Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2
Part 4
»Gott segne Dich, lieber Adam, daß Du so gut gegen mich bist. Ja Du hast Recht, Du sammelst glühende Kohlen auf mein Haupt; aber Du hast Unrecht, wenn Du sagst, daß ich Dir aus Gleichgültigkeit nicht geschrieben hätte; nun sollte ich Dir eigentlich beweisen, daß es nicht Gleichgültigkeit gewesen ist; aber das thue ich nicht. Du hast das doch wohl nie von mir geglaubt, nicht wahr? O nein, Du glaubtest nur, es zu glauben. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie oft ich Dir schreiben wollte, wie oft ich angefangen habe, aber dann immer meinte, es sei doch zu elend, was ich geschrieben hatte, so daß ich stets hoffte, daß mir etwas Neues, um nicht zu sagen Amüsantes begegnen würde; aber es blieb doch immer beim Alten. Wir haben, seitdem Du fort gereist bist, so so gelebt, Anders ist nie recht gesund, er arbeitet und leidet mit der ihm eignen milden Geduld. Gott im Himmel gebe ihm bessere Tage, er verdient sie gewiß. Ich war in der letzten Zeit ziemlich wohl und soll wie in meinen gesunden Tagen aussehen. Ich habe angefangen Clavier zu spielen. Es geht langsam, aber ich verliere den Muth nicht; denn meine Lust dazu ist zu groß; ich bedarf der Musik so sehr, sie thut mir so wohl. Mein guter Oersted wußte auch meine Lust zu erhöhen, er hat mir ein herrliches Pianoforte geschenkt. Etatsrath Heger war so gut es zu kaufen, und wenn ich Dir sage, daß er es ausgezeichnet gut findet, so kannst Du es gewiß glauben. Du hast keinen Begriff davon wie gut Heger gegen mich ist; er interessirt sich so sehr für mein Spiel, bringt mir seine Musik, schreibt Choräle für mich aus, stimmt mein Instrument und erzählt mit viel Nützliches, kurz wir sind die besten Freunde und ich habe den alten Mann recht lieb. Wenn er spielt, singe ich zuweilen mit; seitdem Du fortreistest, habe ich nicht viel gesungen; es war so wunderlich mit mir, ich fing so oft an, hörte aber stets mitten im Stücke auf, ohne es selbst zu bemerken; aber nun geht's besser, doch recht gut wird es nicht gehen, ehe Du wieder nach Hause kommst, und ich wieder singen kann: »Kennst Du das Land«, und Du sagen kannst: »Ja Sophie, ich kenne es«, und dann von dem schönen Lande erzählst. Wenn Gott mich so lange leben läßt, werde ich recht viele Freude haben. Ich habe im Winter meine Zeit auf eine herrliche Weise ausgefüllt; wir lesen Winkelmann's Geschichte der Kunst. Christian und Gierlew haben Beide gesucht, mir all' den Kunstgenuß zu verschaffen, den man hier haben kann. Ich habe die Sammlungen gesehen, die hier zu sehen sind. Das ist nun nichts gegen Das, was Du siehst; aber ich danke Gott dafür ebenso wie die Finnen für ihre Tannenbäume, wenn die Sonne sie bescheint; ist es doch ein freundliches Grün, das das suchende Auge stärkt und das sehnende Herz mit Hoffnung tröstet. Gierlew brachte mir einen Gruß von Dir. Du kannst nicht glauben, wie es mich freute, mit einem Menschen zu sprechen, der Dich gesehen und mit Dir gesprochen hatte; ich hatte ihn so viel zu fragen, ich hätte beinahe gefragt was für einen Rock Du anhattest, als er Dich sahe.«
»Mein kleiner lieber Schwager lehrt mich im Winter Astronomie. Es geht ihm gut; es ist ein Trost, den Menschen zu sehen, er ist mit der Gegenwart zufrieden, freut sich auf die Zukunft, ist stets in Activität und die schönste Harmonie, die man sich wünschen kann, herrscht in seiner Seele. Oft, wenn ich traurig war, hat es mich gestärkt, ihn anzuschauen; noch häufiger, wenn ich betrübt war, wußte er mir Kraft und Hoffnung einzuflößen.«
»Engelke, des seligen Möller's Wittwe wäre vor Kurzem beinahe selig geworden, nun erholt sich die Frau aber von Tag zu Tag. Sie hat immer sehr eifrig nach Dir gefragt; als ich ihr vor Kurzem erzählte, daß wir seit langer Zeit Nichts von Dir gehört hätten, sagte sie: Oellensläger ist meiner Seele ein rechtschaffener Mensch; daß er nicht schreibt, kann man ihm nicht anrechnen; er hat jetzt nur so viel damit zu thun, all' Das aufzuschreiben, was er sieht, um es später zu gebrauchen. Ja er ist wahrhaftig ein fleißiger Mensch, das weiß ich; als er in meinem Hause war, schrieb er oft halbe Nächte. Ja, ich kenne ihn, er hat fünf Jahre hindurch in meinem Hause gegessen und getrunken (die gehörigen Knixe und Complimente kannst Du Dir selbst hinzudenken).«
»Mir ist doch, als ob ich Dir etwas Neues von den Leuten erzählen sollte. Nun habe ich Etwas. Siehst Du, man sprach im Winter davon, daß Don Juan hier gegeben werden solle; aber es wurde aus einem prächtigen Grunde Nichts daraus. Kierulf fand, daß es dem Publikum schaden, und den Glauben an Gespenster befördern könne, wenn sich ein Geist sehen ließe, ihn aber ganz zu beseitigen, ginge auch nicht, meinte er; er schlug deßhalb vor es so einzurichten, daß einer von Don Juan's Freunden, um ihn zu erschrecken, den Geist spielen solle, doch so, daß es dem Publikum ein Geheimniß wäre. Kuntzen sagte zu der Veränderung geradezu nein; das Stück wurde aber auch nicht gegeben; denn Kierulf blieb bei seiner Behauptung, daß Alles, worin Geist sei, dem Publikum schade.«
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[Sidenote: Abschied von Halle.]
Noch hatte ich mein Reisestipendium nicht bekommen; der Winter war vor der Thür und Frau Steffens erwartete ihre Niederkunft. Endlich kam das Geld. Die letzten vierzehn Tage in Halle wohnte ich im Gasthof zum Kronprinzen. Dort blieb ich so lange, bis die kleine Clara geboren war. Den letzten Abend waren Steffens und Schleiermacher bei mir. Steffens las meinen dänischen Hakon Jarl vor und Schleiermacher verstand fast jedes Wort davon. Es verursachte mir Schmerz, mich von diesen lieben Freunden zu trennen; doch hatte ich Hoffnung, Steffens bald in Berlin wiederzusehen. Schleiermacher schrieb zum Abschied die hübschen Zeilen von Novalis in mein Stammbuch:
Was paßt, das muß sich ründen, Was sich versteht, sich finden, Was gut ist, sich verbinden, Was liebt, zusammen sein; Was krumm ist, muß sich gleichen, Was hindert, muß entweichen, Was fern ist, sich erreichen, Was keimt, das muß gedeihn.
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[Sidenote: Berlin. Der dänische Minister.]
Als ich nach Berlin gekommen war, ging ich am ersten Abend in die Redoute, wo ich zum ersten und letzten Male die holde Königin Louise -- merkwürdig genug -- als Psyche, mit Schmetterlingsflügeln an den Schultern, sah. War es eine Vorahnung, daß die edle Seele bald dem Irdischen enteilen würde?
Reichardt war vorher mit Arnim nach Berlin gekommen. Er schlug mir vor, ein Zimmer neben dem seinigen in der Leipziger Straße zu miethen, und erwies mir viel Artigkeit; denn drei Wochen lang war ich fast immer mit ihm zu Mittag und Abend in großen Gesellschaften. Wie er es gemacht hat, weiß ich nicht. Ich hatte nichts Anderes zu thun, als mich anzukleiden und ihm zu folgen; ich kannte die Leute nicht zu denen ich kam und wußte selten ihre rechten Namen; als ein junger, verlegener Mann sprach ich auch nur wenig mit ihnen. Reichardt präsentirte mich als einen =dänischen Dichter=; und so kam ich =an= den Tisch wie die Kartoffeln, als sie zum ersten oder zweiten Male nach Europa kamen, =auf= den Tisch: als eine Naturseltenheit! Denn mit Ausnahme von Baggesen hatten die brillanten deutschen Gesellschaften damals noch keinen dänischen Dichter gesehen; später hat die Race sich bedeutend vermehrt.
Ich war bereits vierzehn Tage in Berlin gewesen, als Reichardt mich eines Morgens fragte: »Sind Sie bei Ihrem Minister gewesen?« -- »»Mein Minister?«« -- »Nun ja, den dänischen Minister meine ich.« -- »»Nein, ich kenne ihn nicht, habe auch keinen Brief an ihn. Soll ich zu ihm gehen?«« -- »Ja das versteht sich. Sie sehen ihn heut Abend beim Minister Schröter und müssen ihm nothwendig vorher Ihre Aufwartung gemacht haben.« -- »»Nun, dann werde ich sie machen.«« -- Ich ging hin, Graf Baudissin kam mir in seinem Zimmer mit den Worten entgegen: »Womit kann ich Ihnen dienen?« -- Ich antwortete: »»Damit, daß Ew. Excellenz mir erlauben, Ihnen als reisender Däne meine Aufwartung zu machen!«« -- Unser Gespräch war bald beendigt, und ich sprach mit ihm erst vier Jahre später, als ich nach meiner Rückkehr eines Abends beim Grafen Schimmelmann Correggio vorlas.
So sehr ich nun auch Reichardt verpflichtet war, daß er mich mit der großen berlinischen Welt bekannt machte, so amüsirte es mich meiner Natur nach doch nicht lange, eine Art geistigen Pumpernickels oder nordischen Schwarzbrotes in ihren Theezirkeln zu sein. Ich pflegte hauptsächlich die Bekanntschaften, wo ich eine Heimath wiederfand, die mir stets unentbehrlich war. In den Häusern von Reichardt's Schwiegersöhnen, den Geheimräthen Alberti und Pistor, bei Herrn von Schock, mit Pistor's Schwester verheirathet, bei Buchhändler Reimer und Professor Spalding war ich bald wie zu Hause. Diese braven Leute gingen mit mir, wie mit einem Bruder um und erwiesen mir eine Güte, die ich nie vergessen werde. Ich brachte fast jeden Abend bei einem von ihnen zu, und las ihnen oft Holberg's Komödien in der alten deutschen Uebersetzung zu ihrer Zufriedenheit vor, was eine große Ehre für mich war, da sie gewohnt waren, Tieck den Holberg bei ihnen vorlesen zu hören, der, wie bekannt, ein sehr großes Talent dazu hatte. Nun fand man, daß auch ich es recht gut machen könne, wenn gleich auf eine andere Art. Ich besuchte die geistreiche Hofräthin Herz; bei ihr nun in mehreren Gesellschaften las ich meinen Aladdin aus dem dänischen Buche Deutsch vor, freilich mit vielen Sprachfehlern, aber doch rasch und fließend. Ich ging mit dem verständigen, treuen Alberti spazieren, bewunderte die mechanischen Fertigkeiten des lebhaften Pistor; mit ihren Frauen sprach ich von Giebichenstein und Kopenhagen; und ein hübsches, kleines Kind war auch da, mit dem ich spielen konnte.
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[Sidenote: Die Hofräthin Herz. Fichte.]
Ich besuchte =Fichte=. Er war erst etwas abstoßend gegen mich, aber wir wurden bald gute Freunde. Ich mußte mich an seinen docirenden Ton gewöhnen; er pflegte vorauszusetzen, daß man ihn nicht verstand und nicht begriff. Aber als er merkte, daß ich auf meine Weise menschlich denken könne, wurde er mir gewogen und sagte: »Oehlenschläger ist ein wackerer Mann! Er muß meine Wissenschaftslehre studiren.« Dies schmeichelte mir; denn ich wußte, daß es das größte Lob war, welches er einem Menschen gab, wenn er ihn befähigt glaubte, seine Wissenschaftslehre zu verstehen. Bei unsern ersten Gesprächen kamen wir etwas in Reibung; Pastor =Metger= berief mich zu ihm. Wir sprachen von Iffland; Rabbek hatte mir einen Brief an Iffland mitgegeben, und, obwohl dieser eigentlich nichts weiter mit mir, als einem Anhänger der neuen Schule zu thun haben wollte, so gab er mir doch ein Freibillet fürs Theater. Dies war mir sehr lieb und verschaffte mit die Gelegenheit, oft sein großes Talent, besonders für das Komische zu bewundern; denn für das Tragische hatte die Natur ihm eigentlich keine Anlage gegeben; Alles war nur Studium und Routine, und deßhalb war er auch, meiner Ansicht nach, in ernsten, hohen Rollen affectirt und kalt. Dagegen besaß er in hohem Grade einfache Natürlichkeit und eine schalkhafte Ironie bei der Darstellung des Lächerlichen und Bizarren; in solchen Rollen war er unbezahlbar.
[Sidenote: Fichte über Iffland.]
Also -- ich spreche von Iffland und lobe seine Kunst. »Ja,« antwortete Fichte mit starker, verächtlicher Betonung, »er versteht die Erbärmlichkeit gar wohl darzustellen.« Ich fühlte mich durch diese Worte und ganz besonders durch den Ton in dem sie gesagt wurden, gekränkt. Wer die Erbärmlichkeit bewundert ist selbst erbärmlich. Ich wagte ihm zu widersprechen und sagte: »Ich glaube, Iffland stellt nicht allein das Erbärmliche gut dar, sondern Alles, was komisch ist.« -- »»Was stellen Sie mir da auf?«« rief Fichte hitzig; und nun fing er an, weitläufig Etwas zu demonstriren, dessen Inhalt sein sollte, daß alles Komische erbärmlich oder jämmerlich sei. Ich fühlte, daß in seiner Beweisführung etwas Schiefes sei, konnte es aber nicht gleich herausfinden; ich wollte mich nicht in einen philosophischen Streit mit ihm einlassen, in dem ich gewiß zu kurz gekommen wäre, besonders wenn ich =seine= Worte und Ausdrücke gebrauchen sollte; und ich sagte: »Verzeihen Sie Herr Professor! im täglichen Gespräche wägt man seine Worte nicht so genau ab.« -- »»O mein Herr,«« rief er heftig, »»vor unnöthigem Geschwätz habe ich allen möglichen Respect! Ich überlasse Sie dem Herrn Pastor Metger!«« -- Ich antwortete stolz: »Wenn zwei vernünftige Männer, wie Sie und ich, Herr Professor, mit einander reden, so schwatzen sie nicht, weil der Eine sich nicht der Redeweise des Andern bedient. Wie in aller Welt,« fuhr ich milder und betrübt fort, weil ich nicht gern in Feindschaft von diesem ausgezeichneten Manne scheiden wollte -- »können Sie verlangen, daß ich, ein junger Dichter, reden soll, wie Sie, ein alter Philosoph?« -- »»Darin hat er Recht!«« rief er gutmüthig und versöhnt zum Prediger, indem er mir die Hand reichte. -- Von der Zeit an waren wir Freunde.
[Sidenote: Umgang mit Fichte.]
Fichte kam mir bei dieser Gelegenheit, wie ein gewisser alter General vor, der seine jungen Officiere bei erster Bekanntschaft stets beleidigte, nur um zu prüfen, ob sie Muth genug hätten, ihn herauszufordern. Er verehrte mir ein Entreebillet zu seinen »Anweisungen zum ewigen Leben«. Ich hörte ihn, kann aber nicht gerade sagen, daß es einen angenehmen Eindruck auf mich gemacht hätte. Er suchte mit vieler Umständlichkeit den Begriff von =Sein= und =Dasein= populär zu machen. Sein Gesicht war stolz und verdrießlich, gleichsam aus Mißvergnügen darüber, daß seine Rede nicht genug bewundert wurde. Eines Abends beim Geheimrath Hufeland sprach ich die ganze Zeit über mit Fichte. Ich bat ihn stets, zu bedenken, daß ich Dichter und nicht Philosoph sei, daß ich aber, da ich glaubte, der Dichter müsse von Allem Etwas kennen, auf der Landkarte der Philosophie doch nicht ganz unwissend in Betreff der Gegenden und Städte sei, die zunächst an das Reich der Poesie grenzten. Von Steffens sprach ich gar nicht, da ich wußte, daß sie sich nicht leiden konnten. Wir sprachen von Voß und Jean Paul. Um ihm klar zu machen, was ich von ihnen hielte, bediente ich mich einiger mir eigenen Ausdrücke. »Es ist vortrefflich, was Sie da sagen,« rief er aus, »es ist besser, als was Voß und Jean Paul je in ihrem Leben gesagt haben!« -- »»Ach Herr Professor,«« antwortete ich, »»ich bitte!«« -- »Oh« fuhr er mit der ihm eigenen Süffisance fort, »ich werde es Ihnen auch eben so gerade heraus sagen, wenn Etwas kommt, was nicht gut ist.«
Ich las ihm einige Abende darauf meinen dänischen Hakon Jarl Deutsch vor, und er war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Im fünften Act, wo Olaf zu Hakon sagt:
»Mit seinem Blut muß er die Sünde büßen! -- So lang der Heide lebt, Kann nicht des Christenthumes Rose blühen;«
wurde Fichte aufgebracht und rief in seiner gewöhnlichen verdrießlichen Art: »Was Teufel, geht ihn das an?« -- Ich schwieg und las weiter. Als ich fertig war und er das Stück sehr lobte, sagte ich: »Herr Professor, Sie wurden bei einer Stelle böse, wo Olaf über den Hakon spricht; finden Sie da vielleicht einen Fehler?« »»Nein,«« entgegnete er ruhig, »»das galt nicht Ihnen. Als Dichter hatten Sie es ganz recht gemacht; aber der Kerl der Olaf hatte doch Unrecht!««
[Sidenote: Fichte als Philosoph und Mensch.]
Und doch wollte sein Freund Pastor Metger nicht zugestehen, daß er naiv sei, als wir später über Naivetät sprachen und Fichte behauptete, er sei im Besitze dieser Eigenschaft. »Nein, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, Herr Professor,« sagte der milde, bescheidene, aber auch wahrheitsliebende characterfeste Mann, »naiv sind Sie nicht!« -- »»Was,«« rief Fichte, »»ich wäre nicht naiv? Was sagen Sie dazu, Oehlenschläger?«« -- Ich antwortete: »Wenn Naivetät darin besteht, eine gewisse kindliche Natur ohne Reflexion, ohne Rücksicht auf Convenienz zu zeigen, so kann man Ihnen gewiß nicht die Naivetät absprechen. Ich meine, jedes Genie, selbst ein philosophisches muß etwas Kindliches, Unbewußtes haben, sonst würde ihm ja die Grazie fehlen.« -- Hiergegen hatte der große Philosoph Nichts einzuwenden.
Zu gleicher Zeit, wo ich seine Vorlesungen über die Anweisung zum ewigen Leben hörte, las ich auch einige seiner populären Schriften. In Allem bewunderte ich den tiefen Denker, den Helden für Wahrheit und Tugend, den begeisterten Redner, den kräftigen Menschen. Fichte hatte meiner Ansicht nach nur einen Fehler: er glaubte, daß seine Denkungsweise die einzigwahre, die absolute sei. Aber es wäre gewiß schlimm um das menschliche Denken bestellt, wenn die Wahrheit sich nur auf eine Weise erkennen ließe. Was hätten denn zukünftige Geschlechter und deren große Männer anders zu thun, als das bereits Gesagte und Gedachte zu wiederholen? Es giebt nur Eine ewige Wahrheit, wie Eine ewige Schönheit; aber die Gesichtspunkte für das Wahre können ebenso verschieden sein, wie für das Schöne und eine ebenso große Mannigfaltigkeit gestatten. Wir stehen als Lehrlinge um das ewige Ideal der Wahrheit und Schönheit; Jeder macht von seinem Standpunkte aus seine Basreliefs; jedes wird anders -- oft fehlerhaft -- und doch können sie alle wahr und schön sein.
Fichte war ein tugendhafter, ehrlicher, kräftiger, guter Mann, aber auch stolz auf seine Vorzüge. Selbst in der Poesie hatte er Versuche gemacht und gezeigt, daß er Talent und Stärke in dem lyrischen Ausdrucke besaß. Wir sprachen von einigen lateinischen Hymnen, die A. W. Schlegel übersetzt hat. »Ich habe sie auch übersetzt,« sagte Fichte, »aber ich will sie nicht drucken lassen; A. W. Schlegel ist mein guter Freund.« -- Zu einem andern guten Freunde hörte ich ihn sagen, als dieser meinte, daß es kein Verdienst für ihn sei, so geisteskräftig zu sein, da er auch körperlich stark wäre: »Meint Ihr, ich würde diese Waden und diese Schultern haben, wenn ich mir nicht jene Maximen angeschnallt hätte?«
[Sidenote: Fichte's Aufenthalt in Kopenhagen.]
Wie sehr freute es mich, als ich einige Zeit darauf hörte, daß Fichte in Kopenhagen gewesen sei, und daß der edle A. S. Oersted, der ihn als Jüngling so fleißig studirt hatte, ihn als Mann persönlich kennen lernte. Meine Schwester schrieb mir mit vieler Freude, daß sie mit Fichte im Südfelde spazieren gegangen sei, daß er einen Tannenzweig bei dem norwegischen Hause abgebrochen und ihr gegeben habe »damit sie davon ihrem Bruder einen Kranz flechten solle.«
Fichte schlief eine Nacht auf dem Friedrichsberger Schloß bei meinem Vater, und hier zeigte sich wieder ein Zug seiner Naivetät, indem er sich einen ganzen Abend mit dem Alten, der einen gesunden Menschenverstand hatte, aber nichts weniger als Philosoph war, über die verschiedenen philosophischen Ansichten und seine Streitigkeiten mit Schelling einließ. Er lieh auch meinem Vater eins seiner Bücher zum Durchlesen. Mit diesem Buche saß er gerade in der Hand, als Frau Rahbek ihn Tags darauf besuchte. »Was für ein Buch liest Du da?« fragte sie ihn in ihrem gewöhnlichen scherzenden Ton; und er antwortete in demselben Ton, aber mit einem gewissen Stolz: »»Laß liegen Kind! es ist Fichte. Er war gestern Abend bei mir; wir sprachen bis in die späte Nacht zusammen; Du kannst glauben, da ging's auf die Systeme los!««
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[Sidenote: Erste Ereignisse in Berlin.]
Aber ich kehre wieder nach Berlin zurück. Reichardt reiste im März nach Giebichenstein, und ich wohnte allein. Mein Wirth war ein alter Friseur, der mir gleich bei meiner Ankunft einen schlechten Streich gespielt hatte. Meine Haare mußten nämlich geschnitten werden, da sie seit einem halben Jahre keine Scheere berührt hatte; ich fragte ihn, ob er das Haar nach Berliner Mode schneiden könne? -- »Das versteht sich,« sagte er, »lassen Sie mich nur machen.« Nun fing er an zu schneiden; aber da er ein alter Perückenmacher war, der nur mit todten Haaren zu thun gehabt hatte, so verstand er sich gar nicht darauf, mit den lebendigen umzugehen. Er machte einen Fehler nach dem andern, die er alle damit gut machen wollte, daß er noch mehr wegnahm; und so schor er mich ganz entsetzlich, so daß ich zuletzt nur einen kleinen Schopf auf der Stirn hatte. Mit dieser Coiffüre mußte ich alle meine Besuche mit Reichardt in der großen Welt, als dänischer Dichter machen. Die Leute glaubten vielleicht, daß das Mode in Kopenhagen sei und das verdroß mein patriotisches Gefühl. Indessen versöhnte ich mich doch bald mit dem armen Perückenmacher. Sein Sohn, der ein wirklich guter Friseur und Reichardts Diener war, wurde kurze Zeit nach Reichardt's Abreise krank und starb. Eines Abends, als ich spät nach Zwölf nach hause kam, sagte der Vater, indem er mir die Treppe hinaufleuchtete: »Sie haben wohl Nichts dagegen, daß ich nur für heute Nacht die Leiche meines Sohnes in das Zimmer des Herrn Kapellmeisters gestellt habe?« -- »»O nein,«« antwortete ich langsam. Er setzte das Licht auf den Tisch und ging. Reichardt's Zimmer grenzte dicht an das meinige. Ich fing an, mich auszukleiden und wollte so thun, als wenn Nichts geschehen wäre. Seit langer Zeit hatte ich, in dem bunten Treiben bei den vielen Gesellschaften, keine melancholischen Gedanken gehabt. Nun sollte ich Thür an Thür mit einer Leiche schlafen; das hatte ich nie gethan; nach dieser Nachbarschaft sehnte ich mich durchaus nicht.
[Sidenote: Eine unruhige Nacht.]
Die alten halbvergessenen Gespenstergeschichten erwachten wieder in meiner Erinnerung; und obgleich Hoffmann noch Nichts der Art gedichtet hatte, so begannen die berliner Theezirkel doch in meinem Gehirne sich mit dem Uebernatürlichen und Grausigen zu vermischen. Endlich konnte ich es nicht länger aushalten, kleidete mich wieder an, nahm meinen Hut, ging zu dem Vater des Verstorbenen hinunter und sagte: »Obgleich ich nicht abergläubisch sei, müsse ich mich doch davor hüten, meine Phantasie zu sehr aufzuregen, es sei mir zuwider bei einer Leiche zu schlafen, daher wolle ich in den goldenen Adler gehen und da bis morgen bleiben.« Als ich aber dahin kam, war es zu spät und ich konnte kein Zimmer mehr bekommen. Ich versuchte es noch an ein paar andern Orten, immer später und vergebens. -- Die Märznacht war sehr kalt. Ich lief die Straßen auf und ab, bis ich vor Müdigkeit und Schläfrigkeit nicht länger konnte. Es blieb mir nun nichts Anderes übrig, als wieder nach dem Leichenhause zurückzukehren. Ich that es, klingelte und der Alte, der nicht zu Bett gegangen war, leuchtete mir unverdrossen wieder die Treppe hinauf. Nun war das Gaukelspiel der Phantasie vorüber, wie auf einer Bühne, wenn die Lichter gelöscht worden sind. Ich sah nur den alten niedergeschlagenen Vater und ärgerte mich über meine vorherige egoistische Schwärmerei, die ein leerer Traum im Vergleich zu der wirklichen Trauer des alten Mannes war. Ich legte mich rasch zu Bett und schlief gleich ein.
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[Sidenote: Bekanntschaft mit Himmel.]