Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2
Part 19
Als ich meine Augen an diesem herrlichen Schauspiele gesättigt hatte und glücklich über den schmalen Steg zurückgekommen war, entdeckte ich Christel Riepenhausen, der nicht mit uns Andern hinübergegangen, sondern auf dem fernen Ufer zurückgeblieben war, und sich mit dem begnügte, was er von ferne sehen konnte. »Warum stehen Sie da drüben, wie ein Huhn, das mit den Enten nicht ins Wasser gehen darf?« fragte ich ausgelassen -- »»Ich habe es schon so oft gesehen,«« antwortete er, »»ich habe keine Lust, heute hinüber zu gehen.«« -- »Nun sollen Sie sehen, daß ich über den schmalen Steg hinübertanze!« rief ich übermüthig. -- Ich tanzte wirklich glücklich hinüber; aber als ich zurück wollte, machte ich (der ich nicht einmal auf der ebenen Erde tanzen konnte) einen Fehltritt, glitt aus -- und war im Begriff, in den Wasserfall hinabzustürzen. Mit der Schnelligkeit des Blitzes dachte ich »Du mußt hinab! wirf Dich über den Steg in das ruhige Wasser, da kannst Du vielleicht gerettet werden.« -- Ich stürzte mich fast auf den Kopf hinüber, kam wieder herauf und griff mit beiden Händen um mich. Ein Freund faßte mich am Kragen. Triefend naß stand ich wieder zwischen meinen entsetzten, bleichen Gefährten, und ehe sie sich fassen konnten, rief ich folgende Verse aus Schiller's Taucher:
»Hoch lebe der König! Es freue sich, Wer da athmet im rosigen Licht; Da unten aber ist's fürchterlich, Und der Mensch versuche die Götter nicht. Und begehre nimmer und nimmer zu schauen, Was sie gnädig bedecken mit Macht und mit Grauen.«
»Nun wollen wir laufen,« fuhr ich fort, »damit ich nicht das Fieber bekomme.« Darauf lief ich, was ich konnte, zum Wirthshaus hinauf, und die Andern folgten schweigend. Christel hatte mich hinuntergleiten sehen, das Antlitz fortgewandt, und ausgerufen: »Ich sehe ihn nie wieder.« Als ich ins Wirthshaus hinauf kam und mich ausgekleidet hatte, gaben sie mir Jacke und Pantalons von Flanell, welche mir gute Dienste thaten. Nun gingen die Anderen, froh darüber, daß ich gerettet war, zu Tisch, aber ich konnte Nichts essen. Ich legte mich in einem Nebenzimmer aufs Bett, und als ich von dort den entsetzlichen Wasserfall in der Tiefe brausen hörte, faltete ich meine Hände, und dankte Gott für meine Rettung.
[Sidenote: Ein Unglückstag.]
Am Nachmittag, als wir durch die Stadt gingen, zeigten die Leute mit Fingern auf mich und sagten: »Dort geht der Herr, der in die Cascade gefallen ist, ohne zu ertrinken!« Es war dies ein unerhörter Zufall und manche Leichtsinnige waren bereits von der Tiefe verschlungen worden.
Aber ich war an demselben Nachmittage wieder in Lebensgefahr; denn als wir auf Eseln den Fels hinaufritten, hätte mich einer der Andern mit seinem Esel beinahe in den Abgrund hinabgestürzt, indem er jubelnd von meiner Rettung beim Wasserfalle sprach. »Laß mich nach Hause!« rief ich, »es ist heute ein gefährlicher Tag für mich.« Aber der Abend war schön und ruhig, und als ich in dem alten Garten, der dem Hause Este gehört hatte, unter den großen Cypressen stand, und die Sonne in all' ihrer Herrlichkeit untergehen sah, fühlte ich mich tief ergriffen. Ein Jahr darauf suchte ich das Andenken in einem Gedichte »Rückblick auf Rom,« auszudrücken, wo ich jene Begebenheit beschrieben habe.
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[Sidenote: _Grotta ferrata._]
In der heißesten Jahreszeit zog ich mit Koës, den beiden Riepenhausen, Kestner und Schlosser nach _Grotta ferrata_ hinaus, wo wir alle Bequemlichkeiten entbehrten; wir hatten nur ein großes, verfallenes Haus zu unserer Benutzung (eine frühere Villa), Kühle und frische Luft. Obgleich wir auf dem Lande waren, konnten wir doch weder Milch noch Sahne bekommen, sondern mußten Eier zum Morgenkaffee genießen. Die Wirthin, eine Bauerfrau, besorgte unsere Wäsche; aber als wir sie geglättet haben wollten, lächelte sie wie über Etwas, das sie nie gehört hatte, und wir mußten mit ungerolltem und ungeglättetem Leinenzeuge gehen. Ein altes Billard stand in der Halle mit einigen fünf- und sechseckigen Kugeln. Ueberall war es, die Kunstwerke ausgenommen, eine Seltenheit im Kirchenstaate, etwas Neuverfertigtes zu finden. Alles war da wenigstens ein paar hundert Jahre alt; es schien, als ob die Italiener seit der Zeit im Schlummer gelegen hätten, als ob sie nun Somnambülen wären. Ich war so wenig daran gewöhnt, neue Gegenstände in Italien zu sehen, daß es ordentlich mein Auge erquickte, als ich zum ersten Male in der Schweiz wieder ein hübsches, neues, weißangestrichnes Stacket vor einem gutgepflegten Garten erblickte. Aber wer hielte sich doch nicht gern in einer solch verzauberten Stadt wie Rom auf, wo schöne Feenschlösser mit herrlichen Kunstwerken und kühlen, wenn auch altmodischen Gärten und Hecken sich dem Wanderer öffneten; wo man stets schöne Frauen unter einem blauen Himmel findet; obgleich die Männer im Ganzen genommen etwas müßig und faul dahinschlendern, und das Gras in der Sonne fast überall verdorrt.
Mit der grünen Frische der nordischen Eichen- und Buchenwälder kann das Buschwerk in Italien sich nicht vergleichen. Wir unternahmen einmal eine Fahrt durch die Campagna, wo die Heuschrecken so dicht wie Schnee das Feld bedeckten. Sie spritzten wie Wasser zu beiden Seiten der Radspur in die Höhe, und das Geleise selbst war naß von zerquetschten Heuschrecken. Später wurde ein Priester hinausgesandt, der sie förmlich in die Hölle hinabbeschwören sollte; ob es half, will ich ungesagt sein lassen.
[Sidenote: Römischer Sommer. -- Der Maler Müller.]
Den angenehmen Schatten der Bäume im Sommer, können die Italiener nicht genießen; sie fliehen die Bäume in der starken Hitze, weil sie durch ihre Dünste ungesund sind; die Damen können den Blumengeruch nicht vertragen; denn er ist ihnen zu stark; von den herrlichen Früchten darf man nur wenig, und sie nur immer mit Brot essen, um nicht das Fieber zu bekommen. Der Scirocco kommt häufig von den afrikanischen Wüsten herüber; das Mittelmeer war nicht im Stande gewesen, ihn abzukühlen, und er schlug mich mit Lähmung in allen meinen Gliedern, so lange er währte. Von der _aria cattiva_ litt man in Rom sehr viel. Große, schöne Straßen stehen fast menschenleer, weil Niemand dort wohnen darf; und auf vielen Stellen brennen sie Stroh des Abends, um die ungesunde Luft zu reinigen.
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Ich besuchte den berühmten Deutschen, _Müller_, der zum Dichter geboren war, aber durchaus Maler werden wollte. Ein kräftiger, feuriger Mann, von 60 Jahren, der nicht viel über 40 zu sein schien. Er schrieb eine =heilige Genoveva= lange vor Tieck. Er wohnte gut und zu sehr billigem Preise hier in Rom. Als ich mich darüber wunderte, sagte er: »Das kommt daher, weil in dieser Straße _aria cattiva_ ist; aber darum kümmere ich mich nicht.« Ich hatte die Freude, das Herz dieses kräftigen Mannes ganz zu gewinnen und er war ein eifriger Freund meiner Muse.
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[Sidenote: Das römische Volk.]
Damit man doch nicht glauben solle, daß ich, wie ein =Archenholz=, nur Italiens Schattenseite gesehen habe, will ich gern gestehen, daß das römische Volk mir im Ganzen genommen gut gefallen hat, das heißt, nicht die Vornehmen; denn diese sind verblüht (obgleich die Frauen noch körperlich schön blühen), sondern das Volk, in dem noch Kraft, Munterkeit, Naivetät und eine glückliche Anlage, Alles leicht aufzufassen, wohnt. Der gewöhnliche Mann ist lustig, gutmüthig und durchaus nicht falsch. Viele kalte Ultramontanen sind bedeutend falscher. Aber rachsüchtig ist der Italiener, größtentheils aus eifersüchtiger Liebe; und da kann er sogar böse und heimtückisch werden, wie ein toller Hund, der im gesunden Zustande treu und freundlich ist. Der Zorn brennt heftiger in dem warmen Blute dort, als bei uns. In =Marino= sah ich in einem Kruge zwei junge Bauerburschen im Kampf mit einander. Sie waren beim Weine uneins geworden, sprangen von den Bänken auf, zogen ihre Jacken ab, wickelten sie wie ein Schild um den linken Arm, und nun suchten sie, mit langen Messern bewaffnet, einander zu verwunden. Der Eine wurde in die Hand gestochen und blutete. Ein Bildhauer oder Maler würde in diesen schönen, zornigen Antlitzen, in diesen edlen Bewegungen schöne Motive zu einer Composition gefunden haben. Endlich sollte Frieden gestiftet werden. Man reichte ihnen gefüllte Gläser. Mit zitternden Händen und todtenbleich stießen sie an. Ein Italiener, der neben mir stand, flüsterte: »Das geht nie gut aus. Einer von Diesen macht den Andern kalt, ehe das Jahr um ist.«
Diese Blutrache ist ein häßlicher Zug den die Italiener mit den schottischen Hochländern gemein haben; aber um wieviel munterer, gutmüthiger, angenehmer sind doch jene, wenn sie nicht gereizt werden.
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Frau Brun erzeigte mir viele Gastfreundschaft; in ihrem Hause lernte ich die beiden Barone =Rennenkampf= kennen. Ich verdankte meiner Landsmännin noch die Bekanntschaft der Frau v. =Humboldt=. Wie gern hätte ich auch den Minister, ihren Mann, einen der tüchtigsten Aesthetiker Deutschlands kennen gelernt.
[Sidenote: Der fünfte Act meines Correggio.]
In Rom und in _Grotta ferrata_ dichtete ich meinen =Correggio=. Ich war bis zum fünften Acte gekommen, als ich in den Wasserfall bei Tivoli stürzte. Wäre ich dort liegen geblieben, so hätte ich den Wienern nicht die Mühe gemacht, diesen Act bei der Aufführung wegzustreichen. Die Erinnerung an diesen Fall gab mir den Stoff zu Lauretta's Liede.
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Als der Sommer nicht mehr so heiß, der Himmel kühl und klar geworden war, so daß ich wieder frei athmen konnte, genoß ich auch die Schönheiten Roms und der Umgegend. Acht Tage lang war ich bei Frau Brun in =Albano=; dort ritten wir am Abend auf Eseln und machten kleine Wallfahrten. Unter Anderm entsinne ich mich eines Besuchs bei den alten Mönchen im Kloster auf dem Berge. Als wir nach Hause ritten und mein Esel ziemlich rasch den Berg hinab lief, hörte ich meine Freundin hart hinter mir hergallopiren; sie rief: »Oehlenschläger! reiten Sie um Gotteswillen nicht so rasch!« -- »»Weßhalb?«« fragte ich -- »Wenn Sie rasch reiten, muß ich es auch; denn mein Esel folgt dem ihrigen immer auf den Fersen.« Ich versuchte nun langsam zu reiten; aber wenn ich und mein Esel in Gedanken verfielen, trabten wir wieder rasch den steilen Bergweg hinab, bis der Ruf der Dichterin oder das Lachen der reizenden Ida uns in der Fahrt anhielten.
Von welch wunderbarem Gefühle wird man erfüllt, wenn man die Gegend dort unten überschaut! An einem kleinen See lag =Alba longa=. Weiter hin landete =Aeneas=, ein abenteuerlicher Schiffer, mit einer handvoll trojanischer Matrosen, auf einer fremden Küste, wo sie eine unbedeutende Colonie anlegten. Und aus diesem Funken entstand die große Weltenflamme.
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Man fragte mich immer, ob ich nicht nach =Neapel= hinunter wolle; aber ich war nun 4-1/2 Jahr von Braut, Familie und Vaterland entfernt gewesen; ich sehnte mich nach Hause und hatte keine Lust, weiter zu reisen. Hätte der Vesuv Feuer ausgeworfen, so wäre ich doch hinuntergegangen. Aber einen beschwerlichen Weg in der heißesten Jahreszeit zweimal durch die pontinischen Sümpfe zu machen, blos um mich einige Tage in Neapel aufzuhalten, -- und dann direct nach Kopenhagen zu jagen, dazu hatte ich keine Lust. Auf der Rückreise wünschte ich nur noch einige Besuche zu machen, und ich mußte mich so einrichten, daß ich nicht zur späten Winterszeit in Dänemark ankam. Auch wollte ich gern der ersten Vorstellung von Axel und Walborg beiwohnen.
[Sidenote: Gedenkblatt von Christel Riepenhausen.]
Hierüber mußte ich nun viele Neckereien, halb im Scherz, halb im Ernst anhören, daß ein nordischer Barbar keinen Sinn für südliche Naturschönheiten habe; besonders von Christel Riepenhausen, der ein sehr witziges und hübsches Stück in mein Stammbuch zeichnete, wo ich zwischen all' den Schrecken stehe, die er in einer Parodie von Göthe's: »Kennst Du das Land«, folgendermaßen in dem Verse anbrachte, der mit dem Bilde folgte:
»Wo Schlangen dräuen, wo gift'ge Blumen blüh'n, Aus Erd und Himmel schlagend, Flammen glüh'n, Scirocco heiß vom bleichen Himmel weht, Und im Gebüsch der gier'ge Mörder steht, -- Kennst Du das Land?«
Wenn Sie in einem schöneren Lande glücklich sind, denken Sie neben allen diesen Gefahren an Ihre Freunde, die Sie herzlich lieben.
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[Sidenote: Ultramontane in Rom.]
In dem ersten Monate, den ich in Rom verlebte, machte es mir Freude, täglich mit jungen, deutschen Künstlern umzugehen; aber ich rathe einem jeden Reisenden, lieber die Bekanntschaft der Eingebornen des Landes aufzusuchen. Dadurch lernt man besser das nationale Element kennen, und deßhalb reis't man doch eigentlich. Die Ultramontanen bringen ihre Sitten und Gewohnheiten mit; da muß man in der Mittagshitze mit ihnen laufen, und in die Nacht hinein wachen, was kein Römer thut. Mit jugendlicher Unwissenheit und Einseitigkeit beloben sie das Halbbekannte mit einem außerordentlichen wenn auch nicht erquickenden Enthusiasmus, und setzen das Vaterländische, das sie oft noch weniger kennen, herab. Auch herrscht gewöhnlich ein roher Ton unter ihnen. In unserm Zirkel, der aus talentvollen, älteren und mehr Gebildeteren bestand, wo Thorwaldsen präsidirte, war es natürlich viel besser. Ich habe manche schönen Abende in diesem Kreise zugebracht, wo wir uns den _Acciuto_, unsern _Orvietto_ und den Speckschinken selbst mitgebracht hatten, oder uns für ein paar Bajocchi's in einer oder der andern Osterie zu gute thaten.
Auch kam ich zuweilen in brillante Abendgesellschaften, wo man schöne Musik hörte, schöne Damen sah und dann kaltes Wasser und Eis bekam, um sich wieder abzukühlen. Einen herrlichen Abend brachte ich mit Brun bei dem Prinzen Colonna in seiner schönen Villa zu, wo die Marmorüberreste der ältesten Zeit von Myrthen und Lorbeer bewachsen im Grase liegen.
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[Sidenote: Abschied von Rom.]
Als ich Rom verlassen sollte, besuchte ich wehmüthig und einsam zum letzten Male die Kirchen, den Vatican, das Campo vaccino, mit all' den merkwürdigen Ueberresten, Titus' Ehrenpforte, wo man noch in einem fast verwischten Basrelief den siebenarmigen Leuchter sieht. Durch diese Pforte gehen die Juden nicht, sondern um sie herum, auf einem Fußwege. Ich besuchte noch einmal die Villa Borghese, wo ich so oft umhergewandelt war, und wo ich, als ich Correggio dichtete, die Idee zur Scene mit Cölestine erhielt. Denn als ich an einem kühlen Abende da umher ging und dachte, wie ich Correggio auf eine würdige Weise über die Beleidigung erheben sollte, die Octavio ihm zufügte, hielt mich ein Zweig der Lorbeerhecke freundlich am Knopfloche meines Rockes zurück; und der Gedanke fiel mir plötzlich ein »ein schönes, edles Mädchen soll ihm den Lorbeer winden.«
Es that mit recht leid, mich von meinem Sprachlehrer, einem sehr gebildeten und geistreichen Römer zu trennen, dessen Namen ich vergessen, und mit dem ich das Meiste aus Dante's Hölle gelesen habe. Auch von =Confidati=, meinem vortrefflichen Gesanglehrer, schied ich ungern. Ich hatte mir eine sehr gute Guitarre gekauft, da ich die Absicht hatte, auf diesem Instrumente spielen zu lernen. Aber die Zeit war zu kurz und ich verehrte sie Franz Riepenhausen. Er und sein Bruder zeichneten mich wieder mit schwarzer Kreide sehr ähnlich, und gaben mir das Bild mit. Nach diesem Bilde ist der Kupferstich in Nyerup's Almanach gemacht.
Zwei junge, italienische Mädchen, Kinder der Leute, in deren Hause Riepenhausen's wohnten, spielten mir zum Abschiede eine Pantomime vor, die die Trennung zwischen zwei Geliebten vorstellen sollte. Die jüngste war der Geliebte, die älteste die Liebhaberin. Als diese nun verzweifelt auf einen Stuhl sinken sollte, und nicht leidenschaftlich und betrübt genug war, rief die Jüngste erbittert: »_Fatte le smanie, Bestia!_«
Den letzten Abend war bei Thorwaldsen Gesellschaft; unter Anderen befand sich mein Landsmann und Vetter, Historienmaler Lund dort, der meine Schwester als Kind Zeichnen gelehrt hatte, als er als Jüngling meine Eltern auf Friedrichsberg besuchte. Wir waren Alle lustig und munter. Einige sangen, und ich sang unter Anderm »Göthe's Musen und Grazien in der Mark,« nach einer alten, pathetischen Freimaurermelodie mir Rouladen und Trillern, welche dazu beitrugen, die Ironie des Gedichtes zu verstärken. Ich hatte Göthe selbst dieses Lied vorgesungen, und es hatte ihn sehr amüsirt und machte ihm besonders Spaß, wenn ich zuletzt das deutsche harte B und das weiche T gebrauchte und sang: »Wir sind pieder und nadierlich.« Er wiederholte es lachend und rief laut: »»Pieder und nadierlich, der verfluchte Däne!«« -- Hier gefiel das Lied auch, nur nicht dem Christel Riepenhausen, der sich kalt zu seinem Nachbar wandte indem er sagte: »Mir scheint die Melodie nicht passend. Was meinst Du dazu?« -- Dieß verstimmte mich natürlich. -- Ich hatte nicht gesungen, um Beifall einzuernten, sondern um mein Scherflein zu der allgemeinen Munterkeit beizutragen. -- Bald sollte ich fortreisen und diesen Kreis vielleicht nie wiedersehen, doch vergab ich ihm gern, als er am nächsten Morgen bei Tagesanbruch mich mit den übrigen Freunden, unter denen Thorwaldsen war, ein Stück Wegs zur Stadt hinaus begleitete. Koës reiste mit mir. -- Wir wollten Beide den dänischen Minister Schubart in Livorno auf Montenero besuchen. Der Weg führte durch schöne Berggegenden: Wir sahen den malerischen Wasserfall in =Terni=, kamen durch Perugia, Pietro Vanucci's (Raphael's Lehrers) Geburtsort, und sahen sein Portrait, welches die Einwohner nicht um eine ungeheure Summe hatten verkaufen wollen, so stolz waren sie auf ihren Künstler; d. h. als er todt war. Darauf kamen wir von =Cortona= und =Arezzo= (Petrarca's Geburtsort) wieder nach Italiens =Blumenstadt=, meinem Lieblings-Aufenthalte jenseits der Alpen.
Sowohl jetzt, als das erste Mal, als ich in Florenz war, bekam ich ein Sonett von einem bettelnden Dichter, in welchem stand, daß die Nymphen des Arnoflusses sich über meine Ankunft freuten. Ein solches Sonett, und wahrscheinlich dasselbe, bekommt jeder Reisende und vergilt die Höflichkeit mit dem Honorare einiger Schillinge.
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[Sidenote: Ein Unzufriedener.]
Hatte ich nun auf meiner Hinreise nach Rom einen =französischen= Kaufmann zum Reisegefährten, der unzufrieden mit dem italienischen Wesen war, und mich oft durch seine üble Laune gestört hatte, so traf ich auf meiner Reise nach Florenz einen =deutschen Dito=, der viel amüsanter war. Er schimpfte Italien noch heftiger aus als der Franzose, und brauchte noch viel beleidigendere Redensarten; aber mit viel mehr Berechtigung; es geschah nicht aus Nationalhaß, sondern, weil er kein Wort italienisch wußte, nicht das Geringste von den schönen Künsten verstand, und noch weniger als ich die Hitze ertragen konnte. Als reicher Gourmand fand er natürlich alle Wirthshäuser auf dem Wege abscheulich. Uebrigens war es ein außerordentlich freundlicher Mann, der blos um einem mitreisenden, gelehrten Freunde zu dienen, sich darein gefunden hatte, Wien zu verlassen, wo er wie im Paradiese lebte, von lauter gebackenen Hähndeln und delicaten Mehlspeisen umgeben. Nun zog er über die Alpen und schwärmte allerdings wie eine Fliege, die unversehens in eine leere Flasche gekommen ist. -- Wir trafen ihn stets in den Wirthshäusern scheltend und fluchend, indem er mit dem Taschentuche das glänzende Antlitz abwischte; denn er war sehr corpulent. Er hatte es sich allmälig bequemer gemacht; zuletzt kam er in einer dünnen, weißen Piqué-Nachtjacke und leinenen Hosen. Es würde mich gar nicht gewundert haben, wenn wir ihn die letzten Male im bloßen Hemde oder später nackt gesehen hätten. Es ging ihm, wie einem schiffbrüchigen Manne, der nach und nach Alles, und doch vergeblich über Bord wirft. Jedesmal, wo er mich in einem Wirthshause traf, fragte er mich: »was er in Italien solle?« und stets blieb ich ihm die Antwort schuldig. Man sollte nun glauben, daß, da er unaufhörlich schimpfte und fluchte, die Leute des Hauses auf ihn böse geworden wären: aber glücklicherweise geschah dies auf deutsch; sie verstanden ihn nicht und lachten über sein Benehmen, da die Italiener sehr viel Sinn für das Burleske haben. Selbst wenn er rief: »_Cattive gente!_« das einzige Italienisch, dessen er sich bediente, schlugen sie ein lautes Gelächter auf. Einige glaubten, er sei verrückt und hatten inniges Mitleid mit ihm. In Allem, worüber er sonst mit uns sprach, wenn es ihn interessirte, zeigte er einen guten natürlichen Verstand, und er war gewiß ein tüchtiger, einsichtsvoller Kaufmann. Aber er fragte immer wieder: »was soll ich in dem verdammten Lande? etwa die alten Steinbilder sehen, die da gegen allen Anstand, ohne die geringste Bekleidung stehen? in die katholische Kirche gehen, während ich doch ein guter Lutheraner bin, um ihr Lirumlarum mit anzuhören? mich von den Wirthen betrügen, von ihrem Ungeziefer beißen lassen, und ihr Gift essen?« Der gelehrte Freund suchte ihn zwar zu beruhigen und hielt ihm kleine, populäre Vorlesungen; aber das half Nichts. Erst als wir in Florenz bei =Schneider's= waren, kam er in guten Humor, lud uns zu einer prächtigen Mahlzeit ein, und zeigte sich nun in seiner ganzen Gutmüthigkeit.
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[Sidenote: Pisa und Livorno. -- Das Meer.]
Als wir ein paar Tage in Florenz gewesen waren, reiste ich mit Koës durch =Pisa= nach =Livorno=. In dem Augenblicke, wo ich hier das Meer zum ersten Male wiedersah, brach ich in Thränen aus und fühlte ganz, was der Schweizer empfindet, wenn er seine Berge wiedersieht. In Montenero feierten wir den Geburtstag der Baronesse Schubart; dieser hatte das Merkwürdige für mich, daß er auf den 10. September, also gleichzeitig mit dem meiner Mutter fiel. Meine dadurch veranlaßten Gefühle theilte ich der Baronin in einem kleinen Gedicht mit. Baron Schubart begleitete uns nach =Pisa=, wo er den Winter wohnte. Hier bewirthete er uns zum Abschiede in seinem eigenen Hause. In Pisa sah ich den =schiefen Thurm= und das _Campo santo_. Die vornehmsten Aristokraten des Mittelalters liegen hier in heiliger Erde, die auf Schiffen von Jerusalem geholt ist; und nun sind sie Würmer, gleich den Bauern, die in einfacher, italienischer Erde zu Staub werden. In den Straßen wächst hohes Gras zwischen den breiten Fließen vor den verlassenen Palästen, und die ungeheure eiserne Kette, die früher ihren Hafen sperren sollte, wurde von den Florentinern gesprengt und rostet nun beim Battisterio in Florenz. Dagegen blühen noch an den Wänden des _Campo santo_ die Bilder der ältesten italienischen Maler in jugendlicher Frische. -- Die geistige That hat doch auch Etwas zu bedeuten und überlebt die That menschlicher Gewalt, wenn sie auch für den Augenblick dieser dienen muß, und Fichte sagte wohl mit Recht von dem geistig Wirkenden: »Wir sind auch eine Macht und zwar keine geringe.«
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[Sidenote: In Florenz: Arndt, Bröndsted, Koës.]