Kindheit her kannte. Als ich ihr meinen Namen nannte, beklagte sie, daß ihre Mutter mich nicht gleich empfangen könne, da sie nicht angekleidet sei, und ging dann auch hinein. Kurz darauf kam der Diener, der meine Karte hineingebracht hatte, zurück, und sagte: die Baronesse ließe mich bitten, am Abend zwischen Acht und Neun wiederzukommen. Es war also eine Soirée, und ich konnte nicht vorher mit meiner alten Freundin allein sprechen, in deren Hause ich neun Jahre vorher fünf Monate in Coppet zugebracht hatte. -- Am Abend kleidete ich mich also in Schuhe und Strümpfe und ging hin. Ich fand einen Theil besternter Herren, zwischen denen ich mich durcharbeiten mußte, um Frau von Staël auf dem Sopha bei einem Kamine zu finden, wo sie, wie gewöhnlich mit einem Turban auf dem Kopfe, saß, und mich mit einem Scherz empfing, als ob wir uns erst gestern gesehen hätten. Sie stellte mich Alexander von Humboldt vor, mit dem ich zehn Jahre vorher in Berlin gesprochen hatte. Ich entdeckte auch A. W. Schlegel in der Menge, und sprach mit ihm, aber nur kurz. Die Conversation war nicht frei und allgemein; es herrschte ein steifer und stiller Ton daselbst, und -- darauf verstehe ich mich nicht. Frau von Staël lud mich ein, den nächsten Montag bei ihr zu speisen. --

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Ich bereitete mich darauf vor, zur bestimmten Zeit um sechs Uhr einzutreffen; aber da unser Diener Christian mir Bertouch's Schuhe gegeben, und meine eigenen eingeschlossen hatte, so währte es etwas lange, sodaß es ungefähr sieben Uhr wurde, als ich bei Frau von Staël eintraf, um Mittag bei ihr zu speisen. Sie saß an einem kleinen runden Tisch mit ihrer Tochter, der Herzogin, und zwei anderen älteren Damen; für mich war ein Platz frei gelassen. Ich entschuldigte mich, erzählte mein Mißgeschick, beeilte mich, die Speisenden einzuholen, die bereits beim Fische waren, und gab mir alle Mühe, bei dem Französisch-Sprechen nicht verlegen zu werden. Wir sprachen von verschiedenen Dingen. Frau Staël machte mir ein Compliment, weil ich im Norden bekannt geworden sei, und ich sagte: »Was ist der Norden gegen die =Erde=?« womit ich den Kreis =ihres= Ruhms meinte. Wir sprachen von Friedrich Schlegels Buch über die Geschichte, mit dem wir Beide nicht zu sympathisiren schienen, trotz des Guten, welches sich darin befindet, weil wir es gegen die Aufgabe der Geschichte fanden, zu beweisen, was man beweisen =will=, indem man einzelne Züge hervorhebt und die anderen in den Schatten stellt. Sie fragte mich nach Frau Brun, und es freute sie, zu hören, daß diese frisch und gesund sei. Von dem Dichter Werner sprachen wir auch, und waren Beide darin einig, daß die Frömmigkeit bei unserm guten Freunde sehr weit gegangen sei, und daß der Deutsche Recht habe wenn er sage: »Allzuviel ist ungesund!« -- Sie hatte den Correggio noch nicht gelesen, fand es aber sonderbar, daß ich einen Stoff gewählt, wo der Held unter der Last eines Geldsackes stürbe. Ich entgegnete, ich hätte gerade Lust bekommen, das Stück dieses Zuges wegen zu schreiben, und daß ich es als eine Allegorie behandelt hätte, da der Künstler größtentheils arm ist, und den Nahrungssorgen unterliegt. Dies drückte ich im Gespräche nicht so ganz richtig Französisch aus, und sagte: »Unter der Last des Geldes,« was ihr Veranlassung zu einem Scherz gab, indem sie sagte: »_Mais, mon Dieu, comment peut-on tomber sous ce qu'on n'a pas_?« Ich antwortete: »_Ce n'est pas =l'argent= sous lequel il tombe, c'est le =cuivre=_.« Und nun schien sie mich zu verstehen. -- Sie rieth mir Voltaire's Tancred zu sehen, der an diesem Abend gegeben wurde. Ich folgte ihrem Rath, fühlte mich aber nicht sonderlich erbaut. Der gute Lafond schreit außerordentlich, und scheint mir affectirt, überspannt und unnatürlich.

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Ich muß hier (nach Verlauf von 31 Jahren) erzählen, was ich 1817 in meinen Reisebriefen übersprang, wo Frau von Staël-Holstein noch lebte, und ich nicht wollte, daß es wie eine Klage oder Rache aussehen sollte. Ich stand damals in Paris in einem etwas gespannten Verhältniß mit der Frau von Staël; ein Brief, den ich ihr einmal in der langen Zwischenzeit geschrieben, war unbeantwortet geblieben. Indessen veränderte dies nicht den freundlichen Ton zwischen uns, und daß ich das letzte Mal so spät zu Tisch gekommen war, hatte ich entschuldigt und sie vergeben. Aber nun lud sie mich dieses letzte Mal ein, sie am Nachmittage zu besuchen. Als ich ins Zimmer kam, trat gerade eine große Gesellschaft von Herren und Damen aus dem Speisesaal, wo die Mahlzeit geendigt war, herein. Ich wurde fast ohnmächtig vor Erbitterung über die Beleidigung, mich nach Tisch zu sich zu laden, sie, die mich vor wenigen Jahren in Coppet auf den Händen getragen hatte. Ich wollte gleich wieder aus dem Zimmer gehen, blieb aber doch noch einen Augenblick, weil ich eine englische Dame traf, die ich von Coppet her kannte, und der ich meine Gefühle mittheilte, worauf ich ging. Und von dem Augenblicke an sah ich Frau von Staël nie mehr. Sie schickte nicht zu mir (vielleicht wußte sie nicht, wo ich wohnte) und ich besuchte sie nicht wieder. Nicht einmal zu A. W. Schlegel mochte ich gehen, der nie einer von meinen Leuten gewesen war, und der mich früher nicht leiden konnte, weil Frau von Staël mir so viel Freundlichkeit erwies. Dieses ihr Benehmen ist mir stets ein Räthsel geblieben. Als ich Waltersdorff die Geschichte erzählte, sagte er scherzend: »Sie hat dieses Mal vielleicht mit Ihnen wenig Umstände gemacht, weil Sie es letzthin mit ihr ebenso machten.«

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[Sidenote: Die Benefizvorstellung Fleury's.]

Wenn Talma und Mademoiselle Duchenois in einer Tragödie und Fleury und Mademoiselle Mars in einer Comödie spielen, so ist das _Théâtre français_ stets überfüllt. -- Dann stellen sich die armen Leute in langen Reihe hin, um Billets zu kaufen und ihre Plätze an die Theatergänger zu verkaufen, wenn diese zu spät kommen. -- An einem der ersten Abende, als ich im _Palais royal_ spazieren ging und in die Nähe des _Théâtre français_ kam, wußte ich gar nicht, was der Auflauf zu bedeuten habe. Ich hatte mich noch nicht recht gefaßt, als zwei Poissarden herbeiliefen, mich rasch unter die Arme nahmen, sagend: »_Venez, Monsieur, venez, à la tête!_« und mit mir davon liefen. Sie wollten ihren Platz dicht beim Eingang für 8 Sous verkaufen.

=Fleury= hat dieser Tage sein Benefiz für 43jährige Dienste gehabt; und alle Theater wetteiferten, diesem vorzüglichen, =ältesten= Schauspieler Liebe und Huldigung darzubringen. Zu seiner Vorstellung wurde ihm das große Opernhaus eingeräumt, da das _Théâtre français_ bei weitem keinen so großen Raum für Zuschauer bietet. Er spielte in Molière's »_le bourgeois gentilhomme_,« und hier war Gelegenheit, um durch Tanz und Gesang Scenen zu seiner Ehre zu arrangiren. Da waren Schauspieler, Sänger und Tänzer, als Deputirte aller Theater, welche an dem Divertissement Theil nahmen, das, obgleich für Monsieur Jourdan eingerichtet, doch zugleich eine Bedeutung in Bezug auf Fleury hatte. Ich spürte große Lust, bei dieser Vorstellung zugegen zu sein; aber unglücklicher Weise hatte ein Sprachlehrer, den ich von meinem frühern Aufenthalte in Paris her kannte, mich gebeten, mir Billets verschaffen zu dürfen, und es nicht gethan, sonst wäre es mir leicht gewesen hineinzukommen. In der letzten Stunde lief er zu Fleury, zu den Cassirern und den Controleuren; er zog mich nutzlos in das Gedränge hinein, um ein Billet zu kaufen, nachdem alle vergriffen waren. Doch verlor er noch nicht den Muth, und sagte, nun habe er einen Plan, der gewiß glücken würde. Ich ließ es ihn versuchen; wir bestimmten einen Ort, wo wir uns treffen sollten; aber sobald er fort war, ging ich nach Hause, und freute mich, ihn zur Strafe für seine Unzuverlässigkeit mich vergebens suchen zu lassen[1].

[1] Dieser Sprachlehrer war =Depping=, der später die »Geschichte der Normannen« geschrieben hat.

[Sidenote: _Théâtre français._]

Beim _Théâtre français_ sind noch einige sehr gute Schauspieler: eine vortreffliche Soubrette; die beiden =Baptist's=, =Michaud=, =Thénard= u. s. w. In den =zwei Brüdern= nach Kotzebue spielte der älteste Baptist den Seecapitain und Michaud den Matrosen mit unendlicher Wahrheit. Der jüngere Baptist ist eine vortreffliche Maske in Molière'schen Stücken. Er spielte letzthin _le malade imaginaire_. In diesem Stücke tritt das ganze Theaterpersonal, Herren und Damen, im Nachspiel als Doctoren auf. Die Schauspielerinnen tragen ihr Haar als Allongeperücken in langen Locken über die Schulter frisirt. Während ein Marsch gespielt wird kommen sie zu Zwei und Zwei in Procession nach einem Compliment vor dem Publikum, und gegenseitig vor einander, werden mehr oder weniger applaudirt, je nachdem sie beliebt sind, und setzen sich auf ihren Platz. Mir kommen stets die Thränen in die Augen und es ergreift mich jedes Mal ein feierliches Beben, wenn es in der Doctorcreation zu der Stelle kommt, wo =Argan= sagt: _Juro!_ Denn bei diesem Worte fiel Molière ohnmächtig auf der Bühne um, wurde nach Hause getragen, und starb wenige Stunden darauf. -- Liegt nicht etwas Schönes, Großes und Rührendes in dem Zufall? Dieser seltne Dichter wurde vor =Aller Augen= in einem seiner lustigen Stücke abgerufen, gleich als ob das Volk recht empfinden sollte, was es in ihm verloren! Dieser ausgelassne, burleske Aufzug, an dem das ganze Theaterpersonal Theil nahm, um als Doctoren den neuen Doctor einzuweihen, wurde zu einer rührenden =Mythe=, zu einer die Thränen hervorlockenden =Ironie=. Wenn man es =umgekehrt= betrachtet, so versteht man den Sinn: Nicht der junge Doctor wurde von den ältern eingeweiht; der alte Meister wurde in seinem letzten Augenblicke von seinen Schülern gekrönt. Und er schwor noch wie ein ehrlicher Sohn zur Fahne der hohen Thalia, als ihn ein freundlicher Engel in ein besseres Leben hinwinkte. So wurde seine Todtenscene ein Fest; so verwandelte das Burleske sich in eine feierliche Handlung und Melpomene verbarg sich einen Augenblick unter der Maske Thalia's, um, wenn sie dann die Maske abriß, eine ganze Nation durch ihr bleiches Antlitz zu erschüttern.

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[Sidenote: Die Pariserinnen.]

Man trifft hier selten schöne Frauengesichter. Die Pariserinnen sind graziös und haben besonders schöne Füße. Sie kleiden sich sehr geschmackvoll, aber ihre Züge sind, im Ganzen genommen, grob; ein weißer Teint und rothe Wangen sind eine Seltenheit, doch verstehen sie es sehr gut, sich durch Schminke, Spitzen, Rosabänder und pomadeglänzende Locken Frische zu geben. -- Obgleich es auf der Straße ganz rein war, standen doch alte Weiber und Jungen mit Besen (an den Stellen, wo es schmutzig ist, wenn es geregnet hat), fegten ein Wenig die Erde mit ihren Besen und baten dann um eine Kleinigkeit, weil sie die Straße gereinigt hätten. Andere boten hübsch gebundene Veilchen zum Verkauf. Ich kaufte einen kleinen Strauß, und mir war's, als ob mich Primavera zuerst im Jahre 1817 mit diesem milden Dufte begrüßte. Ich ging von dem Tuileriengarten über den Platz Ludwigs XV. und stand einen Augenblick auf der Stelle, wo Louis Capet, Marie Antoinette und ihr Mörder Robespierre dasselbe Schicksal getheilt haben. Aber so entsetzliche Mordthaten hier auch begangen sind, so hat der Ort selbst doch nichts Schreckliches. Es ist ein schöner, offener, freundlicher Platz mit fortwährendem Menschengewimmel. Man muß sich historisch in das Schreckliche zurückversetzen; und das macht ungefähr dieselbe Wirkung, als wenn man davon liest. -- Eine elende Richtstätte auf dem Felde, wo ein armer Sünder geendet hat, erschüttert viel mehr. Die Einsamkeit, das Abgelegene, das gräßliche =Rad= auf der Stange weckt diese finstere Wehmuth, dieses feierliche Beben. Jüngst war ich auf dem Greveplatz, empfand aber auch dort keine Erschütterung mehr. Nicht =was= geschehen ist, sondern wie es geschah, wirkt auf das Herz und die Vorstellungen des Menschen. Wenn die verdammte mechanische Leichtigkeit nicht dagewesen wäre, wäre die Hinrichtung mit der Guillotine nicht zu einer =Manufacturarbeit= geworden, sondern hätte der Scharfrichter seine alte Würde in dem rothen Mantel und mit dem breiten Schwerte bewahrt, dann wäre es nicht so weit gekommen.

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[Sidenote: Physiognomie von Paris.]

Der weiße Kalkstein spielt auch eine große Rolle in Paris und der Umgegend und ist von keiner guten Wirkung fürs Auge. Er macht den Weg und die Stiefeln weiß, und blendet das Auge; die Gebäude sind außerordentlich bleich, wo sie nicht angestrichen sind; und das sind sie in Paris nur hie und da bis zur ersten Etage. Die Häuser, wenn man einzelne Gebäude ausnimmt, sind durchaus nicht hübsch; sie sind außerordentlich hoch und schmal; die Fenster liegen innerhalb der Mauer und machen die Gebäude hohläugig-melancholisch. Nützliche, aber häßliche Brandmauern steigen an jeder Seite des Daches empor, und berauben das Haus seines Ansehens. Wenn man von einem hohen Punkte aus eine Straße in Paris betrachtet, sieht sie wie lauter unregelmäßige Felsenstücke aus, wie große Kreidefelsen mit einer schmalen Kluft in der Mitte. Erst wenn man in die Straßen kommt, so daß man keine Uebersicht hat, wird der Blick auf eine angenehme Weise durch die brillanten Läden beschränkt, die fast wie Glashäuser mit lauter Kostbarkeiten, aussehen. Häufig findet man auch das unterste Stockwerk mit einer hochrothen Farbe angestrichen. Unzählige Inschriften machen fast jedes Haus zu einem Titelblatt mit einer Vignette.

Aber oben, wenn man das Auge emporhebt, sieht man das bleiche Kreidehaus mit den hohläugigen Fenstern und den Eisengittern.

[Sidenote: Entstehung von Paris.]

Und doch war dieser weiße Stein (den man in Menge unter einem Berge an einem großen Flusse mit ein paar kleinen Inseln gefunden) die Ursache zu dem ungeheuren Paris. Er ist leicht zu schlagen und hat die gute Eigenschaft, daß er sich mit der Zeit härtet. So haben die =Pariser=, ein uraltes celtisches Volk, ihn gefunden und eine Stadt auf der größten Insel gebaut, die nun _la Cité_ heißt.

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[Sidenote: Erinnerung an Passy.]

Ich kam jüngst auf einem Spaziergange in eine Stadt. Ich mochte nicht mitten im Orte nach dem Namen fragen; mir erschien dies so lächerlich, und ich dachte: es muß entweder St. Cloud oder Passy sein. Ich sah eine Menge Placate an den Häusern angeschlagen, und fing an, sie zu studiren. Aber -- es half Nichts! -- Ich fand nichts Anderes, als: _maisons à vendre_ -- etc. Die Beschreibungen der Häuser und Zimmer waren sehr genau. Aber der Name der Stadt, in der ich mich befand, kam nirgends vor. Das setzte man als Jedem bekannt voraus. Ich ging weiter und ärgerte mich über die häufigen großen Ueberschriften auf hochrothem Grunde mit schwarzen, römischen Buchstaben, die mich von dem Nahrungszweige eines jeden Bürgers unterrichteten, und mich aufforderten, mir alle möglichen Bedürfnisse anzuschaffen, nur nicht das Eine, welches ich empfand.

Als ich die Hauptstraße, welche sehr lang ist, durchgangen war, wußte ich ganz genau, wo ich Kleider, Schuhe, Zimmer, Essen, Trinken und Diener finden könne; aber =wo ich war=, wußte ich nicht. Es schien mit zuletzt eine verhexte Stadt ohne Namen, nur von meiner müßigen Phantasie erfunden. Ich betrachtete die Bürger auf der Straße wie Schatten, die sich nur den unschuldigen, prosaischen, ja zuweilen einfältigen Anstrich gaben, mich zu foppen; und ich athmete erst wieder leicht, als ich jenseits auf dem Felde stand.

Aber als ich nun hier in der jungen hervorkeimenden Märznatur meine Augen erhob, hefteten sie sich an eine niedrige Mauer, hinter der ich in einem großen Garten lange Lindenalleen sah. -- »O, das ist ja Passy!« rief ich; »hier ist ja der Sommersitz des alten =Dreyer=, wohin ich vor zehn Jahren so oft kam, und mit ihm und Guilleaumeau, Bröndsted und Koës frohe Stunden verlebte! wo wir nach der Mahlzeit im Grünen Ball spielten!« -- Die großen Bäume bewegten ihre noch nackten Zweige, als ob sie mich grüßen wollten; und die weißen Steinurnen auf der Gartenmauer lächelten bleich in der Sonne, als ob sie sagen wollten: Dreyer, Guilleaumeau und Koës liegen bereits in den Grabesurnen. Gehe fort von hier, Wanderer, es ist dies kein Ort der Freude mehr für dich! Da dachte ich: so will ich denn doch in der Nähe des Ortes, wo die Gastfreiheit ihren Sitz hatte, auf das Andenken der Freunde trinken. Und darauf ging ich zu einem Traiteur nicht weit von Dreyer's Garten, außerhalb der (nun nicht mehr) verhexten Stadt; ließ mir ein =Zimmer mit Sonnenschein=, einen Eierkuchen und eine halbe Flasche Wein geben; stieß darauf mit dem Glase an der Flasche an, und rief: Gott erfreue ihre Seelen!

Als ich durch Passy zurückging, konnte ich mich nicht genug über meine frühere Blindheit wundern. Nun konnte ich es recht deutlich sehen, daß es Passy war, und wußte den Rückweg sehr gut zu finden.

Ich sah eine große vergoldete Kirchenkuppel sich hoch in die Wolken erheben. Die vergoldete Kirche führte mich allmälig zu dem =großen Invalidenhause=. Hier begegnete mir eine Anzahl junger Krieger, die auf Stühlen umhergerollt wurden, Andere hinkten auf Stelzbeinen im Sonnenschein umher. Es waren auch einige ältere darunter. Mit ehrerbietiger Wehmuth trat ich in die melancholischen Hallen, wo die stolzen Ueberwinder der Welt nun ihre letzten Tage wie alte Spittelweiber zubrachten. Es schien übrigens gut für sie gesorgt zu werden. Ich trat in die große Küche; drei bis vierhundert kleine Würste wurden gerade aus den Töpfen geholt und dampfend auf den reingescheuerten Eichentisch gelegt. In einem ungeheuren Kupferkessel stand das gekochte Erbsenmus. Die Helden von Austerlitz und Jena sollten heute Wurst mit Erbsen essen.

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[Sidenote: Ein eigensinniger Kutscher.]

[Sidenote: Ein Ausflug nach St. Cloud.]

Als es heute Ein Uhr war und ich nicht mehr schreiben mochte, schien mir die Sonne ins Zimmer, als ob sie fragen wollte: Willst du nicht auch etwas ausgehen? -- Ja, antwortete ich, nahm meinen Hut und ging bei den Tuilerien vorüber nach dem _Pont neuf_, wo die kleinen Equipagen halten, denen man in dem geschmackvollen Paris einen sehr unanständigen Namen giebt. Es sind Karren auf zwei Rädern, in denen aber sechs Menschen sitzen können. In einem solchen Wagen kann man für dreißig Sous nach Versailles fahren. Kaum war ich dort hingekommen, als zehn Kutscher, wie Hornissen auf eine Birne, auf mich losstürzten, und Alle mit lauter Stimme, indem sie mich bei den Rockschößen faßten, riefen, ob ich nach Versailles hinausfahren wollte? Ich antwortete, daß ich wohl Lust dazu hätte, aber weder taub geschrieen noch lebendig zerrissen werden möchte. Darauf stieg ich, um jeder weitern Unannehmlichkeit zu entgehen, in eins dieser Fuhrwerke, nachdem der Kutscher mir versichert hatte, daß wir im Augenblick abfahren würden. Aber wir waren, wie ich merkte, erst unserer Drei und sollten Sechs sein. Es half Nichts, daß bald noch Zwei hinzukamen. Der Kutscher wollte noch Einen haben. Wir versicherten, daß wir nicht drinnen blieben, wenn noch Einer käme, und fragten: »Was gewinnst Du dabei, wenn Du Einen bekommst und Fünfe verlierst?« Aber er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, wurde ärgerlich und war thöricht genug, uns wieder aussteigen zu lassen. Hierdurch gewannen wir sehr; denn wir kamen in einen viel bessern Wagen, hatten bessere Pferde und einen anständigeren Kutscher und nun fuhren wir von dannen. Aber -- o Wunder! -- wir waren noch nicht weit gefahren, als die ganze Umgegend von Paris sich in einen großen See verwandelte. Die Seine hatte nämlich ihre Ufer überstiegen. Wir fuhren lange im Wasser und begegneten auf dem Wege mehreren Booten, sodaß mir anfing bange zu werden, und ich an den Kutscher Kühleborn in Fouqué's Undine dachte. Indessen währte es doch nicht lange, so kamen wir auf das höhere Hügelland, wo es ganz trocken war. Es ist ein großes Glück, daß bei solchen Flüssen Anhöhen sind; und läge der größte Theil von Paris nicht ziemlich hoch, so würde es oft schlimmer aussehen, als dies nun der Fall ist. -- Es ist ein noch größeres Glück für uns in Kopenhagen, daß die Ostsee nicht ähnliche Launen hat. Sie brauchte nur einige Ellen über die Zollbude zu steigen, so wäre der größte Theil von Kopenhagen überschwemmt. Es war schönes Wetter, aber die Uhr war bereits Zwei, ich fand es etwas zu spät, um nach Versailles hinauszufahren, und ließ deshalb den Kutscher an einem bequemen Orte halten, von wo aus ich nach St. Cloud gehen konnte. Im Garten standen die niedrigsten Partieen auch unter Wasser. Ich sah ein kleines Mädchen, die unter einem Baume saß, von wo aus zwei Wege abführten. Ich fragte sie: »Welcher Weg ist der beste?« Sie antwortete: »»Es ist gleich, welchen Weg Sie gehen, mein Herr, sie sind beide gleich gut; aber auf diesem hier werden Sie des Wassers wegen wohl nicht fortkommen, deshalb ist es wohl besser, Sie gehen auf dem andern.«« -- Ich dankte ihr und befand mich wohl dabei. Es war noch kein Laub an den Bäumen, aber das Gras begann hier und da hervorzugucken. Das Schloß wollte ich nicht sehen; ich war früher dort gewesen, und es war mir nicht um schön decorirte Zimmer, sondern um einen herrlichen, blauen, sonnenwarmen Frühlingstag zu thun. Nachdem ich umherspaziert war, ging ich in ein Wirthshaus, das in der Sonne lag, und hielt dort eine einfache Mahlzeit. Ich hatte Rousseau's Heloise mitgenommen, war müde, und setzte mich mit dem Buche in die Sonne. Aber es schmeckte mir nicht so gut, als da ich sie das erste Mal las, obgleich mir schon damals Viel daran mißfallen hatte.

Nach dem Essen war ich wieder im Garten. Zwei freundlichen, alten Männern, welche Gänge kehrten, und mich mit echten unschuldigen Gärtnergesichtern anlächelten, gab ich jedem Etwas. Sie wurden ganz bestürzt, als ich ihnen die kleinen Silberstücke in die Hand drückte, dankten aber herzlich. -- Als ich nach St. Cloud kam, war dort kein Wagen zur Abfahrt bereit. Die Uhr war erst Fünf und das Wetter herrlich. Ich beschloß also zu Fuß zu gehen. Als ich bei Passy vorüber kam, fing das Wasser bereits an, mir den Weg zu sperren, und ich wäre nicht hinübergekommen (denn der ganze Weg bildete bereits einen Kanal), wenn nicht einige Männer Bretter gelegt hätten, und mit einem Boot bei den unpassirbaren Stellen übersetzten. Nun sollte ich Trinkgeld geben; hatte aber kein kleines Geld mehr bei mir, mußte also in den Augen dieser Männer wahrscheinlich für einen Geizhals gelten, weil ich den alten Gärtnern meine letzten Sous gegeben hatte. Als ich nach Paris kam, hatte die Seine auch hier einige der niedrigst gelegenen Straßen überschwemmt. Ich mußte einen langen Umweg machen, und war außerordentlich müde. Auf dem Pont neuf standen Leute und sahen nach einem Zeichen unten an den Brückenpfeilern wie hoch die Seine gestiegen war; vor vielen Jahren (1745) hatte sie freilich viel höher gestanden; aber auch diesmal betrachtete man den hohen Wasserstand als ein seltenes Ereigniß.

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[Sidenote: Besuch des _Jardin des plantes_.]