Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2
Part 16
Eines Tages gingen wir auf der Landstraße zwischen Coppet und Genf spazieren. Ich hatte meinen Correggio im Kopfe und theilte ihm den Plan mit. Ich hatte gehört, daß auch er an einem neuen Stücke schreibe, und bat ihn, mir den Inhalt zu sagen. Wir waren unterdessen nach Hause gekommen. »Nein, verzeihen Sie mir, lieber Freund!« sagte er, indem er eine Prise nahm, »das kann ich nicht! Ich habe bereits so oft Andern meine Pläne erzählt; aber das kommt in Wochenblätter und Journale, und hat mir vielen Verlust bereitet.« -- Ich hatte mich bereits so sehr an sein wunderliches Wesen gewöhnt, und er sagte mir das so gutmüthig und naiv, daß ich ihm nicht darüber zürnen konnte; ich scherzte über seine Weigerung und wiederholte mein Verlangen.
In demselben Augenblicke trat Frau von Staël in das Zimmer und fragte, wovon die Rede sei. Ich antwortete lachend: »Ich schelte Werner! Ich habe ihm =meinen= Plan zu einer neuen Tragödie mitgetheilt, und nun will er mir nicht den des Stückes mittheilen, das er zu schreiben beabsichtigt. Ist das nicht unrecht?« »»Ah!«« antwortete sie ganz ernst und in zurechtweisendem Tone, -- »_c'est une autre chose! Vous êtes encore jeune; vous avez besoin de vous former!_« Ohne zu antworten, wandte ich ihr den Rücken und verließ das Zimmer. Sie wartete, daß ich wieder kommen würde; endlich sandte sie mir einen Diener nach, der erzählte, daß ich einpacke, um abzureisen. -- Nun suchte sie mich sehr freundlich auf, bat mich zu bleiben und nicht böse zu sein. »»Ich wüßte ja, wie sehr sie mich achte; Werner habe sie seiner Gedichte wegen lieb, für mich aber fühle sie persönliche Freundlichkeit.«« -- Ich antwortete, »daß ihre Freundschaft mich ehre und freue, und wenn ich noch Nichts weiter sei, als ein hoffnungsvoller Jüngling, so müsse dies mir genügen; aber ich hätte bereits ebenso lange und ebenso viel, wie Werner gedichtet; ich glaubte nicht, von ihm Etwas lernen zu können; er habe Genie und ein gutes Herz, aber keinen gesunden Geschmack; und wenn das so fortginge, so würde er zuletzt auch den gesunden Menschenverstand verlieren. Ich könne nicht verlangen, daß sie mich als Dichter schätzen solle, da sie noch nichts von mir kenne, nur möge sie auch deshalb ihr Urtheil über meine dichterische Berechtigung bis auf Weiteres aufschieben.« -- Sie gab mir Recht; und so wurde der Frieden geschlossen. -- Kurz darauf las sie Aladdin und Hakon Jarl und fand nun selbst, daß ich nicht nöthig hätte, bei Werner in die Schule zu gehen.
[Sidenote: Gedenkblatt von Zacharias Werner.]
Werner fühlte wahrscheinlich dasselbe, und in meinem Stammbuch gab er mir (nun seiner Ansicht nach ebenbürtig) folgende Satisfaction:
»Wir Söhne von dem fernen Norden Sind hoher Lust gewürdigt worden, Zu schaffen vor der Menschen Schaar, Was lebend, dauernd, schön und wahr. Gesellt durch gleichen Ruf und Meister, Zieh'n gleichen Theils theilhafte Geister, Wir, ob getrennt der Pfad auch scheint, Zu gleichem Ziel, das uns vereint.«
Das schreibt mit redlichem Gemüthe der sich Ihrer, als eines gleichgesinnten, mit schöner Kraft ausgerüsteten Mitarbeiters erfreut, zur Erinnerung und Befestigung unseres Vereins. _Quod Deus bene vertat!!!_
Der Winter näherte sich, und Frau von Staël stellte mir vor, wie unklug es sein würde jetzt nach Italien zu reisen. Ich sollte den Winter über bei ihr bleiben, mir einen italienischen Sprachlehrer nehmen, und erst zum Frühjahre über die Alpen geben. -- Ich blieb.
Ich übersetzte in diesem Winter =Axel und Walborg=, und Werner half mir brüderlich dabei, das Stück der Sprache wegen durchzusehen. Er lobte es sogar auf seine eigenen Kosten.
»Wenn ich nun so ein Stück geschrieben hätte,« sagte er lächelnd, -- »so würde ich einzelne Partieen brillanter ausgearbeitet haben, um die sogenannten =schönen Stellen= hervorzuheben. Der Erzbischof würde mehr zu sagen bekommen haben. Sie haben auf das Ganze gesehen, ohne Vorliebe für das Einzelne, und daran thaten Sie recht.«
[Sidenote: Der Bildhauer Tieck.]
Auch einen andern Mann von Talent lernte ich in Coppet kennen, den Bildhauer Tieck, den Bruder des Dichters, der uns Göthe's schöne Büste geschenkt hat. Während er in Coppet war, vollendete er auch die Büsten der Frau von Staël und Schlegel's.
Im strengsten Winter reisten wir alle nach Genf; und hier schaffte Frau von Staël Denen von uns Zimmer in der Stadt, welche in dem Hause, in dem sie wohnte, nicht Platz finden konnten.
Eines Abends überraschte es mich, Schulz's herrliche Musik zu den Gesängen in Racine's Athalia bei ihr zu hören. Ich begriff nicht, wie diese nordischen Herzenstöne so weit nach dem Süden hinabgekommen seien. Später hörte ich, daß meine Landsmännin, die Dichterin Friderike =Brun=, Schulz's große Freundin, die Musik einige Jahre vorher nach Genf gebracht hatte. Frau Brun war sehr beliebt hier, besonders von Bonstetten und Frau von Staël; ihr Aufenthalt in Genf mit der liebenswürdigen =Ida= stand noch in frischem Andenken.
[Sidenote: Der Frau von Staël Haus in Genf.]
In Frau von Staël's Hause war, wie gesagt, ewige Lustigkeit, wenn auch nicht eben immer Freude. Fast jeden Tag waren da prächtige Diners und am Abend Soupers. Ich habe kein Haus gekannt, in dem es so flott zuging. Sie war ungeheuer reich, bekam außerdem ein außerordentlich großes Honorar für ihre Schriften, liebte selbst das gute Leben, und fühlte sich sehr wohl am Ende des Tisches, mit dem Mandelzweige Aaron's in der Hand, der sich am besten dazu eignete, die Tafeln des Testamentes zu schreiben; das war das Katheder, auf dem sie Vorlesungen hielt, und ihre politischen und ästhetischen Verordnungen für eine Schaar ausgezeichneter Männer ausgab, welche -- wenn auch nicht immer schwiegen und zugaben -- doch wenigstens schwiegen und einnahmen.
Ich konnte jedoch dieses Leben nicht aushalten. Mittags ließ ich es gelten; aber an dem Nachspiele am Abend in die Nacht hinein mochte ich nicht mehr Theil nehmen; ich sehnte mich darnach, allein zu sein, zu lesen. (Des Morgens früh schrieb und dichtete ich, oder ging spazieren.) Ich blieb also in meinem Logis zu Hause, obgleich mir angesagt wurde, mich in den Soirée'n einzufinden. Aber mein eigenes Local war nun natürlich sehr verschieden von den brillanten Salons der Baronesse. Ihr Haushofmeister hatte es mir in größter Eile ohne weitere Rücksicht auf meine Bequemlichkeit verschafft, als wir in die Stadt zogen. Es war ein großes, zugiges Zimmer mit einem Kamin und einem offenen Alkoven. Die Winter können in dem kalten Genf, wo der Wind beständig von den Bergen weht, sehr kalt sein, und dieser Winter war besonders hart. So viel ich auch in den ungeheuren Kamin hineinfeuerte, es half doch Nichts. Endlich fiel es mir ein, mir eine große spanische Wand anzuschaffen. Mit dieser hegte ich einen kleinen Platz vor dem Kamin ein, so wie Robinson Crusoë eine hohe Hecke vor seiner Höhle machte; und wenn ich so fast mit den Füßen und dem halben Körper im Kamin bei dem großen Feuer saß, konnte ich es aushalten. Ich hatte bereits einen Theil des Plutarch, und die ganze Jung-Stilling'sche Gespenstertheorie mit belegenden Spukgeschichten gelesen, ehe ich die Folgen dieser meiner Situation erkannte. Aber als ich am Morgen die Strümpfe anziehen wollte und meine beiden Schienbeine ansah, waren sie voll großer brauner Flecke, und ich hatte die Haut, ohne es zu merken, am Kamin verbrannt. Ich kann also in Wahrheit sagen, daß ich gebraten wurde, ohne warm zu werden.
[Sidenote: Das gesellschaftliche Leben in Genf.]
Wie ich mir später half, weiß ich nicht mehr; dagegen entsinne ich mich, einer andern schnurrigen Begebenheit, die mir in diesem Orte begegnete. Ich war auf einem Ball gewesen, wo Genfs ganze -- wahrscheinlich =vornehme= Jugend versammelt war. Wenn auch gleich Genf eine Bürgerstadt ist, so giebt es doch wohl wenige Städte, in denen das hochmüthige Kastenwesen lange Zeit hindurch mit größerer Pedanterie beobachtet wurde, als hier. Als Fremder, als Dichter, als ein Freund der Frau von Staël wurde ich natürlich überall eingeladen. Aber es ging mir hier so, wie in Berlin mit Reichardt; ich begleitete die Baronesse Staël und bekümmerte mich nicht weiter darum, zu wem ich kam. Ich machte keine Visiten, und außer dem Namen =Pictet= habe ich alle die übrigen vergessen. Auf diesem Balle wunderten die jungen Damen sich darüber, daß ich nicht tanze, und wollten mir gar nicht glauben, als ich versicherte, ich könne nicht tanzen. Es wurde sehr rasch gewalzt. Dieser Tanz schien mir leicht zu erlernen zu sein; ein Bekannter versicherte mir, daß Nichts leichter sei, und versprach mir einen vortrefflichen Tanzmeister zu senden, der mir in wenigen Stunden die nöthigen Pas beibringen würde, so daß ich bei dem nächsten Balle an dem allgemeinen Vergnügen Theil nehmen könne.
[Sidenote: Der Tanzmeister.]
Der Tanzmeister kam am nächsten Morgen. Hoffmann hatte damals noch nicht seine berühmten Berliner-Thee-Pumpernicker-satanischen Gespenstergeschichten geschrieben; aber man hätte glauben sollen, daß dieser kleine, magere, braune, spitznäsige, leichtfüßige Piemonteser bei dem Urtypus Modell gestanden hätte, der sich als Triebrad in Hoffmann's Schriften bewegt. Mit der Violine unterm Arm, machte er mir die bekannten dämonischen, ironischen Verbeugungen und forderte mich gleich auf, den Walzer anzufangen, nachdem er mir die Pas gezeigt hatte. Kaum hatte ich angefangen, als ich zu meinem Schreck, indem ich über die Straße hinüberblickte, eine Menge Mädchenköpfe in den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses entdeckte. Daselbst war nämlich ein Mädcheninstitut, und nun eilten diese lieben Kinder natürlich, um das Wunder, den nordischen Bären, oder Dichter, was er war, in seinem dreißigsten Jahre tanzen lernen zu sehen. Ich kann darauf schwören, daß es dunkel vor meinen Augen wurde. Das Erste was ich that, als ich wieder zur Besinnung kam, war, daß ich den großen Schirm vornahm, und dadurch mit Hülfe des Tanzmeisters die Fenster verschanzte. Hierdurch entstand ein künstliches Halbdunkel, in dem der Hofmann'sche Dämon mit der Violine am Kinn und der grinsenden Miene sich noch diabolischer ausnahm. Kaum hatte ich ein paar Wendungen gemacht, so wurde mir schwindlich (ich kann es durchaus nicht vertragen, mich so zu drehen). Die Angst, mich vor den Mädchen drüben lächerlich zu machen, trug gewiß auch ihr Theil dazu bei, -- und da dies Alles nun noch von dem maliciösen Bogenstrich meines Paganini begleitet wurde, so prallte ich gegen die Kante des Kamines an, und hätte mir beinahe die Hirnschale eingeschlagen. -- Kaum war ich gerettet und wieder zu mir selbst gekommen, so griff ich in die Tasche und nahm den Louisd'or heraus, um den wir für den Unterricht eines Monats einig geworden waren, reichte ihn ihm, dankte für gütige Unterweisung, und versicherte auf das Bestimmteste, das hiermit unsere Lehrstunden vorüber seien. Ohne die geringsten Einwendungen zu machen, nahm der Kobold das Goldstück mit seinen schwärzlichen magern Fingern, verbeugte sich tief und verschwand.
* * * * *
[Sidenote: Gedenkblätter von der Staël, Sismondi und Constant.]
Als der Frühling kam, und die Vögel wieder umherflatterten, breitete auch ich meine Fittige aus, um über die Alpen zu fliegen. Die Jungfrau, jenseits des Genfersee's, hatte bereits, gleich einer schönen, kalten Blondine, lange mit mir aus der Ferne coquettirt, und trotz ihres geheimen Pflegmas, Oel ins Feuer gegossen; denn wenn ich sie liebevoll ansah, war es mir immer, als ob sie ebenso auf mich blickte. Ich nahm Abschied von Frau von Staël-Holstein, und sie schrieb in mein Stammbuch:
»_I'introduis pour la première fois le français dans ce livre; mais bien que Goethe l'ait appellé une langue perfide, j'espére, mon cher Oehlenschläger, que vous croirez à mon amitié pour vous, et à ma vive estime pour l'auteur d'Axel et Valborg._«
Sismondi schrieb hinein:
»_Vas, Poète! voir l'Italie; C'est la terre des souvenirs, Des arts la brillante patrie, Le trône enchanté des plaisirs. Mais aussi au rives de Tibre Pense, qu'un peuple, grand et libre, Fonda l'éternelle cité. Vois ses murailles entrouvertes, Ses palais, ses places désertes. Tout meurt avec la liberté._«
Benjamin Constant schrieb:
»_Un sublime essor te ramène A la cour des soeurs d'Apollon; Et bientôt avec Melpomène Tu vas d'un nouveau Phénomène Enrichir le sacré vallon._
Zum Andenken der freudigen, mit einander genossenen Tage.«
Darauf reiste ich am 1. Mai 1809 auf der Diligence durch =Anecy= nach =Chamouny=. Hier schlief ich in einem schlechten Zimmer, in einem Bett, wo, wie man mir erzählte, ein junger Reisender kurz zuvor geschlafen hatte, und später auf dem Wege von Räubern ermordet wurde. Ich legte mich doch ohne Furcht zur Ruh, und dachte: »Wo die Räuber vor Kurzem gewesen sind, kommen sie nicht bald wieder.«
Am nächsten Morgen früh um zwei Uhr fuhr ich weiter, konnte nicht sehen, wer im Wagen bei mir saß und setzte den Schlaf ununterbrochen fort. -- Als ich erwachte, wunderte ich mich über meine Reisegesellschaft. Mir gegenüber saß Aladdin mit seiner Mutter Morgiane. Aber Aladdin aus der ersten Periode, ein kleiner, dicker, fetter, rundwangiger Junge, der all' die Aepfel und Zwiebacke aß, welche die Mutter in der Tasche hatte, und beständig lustig und unartig war, während sie mit einem traurigen Gesichte da saß, in dem dünnen Kattunmantel fror, und ängstlich daran dachte, wo das Brot herkommen solle, wenn das gegessen sei, woran der Knabe noch mit vollen Backen kaute, während er versicherte, daß es sehr gut schmecke.
[Sidenote: Reise durch Savoyen.]
Wir kamen durch =Savoyen=, einem langen, schmalen, von schwarzen Felsenwänden eingeschlossenen Schornstein, wo die Jungen sich darin üben, horizontal zu klettern, bevor sie es in Paris perpendiculär versuchen. Ich hatte gerade kurz vorher in Genf Dalayrac's Singspiel, die zwei kleinen Savoyarden gesehen, und in vielen hübschen Jungen glaubte ich meine Freunde Pietro und Joseph wiederzuerkennen. Eine große, gekräuselte Wolke flog hoch in der Luft über das Thal hin; sie schien mir der herrliche Held Prinz Eugen mit dem Federhut, der Allongenperücke und dem gezogenen Schwerte zu sein.
Lange Zeit begegneten wir nichts Anderm, als unter ihrer Bürde seufzenden Eseln und Eseltreibern; endlich galloppirte ein französischer, stolzer Kriegsmann, mit sonnenverbranntem Angesicht an uns vorüber. Ich fing an, Betrachtungen über den Unterschied zwischen diesen Menschen anzustellen, als ein Eseltreiber sich der Diligence näherte und mit klagender Stimme bat, dem Franzosen um Gotteswillen zu Hülfe zu kommen; denn er sei vom Pferde gestürzt und habe sich den Kopf gefährlich verletzt. Der Mann lag wirklich unfern davon ohne Bewußtsein da. Als er endlich wieder zu sich selbst gekommen war, fing er an bitterlich zu weinen, und beklagte seine junge Frau, die ihn so früh verlieren solle. -- Bald entdeckte ich, daß er betrunken, daß Das, was ich für Sonnenverbranntheit gehalten, Branntweinsröthe sei, und daß ihn mehr der Rausch, als seine Wunde incommodirte. Wir nahmen ihn mit in den Wagen, und brachten ihn zu seiner Frau in die Stadt. Sie wunderte sich nicht sehr über diesen Zufall und ist wahrscheinlich daran gewöhnt gewesen, ihren Mann oft mit Beulen und Wunden nach Hause kommen zu sehen.
[Sidenote: Eindruck der savoyischen Alpen.]
Wie erstaunt war ich, als ich am nächsten Morgen früh, da ich die Augen aufschlug, mich mitten im Winter unter Eis und Schnee sah. Ich hatte bereits schöne Frühlingstage in Genf erlebt; hier auf dem =Mont Cénis= war es wieder Januar.
Nichts von Allem, was ich auf meiner Reise gesehen habe, machte einen so tiefen Eindruck auf mich, wie die Alpen: sonst hatte die Phantasie mir stets im Voraus schon ein Bild des Gegenstandes entworfen, das stets übertrieben war; und deshalb mußte mich erst eine genaue Bekanntschaft mit dem Gegenstande dahin führen, die schöne Wirklichkeit den nebelhaften, grenzenlosen Träumen vorzuziehen. Aber hier hatte die Phantasie nicht übertreiben können; denn die Natur war gewaltiger und wilder, als die Geburt der unbändigsten Phantasie; und die ungeheure Kraft der Wirklichkeit ließ alle Nebel, wie die schwachen Schatten vor dem Lichte verschwinden. Die Granitphantasieen des Schöpfers machten mich in heiliger Ehrfurcht beben. Mein eigener Körper erschien mir, von all' diesen festen Felsenblöcken umgeben, so locker und los zusammenzuhängen, daß ich fast nicht wagte, meine Glieder zu bewegen, aus Furcht, daß sie wie wurmstichiges Holz auseinanderfallen würden. Hier war keine Spur der Geschichte; seit Jahrtausenden war Nichts verändert. Nur der herrliche, bequeme Weg, der Italien mit Frankreich verbindet, schlängelte sich die Klippen entlang, bald wie eine Terasse am Abgrunde aufgeführt, bald als Höhle durch den Fels gebohrt; Napoleon's merkwürdigstes Denkmal, unvergänglich, wie die Pyramiden des Nils, und eben so nützlich, wie diese eitel und unnütz.
Aber ich dachte auch an andere Helden, während ich die fernen, dunkeln Flecke auf der Steinwand betrachtete, die wie Moos aussahen, aber ungeheure Tannenwälder waren. Auch meiner Voreltern, der Cimbern, Teutonen, Longobarden, Gothen gedachte ich; auch des tapfern Hannibal. Alle klommen diese Alpen hinauf und glitten dann an ihren Schilden hinab, ohne einen andern Weg zu haben; aber Viele blieben auch liegen.
[Sidenote: Auf italienischem Boden.]
Unser Schlitten glitt schnell von dannen, und ich machte in Gedanken die ganze Reise mit dem Grafen Benjowsky und seinem Verfasser Kotzebue nach Sibirien mit. Aber ich lachte mir doch ins Fäustchen; denn ich wußte, daß mein Sibirien Italien, mein Tobolsk und Kamtschatka, Florenz und Rom sei. Hoch oben auf der Bergstraße steht ein Haus, wo der Commandant die Pässe durchsieht, und fromme Mönche Punsch und Kaffee den Reisenden ohne Bezahlung darbieten. Es ist schön, in der ungastfreien Natur solch eine menschliche Gastfreiheit zu finden, gewöhnlich ist's umgekehrt. Doch genoß ich diese Gastfreiheit nicht; ich zog es vor, sitzen zu bleiben und in meinem warmen Pelz zu schlafen. Später ging es rasch bergab. Der Schnee hörte nach und nach auf. Der Abend war außerordentlich schön, die nackten Steinmassen wichen zurück; die Vegetation begann mit doppeltem Blühen, und der Gedanke: »Nun bist Du in Italien, wo die Citronen blühen, und die Goldorangen glühen,« setzte Allem die Krone auf. Es schien mir, nachdem diese gewaltige Scene überstanden war, als ob sich nach und nach eine neugeschaffene Erde aus dem öden Chaos erhob. Dort landete Noah in der Arche auf dem Ararat; bei jener Höhle saßen Deucalion und Pyrrha unter dem Baume. Hier spielten Baldur und Vidar mit den im Grase gefundenen Würfeln, und der frühere Kummer und die Beschwerden des Lebens schienen ihnen, wie ein verschwundener Traum.
[Sidenote: Eine prosaische Ansicht. Turin.]
Ein altmodischer, französischer Kaufmann saß bei mir im Wagen. »Welch ein Werk!« rief er aus, »welch' ein Meisterstück!« Ich glaubte, er meine die Natur und Schöpfung, er aber meinte nur den Weg. Er war ärgerlich über die Italiener und konnte nichts Italienisches leiden. Stets schwieg er, wenn ich begeistert bewunderte, bis wir ins Thal kamen und einigen Kühen mit großen Hörnern begegneten. »Seh'n Sie mal, mein Herr!« rief er, »wie monströs Alles in diesem verfluchten Lande! wie übertrieben! -- Die Leute haben hier gar keinen Geschmack.« -- »»Aber was wollen Sie denn in Italien, mein Herr?«« -- Er zuckte mit den Achseln und seufzte: »Geschäfte!« -- »»Freilich,«« dachte ich, »»dann muß man zuweilen mit Geschmacklosigkeit und großen Hörnern vorlieb nehmen. -- Sollten Sie wohl glauben,«« sagte ich nach einigem Schweigen, »»daß es einmal Menschen gab, die diese Berge überstiegen, als noch gar kein Weg vorhanden war?«« »Das sind dann wohl einzelne Wagehälse und Engländer gewesen.« -- »»Nein, ganze Nationen!«« -- »Das muß dann in den fabelhaften Zeiten geschehen sein!« sagte er mißtrauisch.
In Turin hätte ich mich beinahe verirrt, weil alle Häuser und Straßen da einander gleichen; es ist Alles sehr prächtig, aber monoton und menschenleer. Ich ging ins Theater; das hatte nicht viel zu bedeuten. Am nächsten Tage besah ich das große Opernhaus zum Ersatz, weil keine Oper gegeben wurde. Ich guckte in den finstern ungeheuren Raum hinein. Um mich etwas zu amüsiren, zeigte man mir die Maschinerie. Das half nicht viel. Mein einziger Trost war eine große Trommel, auf der ich einige Donnerschläge und Kanonenschüsse, wie ein zweiter Jupiter oder Napoleon, anbrachte. -- Draußen regnete es. Hier fand ich zwar die Sonne wieder; aber unecht vergoldet, in einen Winkel hingeworfen und ihre zerrissenen Pappstrahlen mit Staub bedeckt. -- Darauf zeigte man mir ein Druckwerk, durch das man wirklich nicht blos poetisches Wasser auf die Bühne bringen konnte. Man konnte auch den Hintergrund öffnen und die Zuschauer in die wirkliche Welt hinausblicken lassen, wenn der allzulange Aufenthalt im Reich der Phantasie ihnen Heimweh nach Dem geweckt hatte, was sie »besser und bequemer zu Hause« hatten. Denn es geht dem großen Haufen, wie den Seehunden: sie können sich wohl einige Stunden lang auf den Steinen sonnen, die am Strande der Poesie liegen, aber sie müssen bald wieder in das (nicht salzige, sondern süße) Wasser der Prosa. Am stolzesten war der Vorzeiger des Pferdestalls, von wo aus die vierbeinigen Komödianten (eigentlich Tragiker, denn sie spielen nur in der _Opera-Seria_) auf die Bretter hinauskommen und in den musikalischen Haupt- und Staatsactionen agiren. In Berlin und andern Orten hat man auch Theaterpferde; es war mir nichts Neues.
In Turin besuchte ich Herrn =Bonzanigo=, einen _Sculpteur en bois_, wie er sich nannte; aber er schnitt auch sehr hübsche Sachen in Elfenbein aus. Er hatte wahres Talent und viel Erfindungsgabe, ein artiger alter Mann. -- »Man muß Genie haben, um solche Dinge hervorzubringen,« sagte ich zu ihm. »»Ja gewiß,«« entgegnete er ernst und freundlich, »»viel Genie.«« -- Es lag durchaus keine Arroganz, keine Prahlerei in seinem Tone. Er betrachtete das Genie als eine nothwendige Bedingung für Kunstwerke. Derjenige, der keines hätte, meinte er wohl, müßte es lieber unterlassen, und darin hatte der alte Mann Recht.
[Sidenote: Die Reisegesellschaft nach Mailand.]
Ich reiste mit einem Vetturin nach =Mailand=. Im Wagen traf ich wieder meinen französischen Kaufmann, und ein ganz wohlgekleidetes Frauenzimmer, eigentlich ein Dienstmädchen, die nach Mailand reiste, um -- wie wir später erfuhren -- Kindermädchen zu werden. Sie erzählte uns, daß sie in einer kleinen französischen Stadt geboren sei, die ihren Namen nach einem wilden Mann führe, welcher in alten Tagen ganz nackt im Walde gefunden worden sei.