Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2
Part 8
Kurz nach Tieck's Abreise fragte mich ein =Herr von Zeschwitz=, dessen Bekanntschaft ich gemacht hatte, ob ich mit ihm hinauswolle und seinen Bruder, den Amtshauptmann besuchen, der eine Meile von Dresden wohne. Ich nahm das Anerbieten gern an, und der joviale Amtshauptmann kam mir sehr freundlich entgegen. Er war unverheirathet und bewohnte ein großes Haus mit seinen Leuten. Munter und geradezu fragte er mich gleich, ob ich mit ihm eine Reise nach Teplitz machen wollte? »Ich habe meinen eigenen Wagen,« sagte er, »wenn Sie mir das Vergnügen bereiten wollen, mein Gast zu sein, und mit mir zu reisen, so wird mir die Reise einen doppelten Genuß bieten.« -- Ohne mich lange zu bedenken, entgegnete ich: »»Sehr gern, aber ich muß erst nach Dresden, um meine Sachen zu holen.«« -- »So lasse ich gleich anspannen,« rief er, »Sie fahren nach Dresden, holen Ihre Sachen, kommen zurück, bleiben die Nacht bei mir und Morgen begeben wir uns auf den Weg.« -- »»Mit Vergnügen!«« entgegnete ich. -- Und als ich kurz darauf nach Dresden hinrollte, dachte ich: »Das ist etwas Anderes! So will ich die sächsische Schweiz gern sehen! War es nun nicht gut, daß ich mich von den fußreisenden Landsleuten nicht verführen ließ?«
Vorher hatte ich von der Gegend rund um Dresden nur das schöne =Tharand= gesehen, welches von doppeltem Interesse für mich war, weil Steffens daselbst ein merkwürdiges Jahr seines Lebens zugebracht hatte. -- Nun fuhr ich mit meinem muntern zuvorkommenden Amtshauptmann nach Teplitz, und bekam dabei zugleich Etwas von Böhmen zu sehen. Wir kamen an unzähligen großen Crucifixen und Heiligenbildern vorüber. In Teplitz war ein hübscher Park voller Herren und Damen, ein nettes Theater, gute Musik und ein gutes Wirthshaus. In =Außig= gingen wir in die Kirche. Eine Mutter trat gerade mit ihrer kleinen Tochter zu gleicher Zeit mit uns ein; sie sprengte dem Kinde etwas Weihwasser aus dem an der Thür stehenden Becken ins Antlitz. Die Kleine wußte noch nicht, was es sei, blinzelte mit den Augen und rieb sie mit den kleinen, niedlichen Händchen: Ein schönes Bild zwischen den Kirchenpfeilern während die Sonne ihre Strahlen vom Fenster schräg durch die kühle Halle sandte. -- Wir segelten auf der Elbe nach =Schandau=, kamen aber _post festum_; es waren nur etwa noch ein Dutzend Badegäste dort. Auf =Königstein=, einer unüberwindlichen Bergveste von der großen Baumeisterin Natur aufgeführt, erstaunten wir über den tiefen Brunnen, der 900 Ellen senkrecht durch den Porphyr hinunter geht. Um uns die Tiefe begreiflich zu machen, senkten die Leute erst einen Kranz mit angezündeten Lichtern hinab. Der Schein verlor sich mehr und mehr und schien zuletzt ganz zu schwinden; aber plötzlich fing es wieder von neuem zu leuchten an und dies war der Widerschein auf der tiefen Wasserfläche des Brunnens; darauf wurde ein Eimer Wasser heraufgeholt und in einem alten Glase, auf dem Verse eingegraben waren, überreichte man uns das demantklare Wasser, eine Gabe von der Unterwelt, das eiskalte Blut des Riesen Ymer. Dann wurde ein Eimer Wasser hinuntergegossen; ich lauschte vergebens, wandte mich zu meinem Reisegefährten und sagte: »Ich habe Nichts gehört, hörten Sie Etwas?« -- »»Still!«« flüsterte er, und in demselben Augenblick fiel das Wasser erst mit rasselndem Tone hinab. -- In solchen Augenblicken redet die ewige Naturkraft aus der Ferne mit großen Telegraphenbuchstaben zu unserer Seele.
[Sidenote: Reise nach der sächsischen und böhmischen Schweiz.]
Auf der Elbe segelten wir nach Dresden zurück und wenn ich die drückende Mittagshitze ausnehme, so hatten wir eine sehr angenehme Reise und sahen die herrlichsten Aussichten und Gebirgsgegenden.
Ich saß bereits mehrere Tage wieder ruhig an meinem Schreibtische, als meine Landsleute von ihrer Fußreise zurückkehrten und sonnenverbrannt, wie die Zigeuner, eintraten. -- »Ei,« rief ich, »seid Ihr endlich wieder da? Allmächtiger Gott, wie seht Ihr aus! Rübezahl hat Euch zu Mohren verwandelt.« -- »»Aber dafür haben wir auch etwas gesehen!«« antwortete Bröndsted mit stolzem Selbstbewußtsein. -- »Und wenn ich nun eben so viel gesehen hätte, wie Ihr, obgleich ich bereits seit mehreren Tagen wieder an meiner Arbeit sitze?« Ich erzählte ihnen meine Abenteuer. »»Je größer der Schelm, je größer das Glück!«« riefen sie Alle. -- Kurz darauf reiste Engelbreth nach Dänemark, und ich, der ich zuerst die Absicht gehabt hatte, nach Wien und Italien zu gehen, beschloß, über Weimar mit Koës und Bröndsted nach Paris zu eilen, um in ihrer Gesellschaft zu bleiben.
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[Sidenote: Briefe aus der Heimath.]
Ehe ich von Dresden fortreiste, erhielt ich einen Brief von meiner Schwester:
-- -- »Seit meinem letzten Schreiben habe ich zwei Briefe für Dich angefangen, aber ich war so unzufrieden damit, daß ich sie in Stücke riß, was ich auch gern mit diesem thäte, denn ich bin nie mit Dem zufrieden, was ich schreibe; es steht nie da, was stehen sollte -- und kurz -- ich kann nur schlecht schreiben. -- In diesem Sommer haben wir keine Zimmer auf Frederiksborg, aber der Vater hat mir dagegen eins von den seinigen überlassen. Oersted kommt jeden Abend heraus und geht am Morgen wieder zur Stadt zurück. Mir geht es so sehr gut; ich lebe gerade so, als da ich zu Hause war; ich sitze in dem kleinen Garten und nähe, gehe im Südfelde umher und komme nur zwei Mal in der Woche zur Stadt, wenn ich Klavierunterricht habe. Jeden Sonntag Vormittag ist Anders bei mir und liest mir aus dem Fichte vor. Wir sitzen dann gern im Garten, um es recht ruhig um uns her zu haben; er erklärt mir, was ich nicht verstehe, und ich kann Dir nicht sagen, wie glücklich ich bin, wenn ich es fasse und begreife; dann ist mir so, als ob ich eine Offenbarung hätte. Ich schrieb Dir das letzte Mal, daß ich Winkelmann las, und daß das natürlich meine Sehnsucht, Kunstwerke zu sehen, verstärken müsse. Ich habe eine schwache Copie von Raphael's atheniensischer Schule und eine Menge Zeichnungen seiner herrlichen Köpfe bei dem Maler =Kabot=, eine Copie von Christi Grablegung und eine kleine Madonna gesehen, von der er behauptet, daß sie wirklich von Raphael sei. Bei einem Maler Hansen, der vor Kurzem von Rom gekommen ist, habe ich eine Copie von Correggio's schöner Magdalena gesehen, die er selbst gemalt hat[5]. Sie liegt in einem Walde und liest. Ich wurde ganz entzückt über das bezaubernde Spiel von Licht und Schatten. All' das, lieber Adam, sind Dinge von großem Werth für mich, aber nichts im Vergleich mit Dem, was Du sehen kannst.
[5] Diese Copie kaufte die Gräfin Schimmelmann später von Hansen, schenkte sie mir, und sie hängt -- 37 Jahre nachdem Sophie sie gesehen hat, über meinem Schreibtisch.
Ich habe Dir noch nicht für Deinen Hakon Jarl gedankt. Wie kann ich es? Ich habe im Stillen Gott gedankt, daß Du ihn geschrieben hast. Ich spreche nur mit Einzelnen davon; denn ich meine, die Meisten sollten sich nicht unterstehen, darüber zu schwatzen; ihr Lob scheint mir seiner unwürdig; kurz -- ich meine, sie sollten schweigen. Ich habe ihn nun vier Mal gehört und kann ihn so ziemlich auswendig. In diesem Sommer habe ich zum ersten Male mehrere von Seelands schönen Gegenden kennen gelernt. Wir sind in Helsingör, Fredensborg, Frederiksborg, Hirschholm und Frederiksdal gewesen. Früher kannte ich ja nichts Anderes, als Frederiksborg; und ob mir dies gleich ebenso schön scheint, wie irgend ein anderer Ort, so hat die Verschiedenheit der Situationen mich doch innig erfreut. Es ist wohl herrlich, von unserm Frederiksborg auf alles Das hinabzuschauen, was uns umgiebt; aber es ist auch unendlich schön, sich in dem ruhigen Fredensborg gleichsam von der ganzen Natur umschlungen zu fühlen; und als Frederiksborg plötzlich aus dem Walde hervortrat, fiel die Stelle mir ein:
»Ein herrlich alter Held ist Hakon Jarl, Er sieht so hoch u. s. w.«
Ich habe nie so viel Lust und Lebenskraft gefühlt, wie auf dieser Reise; ich war recht glücklich und dachte oft an Dich. Lebe ich, bis Du nach Hause kommst, so wollen wir diese Tour zusammen machen. »Lebe wohl! Gott segne Dich!«
In diesem Brief lag ein kleines Blättchen von meinem Vater in deutscher Sprache, in der er seit vielen Jahren nicht geschrieben hatte. Es heißt darin:
»Es freuet mich, daß es Dir so wohl geht, und daß Deutschlands =Apoll= Dich so liebreich aufgenommen hat. Nun bist Du in Deinen männlichen, kraftvollen Jahren; fliege mit Adlersflügeln, Deiner Kraft gemäß, damit Du der Sonne so nahe kommst, wie die Natur der Dinge es erlaubt. Ich sehe aus Christiane's Brief, daß Du jetzt ein ganzer Deutscher geworden bist. Darum habe ich dieses Mal diese Sprache gewählt.«
[Sidenote: Paris in Weimar.]
Wie wir aber bereits in Weimar Paris trafen, das wird der Leser in dem Folgenden erfahren.
Ich las damals noch keine Zeitungen. Es ist unbegreiflich, wie junge Leute, welche die Geschichte lieben, sich so wenig um die politischen Begebenheiten bekümmern können, da diese doch die Geschichte des Tages bilden. Weitläufige diplomatische Tiraden und Reden in Friedenszeiten, mit denen die Zeitungen oft angefüllt sind, schrecken davon ab, bis es zur Gewohnheit wird, sich um solche Dinge nicht zu bekümmern; und geschieht dann eine wichtige That, so weiß der junge Mann im Anfange sich nicht recht zu orientiren. Dies ist das Extrem von Dem, in das viele Aeltere verfallen, die vor lauter Zeitungsstudiren oft nicht Zeit haben, ein vernünftiges Wort zu lesen. Nun wußte ich zwar, daß Preußen und Frankreich Krieg mit einander führten; daß aber Napoleon seine Heere zwischen der Elster und Saale zusammenziehen, und so die vereinigten Armeen von der Elbe abschneiden würde, wußten nicht einmal die deutschen Generale, wie konnte es da ein junger dänischer Poet wissen. Besser wäre es freilich gewesen, nach Wien zu reisen, aber Bröndsted und Koës, die eifrige Zeitungsleser waren, versicherten mir, daß es keine Noth habe. Ich fügte mich also, um mich nicht von den lieben Landsleuten zu trennen, und um Göthe noch ein Mal zu sehen. Als wir nach Weimar kamen, trafen wir ihn im Schauspielhause in seiner Loge. »Nun seid Ihr,« sagte er, »wo Ihr billig nicht sein solltet; weil Ihr aber hier seid, so seid willkommen!« Diesen Abend und den nächsten Mittag brachte ich noch in der Annehmlichkeit des Friedens bei ihm zu. Wir fanden es nicht rathsam, weiter zu reisen; wir beschlossen in Weimar zu bleiben, um den Ausfall des Kampfes abzuwarten und sahen ihn denn auch bald in der Nähe.
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[Sidenote: Die Schlacht bei Jena.]
Das preußische Hauptquartier kam nach Weimar; auch der König und die Königin. An jedem Tage sahen wir die Straßen voll hübsch gewachsener preußischer Officiere, die sehr Wichtiges mit einander verhandelten und in Schriften hinein blickten. Es wurde an jedem Abend Theater gespielt. Das Lager war außerhalb Weimar aufgeschlagen; ich durchwanderte es mit Göthe und dachte an Wallensteins Lager in Schiller's Drama. Welch' wunderbare, große bewegliche Stadt voll kleiner Hütten, woselbst die wildesten Krieger doch täglich einige Stunden Frieden halten müssen, während sie essen, trinken und schlafen. Die Marketenderinnen sind ein eigenthümlicher Menschenschlag. Der Krieger bedarf noch der Pflege des Weibes und ein Marketender ist Nichts gegen eine Marketenderin. Ich dachte an die vortrefflich geschilderte in Wallensteins Lager, auch an den leichtfertigen =Courage= in dem alten Roman von Simplicissimus; und endlich an die cimbrischen Frauen, die sich verzweifelt an die Roßschweife hingen, wenn ihre Männer aus der verlorenen Schlacht flohen.
Nun näherte sich der 14. October 1806. Bereits einige Tage im Voraus hörten wir die Kanonen in weiter Ferne donnern. Jetzt kamen sie näher. Man hatte im Anfange gar keine Idee, wo die Schlacht sein würde. Ich lief vom Gasthofe zum Elephanten, wo ich wohnte, nach Göthe's Haus. Da gab man mir den Trost, daß der Kampf sich von unserer Gegend weggezogen habe; als ich aber nach Hause ging, stand der Satyriker =Falk= bleich und unbeweglich, wie eine Bildsäule auf der Straße. Er versicherte mir, daß Alles verloren sei! -- Kurz vorher hatten wir preußische Reiter auf dem Markt eroberte französische Pferde verhandeln sehen, nun flohen Preußen haufenweise aus der Schlacht mit verhängten Zügeln in gestrecktem Galopp durch die Stadt. »Wo führt der Weg in die Berge?« riefen sie, indem sie an uns vorübereilten. -- »Hier giebt es keine Berge!« -- »Wo giebt es dann einen Weg, wo keine Franzosen sind?« fragten sie und verschwanden wieder, ohne die Antwort abzuwarten, wie ein Zugwind aus der Stadt.
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Es wurde ein junger schlesischer verwundetet Officier in unsern Gasthof gebracht. Eine Kanonenkugel hatte ihm ein Stück Fleisch aus dem Schenkel gerissen und er war ausgeplündert. Bröndsted lieh ihm eine nicht unbedeutende Summe Geldes. Ein Feldscherer, ein närrischer Gesell, der uns in Friedenszeiten amüsirt haben würde, mißfiel uns nun im höchsten Grade. Er lief in bloßen Hemdsärmeln, mit einem großen, dreieckigen Hute umher, und kaum hatte er den armen Menschen verbunden, als er den Verband wieder auflöste, um es besser, oder -- schlechter zu machen. Der Verwundete starb ein paar Tage darauf; und es hätte wohl keine Hülfe für ihn gegeben, selbst wenn er in bessere Hände gefallen wäre. Ein Jahr darauf bekam Bröndsted sein Geld von Schlesien geschickt, mit großem Dank von den Eltern, daß er ihren Sohn in der Todesstunde erquickt habe.
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[Sidenote: Die neutralen Dänen in Weimar.]
Während der Schlacht las ich Smollet's Peregrine Pickle, der mich unendlich langweilte; und ich begriff nicht, wie man poetisch so trivial sein könnte, wenn es in der wirklichen Welt so feierlich zugeht. Nun fingen die Franzosen an, mit Kanonen in die Stadt zu schießen. Bei dem ersten Schuß, durch den das Haus zitterte, ging ich unwillkürlich hin, und schloß das offenstehende Fenster. Ich mußte über meine Vorsicht lachen, als ich ihrer bewußt wurde. Ich setzte mich auf die Treppe in den Kellerhals um nicht verwundet zu werden, und als Bröndsted und Koës sahen, daß ich Muth genug hatte, meine Furcht vor den Kanonenkugeln einzugestehen, folgten sie meinem Beispiel.
Wir sahen voraus, daß, wenn die Preußen in die Stadt flüchteten, es hier so gehen würde, wie in Lübeck. Dies war ein entsetzlicher Gedanke. Ich fing auf der Kellertreppe auch an, einen kleinen Krieg gegen meine Landsleute zu führen, und ihnen Vorwürfe zu machen, daß sie die Zeitungen nicht besser gelesen hatten, da sie sich doch damit abgaben, und da sie mich davon abgehalten hatten, auszuführen, wozu der gesunde Verstand mir gerathen. Sie vertheidigten sich, so gut sie konnten; wir fanden es bald rathsam, unter einander Frieden zu schließen und trösteten uns damit, daß unsere dänische Neutralität uns beschützen würde. Die Kanonenschüsse hörten nach und nach auf. Das Geld, von dem wir alle drei den ganzen Winter in Paris leben sollten, hatten wir gerade aus Leipzig in guten Napoleond'ors geholt. Wir theilten die Summe in drei gleiche Theile und banden sie in unsere Halstücher, hinten im Nacken, wo die Franzosen sie leicht gefunden haben würden, wenn wir nicht mehr Glück als Verstand gehabt hätten.
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[Sidenote: Artige Franzosen.]
Plötzlich wurde es in Weimar still, wie in einem Grabe. Alle Läden waren geschlossen, keinen Menschen sah man auf der Straße, und die Octobersonne schien durch den Pulverdampf, der die Lust erfüllte, wie ein bleicher Nachtmond. Nun ritten die Franzosen im Anfange ganz ordentlich haufenweise in die Stadt und quartirten sich in den Häusern ein. Unser Wirth war ganz verdreht im Kopf, umarmte einen kleinen Jungen, der schiefe Beine hatte, und, rief: »Ach mein liebes Kind, wenn sie Dir nur Nichts zu leide thun!« Ich dachte an den Apotheker in Aladdin. Wir riethen dem Wirth, alle Schränke aufzumachen, und den Husaren, die sich näherten, mit Herzensstärkungen entgegen zu kommen. Acht hübsche, sonnenverbrannte Männer, ganz außer Athem und heiß vom Kampfe, hielten an der Thür »_Bourgeois!_« riefen sie von ihren Pferden, »_du vin! de l'eau de vie! du Kirswaser!_« Der Wirth kam mit Flaschen heraus: sie setzten sie an den Mund und leerten sie mit langen Zügen. Drauf stiegen sie ab und gingen ins Zimmer; größtentheils Unterofficiere. Wir zeigten ihnen unsere Pässe und beriefen uns auf unsere dänische Neutralität. Sie versicherten uns höflich, daß wir Nichts zu fürchten hätten. Von den Preußen sagten sie: »_Ils se battent bien, mais ils ne comprennent pas la guerre._« Der eine Unterofficier wollte sich eine warme, wollene Nachtjacke kaufen. Wir ließen gleich einen Krämer holen, der Kriegsmann bekam die Jacke und fragte nach dem Preise. Wir zupften den Krämer am Rock; er verstand uns und versicherte, daß er nicht einen Pfennig dafür nehmen würde. »_Ah, monsieur! vous êtes très honnete!_« sagte der Franzose, und der Krämer eilte fort, um nicht mehrere Jacken auf diese Art zu verkaufen.
Nun setzten die Franzosen sich zu Tisch, und trotz der außerordentlichen Menge, die in die Stadt eingedrungen war, und alle Häuser füllte, herrschte in den ersten Stunden doch die vollständigste Stille und Ruhe; worüber man sich nicht wundern darf: sie kamen Alle aus der Schlacht und waren müde, hungrig und durstig.
»Aber nachdem die Begierde der Speis' und des Trankes gestillt war«
und als sie sich »im Wechselgespräch mit einander über die gewonnene Schlacht erfreut hatten,« -- da gingen sie auf Abenteuer aus, um Beute zu suchen, und da fing das Unglück an.
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[Sidenote: Plünderung in Weimar.]
Glücklicherweise hatten wir sehr ordentliche Soldaten in unser Haus bekommen, die uns halfen, das Thor gegen die Menge zu vertheidigen, welche eindringen wollte. Ein abscheulicher Marodeur wollte sich gerade zu uns hinschleichen, als unser braver Unterofficier ihn in den Nacken faßte und mit den Worten in den Rinnstein hinauswarf: »_Brigand! je t'écraserai la tête!_« Nun versperrten wir das Thor mit Steinen und Balken. Draußen auf dem Platze bivouaquirten Soldaten, die in den Häusern nicht Platz gefunden hatten, zu Hunderten. Ihre Gewehre standen in Piramiden aufgestellt; sie selbst lagen in ihren Mänteln und es brannte Feuer, an dem sie sich erwärmen konnten. Müde von der Spannung und Angst des Tages, warfen Koës und Bröndsted sich auf das Bett und ich mich auf das Sopha. Wir hatten im obersten Stockwerk ein paar kleine Zimmer bekommen; die Franzosen schwelgten unten in der Stube und ließen sich in ihrer Freude nicht durch den jungen schlesischen Officier stören, der neben ihnen auf einer Bank mit dem Tode kämpfte. -- Ich war endlich eingeschlummert, als mich ein Laut wieder weckte; es kam mir vor, als ob ich Katzen miauen hörte. Ich schlage die Augen auf, es ist ganz hell in der Stube; ich trete ans Fenster: die Stadt brennt! Ich höre wieder das eigenthümliche Geschrei -- es sind heulende Frauen und Kinder!
Einen gräßlicheren Augenblick habe ich nicht erlebt. »Gott!« rief ich und rang meine Hände, »zu welchem Entsetzen sind wir hier leichtsinnig hergeeilt.« Magdeburgs Zerstörung stand klar vor meiner Phantasie. -- Glücklicherweise wurde das Feuer gleich gedämpft, das einige Schurken angezündet hatten, um dabei besser plündern zu können. Unser Haus blieb verschont. Streng genommen wurde doch die Stadt geplündert; außerdem geschahen keine Verbrechen. Der Vater unsres Wirthes hatte aus seinem Keller eine eiserne Kiste verloren, in der er 600 Thlr. hatte. Mochte es nun sein, weil wir in den Bodenkammern wohnten, oder unsere dänische Neutralität, oder, wie gesagt, das reine Glück, das uns beschützte, genug: wir verloren Nichts von dem in unsere Halstücher eingebundenen Golde. Den Tag nach der Schlacht kamen die Generale Augereau und Berthier in den »Elephanten«; sie nahmen freilich das ganze Haus in Besitz mit Küche und Keller, ließen uns aber doch unsere Bodenkammer. Nun mußten wir uns den ganzen Tag mit einer Brotrinde und einem Glase Wein begnügen, während die französischen Officiere unten prassten und schwelgten. Aber wir hatten den Trost, eine Schildwache als _sauve-garde_ vor dem Hause zu sehen. Sobald Napoleon kam, hörte das Plündern auf; leider aber zu spät. Es war nicht mehr viel zu nehmen. Die Räuberei wurde streng verboten, und wir hörten täglich sieben, acht Mal in Garten die Büchsen knallen, wo die Diebe gleich erschossen wurden. Als der Kaiser kam, soll er der Herzogin, die ihn im Schloßportale empfing, zugerufen haben: »_Eh bien! Vous avez voulu la guerre! La voilà!_« Aber bald gewann sie ihn durch ihre Milde und ihren Verstand. General Schmettau wurde ein paar Tage darauf von den Franzosen mit allen militärischen Ehren begraben; es war den tief gebeugten Deutschen, welche zugegen waren, als ob Deutschlands Freiheit und Selbstständigkeit mit dem Gefallenen zugleich begraben würde.
[Sidenote: Napoleon in Weimar. -- Schmettau's Beerdigung.]
Ein junger, halberwachsener Mensch, Boie, von Voß's Bekanntschaft, war lustig und guten Muths und da er etwas Französisch konnte, gebrauchte man ihn als Dolmetscher. Wir gingen eines Tages mit ihm zum Hause hinaus, wo die Schildwache stand. »_Qui êtes vous?_« fragte der Soldat stolz. »_Je suis un espion!_« antwortete der Jüngling lustig. -- »_Comment!_« rief der erzürnte Franzose und fällte das Gewehr. Wir baten ihn um Gotteswillen, die »_mauvaise plaisanterie_« des jungen Mannes nicht übelzunehmen. Mit Mühe beruhigten wir den Kriegsmann, der den Spion arretiren wollte; endlich glückte es uns doch, ihn zu befreien. Wir verbaten uns solch' dreiste Späße für die Zukunft.
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[Sidenote: Göthe's Verheirathung.]