Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Part 10

Chapter 103,465 wordsPublic domain

In =Celle= pilgerten wir nach dem für alle Dänen merkwürdigen Schlosse. Es ist jetzt sehr verfallen. Die Franzosen haben es in der Kriegszeit zerstört. Hier sieht es sehr traurig aus. In diesen finstern Hof rollte die blühende zwanzigjährige Fürstin hinein. Schnell, wie eine Sternschnuppe hatte sie ihre kurze, glänzende Bahn geendet, und verschwand hier im Dunkel. Wir sahen ihren Speisetisch, wo sie täglich einige Gäste hatte. Auch ein Theater war hier auf dem Schlosse, wo sie zuweilen dem Schauspiele beiwohnte. Der große =Schröder= spielte vor ihr. Ein hübsches Zimmer mit hellgrünem Dammast, mit gebohntem Boden, und der herrlichsten Aussicht war ihr gewöhnlicher Aufenthalt, hier hatte sie ihre kleine Bibliothek und die Bilder ihrer Kinder. In einem finstern Zimmer daneben hatte sie nach drei Tagen einer plötzlichen Krankheit ihren Geist aufgegeben. Sie liegt in der großen Kirche der Stadt begraben.

In =Hannover= hielten wir uns nur einen Tag auf. Ich hatte nicht Lust länger in einem Orte zu bleiben, wo deutscher Adelshochmuth in seinem ganzen Flor blühen soll, obgleich ich vielleicht für meine Person Nichts davon gefühlt hätte. Hier wird adliger Thee getrunken, und man muß die nothwendigen Ahnen haben, um ihn genießen zu dürfen. Das wichtigste Staatsamt, die ausgezeichnetsten persönlichen Eigenschaften helfen Nichts, wenn das =Von= fehlt.

Herrn =Holbein= und Madame =Renner= besuchte ich auf dem Theater bei der Probe, im Dunkel, das nur durch eine einzige Lampe erhellt wurde. Am Abend sah ich in strenger Kälte ein Lustspiel von Holbein: »Die treue Witwe.« Bertouch und ich waren des Abends bei Herrn und Madame Renner. Sie gedachten mit Vergnügen des Beifalls, den sie in Kopenhagen gefunden hatten und sangen uns einige hübsche Lieder zur Guitarre vor.

In =Göttingen= ging ich zu unsrem Freund, Professor =Welcker=. Er brachte mich zum Hofrath =Heeren=, dem berühmten Gelehrten, der mit Heyne's Tochter verheirathet ist. Wir besuchten auch Frau =Rodde-Schlösser=, die in ihrer Jugend die Doctorpromotion gemacht hat. Im reifern Alter ist die Gelehrtheit in echte weibliche Bildung übergegangen.

[Sidenote: Kassel. Die Gebrüder Grimm.]

In =Kassel= hielten wir uns ein paar Tage auf. Ich ging gleich, um die Bekanntschaft der Gebrüder =Grimm=, der Uebersetzer unserer alten dänischen Kämpeweisen, und der Herausgeber vieler deutschen Sagen, zu machen. Ich mußte lange mit einem Lohndiener umhergehen, ehe ich sie fand. Endlich kamen wir in ein Haus, von dem man uns sagte, daß Grimm hier wohne. Ich klopfte. »Herein!« Ich trete ein, finde einen alten hübschen Priester an seinem Schreibtische, und frage, ob ich die Ehre habe, mit Herrn Grimm zu sprechen. »Ja, ganz richtig.« -- Ich hatte mir Grimms als junge Männer vorgestellt, die, sowie Riepenhausens in Rom, unzertrennlich in einem Zimmer arbeiteten. Nachdem ich Etwas mit dem Mann gesprochen hatte, merkte ich endlich, daß er Prediger in der Stadt und ein entfernter Verwandter meiner Grimms sei. Ich bat um Verzeihung; aber der Prediger war sehr freundlich und zeigte mir den rechten Weg. Ich war in der ganzen Stadt umhergelaufen, und nun traf es sich, daß sie gerade unserm Gasthofe gegenüber wohnten. Ich fand sie =zusammen= auf der Bibliothek. Sie zeigten mir verschiedene merkwürdige Manuscripte. Ich ging mit dem jüngsten Grimm gestern Nachmittag in einem Garten spazieren, der Aehnlichkeit mit dem Südfelde hatte. Wir eilten leicht hin über die gefrorene weiße Erde; die hohen Lindenalleen standen zwar blätterlos; aber wir brauchten auch keinen Schatten. Wir sprachen vom Mittelalter und der Gegenwart, und die ganze Situation in dem schönen Winterwald mitten in einer unbekannten Gegend an der Seite des Mährchenfreundes Grimm, schien mir selbst ein schönes Mährchen. -- Plötzlich standen wir an einem breiten Deiche, über dessen spiegelklare Fläche mehrere Schlittschuhläufer wie Schatten dahinschwebten. In einem Augenblick hatte unser Norweger, der mit uns ging, sich ein paar Schlittschuhe gemiethet, und freute sich, indem er auf dem Eise große Bogen beschrieb, wie eine wilde Ente, die nach einer langen Flucht durch die Luft, endlich wieder das Wasser erreicht hat. Sein Beispiel steckte mich an. Zum ersten Mal seit sechzehn Jahren lief ich Schlittschuh.

* * * * *

[Sidenote: Interessante Bekanntschaften.]

Wir haben durch Grimm die Bekanntschaft des Fräulein von Kahlenberg und der Frau von Malzburg, zweier gebildeten Damen, gemacht. Ich bin ein paar Abende bei ihnen gewesen und habe ihnen einige kleine Gedichte vorgelesen. In einem ziemlich großen Kreise haben wir einmal die Rollen des Correggio vertheilt, und so die beiden ersten Acte gelesen. Den dritten Act las ich allein, um ihnen eine rechte Idee davon zu geben, wie ich ihn mir gedacht hatte. Es war da ein junger Dichter in der Familie, der denselben Namen hatte. Den fünften Act von Hagbarth und Signe habe ich auch vorgelesen.

Gestern Vormittag war ich mit meinen Landsleuten auf der Gemäldegalerie. Stelle Dir meinen Zustand vor; nachdem ich in strenger Kälte die Bibliothek und die ganze Gemäldegalerie gesehen hatte, und nun endlich nach Hause gehen wollte, um Etwas aufzuthauen, begegne ich der Frau von Malzburg und ihrem ganzen Gefolge in der Thür. Die Höflichkeit gebot mir, mit ihnen zurückzugehen. Wie sehr würde es mich bei einer milderen Temperatur erfreut haben, die Werke der Kunst mit dieser interessanten Dame zu betrachten. Aber nun! Meine Füße waren Eis, meine Fingerspitzen erfroren. So mußte ich umhergehen und Ruisdal, Holbein, Albrecht Dürer, Ostade, Teniers, Caracci und van der Werft sehen. Dieser Letztere machte mich noch mehr frieren. Die Schönheiten der großen Meister, die ich nun nicht genießen konnte, erschienen mir wie ein fein erdachter Höllenspott in dem wahren Nistheim. Auf all' das Richtige und Treffende, das Frau von Malzburg sagte, hörte ich fast wie ein ganz dummer Mensch. Das Einzige, womit ich sympathisirte, waren die geflochtenen Babouchen, die der Gallerieverwalter über seine Stiefeln gezogen hatte. Er betrachtete uns mit einer Art von mitleidigem Ausdruck, weil wir uns freiwillig das schlechte Vergnügen bereiteten, all' die Bilder anzusehen, deren er schon so lange müde war. Ich las deutlich in seinen Zügen die Worte: »Wenn ich nicht dazu gezwungen wäre, so sollte der Teufel hier stehen, da ging ich lieber in meine warme Stube.« Ich gab ihm in meinem Herzen Recht. Und wenn Jemand aus der Gesellschaft sagte: »Ach wie ist das schön! wie ist das herrlich!« so ließ ich die Blicke sehnsuchtsvoll auf die geflochtenen Babouchen des Verwalters herabsinken und sagte seufzend: »Ja wohl, es herrscht ein sehr warmer Ton darin.« So verschieden war mein Gefühl und meine Stimmung, als ich ein und Dasselbe an einem Vormittage sah. Ich dankte Gott, daß Alle in der Gesellschaft meinen Correggio kannten, denn sonst hätten sie mich in Bezug auf Gemälde für einen Eiszapfen halten müssen. Man darf nicht physische Schmerzen leiden, wenn man sich einem geistigen Genuß hingeben soll. Als es anging, nahm ich Abschied von der Gesellschaft und Frau von Malzburg neckte mich freundlich am Abend, indem sie sagte, daß sie recht gut gemerkt habe, wie erfroren ich gewesen sei.

* * * * *

[Sidenote: Wir sollen vierspännig fahren.]

Wenn wir des schlechten Wetters wegen bisher langsam gereist waren, so beschlossen wir, nun um so rascher dahin zu rollen. Aber im Anfange kamen wir auch nicht weit. Denn obgleich wir mit drei Pferden eingetroffen waren, wollte der Wagenmeister uns nicht mit weniger, als mit vieren weiter ziehen lassen, obgleich wir um eine Person und einen Koffer weniger geworden waren. Dies wollte ich nun durchaus nicht dulden. Ich suchte ihm erst das Ungerechte und Unsinnige seines Entschlusses zu beweisen; aber als dies nichts half, als er ärgerlich wurde und sagte, wenn wir nicht wollten, so ließe er das vierte Pferd wieder abspannen, und so müßten wir nachher doppelt bezahlen, versicherte ich ihm, daß daraus Nichts werden würde, und daß er uns doch noch mit drei Pferden fahren müsse. Dies konnte er wahrscheinlich nicht begreifen, und ging in der Meinung fort, daß wir als Fremde uns doch zuletzt seinem Willen fügen müßten. Aber ich lief in die Stadt, wo der Oberpostdirector wohnte und ließ mich melden. Es war ziemlich früh am Morgen, und er stand noch im Schlafzimmer in seiner Nachtjacke. Ich bat um Entschuldigung, sagte ihm meinen Namen, und bat ihn, in dieser Sache zu entscheiden. Er war sehr artig, schrieb mir einen kleinen Zettel und äußerte seine Freude darüber, meine Bekanntschaft gemacht zu haben. Als ich auf die Straße hinaus kam, und den Zettel las, stand auf demselben, -- »daß der Herr Professor =Ehlers= mit drei Pferden fahren sollte.« Der Kerl wollte seinen eigenen Augen nicht trauen, als er den Zettel sah. Aber als er gelesen hatte, rief er dem Schwager: »=Vorwärts!=« zu, lüftete den Hut und ging ins Haus. So zogen wir im Triumph aus Kassel heraus und ich reiste vier Meilen incognito als Professor Ehlers.

Aber wir waren doch ganz traurig, und die Munterkeit im Wagen war verschwunden; denn wir hatten unsern lieben Norweger Flood in Kassel zurückgelassen. Seine Freundlichkeit und sein muntrer Sinn hatten uns auf dem Wege sehr erheitert. Auf dem langen Wege von Hamburg nach Kassel hatte er mich aus bloßer Freundschaft begleitet. Aber nun mußte er über Amsterdam nach seinem Norwegen zurück, wo ihm die Liebe winkte. Eine amüsante Geschichte, die in einem Wirthshause eintraf, ehe wir uns trennten, darf ich nicht vergessen.

Wir hatten zusammen Abendbrot gespeist; zum Dessert gab es Rosinen und Mandeln; Bertouch hatte eine Zwillings-Mandel gefunden, die er Flood hinreichte, und so sollte Der, welcher zuerst Vielliebchen sagen würde, wenn sie sich das nächste Mal sähen, ein Geschenk vom Andern erhalten.

Es war eine schneidende Kälte, als ich am nächsten Morgen bei Tagesgrauen Bertouch aus seinem Bett heraussteigen (wir lagen alle Drei in einem Zimmer), und mit nackten Füßen im bloßen Hemde mit listiger Miene sich in der ziemlich großen Stube nach Flood's Bett hinschleichen sah. Hier stand er einen Augenblick und betrachtete seinen Gegner lächelnd mit einer überlegenen, mitleidigen Miene, so wie Einer, der seines Sieges gewiß ist. Darauf rüttelte er ihn am Arm, und als Flood erwachte und die Augen aufschlug, rief Bertouch triumphirend: »Philine!« Flood starrte ihn, verdrießlich darüber, aus seinem guten Schlafe geweckt zu sein, an, aber als er Bertouch sah, und nun verstand, was er wollte, sagte er ganz verdrießlich, indem er ihm den Rücken zukehrte: »Vielliebchen!« Bertouch hatte also die Wette verloren, da er den falschen Namen genannt hatte. Philine in Wilhelm Meister hatte ihn irre gemacht, und er mußte mit nackten Füßen über den kalten Fußboden unverrichteter Sache zurückkehren. Das Wunderlichste war, daß, als ich später beim Kaffeetische mit ihm über Göthe's Wilhelm Meister sprach, er diesen gar nicht kannte.

* * * * *

[Sidenote: Ein verlorenes Vielliebchen.]

Heute Morgen um halb sechs Uhr standen wir in Marburg auf. Gerade wie wir an dem frühen, kalten, finstern Morgen bei einer Laterne in den Wagen steigen und weiter fahren wollten, kamen zwei andere, gleichfalls eingehüllte Reisende von der entgegengesetzten Treppe in gleicher Absicht herab. Das schwache Licht bestrahlte mein Antlitz. Eine der fremden Personen stutzt, sieht mir ins Gesicht, tritt näher und ruft: »Ollanslakkero!« Ich sehe ihn an -- »_Olinto dal Borgo di Primo!_« der italienische Uebersetzer meines Correggio. Ist es möglich? -- Wir umarmen einander, beklagen, daß wir von dieser Zusammenkunft nicht früher gewußt hatten. Ich bitte ihn, meine Frau, meine Kinder und Schimmelmann's zu grüßen. Darauf steigen wir beide in unsere Wagen, werfen uns Kußhände zu, und setzen, wie zwei in einem Augenblicke einander begegnende Planeten, unsere entgegengesetzten Bahnen fort.

* * * * *

[Sidenote: Frankfurt a. M. Friedrich Schlegel.]

Wir wohnen nun in Frankfurt in einem sehr guten Hôtel: »Zum römischen Kaiser!«

Heute aßen wir mit unserer kopenhagener Freundin Frau Pauli bei einem Kaufmanne, Herrn Pätsch, zu Mittag. Hier war ein merkwürdiges Eßzimmer. Es besteht nämlich aus einem uralten Stadtgefängnisse, welches nun mit einem schönen Hause verbunden ist. Die Wölbung ist blau wie die Luft gemalt, an den Wänden winden sich grüne Büsche und Zweige hinauf. So treten die beengenden Mauern zurück, und verlieren sich in einer leichten Luftperspective, und an demselben Orte, wo vor ein paar hundert Jahren mancher Unglückliche an seiner Kette nagte, und mit seinen Nägeln an den rauchgeschwärzten Mauern kratzte, während der Henkerstod seiner wartete, sitzen nun hübsche, lustige und wohlhabende Leute bei hellem Kerzenscheine und werden in Herrlichkeit und Freude tractirt.

* * * * *

Nach der Komödie war ich bei Friedrich Schlegel. Er ist als österreichischer Legationsrath hier. Seine Frau ist eine Tochter von Moses Mendelssohn und wahrscheinlich die Verfasserin des Romans =Florentin=, in dem viel Schönes ist, obgleich sie selbst jetzt das Buch als einen Jugendversuch betrachtet. Obwohl ich wußte, daß Schlegel nun ganz Politiker geworden war, und obgleich ich in vielen Beziehungen, sowohl in historischen und religiösen, wie in ästhetischen Ansichten mit ihm differire, so konnte ich mir doch nicht das Vergnügen versagen, einen so ausgezeichneten, talentvollen und kenntnißreichen Mann wieder zu sehen und zu sprechen, dessen Schriften eine so wichtige Rolle in meiner frühern Jugend gespielt und theils dazu beigetragen haben, mich irre zu leiten, theils mich zu belehren und zu bilden. -- Ich fand auch sein Aeußeres sehr verändert, denn ich erkannte ihn nicht wieder, obgleich er mitten im Zimmer stand und mit entgegen lächelte; so dick und fett war er geworden. Er war sehr freundlich, und mein Herz öffnete sich ihm, wie einem Manne, mit dem ich in einem gewissen Grade sympathisirte, und von dem ich in andrer Beziehung ganz verschieden war. So ging es ihm gewiß auch mit mir. Wir sprachen über viele Dinge zusammen, von denen wir ungefähr wußten, daß wir in ihnen übereinstimmen könnten. Ich las ihm einige meiner kleinen deutschen Gedichte vor, die ihm zu gefallen schienen.

[Sidenote: Ein Brief von Friedrich Schlegel.]

Eine gewisse Verlegenheit herrschte doch zwischen uns Beiden, die ganz natürlich war. Er hatte mir vor fünf Jahren einen Brief geschrieben, auf den ich ihm nicht geantwortet hatte. Der Brief lautet folgendermaßen:

Wien, den 17. Januar 1812.

»Erlauben Sie einem alten Bekannten und Freunde, sich bei Ihnen in Erinnerung zu bringen und vor Ihnen zugleich mit einer Bitte und =Einladung= wieder zu erscheinen. Ihre Mitwirkung zu dem »Deutschen Museum,« wovon ich die Ankündigung beilege, würde mir um so willkommner sein, da mein Hauptzweck bei dieser Zeitschrift auch die allgemeinere Verbreitung und Würdigung nicht bloß der altdeutschen, sondern auch der altnordischen Dichtkunst, Saga und Götterlehre ist. Alles, was Sie uns irgend dafür, sei es Poesie oder Prosa, geben wollten, würde sehr willkommen sein. -- Ich habe in der letzten Zeit =Dänisch= gelernt, und Sie dienen mir jetzt in Ihrer nordischen Dichtung als Wegweiser zur Edda. In Ihrem deutschen Axel und Valborg fand ich viel Schönes. Das Stück wird, glaube ich, nächstens hier gegeben werden. Aber doch scheint mir's, als behandelten Sie uns Deutsche etwas stiefbrüderlich, und behielten das Auserlesenste Ihrer Dichtungen zurück, um es in dänischer Muttersprache niederzulegen.

Ich hoffe mich bald einer Antwort von Ihnen zu erfreuen, und bin Ihr Freund,

=Friedrich Schlegel=, K. K. Hofsecretair.«

Ich wußte nicht, was ich auf diesen Brief antworten sollte. Schlegel lobte zwar in einem vornehmen Tone Axel und Valborg, warf mit aber vor, daß ich Deutschland stiefbrüderlich behandelt, und ihm nicht das Beste meiner Arbeiten mitgetheilt hätte. Indessen hatte ich doch bereits Aladdin, Hakon Jarl, Palnatoke und Correggio ins Deutsche übertragen und ich wußte, wie gesagt, nicht, was ich ihm antworten sollte und schwieg deshalb still.

* * * * *

[Sidenote: Ankunft in Metz.]

Nun sind wir also in =Metz= auf französischem Grund und Boden, haben gebohnte Zimmer, Kaminfeuer und bessere Mahlzeiten, als in den deutschen Flecken. Besonders lieb ist mir das Kaminfeuer; es breitet eine angenehme Wärme aus, die nicht zu stark ist, und es macht auch einen angenehmen Eindruck, das Feuer zu sehen.

Hier befindet sich ein Theater und eine Garnison. Die Folge davon ist, daß das Parquet von Majoren, Capitains, Lieutnants, das Parterre von Soldaten voll ist, die Logen von Generalen und Obersten besetzt sind, und die Civilisten nur Ausnahmen bildeten. Die Officiere geben also hier den Ton an, und da bei solchen Gelegenheiten selten die Generale commandiren, so sind es hauptsächlich die =jungen= Officiere. Daß sich unter diesen nun ein Theil brutaler Claqueurs findet, ist natürlich. Diese schwarzhaarigen, breitschulterigen Söhne des Mars sind im Kriege auferzogen, und verstehen sich wenig auf Kunst und Poesie. Sie redeten doch auch von Shakespeare, und als der Eine den Namen nicht richtig aussprach, sagte der Andere zu ihm: »_Il faut dire: J'expire!_«.

* * * * *

Die Kathedrale ist eine der schönsten altdeutschen Kirchen, die ich gesehen habe. Als ich die leichten hohen Wölbungen, die schlanken Säulen betrachtete, welche sich wie Bäume im Walde erheben, wurde ich in meinen Fantasien und Gefühlen durch eine türkische Musik gestört. Dies war eine Art militärischen Gottesdienstes, der einer Wachtparade glich. Während einige Compagnien Soldaten in die Kirche zogen und sich da in Ordnung stellen, wurden allerlei lustige Tänze und Märsche gespielt, die mich an ein Ballet erinnerten.

* * * * *

[Sidenote: Unser Reisezug.]

Paris den 1. Februar.

Was, seitdem wir Metz verlassen haben, geschehen ist, läßt sich leichter beschreiben, als erleben; wir waren drei und einen halben Tag unterwegs, die uns, trotz der kurzen Wintertage, wie die längsten Hundstage erschienen. Man denke sich eine ungeheure große Karethe mit mächtigen Vorrichtungen zum Gepäck oben, vorn und hinten; man denke sich, daß in einem solchen Wagen bequem Vier, unbequem Fünf sitzen können, und daß Sechs darin saßen; man denke sich diese dickräderige Maschine von fünf, sechs, zuweilen sieben, ja zehn mageren Schindmähren gezogen, man stelle sich dann diesen Raritätenkasten langsam über Berge und Thäler, wie eine Ameise, durch ein Vergrößerungsglas gesehen, über einen kleinen Haufen dahinkriechen. -- Unsere Gesellschaft bestand aus einer jungen französischen Dame in einem dünnen Nesseltuchkleide und einem Taffetüberrock ohne Futter; zweien ältlichen Herren und uns anderen drei Männern, die wie früher Sadrach, Mesach und Abednego das Personal im feurigen Ofen ausmachten.

Der eine Fremde, der Officier gewesen war, erzählte uns seine Abenteuer, wie er in der Revolutionszeit genöthigt gewesen war, sich aus dem Fenster zu schwingen und mit den Händen am Steincarnise festzuhalten, während die Mutter das Fenster schloß und versicherte, daß kein Fremder da sei.

St. Menehould ist bekannt dafür, daß man dort Kalbsfüße so weich kocht, um selbst die Knochen mitessen zu können. Der arme Ludwig Capet aß sie auch mit vielem Appetit kurz ehe man ihn erwischte und zur Richtstätte hinschleppte.

[Sidenote: Wechsel der Reisegesellschaft.]

Unsere Officiere hatten wir verloren und bekamen dafür stumme Personen in den Wagen; der Eine mit gelbseidnem Tuche um den Kopf und geflochtenen Bambouchen an den Füßen; der Andre mit einem Flecken auf dem linken Auge und seinem Rock auf dem Schooße. Er wunderte sich mit Recht über meine ungeheuer dicke Bekleidung; aber ich war ein langes Stück gegangen, und hatte den Pelz wieder angezogen, weil ich warm geworden war, und mich nicht erkälten wollte. Mit einer verdrießlichen Miene fragte er, nachdem er einen halben Tag geschwiegen hatte: »Aber mein Herr! wie gehen Sie denn zu Hause, wenn Sie hier so gehen?« Ich antwortete ihm: »So kleiden wir uns Alle in Kopenhagen, mein Herr, wenn wir uns warm gegangen haben, uns in den Wagen setzen und uns nicht erkälten wollen. Ich wundere mich ebenso sehr, Sie mit Ihrem Rocke auf dem Schooße zu sehen, wie Sie sich über meinen Pelz auf dem Körper wundern.« Er meinte das komme daher, daß die Franzosen wärmeres Blut hätten und Strapazen besser ertragen könnten. Ich antwortete: »Der Wallfisch hat warmes Blut, obgleich er mit einem ellendicken Thranpelz umherschwimmt; der Häring hat kaltes Blut, obgleich er nur in einen dünnen Silbermoireeshawl eingehüllt ist.«

Endlich roch das schlechtgegerbte Seebärenfell doch mir selbst zu arg; ich sprang aus dem Wagen und verkaufte dasselbe für zwei Napoleonsd'or an den Conducteur.

[Sidenote: Zweites Eintreffen in Paris.]

In den ersten Nächten hatten wir in Wirthshäusern geschlafen, nun fuhren wir die letzte Nacht ganz durch. Die Dame wollte durchaus, daß das einzige offne Fenster geschlossen würde. Ich schnappte nach Luft, wie eine Maus unter der Luftpumpe. Alle zwölf Lungen (wir waren sechs Personen) verrichteten ihre Blasebalgdienste, um das Bischen Sauerstoff zu verzehren, das noch übrig war. Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn; ich sprang aus dem Wagen und setzte mich zum Conducteur hinaus. So fuhr ich in Paris hinein, wo halb vergessene Erinnerungen mir von der Vorstadt an bis zum _Hôtel de Brétagne_ in der _Rue Richelieu_ hin, wo ich jetzt wohne, entgegentraten.

* * * * *

Wie erfreute es mich, den vortrefflichen Fleury im _Théâtre français_ wiederzusehen; daß er viel zu alt für seine Rolle war, vergaß man über das gute Spiel. Fleury verbindet Verstand, Gutmüthigkeit und Naivetät mit Feinheit und Lebensart, ohne welche die sogenannte =höhere= französische Comödie ein elendes Machwerk ist. Er ist der Einzige in ganz Frankreich, der noch den _Marquis du vieux bon-temps_ spielen kann. Ein noch größeres Schauspielertalent als Fleury ist Mademoiselle Mars, voller Leben, Grazie, Anmuth, obgleich schon ein gutes Stück über die jungen Jahre hinaus.

* * * * *

Wir sind bei unserm Minister, General =Waltersdorff= gewesen, der uns freundlich empfing und uns zu Mittag einlud. Hier traf ich meinen alten Bekannten, den Legationssecretair (spätern Legationsrath) =Vogt=, und erfuhr, daß der Capitain (später General-Kriegscommissär) =Abrahamson= noch in Paris sei. Ich habe ihn später getroffen, und erfreue mich sehr an dem Umgange dieses talentvollen und dienstfertigen Landsmannes.

[Sidenote: Frau von Staël-Holstein.]

Ich bin auch bei der Baronesse Staël-Holstein gewesen. Sie wohnt in der _Rue royal_, einer der schönsten Straßen in Paris, und wie ich mir denken konnte, in einem großen Palast. --