Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2
Part 9
Göthe machte während der Schlacht mit Fräulein Vulpius Hochzeit. Er hatte wohl lange schon an diesen Schritt gedacht, um seinem Sohne verheirathete Eltern zu geben; aber um dem Komischen zu entgehen, das darin liegt, daß ein älteres Paar mit dem Anfange endigt (_le commencement de la fin_, wie Talleyrand es nannte, als Napoleon zu fallen begann), hatte er es wohl aufgeschoben, und um, wie Tell bei Schiller, den Apfel vom Haupt des Sohnes abzuschießen, während Geßler stritt, ging er mit einer alten Haushälterin in die Kirche, während die Kanonen mit ihren entsetzlichen Glocken auf Jenas Fluren läuteten, und kehrte mit ihr zurück, ohne daß es die geringste Veränderung in Etwas machte, außer daß sie nun Frau Geheimräthin von Göthe hieß. Wenn man sie sah, konnte man nicht begreifen, wie sie Göthe's Geliebte geworden war. Sie glich weder Lotten, noch Klärchen, noch Gretchen, weder den Leonoren, noch der Iphigenie; wenn sie überhaupt einer der Göthe'schen Gestalten glich, so glich sie der Braut von Korinth, aber in entgegengesetzter Bedeutung, denn nicht der Geist sondern der Körper spukte. Für Poesie hatte sie durchaus keinen Sinn, und Göthe sagte einmal selbst im Scherz: »Es ist doch wunderlich, die Kleine kann gar kein Gedicht verstehen.« In ihrer Jugend war sie frisch gewesen, voll und rothwangig war sie noch, aber ganz aus der niederländischen Schule; obgleich, wie gesagt, durchaus kein Klärchen. Sie war eine Schwester des berühmten Verfassers des Rinaldo Rinaldini und Rinaldo Rinaldini hatte eine Zeitlang wohl mehr Bewunderer in Deutschland gehabt, als Wilhelm Meister. Die Neuvermählte erwies ihrem Manne stets Ehrerbietung und nannte ihn immer »Herr Geheimrath.« Das thaten wir andern auch. Als ich ihn im Anfange Excellenz nannte, sagte er gutmüthig: »Lassen Sie es beim Geheimrath bewenden!« und dieser Titel klingt in Deutschland sehr bürgerlich; Frau Göthe war von einer raschen beweglichen Natur und hielt nicht viel von dem stillen Leben, das ihr Mann führte. »Der Herr Geheimerath und ich« -- soll sie einmal gesagt haben -- »wir sitzen immer und sehen einander an. Das wird am Ende langweilig.« Das Schauspielerpersonal huldigte ihr übrigens mit vieler Aufmerksamkeit und setzte so Eins oder das Andere durch. Göthe war nämlich Chef des Theaters und das merkte man. Obgleich der Herzog nicht die Mittel hatte, große Talente zu belohnen, so wußte Göthe doch meisterhaft zu benutzen, was er hatte. Man sah nichts Schlechtes, nichts Geschmackloses; die Affectation, die in Deutschland so oft verletzt, war hier verbannt; die Provinzialdialecte verschmolzen zu einer gebildeten Sprache. Schiller's Wallenstein's Lager und Wallenstein's Tod wurden edel aufgeführt, und selbst das Lied von der Glocke, das Göthe wunderlicherweise auf die Bühne brachte, wurde so natürlich, als es möglich ist, gegeben, wenn man die subjectiven lyrischen Ergüsse eines Dichters als dramatische Scene verschiedenen Menschen in den Mund legt. Als ein Beweis dafür, daß die Achtung, in der Göthe stand, selbst stark genug war, um den Uebermuth der jenensischen Studenten zu zügeln, mag Folgendes dienen: Kurz vorher waren sie _en masse_ im Schauspielhause in Weimar gewesen und hatten tüchtig gelärmt. Göthe erhob sich in seiner Loge und rief ihnen laut zu: »Still! still! bedenkt, wo Ihr seid!« und es wurde still; nicht weil der Minister sie daran erinnerte, daß sie in einem fürstlichen Theater seien, sondern weil der große Dichter sie daran erinnerte, daß sie sich im Tempel der Musen befänden. Man spielte Schiller's Räuber. Wenn auf andern Theatern das Lied: »Ein freies Leben führen wir,« gesungen wurde, pflegten die Studenten im Parterre oft mitzusingen. Nun aber sandten sie zuerst sehr ehrerbietig eine Deputation an Göthe in seine Loge, und baten um die Erlaubniß dazu, die sie auch erhielten. Aber Göthe mußte immer lachen, wenn er sich später dieses Liedes erinnerte; denn imponirt durch seine erste Ermahnung, hatten sie die Courage ganz verloren und sangen »Ein freies Leben führen wir« so langsam und zahm, wie man beim Begräbniß singt: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende.«
[Sidenote: Göthe und die Jenenser Studenten.]
Ich sah zuweilen Falk bei Göthe. Eines Mittags hielt er uns eine lange Vorlesung und ich wunderte mich über die Geduld, mit der ihn Göthe angehört hatte. »Nun,« entgegnete Göthe, »wenn ein Mensch so mit einer Tafel auf der Brust zu mir kommt, auf die er Alles geschrieben hat, was in ihm wohnt, so kann ich mich wohl einmal darein finden, zu lesen, was darauf steht.« -- Er war nicht immer so geduldig; es mußte auch Etwas auf der Tafel stehen. Ein junger Baron kam ihm einmal mit erschrecklich großen Lobreden entgegen, aber auch mit sehr eingebildeten Erklärungen über Göthe's Genie, die kein Ende nahmen. Als er fertig war, sagte Göthe: »Sie hören sich gerne selbst reden, Herr Baron!« und kehrte ihm den Rücken zu. Göthe haßte die Affectation. Er saß einmal bei einer Mittagstafel zwischen zwei Fräulein vom Lande. Das eine war sehr ästhetisch, das andere geradezu und prosaisch. Das ästhetische hatte ihn lange mit ihren närrischen Entzückungen und sublimen Affectationen ermüdet. Als eine Ananas gegessen wurde, rief es: »Ach, ach, Herr Geheimerath! so eine Ananas riecht doch ganz göttlich!« -- »Hm!« sagte Göthe, »woher wissen Sie denn eigentlich, wie die Götter riechen?« Drauf wandte er sich an das andere und fragte: »Wie viel Kühe hat Ihr Vater, Fräulein?«
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[Sidenote: Reise nach Gotha.]
Wir speisten noch einmal bei Göthe zu Tische und verließen darauf Weimar, das aus einem Musensitze in ein Lazareth verwandelt war, und wo das hübsche Theater, das so viele Jahre hindurch ein Tempel für Göthe's und Schiller's Meisterstücke gewesen, nun ein Hospital für sterbende Krieger und verwundete Krüppel bildete.
Wir reisten nach Gotha, sobald wir Pferde bekommen konnten. Oft fuhr der Postillon uns über gepflügte Aecker, und wenn wir ihm das vorwarfen, antwortete er: »Ha! 's ist Krieg!« Wir holten mehrere Colonnen preußischer Kriegsgefangner ein, die nach Frankreich geschafft wurden. Wir zeigten unsere Pässe und man erlaubte uns höflich, weiterzufahren. Nur einmal wollte ein betrunkener Husarenunteroffizier von Darmstadt es nicht erlauben; er ritt uns auf den Leib, schwang seinen Säbel und drohte, uns die Köpfe zu spalten, wenn wir einen Schritt an der Colonne vorüberführen. Andere Unterofficiere kamen hinzu und riefen: »Fahren Sie nur! er ist betrunken, er thut Ihnen Nichts!« -- Aber gerade weil er betrunken war, glaubten wir, daß er vielleicht erst recht Lust bekommen könne, uns Etwas zu thun. Wir fuhren Schritt für Schritt hinterher und so kamen wir endlich nach Gotha. Hier standen wir nun in einem friedlichen Lande, denn der Herzog hatte keinen Theil am Kriege genommen. Wir waren also in vollständiger Sicherheit und nicht mehr der Willkür der Gewalt ausgesetzt. -- O, wie wohl that es mir, alte Bücher aus einer Leihbibliothek zu holen, und mich bei dem vertraulichen sichern Theetische mit meinen Freunden nach so vielen überstandenen Mühseligkeiten und Gefahren in den idyllisch ruhigen Zustand meiner Kindheit hinzuzaubern.
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[Sidenote: Ankunft in Frankfurt.]
Nun rollte ich also mit meinen Landsleuten davon; wenn ich zuweilen Heimweh fühlte, so tröstete ich mich damit, ihre lieben nordischen Gesichter anzusehen. Sie waren sehr verschieden und doch wahre Freunde. Koës, (der später in Griechenland starb) war ein geistvoller, lebhafter Jüngling, obwohl bleich und mager; Bröndsted, der später durch sein gelehrtes Werk über Griechenland berühmt wurde, war damals, was er bis zu seinem Tode blieb, baumstark, geschmeidig, untersetzt, voller Jovialität und Vertrauen, freundlich und theilnehmend. Koës war mehr still, verschwiegen und zurückhaltend; man mußte ihn gut kennen, wenn er sich aussprechen sollte. Sein mildes, sinniges Wesen war nicht weniger angenehm.
In Göthe's Geburtsstadt, dem muntern Frankfurt, blieben wir einige Tage. Den guten Rheinwein genossen wir sowohl in ungepreßtem Zustand als Trauben sowie in gepreßtem, als vortrefflichen »Dreiundachtziger«; denn »der Elfter« konnte von uns noch nicht genossen werden, da er erst fünf Jahre später wuchs.
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[Sidenote: P. A. Heiberg.]
In einer kleinen deutschen Grenzstadt mußten wir einige Stunden auf frische Pferde warten; es war schwierig welche zu bekommen, denn Talleyrand fuhr gerade durch die Stadt. Er sollte nach Berlin, um das nördliche Deutschland in Ordnung zu bringen, da es jetzt wie eine eroberte Provinz behandelt wurde. Ich sehe zum Fenster hinaus und sage verwundert zu Bröndsted: »Entweder betrügen mich meine Augen, oder P. A. =Heiberg= steht unten auf der Straße.« So war es. P. A. Heiberg war im Gefolge Talleyrand's. Ich hatte große Lust, einmal mit diesem talentvollen Manne zu sprechen; seine komisch dramatische Laune hatte mich oft amüsirt; als politischen Schriftsteller kannte ich ihn wenig. Ich ging ihm freundlich entgegen; aber er war kalt, und ich merkte gleich, daß wir nicht sympathisirten. Er stand sowohl politisch, wie auch ästhetisch ganz auf der französischen, ich auf der deutschen Seite des Rheins. Zehn Jahre darauf sprach ich doch zuweilen mit ihm in Paris. In der _revue encyclopédique_ hat er mich später oft getadelt. In einer Vorrede zu seinen dänischen Schauspielern sagt er, daß ich seine dramatischen Verdienste geringgeachtet haben solle, was nie der Fall war. Ich habe im Gegentheil oft mit ihm selbst darüber disputirt, daß er ein guter komischer Dichter sei, was er leugnete. Aber das muß er vergessen haben. Besonders hat er es mir übelgenommen, daß ich in einem Gedicht: »=Das Gypsbild=« in meiner Langelandsreise (gewiß zu voltairisch übertrieben) Voltaire angetastet hatte. In einer spätern Ausgabe wollte Herr Heiberg durchaus keine Veränderung sehen, obgleich ich die Ausdrücke sehr gemildert hatte.
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[Sidenote: Erster Eindruck von Paris.]
Wir kamen über den schönen Rhein, nach der unschönen Champagne, wo die Natur, wie ich glaube, so viel mit dem lieblichen Wein zu thun hatte, daß ihr nicht Zeit blieb, an andere Vollkommenheiten zu denken. Nach =Chalons= kam ich noch an meinem Geburtstage, dem vierzehnten November; und als die guten Genossen meine Gesundheit bei einer Flasche Champagner von der besten Sorte getrunken hatten, hielten wir Dänen am nächsten Tage unsern Einzug in Paris, wo die große steinerne _porte St. Martin_, wie ein freistehender Triumphbogen, uns zu den schönen Boulevards hinwinkte.
Als wir durch die Vorstadt kamen, wunderte ich mich fast darüber, daß diese häßliche armselige Stadt Paris sein sollte; ich glaubte, der Kutscher hätte sich im Wege geirrt und uns in eine verfallene Provinzialstadt geführt. Wie verschieden ist der Eindruck von dem, den viele andere Städte machen, wo schöne Alleen mit herrlichen Lusthäusern und Gärten die Erwartung spannen und sie zuweilen überspannen, wenn man die Schale besser findet, als den Kern. Hier geht es entgegengesetzt: Paris liegt, wie eine Wallnuß in der großen äußern schmutzigen Schale, die die Finger befleckt, wenn man sie angreift; aber kaum kamen wir durch die harte Schale -- ich meine die Ehrenpforte, die Ludwig XIV. sich selbst gebaut hat, so fanden wir den Kern angenehm. Es kam mir vor, als wenn ich von allen Seiten den Chor aus meinem Sct.-Hans-Abendspiel hörte:
»Allons, Allons, Courage! Schöne Raritäten, Scherz und Spiel u. s. w.«
[Sidenote: Deutsches Studium in Paris.]
Paris ist so oft und so gut beschrieben, daß es eine Thorheit wäre, es von Neuem zu thun. Es giebt Reisende, die aus keinem andern Grunde reisen, als nur um zu beschreiben. Viele, die bequem sind und sich nicht rühren mögen, setzen sich gleich, wenn sie nach einem so merkwürdigen Orte kommen, mit allen Büchern, die sie erwischen können hin und schreiben nun einen Auszug Dessen, was sie gelesen haben; was ungefähr so ist, wie die Ragouts, die man in sparsamen Haushaltungen am Sonnabend von den Ueberresten der ganzen Woche bekommt. Andere -- und besonders die Engländer -- laufen wie toll mit der Zunge zum Halse heraus, um Alles zu sehen; nicht, um es zu genießen, zu fühlen, sondern um mit beruhigtem Gewissen sagen zu können: »Wir haben es selbst gesehen!« was doch eine Lüge ist; denn was wie ein Blitz vorübereilt, sieht man nicht mit dem Auge der Seele! -- Ich fing es hier auf eine ganz andere Art an. Ich hatte beschlossen, eine geraume Zeit in Paris zu bleiben. Zwei Dinge wollte ich ordentlich lernen: erstens Französisch zu verstehen; denn ich verstand nicht ein Wort, wenn man rasch sprach, und hatte nicht viel mehr gelernt, als was Herr Horslund mir in der Schule für die Nachwelt einprügelte, nämlich: _Fenelon's Telemaque, Marmontel's contes moreaux_ und das schwierigste aller Zeitwörter: _s'en aller_, fortgehen. Nun war ich fortgegangen und hoffte, daß das Andere Alles von selbst kommen würde. Darauf wollte ich es dahin bringen, gut Deutsch zu schreiben, d. h. -- in dieser Sprache auf eine Weise dichten, die sich der der Besten nähern konnte. Dies schien mir viel leichter. Ich hielt es für leichter, Deutsch, wie ein eingeborner deutscher Dichter zu schreiben, als soviel Französisch zu lernen, daß ich mich, sowie viele tausend Fremde, in der gewöhnlichen Conversation mit Leichtigkeit ausdrücken könne. Meine erste und wichtigste Beschäftigung in Paris war also, Deutsch zu dichten. Es gab Deutsche genug dort, mit denen ich täglich umgehen und mich üben konnte. Ich hatte den Aladdin bereits in Weimar und Jena übersetzt; hatte das Manuscript an Frommann in Jena verkauft und hatte es bei Dr. Riemer, Göthe's allersecretestem Secretair (d. h. der nach dem Dictat alle Werke Göthe's schrieb) zurückgelassen. Aber ich erhielt den Aladdin mit einem sehr freundlichen und hübschen Briefe wieder, in dem ungefähr stand: »Als Du uns den Aladdin vom Blatte übersetztest, wußtest Du mit einer gewissen naiven, schelmischen Laune selbst den Sprachfehlern etwas Poetisches, Angenehmes zu geben, das sowohl Göthe, wie mich bestach; nun aber, da die todten Buchstaben vor uns liegen und wir die Worte corrigiren sollen, sehen wir, daß es eine Unmöglichkeit ist. Es wäre Sünde, wenn dieses Werk nicht all' die Vollendung in der Sprache haben sollte, die möglich ist; und die kann ihm Keiner geben, als Du selbst. Du hast nun größere Fertigkeiten erlangt, und mußt Deinen Aladdin von vorn bis hinten ganz umarbeiten.« Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Kaum war ich etwas heimisch in Paris, als ich mit größter Lust und mit Fleiß von vorn wieder anfing; und ein paar Monate darauf hatte ich Aladdin wieder fertig, so wie er bei Brockhaus in Amsterdam erschien. Dr. Koreff half mir freundschaftlich dabei, die Sprachfehler zu corrigiren, und erst nachdem er und andere geschmackvolle Deutsche mich versichert hatten, daß Aladdin im »Genius der Sprache« gedichtet sei, sandte ich das Manuscript zum Druck fort.
Ich ließ Bröndsted und Koës für alle weltlichen Dinge sorgen, was unsere Haushaltung betraf. Wir waren in das _Hôtel de Strassbourg_, _rue de la loi_, wie die _rue Richelieu_ damals hieß, gekommen, aber wir merkten bald daß es zu theuer sei, und zogen deshalb in das _Hôtel de Hollande_, _rue des bons enfans_, wo es auch zu viel billigerem Preise sehr gut war und wo wir neben einander wohnten.
[Sidenote: Eine Pariserin.]
Während wir uns in den ersten Tagen noch im _Hôtel de Strassbourg_ aufhielten, ereignete sich eine komische Begebenheit, die ich als Beweis für meine Unwissenheit im Französischen, so wie für Koës' und Bröndsted's Unerfahrenheit, wenn auch nicht gerade in der Sprache, so doch in der Lebensweise, erzählen will. Wir bekamen ein Billet von einer Dame, welche uns gegenüber in einem Hôtel wohnte, ob wir ihr die Ehre erweisen wollten, sie zu besuchen, sie hätte mit uns über einige Bekannte, die uns nahe ständen, Etwas zu sprechen. Wir glaubten Nachrichten von der Heimath oder aus Deutschland zu erhalten, gingen also gleich hinüber und kamen in hübsche Zimmer, wo eine ältere Dame, die aber noch recht hübsch und außerordentlich elegant gekleidet war, uns mit einer Grazie empfing, die der Pariserin eigen ist, und uns bat, am Kamine Platz zu nehmen, und mit Bröndsted und Koës ein Gespräch begann, da sie gleich bemerkte, daß ich nur als stumme Person mitgekommen sei. Was sie sagte, konnte ich gar nicht verstehen, da sie sehr rasch sprach; nur machte es mir Vergnügen, ihre liebenswürdige Virtuosität im Vortrage zu bewundern. Nachdem sie fertig war, erhoben sich Bröndsted und Koës, -- der Letztere mit einem Lächeln, das characteristisch für ihn war, wenn Etwas vorfiel, was ihm nicht gefiel, wo er sich aber aus Höflichkeit doch nicht weiter einlassen wollte. -- Sie begleitete uns sehr anmuthig bis zur Thür; ich verbeugte mich mehrere Male ehrerbietig vor ihr auf der Treppe -- und erst als wir auf die Straße gekommen waren, sagte mir das Lachen der Andern, was ich gleich hätte begreifen und verstehen sollen, wenn ich nicht so unwissend und unerfahren im Französischen gewesen wäre.
Kaum hatten wir uns häuslich wie gute Kinder im _Hôtel des bons enfans_ eingerichtet, als Jeder sich in seinem Winkel fleißig an die Arbeit setzte; Bröndsted und Koës bereiteten sich auf ihre griechische Reise vor, jener besonders, indem er Villoison's Papiere studirte. Ich schrieb bald Deutsch, bald dichtete ich Dänisch und bald las ich Französisch. Mittags aßen wir größtentheils bei Grignon, und am Abend war ich im Theater; Koës kam auch oft dahin, aber Bröndsted seltener; er liebte es mehr, in den Abendstunden bei einer Pfeife Tabak zu musiciren.
[Sidenote: Französische Lehrstunden.]
Ich hatte einen sehr guten Lehrer im Französischen, =Depping=, bekommen, später durch sein Werk über die Normannen, seine interessante Lebensbeschreibung und viele andere Schriften bekannt. In dieser Lebensbeschreibung, in der er meiner übrigens sehr freundschaftlich und schmeichelhaft erwähnt, scherzt er darüber, daß ich nur langsam Fortschritte im Französischen machte; daß wir die Stunden oft mit Gesprächen zubrachten, in denen er mehr von mir, als ich von ihm lernte; daß ich das Französische nicht als eine richtige Sprache gelten lassen wollte &c., und darauf ruft er scherzend aus: »_diem et oleum perdidi!_« -- Aber auf demselben Blatte erzählte er auch, daß ich Frau Staël's Improvisation der Corinna in deutsche Verse übertrug, daß ich ganze Scenen des Corneille parodirte &c., welches doch nicht hätte geschehen können, wenn ich nicht in seiner Stunde einige Fortschritte im Französischen gemacht hätte.
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[Sidenote: Umgang mit dem dänischen Minister Dreyer.]
Wir besuchten oft unsern Minister =Dreyer=, einen freundlichen alten Mann, groß, gut gewachsen, gesund und frisch, einen klugen, muntern Kopf mit vieler Menschenkenntniß. Napoleon achtete ihn höher und konnte ihn besser leiden, als viele andere Minister. Er lud uns oft zu Tisch, war nicht kleinlich eitel, und schämte sich durchaus nicht seiner bürgerlichen Herkunft; im Gegentheil amüsirte es ihn, mit uns von seiner Jugend, den damaligen Sitten und davon zu sprechen, auf welche Weise er unter Struensee sein Glück gemacht hatte. In meiner Jugend hatte ich zuweilen mit meinen Eltern einen Kupferschmied, einen Vetter von ihm, besucht, und deshalb, glaube ich, konnte mich der Minister noch besser leiden; er nannte mich: »Unsern dänischen Voltaire.« Wir waren oft bei ihm. Ein Mal nahm er uns mit zur Stadt hinaus und tractirte uns da. -- Es traf sich gerade, daß ich ihn Excellenz nannte, während der Aufwärter zugegen war; »Ei,« flüsterte er mir munter ins Ohr, »lassen Sie die Excellenz hier aus dem Spiele, sonst müssen wir mehr bezahlen.«
Das erste Mal, wo wir ihn besuchten, fragte er uns sehr gutmüthig: »Weshalb sind sie denn eigentlich nach Paris gekommen? um sich zu amüsiren, nicht wahr?« Bröndsted und Koës fingen an, die gelehrten Gesichter etwas zu verziehen und schienen Einwendungen machen zu wollen, aber ich ergriff das Wort, ehe sie anfingen, und rief sehr eifrig: »»Ja, Ew. Excellenz! ganz richtig! nur um uns zu amüsiren. Ich wenigstens komme hauptsächlich deshalb.«« Ich hielt es nämlich immer für meine Dichterpflicht, das =Vergnügen= zu vertheidigen und es zu Ehre und Würde zu bringen, so wie es meine Pflicht war, es durch Kunst zu veredeln. Eine Periode, die in meine Jugendzeit fiel, laborirte an dem =Aberglauben des Nutzens=. Genie, Kunst, Schönheit, Phantasie, Gefühl wurden verachtet und einem guten, gewöhnlichen, hausbackenen Verstande untergeordnet; tägliches Arbeiten wurde mehr gelohnt, als eine ausgezeichnete That. Sclaventhum war etwas Reelles, Heldenthat etwas Phantastisches. Sonderbar genug, daß ein =Krieg= oder die =Folgen= eines Krieges die Veranlassung zu diesem Aberglauben im Norden gaben; denn im Süden konnte Liebe und Achtung vor der Kunst und vor dem Schönen nie so vollständig verdrängt werden, wenn daselbst auch lange keine Genies entstanden. Ich nenne es sonderbar; denn sonst stehen Held und Dichter ja in naher Sympathie. Mars kann nicht den Apoll, Thor nicht den Bragi entbehren; Olaf der Heilige mußte alle seine Skjalden im innern Kreise der Schlacht haben, um zu verewigen, was sonst gleich dem Donner im Fluge der Wolken in ewiges Vergessen sinken würde. -- Auch Napoleon achtete die Dichtkunst und sagte: »Wenn Corneille lebte, würde ich ihn zum Herzoge machen.«
[Sidenote: Der Aberglaube des Nutzens.]