Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2
Part 7
Mit dem Bischof Münter traf in Dresden eine komische Szene ein, die ich, so unschuldig sie auch war, während seines Lebens doch nicht veröffentlichen wollte. Nun kann sie mit als ein Beitrag zu den nicht wenigen Anekdoten dienen, welche von den Zerstreutheiten dieses gelehrten gutherzigen Mannes erzählt wurden, deren doch viele erdichtet sind, oder ihn nicht betrafen.
Er hatte gehört, daß ich meinen »Baldur den Guten« vollendet, und darin Trimeter, Anapäste und mehrere griechische Versformen angebracht hatte; als ein großer Freund und Vertrauter der Griechen, als ein Jugendfreund von Ewald, der auch einen Balder geschrieben hatte, wünschte er nun, das Stück zu hören. »Besuchen Sie mich morgen Nachmittag!« sagte er, »und lesen Sie mir Ihren Baldur vor, dann wollen wir eine Tasse guten Thee zusammen trinken. Hier in Dresden giebt es keinen guten Thee, aber ich habe solchen von Kopenhagen mitgenommen.« -- Ich kam zur bestimmten Zeit, doch als ich ins Zimmer trat, fand ich den Bischof von einem Dampf umgeben, der ihn fast unkenntlich machte, und der mir, der ich aus der frischen Luft kam, so drückend auf die Brust fiel, daß mein erstes Wort war: »Um Gottes Willen, Ew. Hochehrwürden! wie können Sie das aushalten?« worauf ich, ohne um Erlaubniß zu bitten, hineilte und beide Fenster weit aufriß. -- »»Ja, ich kann es gar nicht begreifen, es raucht hier drin auch mitten im Sommer, wenn man gar nicht einheizt.«« -- Nun entdeckte ich mitten im Rauch einen Theekessel auf einem Feuerbecken mit Kohlen, die noch nicht ausgebrannt waren und einen tödtlichen Qualm verbreiteten. »Das kommt vom Feuerbecken!« rief ich. -- »»Ja wahrhaftig,«« sagte der Bischof, »»das glaube ich auch, da hat Johann wieder (oder wie der Diener hieß) einen dummen Streich begangen. Johann! Johann! nimm gleich das Feuerbecken hinaus. Wie ungeschickt benimmst Du Dich?«« -- Johann kam herein, setzte den Theekessel auf die Ofenplatte und nahm das Becken mit sich hinaus. Nun fing der Bischof an, mich sehr eifrig über den Baldur zu fragen. Als eine geraume Zeit darüber vergangen war, nahm ich mir die Freiheit, ihn daran zu erinnern, daß wir ja guten Thee trinken wollten. »Das ist wahr!« rief er, »das hätte ich beinahe vergessen.« Darauf warf er eine große Hand voll von dem guten Thee (es war grüner Thee) in die Kanne, goß sie voll lauwarmen Wassers (denn das Wasser im Kessel hatte zu kochen aufgehört), und ohne einen Augenblick zu zögern (da er sich darnach sehnte, das Stück zu hören), schenkte er die Tassen voll. Die grünen zusammengerollten Blätter hatten nicht Zeit gehabt, sich zu entfalten, und da die Theekanne eine große Oeffnung hatte, kamen mehrere Blätter in demselben Zustande in die Tassen, in dem die Hand sie in die Kanne gebracht hatte. So bekam ich also »guten Thee« zum ersten Mal in Dresden, so wie man ihn in China selbst trinkt: mit den Blättern darin; aber wenn meine Dichterblätter dem Bischof nicht besser geschmeckt haben, als seine Theeblätter mir, so wäre es schlimm gewesen.
Das ließ ich mir damals nicht träumen, daß ich später zwölf Jahre im Hause dieses edeln Mannes wohnen, und daß er fast in meinen Armen sterben würde.
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[Sidenote: Theodor Körner.]
Körner war Schiller's Jugendfreund gewesen. Auf seinem Weinberge hatte der unsterbliche Dichter seinen Don Carlos geschrieben. Die ganze Familie hatte sehr viel Sinn für Poesie. =Theodor=, der spätere Held und Tyrtäus war damals, als ich sie besuchte, ein hübscher vierzehnjähriger Knabe, der sehr fromm und aufmerksam zuhörte, wenn ich meine Gedichte vorlas. Seine Schwester =Emma= malte schön; ein Fräulein =Kunze=, welche dort im Hause war, sang vortrefflich. Der muntere, geniale Italiener =Paër=, den Napoleon später als Kapellmeister nach Paris berief, kam häufig in Körners Haus und ich hörte ihn oft selbst mit den Damen aus seinem Sargino singen. Fräulein =Stock=, eine vortreffliche Pastellmalerin, Frau Körner's Schwester, war munter und witzig und amüsirte sich zuweilen damit, mich meiner allzugroßen Jugendlichkeit und Vorliebe für das Blühende wegen zu necken.
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[Sidenote: Ansichten über Kirchenmusik.]
Es freute mich, Musik in der katholischen Kirche zu hören, doch war die Musik hier nicht immer nach meinem Sinn: sie war mir zu sinnlich, zu lärmend. Ich vermißte die ernste würdige Erhebung, das treue innige Gefühl; und obgleich ich über die starken Diskantstimmen der Sänger staunte, konnte ich doch nicht umhin, an das Schicksal dieser armen Menschen zu denken, und dies störte mein religiöses Gefühl vollständig. Ich sprach einmal mit einem Landsmanne, der sich in Dresden niedergelassen hatte, über diese Sänger und äußerte ihm mein Mißvergnügen. Er war ein sehr tüchtiger Kopf und selbst ein guter Künstler; aber paradox und scharf in seinen Ansichten. »Sind Sie auch so ein nordischer Barbar, der der großen Kunst nicht einmal ein kleines Opfer gönnt?« -- »»Man sollte solche Virtuosen, wie die Baßgeigen, in Futterale hinstellen, wenn man sie gebraucht hat,«« entgegnete ich; »»es schneidet mir ins Herz, einen so aufgeschwollenen, schwammigen Halbmann zu sehen. Es widert mich an, daß ein armes Geschöpf, an dem die Menschen sich versündigt haben, als Wortführer für die Menschen auftreten und Bravourarien zu Gottes Ehre krähen soll. Das kann weder rühren, noch stärken, noch erheben; und was ist Kirchenmusik, wenn sie das nicht kann?«« -- Der bewundernde Kenner zuckte die Achseln und hatte wahrscheinlich Mitleiden mit meinen Ansichten. Ein anderes Mal stand ich mit einem klugen Mann vor einem Portrait von Göthe, welches =Buri= gemalt hatte, und vor einer Copie von Leonardo da Vinci's Christus, wo er sagt: Gieb dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist. »Welch ein Unterschied,« sagte ich, »auf diesen beiden Gesichtern!« -- »»Ja gewiß,«« entgegnete der Andere: »»Hier ist ein Antlitz voller Hoheit und Unschuld, und dort ein Mensch, der, wenn er in sein eigenes Herz blickt, lauter schwarze Flecken findet.«« -- »Flecken finden alle Menschen in ihren Herzen,« antwortete ich. »Das Andere ist ein Ideal; aber es erscheint mir trotz seiner Schönheit doch zu =weibisch= für einen Christus.« So mußte ich mich größtentheils durchschlagen; denn ich hörte oft übertriebene, einseitige Ansichten, nicht der Modeansichten zu gedenken. Ich habe mich immer über jede =Mode= geärgert, die die Menschen in eine einseitige Richtung hineinziehen will. Nun sollte Alles katholisch, altdeutsch oder italienisch sein, und was nicht so war, das war vom Uebel. Ich fühlte einen Trieb in mir, mich der verschmähten Gegenwart und ihrer guten Leistungen anzunehmen. In diesem Vorsatz war ich durch Göthe, der dies =Franz-Sternbaldisiren=, wie er es nannte, auch nicht leiden konnte, bestärkt worden.
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[Sidenote: Ansichten über die Malerkunst.]
Ich besuchte gern die Bildergalerie. Ich habe den Lesern erzählt, daß ich nicht unbewandert in der Zeichnenkunst war; und Alles, was die Malerei an Poesie in sich aufnehmen kann, konnte natürlich einem mit Worten malenden Dichter nicht fremd oder gleichgültig sein. -- Aber das war bei Weitem nicht genug; das nannte man jetzt etwas Untergeordnetes. Mit dem religiösen Gefühle sollte man nun die Werke auffassen; nur so könne man ein Eingeweihter der Kunst werden. Ich dachte: Auch gut! Alles Poetische gründet sich ja zuletzt auf ein religiöses Gefühl; ich kann auch fühlen. Aber wieder vorbeigeschossen! Dies wurde trivial und sentimental genannt! Eine erhitzte Phantasie mußte mit mystischen Bildern ausgeschmückt werden; wenn diese Bilder auch zuweilen apocalyptisch sein mochten, so war das um so besser.
Wie leicht es war, einen solchen Kunstsinn, bei geistlosen ungebildeten jungen Männern zu wecken, ist leicht zu begreifen; und deßhalb traf ich auch jeden Augenblick Kunstkenner, welche nicht wußten, wie eigentlich ein Arm oder ein Bein aussehen müsse; die nie in ihrem Leben ein menschliches Antlitz mit Aufmerksamkeit betrachtet hatten, die kaum blau von grün unterscheiden konnten, aber doch sehr tief und vornehm über alte Meisterstücke redeten, und mit Verachtung auf Alles herabblickten, was während ihrer Lebenszeit geschaffen war, wenn es nicht einen gewissen Zuschnitt hatte. -- Wenn ich von _pecus imitatorum_ rede, so meine ich natürlich nicht die geistreichen Männer, die durch ihre Schriften =Veranlassung= zu dergleichen Uebertreibungen gegeben haben. Ich habe vor jedem genialen Blicke Achtung, vor jeder originellen Idee, selbst wenn sie übertrieben ist. Die neuere Schule hatte das Verdienst, die Welt mehr als früher auf die zu wenig bekannten Kunstwerke des Mittelalters aufmerksam zu machen; und ich glaube, daß die Gemälde jener Zeit mehr verdienen, Meisterwerke genannt zu werden, als die Gedichte. Welcher Mensch mit Geist und Herz sieht nicht ein, daß eine poetische Composition schöner characteristischer Gesichter, ein lebhaftes frisches Colorit meisterhaft genannt zu werden verdienen, wenn selbst das matteste Auge in unserer Zeit einzelne technische Fehler entdecken kann? Welcher verständige Kenner verachtet nicht eine oberflächliche, flüchtige, coquette Manier bei vielen neueren französischen und italienischen Malern, unter der sich eben soviel technische Fehler, wie in jenen Bildern verbergen; wo aber weder Geist noch Gefühl oder Phantasie die Fehler ersetzen.
Ich schreibe hier keine Kunstkritik, und werde mich wohl hüten, dieses Buch, wie die Mode ist oder war; mit weitläufigen Gemäldebeurtheilungen anzufüllen. Ich habe immer gesucht, Sinn und Auge für malerische und plastische Gegenstände zu bilden, wie es sich für einen Dichter und einen Lehrer in den schönen Wissenschaften ziemt; aber um ganz in die Einzelnheiten solcher Dinge einzudringen, muß man selbst ausübender Künstler sein. Winkelmann, Lessing und Göthe haben vortrefflich über Kunstwerke im Allgemeinen gedacht; Wackenroder und Tieck haben Bilder empfunden und schön darüber phantasirt; und ich habe gern und oft diese Abhandlungen und Herzensergießungen gelesen. Auch =Fiorillo= und =Fernow= habe ich gelesen.
[Sidenote: Die Dresdner Bildergalerie.]
O wie gern sah ich 1817 die Galerie in Dresden wieder! Wie bewundernd denke ich nicht noch der herrlichen Bilder Correggio's, von denen die in seiner ersten Manier mir doch kräftiger und raphaelischer vorkamen, als die berühmte =Nacht=. Wie erfreute mich der strenge und unterrichtende Christus von Giovanni Bellini, ein herrlicher Gegensatz zu dem süßen Christusantliz von Carlo Dolce, das sich in Harmonikatönen aufzulösen scheint. Ich sehe noch das schöne, klare Bild von Holbein, wo die fromme Bürgermeisterfamilie die Mutter Gottes anbetet. Ich entsinne mich sehr wohl der Gemälde von Raphael's herrlichen Schülern Francesco Penni, Giulio Romano und Andräa del Sarto. Und nun all' die niederländischen und flämischen Herrlichkeiten einer muntern und treu aufgefaßten Natur, deren wir viel ähnliche in Kopenhagen haben.
[Sidenote: Raphael's Madonna.]
Das erste Mal besuchte ich die Galerie in Dresden mit einer Freundin, einer herzensbraven Dame in mittleren Jahren, einem Fräulein =Alberti=, die aber im hohen Grade von der neuen Schwärmerei angesteckt war. Mit ihr trat ich vor Raphael's Madonna hin. Ich erstaunte über die übernatürliche Schönheit und Wahrheit in diesem Bilde; aber als ich meine Freundin weinend und fast knieend vor dem Heiligenbilde sah, und sie mich in einem Bekehrungstone fragte: »Nun, Oehlenschläger, was sagen Sie jetzt?« antwortete ich kalt: »»Es ist sehr hübsch!«« -- »Gott im Himmel!« rief sie seufzend, »Sie nennen Raphael's Madonna =hübsch=?« -- »»Liebe Freundin,«« entgegnete ich, »»sagen Sie mir nur Eins: Glauben Sie, daß Raphael im Stande gewesen wäre, solch ein Bild zu malen, wenn er =so= dagestanden und geweint hätte?««
Ich trat später allein vor das herrliche Bild hin und begriff nicht, wie so viel jungfräuliche Geistesruhe, Schönheit und naive Kindlichkeit zu Zerknirschung und wehmüthigen Betrachtungen Veranlassung geben konnte. Daß Maria mit dem Jesuskinde von der Erde zum Himmel emporzuschweben schien, war ja auch lustig; das thut jede reine und unschuldige Seele. Als ich nach Hause kam schrieb ich ein dänisches Gedicht über diesen Gegenstand, das ich später in meiner Novelle »die Mönchbrüder« angebracht habe.
[Sidenote: Polemische Gedichte.]
Noch ein paar andere kleine deutsche Gedichte verfaßte ich in Dresden, um meinem Herzen Luft zu machen; denn mir war wirklich unter den Kunstkennern wie einem Manne zu Muthe, der zwischen einem glühenden Ofen und einem offenem Fenster sitzt, wo es stark zieht, so daß ihm die eine Seite ganz heiß, die andere ganz kalt wird. Das herzlose Demonstriren nach spitzfindigen, einseitigen, abstracten Regeln, war mir eben so zuwider, wie eine kränkliche Schwärmerei.
=Künstlers Morgen- und Abendlied.=
O heiliger Gott, was Dir gehört Tief in der menschlichen Brust, Nicht die gesunde Freude stört, Ist nicht Schmerz, ist Lust; Aeußert in That sich und frischer Kraft, In blühender Schönheit Schein, Nicht die Blüthen weg es rafft, Liebt nicht Grab und Gebein. Christus verließ das düstre Grab, Fuhr zur Hölle nur kurz hinab; Jetzt des Vaters Rechte ziert, Dort nun thätig mit ihm regiert. Weg, Du trüber, papistischer Dunst! Seufzen und weinen ist keine Kunst, Wirken und weben, Nehmen und geben, Und tüchtig streben, =Das= ist Leben! So wollen wir leben Und etwas leisten! Mehr, als die Meisten! Es ist Gottesdienst, ein Werk zu vollenden, Wieder bilden muß Gottes Bild. Das wollen wir führen in unserm Schild'. Teufel noch 'mal! so wollen wir enden.
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=Krittlers Litanei.=
(Am großen Bußtage zu singen)
Ach, lieber Herr Gott, laß mich nie Urtheilen, wie ein hölzernes Vieh! Laß' mich nicht in gemalten Personen Nur sehn mathematische Dimensionen! Lege mir etwas in den Ofen, lieber Herr Gott. Es friert mich, lieber Herr Gott und Vater! Blase mir ein wenig mehr Geist in die Nase hinein, Es soll Dein Schade nicht sein. Ich will Dich dafür in den Werken erkennen, Auch wohl bisweilen mit Ehrfurcht nennen. Amen! --
Aber wenn's nicht anders werden kann, Ach, so hilf mir armen Mann, Daß ich einsehe bald und ganz haarklein: In's Parterr' kommt Keiner ohne Zettel hinein. Laß' mich die thörichte Lust verlieren, Treibe fort den eiteln Dunst; Lehre mich, statt Werke der Kunst, Tuch oder Leder zu penetriren. Die Welt wird dadurch nichts verlieren, Die Kunst wird dadurch nicht krepiren. Ich bitte darum auf allen Vieren. Kyrieleison. Amen!
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[Sidenote: Die Bedeutsamkeit der Kunst.]
Daß aber diese herrlichen Werke meine Seele nicht allein zu polemischen Ausbrüchen hinführten, zeigt das Fragment eines Briefes, welchen ich, gleich nachdem ich in der Bildergalerie gewesen war, meiner Christiane schrieb:
»Gestern war ich zum ersten Mal in der Bildergalerie. Was soll ich Dir von den zwei Stunden Aufenthalt unter all diesen Herrlichkeiten sagen? Es ist wie der erste süße Kuß der Geliebten. Wahrhaftig ich kam
in ein' Galerie Voll Menschengluth und Geistes; Mir ward es da, ich weiß nicht wie, Mein ganzes Herz zerreißt es, O Maler! Maler! rief ich laut, Belohn' Dir Gott Dein Malen; Und nur die allerschönste Braut Kann Dir für uns bezahlen.«
Und damit sind sie auch bezahlt. Denn das schönste aller Mädchen, die =Unsterblichkeit=, hat sie in ihren Armen emporgehoben und sie mit ewigem Lorbeer bekränzt. Wenn man so in wenigen Momenten mit einem flüchtigen Blicke die concentrirte Kraft der Genialität und des Fleißes von Jahrhunderten betrachtet, so wird Einem zu Muthe, als ob Gott in einer Offenbarung die Geschichte zurückgehen und sich vor uns zeigen ließe. Und das thut er. Die großen Mirakel des Lebens äußern sich durch die Kraft und das Gebet der Zauberer und diese Zauberer sind die Künstler. O, wie dankte ich Gott, daß ich auch ein Künstler bin, als ich mit bebendem Schritte den Tempel der Kunst durchwanderte, daß auch ich Bilder geschaffen hatte und schaffen sollte, die die Brust kommender Geschlechter mit Freude und Andacht erfüllen würden, wenn die meinige längst ihren letzten Saft einer kleinen bald dahinwelkenden Grabesblume gegeben, und mein Staub sich mit dem Staube meiner Mutter Erde gemischt hätte. Lebe wohl, meine beste Christiane!«
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[Sidenote: Der Maler von Kügelgen.]
Ich machte die Bekanntschaft des Malers =von Kügelgen=, eines tüchtigen Künstlers und vernünftigen Mannes, der nicht von der neuen Krankheit angesteckt war. Er malte mein Bild, das wahrscheinlich noch in Dresden vorhanden ist.
[Sidenote: Kügelgen's Ermordung.]
Er malte auch den Philosophen Adam Müller, dessen Vorlesungen ich hörte, an denen ich mich aber nicht sonderlich erbaute. -- Merkwürdigerweise hatte Kügelgen, als ich seine Bekanntschaft machte, ein großes Gemälde vollendet, welches den von einem Discus verwundeten Hyacinth in Apollo's Armen sterbend vorstellte. War es eine Ahnung von Deinem Schicksale, armer Kügelgen? Sein Leben war merkwürdig; als Jüngling verliebte er sich in ein adeliges Fräulein; der Vater erklärte, daß, wenn er sich ein so großes Vermögen erworben, daß er unabhängig leben könne, und sich dann adeln lassen wollte, er sie bekommen sollte. Kügelgen war mit diesem Vorschlage zufrieden, ging nach Rußland, wo gerade Kaiser Alexander auf den Thron gekommen war und eine Menge goldener Dosen mit seinem Bilde darauf verschenkte. All' diese Bilder bekam Kügelgen zu malen, und er hatte sich eine so große Fertigkeit darin erworben, den Kaiser zu treffen, daß er ihn aus dem Gedächtniß malen konnte. Hierdurch erwarb er sich ein bedeutendes Vermögen, ließ sich adeln, reiste nach Deutschland zurück, heirathete seine Braut und war viele Jahre glücklich. Aber er hatte doch stets einen auffallend melancholischen Zug in seinem Gesicht. Vor wenigen Jahren, als er sich einen Weinberg in der Nähe von Dresden gekauft hatte, und den Herbst und Winter seines Lebens so recht im Schoße seiner Familie genießen wollte, wurde er eines Abends auf einem Wege, wo sonst nie Jemand überfallen wurde, von einem Menschen gemordet, der sich nur seiner Kleider bemächtigen wollte, um sie zu verkaufen. Am nächsten Tage fand der unglückliche Sohn die Leiche seines Vaters nackt und auf ein abseits gelegenes Feld hingeschleppt. Welch sonderbarer Uebergang vom Glück zum Unglücke im Leben eines Menschen!
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Während ich in Dresden war, wollten meine Landsleute Bröndsted, Koës und Engelbreth eine Fußreise in die sächsische Schweiz machen; sie schnürten ihre Bündel und wollten mich bestimmen mitzureisen. Aber es war mir zu heiß mitten im Sommer. Ich wußte im Voraus, daß die Sonnenhitze und das Erkälten mir einen starken Schnupfen verschaffen würde, der gleich das Vergnügen störte, und ich sagte: »Nein, Kinder, zieht in Frieden dahin! Ich bin keiner jener Liebenswürdigen, die, wie Nvmphe in Göthe's kleinem Vorspiel »Was wir bringen« sagt, es sich so sauer werden lassen, überall die holden Naturscenen aufzusuchen. Nun bin ich in Dresden und hier will ich in Ruhe und Frieden meine Dresdner Freude genießen. Ich mag lieber ein gutes einfaches Gericht, als viele kleine Gerichte, nach denen man seinen Apetit berechnend eintheilen muß.«
[Sidenote: Zacharias Werner. -- Herr von Rumohr.]
Die Freunde stellten mir vor, daß diese Sophismen nur ein schlechter Ersatz für die Schönheiten der riesigen Gebirge seien; ich aber sagte ihnen Lebewohl und wünschte, daß =Rübezahl= ihnen nicht allzuviel Hokuspokus auf dem Wege in die Berge machen möge, und sie gingen. Um frische Luft zu schöpfen wanderte ich an einem Nachmittag zur Stadt hinaus nach einem Theater, welches man scherzweise »die =Saloppe=« nannte, und das nicht viel zu bedeuten hatte. Aber es war ein schöner Spaziergang, wie von Kopenhagen nach Frederiksborg, und der Ort selbst war angenehm. Im kühlen, grünen Schatten konnte man draußen sitzen und Eis essen, wenn man die Komödie nicht sehen wollte. Hier traf ich einmal =Zacharias Werner=, der sehr freundlich und holdselig gegen mich war, aber gleich wieder wie eine Sternschnuppe verschwand; erst drei Jahre darauf machte ich in Coppet seine eigentliche Bekanntschaft.
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Ich ging auch an jedem Tage in die Gemäldegalerie, besah die Antiken und die Mengs'schen Abgüsse. An den Antiken waren viele Theile so schlecht restaurirt, daß sie wirklich Buddings oder Würsten aus irgend einer Restauration der Stadt glichen.
[Sidenote: Neues Begegnen Ludwig Tieck's.]
Eines Vormittags, als ich nach Hause kam, erzählte das Mädchen, daß ein gewisser Herr =Ludwig Tieck= dagewesen sei, der mich besuchen wollte. Ich lief gleich wieder in die Galerie hinauf, denn ich hoffte ihn dort zu finden. Ich traf daselbst Herrn =von Rumohr=, seinen Reisegefährten, der mich in die Bibliothek hinaufführte, wo Tieck über einem alten Manuscript des Heldenbuches saß. Er eilte mir freundlich entgegen. Wir sprachen vertraulich mit einander, wie Brüder, die lange von einander getrennt gewesen waren. -- Sein hübsches characteristisches Gesicht, sein schönes Organ, seine bewundernswerthe Beredtsamkeit, seine geistvollen braunen Augen nahmen mich gleich persönlich für ihn ein, und ich gefiel ihm auch. Ich dachte an das schöne Verhältniß zwischen Franz und Sebastian, zwischen Albrecht Dürer und Lucas von Leyden, in seinem Sternbald; und in den wenigen Tagen, die wir hier zusammen waren, lebten wir auch ganz so wie jene Künstler miteinander. Ich las meinen Hakon Jarl, einen Theil des Aladdin und das Evangelium des Jahres vor. Er zollte mir seinen herzlichen Beifall, und beklagte, daß Novalis nicht lebte, um das Evangelium hören zu können. Ich aß eines Mittags mit ihm und Rumohr; Tieck und ich tranken Brüderschaft. Er las mir Holberg's »Hexerei oder blinder Allarm« in der alten deutschen Uebersetzung vor; ich bewunderte sein Talent zum Vorlesen; es gefiel mir, daß er den Holberg etwas anders auffaßte, als wir Dänen gewöhnt sind; es klang mir, wie meine Muttersprache im Munde eines schönen, fremden Mädchens, anmuthig, obgleich mit einem etwas ausländischen Accent. Wir disputirten zuweilen auch ein wenig aber freundlich, ohne Bitterkeit. Ich gestand ihm, daß mir seine Liebe und Bewunderung für die altdeutsche Poesie etwas übertrieben erscheine; daß die alte Zeit wohl sehr =poetisch= geworden sei, aber keine großen =Poeten= hervorgebracht habe. Stoff zum Dichten gäbe sie vollauf; die alten Dichtungen seien merkwürdig, hätten schöne Stellen und seien voll herrlicher Motive. Auch meinte ich, daß man nicht allzusehr die Sache der Aristokratie und Hierarchie reden und nicht zu sehr auf Aufklärung schelten sollte. -- Tieck billigte übrigens gar nicht die modernen Uebertreibungen, und das dumm andächtige Wesen ärgerte ihn auch. Wir waren beide beim Abschiede gerührt.
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[Sidenote: Bekanntschaft mit der Familie von Zeschwitz.]