Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2

Part 15

Chapter 153,587 wordsPublic domain

Es frappirte mich, da ich es zum ersten Male sah; und ich schrieb ein Gedicht darüber, das Frau Haendel-Schütz später in ihrem Stammbuche hat drucken lassen. -- Ich machte in Gesellschaft mit dieser interessanten Frau, dem Hofrath Vellnagel und Andern eine Lustfahrt nach dem Walde, wo einige Schauspieler ganz vortrefflich mehrere alte deutsche Farcen im Grünen improvisirten. Auf dem Wege begegneten wir gleich Vinzenz als Prologus auf einem Esel reitend.

[Sidenote: Zusammentreffen mit Carl Maria v. Weber.]

Bei Vellnagel's sah ich zum ersten Male =Carl Maria v. Weber=. Ich wußte von ihm nur, daß er ein junger, vielversprechender Musiker, ein beliebter Schüler von Vogler sei. Es ahnte damals Keiner, daß er der große Componist Preciosa's, Oberon's und des Freischütz' werden würde.

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[Sidenote: Der Dichter Uhland. Schaffhausen, der Rheinfall.]

Kurz darauf traf Cotta ein, und ich besuchte ihn in Tübingen. Er empfing mich freundlich und gastfrei; seine Tüchtigkeit, sein Verstand und sein offenes Wesen gefielen mir; auch er konnte mich gut leiden. Er bezahlte mir meinen Hakon Jarl, Palnatoke und die Gedichte reichlich. Und nun beschloß ich, nach der Schweiz und Italien zu reisen. Aber erst machte ich die Bekanntschaft des wackern =Uhland=. Er war damals noch ein junger Mensch und schrieb »des Knaben Berglied« in mein Stammbuch. Auch den alten, rührigen Professor Conz, der Mehreres vom Aristophanes übersetzt hat, lernte ich kennen.

Er schrieb mir folgende Verse aus dem Faust zum Andenken auf:

»Das Pergament ist nicht der heil'ge Bronnen, Aus dem ein Trank den Durst auf ewig stillt; Erquickung hast Du voll gewonnen, Da sie Dir ganz aus eigner Seele quillt.«

In dem schönsten Septemberwetter reiste ich nach =Schaffhausen=. Gleich hier an der Grenze von Deutschland führt die Natur ein feierliches Schauspiel auf, um den Wanderer für das Abenteuerliche und Kühne zu stimmen, wenn er aus dem idyllisch anmuthigen Schwaben heraustritt, und sich den ungeheuren Eisbergen nähert. Der ehrwürdige Vater =Rhein=, der sonst majestätisch und ruhig durch Germanien hinströmt, bis er sich mit dem Meere vermählt, wird hier plötzlich wild und übermüthig, lärmt wie ein Kobold, schlägt Räder, steht auf dem Kopfe, bricht seinen blauen Spiegel in tausend Stücken, und in dem ungeheuren Lilienbett, wo die Blumen jeden Augenblick kommen und verschwinden, strahlt im Wasserstaube und im Sonnenscheine ein ewiger Regenbogen.

Ganz allein besuchte ich mit einem von Shakespeare's Lustspielen in der Tasche dieses große Lustspiel der Natur; hörte erst das dumpfe Sausen in der Ferne, darauf in der Nähe den entsetzlichen Fall, und legte mich an einem lieblichen Orte in passender Entfernung zur Ruhe, nachdem ich vorher den ertrunkenen Engländern einen Seufzer geweiht hatte. Sie wollen immer da hinüber, wo das Wasser am gefährlichsten ist, und fliegen gewöhnlich, wie die Mücken, in's Licht. -- Da lag ich nun und las, lauschte zuweilen und blickte nach dem Wasserfall hinüber, indem ich mich über Shakespeare und die große Natur freute; d. h. über Ein und Dasselbe in verschiedenen Formen.

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[Sidenote: Der Gastwirth Peter. -- Frau von Harmes.]

In =Zürich= traf ich fast den besten Gasthof an, den ich noch gesehen hatte: »zum Schwerte«, an dem herrlichen See; und in Herrn =Peter= fanden wir den vortrefflichsten Wirth. Alles war bei ihm gut: die Aussicht, Zimmer, Essen, Trinken, Bedienung, Musik, Gäste. Herr Peter hatte schöne Böte und bequeme Wagen. Man konnte Lustfahrten zu Wasser und zu Lande und für einen billigen Preis unternehmen. Ich machte hier die Bekanntschaft zweier Kaufmannsfamilien, die eine aus Hamburg, =Knoop=, die andere aus Wien, =Breuß=. Sie fragten mich, ob ich mit ihnen umherreisen wolle? Ich nahm das Anerbieten gern an, da ich auf diese Weise freie Beförderung und eine angenehme Gesellschaft hatte. Ein reicher Baron =Mannteufel= wohnte im Schwerte; er tractirte alle Welt und gab Herrn Peter viel zu verdienen. Aus Dankbarkeit hatte deßhalb dieser, am Abend vor der Abreise des Barons, ein Transparent mit dem Namenszuge des Gastes und zwei Posaunenengel auf der Brücke angebracht.

Ich übergab dem Dr. =Römer=, einem ausgezeichneten Botaniker und echten Schweizer, einen Brief. Er hatte große Aehnlichkeit mit einem biedern Norweger und wir wurden deßhalb Freunde. Er führte mich zur Dichterin =Frau v. Harmes=, geb. =Berlepsch=. Wir disputirten mit einander über das Göthe'sche Gedicht: »=Miedings= Tod«; sie fand den Gegenstand zu unbedeutend (Mieding war Maschinenmeister gewesen) ich fand ihn gerade ganz vortrefflich.

Vor unserer Abreise von Zürich überraschte der Wirth uns auf eine angenehme Weise. Die Flügelthüren des Speisesaales öffneten sich, und im Kabinette nebenan gab uns Herr Peter, als Hirt gekleidet, noch zum Abschied ein Ballet oder Entrée, wie man es nennen will. Ich konnte mich nicht genug über die Gewandtheit wundern, mit der der Mann seine Beine gebrauchte. Ich hatte ihn immer nur im gelben Stolpenstiefeln, mit einem grauen Rock über den breiten Schultern und um den runden Leib, dem es nicht an Fülle fehlte, gesehen. Nun machte er in Rosa und Seladon-Tafft mit dem Strohhut auf dem Kopfe die vortrefflichsten _Entrechats_, während der Champagner zum Abschied sprudelte; ich glaubte mich in ein Feenschloß hinverzaubert!

[Sidenote: Gute Reisegesellschaft.]

Wir rollten in vortrefflichen Wagen bei herrlichem Wetter unter unzähligen Wallnußbäumen so voll reifer Früchte, wie die wilden Kastanien bei uns, dahin. Wir machten uns deshalb auch kein Gewissen daraus, zuweilen Nüsse von den herabhängenden Zweigen abzureißen und einander während des Fahrens damit zu bombardiren. -- Wo wir in ein Wirthshaus eintraten, rief mein Hamburger gleich: »Was haben Sie uns zu geben? Bringen Sie das Beste!« Das bekamen wir denn auch; aber die Rechnung wurde auch darnach. Als bezahlt werden sollte, legte ich mein Scherflein mit auf den Tisch. -- Der Kaufmann sah mich verlegen an, schwieg und nahm es. Aber als ich am nächsten Tage ein Gleiches thun wollte, schob er mir das Geld wieder zurück und sagte: »Nehmen Sie es uns nicht übel; aber wir können unmöglich Ihr Geld annehmen! Sie sehen ja, daß wir nicht ökonomisch reisen und doch sparen wir mehr dabei, als wenn wir zu Hause bleiben. Sie sollen unsertwegen nicht überflüssige Ausgaben haben. Sie könnten billiger und ebenso gut reisen; nun erfreuen Sie uns durch Ihre Gesellschaft, und darunter sollen Sie nicht leiden. Bilden Sie sich ein, wir wären in Hamburg oder Wien, und Sie besuchten uns dort als Gast! Dann brauchen wir uns auch nicht Ihretwegen mit den Ausgaben zu geniren.« Dies war sehr artig und vernünftig gesprochen; ich zierte mich auch nicht lange, sondern nahm das Anerbieten ohne Einwendungen an. Als ich an dem Abend zu Bett ging und meine kleine Geldbörse unter das Kopfkissen legte, freute ich mich recht kindlich darüber, daß die Geldbörse eine Zeitlang verschont bleiben sollte.

Am nächsten Morgen, als ich mit den Kaufleuten am Theetisch saß, trat das Hausmädchen herein und brachte mir -- meine Börse, die ich im Bett vergessen hatte! Die Kaufleute schwiegen, sahen aber einander an und lächelten. Ich dachte: »Verdammte Zerstreutheit! ganz kann man Dich doch nicht los werden. Das ist mir auf meiner ganzen Reise zum ersten Male passirt; sollen diese Geschäftsleute nun gleich glauben, daß Du ein Genie in der schlechten Bedeutung des Wortes bist? Und ich bin doch gewiß ganz ordentlich und mir ist nichts Aehnliches passirt; wenn ich den Paß in Dresden, -- und den Koffer in Quedlinburg, -- und die Verspätung in Halberstadt, -- und den Paß in Straßburg, -- und den Koffer in Stuttgart ausnehme! --«

[Sidenote: Besteigung des Righi.]

Wir reisten über den =Albisberg= nach =Zug=, wo ich den =Roßberg= sah, der zwei Jahre vorher zwei Städte in seinem Falle begraben hatte. Ueber den Zugersee kamen wir nach =Arth=, und bestiegen den =Righi=, einen der schönsten und am leichtesten ersteigbaren Berge. -- Ich hatte noch immer den Straßburger Münster im Kopfe, und als ich ganz oben war, fragte ich einen Schweizer: »Ist Das nun viel höher, als der Münsterthurm in Straßburg?« »»Ach, gehen Sie weg, mit Ihrem Münsterthurm!«« rief der Schweizer, »»von so einer Ameise kann hier gar nicht die Rede sein.««

Man kann sich leicht in Bezug auf eine Höhe täuschen, wenn man sie nur nach dem Augenmaß und dem sinnlichen Eindrucke beurtheilt. Nur die schroffe Tiefe wirkt auf die Phantasie ein, und das langsame Steigen einer Berggegend merkt man nicht gleich.

Wir blieben die Nacht über auf dem Righi; die Schweizermädchen sangen uns alte Lieder vor. Eines darunter gefiel mir besonders gut. Der Refrain war:

»Durch keine Adelshand, Mit Guot und Muot, mit Herz und Bluot, Ward's gerettet, Vatterland!«

Am nächsten Morgen stiegen wir höher hinauf, um eine recht freie Aussicht zu haben. Der Nebel erlaubte uns aber nicht, eine Hand weit vor uns zu sehen. Ich schrieb in das Buch, welches dort lag, und in das viele Reisende schöne Sentenzen hineingeschrieben haben:

»Ich kam hinauf -- und sah -- und sah -- Gar Nichts! -- der Nebel war schon da --.«

[Sidenote: Tell's Kapelle.]

Weiter am Tage, als wir wieder hinabstiegen, klärte sich der Himmel auf. Wir hörten das Geläute der Heerden. In einer Kluft, ganz von Felswänden umgeben, stand eine Kapelle bei einer Quelle. Bauern von Freiburg kamen dorthin, um das Wasser zu trinken, welches Taubheit heilen sollte. Die Abendsonne ging herrlich unter; die Heerdenglocken klangen in Terzen und Quarten; Freiburger Mädchen sangen Psalmen und kehrten von der heiligen Quelle zurück. Das Gras auf den Höhen war frisch und grün. Ueber den See hin kamen wir nach Tell's Kapelle, wo geschrieben steht: »Hier schlug Thäll Gieselers Huochmuot.«

Man zeigte mir einen Baumstumpf; die guten Leute glaubten, es seien noch Ueberreste jenes Baumes, hinter dem Tell gestanden, als er Geßler seinen Todespfeil sandte. Es war mir, als ob ich =Schiller's= Geist mit einer Harfe im Arme über die Berge dahinschweben sah. Die seltsamen Physiognomien der fernen Gebirgsketten brachten mir =Lavater= ins Gedächtniß; und in dem saftgrünen schattigen Thale war mir's, als ob ich =Geßner= unter einem Baume sitzen und die Landschaft malen sähe, während er Idyllen sang.

* * * * *

Mit meiner Reisegesellschaft zog ich an =Küßnacht= vorbei über den Vierwaldstädtersee nach =Luzern=, und von da über =Reith= und =Morgenthal= nach =Bern=. Hier blieben wir ein paar Tage in der Gesellschaft der liebenswürdigen Frau =Haller=. In =Lausanne= trennte ich mich von meiner Reisegesellschaft; ich stand wieder allein und fuhr auf einem Retourwagen nach =Coppet=, um die Baronesse Staël-Holstein zu besuchen, was ich ihr in _Auberge en ville_ versprochen hatte.

[Sidenote: Aufnahme bei Frau v. Staël-Holstein.]

Ich stieg in einem dunkeln Gasthof ab, trat in ein kaltes, feuchtes Zimmer, und ließ mir einige Bündel trockenen Reisig's im Kamin anzünden, um das feuchte Herbstzimmer zu erwärmen und behaglich zu machen. Sonst, wenn ich allein nach einem so ländlichen Wirthshause kam, pflegte ich gewöhnlich die =Küche= zu meinem Aufenthalte zu wählen. War es kalt, so konnte man sich dort gleich ans Feuer setzen, wo das Ende eines ganzen Baumstammes brannte, den man nach und nach hineinschob. Der Braten, der gegessen werden sollte, drehte sich dabei lustig an seinem Spieße herum. Ich unterhielt mich mit den Leuten; Mädchen und Burschen kamen und setzten sich an einen entfernteren Tisch; eine Treppe führte gewöhnlich zu einer Galerie hinauf, nach der alle Thüren des zweiten Stockwerkes führten. Ein solcher Versammlungsort, halb Küche, halb Zimmer, bildet oft die Scene in den alten französischen Singspielen. Bei Walter Scott ist er auch oft der Schauplatz. Er ist der Gegenstand vieler hübschen Bilder der niederländischen Schule gewesen. -- Aber heute in Coppet hatte ich nicht Lust in dieser Gesellschaft zu verweilen; ich wollte eine Stunde mit mir allein sein, ehe ich wieder in einen großen, fremden Kreis eintrat. Ich hatte A. W. Schlegel wissen lassen, daß ich in Coppet sei, und dort der Baronesse meine Aufwartung zu machen wünsche; nun saß ich da und blickte ins Kaminfeuer und dachte an alle verschwundenen Freuden.

[Sidenote: Das Haus der Frau v. Staël-Holstein.]

Es währte nicht lange, so kam ein Diener mit einer Einladung von Frau von Staël, und mein Koffer wurde gleich auf's Schloß getragen. Dort war Alles munter und elegant, die witzige Dichterin kam mir freundlich lächelnd entgegen, lud mich ein, einige Wochen bei ihr zu bleiben, und neckte mich, weil ich noch nicht besser Französisch sprach. Mit ihr konnte ich übrigens nicht in Betreff der Sprache in Verlegenheit kommen, denn sie verstand vortrefflich Deutsch. Ihre Kinder, der vor Kurzem verstorbene, wackere =August= und ihre Tochter, die jetzige Herzogin von =Broglie=, damals ein halb erwachsenes Mädchen, sprachen auch gut Deutsch, ebenso wie Herr =Benjamin Constant=, den ich hier wieder traf. August Wilhelm Schlegel konnte fast alle Sprachen gleich gut; und der alte Baron =Voigt= von Altona, ein Altersgenosse von Lessing und Schröder, der auch zum Besuche hier war, las gerade »Nathan den Weisen« vor. So konnte man sagen, daß die Deutschen auf eine kurze Zeit die französische Schweiz erobert hatten. Auch der alte liebenswürdige =Bonstetten= sprach ebenso gut Deutsch wie Französisch. Wie gut Benjamin Constant Deutsch verstand, merkte ich späterhin einmal an einem Abend, wo er uns eine französisch-racinisirte Bearbeitung von Schiller's Wallenstein zur Vergeltung dafür vorlas, daß Göthe den Mahomed und Tancred göthisirt und Schiller die Phädra schillerisirt hatte. Noch befand sich hier der berühmte Historiker =Simondi de Sismondi=, der auch Deutsch verstand, aber nicht sprechen konnte; und ein Herr =Comte de Sabran=, der kein Wort Deutsch konnte, aber französische Epigramme machte. -- Da ich nun in den französischen Gesprächen bei Tisch für gewöhnlich schwieg, sagte Sismondi einmal der Frau Staël von mir: »_C'est un arbre, sur lequel il croît des tragédies._« Schlegel war höflich, aber kalt gegen mich. Ich achtete seine Gelehrsamkeit, seinen Scharfsinn, seinen Witz und sein außerordentliches Sprachtalent hoch. Ich kenne keine besseren Uebersetzungen, als die seinigen von Shakespeare und Calderon. Vielleicht ist sein Shakespeare hier und da doch ein Bischen zu geleckt. Er hat viel Vortreffliches über Poesie und Kunst gesagt; aber er war nicht frei von Einseitigkeit und Parteilichkeit. Gleich seinem Bruder und der ganzen neuern Schule war er ein zu großer Freund der Aristokratie und Hierarchie und zog Calderon dem Shakespeare vor; Luther und Herder tadelte er bitter; kurz sein ganzes Wesen hatte Etwas, das mir nicht gefiel, etwas Pedantisches und Hochmüthiges. Als er ein Mal bei Tisch von Luther mit Verachtung sprach, fuhr ich auf und schleuderte den Tadel so heftig auf ihn selbst zurück, daß alle Franzosen glaubten, wir würden handgreiflich werden. Doch wurde bald Frieden geschlossen; aber seine Zuneigung für mich ward dadurch natürlich nicht größer. Er ging meinen Palnatoke mit mir durch und half mir viele Sprachfehler verbessern. Nie lobte er Etwas von mir. Zehn Jahre später, als ich wieder mit Frau Staël in Paris sprach, erzählte sie mir, daß er meinen Correggio sehr liebe. Als ich von Genf fortreiste, schrieb er höflich in mein Stammbuch:

»Fremdling, doch altverbrüdert, tritt herein! Willkommen gern im deutschen Dichterhain! Sing' nord'sche Sagen uns auf deutsche Weisen, Und unsrer Wälder Nachhall soll Dich preisen.«

[Sidenote: Gedenkblatt von A. W. Schlegel.]

Man sieht, daß Alles im Futurum steht; obgleich Einiges bereits im Präsens ja wohl selbst im Perfectum betrachtet werden konnte. Schlegel ritt jeden Tag ein zahmes Pferd, um sich einige Bewegung zu machen. Einmal hatte man ihm ein unbändigeres Roß gegeben, und er weigerte sich, es zu reiten. Frau Staël neckte ihn, und Benjamin Constant erbot sich, das Pferd zu besteigen, um Schlegel zu zeigen, daß keine Gefahr dabei wäre. Wir gingen Alle mit hinunter, um Zeugen dieses Auftrittes zu sein; der große rothhaarige Constant schwang sich wie ein Ritter in den Sattel und galloppirte von dannen; aber kaum war er ein Stück Wegs dahin gekommen, so warf das Pferd ihn in den tiefen sumpfigen Graben. Ich vergesse niemals das =Mitleid=, das Schlegel mit ihm hatte, als er hinkend wieder zurück kam. »Ja, sagte ich es Ihnen nicht,« rief Schlegel mit unterdrücktem Lachen, »es ist ein verteufelt stetiges Vieh!«

Einen Zug jugendlicher Eitelkeit darf ich hier nicht vergessen. Als ich eines Tages neben der Frau von Staël ging, welche langsam ritt, und als wir über einen kleinen Bach kamen, trat ich mit Schuhen und seidnen Strümpfen in denselben und durchwatete ihn, anstatt über ein Brett zu gehen, das über demselben lag. Sie machte mich auf meine Zerstreutheit aufmerksam. Ich antwortete, es sei keine Zerstreutheit, sondern ich wollte die Unterhaltung mit ihr nicht unterbrechen; denn das Pferd durchwatete natürlich den Bach. Wahrscheinlich amüsirte es mich, weil ich kurz vorher ihre Corinna gelesen hatte, eine Art Lord Nelvil ihr gegenüber zu spielen, der ihrer Weiblichkeit durch seine männliche Verwegenheit imponiren wollte. Es war für mich auch fast ebenso gefährlich, mich ins Wasser zu stürzen, wie für ihn ins Feuer; aber er schuf doch Nutzen dadurch: ich dagegen konnte mir eine Krankheit durch diesen Narrenstreich zuziehen.

[Sidenote: Die Persönlichkeit der Frau von Staël-Holstein.]

Wie geistvoll, witzig und liebenswürdig Frau von Staël war, weiß die ganze Welt. Ich habe kein Weib mit so vielem Genie, wie sie gekannt. Deshalb aber hatte sie auch etwas Männliches in ihrem Wesen, war ziemlich vierschrötig und hatte ein markirtes Gesicht. Schön war sie nicht; aber ihre brillanten, braunen Augen hatten doch etwas Anziehendes, und das weibliche Talent, Männer der verschiedensten Charactere zu gewinnen, mit Feinheit zu beherrschen und in der Gesellschaft zu vereinen, besaß sie in hohem Grade. Ihr Genie, ihr Gesicht, ja fast selbst ihre Stimme waren männlich; aber die Empfänglichkeit ihres Herzens war in hohem Grade weiblich: das hat sie in der Delphine und der Corinna bewiesen. Rousseau hat die Liebe nicht mit größerm Feuer geschildert.

Sie schrieb gerade damals ihr Buch über die deutsche Literatur und las täglich einen Band Deutsch. Man hat sie beschuldigt, die Bücher nicht selbst gelesen, sondern ihr Urtheil darüber von Schlegel erhalten zu haben; dies ist durchaus unwahr. Sie las selbst Deutsch mit größter Leichtigkeit; nur die Aussprache fiel ihr schwer: und deshalb übersetzte sie, wenn sie mir etwas aus einem deutschen Buche vorlesen wollte, es lieber gleich ins Französische. Schlegel hat gewiß sehr vielen Einfluß auf ihr Urtheil gehabt, sie lernte durch ihn zuerst die deutsche Literatur kennen, aber ihre Ansichten wichen doch in manchen Dingen durchaus von den seinigen ab. Sie konnte selbst denken; sie stritt häufig mit ihm und neckte ihn oft, wenn er ihr zu parteiisch war. »_Vous êtes une tête lente,_« sagte sie einmal über Tisch zu ihm: »_moi, je suis une tête vite._« In ihrem Urtheile über die französische Tragödie wich sie vollständig von Schlegel ab.

Frau von Staël hat das Verdienst, die Erste zu sein, welche die französische Nation auf die Schönheiten der deutschen Poesie aufmerksam machte. Wenn nun gleich Vieles in ihren Aeußerungen flüchtig und schief ist, so muß man es ihr, einer Dame, einer französischen Dame, einer vornehmen und reichen Dame verzeihen, der täglich eine unendliche Menge Gäste nach dem Munde schwatzte. Vieles Geistreiche und Schöne hat sie über deutsche Verfasser geschrieben. Freilich fehlte ihr der tiefe, stillere, ernste Sinn, um eigentlich das Wesen der germanischen und nordischen Poesie zu erfassen. Es hat auch etwas Verletzendes, wenn man alle großen Männer die Revüe vor dieser poetischen Semiramis passiren sieht; doch behandelt sie die ausgezeichneten Schriftsteller mit genügender Achtung und geizt bei ihnen nicht mit Ehrenbezeugungen.

Ihr größtes Talent bestand darin, etwas Treffendes und Witziges über Das zu sagen, was sich ihre Aufmerksamkeit zuzog. Dieses Talent machte sie in Gesellschaften äußerst unterhaltend. Wohin sie kam, zog sie (trotz der Gegenwart der schönen jungen Damen) alle Männer von Kopf und Kenntnissen in ihre Nähe. Bedenkt man nun, daß sie außerordentlich reich und gastfrei war und fast jeden Tag prächtige Gesellschaften gab, so wundert sich gewiß Keiner darüber, daß sie, einer Königin oder Fee gleich, die Männer in ihr Zauberschloß lockte und sie zum Theil beherrschte. Man hätte fast glauben können, daß sie, um diese Herrschaft an den Tag zu legen, während der Mahlzeit immer mit einem kleinen Zweige in der Hand spielte. Der Diener mußte ihr einen solchen täglich neben ihren Teller hinlegen, denn er war ihr ebenso unentbehrlich, wie Messer, Löffel und Gabel.

[Sidenote: Zacharias Werner.]

Ich war einige Wochen in Coppet gewesen, als eines Tages Zacharias Werner mit einer großen Schnupftabaksdose in der engen Westentasche, die Nase voller Tabak und mit tiefen Verbeugungen in die Halle trat. Er sprach auch schlecht Französisch, aber dies genirte ihn nicht. In seinem Patois theilte er täglich über Tisch der Gesellschaft in einer Art von Vorlesungen seine mystische Aesthetik mit. Man hörte ihm sehr andächtig zu, und es fehlte nicht wenig, so hätte er Proselyten gemacht. Denn obgleich die Franzosen oft für fremde Natur taub sind, so leihen sie der fremden Unnatur doch gern das Ohr: was Cagliostro, Mesmer, Frau Krüdener u. A. bezeugen können. Selbst Frau von Staël hörte bewundernd Werner zu, und schalt mich, weil ich mir seine Ansichten nicht aufmerksamer zu Herzen nahm. -- Es that mir leid, diese Verwandlung bei Werner zu entdecken. Mit Vergnügen hatte ich seine =Söhne des Thals= und seine =Weihe der Kraft= gelesen; obgleich bereits in diesen Werken der Keim zu seinem spätern krankhaften Wesen liegt. Aber nun ging es auf eine »=Weihe der Unkraft=« los, in die ich mich durchaus nicht finden konnte. Er las uns seinen =Attila= vor, in dem schöne Scenen sind, obgleich hier die Schwärmerei deutlich hervortritt und mit der hierauffolgenden Katastrophe droht. Besonders graute mir vor der Replik: »Umarme mich Jüngling! Jetzt lasse man ihn von Pferden zerreißen.«

Frau von Staël bewunderte dies Alles enthusiastisch; ich konnte hierin nicht mit ihr sympathisiren. Sie hielt das vielleicht für Mangel an Verstand oder Geist, oder Gott weiß was. Noch kannte sie Nichts von meinen Schriften; denn diese waren noch nicht nach Coppet gekommen.

Werner's Persönlichkeit mochte ich gern, er war ein freundlicher Mann; offen, theilnehmend; mit einem gewissen Humor verstand er, über sich selbst auf eine liebenswürdige Weise zu scherzen; ich unterhielt mich gern mit ihm, wenn wir allein waren. Er hatte viel in der Welt erfahren und erlebt; selbst die sinnlich leichtfertige Weise, auf die er zu seiner frommen Erhebung gekommen war, hatte, psychologisch genommen, etwas Interessantes. Er war auch nicht arrogant, und wurde nicht böse, wenn man anderer Meinung war, als er.

[Sidenote: Eine kleine Mißhelligkeit.]