Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2
Part 6
Um Göthe's Gesellschaft noch acht Tage zu genießen, ging ich nach Jena, wo er sich etwas aufhielt, ehe er seine gewöhnliche Sommerreise nach Carlsbad machte. Es war ein schwüler Tag, als ich von Weimar nach Jena wanderte; ich war warm und löschte meinen Durst rasch an einer vorüberfließenden eiskalten Quelle. Als ich nach Jena kam, fühlte ich eine Engbrüstigkeit, die mich im Anfang ängstigte und ich dachte: »Solltest du dir durch das Trinken des kalten Wassers, als du erhitzt warst, geschadet haben?« -- Ich war mit Göthe bei dem Buchhändler Frommann; ich konnte mich aber nicht recht darüber freuen, weil mir so beengt war. Doch sagte ich es Niemandem. -- Da sah ich zum Fenster hinaus und entdeckte einen großen strahlenden Regenbogen, in dem hauptsächlich der grüne Streifen, die Farbe der Hoffnung, vorleuchtete. Bei diesem Anblick schwand meine Furcht; und ein paar Tage darauf athmete ich wieder leicht, nachdem mir ein alter Arzt dort in der Stadt Kampfertropfen gegeben. Aber das Gefühl jenes Tages und das Bild des Regenbogens schwebte mir vor der Seele, als ich drei Jahre darauf den fünften Act von Correggio dichtete.
Bei Frommann's war ich wieder wie zu Hause. Sie waren Göthe's Gastfreunde, besuchten ihn in Weimar, und wenn er nach Jena kam, war er täglich bei ihnen, das heißt am Abend nach der Arbeit. Er bewohnte mit Riemer einige alte, kühle Zimmer ganz allein auf dem alten Schlosse. Hier saß der Poet in Ruhe und ließ indessen den Minister in Weimar zurück.
Dieses öde Schloß war wirklich ein vortrefflicher Aufenthaltsort zum Dichten und Schreiben; auch mußte es ja wohl schön sein, einen gebildeten gelehrten Freund bei sich zu haben. Aber das =Dictiren=, das Göthe anwandte, ist mir stets ein unbegreiflich Ding gewesen. Es giebt Augenblicke, meine ich, wo der Mensch mit sich und Gott allein sein muß, ebenso wie im =Gebete=, und der Augenblick des Dichtens ist ein solcher. In der Gegenwart eines Andern scheuet man sich doch immer etwas seine Gefühle zu äußern und sein Herz zu öffnen. Und kann man es nicht an Göthe's Schriften aus der spätern Periode sehen, daß er solch' einen Aufpasser im Augenblick der Empfängniß gehabt hat? Die ruhige, klare Darstellungsweise, Besonnenheit und Billigkeit haben vielleicht dadurch gewonnen; aber auch Begeisterung, kräftiges Gefühl, aufrichtige, herzliche Mittheilung? -- Und soll wirklich der Dichter darnach streben, bei seiner Kunst =kalt= zu bleiben? Ist es eine Vollkommenheit mehr, daß seine Individualität sich in der Allgemeinheit verliert? In der Dichtkunst ist und bleibt meiner Ansicht nach das =Subjective= doch die Hauptsache. Je genialer ein Dichter ist, desto vielseitiger ist er gewiß auch; desto mehr verschiedene =Objecte= kann er durchdringen und darstellen. Aber die Poesie besteht gerade in diesem schönen Empfangen und Darstellen. In den Werken eines Dichters bewundern wir ganz besonders =seinen= Geist. Wenn wir den Straßburger Münster sehen, oder das Leben des alten Ritters Berlichingen oder das Mährchen vom Faust lesen, so wirkt das Alles ganz anders auf unsere Seele ein, als wenn wir Göthe's Beschreibungen und Bearbeitungen lesen. Deßhalb muß der Dichter, meine ich, sich ebensowenig allzusehr in dem Gewimmel der Objecte zerstreuen, als sich zu einseitig bei dem einzelnen Objecte aufhalten; er darf auch nicht suchen durch Kunst die =Eigenheit= seines Wesens (Originalität) in =Allgemeinheit= zu verwandeln. Er ist und bleibt doch eine schöne Ausnahme; das soll er sein und sich davor hüten, ein =Sonderling= zu werden. -- Daß der große Göthe, obgleich er in späteren Jahren seine Gedichte dictirte, uns doch noch viel Schönes schenkte, das danken wir seinem mächtigen, durch keinen Zwang ganz zu fesselnden Genius. Aber ich bin überzeugt, er würde bis ans Grab noch mehr von seinem humoristischen Jugendfeuer, von jener schönen Leidenschaft eines gefühlvollen Herzens ohne Nachtheil für seine Kunst bewahrt haben, wenn er nicht dictirt hätte. Man brauchte ihn ja nur =reden= zu hören, um sich hiervon zu überzeugen.
[Sidenote: Bekanntschaft mit Hegel.]
In Jena machte ich die Bekanntschaft des Philosophen Hegel auf eine schnurrige Weise. Er war damals noch nicht so berühmt und vergöttert, wie er es viele Jahre später wurde, obgleich er bereits ein Mann in seinen besten Jahren war. Wir waren zusammen in Gesellschaft, wo ein Fremder eine sentimentale Arie beim Clavier singen wollte. Hegel und ich standen hinter dem Stuhle des Sängers; es wollte ihm nicht recht gelingen und die Verlegenheit, die in jedem Augenblicke das zarte Gefühl unterbrach, das dann wieder von Neuem angeknüpft werden mußte, war so komisch, daß weder Hegel noch ich uns des Lachens erwehren konnten. Nun mußten wir noch höflich sein, und daraus entsprang der komische Zustand, den man oft bei Kindern sieht, die nicht lachen dürfen und dadurch nur noch stärker dazu gereizt werden. Es amüsirte mich, mit dem tiefen Denker in dieser komischen Situation mich zu befinden. Das brachte uns gleich in eine Art Vertraulichkeit zu einander, und so lange ich in Jena war, erwies Hegel mir stets Freundschaft. Wir gingen täglich mit einander um, er war lustig und gutmüthig, ich bewunderte seinen Scharfsinn, und er achtete meine Ansichten und Gedanken, obgleich ich kein theoretischer Philosoph war oder sein wollte. Ich disputirte auch mit ihm, weil er Göthe's Götz von Berlichingen durchaus nicht leiden konnte.
[Sidenote: Eine Landpartie.]
Mit ihm, mit Major Knebel, Professor Schelfer und Doctor Seebeck bestieg ich eines Tags den Berg Gensich bei Jena. Knebel erzählte mir auf dem Wege Viel aus Göthe's Jugend. Es war ein warmer Tag und wir waren durstig. Am Abhange des Berges lag ein Garten, von wo Schelfer uns einige Hände voll Kirschen und Johannisbeeren holte. »Was wagen Sie da?« fragte ich lachend. »»Es ist freilich Diebstahl!«« antwortete er, den Mund voll von Kirschen. »Ach,« -- sagte Hegel, »Schelfer ist Botaniker! daraus folgt, daß alle Kräuter und Früchte der Gegend ihm unterthänig sind. Wenn ihn Jemand mit seinem gestohlenen Gute treffen sollte, so braucht er nur zu sagen, daß er botanisirt und Alles ist in Ordnung.« Auf dem Rückwege plagte uns wieder der Durst. Nun fanden wir zwar keine Johannisbeeren, dagegen aber einen klaren Bach, um den wir uns Alle niederlegten und Wasser durch Strohhalme einsaugten. Dies muß eine sehr malerische Gruppe abgegeben haben; aber sie war zugleich allegorisch: so saugen Helden, Philosophen, Gelehrte und Dichter Erquickung durch das kleine Saugrohr des Lebens aus der stets vorüberfließenden Lebensquelle ein, und vergessen nicht die schönen Augenblicke, wo sie es in brüderlicher Eintracht mit einander thaten.
[Sidenote: Gedicht an Charlotte Schiller.]
Göthe reiste bald nach Carlsbad, Frommann nach Gotha, ich wartete nur auf meinen Wechsel; er blieb vierzehn Tage zu lange aus. Indessen verlor ich den Muth nicht; ich brachte drei Acte meines Aladdin's in deutsche Jamben. Frommann wollte den Verlag übernehmen, wenn das Manuscript fertig sei, welches ihm dann gleich zugesandt werden sollte. Göthe hatte mir versprochen, den Hakon Jarl auf den besten deutschen Theatern zur Aufführung zu bringen. Endlich kam der Wechsel und zugleich mit ihm mein Landsmann, der Probst =Engelbreth=. Ich besuchte erst den Superintendenten =Marezoll=, dessen Predigten ich in Kopenhagen gern gehört hatte; ich grüßte ihn von seinen Freundinnen, Frau Rahbek und Christiane Heger; darauf reiste ich mit Engelbreth nach Dresden. Frau Schiller hatte mir die lyrischen Gedichte des seligen Schiller zum Geschenk gesandt; ich schickte ihr dafür folgendes Gedicht, welches an der Spitze meiner gesammelten deutschen Gedichte steht.
=An Charlotte Schiller.=
Der Sänger geht am schmalen Stege, Im Schatten blühender Natur; Verschmäht die gar zu breiten Wege. Gepflastert durch des Haufens Spur; Da muß er Vieles überwinden, Durch manchen Dorn er dringen muß; Wo er gehofft, den Bach zu finden, Trifft er den brausend wilden Fluß.
Doch kämpft er gern sich, unverdrossen, Selbst durch den tiefsten Tannenwald; Wird er mitunter rund umflossen -- Es muß sich ja doch enden bald! Wo Dornen stechen, blühen Rosen; Das Dickicht führt zu einer Au', Es endigt sich der Wolke Tosen, Sie flieht und läßt den Himmel blau.
Und steht er endlich dann im Haine, Im dunkelgrünen Buchenhain, Röthlich beglänzt im Abendscheine, Dann ist er länger nicht allein. Wie durch der Aeolsharfe Töne Die Lüfte gaukeln, voller Lust, So zittert auch durch ihn das Schöne, Und klingt hinaus durch seine Brust.
Und durch die Bäume drängt sich leise Zum breiten Heerweg der Gesang: Da kommt das Rad aus seinem Gleise, Dem Fuhrmann wird's im Herzen bang'; Zum grünen Tempel der Gesänge Fühlt er zu lenken sich geneigt; Besinnt sich aber, folgt der Menge, Glaubt, daß sich dort die Elfin zeigt.
Der Sänger wandert über Hügel. Er steigt getrost, und kommt der Fluß, Dann schwimmt er kühn; mit losem Zügel Auf Abenteu'r er reiten muß. Und Alles, was ihm so begegnet, Dringt in sein Herz gewaltig ein; Und ob es stürmet oder regnet, Muß er doch wohl zufrieden sein.
Nichts Endliches kann ihn beglücken, Nichts Endliches vernichtet ihn. Und jede Kraft muß ihn entzücken Und durch sein ganzes Wesen glühn; Im Schauen muß er sich vertiefen, Was ihn verhindert, merkt er kaum; Es ist ihm, als wenn Viele schliefen; Selbst freut er sich im schönsten Traum.
Doch hat er lange so mit Wonne Den schönen Weg zurückgelegt, Dann kommt der Abend, sinkt die Sonne, Und kalt sich jedes Blatt bewegt, Dann ist er Mensch; und er begehret Nach dem, was wieder ihn belebt; Was ihm der Augenblick verwehret, Weil er nicht klug danach gestrebt.
Doch kommen Bauern her im Walde, Und speisen ihn mit Obst und Brot. Er ißt, trinkt aus der Quell', und balde Vergißt er die verschwundne Noth. Und mit der frühen Morgenröthe Erwacht er bei dem ersten Schall, Blickt um sich, greift und bläs't die Flöte, Wetteifernd mit der Nachtigall.
Es kommen aber viele Tage, Wo nicht die Sonn' im Walde scheint; Es tobt kein Sturm; in stummer Klage Nur Gras und Blatt und Hügel weint; Es ist nicht Kampf, kein kühnes Ringen, Ist lebenlose Trauer nur; Die Harfe selbst kann hell nicht klingen; Sie ist so schlaff, wie die Natur.
Dann sehnt er sich wohl nach den Mauern Und in den lichten Saal hinein, Wo Gäste sitzen ohne Schauern, Bei schönen Frauen, gutem Wein. Dann denkt er auch, wenn fern er schauet Ein schönes, reichbegabtes Haus: Warum ist es nicht Dir erbauet? Und warum schließt Dich Alles aus?
Und weil er fühlt im tiefsten Herzen, Was auf die weiche Seele fällt, Müßt' ihn auch tief und bitter schmerzen Die Stumpfheit, Blödigkeit der Welt, Und die Verschmähung seiner Lieder, Der Hohn, der Trotz, der Frevelmuth, Wenn die Natur nicht freundlich wieder Das Unheil machte immer gut.
Am Wege, dort wo er gesungen, Neugierig horchten sie, im Flug; Kaum aber war das Lied verklungen, So hatten sie daran genug! Er sang von Ceres Aehrenhaufen, Die in den goldnen Garben stehn. Sie gehn das Korn nur zu verkaufen; Im Gelde nur das Gold sie sehn.
Jetzt singt er laut in ernsten Liedern Von der verschwundnen Menschen Thun, Erzählt von den verstorbnen Brüdern, Die tief im moos'gen Grabe ruhn. Er singt: Wie durch des Grabes Hügel Sich hebet frisch der Rosmarin, So hebt sich auf der Zeiten Flügel Das Leben auch zum neuen Blühn.
Sie hören's nicht. Doch =Ein'ge= kommen, Und sie verlassen ihren Weg; Sie haben gern das Lied vernommen Und folgen ihm auf seinem Steg. Und hurtig wird der Bund geschlossen; Die Seele kennt die Seele bald. Und öfter folgen unverdrossen Sie ihrem Freund durch seinen Wald.
Doch =Männer= sind zur That berufen, Und That verhindert der Verein; Sie müssen steigen ihre Stufen Und mit sich selbst beschäftigt sein. Das Lied giebt ihnen Muth und Leben, Ermuntert gehn sie wieder fort. Sie danken ihm, weil er gegeben -- Und -- einsam steht er wieder dort.
Wer sitzet auf der Wolken Rande, Den Lorbeerzweig in weißer Hand, In himmelstrahlendem Gewande, So fremd und doch so wohlbekannt? Entfernet von dem Erdgetümmel, Vernimmt sie doch das Lärmen gern; Vergißt darüber selbst den Himmel; Es klingt ihr wie ein Lied von fern.
Es ist die =Muse=. Freundlich schauet Sie ihren vielgeliebten Sohn. Ihr sanftes Auge sich bethauet; Sie sinnt auf einen würd'gen Lohn; Sieht, wie nach ihrem Götterbilde Er strebt so treu, bei Tag und Nacht; Und -- eine Jungfrau -- schön und milde, Begegnet sie ihm auf der Jagd.
Erröthend nähert sich die Schöne Verschämt dem vielgeliebten Mann; Und -- wie Telemachos Athene -- So staunet sie der Jüngling an. Er =kannte= längst das holde Wesen, =Sieht= sie doch jetzt zum ersten Mal. Er kann in ihren Blicken lesen Und fühlt der Göttin Liebestrahl.
Da singt sie: Jede schöne Blume Hebt sich mit ihrer Blätterschaar Vom Staub hinauf zum Heiligthume, Und reichet Gott die Krone dar. Doch stehn die Wurzeln tief im Grunde, Worin der Lebenssaft sich regt; Daß sie gedeih', daß sie gesunde, Ist nöthig, daß sie Liebe pflegt.
Ich will die Gärtnerin im Garten Dir werden, denn Du liebest mich! Entwickle Blumen aller Arten! Ich hege, Freund, ich pflege Dich. Nie sollst Du Dich allein befinden; Scheint nicht die Sonne länger warm, Wenn Strahlen, Tag und Farben schwinden, Dann ruhe süß in meinem Arm. --
Er sieht der Mittlerin des Lebens Entzückt in's lichte Augenpaar. Er überredet sich vergebens, Daß dieß ein irdisch Mädchen war! Er fühlt sich neubegeistert wieder, Der Weg ist länger nicht so hart. Er singt sein Heil, -- und schöne Lieder Verkünden ihre Gegenwart.
Sie hat mit Lorbeern ihn bekrönet, Und durch ein wundersam Geschick Sieht er sich plötzlich ausgesöhnet Jetzt mit der Zeit, dem Augenblick. Nun will er nichts von Trennung wissen! Das Glück steht ihm nicht länger fern. Was Lieb' erst hatte wild zerrissen, Vereinigt Liebe wieder gern.
Ein jeder Sänger, dessen Leier In Waldes Einsamkeit ertönt, Trifft seine Muse, die ihn, freier, Bald mit der ganzen Welt versöhnt. So schmücktest =Du= dem großen Sänger Den Weg mit lichtem Lebensmai; Du machtest ihm den Busen enger, Und dadurch ward der Busen frei.
Du lindertest so hold sein Leiden, Da war das Leben nicht vergällt; Beglücktest ihn mit Vaterfreuden Und zeigtest heiter ihm die Welt. Da ward er ruhig und geduldig, Er fühlte sich von Gott bestrahlt. Wir sind ihm, ach, so Vieles schuldig! Doch Du hast ihm für uns gezahlt.
Drum nimm auch dieses Lied zum Danke, Das treu aus meinem Herzen bricht; Wohin ich in der Welt auch wanke, Vergeß' ich Deiner Milde nicht. Ich seh' im heil'gen Abendschauer, Wenn düster die Cypressen wehn, Dich, eine Blum', in Liebestrauer Am Grabe des Geliebten stehn!
[Sidenote: Antwort darauf.]
Als Antwort auf dieses Gedicht erhielt ich folgenden Brief von ihr:
Weimar, den 14. Juli 1806.
»Ich fühle wohl, daß es mir nicht gelingen kann, Ihnen auszusprechen, was mein Herz bewegt, und doch möchte ich Ihnen sagen, wie tief mich Ihr Gedicht ergriffen!
Ich danke Ihnen, daß Sie mich verstanden haben, daß es Ihnen klar wurde, den Wunsch aufzulösen, der mich durch mein Leben begleitete. Ich danke Ihnen, daß Sie es ausgesprochen, was ich Schiller sein wollte.
Doppelt heilig ist mir dieses Gedicht, es wird mir ein süßes Andenken meiner Liebe bleiben, und ich werde immer mit Wehmuth bei dem Geiste verweilen, dessen schöne Phantasie in so reichen Formen die Gefühle meines Herzens ansprach.
So lange ein Herz fähig ist, sich vor den ungefälligen harten Eindrücken einer ungleichartigen Welt zu verwahren, so lange wird auch auf jedes Gemüth alles Große und Schöne, was Sie so tief zu fühlen vermögen, und mit solcher Wärme aussprechen, tief wirken. Ich hoffe, daß der Genius der Dichtkunst mir hold bleiben wird bis ans Grab, und mir solche freundliche Erscheinungen noch schenken, wie mir die Ihrige war.
Ich hoffe auch, wir sehen uns wieder, mein Antheil und meine Dankbarkeit werden stets Gefühle für Sie bleiben, die ich mir gern im Herzen aufbewahre. Möge die Welt immer Ihrem Geiste in einem hellen Glanz erscheinen und die Freude Sie begleiten! Leben Sie wohl und glücklich!«
=Charlotte v. Schiller.=
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[Sidenote: Reise nach Dresden.]
Am 12. Juni zogen wir im schönsten Wetter von Jena durch Lützen und stiegen auf der Landstraße einen Augenblick ab, um den mit Pappeln umringten Stein in der Nähe zu betrachten, wo der große Gustav Adolph gefallen war. In Leipzig aßen wir Lerchen, besuchten die schönen Spaziergänge und das Grab des guten Gellert.
Mit uns waren zwei Juden, die auf dem Wege sehr andächtig beteten. Wir kamen an einem Galgen vorüber; in Folge dessen äußerte der eine Jude mit größter Bitterkeit seine Indignation über die übertriebene Gerechtigkeit. »Sie sind froh« -- sagte er -- »wenn sie Einen zu hängen kriegen; damit die Gerechtigkeit nicht vergessen werden soll.«
Wir übernachteten in der Stadt Oschatz, welchen Namen August II. der Stadt gegeben, weil er daselbst ein hübsches Mädchen gesehen hatte.
Durch Meißen kamen wir an den herrlichsten Elbgegenden entlang nach Dresden, und hier traf ich wieder eine anmuthige Natur, wie ich sie, seitdem ich Dänemark verließ, nicht gesehen hatte; denn der Garten in Weimar war wohl schön aber klein; die Gegend bei Halle kann nicht mit der seeländischen verglichen werden, und Berlin liegt in einer Sandwüste.
[Sidenote: Paßverdrießlichkeit.]
In Dresden verlangte der Wirth meinen Paß. Ich hatte von Kopenhagen meinen Rathhauspaß mitgenommen, weil ich damals noch nicht wußte, ob ich das Reisestipendium bekommen würde. Als ich den Brief von der Direction des Fonds _ad usus publicos_ erhielt, hätte ich gleich einen ordentlichen Paß von Hause verlangen sollen; aber das hatte ich vergessen. Ich war von Halle nach Berlin, von Berlin nach Weimar und Jena gereist, ohne daß Jemand verlangt hätte, meine Legitimation zu sehen. Ich sagte also dem Wirth in Dresden, daß ich nur einen dänischen Rathhauspaß hätte, daß ich aber gleich zu unserm Minister gehen, und ihn um ein paar Zeilen zur Aushülfe so lange bitten wolle, bis ich einen französischen oder lateinischen Paß von Kopenhagen erhielte.
Ich traf den Minister nicht zu Hause; aber um mich zu legitimiren, sandte ich ihm einige Briefe, und unter diesen den Brief von der Direction des Fonds _ad usus publicos_.
Der Minister von Bülow ließ mich rufen. Ich kam. Er trat mir langsam mit den Papieren in der Hand entgegen und sagte sehr ernst: »Ich sehe, Sie reisen auf Menschenkenntniß, und Sie haben keinen Paß? Wie soll ich das verstehen?« Ich antwortete: »»Ew. Excellenz! gerade weil ich noch keine Menschenkenntniß habe, reise ich, um sie zu erlangen.«« »Ja, mein Herr,« entgegnete er, »das ist ganz schön! Sie schicken mir Ihre Papiere, um mir Ihre Persönlichkeit zu beweisen; aber ich will Ihnen Etwas sagen! lassen Sie uns den Fall setzen: Sie verlieren diese Briefe, ein Anderer findet sie, und giebt sich für Sie aus (wir haben vor Kurzem einen solchen Fall gehabt); soll ich ihn deshalb gleich für Sie halten?« -- Ich entgegnete: »»Ich verdenke es Ew. Excellenz nicht, daß Sie an meiner Ehrlichkeit zweifeln; aber Sie können es mir auch nicht verdenken, wenn mir dies sehr unangenehm ist. Doch ich will Ihnen einen Vorschlag machen«« -- fuhr ich lustiger fort -- »»Sie hören doch, daß ich ein Däne bin; geben Sie mir ein Thema, welches Sie wollen; geben Sie mir Feder, Dinte und Papier; dann will ich Ihnen gleich einen Vers darüber machen. Es wäre doch wunderlich, wenn es sich so träfe, daß der unrechtmäßige Finder der Briefe auch ein dänischer Dichter wäre. Doch ich weiß ein besseres Mittel,«« sagte ich ernster, »»unten auf der Straße begegnete ich dem Herzog von Weimar; er hat mich bei seiner Frau Mutter der Herzogin Witwe gesehen; ich will Se. Durchlaucht um ein paar Zeilen bitten, durch die ich mich legitimiren kann, bis mein Paß von Kopenhagen kommt. Ich habe bereits darum nach Hause geschrieben.«« Nun fragte der Minister, ob ich mich nicht setzen wolle, es ließe sich wohl noch Alles in Ordnung bringen; aber ich verbeugte mich und empfahl mich gehorsamst.
[Sidenote: Zusammentreffen mit Landsleuten.]
Mehr Unannehmlichkeiten bereitete mir diese, freilich unverzeihliche Vergeßlichkeit nicht. Ich brachte dem Appellationsrath Körner einen Brief von Göthe; meine Landsleute =Bröndsted= und =Koës= kamen kurz darauf nach Dresden; Engelbreth war bereits mit mir angekommen. Bald traf auch Bischof =Münter= ein; und so wurde es mir leicht, meine Persönlichkeit, und daß ihr nichts Ungesetzliches anhafte, zu beweisen. Der Minister, der durchaus Nichts gegen mein Ich einzuwenden, sondern nur an dessen wirklicher Existenz gezweifelt hatte, lud mich später zu sich zu Tisch. Aber ich entschuldigte mich ehrerbietigst. Es war mir unangenehm, einen Mann wiederzusehen, der einen Augenblick an meiner Ehrlichkeit gezweifelt hatte. Es nützte Nichts, daß die Andern mir sagten: »Aber er kannte Dich ja nicht!« -- Mit jugendlichem Uebermuth antwortete ich: »»Er hätte mir auf mein ehrliches Gesicht hin glauben müssen.«« -- Seine Töchter traf ich später zuweilen bei Körner's; sie waren sehr liebenswürdig und geistreich; wir sprachen oft freundlich mit einander und eines Abends begleitete ich sie bis an ihre Hausthür.
[Sidenote: Komische Scene mit Bischof Münter.]