Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2

Part 13

Chapter 133,490 wordsPublic domain

Daß ich nun gerade Palnatoke schreiben sollte! gerade die =nordische politische Macht= zum Stoff meines Gedichtes wenige Minuten vor diesem Augenblicke wählen mußte! That es das Geschick zum Hohn? oder war es um mich zu trösten, indem es mein Auge darauf hinlenkte, was auch =wir= gewesen waren, und um es mir frisch im Gedächtniß zu erhalten: Jede Blume hat ihre Zeit, aber in der Kunst blüht ein ewiger Frühling? O, wie spielen die Nornen mit dem armen Menschenherzen Ball. Bald fällt, bald steigt es. Daß die Engländer kommen würden, hatten wir voraus gesehen. Die Tüchtigkeit, der Muth und die Vorsichtsmaßregeln, von denen die Zeitungen immer aus Dänemark sprachen, fingen an uns zu trösten und zu stärken. Castenskiold's Heer! die Bürgerschaft in Kopenhagen! die tiefe Verachtung gegen die Engländer! die gute Sache! die Erinnerung an Dänemarks alte Ehre! die Versicherung des Ueberflusses an Lebensmitteln! Die =kecken= Maßregeln, die man (in den =Zeitungen=) genommen hatte, indem man die Vorstädte und Friedrichsberg abbrannte. Und mit glühenden Schmerzensthränen sah ich die Westerbrücke und das Schloß brennen. Der Ort, an dem meine Wiege stand, ging zu Grunde, jedes Monument, das die Erinnerungen aus meinem Leben in meinem Herzen auffrischte. Aber ich opferte mit Freude meine Glückseligkeit dem Vaterlande. Am 29. und 30. sollte ein Heldenausfall stattgefunden haben. Die Zeitungen erzählten uns, daß die Studenten an der Spitze gestanden, Granaten auf das Schloß geworfen hätten und fast alle auf dem Wahlplatz geblieben seien. Da weinte ich. Ich sah Rahbek, Oersted und Carl in ihrem Blute schwimmend, meinen alten Vater in der äußersten Lebensgefahr. Aber ich fühlte mich als ein Spartaner, und klagte das Schicksal an, welches mir nicht auch erlaubte, mit meinen Brüdern bei Thermopylä zu fallen. Nach Verlauf einiger Tage kam mir die Nachricht, daß nicht alle Vorstädte abgebrannt seien, nur etwas von der Westerbrücke und daß das Friedrichsberger Schloß noch stehe. Daß das Schloß stand, freute mich unsäglich; wir erfuhren auch, daß die Niederlage der Studenten nicht so groß gewesen sei, wie das Gerücht ging. Ich fing an für mein persönliches Glück zu hoffen, ohne für das Ganze zu fürchten. Fortwährende Nachrichten über den dänischen Widerstand und die englische Eingebildetheit klangen in unsern Ohren. Ich dichtete ein Lied, welches von der Landsmannschaft bei dem Minister Dreyer gesungen wurde, wo wir Dänemarks Wohl im Blute des Feindes (Englisches Bier) tranken. So ging es fort; wir hörten nun nichts von Kopenhagen, aber wir fürchteten nichts. Eines Morgens saß Bröndsted bei mir, wir lachten und scherzten; in demselben Augenblick kommt Koës bleich wie eine Leiche herein und sagt: »Kopenhagen ist genommen!« Du hast Phantasie und Gefühl genug, um Dir vorzustellen, welche Wirkung das auf uns hervorbrachte. Von der Hoffnung und Munterkeit stürzte es uns plötzlich in die bitterste Verzweiflung hinab. Wir waren zu einem Dr. =Klinger= im _jardin des plantes_ eingeladen, um das Naturaliencabinet zu sehen. Wir setzten uns in einen Wagen und fuhren hinaus. Bei Klinger kam ich in die tollste Laune, lachte aus vollem Halse und sagte lauter Narrheiten. Er freute sich darüber, mich so munter zu finden. Ich sagte: »Ist es ein Wunder, daß ich ausgelassen bin? Kopenhagen ist eingenommen, meine Familie getödtet, verwundet oder zu Grunde gerichtet, die Hälfte der Stadt verbrannt und Dänemark zum Teufel gegangen.« Darauf fing ich wieder zu lachen an. Es war dies das Lachen, vor dem ich früher bei Dir so große Furcht hatte, das ein Vorbote Deines Krampfes war. Indessen bekam ich keinen Krampf. Der liebe Gott hat mich aus einem stärkeren Teige geknetet. Wir gingen in's Naturalienkabinet, sahen große Elephantenskelette, Versteinerungen von Thieren aus Asien in Kalkstücken vom Montmartre &c. Bessern Trost hätte ich nicht bekommen können. Die großen Umwälzungen der Natur standen mir lebhaft vor den Blicken, und mein eignes und Dänemarks Schicksal erschienen mir wie die Bewegungen eines Stäubchens in dem unermeßlichen Raum. Ich sah Kinder in Spiritus, deren Herzen weder im Kummer, noch in der Freude geschlagen hatten, und ich dankte der Vorsehung für das meinige, das beides empfunden und zugleich den Ewigen selbst erfaßt hatte. Meine verzweifelte Stimmung verschwand, ich blickte die Verwandlungen der Natur mit von Thränen geblendeten Augen an, meine Seele erhob sich kühn im Unglücke. Das Unglück macht groß: Ich fühlte meine Unsterblichkeit, die religiöse Hoffnung stand wie ein grüner unvergänglicher, gigantischer Smaragd-Anker vor meiner Seele. Meine Liebe zu den Meinigen wuchs, um so mehr, als ich nicht wußte, ob wir diesseits oder jenseits des Grabes sympathisirten, aber dieses Grab erschien mir nun ein unbedeutender Graben zu sein, der leicht zu überspringen war. So kam ich mit einem frommen Herzen nach Hause und betete innig zu Gott. Von diesem Augenblick an war ich ruhiger. Aber von Zeit zu Zeit stand doch das Unglück des Vaterlandes mir vor der Seele. In der Nacht dachte ich an Euch und wünschte innig, daß Ihr leben möchtet. An einem schönen Herbsttage, als ich hier spazieren gegangen war und mich so leicht ums Herz fühlte, ahnte mir etwas Gutes. Als ich nach Hause kam, fand ich einen Brief von H. C. Oersted. =Ihr lebtet Alle!!= O wie dankte ich Gott; wie freute ich mich! Selbst daß Euer Haus abgebrannt, konnte meine Freude nicht stören. Kurz darauf bekam ich Deinen Brief. O schreibe mir bald mehr. Detaillire mir Alles, liebe Christiane! ich schließe hier nicht. Ich beginne jetzt den Brief an meine Schwester (denn ich bin zwischen Euch getheilt); daraus wirst Du meinen übrigen Zustand erfahren.

Dein

=Oehlenschläger=.

* * * * *

[Sidenote: Ein Brief von Baggesen.]

Kurz darauf kam Baggesen nach Paris; er hatte fast ein ganzes Jahr in dem Hause meines Schwagers, A. S. Oersted gelebt; seinen halberwachsenen Sohn August hatte mein Vater zu sich genommen, und ein Paar Jahre wie sein eignes Kind gepflegt; Ursachen genug für Baggesen, günstig gegen Sophien's Bruder, gegen den Sohn des alten Oehlenschläger und gegen den jungen Dichter gestimmt zu sein, der kurz vorher zu seiner Ehre ein Fest veranstaltet und ein Lied geschrieben hatte. Aber ich sehnte mich doch nicht nach ihm. Er hatte mir vorher einen gedruckten Reimbrief nach Paris gesandt, dem voran geschrieben stand:

»In dem Zimmer meiner besten, verehrten und inniggeliebten dänischen Freundin, Deiner göttlichen Schwester -- nachdem ich mit ihr, ihrem Manne, Schwager Christian und Tine Deinen Geburtstag gefeiert hatte.«

Und am Schlusse:

»Ich würde zuviel zu erzählen haben, mein Oehlenschläger, wenn ich davon sprechen sollte, wo und wie ich die drei letzten Monate zugebracht habe. Davon muß Alles oder gar nichts erzählt werden. Ich erspare es mir auf eine Reihe mündlicher Unterhaltungen.

Wunderbar genug sind unsere wirklichen Ereignisse, nachdem sie lange, fast ins Unendliche hinaus auseinander gegangen waren, zusammengetroffen. Ich weiß nicht weshalb; aber ich habe die eigenthümliche, innere Ueberzeugung, daß nicht allein ich zu dem sympathetischen Punkt zurückgekehrt bin, von dem wir Beide ausgingen.

Ich beabsichtige von hier am 1. December fortzureisen und vor Neujahr in Paris zu sein.

Meine Sehnsucht nach meiner Fanny und meinem Paul und meinem und Sophien's Bruder ist unbeschreiblich. Ich habe viel Angst und Unruhe in dieser Zeit ausgestanden, weil ich nicht reisen konnte. Du wirst vielleicht meiner Frau die bisherige Unmöglichkeit erklären können; selbst mein Leben und nicht nur meine Freiheit war in Gefahr.

Ich bitte Dich innig, meine Frau in Marly zu besuchen (_Marly la machine_ -- _le village sur la hauteur_ -- _près St. Germain_). Erzähle ihr das Entsetzen, das wir hier ausgestanden haben, meinen heftigen Rückfall und Deutschlands Zerstörung. Küsse und drücke ihre Hand für mich, und sage ihr, wie ungeduldig ich mich darnach sehne, an Deiner Stelle zu sein. Sage ihr, daß ich es nie wagen durfte, ihr die reine Wahrheit in meinem Briefe zu schreiben.

Warum bin ich nicht bereits in Paris, um Dir den raschesten Genuß alles Dessen zu erleichtern, was daselbst Deines Geistes und Deines Herzens werth ist!

Schreibe mit ein Paar Zeilen nach Amsterdam, adressirt: An Herrn Brockhaus, Warmoesstraat Nr. 1-2.

Ewig Dein

=Baggesen=.«

* * * * *

[Sidenote: Auszug aus einem Reimbrief von Baggesen.]

Einen Auszug aus dem Reimbriefe theile ich hier mit:

»Du fand'st sie Adam, sie, nach der ich strebte Im tiefen Ernste grübelnd alle Zeit, Mit ruhelosem Fleiß in Einsamkeit, Vom Sonnenaufgang bis die Sonne schwand, Wo ich in blut'ger Spur nur Dornen fand, In Schweißes Strömen bei der Stirne Brand, Indeß das Hinderniß den Fleiß belebte. Du fandest sie, nach der ich strebte Vom Abendschimmer bis zur Tagesnähe, Im Schooß des Abgrunds, auf des Felsens Höhe, Mit eis'gem Hirne u. s. w. Was ich gesucht, ja, ja! Du hast's gefunden, -- Indessen mir, dem Armen, war gebunden Die Hand.

Mit Freuden hab' ich Deinen Fund erkannt; Zwar sucht'st Du nicht, doch fand'st Du dennoch Vieles -- Das Aug' des Glückes deckt ein blendend Band --; Dich lockt, indeß ich grub, der Reiz des Spieles, Du stehst, ein Kind noch, wo ich erst Dich fand, Bei unterird'schen, diamantnen Bäumen, Dem Untergange nah, der Dich umwand, -- Die mächt'ge Himmelslampe in der Hand, Doch deren Geist Du nicht gleich mir erkannt; -- Noch bist Du von dem bunten Rausch umhüllt, Du letzest Dich an Tieck'schen Blumenträumen, Und an der Schlegelbirnen reichen Saaten. Du hast Dir alle Taschen voll gefüllt Mit Göthe's unterirdischen Granaten, Indessen Calderon's Theaterpracht Den runden Hut zum Viereck Dir gemacht; -- Allein -- Du hast sie -- hast den Geist gebannt, Dein ist sie, Adam; und Dein Freund, der lebte Vergebens, sie zu suchen; als Du spieltest, strebte, Reicht Dir mit Wollust seine Hand -- u. s. w. Steig' auf, steig' auf, Hoch auf den Berg im raschen Lauf, Da setz' Dich, Glücklicher, an meine Seite. Und ich -- der nicht die Lampe hat, doch weiß Den Geist zu bannen durch ein streng Geheiß, Ich bin Dir nah', daß ich die Hand Dir leite.

Du hört'st mich nicht tief in der Höhle Mitt'; Du gingst, belastet durch die schweren Steine, In Tausend Einer Nacht den Gang alleine. Doch wuchs mein Hoffen schon bei jedem Schritt, Als Du Dich hobst. Und -- Wunder über Wunder -- Nicht mehr der Knabe, weiß und roth, mit glattem Kinn, Der nach den Früchten griff, mit kind'schem Sinn, Ich sah als bärt'gen Mann Dich im Vaulunder; Und hoch und herrlich stand'st, mit einem Satz, Als =Hakon Jarl= Du auf dem höchsten Platz. --

Empfang' mit diesem Bruderkuß die Hand! Vergiß die Stöße, die wir uns gegeben, Dieweil wir unsern Geist verkannt, Vom Teufel kurze Zeit gebannt, Der Zwistigkeiten liebt für's Leben, Und gern sie sä't, wo Witz und Witz sich heben. Wir lieben uns, trotz ihm und seiner Brut, Und sind uns, Castor gleich und Pollux, gut. Ich wechselweis im Himmel erst mit Dir, Du wechselweis dann in der Höll' mit mir. Ich froh des Jünglings, Du des Mannes froh. Und all' die Irrwisch', die so tief im Sumpf Da hüpfen, und sich drücken, Rumpf an Rumpf, Seh'n hoch hinauf, und spitzen ihre Ohren, Seh'n hier des Friedens herrlichen Triumph, Daß sich Aladdin und Noureddin fanden, Daß alle früher'n Uebel rasch verschwanden, Und Mancher hat d'rob den Verstand verloren!«

[Sidenote: Antwort auf Baggesen's Reimbrief.]

Hierauf antwortete ich auch mit einem Gedichte, in welchem Folgendes stand:

Was also Aladdin betrifft, so denk' ich nun, Wir lassen seine Wunderlampe brennen still, Und putzen nicht den Docht gar all' zu nah; denn leicht Könnt' sie auf diese Weis' erlöschen gar. Auch ist Der Lamp' Gedicht kein Kinderwerk, im Schlaf gemacht, Mit offnem Auge blickt es in der Welt umher.

Vaulunder wurde =vor= der Lampe schon gedichtet; Illusion Ist also, was Du glaubtest von dem ältern Mann. Der Wilde tritt als Aladdin rasirt hervor, So steht es. Das hat sicher Dich verwirrt gemacht!

Im Schweiße mag der Bürger gehen seinen Weg! Wohl heilig ist sein Streben; doch der Musen Sohn Kennt nicht den Schweiß. Vulkan auf seinem Ambos hat Geschmiedet =Deine= Lieder nicht! Ein Silberbach, So rannen sie melodisch durch das Thal dahin, Und eigne Quellen trieben sie.

Was Du gesagt Von meinem Schlaf, sei Dir verzieh'n; der Dichter doch Hat eines Vogels Schlaf; er lauschet munter stets Den schönen Melodien der Welt auf seinem Zweig; Und selbst sein Schlummer ist ein Traum, ein Mährchen ihm.

Was ihm die Muse eingiebt, singt getreulich er, Ob farbig bunt, ob tief in Trauerschleier eingehüllt; So that ich stets, so will ich thun auch bis zum Tod. Gefällt allein die Hälfte meines Wesens Dir, So nimm', was Dir gefällt, allein verschone mich Mit Deinem Warnungslied! Zu Freundessympathie Bedarf es, daß der Freund den Freund durchschaue ganz. u. s. w.

Nun zürn' mir nicht, daß ich mit Ernst und strenger Ruh' Dem muntern Scherz begegnet. Mich betraf Dein Wort. Gereiftheit, Männlichkeit zu zeigen in dem Werk Der Dichter hoffte. =Also= singt kein schläfrig Kind! Doch fest, auf beiden Füßen sicher, ganz wie Du Und Einer, meinem Ziel zu nahen, ist mein Trost, Mein Stolz und was allein mir anzurechnen ist. Und damit Gott befohlen, Hand an's Werk gelegt.

So antwortete ich ihm, unter vielem Anderen, das ich hier weglasse, ernst und bescheiden auf eine Epistel, die eine seltsame Mischung von Selbstlob, Vorurtheil und Erkennen meines Talentes war. Diese Epistel würde mich doch mehr gerührt haben, als sie wirklich that, wenn ich nicht gewußt hätte, daß ich meinem Familienkreise in Kopenhagen den größten Theil des Weihrauchs verdankte, den Baggesen damals mir ausstreute, denn er ließ sich stets von seiner Umgebung und deren Meinung beherrschen. --

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[Sidenote: Belege zur Characteristik Baggesen's.]

Aus dieser Zeit habe ich mehrere Briefe aus meinen nächsten Kreisen in Kopenhagen, wovon ich hier Bruchstücke mittheilen will. Zuerst von Christiane:

»Ich war zwei Abende mit Baggesen bei Rahbek zusammen und hörte ihn das Scheerenschleiferlied singen. An einem Abend begleitete er mich nach Hause und machte mich etwas verlegen, indem er sagte, daß das Stück »Corsoer« in der Langelandsreise ihm nahe gegangen sei. Deine Schwester, erzählte er mir, sei eine Deiner würdige Schwester, voll von Geist und Witz, aber ganz unwissend. Er ist oft zu Oersted's gekommen, und Sophie war mit ihm in »Corsoer«, was ihr gewiß sehr unangenehm gewesen ist. Du bist ein prächtiger Junge, das muß ich Dir sagen, weil Du mir so liebevoll das Mißverhältniß in Familien oder zwischen Freunden erklärtest. Ich will nur bemerken, daß Abwesenheit ein herrliches Ding ist, da urtheilt man oft milder, als wenn man anwesend ist.«

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»Deinen Baldur habe ich mehrere Male mit immer größerer Freude gelesen. Ich war etwas krank, als ich das Manuscript erhielt; aber eine bessere Medicin hätte ich nicht bekommen können; der Enthusiasmus, in den ich versetzt wurde, brachte das Blut in eine Circulation, die mich curirte. Baggesen habe ich nur einmal über den Baldur sprechen hören; aber ich verstand seine Rede eben so schlecht, wie die Noureddin's zu Aladdin. Er ist einer der Menschen, deren man bald überdrüssig wird; mich langweilt sein Geschwätz vielfach.«

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Von H. C. Oersted folgende Bruchstücke:

»Baggesen ist hier. Er kommt viel in das Haus meines Bruders. Er hält viel von Deinen Gedichten, besonders von dem St. Hans Abendspiel und Aladdin. Vom Altnordischen ist er kein Freund. Er kann die vielen alten Worte nicht leiden, die Du aufnimmst, und will noch weniger etwas von den alten Formen wissen; kurz man kann über Vieles mit ihm streiten, aber der Wille scheint gut zu sein. Er will Die eine poetische Epistel schreiben; Deine Schwester arbeitet nicht ganz ohne Glück daran, ihn zu Göthe zu bekehren. Er fühlt bereits, daß Vieles in seinem Urtheil über den großen Dichter aus persönlichen Verhältnissen entsprungen sei. Jedenfalls muß man gestehen, daß Baggesen im Umgange sehr interessant ist, wenn man ihn nur nicht dahin bringt, über die neuere Philosophie und Poesie zu urtheilen. In dieser Hinsicht ist er wirklich schwach, so daß er oft gegen Etwas eifert, nur weil es von ihm verhaßten Personen herrührt; obgleich er bei andern Gelegenheiten ganz Demselben seinen Beifall zollt, wenn es nicht von einem solchen Namen begleitet ist.«

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»Dein Brief an Baggesen hat sich so ungetheilten Beifall erworben, wie wohl selten ein literarisches Produkt der Art. Deine Freunde haben sich außerordentlich darüber gefreut; selbst diejenigen, welche Deine Gegner, oder nicht ganz freundlich gegen Dich gesonnen waren, legen großen Werth darauf. Soldin hatte bereits Besuche des kaufenden Publikums, ehe der Brief zum Verkauf angezeigt war. Die Leute konnten ihn nicht rasch genug bekommen; man ging ganz geduldig nach der Pistolsgasse, zu Soldin's Buchbinder, um den Brief zu holen, ehe Soldin Exemplare desselben erhielt. In Dreyer's Club hat Bornemann ihn mit vielem Pathos vorgelesen und Alle lobten ihn. Was nun Baggesen betrifft, so las ich ihn ihm gleich im Manuscripte vor. Im Anfange fand er ihn voller Bitterkeit, aber als er ihn ein paar Mal gelesen, und ich ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, daß nicht Alles, was Du in Deinem Glaubensbekenntnisse aussprichst, auf ihn zu beziehen sei, begnügte er sich, auszusprechen, daß Du ihn mißverstanden hättest, und nicht wüßtest, wie er jetzt sei. Meine Ansicht von Baggesen ist, daß er ein schwacher eitler Mensch sei, der nicht meinte, was er schrieb. Ich habe viele Debatten mit ihm, und kann es nicht unterlassen, ihm Blößen zu geben, wenn er prahlt, schmeichelt und täglich seine Meinung verändert. Baldur hat mit unendlich gefallen. Ich hörte Baggesen ihn erst bei meinem Bruder vorlesen; aber er las ihn mit einer so künstlichen Schläfrigkeit, daß er im günstigsten Falle keinen Genuß bereiten konnte. Ich habe ihn später selbst vor Andern und stets mit Beifall gelesen.«

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In einem schärferen Tone wird Baggesen in einem Briefe von einem andern meiner Freunde besprochen.

»Ich habe den ersten Theil seiner Reimbriefe gelesen, und leugne nicht, daß mir Eins und das Andere gefallen hat; aber ich habe mich über sein ewiges Reden von sich selbst geärgert, das sich durch das ganze Buch zieht, dessen Inhalt ist, daß er ein schwacher Mensch sei, der nirgends hinpaßt, der nirgens nützt. Der Brief an Adam scheint mir Pavels' alte Recension, in einer Cantate umgesetzt zu sein. Kopenhagens Einwohner werden sich allerdings über die Gutmüthigkeit wundern, daß er einen Vergleich anbietet; ich bewundere sie durchaus nicht; denn da bei ihm Alles zufällig ist, so beruht seine ganze Gutmüthigkeit auf dem Zufalle, daß er zu Oersteds kam; wäre er zu K***s gekommen, so würde das Gegentheil geschehen sein.

Ich wundere mich, daß dieser Herr vom Klappern zu sprechen wagt, da er doch in der letzten Zeit kein anderes Instrument hantirt, als die Klapper.«

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Auch H. C. Oersted sprach strenger über Baggesen, je länger er mit ihm umging. In den letzten Briefen, die ich von Oersted über Baggesen erhielt, heißt es:

»Mit Baggesen stehe ich beständig auf gespanntem Fuße, obgleich ich äußerlich mit ihm in Frieden lebe. Es schmerzt mich oft in meinem Innern, daß es einem Manne, der mit so vielen Talenten geboren ist, so vollständig an Character und Zusammenhang fehlt, wie ihm. Kaum ein Tag vergeht, wo er nicht Ansichten und Gesinnung änderte. Diese Fluidität macht, daß er sich leicht in alle Formen schmiegt; daß er aber nie durch eine lange Arbeit hindurch eine feste und klare Form beibehalten kann. Steffens war einige Tage hier. Man wollte ihn anstellen, da man aber forderte, daß er keine Vorlesungen halten dürfe, so gab er die übrigens nicht unvortheilhaften Bedingungen, die ihm gestellt waren, auf. Baggesen hat ihn erwischt und gesagt, er fürchte, Du hättest Steffens gegen ihn eingenommen; aber Steffens antwortete ganz aufrichtig, daß gerade das Gegentheil der Fall sei. Baggesen fuhr fort, Steffens Complimente zu machen; er will sich mit aller Gewalt zur neuern Poesie bekehren, und hat auch bereits in seinem »Gespenst« verschiedentliche neue Götter vorgeschlagen.«

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»Baggesen besitzt gewiß alle die Talente, die zu einem ausgezeichneten Dichter erforderlich sind; aber es fehlt ihm die innere Einheit, die viele Talente zu einem Genie macht. Deßhalb sieht man auch, wie sich alle Dichterelemente in seinen Arbeiten jagen, Alles in einer unaufhörlichen Bewegung, einem poetischen Chaos, dem der verbindende Geist fehlt, so daß es nie zu einer wahren Organisation gelangt. Wenn der Zusammenstoß der Atome hie und da in dem großen Meere, seinen Gedichten, es zu einer kleinen, schwachen Organisation gebracht hat, so weiß er doch stets durch Verbesserung in einer neuen Ausgabe sie wieder aufzulösen, daß daraus die Einheit wieder herausgebracht wird. Dies hat er z. B. in dem kleinen Gedichte, =der Trost=, gemacht, das in der ersten Ausgabe damit anfängt, in der ganzen Natur ein Symbol des Todes und des Grabes zu sehen; darauf steigt er in das Grab selbst hinab, und schließt mit Himmel, Seligkeit, Ewigkeit. In der zweiten Ausgabe verschwindet der feine Faden, der Alles verband, und der ganze kleine wehmüthige Erguß wird -- Wasser. Es ist meine volle Ueberzeugung, daß die Natur Keinem Genie verleiht; sie rüstet den Menschen mit mehreren oder wenigeren Talenten aus; aber selbst die größten werden nur Talente, wenn nicht künstlerisches Rechtsgefühl, wahre Liebe für Kunst und Wissenschaft hinzutritt, so daß man ohne Rücksicht der Vortheile und Verbindungen, oder etwas noch Niedrigeres, stets in seiner Kunst und Wissenschaft lebt. --

Ich muß Dir erzählen, daß Baggesen einen Sohn hat, der ein vortrefflicher Knabe ist und so viel Character und Verstand besitzt, daß der Vater oft von Herzen wünschen müßte, zu haben, was er hat. Er gleicht ihm indessen sehr, doch ist es wohl die Schweizernatur der Mutter, die ihm die Kraft verliehen hat. Er ist ganz entschlossen Krieger zu werden, und ich habe ihn mit bewundernswürdigem Verstande auf die Einwendungen antworten hören, die man ihm gegen die Wahl dieses Standes machte.«

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