Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2
Part 12
Ich darf nicht vergessen von meiner Bekanntschaft in Paris mit meinem berühmten Landsmanne »Malte-Brun« (Malthe Conrad Bruun) zu sprechen. Er hatte während meines Knabenalters eine politische Rolle in meinem Vaterlande gespielt und ich wunderte mich, daß er nicht älter sei; das kam aber daher, weil er selbst nicht vielmehr als ein Junge -- etwas über zwanzig Jahr, -- war, als er die Rolle spielte. Die ganze Schreckensperiode zu Hause, in der glücklicherweise mehr Tinte, als Blut floß, hatte keinen Einfluß auf mich gehabt, weil ich zu jung war. Als ich zu einiger Selbstständigkeit gelangte, waren in Dreyer's Club nur noch schwache Bewegungen von der französischen Revolution. Ich habe mein ganzes Leben hindurch ein starkes Gefühl für Menschenrechte gehabt. Das hochmüthige Wesen war mir stets verhaßt -- (selbst als kleiner Bursche den Pagen gegenüber). Ich kam bald zu der Ueberzeugung, daß der Adel eine Ueberlieferung des Mittelalters sei und eigentlich keine Bedeutung mehr habe. Er schien mir nicht wie eine ehrwürdige Domkirche in einer anmuthig blühenden Landschaft dazustehen, sondern wie ein alter Schrank, der in einem Zimmer mehr Raum wegnimmt, als neue zweckmäßige Möbel. Der König war mir stets heilig; ich fühlte früh schon das Herrliche, Schöne, Wohlthuende in dieser Form, die die Natur selbst, bis auf wenige Ausnahmen, Jahrtausende hindurch überall angenommen und festgestellt hat. Die Mißbräuche berühren die Natur nicht. Ein Dichter, ein Künstler kann nicht anders, als das Königthum lieben. Es ist dies das Recht des Herzens, der kalten, langsamen Spitzfindigkeit gegenüber, die nur der äußern Form huldigend, gar keine Ausnahme macht, selbst wo die Natur sie verlangt; das Königthum ist seiner Natur nach nicht mißgünstig und parteiisch, und muß jedes Verdienst gelten lassen, weil es über ihnen Allen steht. Der Dichter und der Künstler müssen das Königthum lieben; denn die Pracht kann zur Schönheit geadelt werden und bedarf des Schönen, aber das Genie wird leicht durch den kalten, ehrgeizigen Verstand der Menge, die nur den täglichen Hausbedarf achtet, beneidet und unterdrückt. Der Künstler muß wohl die edle billige Freiheit lieben; denn frei muß alles Große und Schöne und Gute sich bewegen; aber er muß die Anbetung der =Gleichheit= haßen. Das Ausgezeichnete findet sich nur als Ausnahme, und wo Alles gleich gut ist, ist Alles gleich schlecht, und das Triviale herrscht. -- In Dreyer's Club brüllte ich in meinen ersten Jünglingsjahren gleich den Andern, wenn die große Bowle uns begeistert hatte: »Wer vorwärts will, der bücke sich!« und: »Daß Schurken zu Ehre und Würde erhoben &c.,« ohne mich weiter um die Anwendbarkeit dieser Gedanken auf die Gegenwart zu bekümmern; ich hielt es abstract für satyrische Einfälle über die ganze Menschheit, und so betrachtet, wird es gewiß, wenn auch blindlings hinausgeschossen, immer treffen. In meinen frühern Jahren hatte ich einige gute Einfälle von Malthe Bruun gehört; in seinem Gedicht »die Schlacht bei Tripolis« hatte ich mehr als gewöhnlichen Dichtergeist gefunden. Ich entsinne mich nicht, wo ich ihn zum ersten Male in Paris sah; vielleicht war es bei Bröndsted. Aufgesucht hätte ich ihn wohl kaum. Der alte Heiberg schreckte mich ab, in dem ich bei einem zufälligen Zusammentreffen in Deutschland einen vollständigen Antipoden fand. Aber Malthe Bruun war ganz anders und so verschieden von P. A. Heiberg, daß sie einander gar nicht leiden konnten. Ich wunderte mich, einen jungen, blonden Mann, mit einem schüchternen Mädchengesicht und einem langen Zopf im Nacken zu sehen. Wir wurden bald gute Freunde, unsere Gespräche waren mehr ästhetisch, als politisch, und Malthe Bruun erkannte die Fortschritte, die die spätere poetische Revolution in Deutschland und Dänemark hervorgerufen hatte. Er las meine Gedichte mit Vergnügen und freute sich über den Gebrauch all' der fremden Versarten, der altnordischen, griechischen und italienischen, die ich angewandt hatte. Unter Anderm entsinne ich mich, daß er sagte: »Ich habe auch einmal Petrarca's Gedicht _Vaucluse_ übersetzt, aber es fiel mir nicht ein, daß es möglich sei, es in derselben italienischen Canzonenform zu übersetzen, obgleich ich eine Ahnung davon hatte.« Es war mir natürlich lieb, einen so geistvollen Landsmann getroffen zu haben. In vielen Beziehungen machte er den Dänen Ehre. Die Franzosen, die sonst den Fremden nicht gern die Fertigkeit zugestehen, daß sie französisch ebenso gut, wie ihre Muttersprache schreiben, gestanden es doch ihm zu. An dem _journal de l'empire_, einer der gelesensten und geachtetsten Zeitschriften, die die Meinungen beherrschte, war er ein bedeutender Mitarbeiter. Seine vortreffliche Geographie schrieb er in einem Lande, wo die Geographie bis dahin so vernachlässigt war, daß die Meisten Dänemark nicht von Spitzbergen zu unterscheiden vermochten, und glaubten, daß Hamburg nicht weit von Wien, und mehrere Meilen von Altona läge. -- Vereinigt man nun dies Alles mit einem angenehmen bescheidenen Wesen -- etwas wie gesagt Mädchenhaftem -- das dem ausgezeichneten Schriftsteller gut stand -- so mußte dies Alles für Malthe Bruun einnehmen. Unglücklicherweise fehlte ihm durchaus ein fester Character und es war nicht die Wahrheit und die Gerechtigkeit, die ihn begeisterte. Es ging ihm, wie es so vielen politischen Schriftstellern mit Kopf und Kenntnissen geht, -- sie wollen eine Rolle spielen und halten es mit der Partie, welche oben ist, oder durch die sie glauben, sich einen Weg zur Berühmtheit, zum Einfluß oder einen Vortheil verschaffen zu können.
Ich disputirte eifrig mit Malthe Bruun über Napoleon, dessen Handlungen er alle unbedingt in die Wolken erhob. »Napoleon,« sagte ich einmal in der Hitze des Streites, »Napoleon verirrt sich, weil er auf dem einen Ohre taub ist.« »»Was will das heißen?«« fragte Malthe Bruun. »Das will heißen: er kann nicht Deutsch; er versteht die Völker auf der andern Seite des Rheines nicht. Er will die Welt reformiren, und hat nicht das letzte Kapitel in der Geschichte der Menschenbildung gelesen. Er schilt alle geistig wirkenden Deutschen Ideologen und Schwärmer. Diese Unwissenheit und Verachtung wird ihm vielleicht zu größern Schaden gereichen als er glaubt.«
Wenn ich nun mit aufgebrachten Deutschen in Gesellschaft war, die Napoleon auf eine höhnische Weise herunterrissen, so wendete sich mein Eifer gegen sie in einer entgegengesetzten Richtung. »Ihr entehrt Euch selbst, wenn Ihr einen Mann klein zu machen sucht, der Euch jeden Augenblick so gewaltige Ohrfeigen giebt. Wenn Napoleon Nichts ist, was seid Ihr denn? Weniger als Nichts kann man doch nicht sein?«
Zuletzt blieb Malthe Bruun von mir fort. Bröndsted und Koës fragten ihn um den Grund und er antwortete: »Ich käme gern zu Oehlenschläger; aber wenn ich bei ihm gewesen bin und mit ihm gesprochen habe, so brauche ich vierzehn Tage, um mich wieder in meine vorige Stimmung zu versetzen.« Dies fand ich sehr schmeichelhaft, sah aber auch zugleich ein, daß wir beide nicht mit einander umgehen konnten. In der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft bewog ich ihn doch, sich den Zopf abzuschneiden; aber Napoleon behielt ihn dennoch beim Zopfe, bis dieser Napoleon selbst abgeschnitten wurde; es ging Malthe Bruun so wie Talleyrand und Sct. Christoph, sie hielten es alle Drei mit dem Stärksten; aber nur Christoph hielt so fest an diesem Prinzipe, daß es ihn zuletzt auf den rechten Weg zu Jesus Christus brachte.
Uebrigens hüteten ich und meine Freunde uns wohl, unsere Ansichten Fremden gegenüber auszusprechen. Wir wußten, daß wir von Spionen umgeben waren, in deren Nähe man in gewisser Beziehung ein Stein sein mußte, indem man sagen konnte, wie Nille in Erasmus Montanus: »Ich weiß nicht ob er denken kann, aber reden kann er nicht.«
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[Sidenote: Bekanntschaft mit Friedrich Schlegel.]
War ich nun zu altmodisch, zu fromm, zu frei, zu deutsch für Malthe Bruun und Consorten, so gab es wieder Andere, denen ich nicht deutsch, nicht frei, fromm und altmodisch genug war. In einer Restauration bei Grignon lernte ich =Friedrich Schlegel= kennen. Er sah gar nicht so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte; ich erwartete einen magern Kritikus, und es glänzte mir ein ironisch fettes Gesicht sanguinisch entgegen. Wir mochten uns recht gern; aber Schlegel war es nicht recht, daß ich nicht mehr zu seiner Schule gehörte. Doch sagte er mir nie ein beißendes Wort; im Gegentheil er scherzte mit mir, wie mit einem jungen Tollkopf, aus dem Etwas werden könnte, oder aus dem wenigstens Etwas hätte werden können, wenn er den rechten Weg gewählt: d. h., wenn er blind zur Fahne der neuen Schule geschworen hätte. Zu einem Doctor Klinger aus Wien sagte er einmal, als er etwas ärgerlich über mich gewesen war: »Grüßen Sie Oehlenschläger und bitten Sie ihn, nicht böse zu sein, wenn ich mich gestern vielleicht zu sehr des traurigen Vorrechtes des Alters bedient habe.« Schlegel war ein Mann von großen Talenten. Viele Abhandlungen in der Zeitschrift Europa, in den Characteristiken in seinem »Geist aus Lessing's Schriften« zeigen den starken Kopf, den tiefen Denker, und er hatte viel mehr Gemüth als sein Bruder. In seinem Athenäum beweisen viele, wenn auch übertriebene Paradoxen Originalität, Keckheit und Humor. Aber seine =Lucinde= war mir doch stets zuwider; und ebenso der Geist, der im =Alarcos= herrscht, obwohl ich den kräftigen Ton des Stückes wohl gern hatte.
[Sidenote: Deutsche Epigramme auf beide Schlegel.]
Ich hatte ein paar deutsche Epigramme auf beide Schlegel's in der Zeit meines Abfalles geschrieben. Sie sind nie gedruckt worden; ich theile sie hier als characteristische Züge mit, die zu jener Zeit meines Lebens gehören. Schlegel's haben sie niemals weder gelesen noch gehört.
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1.
=Alte und neue Zeit.=
Verschied'ne Zeit, verschied'ne Richtung, So Alles, so die deutsche Dichtung. Lessing's Aesthethik wollte Wahrheit, Natur in kräft'ger schöner Klarheit. Die beiden Schlegel wollen Wehmuth In mönchischer und stolzer Demuth. Man liebte alles Schöne weiland, Jetzt ruft man affectirt den Heiland. Aus Wildniß stieg ein edles Bildniß; Das Bild verfliegt, wird wieder Wildniß. Ach hätten wir statt Schlegeln Lessing! Nur ein Stück Gold für zwei Stück Messing.
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2.
=Unterschied zwischen den beiden Schlegels.=
Der August sagt: »Mein Bruder und ich!« »Ich und mein Bruder!« sagt Friederich.
In mein Stammbuch schrieb Friedrich:
»Nur der Sehnsucht fließt der Sehnsucht Quell, Nur der Demuth scheint die Wahrheit hell.«
Auf diese Weise wäre der gute Friedrich niemals zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen; denn Demuth drückte ihn, wie bekannt, nicht sehr.
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Frau Staël-Holstein wohnte in der Nähe von Paris in _Auberge en ville_; denn Napoleon wollte ihr nicht gestatten, näher zu treten. Ich besuchte sie dort und fand A. W. Schlegel und Benjamin Constant de Rebecque dort, der später eine so wichtige politische Rolle gespielt hat. Die geistreiche Dichterin empfing mich sehr freundlich, obgleich ich nur mittelmäßig Französisch sprach, und bat mich, sie in Coppet zu besuchen, wenn ich nach der Schweiz käme. Ich werde später mehr von diesen merkwürdigen Menschen sprechen.
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[Sidenote: Ueber Rousseau's Heloise.]
Ich legte mich nun mit Eifer auf das Französische und las zum ersten Male Rousseau's Heloise. Dieses Buch rührte mich eben so sehr, wie Werther's Leiden, flößte mir aber bei Weitem nicht die Achtung vor dem Verfasser ein. Die Beredtheit ist darin eben so groß; die Leidenschaften und die Scenen sind eben so kräftig und schön geschildert; aber der neckende Eigensinn, die Jagd nach Paradoxen und etwas Unwürdiges (um nicht zu sagen Niederträchtiges) in dem Character des Verfassers, das zuweilen auf seine Personen übergeht, ärgerte mich oft so, daß ich das Buch auf die Erde warf und mit den Füßen darauf trat. Aber dann konnten wieder ein herrlicher Gedankenreichthum, ein reines edles Gefühl, und echte poetische Schilderungen des menschlichen Herzens, der Natur, des Unglücks und der Wehmuth mich innig rühren und hinreißen. -- Wahrlich, Rousseau war ein Genie und ein höchst merkwürdiger Mann. Als ich kurz darauf seine =Bekenntnisse= las, wurde mir Vieles klar, was ich in der Heloise nicht verstanden hatte. Er hatte keine Erziehung gehabt und seine Gesundheit in der Jugend geschwächt. Sein stolzer Eigensinn kämpfte unaufhörlich mit seinem guten Herzen; und seine allzu krankhafte Empfindlichkeit verhinderte ihn trotz seines Verstandes, sich über die Verhältnisse zu erheben, und sie mit Ruhe und Besonnenheit zu überschauen. Die stete Gewohnheit, gegen so viel Schlechtes und Schiefes zu opponiren, verleitete ihn auch oft, dem Guten und Wahren zu widersprechen. Und so verstand man erst, wie dieser geniale Kopf zuletzt in Fehler und Tollheiten verfallen konnte, vor denen die größten Dummköpfe sich mit Leichtigkeit hätten schützen können.
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[Sidenote: Skandinavischer Umgang in Paris.]
Ich ging viel mit zwei jungen Malern, =Olivier= aus Dessau, guten, freundlichen Menschen um; der eine malte mich. Dasselbe that auch ein norwegischer Maler, Lieutenant =Munk=, der damals in Paris war. Der geniale Musiker =Kienlen= gehörte auch zu meinem täglichen Umgange; er schrieb schöne Melodien zu Aladdin, und soll später in Berlin eine sehr hübsche Musik zu Göthe's Claudine von Villa bella geschrieben haben.
Besonders erfreute es uns Dänen, mit der norwegischen, liebenswürdigen Familie =Knudtzon=, die nach Paris gekommen war, zusammen zu leben. Bröndsted, Koës und ich aßen oft bei ihnen, und wenn wir so zusammen saßen, bildeten wir uns ein, in Dänemark oder Norwegen zu sein. Ich werde diese lieben Menschen nie vergessen; den braven =Johansen= und seine treue =Sara=; die liebenswürdige Frau =Labouchère= und ihre Schwester, die holde =Benedicte=. Mein Umgang mit ihnen trug viel dazu bei »=Axel= und =Valborg=,« das ich damals gerade schrieb, das frische, nordische Colorit zu verleihen, das sonst durch den langen Aufenthalt im Auslande leicht hätte geschwächt werden können.
[Sidenote: Die Alterthumsforscher Arndt und Millin.]
Der wunderliche Alterthumsforscher =Arndt=, von dem ich bereits früher gesprochen, und den ich viele Jahre darauf als =Strauß= in meinem Drama: »Die italienischen Räuber« auftreten ließ, kam auch nach Paris. Die Franzosen wunderten sich über diesen Menschen, der fast wie ein Bettler gekleidet war, aber die Taschen voll gelehrter Manuscripte hatte. Er wäre früher gekommen, aber gerade als er an der Barrière von Paris angekommen, fiel es ihm ein, daß er ein Manuscript in einem Steinhaufen, eine Viertelmeile von Lübeck vergessen habe. Er wanderte deßhalb zurück, um es zu holen, und dies raubte ihm einige Zeit. =Millin=, Professor der Archäologie und Vorsteher des Antiken- und Medaillencabinets, war sehr höflich gegen ihn und er sehr grob gegen Millin. Er warf ihm Unwissenheit vor. Man kann sich nicht zwei größere Contraste denken! Jener reich, vornehm, Bewohner eines schönen Hotels, in dem alle Gelehrten gewisse Stunden der Woche Zutritt hatten, und in prächtigen Zimmern alle neuen Bücher und Journale lesen konnten; -- und Arndt in einem groben blauen Flaus, die langen Haare unter dem Kragen, und alle Taschen dick voll Papiere. --
Zuletzt wurde ich des Herrn Arndt doch überdrüssig. Als ich ihm eines Morgens einen alten Frack, etwas Linnen und ein Paar Stiefeln geschenkt und mein Frühstück mit ihm getheilt hatte, fing er an, indem er den Milchtopf mit einer Brotrinde auswischte, unverschämt von dem dänischen Könige zu reden. Ich bat ihn, sich zu recommandiren, wenn ich ihn nicht die Treppen hinunterwerfen sollte. Er ging, und seit dieser Zeit habe ich nie wieder mit ihm gesprochen.
[Sidenote: Im siebenten Stockwerk.]
Freilich wäre er tief gefallen; denn ich wohnte im _Hôtel de Quinze-Vingt_ im =siebenten= Stockwerk.
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Das Ungewitter fing an, sich auf dem nordischen Himmel zusammenzuziehen; und während wir in Paris Zeugen des Friedensfestes in Notredame waren, und Napoleon, wie Heinrich IV. gekleidet, unter einem Thronhimmel sahen, von allen seinen Staatsräthen und hohen Beamten begleitet; während das versammelte Volk am Abend in dem Tuileriengarten, wo er auf dem Balkon saß, sang: »_Ou peut on être mieux, qu'au sein de sa famille_« und die ganze Stadt illuminirt war, schlugen unsere dänischen Herzen in banger Erwartung und der Ahnung einer schlimmern Illumination in Kopenhagen.
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Ich hatte zuerst eine der ersten Etagen im _Hôtel de Quinze-Vingt_ bewohnt; als ich aber keinen Brief mehr von Kopenhagen erhielt und das Geld ausblieb, wollte ich in einen gewöhnlichen Gasthof ziehen, wo ich billig wohnen konnte. Aber meine wackere Wirthin, Madame =Gautier= (eine Predigerwitwe, ich glaube von Genf), wollte es nicht erlauben. »Monsieur Oehsleng!« sagte sie -- denn weder sie noch irgend ein anderer Franzose konnte meinen Namen richtig aussprechen, -- »wenn Sie auch zwei Jahre bei mir bleiben und ich keinen Sou von Ihnen bekomme, so lasse ich Sie doch nicht ziehen. Ich bin überzeugt, daß Sie mich nicht betrügen wollen; bleiben Sie hier! aber wollen Sie mir eine Gefälligkeit erweisen, so ziehen Sie in meine oberste Etage hinauf! Da sollen Sie Alles bekommen: Mittag, Frühstück und Aufwartung, Alles gut und den vierten Theil billiger.«
Dieses edelmüthige Anerbieten kam mir wie vom Himmel. Ich zog in das siebente Stockwerk, gegenüber dem Carousselplatz, den Tuilerieen und der Ehrenpforte, wo die metallnen Pferde standen, die von Berlin nach Paris gewandert, und nun wieder auf dem Brandenburger Thor stehen. Auf dem Carousselplatze sah ich Napoleon oft mit seinen Garden beschäftigt, während ich da oben den Hakon Jarl übersetzte.
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[Sidenote: Nachricht vom Bombardement Kopenhagens.]
Eines Tages, als ich ganz munter mit Bröndsted plauderte, tritt Koës blaß wie eine Leiche ins Zimmer und sagt: »Kopenhagen ist von den Engländern genommen!« Wir wurden wie vom Blitze getroffen. Es circulirten mehrere falsche Gerüchte: daß das Friedrichsberger Schloß abgebrannt sei, daß alle Studenten bei einem Ausfall aus Kopenhagen umgekommen wären.
Es war, Gott sei Dank, nicht so schlimm hergegangen! All' meine Lieben lebten noch und Friedrichsberg hatte nichts gelitten; aber Kopenhagen war bombardirt und unter der Menge von Gebäuden, die in Asche gelegt waren, befand sich auch das große, schöne Haus meines zukünftigen Schwiegervaters auf der Norderstraße.
[Sidenote: Brief an Christiane Heger.]
Ein Brief, den ich meiner Christiane sandte, wird hier am besten zeigen, was ich erlebt hatte und was ich fühlte.
Paris, den 25. October 1807.
Liebste Christiane!
Unser Freund Koës reist übermorgen von Paris nach Dänemark; er hofft, daß die Engländer Kopenhagen werden verlassen haben, ehe er kommt, so daß die Fahrt über den Belt ihm offen steht. Gebe Gott, daß seine Hoffnung gegründet sei. Ich eile bei dieser Gelegenheit mein Herz vor Dir auszugießen, mein gutes Mädchen, und hoffe auch Briefe für unsere Schwestern fertig zu machen. Du hast lange nichts von mir gehört. Mein Schweigen in der letzteren Zeit verlangt keine Entschuldigung; daß ich so lange zwischen »der irrende Ritter« und »Palnatoke« schwieg, war Palnatoke's Schuld; ich arbeitete daran, lebte ein friedliches, glückliches Alltagsleben einen Tag wie den andern. Die eignen Gedanken und Ideen, die in meiner Seele erwachten, drückte ich in meinem Gedichte aus, und ich hatte Dir übrigens im strengsten Sinne des Wortes nichts zu sagen, als von meiner Liebe, die Du kennst. Ein kleiner Nebenumstand war vielleicht Ursache daran, daß Du mit dem Palnatoke keine Briefe erhieltest. Dein guter Vater hatte mich vor einiger Zeit durch einen Brief erfreut; er hatte darin ein venetianisches Lexikon und etwas über Flintglas zu hören verlangt. Ich gestehe mein Unrecht; ich schob es von Tag zu Tag auf, und nun wollte ich Dir nicht schreiben, bevor ich nicht ihm auch schreiben könnte. Ich habe später in der Kaiserlichen Bibliothek verschiedene Notizen über Lexika bekommen, aber in diesem Augenblicke, wo sein Haus verbrannt und sein Eigenthum zerstört ist, hat der arme Mann wohl an andere Dinge zu denken.
Liebes Mädchen! Freilich war ich nicht in Kopenhagen, die Gefahren und Schrecken mit Euch zu theilen, aber meine Qual und mein Unglück sind darum nicht geringer gewesen. In langsamen, bitteren Zügen habe ich den Kelch getrunken, den Ihr auf einmal geleert. Während noch Alles ruhig in Dänemark war, hatten wir hier in Paris die wahrscheinlichste Furcht vor dem, was da geschehen würde. Die dunklen Wolken fingen an vor unsern Augen über unser Vaterland aufzuziehen, während man hier in Paris ununterbrochen Friedensfeste feierte. Denke Dir die raffinirte Qual, in einem Theater zu sitzen, muntere Freudenstücke aufführen zu sehen, ein glückliches, siegendes Volk jubeln zu hören, überall Luxus und Ueberfluß; und nun mit dem Auge der Seele durch die Theaterwände nach dem dunklen Horizont gen Norden zu blicken, die englische Flotte auf den Wogen, die französische Armee auf dem Lande zu sehen. Kronburg, als ein Unglücksprophet seinen Scheitel über den Oeresund erhebend -- und das arme Kopenhagen! Und Eure gräßliche Ruhe! Grade beim Friedensfeste hier in Paris, als ich in Notredame gewesen war, das _Tedeum_ gehört, die ganze französische Pracht und Herrlichkeit gesehen, Napoleon zum ersten Male in meinem Leben in Rittertracht unter einem Thronhimmel, den Senat und alle Rathspersonen in ihren Staatsuniformen, eine wimmelnde Menge des Pariser Publikums, Bravoruf und Freudengeschrei gehört, meinen poetischen Geist in die Zeit Karl's des Großen hingezaubert -- darauf einen Sprung nach Norden, dem =alten= Norden und seiner =verschwundenen= Macht gethan hatte -- kam ich müde und wehmüthig nach Hause und fand dort den letzten Brief von Rahbek, Karen Margrete und Job. Lauter Freude! Landpartien! Lust und Scherz! Rahbek nennt mich in diesem Briefe einen =glücklichen= Dichter! Ja wohl ein glücklicher Dichter! glücklich wie der arme Camoëns, der seine Luciade fertig hatte, gerade als sein Vaterland zu Grunde ging. Lebte Camoëns jetzt, so könnte er =wirklich= glücklich werden; er hätte dann Stoff zu einer schöneren Luciade als die erste -- aber ich armer Däne!