Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2

Part 14

Chapter 143,655 wordsPublic domain

So wurde Baggesen beurtheilt, nicht allein im Kreise meiner Freunde (der aus einigen der ausgezeichnetsten Männer der dänischen Literatur bestand), sondern von den meisten geistvollen, gebildeten Menschen. Indessen hatte er doch meine Schwester zu gewinnen gewußt. Und war dies ein Wunder? Er gewann ja kurz darauf in Paris, trotz Dem, was ich von ihm wußte, auch mich. Es war fast nicht möglich, kalt gegen ihn zu bleiben, wenn er es recht darauf anlegte, einen Menschen zu gewinnen, so liebenswürdig konnte er sein. War es daher nicht natürlich, daß er auch sie gewann, die er bis in die Wolken erhob und in deren Umgang er damals seine größte Glückseligkeit fand? Als ein Frauenzimmer, obgleich sehr gebildet und geistvoll, war sie -- nicht (wie Baggesen selbst zu Christiane sagte) »sehr unwissend,« aber wohl unwissend im Betreff der literarischen Verhältnisse und der Rolle, die Baggesen selbst darin spielte. Wenn sie ihn nun auch oft sehr tadeln hörte und selbst zuweilen seine Schwächen entdeckte, so gefiel und schmeichelte es ihr wohl auf der andern Seite, daß sie so großen Einfluß auf einen so berühmten und talentvollen Mann mit einem so großen Namen hatte, der sich darein fand, oft ganz kindlich und gehorsam bei ihr in die Schule zu gehen, und geduldig ihren Tadel und ihre Winke entgegennahm, und für die Zukunft Besserung versprach. Es währte nicht lange, so öffneten sich auch Sophien die Augen, damals aber ging sie noch, was Baggesen betraf, im Traum, und es gefiel ihr, ihm Geschmack für das Bessere in einer Kunst beibringen zu können, in welcher er sich einen berühmten Namen erworben hatte, ehe sie geboren wurde.

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[Sidenote: Zusammenleben mit Baggesen in Paris.]

Als Baggesen nach Paris kam, hatte ich mir vorgenommen kalt und zurückhaltend gegen ihn zu sein, aber daraus wurde nichts. Als er zu mir ins Zimmer trat und ich sagte: »Guten Tag, Herr Professor Baggesen!« rief er weinend: »Nicht so! Du, Du!« Damit drückte er mich in seine Arme und netzte mein Gesicht mit seinen Thränen indem er mich wiederholt küßte. Es ging mir, wie so vielen Andern; dies schöne augenblickliche Gefühl rührte mich; er hatte mich wiedergewonnen. Wir gingen in Paris fast täglich mit einander um, und der Eine sagte dem Andern nicht ein unangenehmes Wort. Baggesen war ein Chamäleon, das seine Farbe von seiner Umgebung nahm. Er merkte hier bald in unserem Zirkel, daß Einbildung und eine halb französische halb Wieland'sche Aesthetik nichts nützte. -- Er wurde also bescheiden, fühlte wohl auch -- für den Augenblick, daß ich mich auf Tragödien und Schauspiele besser verstehe, wie er und äußerte selbst einmal: »Ich schäme mich nicht, von Dir zu lernen, obgleich ich der Aeltere bin.« -- Als ich ihm meinen Palnatoke vorlas, warf er sich entzückt vor mir auf die Knie. »Pfui Baggesen!« sagte ich, »solche Uebertreibung kann ich nicht leiden! Laß das Feuer ruhig, aber stetig brennen.« -- Ein Jahr darauf, als er mich fast wahnsinnig, wie einen Elenden, angriff, der nichts Ordentliches wisse oder könne, hieß es: er sei in Paris vor mir auf die Knie gefallen, um mich zu überreden, die Fehler des Stückes abzuändern.

Da es ihm nun damals darum zu thun war, mich zu gewinnen, so gewann er mich auch, denn ich habe keinen Menschen gekannt, der sich so einzuschmeicheln wußte, wobei ihm sein augenblicklich leichtes Gefühl, sein Witz und seine Beredtsamkeit gut zu statten kamen. Et hatte damals auch noch nicht so stark gesündigt; und wer sähe nicht gern vielen kleinen Schwächen durch die Finger, um einen solchen Gesellschafter zu haben?

Baggesen war eigentlich ein Improvisator; Alles war bei ihm das Kind des Augenblickes und auf die augenblickliche Wirkung berechnet. Ich fühlte selbst, um wieviel unterhaltender er in Gesellschaften sein müsse als ich, der ich nicht mittheilend und laut bin, sondern verlegen schweige, und nur leise mit meinem Nachbar spreche. Erst unter Freunden, eigentlich nur zu Zweien werde ich begeistert und beredt; oder auch als Lehrer vom Katheder, wenn auch noch so Viele zugegen sind. Baggesen war also ein Improvisator, und als solchem durfte man es ihm nicht übelnehmen, daß er einen Haufen =Dichtung= in seine geselligen historischen Erzählungen einmischte; denn der Gesellschaftssaal war, wie gesagt, größtentheils sein poetisches Arbeitszimmer, wo er häufig die Horazische Regel geltend machte: _veris falsa_, oder eigentlich: _vera falsis remiscet_. Hierdurch erlangten seine Erzählungen freilich an Interesse, das wir Andern, die sich an die nüchterne Wirklichkeit hielten, ihnen nicht geben konnten. Was er Schönes und Gutes gedichtet hat, sind, wenn nicht geistvolle Gelegenheitsgedichte, so doch gewöhnlich die Geburten einer kurzen, glücklichen Stimmung. Zu größeren Werken, die Anstrengung und eine anhaltende Begeisterung erforderten, hatte er weder Kraft, noch Fleiß oder Lust. Deshalb sind die meisten derselben nur Fragmente geblieben. In seinen größeren Arbeiten können wir freilich viele einzelne Schönheiten bewundern; wo er aber ernst ohne Humor sein will, ist er größtentheils schwülstig und affectirt.

Eines Abends spät war er bei mir und erzählte mir von seinen Schuljahren, wie er einmal, seiner Versicherung nach ganz unschuldig, eine harte Strafe hatte erdulden müssen. Dies schilderte er so lebendig und mit so rührenden Zügen, das ich zuletzt höchst erbittert ausrief: »Ich wollte wünschen, ich hätte den alten grausamen Rector hier, ich wollte ihm _mores_ lehren!« -- Indessen wurde es spät. -- »Baggesen!« sagte ich, »willst Du die Nacht über hierbleiben, so werde ich Dir ein Zimmer verschaffen, denn mein Bett ist für zwei zu klein.« -- »»Nein, das ist unmöglich,«« sagte er, »»ich muß durchaus noch heute Abend nach Marly.«« Darauf fuhr er wieder zu erzählen fort, bis es so spät ward, daß er nothwendig bei mir bleiben mußte. Wir stopften uns in das schmale Bett, wie Anchiovis in einem Fäßchen; und da wir nicht schlafen konnten, lagen wir die halbe Nacht und sprachen in Reimen mit einander bis wir endlich von Müdigkeit und Mattigkeit mehr betäubt wurden, als daß wir einschliefen. Früh am Morgen erwachte ich wieder und wunderte mich über das große, fahle, pockennarbige aber doch höchst interessante Gesicht, das neben mir war. Als er erwachte, war er wieder eben so munter. Wir tranken unsern Kaffee zusammen und sprachen lustig und freundlich mit einander.

Eines Tages fand er Holberg's dänische Geschichte bei mir und nahm sie nach Marly mit. Als wir uns das nächste Mal sahen, sagte er: »Nun habe ich auch ein Sujet zu einer nordischen Tragödie gefunden.« -- »»Na, das ist recht,«« antwortete ich. -- »Eigentlich werden es =drei= Tragödien!« -- »Und ich habe auch ein Sujet gefunden und will =eine= Tragödie schreiben!« (Axel und Valborg). -- »Hm!« -- sagte er, launig lächelnd, indem er eine starke Prise Tabak nahm, und sich selbst zum besten hatte, was er oft mit vieler Grazie that. -- »Mir ist bange, daß Du mit Deiner einen Tragödie früher fertig wirst, als ich mit allen Dreien!« -- Ich lud Baggesen ein, zu Mittag bei mir zu essen, er nahm die Einladung an und wir gingen zu meiner Wirthin, Madame Gautier, hinunter, die eine sehr gute _table d'hôte_ hat. Obgleich etwa zwanzig französische Gäste da waren, so genirte uns dies doch nicht, da wir beide Dänisch zusammen sprachen, was kein anderer verstand.

Als wir ein Paar Glas Wein getrunken hatten, sagte ich: »Höre Baggesen, nun sollst Du mir den Plan zu Deinen drei Tragödien mittheilen.« -- »»Ja,«« entgegnete er, »»es liegt mir noch zu konfus im Kopf; ich muß es erst ordnen.«« -- »Etwas davon mußt Du doch erzählen können,« fuhr ich fort. -- »»Das erste Stück soll Schiffer Clement heißen,«« sagte er, »»aber damit bin ich noch am Allerwenigsten im Reinen.«« -- »Dann wollen wir mit dem Ende anfangen,« sagte ich, »und gleich zu Christian II. kommen.« -- »»Ja,«« sagte er nach einigem Weigern verlegen, »»ich will Dir eine Hauptsituation erzählen. Christian II. geht in den Rath. Dort stehen zwei Becher auf dem Tisch, der eine mit Blut, der andere mit Milch. Es ist bekannt, daß er bald gut, bald böse war. Nun fingire ich, daß er zuweilen, wenn er Milch trank, gut wurde, daß er aber zuweilen von dem Blute trank und dann böse ward. Er ergreift die Mich und alle rufen froh: »Der Gute!« -- Aber er wirft sie verächtlich fort, trinkt von dem Blute und ruft mit finsterm Grimme: »Der Böse!«« --

»Ja,« sagte ich lachend, »das wird eine treffliche Wirkung thun, besonders wenn die Milch am Boden dahin fließt. Aber höre, mein guter Baggesen«, fuhr ich ernster fort, »was soll denn das sein? ich kann doch nicht voraussetzen, daß Du diese Geschichte erfunden hast, um Dich über den Dichter des Hakon und Palnatoke, der Dich freundlich zu Gast geladen hat, zum Narren zu machen; ich muß also annehmen, daß es eine Phantasterei ist, die Dir einfällt, da Du in Verlegenheit geräthst einen Plan zu erzählen, an den Du nie vorher gedacht hast.« -- »»Ja,«« sagte er verlegen, »»ich gestehe, daß ich nicht viel darüber nachgedacht habe«« -- »das Komischste ist,« fuhr ich fort, »daß Du, der mich in unsern Gesprächen so oft wegen der Einmischung des Uebernatürlichen in ein Mährchen wie Aladdin getadelt hast, es nun selbst in ein ganz historisches Thema hinein bringst, so daß die Sünde des menschlichen freien Willens -- dessen Schilderung gerade hier das Poetische sein sollte -- zu einer lächerlichen Marionette des übernatürlichen Zwanges wird.«

Er suchte nun so gut er konnte los zu kommen und ich machte ihm die Flucht leicht. Ich zweifle nicht daran, daß es Vergötterer von Baggesen giebt, die in dieser Scene eine hohe Ironie finden werden, welche meine Einfalt nicht zu begreifen im Stande war. Aber ähnliche Geschmacklosigkeit und Unvernunft findet man oft in Baggesen's dramatischen Arbeiten: »Holger Danske« und »Erik der Gute.« Ich habe keine dieser Werke bei der Hand, will aber nur zwei Stellen aus dem letzten Stücke unter vielen andern anführen:

Thora wird während der Belagerung Jomsburg's von Thorald in eine Höhle hingewiesen, wo er ihr zu ihrer Beruhigung sagt:

»Du findest alles =Nöth'ge= hier,«

worauf sie seufzend antwortet:

»Doch meinen Erik nicht!«

Ich habe bereits früher der Stelle erwähnt, wo die Jomsburgerinnen sich vor Erik verbeugen, der die Stadt eingenommen hat und indem sie ihn bekränzen, singen:

»Keine Ketten uns umschlingen! =Kühl' den Haß im Blute!= Selbst im Tode noch wir singen: =Erik hoch! Der Gute!=«

Ich möchte es so gern unterlassen, Baggesen's Schwächen und Sünden nach seinem Tode aufzudecken; da man aber später in seinen Werken Schmähschriften gegen mich aufgenommen hat, die dem ewigen Vergessen hätten übergeben werden müssen, so muß ich der Wahrheit ihr volles Recht lassen, damit eine unparteiische Zukunft die Verhältnisse beurtheilen könne. Man spricht davon, daß er für ein =Princip= gewirkt habe!! Guter Gott! Kein Mensch in der Welt hat weniger für oder nach Principien gehandelt, als Jens Immanuel Baggesen! In Fichte's, Jakobi's, Reinhold's Schriften hat er etwas gelesen, hierzu veranlaßt durch die persönliche Bekanntschaft mit diesen Philosophen, aber seine eigne Kunst, die Poesie hat er nie =studirt=. Und sein Geschmack? Meine Schwester und ich haben ihn von Wieland zu Göthe bekehrt. Er warf mir ja vor, »daß ich mir die Taschen zu voll mit Göthe's unterirdischen Granaten gestopft und meinen schönen runden Hut durch ein Calderonsches Theater viereckig gemacht hätte.« Solche Principien waren es, die er damals und später, erst mit schlechten Witzen, später mit Unwahrheiten, Verdrehungen und Schmähworten geltend machen wollte.

[Sidenote: Mittheilungen aus der Heimath.]

Er schickte mir von Marly aus einen Brief, in dem er einen andern Brief, den er von meiner Schwester empfangen, abgeschrieben hatte. Ich theile hier beide mit.

Den 30. September 1807.

»Obwohl ich fast überzeugt bin, daß Du, Bröndsted und Koës mit der letzten und einzigen Post von Kopenhagen Nachricht erhalten habt, so eile ich doch, bester Adam, Dir die meinige mitzutheilen, die ich Dir mündlich bringen wollte, sie aber wegen einer plötzlichen Unpäßlichkeit, welche mich verhindert zur Stadt zu fahren, jetzt nur schriftlich geben kann.

Wenn Du Hans Christian's Brief nicht bekommen hast, wird es Dich erfreuen, zu erfahren, daß die Deinigen alle wohl, Dein Vater aus Friedrichsberg und Oersteds in Christianshafen sind. Mein Brief ist vom 12. von Christianshafen datirt, ist erbrochen gewesen und mir mit dem Siegel des Königs aus dem Hauptquartier in Kiel zugesandt worden. Er ist von Sophie und enthält auf einer einzigen in Schnelligkeit geschriebenen Octavseite nur -- doch ich werde ihn Dir Wort für Wort abschreiben.« --

Christianshafen, den 12. September 1807.

»Wir sind alle glücklich gerettet und befinden uns recht wohl. Die erste Nacht, als Kopenhagen bombardirt wurde, brachten wir in der Weststraße auf unsern Zimmern in der größten Lebensgefahr zu. Es regnete Bomben und rund umher schlugen sie ein; es brannten mehrere Häuser in der Nähe unserer Wohnungen ab, aber der gute Gott beschützte uns. Den Tag darauf verließen wir das Haus und zogen nach Christianshafen her. In der darauf folgenden Nacht war der Angriff noch stärker und währte bis zum Mittag des folgenden Tages. Da schlugen denn auch Bomben in unsere Wohnung in der Weststraße ein, und in dem Zimmer, wo wir uns aufgehalten und das wir dadurch zu schützen gesucht hatten, daß wir auf dem Boden eine Elle hoch Pferdedünger (ein Mann würde Pferdemist schreiben) aufwerfen ließen, wurden die Decken zertrümmert und die Fenster eingeschlagen; wären wir da geblieben, so würden wir verwundet oder getödtet worden sein. In der dritten Nacht war das Bombardement noch viel stärker und größer und da brannte die Frauenkirche, der Zimmerplatz und ein großer Theil der Stadt. Nun hieß es, daß man auf Christianshafen nicht mehr sicher sei, und wir flohen, wie wir waren, nach Amager hinaus; denn nun wollte der Feind nach den Kirchen und dem Laboratorium auf Christianshafen zielen; auf Amager brachten wir eine entsetzliche Nacht zu und harrten des kommenden Morgens mit ängstlicher Erwartung -- er kam und mit ihm der verzweifelte Frieden. O du guter Gott! Das ist und bleibt doch ein ewiger Jammer!

Meinem Vater geht es gut mitten unter dem Feinde, der eine Art Hauptquartier auf dem Friedrichsberger Schloß hat. Ich sah ihn gestern zum ersten Male seit dem 16. August, wo ich ihn in größter Eile verlassen und nach Kopenhagen fliehen mußte. Das Südfeld ist zerstört.

Grüße meinen geliebten Bruder; ich wollte ihm schreiben; da ihm aber Professor Oersted heute schreibt, so ist es überflüssig; aber grüße ihn tausend Mal; meine Freude darüber, daß Ihr einig seid, kann ich nicht beschreiben, Gott segne und behüte Euch!«

»Das Entsetzliche in diesem Briefe für mich unglücklichen Vater ist, daß Sophie kein einziges Wort über meinen Sohn berichtet. Ich bin fest überzeugt, daß ihm ein Unglück begegnet ist, größer als der Verlust des Lebens, das ja ungefähr das Geringste ist, was man in dieser Zeit verlieren kann.

Ich schäme mich nicht, Dir zu gestehen, liebster Adam, daß ich unbeschreiblich unglücklich im Gefühle meines eigenen Unterganges und des Dänemarks bin. Die Hoffnung, daß wir mit England fertig werden, nachdem wir unsere Flotte und die Hälfte alles Dessen verloren haben, was wir besaßen, kann ich mit Keinem theilen. Wir werden von jetzt ab wie die Katzen gebraucht werden, um ihnen die gebratenen Kastanien aus dem Feuer herauszuholen. Wenn wir auf diese Weise die Krallen verloren haben, speist man den Rumpf aus Mangel an ordentlichem Hasenbraten, auf französische Weise zubereitet. Ueberzeuge mich von dem Gegentheil, und Keiner wird froher sein, als ich. Aber Jeder schließt nach seinen Daten -- die meinigen sind leider jämmerlich. Ich halte es für die Pflicht des Menschen, seine Ansicht mitzutheilen, wenn er sie begründet glaubt; denn nur so wird zuletzt die Menschheit doch aufgeklärt.

Gott weiß, wie lange wir nun auf's Neue ohne Nachricht von Seeland bleiben werden, da die Communication wieder aufgehoben ist. Mein Herz wird zerrissen, indem es sich die Möglichkeit eines Krieges zwischen Dänemark und Dänemark denkt.

Ich sehne mich innig danach, Dich und Bröndsted wieder zu sehen. Ihr kommt mir wie die Zwillingsreiche _en miniature_ vor. Wenn wir alle drei zusammen sind, so ist mir's, als ob Dänemark noch existire. Auch schmachte ich sehr nach Euern Nachrichten.

Ich hoffe es wird mir in ein paar Tagen so wohl sein, daß ich mich nach Paris wagen kann. Meine Frau grüßt Euch.«

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[Sidenote: Abreise von Paris. Aufenthalt in Straßburg.]

Ich war achtzehn Monate in Paris gewesen; mit dem Geld, das ich endlich von Kopenhagen bekam, konnte ich meine Schuld bezahlen, aber dann hatte ich nichts zum Weiterreisen. Ich lieh mir eine kleine Summe von einem guten Freunde, packte meine Sachen und meine Manuscripte ein und fuhr darauf zu Cotta. Das Honorar, welches ich von ihm für meine Schriften zu erhalten hoffte, sollte mir eine Reise nach Italien möglich machen. Koës war nach Dänemark zurückgegangen, um seine Geldangelegenheiten nach dem Bombardement in Ordnung zu bringen. Wir hofften einander in Italien wieder zu sehen. Bröndsted blieb noch in Paris. Unser guter Minister Dreyer gab mir einen Paß, in der Eile hatte er aber vergessen, ihn mit der Unterschrift des Polizeiministers Fouché versehen zu lassen. Mein guter Freund, der Legationssecretair Guillaumau versicherte mir zwar, daß es nicht nothwendig sei; als ich aber nach Straßburg kam, mußte ich mich daselbst acht Tage aufhalten, während mein Paß nach Paris gesandt wurde und mit Fouché's Unterschrift zurückkam. Dieser Aufenthalt war mir glücklicherweise gar nicht unangenehm. Ich miethete mir ein kleines Zimmer und schaffte mir Bücher an; unter Anderm las ich hier wieder Cagliostro's Leben, Göthe's Großkophta und seine Erzählung über Cagliostro's Familie. Ich ging täglich auf den Münster hinauf. Einmal kletterte ich so hoch hinauf, wie ich kommen konnte. Draußen auf dem Steintritt, wo man nur auf einem Fuße stehen kann und sich an der Eisenstange halten muß, hätte ich beinahe meinen Hut verloren; aber ich wagte es, mit der einen Hand die Eisenstange loszulassen und den Hut in die Stirn zu drücken. Ob die Polizei mich in den acht Tagen, wo ich in Straßburg war, bewachte, weiß ich nicht. Ein Israelit, =Parmazenser=, machte meine Bekanntschaft und besuchte mich täglich. Er war ein gebildeter, poetischer Mensch, gewann mich lieb und schrieb mir beim Abschiede in mein Stammbuch:

»Du schmückst des Nordens Heldenkraft Mit Blumen aus den warmen Zonen; Dank Deinem Geist, der neu erschafft Ein Bruderband für zwei Nationen.«

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[Sidenote: Mein Aufenthalt in Stuttgart.]

Endlich kam der Paß und ich reiste über Carlsruhe und Rastatt nach =Stuttgart= weiter.

Rasch ging es durch die unfruchtbare Champagne, die, wenn sie nicht von Weinreben bedeckt ist, wie ein großes Stück Kreide aussieht und wo nur die großen Hohlwege merkwürdig sind, wo die Franzosen im Revolutionskriege die Deutschen schlugen und sie daran verhinderten, weiter vorzudringen. Auch bereits zu Chlodwig's Zeit soll hier eine merkwürdige Schlacht geschlagen worden sein. Sehr angenehm war die Veränderung bei der Fahrt über den Rhein zwischen der bleichen, steinigen Champagne und dem saftgrünen, laubreichen Baden. In dieser Nacht hatte ich in einem Wirthshause unter schwäbischen Bauern Gelegenheit, Betrachtungen über den Unterschied zwischen dem französischen und deutschen Nationalcharacter anzustellen.

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Der Aufenthalt von acht Tagen in Straßburg hatte meine Ausgaben vermehrt und meine Börse geleert. Als ich nach Stuttgart kam und meine Reise bezahlte, besaß ich keinen Pfennig. Mein Koffer, den ich durch eine andere Gelegenheit voraus gesandt hatte, war noch nicht angekommen. Ich eilte zu Cotta -- meine einzige Hoffnung! O Schreck! Er war nicht zu Hause. Man sagte mir, daß er nach Baden gereist sei und erst in drei Wochen wieder komme.

Deshalb ließ ich den Muth doch nicht sinken. Ich ging in den Gasthof zum »König von England« zurück und sagte zum Wirth: Ich hätte Geschäfte mit Herrn Dr. Cotta abzumachen und wolle im Wirthshaus bleiben, bis derselbe käme. Der Wirth dankte verbindlichst. -- So hatte ich also keine Noth, der Koffer kam glücklicherweise auch und ich setzte mich froh zu Tisch.

Dort traf ich einen hübschen muntern Mann, der sich in ein Gespräch mit mir einließ und mir Vieles erzählte. Beim Abschied wünschte er mich bald wiederzusehen. »Mich« sagte er »werden Sie ohne Zweifel oft sehen, wenn Sie in Stuttgart bleiben.« -- »»Wie so?«« fragte ich. -- »Ich bin Schauspieler« sagte er »und heiße =Vinzenz=.« -- Später sah ich ihn oft; er war ein sehr guter Komiker. Der verstorbene König von Württemberg mochte ihn gern; und er wagte es sogar einmal ohne Gefahr, den König Holofernes im Herodes von Bethlehem, mit der Krone von Goldpapier auf dem Kopfe, schwarzen wollenen Strümpfen an den Beinen und mit dem Reichsapfel in der Hand, der sehr sinnreich als Schnupftabakdose eingerichtet war, zu spielen.

[Sidenote: Schauspielerbekanntschaften.]

Ich machte hier auch die Bekanntschaft eines andern Schauspielers, des Herrn =Lembert=. Eines Tages kam er zu mir und sagte: »Sie könnten mir eine Gefälligkeit erweisen.« -- »»Gern! Welche?«« -- »Der König ist krank gewesen und hat sich wieder erholt, ich möchte ihm deshalb gern ein Gedicht überreichen, das ihm gefallen und mir nützen soll.« -- »»Wünschen Sie, daß ich es für Sie mache? Mit Vergnügen!«« Ich machte ihm das Gedicht, aber das Beste mußte ich wieder ausstreichen. Es war eine poetische Erklärung des Wortes =Württemberg= nach der Legende von dem alten Ritter, der in den frühesten Zeiten so gastfrei gewesen sein sollte, daß man ihn in der Umgegend nannte: »=Der Wirth am Berge=«. Lembert brachte dem König das Gedicht und bekam eine nicht unbedeutende Summe von Dukaten, die er wohl mehr seinen Talenten als meiner kleinen Romanze zu danken hatte. Indessen mochte diese doch wohl dazu beigetragen haben.

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Bei dem Hofrath =Vellnagel= machte ich die Bekanntschaft der Frau Haendel. Ich hatte sie drei Jahre vorher in Berlin die Jungfrau von Orleans spielen sehen. Bekanntlich zeichnete sie sich durch eine neue Kunst ans. So wie Lady Hamilton in Italien früher schöne Statuen nachgeahmt hatte, so ahmte jetzt Frau Haendel italienische und deutsche Gemälde nach. Da sie eine gute Schauspielerin war, ein hübsches Gesicht hatte, und sich besonders gut auf's Drapiren verstand, so waren diese Darstellungen auch unterhaltend und verdienten Lob, soweit jede sinnreiche Erfindung achtungswerth ist. Indessen würde die Fortsetzung dieser Kunst kaum anzuempfehlen sein. --

Solche Nachahmungen der Nachahmungen der Natur würden zuletzt schädlich werden. Die geniale Frau Haendel machte es wirklich so gut, als man verlangen konnte; aber -- selbst =gut= dargestellt, mag ich doch nicht eine Mutter Gottes sehen, die kurz vorher Thee mit mir getrunken hat, lustig gewesen ist, und dann sich wieder lustig mit uns an den Abendtisch setzt. Dieses Spiel mit dem Heiligen, kann wohl Geist und Geschmack im Kostüm verrathen, aber den Geist nicht zu ernsten Gefühlen erheben. Dergleichen läßt sich besser mit weltlichen Dingen machen; und Frau Haendel stellte auch besser Scenen aus der niederländischen, als aus der italienischen Schule dar.