Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Part 1

Chapter 13,471 wordsPublic domain

Meine

Lebens-Erinnerungen.

Ein Nachlaß

von

Adam Oehlenschläger.

Deutsche Originalausgabe.

Dritter Band.

Leipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1850.

* * * * *

Bei meiner Heimkehr traf ich meine Christiane und ihren Vater nicht mehr in dem großen Hause und dem schönen Garten auf der Norderstraße; dieses war durch das Bombardement in Asche gelegt worden. Sie hatten nun eine beschränkte Wohnung an der Ecke der Büngaard-Gasse; aber der Alte hatte sein Bestes, seine Gemüthsruhe und die stille Munterkeit, gerettet. Er liebte wie früher Sprachstudien, Musik und mechanische Beschäftigungen. Mit Christiane besuchte ich die Gräfin Schimmelmann, die sie lieb gewonnen hatte und beständig bei sich sah. Auch mit dem Herzoge von Augustenburg hatte Christiane auf eine sonderbare Weise Bekanntschaft gemacht. Sie war gerade eines Tages mit der Gräfin in deren Schlafkammer, als der Herzog sich melden ließ. Die Gräfin Schimmelmann, die oft gute Einfälle hatte, bat nun Christiane -- sie hatte gerade ihren reichen Haarwuchs bewundert -- die Flechten aufzulösen, und sie von dem Kammermädchen so zurichten zu lassen, daß sie in den Haaren verborgen wie in einer Glocke stand. Darauf ging die Gräfin zum Herzog, und bat ihn, eine junge Dame mitbringen zu dürfen, welche wünschte, die Bekanntschaft seiner Durchlaucht zu machen. Und nun trat eine Gestalt ins Zimmer, von der man bis auf die Füße nichts weiter sah, als das reiche glänzende blonde Haar. -- Auch die Bekanntschaft König Friedrichs VI. hatte Christiane auf eine eigenthümliche Art gemacht. Als die zwei Jahre von der Zeit meines Reisestipendiums verflossen waren, wollten Schimmelmann und Reventlow mir die sechshundert Thaler gern noch auf ein Jahr verschaffen; um aber eines guten Ausfalles gewiß zu sein, da die Poesie nicht in besonderer Gunst bei diesem guten, auf alles Nützliche väterlich bedachten Könige stand, wurde es bei Schimmelmann's folgendermaßen abgemacht: Christiane hatte sich in der letzten Zeit mit einer Freundin im Schönschreiben geübt und es darin weit gebracht. Nun mußte =sie= das Gesuch so schön, als möglich, schreiben und Schimmelmann brachte es zum Könige, dessen gutes Herz dadurch gerührt wurde, daß eine Braut auf diese Weise ihrem Bräutigam helfe; er bewilligte die Bitte, bewunderte die schöne Handschrift, und fragte, indem er mit dem Gesuch in das Cabinetsecretariat hineinging: »Kann Einer von Euch so hübsch schreiben?«

[Sidenote: Meine Heimkehr und Professur.]

Nach meiner Heimkehr machte ich dem Könige gleich meine Aufwartung. Es demüthigte mich Etwas, daß er, als ich ihm meinen Namen nannte, sagte: »So, so, Sie sind Oehlenschlägers Sohn!« Meinen Vater kannte er natürlich vom königlichen Schloß her viel besser, als mich. Aber als das Gespräch gleich auf Axel und Valborg kam und er sagte: »Das Stück ist vortrefflich!« fühlte ich mich wieder getröstet. Durch Schimmelmann's Einfluß auf den Herzog von Augustenburg und nach dessen Vorschlage, wurde ich kurz darauf als Professor der Aesthetik bei der Universität angestellt, ohne daß ich darum nachsuchte. Nach den geltenden Regeln hatte ich eigentlich keine Berechtigung, denn ich hatte nur das lateinisch-juridische Vorbereitungsexamen gemacht, wenn auch bereits vor 10 Jahren eine akademische Abhandlung geschrieben, die der Prämie würdig erkannt worden war, und dies hat vermuthlich zu meiner Anstellung beigetragen. Als ich dem Könige dafür dankte, sagte ich: »Ich muß die Gnade Ew. Majestät als einen Dichterlohn betrachten; aber dann muß ich auch glauben, Sie wollen, daß ich Dichter bleiben soll. Die Dichter gehören zu den Vögeln, welche in einem Bauer schlecht singen; ich glaube wohl, daß ich im Winter Professor sein könne, wenn ich im Sommer Poet sein darf, d. h.: wenn ich von den Sommervorlesungen entbunden werde.« Dies fand er billig, und so hielt ich 22 Jahre lang, _venia regis_, keine Sommervorlesungen, bis ich mich ein Mal darein fand, um dadurch um so leichter eine kleine Gehaltserhöhung zu erlangen.

[Sidenote: Dichter-Honorare.]

Jetzt hatte ich 1200 Rbthlr., davon 600 von der Universität, 600 von der Finanzcasse. Daraufhin wollte ich mich nun verheirathen; man meinte, das müsse vortrefflich gehen, wenn ich Alles dazu legen wollte, was Aladdin's Lampe (die Poesie) einbringen würde. Ich glaubte es selbst; bis jetzt hatte ich mich nicht sehr viel mit der Oeconomie abgegeben, hatte mich mit meinen Ausgaben nach der Decke gestreckt, hatte keinen Schilling Schulden, sollte Honorar für Axel und Valborg bekommen, der bald aufgeführt wurde und hatte außerdem Correggio für die Einnahme des nächsten Jahres mitgebracht. Leider hatte ich mich aber nicht auf den Buchhandel verstanden, und litt deshalb einen unersetzlichen Verlust und verlor Einkünfte, die meinen Wohlstand hätten begründen können. Vieles konnte man aber auch nicht voraus wissen. Für meine =ersten Gedichte= gab Brummer mir 100 Rbthlr.; für die =poetischen Schriften= erhielt ich von Schubothe 6 Rbthlr. per Bogen, und mußte noch Vorwürfe hören, daß das Buch so groß geworden sei. Die =nordischen Gedichte= bekam ich etwas besser bezahlt, vielleicht das Doppelte; für =Axel und Valborg= erhielt ich endlich 300 Rbthlr.; aber 3000 Exemplare dieses beliebten Stückes sind gewiß im ersten Jahre verkauft worden. Für die folgenden Auflagen erhielt ich nicht einen Schilling. Nun war mir noch Correggio übrig, den mein früherer Verleger auch gern haben wollte. Als ich ihm erzählte, daß ich das Stück selbst verlegen würde, sagte er ganz betrübt: »Ach Herr Professor, das werden Sie doch nicht thun?« -- »Ja gewiß,« antwortete ich, »es kann mir Keiner verdenken, daß ich mir selbst erwerben will, was ich nothwendig selbst brauche.« Ich behielt es also, und ohne dieses Reiben der Lampe hätte mein Geist mir seine Gaben nicht gebracht. Aber er brachte nicht Gold und Edelsteine. Der größte Vortheil war in fremde Hände gekommen. Meine Schriften gingen wohl noch gut; aber nicht so reißend, wie in der ersten Frühlingszeit meines Auftretens, wo Alles neu und ungewöhnlich war. Ich verstand mich auch später nicht auf den Buchhandel, das wußte ich; Christiane verstand es auch nicht; aber sie wußte =es nicht=. Viel ging verloren; aber es kam doch so viel ein, daß ich in den ersten Jahren vor Nahrungssorgen sicher war.

* * * * *

[Sidenote: Die Professur in Gefahr.]

Ich muß bei Gelegenheit meiner Anstellung als Professor eines Mißverständnisses von Seiten meines Gönners, des Herzogs, gedenken, das mich fast um das Amt gebracht hätte, ehe ich es erhielt. Als ich ihn besuchte, um ihm zu danken, glaubte ich, daß ich ihm aus Dankbarkeit Etwas von meinen Plänen über meine bevorstehenden poetischen Arbeiten mittheilen müsse. Ich sagte ihm also, daß ich einen Roman schreiben wolle (aus dem nie Etwas geworden ist), in dem ich den Character der vier Religionen: des Christenthums, des griechischen und nordischen Heidenthums und des Muhamedanismus, darzustellen beabsichtige. Kurz darauf rief mich Schimmelmann zu sich, und sagte mir ganz betrübt, daß der Herzog befürchte mich zum Professor zu machen, weil ich meine Vorlesungen in einen Roman einkleiden wolle; daß ich durchaus zu ihm hineilen müsse, um dieses Mißverständniß zu heben, das das Schiff meiner Hoffnungen leicht stranden machen könne. Ich eilte also zum Patron, und erklärte ihm, daß das, was ich erzählt hatte, durchaus nicht meine Vorlesungen berühre: daß das der Plan zu einem Gedicht sei, welches ich im Kopfe hätte. Dies beruhigte ihn wieder; »denn,« sagte er, »wenn =das= wäre! --« Hierin lag gewissermaßen noch eine Warnung. Und als ich ihn verließ, mußte ich an den Kutscher denken, der auf die Polizei beordert war, weil er einen Menschen übergefahren habe, daselbst aber bewies, daß er es nicht gewesen sei; worauf der Actuarius, der doch meinte, daß er ihn nicht so ganz frei durchschlüpfen lassen könne, sagte: »Da Du es nicht gewesen bist, so mag es diesmal so hingehen; daß es aber nicht öfter geschieht!« Uebrigens war der Herzog von Augustenburg mir stets geneigt, erwies mir Achtung und schrieb mir einen freundlichen Brief, als er sein Universitätspatronat niedergelegt hatte, in welchem er mir für den Correggio, den ich ihm gesandt hatte, dankte.

* * * * *

[Sidenote: Eine Genugthuung.]

Bei Schimmelmann's wurde eine Abendgesellschaft nach der andern gegeben, in denen ich Axel und Valborg, das in Kurzem aufgeführt werden sollte, und Correggio Deutsch vorlas; dieser letztere war noch nicht übersetzt. Alles Vornehme und zum Hof Gehörige (bis auf den König und die Königin) war zugegen. Eines Abends nach beendigter Vorlesung kam der Graf Baudissin, der einer der Zuhörer gewesen war, auf mich zu. Ich hatte ihn seit dem kurzen Besuch vor fünf Jahren in Berlin, wo er Minister war, nicht gesehen. Er begrüßte mich mit vieler Achtung, und manövrirte um mich her, indem er mir auf eine höfliche Weise zu Leibe rückte, bis er mich in einen Winkel des Saales gedrängt hatte. Er stellte sich fest und steif vor mich hin; ich merkte deutlich, daß Etwas in ihm gähre, womit er kämpfte, konnte aber nicht begreifen, was es sei; endlich zwang er sich, rasch und bestimmt zu sagen: »Ich habe Ihnen Unrecht gethan, ich bitte Sie um Verzeihung!« Nun verstand ich ihn, und es rührte mich, diesen adelstolzen, strengen, militärischen Mann (er war damals Gouverneur von Kopenhagen) seiner Humanität (wegen deren er ebenso bekannt war, wie wegen seines Stolzes) dieses ihm gewiß nicht leichte Opfer bringen zu sehen. »Ew. Excellenz haben mir kein Unrecht gethan,« sagte ich, »aber ich Ihnen, weil ich als ein junger Mann, der die herkömmlichen Formen nicht beachtete, es vergaß, Ihnen in Berlin meine Aufwartung zu machen, wo Sie Gesandter waren. Ich muß also Sie um Vergebung bitten!« -- Damit war der Frieden geschlossen; und nun hätte ich ihm freilich den Besuch machen sollen, den ich in Berlin vergaß, und von dem ich ihm selbst zugestanden, daß ich ihn ihm schulde, -- aber -- ich unterließ es wieder, und wir kamen wieder auf einen gespannten und fremden Fuß mit einander. Warum unterließ ich es denn? War es Hochmuth von mir oder Undankbarkeit? Nein, gewiß nicht; aber ich fühlte, daß dieser Mann und ich nicht sympathisirten, daß das aristokratische Vorurtheil ihn so sehr beherrschte, obgleich er ein sehr rechtschaffener Mann war, daß es früh oder spät mich wieder verletzen würde; und daher fand ich es für besser, gleich abzubrechen. An dieser stolzen Schwäche, die aus Eigenliebe und Eitelkeit entspringt, leiden viele Menschen; alle Stände sind davon geplagt. Zu einer Zeit, wo der Adel noch Etwas zu sagen hatte, war es natürlich, daß dieses Gefühl des Geburtsstolzes -- eigentlich ein Unding -- oft selbst edle Seelen beherrschte. So hat selbst der Sohn dieses braven Mannes, ein genialer, kenntnißreicher und höchst gebildeter Jüngling, der einem spätern, mehr aufgeklärten Zeitalter angehörte, Shakespeare's Uebersetzer, Tieck's Freund, u. s. w., einmal eine Abhandlung darüber geschrieben: daß kein Unadliger eigentlich das Gefühl der Ehre haben könne; worin er ganz Recht hatte, wenn er hiemit die falsche Don Quixottische Ehre meinte, welche das Mittelalter beherrschte.

[Sidenote: Adelshochmuth und Pöbelplumpheit.]

Obgleich ich als Dichter zu allen Ständen gehörte und mit ihnen umging, habe ich mich doch stets ebenso wenig in den Adelshochmuth, wie in die Pöbelplumpheit finden können; ich suchte das schön Menschliche im Palast wie in der Hütte, d. h. das Poetische; die höflichen Uebertreibungen gingen mich Nichts an; doch entschuldigte ich stets leichter die Plumpheit des Armen, als den Hochmuth des Vornehmen, weil der Mangel an Erziehung, der Beides hervorruft, bei jenem, nicht aber bei diesem verziehen werden könne. Das Rohe kann außerdem auch reif werden, nie aber das Verweste; selbst Barbarei kann sich zur Schönheit erheben, Luxus aber ist die ausgeartete, verirrte Schönheit; und im schlimmsten Falle ist es weniger gefährlich für die Gesundheit, in der Nähe eines Wagens zu stehen, der voller Dünger ist, als in einem Treibhause voll blühender stark riechender Blumen zu sitzen; der Gestank kann trotz des Widerlichen gesund sein; aber der übertrieben starke, feine Wohlgeruch ist tödtend.

Als einen Beweis, wie ich trotz meines freundlichen Umganges mit den Großen, stets Lust hatte, dem Adelsstolze, wo er sich geltend machte, mit dem meiner Ansicht nach nothwendigen Trotze des gesunden Menschenverstandes zu begegnen, will ich hier eine kleine Geschichte erzählen. Unter Denen, welche mir in diesen Kreisen ganz besondere Freundlichkeit erwiesen, befand sich der Kanzleipräsident Friedrich Moltke. Er war einer der Menschen, die selbst im Greisesalter Jünglinge bleiben. Für die Poesie hatte er eine ungeschwächte Liebe. Ewald war sein Lehrer gewesen und hatte ihm die schöne Ode: »Des Schwertes Sausen und der Lärm der Schilde« gewidmet, welche so endet:

»Deshalb lächelnder Tugenden, reichen Wissens glühender Freund, der die Erde Liebet! Deshalb, mein edelster Moltke! Füllst Du mir mächtig die Brust und der Harfe Zitterndes Gold!«

In Ewald's letzten schwachen Tagen war Moltke Kammerjunker, ich glaube bei der Königin Witwe, und hatte ihm eine kleine Pension verschafft, indem er mit Begeisterung von ihm sprach. Bei alle Dem war Moltke Aristokrat, und man sagte, daß er sich nie mit dem kräftigen Demokraten Christian Colbiörnsen vertragen konnte, der Deputirter in der Kanzlei war, welcher Moltke als Präsident vorstand, und die Folge davon war, daß Moltke endlich aus der Kanzlei austrat und Stiftsamtmann in Aalborg wurde.

[Sidenote: Der gefeierte Dichter.]

Kurz nach meiner Heimkehr wetteiferten Viele der Großen, ebenso wie Schimmelmann's, mir Gesellschaften zu geben, z. B. der Staatsminister Graf =Christian Reventlow=, Graf =Christian Bernstorff=, Geheimrath =Moltke= und die Hofdamen Fräulein v. d. =Maase=, Gräfin Mynster und Fräulein =Levetzau=. Eines Abends war auch Moltke auf Friedrichsberg bei einer dieser Damen; er hatte dem König und der Königin seine Aufwartung machen wollen; diese aber waren bei dem Geheimrath Rosenkrone in der Friedrichsberger Allee. Rosenkrone's waren die Einzigen, welche der König und die Königin besuchten; das weckte vielleicht Moltke's Eifersucht ein Wenig und er machte nun seine Bemerkungen darüber, daß Rosenkrone's nicht aus alter Familie seien. Dies reichte hin, um mich den Bogen spannen zu lassen, und ich sagte: »Ew. Excellenz meinen, daß Rosenkrone ein Londemann ist! Ganz gewiß; sein Vater war Bruder des Schauspielers Londemann, der die dänische Bühne verherrlichte, und das Zwergfell der guten Kopenhagener unablässig erschütterte; aber vielleicht wissen Ew. Excellenz nicht, daß der vortreffliche Darsteller des Holberg'schen Henrik ein viel älterer Adelsmann war, als Sie selbst sind, obwohl ich weiß, daß Ihr Adel alt ist, und daß bereits zu Erik Menved's Zeit von einem Moltke gesprochen wird.« -- Moltke sah mich verwundert an und gestand: »Nein, das wisse er nicht.« -- »Das ist leicht zu beweisen,« sagte ich, »Sie brauchen nur in der Vorrede zu der Folioausgabe des Snorro Sturleson nachzuschlagen, wo Sie sehen werden, daß Londemann gerade vom Snorro Sturleson abstammte; Snorro Sturleson stammt von Harald Schönhaar, und dieser von Regnar Lodbrok.« -- »Ja das ist sehr möglich!« sagte Moltke artig und lenkte das Gespräch auf einen andern Gegenstand. Moltke war ein hübscher Mann, leicht und schlank, sehr rasch in seinen Bewegungen und trotz seines schneeweißen Haares glühten seine braunen Augen doch in jugendlichem Feuer.

[Sidenote: Eine Anekdote von Thorwaldsen.]

Das Schlimmste, was man dem Geburtsstolze anthun kann, ist, daß man auf Länder hinweist, wo es von Adligen wimmelt, wie Island, Schottland, Corsica, Ungarn, Polen. -- Als Thorwaldsen mehrere Jahre nach diesem Gespräche heimkehrte, wollten ihm gern Alle, Jeder auf seine Weise, huldigen. Ich war eines Vormittags gerade bei ihm, als er auf ein Paar Stiefel wartete, mit denen der Schuhmacher ihn im Stiche ließ. Da trat der brave Finn Magnussen sehr ernst und feierlich ins Zimmer herein und legte Thorwaldsen eine Stammtafel vor, auf welcher bewiesen wurde, daß er (ebenso wie wahrscheinlich Finn Magnussen selbst) von dem norwegischen Könige Magnus Barfuß abstamme. »Das will ich glauben,« sagte Thorwaldsen lächelnd zu mir, »darum bekomme ich heut auch keine Stiefeln!«

[Sidenote: Reventlow. Bernstorff. Die Gräfin Mynster.]

Um Thorwaldsen's willen gerieth ich doch etwas mit dem alten, feurigen Minister, Grafen Christian Reventlow ins Unklare, wie die Seeleute sagen. Ich war auch bei ihm eines Abends, saß an seiner Seite, und er machte mir das Compliment, daß ich für den Correggio verdiente Mitglied der Akademie der Künste zu werden. Aber als wir später von Thorwaldsen sprachen und Reventlow Canova weit über ihn stellte, nahm ich mir die Freiheit, durchaus der entgegengesetzten Ansicht zu sein. Reventlow glaubte, dies sei Parteilichkeit für einen Landsmann; aber ich antwortete: »Ew. Excellenz! in zehn Jahren wird Das, was ich jetzt sage, für eine Trivialität angesehen werden.« -- Der vortreffliche Bauernfreund Reventlow hatte viel mehr Sinn für das Oeconomische und Nützliche, als für das Schöne, und er bewunderte deshalb auch Rumford als einen der größten Männer der Zeit. Christian Bernstorff war durchaus entgegengesetzter Art, und das Aeußere dieser Herren entsprach ihrem Wesen. Reventlow groß, beweglich und stark, sah trotz seiner Sterne und Bänder wie ein sinnreicher, tüchtiger Handwerksmeister aus. Der rasche, feine Bernstorff war edel in allen seinen Bewegungen, wie ein englischer Lord. Er war nicht enthusiastisch wie seine Vetter, die Stolberg's, nicht schwärmerisch, aber ebenso poetisch in Bezug aus den Eindruck, und in seiner Ruhe billiger und vielseitiger. Sein Herz war vortrefflich. Es bildete sich zwischen uns eine auf geistige Sympathie gegründete Vertraulichkeit. Als ich einmal in einem solchen Augenblicke zu ihm sagte: »es sei doch ein schöner Beruf, Staatsminister zu sein,« entgegnete er: »Ich habe nie Lust dazu gehabt; die Umstände haben mich dazu gemacht.« Man hat ihm später vorgeworfen, daß er den Engländern zu viel getraut habe, und daß er ein Aristokrat gewesen sei. Dies letztere war gewiß stets auf eine sehr edle Weise, mit Bewunderung und Anerkennung alles Großen und Guten, der Fall. Er hat auch Gedichte hinterlassen, in denen seine edle Seele sich ausspricht. Seine schöne junge Gattin war seiner würdig und durchaus liebenswürdig. Ich besuchte sie oft auf Schloß Bernstorff.

* * * * *

Unter meinen neuen Freundinnen zeichnete sich die Gräfin Mynster, geborne Ompteda, Hofdame der Königin, aus. Sie war in ihrer Jugend sehr schön gewesen und sah noch gut aus. Sie war selbst deutsche Dichterin und übersetzte einige meiner Gedichte, unter andern »Die heimliche Stimme.« Ich habe es mit einigen Veränderungen in der Ausgabe meiner deutschen Gedichte benutzt. Sie litt an einem schlimmen Uebel: einer überspannten Sentimentalität. Oft besuchte sie uns, und dann lasen wir gewöhnlich Gedichte mit einander. Sie strebte stets nach dem Hohen und ich versuchte oft, theils um sie wieder in's Gleichgewicht zu bringen, theils aus schelmischer Neckerei, sie in das Alltägliche herabzuziehen. Als wir einmal Schiller's »Lied an die Freude« gelesen hatten, und sie zwischen den Sternen und den Millionen umherschwärmte, sagte ich: »Nun zur Veränderung ein anderes kleines Lied,« und recitirte das Göthesche:

»Mich ergreift, ich weiß nicht wie, Himmlisches Behagen. Will mich's etwa gar hinauf Zu den Sternen tragen? Doch ich bleibe lieber hier, Kann ich redlich sagen, Beim Gesang und Glase Wein, Auf den Tisch zu schlagen!«

Die letzte Zeile begleitete ich wirklich mit einem tüchtigen Schlage auf den Tisch, um sie von dem Firmament wieder in's Zimmer herabzuziehen; aber sie grollte mir sehr anmuthig wegen dieses burschikosen Wesens, das sie aus dem schönen Traume geweckt hatte.

* * * * *

[Sidenote: Eine Vorlesung am Hofe.]

Ich laß nun bald Correggio, bald Axel und Valborg so oft in diesen Gesellschaften vor, daß ich ihrer zuletzt ganz müde wurde; und Christian Colbiörnsen hatte gewiß vollständig Recht, daß er ein Mal bei Prinz Christian nach der Vorlesung von Axel und Valborg, sein Compliment über das Stück mit der Bemerkung begleitete, daß er meine, es müsse etwas wärmer vorgetragen werden. _Variatio delectat_. Ich hatte so oft meinen Vortrag loben gehört, daß es mir nun gefiel, von einem Manne kritisirt zu werden, der, wie man sagt, selbst Beredsamkeit besaß. Es war das erste und letzte Mal, daß wir zusammen sprachen; ich konnte ihm den wahren Grund des Mangels an Wärme nicht angeben, und begnügte mich damit, ihm höflich für seine richtige Bemerkung zu danken, indem ich die Hoffnung aussprach, daß ich es ein anderes Mal besser lesen werde.

Dieses andere Mal strengte ich mich auch wirklich an; denn da fand die Vorlesung bei dem König und der Königin selbst statt, welche auch den Correggio hören wollten und deshalb eine Assemblée in dem großen Palaissaale veranstalten ließen. Hier hatte ich einen kleinen amüsanten Prolog mit dem Oberceremonienmeister _Charles Louis Bouz de la Calmette_, der, um mir das Vorlesen leichter zu machen, mir vorschlug, ein Pult zu besorgen, an dem ich stehen könne, um mir die Brust nicht zu drücken. Aber da ich diesen alten französisch-holländischen Cavalier, der mit seinen gepuderten Locken und dem Haarbeutel im Nacken durchaus der _vieux bon-temps_ angehörte, in Verdacht hatte, daß er mich wie einen andern Virtuosen behandeln wolle, der im Stehen spielte, während die Herrschaften saßen, so versicherte ich ihm, daß das Sitzen meiner Gesundheit durchaus nicht schaden, daß es mich vielmehr ermüden würde, fünf lange Acte hindurch zu stehen, und daß ich mir daher einen Stuhl ausbäte. Einige Jahre später dachte ich an diese Scene, als ich die Väringer schrieb, in der Scene mit Harald Haarderaade, wo der Kaiser dem Harald befiehlt zu knieen, dieser aber stehen bleiben will.

[Sidenote: Das Brun'sche Haus.]

Man hatte befürchtet, daß die Lectüre des langen Stückes seine Majestät ermüden würde; aber er hörte sehr aufmerksam vom Anfang bis zum Ende zu und schien zufrieden zu sein.

* * * * *

Das angenehmste große Haus in Kopenhagen war damals das Brun'sche. Hier war ein Sammelplatz für den Hof, für die _beau monde_ und für die Künstler. Die anmuthige Ida sang vortrefflich, und die Musik war der Genius, welcher hier das Ganze verband und verschmolz.

Meine Heimat hatte ich außer bei mir selbst noch an vier Orten: bei meinem Vater, meinem Schwiegervater, bei Oersteds und Rahbeks. Bei dem Alten speisten wir gewöhnlich jeden Sonntag, wenn wir nicht auf dem Lande waren, und er ein Mal die Woche bei uns.