Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2

Part 18

Chapter 183,592 wordsPublic domain

Man hatte mir sein Haus als das vorzüglichste gelobt, obgleich ich hörte, daß das von =Schneider= viel besser sei. Der Wirth in Aquila nera kam mir sehr galant, aber auch vornehm entgegen, und erzählte von allen Dänen, die bei ihm gewohnt hatten, besonders von der Dichterin Frau =Brun= und dem Minister Baron =Schubart=, der einmal die von Livorno nach Hause reisenden dänischen Matrosen bewirthet hatte, die während der Mahlzeit Hurrah riefen, daß es eine Lust war.

[Sidenote: Ein Gaunerstreich.]

In den ersten paar Tagen war ich recht zufrieden in Aquila nera. Am dritten Morgen, während ich noch halbwach im Bette lag, hörte ich den Wirth, gleich Jakob von Tyboe auf dem Gange lärmen; er trat sehr geschäftig bei mir ein und bat mich, ihm rasch 5 Louisd'or zu geben; er solle gerade in diesem Augenblicke etwas Gold auszahlen und die Juden hätten wegen des Sabbaths ihre Boutiquen geschlossen. -- Ich betrachtete es als eine große Ehre, holte meine kleine Börse und hätte ihm gern mehr gegeben. Solch' ein Mann! der über 30 Jahre der vornehmste Gastwirth in Florenz gewesen war! -- Aber er wollte nur 5 Louisd'or haben, das lohne ihm Gott! Sonst wäre ich nicht nach Rom gekommen.

Den Tag darauf wurde das Essen schlechter; ich äußerte mein Mißvergnügen darüber und sagte dem Aufwärter, daß ich mich bei seinem Herrn beklagen werde. »_Ah!_« entgegnete dieser und machte mit dem Daumen eine jener ausdrucksvollen Bewegungen, deren die Italiener so viele haben, »_il padrono va via!_« -- Und nun hörte ich, daß der Mann gerade Bankerott gemacht habe und ein Anderer ihn ablösen solle. -- Dieser Andere fing eine neue Rechnung mit mir an und von meinen 5 Louisd'or bekam ich nichts zurück. Freilich begegnete ich einmal dem früheren Wirthe auf der Treppe und erinnerte ihn; aber in seinem vorigen vornehmen Ton sagte er, ohne sich verblüffen zu lassen: »Ach mein Herr! ich habe Sie nicht vergessen; aber ich habe hier viel Geschäfte; das Haus ist groß; die Reihe wird auch an Sie kommen!« Darauf hatte ich nun keine Zeit zu warten und reiste um 5 Louisd'or leichter ab.

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Das Wetter war in der letzten Zeit immer noch schlecht. Um drei Uhr des Morgens fuhr ich am 6. April von Florenz fort. Mein alter französischer Kaufmann, den ich 14 Tage lang nicht gesehen hatte, saß wieder im Wagen und schimpfte auf das italienische Wetter. In einem Hohlwege, ziemlich fern von allen menschlichen Wohnungen, stürzte das eine Maulthier; glücklicherweise kam es wieder auf die Beine. Wir hätten hier wirklich singen können: »Das Maulthier sucht in Nebeln seinen Weg;« aber wir waren gar nicht aufgelegt zu singen und das hätte uns auch nicht getröstet.

In =Siena= sah ich die schöne alte Kirche. Unser Kutscher war ein Grobian und ein verrückter Kerl; aber ich nannte ihn doch nicht Schlingel. Außerhalb der Stadt lag ein großer Stein, über den er bald unsern Wagen umgeworfen hätte. Blaß wie eine Leiche im Gesicht und mit funkelnden Augen fing er nun an mit entsetzlichen Flüchen nicht allein alle Einwohner der Stadt, sondern auch ihre Großeltern und Urväter in die tiefste Hölle zu verwünschen.

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[Sidenote: Der Lago di Bolsena. Schneefall.]

Endlich kamen wir nach dem =Lago di Bolsena=, wo die Menschen alle gelb wie Leder im Gesicht sind, dicke wassersüchtige Wänste tragen, und gezwungen gewesen waren, der schlechten Luft wegen ihre Stadt San Laurento niederzureißen und eine andere weiter oben zu bauen, um nicht vollständig zu crepiren. -- Wir fuhren an vielen natürlichen Höhlen vorüber, die mich an Polyphem, Ulysses und Circe, Aeneas und Dido, David und Saul erinnerten. Der beständige Regen verwandelte sich zuletzt in einen Schnee, der fingerdick auf Erde und Bäume fiel. Ich glaubte nun wirklich, daß der Weg nach Tobolsk hinführt und konnte gar nicht fassen, daß wir zwischen Florenz und Rom seien. Aber mein alter Franzose wurde immer froher und froher, weil er nun mit Recht auf Italien schimpfen konnte. Auf unserer ersten Reise in den schönen Tagen, wo Alles lächelte und blühte, war er ganz ärgerlich und verstimmt; er hatte sich damals an nichts Anderes, als an die schlechte Bewirthung und an die großen Ochsenhörner halten können; nun dagegen konnte er aus Herzenslust über »_le beau sol d'Italie_« spotten, und dies erleichterte und tröstete ihn unendlich.

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In =Montefiascone= wurde wieder _magro_ gegessen. Wir fragten, ob wir denn gar nicht etwas _grasso_ erhalten könnten? Ein junger Römer, der in der Küche stand und sehr eifrig Eier aß, sagte: »Wir sind hier in einem christlichen Lande, in einem christlichen Lande ißt man am Sonnabend kein Fleisch.« Mein alter Franzose fragte ihn: »ob er denn glaube, daß wir Juden seien? er solle seine Eier essen und sich nicht um die Diät anderer Leute kümmern.« Der Italiener sagte, er hätte nur _generalmente_ gesprochen. Ich antwortete: »er würde am besten thun _specialmente_ bescheiden zu sein und _generalmente_ andere Leute essen zu lassen, was sie wollten.« Darauf ging er sehr höflich rasch seines Weges.

[Sidenote: Johannes de Fugger's Grabschrift.]

Während wir bei der schlechten Mahlzeit und bei dem noch schlechteren Weine saßen, kam ein deutscher Reisender von der Kirche, wo er das Grab eines berühmten Landsmannes gesehen hatte. Andere Zeiten, andere Sitten und hier wahrscheinlich anderer Wein. Jener deutsche Prälat reiste früher in diesen Gegenden umher, gerade um guten Wein zu finden. Wo er ihn fand, weilte er eine Zeitlang und schrieb an seine Thüre: »_Est._« Besonders in Montefiascone mußte ihm der Traubensaft geschmeckt haben; denn er hatte sich dort zu Tode getrunken und sein Diener setzte ihm folgendes Epitaph:

»_Est, est, est! Propter nimium est Hic Johannes Fugger, Dominus meus, mortuus est._«

Hätten wir viel von dem jetzigen Wein getrunken, so wäre es uns wahrscheinlich ebenso gegangen wie dem seligen de Fugger bei dem Baron von Montefiascone.

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[Sidenote: Ein Ehepaar.]

In =Ronziglione= ging der Wagen entzwei; wir dankten Gott, daß es nicht mitten auf der Landstraße geschehen war. Während der Kutscher ihn wieder mit Stricken zusammen band, suchte ich in einem kleinen Stalle Schutz vor dem Platzregen, wo ich ein Schaf und einen Esel an die Krippe gebunden fand. Meine müßige Phantasie, von Göttern und Menschen verlassen, ließ mich in diesen Thieren ein altes ehrwürdiges Ehepaar sehen. Der Esel schien mir der Mann, etwas bejahrt, mit vieler Menschenkenntniß, aber zurückhaltend und wenig sprechend, obgleich seine philosophische Miene zeigte, daß es ihm nicht an Nachdenken mangelte. Das Schaf, seine Frau, schien in ihren jungen Jahren eine hübsche Blondine gewesen zu sein; nun hatte aber ihr Teint sehr gelitten und war etwas ins Gelbliche gefallen. Sie schien nicht viel Geist zu besitzen, hatte aber ein gutmüthiges Wesen. Ich fragte den Mann, ob er die neuesten Zeitungen gelesen habe? -- Ob es wahr wäre, daß der König von Schweden abgesetzt sei? -- Er schwieg. -- Ich verdachte es ihm nicht; wer mochte wohl damals, wo das Spionirwesen so stark im Schwunge war, sich mit einem wildfremden Menschen in einen politischen Discurs einlassen? Ich gab dem Gespräch eine andere Wendung, näherte mich der Frau und lobte die italienischen Naturschönheiten. -- Sie schwieg -- vielleicht aus Bescheidenheit: vielleicht glaubte sie, es sei Spott, weil wir armen Ultramontanen so lange Zeit hindurch das elendste Wetter in Italien gehabt hatten. Darauf fing ich ein galantes Gespräch mit ihr an, lobte ihren blonden Teint und sagte: sie gliche mehr einer Nordländerin als einer Italienerin; ohne Zweifel flösse lombardisches Blut in ihren Adern. -- Sie lächelte gerührt. -- Gerne hätte ich noch länger bei diesen braven Eheleuten geweilt, die mir so durchaus die Geschichte von »Philemon und Baucis« ins Gedächtniß zurückriefen; aber -- der Wagen war mit Stricken zusammengebunden und wir mußten fort. -- Das ist das Unangenehme bei Reisen; kaum ist ein angenehmes Freundschaftsband geknüpft, so wird es bald wieder zerrissen.

Wie gern würde ich hier nun ein schönes Naturgemälde liefern, um den zarten Seelen zu gefallen, die solche humoristische Stallfütterung nicht leiden mögen und nur mit ihren Gefühlen auf schönen Wiesen zwischen Blumen und Blüthen grasen. Aber was kann ich dafür? Es regnet noch immer und der schlecht gebundene Wagen kriecht langsam wie eine Schnecke den Hügel hinauf.

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[Sidenote: Ein schönes Wirthshaus.]

Den Abend, bevor wir nach Rom kamen, klärte sich der Himmel auf und ich konnte wieder in der Abendkühle spazieren gehen, während der Wagen erst langsam nachkam. Weithin auf dem Felde sah ich das Haus, wo wir _cena_ halten sollten, und ich dachte: »Das ist wieder eins von den gewöhnlichen Hundelöchern.« Aber -- im Gegentheil -- das Haus war groß und reinlich; und was noch besser war, auf der Treppe begegnete mir die Tochter des Wirthes mit einem Gesichte, das nicht idealisirt zu werden brauchte. Aber sie verschwand gleich wieder wie eine Sternschnuppe. Als ich ins Zimmer trat und darüber nachdachte, wie ich das schöne Mädchen wieder zu sehen bekommen könnte, hörte ich Jemand auf dem Gange gehen. Ich öffnete die Thür in der Hoffnung, daß sie es sei. Aber eine ganz kleine Haushälterin stand mit einem Schlüsselbunde vor der Thür und fragte, ob der Herr Etwas zu befehlen hätte? -- Ich glaubte erst eine kleine Zwergin im Halbdunkel zu sehen, aber als sie näher trat, war es ein liebliches Mädchen von 7 Jahren, die Schwester der verschwundenen Schönen und eigentlich ein Miniaturbild von ihr. Die dunkeln Augen waren fast ebenso groß wie die des Originals; das kleine Mädchen war geputzt, denn es war Sonntag und sie hatte ein grünseidenes Tuch um den Kopf. -- Ich nahm sie auf den Schooß, küßte sie und fragte: »Wie heißt Du?« -- »»Sancta!«« antwortete sie und hob die hübsche Hand auf, um mir den Silberring an ihrem Finger zu zeigen. Als ich sie wieder losgelassen hatte, verschwand sie wie eine Elfe; bald aber kam sie mit zwei großen Weinflaschen zurück, die sie auf den Boden setzte, weil sie den Tisch nicht erreichen konnte.

Die erwachsene Schwester kam nicht wieder. Später glaubte ich sie über den Gang mit der Kleinen in ein entfernteres Zimmer gehen zu hören. Ich machte mir ein Geschäft daselbst und öffnete die Thür, um Etwas zu verlangen; hier hatte ich ein schönes Bild:

Ein hübscher dreijähriger Knabe saß auf dem Schooße der Schönen und sie kleidete ihn aus, um ihn zu Bett zu bringen. Während sie ihm das Kleidchen auszog, sagte sie ihm stückweis ein Abendgebet vor, das das Kind nachsagen mußte, um es allmälig auswendig zu lernen. Er that es halb willig aus Gewohnheit, halb verdrießlich, weil er sehr schläfrig war, und half aus allen Kräften beim Auskleiden. Eine hübsche Gruppe, und schön anzuhören! Das =Mädchen=: »Heilige Mutter Gottes!« Der =Knabe=: »»Mutter Gottes!«« Das =Mädchen=: »Ich bete --« Der =Knabe=: »»bete --«« Das =Mädchen=: »Deine himmlische Macht und Herrlichkeit an.« Der =Knabe=: »»und Herrlichkeit an!«« -- »Ist das Ihr Bruder, Jungfrau?« fragte ich. -- »Nein, Herr!« antwortete die Schöne, »es ist mein Brudersohn!« Ich hätte das Gespräch gern fortgesetzt, nun aber kam die Mutter und sagte mir, daß das Mahl auf dem Tische sei.

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[Sidenote: Die Kuppel von St. Pietro.]

»Das ist die Kuppel von St. Pietro!« rief wie gewöhnlich der Vetturin, als wir uns endlich der großen Stadt näherten, von der man von Ferne nur sehr wenig sieht, da sie tief im Thale liegt. Roms Umgebung ist eine Wüste. Wir fuhren am Abend zur _porta del populo_ hinein, an dem großen Obelisken vorbei über den Platz, in dem drei lange Straßen münden, deren mittelste der _Corso_ ist. Die schöne Welt der Stadt ging gerade spazieren; es that mir leid, daß wir so bald in eine Seitengasse einlenkten, um nach einem Gasthofe hinzufahren. Von Rom ist bereits so viel erzählt worden, daß es thöricht sein würde, wollte man eine Lebensbeschreibung mit römischen Bildern anfüllen.

Der Ort selbst, die Ruinen und Statuen aus der antiken Zeit, die Paläste und Gemälde aus dem Mittelalter, die südliche Natur, das Volk, die Menge fremder Künstler und Reisender, die blühenden Weiber, Alles vereinigt sich, um Rom interessant zu machen. Aber man muß das Alterthum und die Kunst lieben, wenn man sich hier recht unterhalten soll; denn Rom hat nur wenig von den Vergnügungen einer Hauptstadt, die Carnevalszeit ausgenommen, und die war vorüber.

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[Sidenote: In Rom; Thorwaldsen. -- Die Gebrüder Riepenhausen.]

Wir hatten in den ersten Wochen schlechtes Wetter und der Scirocco blies oft heiß. Ich suchte gleich meinen Freund Koës auf, der hier ein ganzes Jahr gewesen war und ging mit ihm nach Thorwaldsen's Werkstatt. Wie froh erstaunte ich nicht, als ich seinen Jason und alle die herrlichen Werke sah. Ich kannte bisher Nichts von seinen Arbeiten und hatte ihn selbst nie gesehen. Wie ich nun vertieft in der Betrachtung dastand und endlich das Auge nach der Seite hinrichtete, bemerkte ich einen ziemlich schlecht gekleideten Mann mit einem regelmäßigen, geistvollen Gesichte, schönen blauen Augen, mit thonbespritzten Stiefeln, der neben mir stand und mich aufmerksam betrachtete. »Thorwaldsen!« rief ich. »»Oehlenschläger!«« rief er. Wir umarmten und küßten einander und von dem Augenblicke an war die Brüderschaft geschlossen. Ein unbeschreibliches Gefühl durchströmte mich. Ich dachte an unsere barbarischen Voreltern, welche früher ohne Kunstsinn Rom so oft zerstört hatten. Nun umarmten zwei dänische Künstler sich, deren Einer mit den edelsten Griechen sich messen konnte; und in der Brust des Jüngern brannte wenigstens eine kräftige, liebevolle Flamme und jugendlicher Muth, um etwas mehr als das Gewöhnliche zu versuchen. Thorwaldsen und ich gingen seitdem täglich um, und damit wir uns um so seltener zu trennen brauchten, gaben wir uns bei den Malern =Riepenhausen= in Kost, welche versprachen, uns für billige Bezahlung das Mittagessen zu besorgen. In den Brüdern Riepenhausen fand ich Männer von Talent, besonders in =Christel=, dem Jüngeren. Sie führten jedes Werk in brüderlicher Vereinigung aus. Damals malten sie eigentlich nicht, sie zeichneten mit schwarzer und weißer Kreide ihre eigenen Compositionen. Sie hatten viele Copieen von alten italienischen Bildern gemacht und man durfte sich nicht darüber wundern, wenn sich zuweilen in ihre Ideen einige Reminiscenzen mischten. Uebrigens waren sie Anhänger der neuen Schule und wir stimmten also nicht immer in unseren Ansichten überein. Thorwaldsen achtete ihr Talent, ohne gerade mit ihnen zu sympathisiren. Einmal als er Mittags mit mir hinkam, lag eine neue Zeichnung von ihnen auf dem Tische. Thorwaldsen betrachtete sie aufmerksam. »Wie findest Du es, Thorwaldsen?« fragte Christel bescheiden -- »»Es ist sehr hübsch.«« -- »Findest Du keinen Fehler darin?« -- »»Hm!«« -- Christel gab ihm die schwarze Kreide in die Hand; und nun markirte er mit ein paar kühnen Strichen Beine, Kniee, Füße, Ellenbogen und Hände der Figuren, und dadurch hatten sie in einem Augenblick, ehe die Suppe auf den Tisch kam, viel gewonnen.

[Sidenote: Ihre Bedeutung als Maler.]

Thorwaldsen hatte seinem Vaterlande zu danken, daß er bereits als Knabe unter dem ausgezeichneten =Abildgaard= vortrefflich =zeichnen= gelernt hatte, der nicht viel productives Genie besaß, aber das Technische verstand. Später brachte der Meister selbst es zur Vollkommenheit sowohl in der wahren, als in der schönen Natur. Riepenhausen's hatten nie richtig zeichnen gelernt und gewöhnten sich erst nach und nach durch practische Uebung daran, ohne es darin doch weit zu bringen. Sie hatten auch nie malen gelernt. Aber Christel hatte Genie, und das weiß immer trotz Hindernissen und Mängeln durchzudringen. Wenn man eine gerade Linie durch die Bilder der Brüder zog, welche sie in einen obern und untern Theil trennte, so war der obere Theil stets ungleich besser, als der untere, denn die =Köpfe= konnten sie zeichnen und in diese legten sie den poetischen und characteristischen Ausdruck, der die Verdienste ihrer Bilder ausmachte. An die Köpfe schlossen sich die Schultern und Oberkörper einigermaßen gut an, aber das Untere war oft ganz verzeichnet und die Figuren standen gewöhnlich schlecht auf ihren Füßen. Einmal saß ich bei Christel, als er eine weibliche Figur malte. »Den Fuß müssen Sie kleiner und hübscher machen,« sagte ich. -- »»So?«« -- »Noch mehr!« -- Endlich wurde der Fuß nach meinem Wunsch, und Christel mußte gestehen, daß ich Recht hatte. Ich wunderte mich darüber, daß er sich so hatte verzeichnen können; denn mir schien, als ob Das, was ich bemerkt hatte, Jedem auffallen mußte, der einen Blick für schöne, edle Formen hatte.

Thorwaldsen zeigte mir viele Kunstwerke, und es freute mich, daß er mir in meinen Ansichten über diese Recht gab, indem er mich zugleich lehrte, das Technische besser zu verstehen. Ich las ihm mehrere meiner Gedichte vor und sie gefielen ihm.

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[Sidenote: Zusammentreffen mit der Dichterin Brun.]

Die Dichterin Frau =Brun= traf ich mit ihren Töchtern =Ida= und =Auguste= und ihrem Sohne =Carl= wieder in Rom. Dieser Letztere verließ uns bald nach meiner Ankunft, und reiste wieder nach Hause. Ich fuhr oft mit den dänischen Freundinnen aus und sah die Merkwürdigkeiten der Stadt. Die gute Frau Brun lebte ganz mit Leib und Seele in der antiken Welt, kannte jeden alten Steinhaufen, jede Ruine, und es war mir außerordentlich lieb, durch ihren beredten Mund Vieles auf leichte, angenehme Weise zu lernen. Ich selbst hatte, wie der Leser weiß, keine sonderliche Lust, in der Mittagshitze nach allen Sehenswürdigkeiten umher zu laufen. Thorwaldsen ging es ebenso. Wenn die Rede auf dergleichen Dinge kam, pflegte er zu sagen: »In dem ersten Jahre, in dem ich hier war (also vor 20 Jahren) besah ich auch Alles; jetzt kann ich Dir keinen ordentlichen Bescheid darüber geben.« In den großen schönen Kirchen, im Vatican und in der Bildergalerie ging ich oft umher, wenn ich es in der Kühle und Ruhe thun konnte. Nun fuhr ich auch mit Frau Brun aus und bekam dadurch Vieles zu sehen, was sonst wohl nicht geschehen wäre. Aber ich war ihr nicht eifrig genug in meiner Liebe zu den alten Steinhaufen, und deßhalb neckte mich meine Freundin oft scherzend, und ich sie wieder, wenn sie mir zu begeistert vorkam.

[Sidenote: Das Coliseum.]

Eines Abends traten wir zusammen ins =Coliseum=. Es fing an dunkel zu werden; die Sterne funkelten am Himmel und die Johanniswürmchen in den Büschen. Der Mond warf sein bleiches Licht auf die ungeheure Ruine, wodurch das Ganze erst sein Relief erhielt. Frau Brun war entzückt, und das mit Recht. Das Bild war malerisch und groß. Aber ich war in diesem Augenblicke von einem Dämon des Uebermuths besessen, und es machte mir Spaß, ihrer Begeisterung mit Spott und Satyre zu begegnen, vielleicht auch nur, um die schöne Ida zum Lachen zu bringen, die oft hiergewesen war, heute nicht ernst gestimmt schien und zuweilen den Scherz den Alterthümern vorzog. »Oehlenschläger!« sagte die Mutter, indem sie die hohen Mauern mit Epheu in den Oeffnungen, durch die der Mond schien, betrachtete, -- »ist es nicht göttlich?« -- »»Ja!«« entgegnete ich; »»aber noch schöner muß es gewesen sein, als die 12,000 gefangenen Juden mit Schlägen dazu getrieben wurden, dieses Theater in größter Eile aufzubauen; als (fuhr ich ernster fort) die von wilden Thieren zerrissenen Gladiatoren mit eisernen Haken durch die Todespforte geschleppt wurden. Mir kommt das Ganze wie eine ungeheure Richterstätte vor.«« -- Meine Freundin lächelte gutmüthig; sie sah bei einem Manne gern eine gewisse ironische Laune, wenn diese auch ihrem weiblichen Gefühl wiedersprach; und sie sagte nur später zu Ida: »Der Oehlenschläger ist doch ein wunderlicher Gesell; in dem ganzen, schönen, großen Coliseum sieht er Nichts, als eine Mördergrube.« -- »»Ach, Mama,«« antwortete Ida, »»das sagt er ja nur so; er fühlt es ebenso gut, wie wir.««

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[Sidenote: Der Kirchenstaat als französische Provinz.]

Merkwürdig war es für mich, daß ich gerade nach Rom kam, als die große Staatsumwälzung stattfand, als =Miollis= Commandant war. Auf dem spanischen Platze hörte ich einen französischen Officier in einem Kreise von Soldaten verlesen, daß von nun an der Kirchenstaat eine französische Provinz sei. Die Römer standen eng im Kreise umher, und hörten es an, blaß wie die Leichen, mit glühenden Augen. -- »_A il scelerato! a il maledetto!_« hörte ich in der Nähe Mehrere ziemlich deutlich über Napoleon flüstern.

Pius VII. wurde in der Nacht vom 6. Juli durch die Franzosen aus dem Palast geholt und fortgebracht. Sie krochen durch die Fenster zu ihm hinein, und hoben ihn wieder zu den Fenstern heraus, um keinen Lärm zu machen, Christenblut zu schonen, und den Schweizern die Mühe zu ersparen, ihn zu vertheidigen. Ich bekam deshalb den Papst gar nicht zu sehen. Uebrigens war Alles ruhig in Rom; sogar ruhiger und sicherer, als gewöhnlich, weil die Franzosen eine bessere Polizei einführten. Sobald es am Abend dunkel wurde, mußte man mit einer Laterne gehen, sonst wurde man arretirt. Die papiernen Laternen waren billig; aber eines Abends, als ich spät nach Hause ging, fiel das Licht in meiner Laterne um, zündete das Papier an, und im Augenblicke war sie verbrannt. Glücklicherweise begegnete ich der Wache nicht, sonst hätte sie mich ins Gefängniß geführt.

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Ein starker Schnupfen plagte mich sehr, und ein junger, deutscher Arzt rieth mir, ein kaltes Bad statt eines warmen zu gebrauchen. Dies nahm ich buchstäblich. Ein kaltes Marmorbecken in einer kalten Badestube füllte ich mit eiskaltem Wasser und sprang hinein. Die Folge davon war, daß mich beinahe der Schlag getroffen hätte, und daß ich gleich wieder heraus mußte. Ich war so matt, daß ich mich kaum ankleiden und nach Hause schleppen konnte. Ich blieb auf dem spanischen Platze in der Mittagssonne stehen, bis der Schweiß ausbrach, und der hat mich vermuthlich gerettet. Als ich nach Hause kam, warf ich mich aufs Bett und schlief mehrere Stunden fest. Nun erwachte ich und es war mir so leicht zu Muthe, wie einem Vogel in der Luft. Aber noch ein anderes kaltes Bad, unter dem der Tod lauerte, sollte ich versuchen, ehe ich Italien verließ.

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[Sidenote: Ein Wassertanz.]

Bei Riepenhausen's versammelte sich nach und nach eine größere Anzahl junger deutscher Künstler und Gelehrter: =Beaulieu=, =Kestner=, =Mayer= aus Hannover und =Schlosser= aus Frankfurt. Mit Einigen von diesen und mit Koës machte ich eine Lustfahrt nach =Tivoli=, um die Ueberreste von Horaz'-Bad, die Hadrianische Villa und besonders -- den berühmten Wasserfall zu sehen.

Zu diesem Wasserfalle muß man über einen schmalen Fußsteig ohne Geländer gehen. Linker Hand stürzt der Strom in einen bodenlosen Abgrund, auf der Rechten ist er ein kleines stillstehendes Wasser. Wenn man hinübergekommen ist, sieht man den unendlichen, schneeweiß schäumenden Fluß sich aus der Höhlung herauswälzen. Ein seltenes, schönes und feierliches Bild!